2. Das Fühlen.

§ 15. Wesen und Arten des Gefühls.

Die Gefühle sind _Zustände von Lust und Unlust_; sie unterscheiden

sich dadurch von den _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, die für sich

allein uns _gleichgültig_ wären. Der Unterschied zwischen Gefühl und

Empfindung zeigt sich z. B. auch darin, daß bei demselben äußeren Reiz

die Tastempfindungen dem Schmerzgefühl vorangehen, so bei der

Berührung eines heißen Ofens. Auch entsteht das Gefühl langsamer als

die Vorstellung, der es entspricht. Wir können schneller von der

Vorstellung eines Glücks zu der eines Unglücks übergehen, als von dem

Gefühl eines Glückes zu dem eines Unglücks. Es ist daher anzunehmen,

daß das Gefühl die zentralen Nervenorgane mehr in Anspruch nimmt, als

Empfindung und Vorstellung. In Wirklichkeit aber sind die Empfindungen

und Vorstellungen immer mit Gefühlen der Lust oder Unlust verknüpft,

sie haben einen sogenannten „Gefühlston”, und darin besteht das

_Interesse_, das wir an ihnen nehmen, und der _Wert_ oder _Unwert_,

den wir ihnen beilegen.

Es gibt _unendlich viele verschiedene Arten der Lust und Unlust_. Die

Gefühle unterscheiden sich nicht bloß quantitativ durch ein Mehr oder

Weniger von Lust und Unlust; es sind z. B. qualitativ ganz verschiedene

Gefühle der Lust, die sich für uns an den Genuß einer schmackhaften

Speise, an die Vollführung einer guten Tat und an die Betrachtung eines

schönen Gemäldes knüpfen. Man kann deshalb nicht, wie v. Hartmann will,

sämtliche Lust- und Unlustgefühle der Menschen je zu einer Gesamtsumme

addieren, um durch die Vergleichung beider zu dem Schluß zu kommen, daß

die Unlustsumme in der Welt größer sei als die Lustsumme, und daß für

die Menschheit deshalb Nichtsein besser sei als Sein. (Pessimismus.)

Die Eigentümlichkeit der Gefühle läßt sich nur erleben, nicht näher

beschreiben; doch werden diejenigen einander ähnlich sein, die sich an

ähnliche Zustände oder Vorgänge knüpfen. So können wir die Gefühle nach

ihrer Herkunft einteilen in _körperliche Gefühle_, die von körperlichen

Zuständen, und _geistige Gefühle_, die von geistigen Zuständen

herrühren. Unter den letzteren lassen sich wieder die niederen geistigen

Gefühle, die auf unser _individuelles Wohl und Wehe_ sich beziehen --

Freude, Trauer, Stolz, Ehrgefühl, auch die geselligen Gefühle, Liebe und

Haß, solange sie nicht durch sittliche Anschauungen geläutert sind --

unterscheiden von den höheren geistigen Gefühlen, die an _allgemein

gültige geistige Güter der Menschheit_ sich knüpfen: die

intellektuellen, ästhetischen, sittlichen und religiösen Gefühle.

§ 16. Die körperlichen Gefühle.

Die körperlichen Gefühle schließen sich unmittelbar an die

_Empfindungen_ an und sind nach _Art_ und _Stärke_ von ihnen abhängig.

Jede Empfindung hat ihren eigentümlichen Gefühlston, der dieselbe zu

einer „angenehmen” oder „unangenehmen” Empfindung macht. Dies gilt

jedoch nur für mittlere Stärkegrade der Empfindung. Läßt man einen Ton

zu übergroßer Stärke anwachsen, nimmt die angenehme Wärme allzusehr zu,

wird das Spektrum direkt auf die Sonne eingestellt, so verbinden sich

mit dem ursprünglich angenehmen Eindruck Unlustgefühle. Andererseits

kann ein an sich unangenehmer Eindruck, z. B. ein bitterer oder sauerer

Geschmack, bei geringer Intensität als angenehm empfunden werden.

Vergleicht man die einzelnen Empfindungsgebiete, so ist das körperliche

Gefühl um _so stärker, je weniger Wert für die Erkenntnis_ die Reize

haben, von denen es ausgeht. Die stärksten körperlichen Unlustgefühle,

_die eigentlichen Schmerzen_, finden sich bei inneren Vorgängen im

Körper, wo eine Erkenntnis der veranlassenden Reize gar nicht oder nur

in geringem Maße stattfindet. _Geschmack und Geruch_ sind auch noch mit

deutlichen Gefühlen der Lust und Unlust verbunden, geben aber nur einen

unbestimmten Beitrag zur Erkenntnis der Gegenstände, durch die sie

vermittelt sind. _Gesichts- und Gehörempfindungen_ aber, welche für die

Erkenntnis der Außenwelt am wichtigsten sind, scheinen oft ganz ohne

begleitende Gefühle aufzutreten und lassen immer nur schwer eine

Bestimmung der besonderen mit ihnen verknüpften Gefühle zu. Die Frage,

was sie bedeuten, steht beim Hören von Tönen und noch mehr beim Sehen

von Farben so im Vordergrund, daß der „Gefühlston” nur bei besonderer

Aufmerksamkeit zum Bewußtsein kommt. Dieses Verhältnis von

Erkenntniswert und Gefühlsstärke ist wichtig, weil so die für das

Erkennen brauchbarste Sinneswahrnehmung den Störungen durch starke

Gefühle am wenigsten ausgesetzt ist.

§ 17. Die geistigen Gefühle.

Auch die geistigen Gefühle sind vielfach durch körperliche Zustände,

durch bestimmte sinnliche Reize vermittelt; aber sie sind von diesen

selbst nicht unmittelbar abhängig, sondern von den Vorstellungen, die

dadurch hervorgerufen werden. Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen

dem körperlichen Schmerz, den eine Verletzung unseres Körpers

verursacht, und dem geistigen Unlustgefühl, das durch ein beleidigendes

Wort hervorgerufen wird.

_Intellektuelle_ Gefühle entstehen aus dem inneren Verhältnis der

Vorstellungen. Wenn der Verlauf des geistigen Lebens zur Herstellung von

Einheit und Zusammenhang unter den Vorstellungen führt, so entstehen

Gefühle der Lust, z. B. bei einer Entdeckung, die den Zusammenhang einer

Erscheinungsgruppe enthüllt. Andrerseits ist mit Zweifeln, Inkonsequenz,

Widerspruch auf dem Gebiete des Denkens Unlust verknüpft. Die

_ästhetischen_ Gefühle entstehen bei der Wahrnehmung des _Schönen_. Sie

sind vielleicht daraus zu erklären, daß ein ursprüngliches Bedürfnis des

menschlichen Geisteslebens, die „Einheit in der Mannigfaltigkeit”

(s. S. 18) durch die Harmonie der Form, in der beim Schönen irgend ein

Bruchstück der Welt und des Menschenlebens uns erscheint, in der

vollkommensten Weise befriedigt wird. Mit dem ästhetischen Gefühl hängt

zusammen der _Geschmack_, d. h. die Empfänglichkeit für ästhetische

Eindrücke, verbunden mit der Fähigkeit, sie richtig zu beurteilen, das

Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, und die _Phantasie_, d. h. die

Fähigkeit, schöne Formen hervorzubringen, im Unterschied von der

_Einbildungskraft_, dem Vermögen der Reproduktion und freien Kombination

schon vorhandener Vorstellungen überhaupt. Wir schreiben dem

Einbildungskraft zu, der imstande ist, von einer Landschaft, die ihm

geschildert wird, mit Hilfe seines eigenen Vorrats an Vorstellungen sich

ein anschauliches Bild zu machen, und Phantasie dem, dessen ästhetisches

Gefühl sogleich dabei rege wird und so den Worten der Schilderung

folgend dem Landschaftsbild eine schöne Form gibt, es gleichsam zum

Gemälde gestaltet. Die künstlerische Phantasie ist davon nur dem Grade

nach verschieden. Das _sittliche Gefühl_ ist an die Vorstellung gewisser

Handlungen geknüpft; je nachdem es ein Gefühl der Lust oder Unlust ist,

werden die Handlungen als gute oder böse beurteilt. Aus den Äußerungen

des sittlichen Gefühls bilden sich mit Hilfe des Denkens Grundsätze des

Handelns und die Gewohnheit, dieselben zu befolgen, d. h. der Charakter

(s. S. 63). Der Begriff des _Gewissens_ umfaßt ebenso die ersten

Regungen des sittlichen Gefühls (primäres Gewissen), wie die durch das

Denken vermittelte sittliche Beurteilung (sekundäres Gewissen). Das

_religiöse_ Gefühl ist mit der Vorstellung der Beziehung zu Gott oder zu

Göttern verbunden. Auf der höheren Stufe verbindet es sich stets mit dem

sittlichen Gefühl; die Mächte, von denen der Mensch sich abhängig fühlt,

werden zu Trägern sittlicher Ideale.

§ 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer.

Aus irgend einem Anlaß kann das Gefühl plötzlich so stark auftreten, daß

es die Überlegung des Verstandes vollständig zurückdrängt und den Willen

beherrscht; dieser plötzliche Ausbruch des Gefühls ist der _Affekt_,

z. B. der Zorn. Wird dagegen ein starkes Gefühl längere Zeit in einer

bestimmten Richtung festgehalten, so wird es zur _Leidenschaft_,

beständig bereit, den Willen sich völlig zu unterwerfen. Zu

unterscheiden sind davon die _Gesinnungen_, z. B. Vaterlandsliebe,

Frömmigkeit. Hier hat sich ein bestimmtes Gefühl ein für allemal mit

gewissen Vorstellungen verbunden, ohne aber deshalb von Schwankungen

frei zu sein. Sie unterscheiden sich aber von der Leidenschaft durch

größere Dauer und eine gewisse Gleichmäßigkeit, mit welcher sie ihren

Einfluß auf den Willen geltend machen. Das Vermögen der Gesinnungen ist

das _Gemüt_.

§ 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle.

Die Gefühle knüpfen sich nicht selbständig aneinander, sondern schließen

sich in ihrem Verlaufe in der Regel an die Vorstellungen an, nur daß die

Gefühle langsamer wechseln, und deshalb oft das einmal erzeugte Gefühl

auch über eine Reihe neu auftauchender Vorstellungen hinaus fortdauert.

Auch die Erinnerung der Gefühle wird durch die entsprechende Vorstellung

vermittelt. Will ich etwa zum Verständnis der Gefühle anderer Menschen

in einer bestimmten Lage meine eigenen aus früherer Zeit in derselben

Lage zurückrufen, so kann ich es nur durch lebhafte Vorstellung der

betreffenden Umstände.

Doch zeigt die Aufeinanderfolge der Gefühle ein Gesetz, das auch für den

Vorstellungsverlauf gilt, in viel stärkerem Maße: das _Gesetz der

Beziehung_. Das Gefühl ist _etwas in hohem Grade Relatives_. Jedes

Gefühl ist davon abhängig, _was für ein anderes vorangegangen ist_.

Dieselbe Wahrnehmung, dieselbe Situation kann daher zu verschiedenen

Zeiten in uns ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Das Gefühl der Lust

ist stärker, wenn es auf den Schmerz folgt, als wenn es in einem Zustand

der Gleichgültigkeit entsteht; das Gefühl der Genesung ist mächtiger,

als das der Gesundheit. Treten die Gefühle im Übermaß auf, so können sie

in ihr Gegenteil umschlagen. Das menschliche Nervensystem erträgt nur

ein beschränktes Maß von Lust und Schmerz.

_Wiederholt_ sich das Gefühl, so wird es gewöhnlich _abgestumpft_. Der

häufige Genuß derselben schmackhaften Speise kann sogar zum Ekel werden.

Der oft wiederkehrende Schmerz hat nicht dieselbe Stärke, er erzeugt

Abhärtung. Doch gilt dies nur für solche Gefühle, die keine Vertiefung

in einen geistigen Inhalt, sondern bloß passive Hingabe an einen

Eindruck mit sich führen, dagegen trägt bei den höheren Gefühlen die

wiederholte Übung zur _Verstärkung_ bei. Das Anhören eines klassischen

Musikstücks kann bei jeder Wiederholung höheren Genuß gewähren, indem

die Phantasie jedesmal leichter arbeitet und tiefer in den Gehalt des

Tonstücks eindringt.

Gleichzeitige Gefühle ähnlicher Art _verschmelzen_ sich zu einem

_Totalgefühl_, in das sie als _Partialgefühle_ eingehen. Bei sämtlichen

höheren geistigen Gefühlen finden solche Verschmelzungen statt. So setzt

sich z. B. die ästhetische Gefühlswirkung eines historischen Gemäldes

aus Partialgefühlen zusammen, die aus der Farbenharmonie, aus der

Sympathie mit den dargestellten Personen, aus der Vorstellung der

Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses stammen.

Bei einer Verbindung entgegengesetzter Gefühle, welche eine gewisse

Selbständigkeit bewahren, redet man dagegen von „_gemischten

Gefühlen_”. So entsteht das Gefühl der Wehmut aus einer Mischung von

Trauer über das Verlorene und Freude in der Erinnerung daran.

§ 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung.

Ein für sich dastehendes Beispiel der Mischung der Gefühle ist das

sogenannte „_Lebens_”- oder „_Gemeingefühl_”. In jedem Augenblick

unsres Lebens zeigt sich unser körperliches Allgemeinbefinden durch ein

allgemeines Gefühl an, das aus den einzelnen an die sogenannten

„Gemeinempfindungen” (z. B. Hunger und Durst) geknüpften Gefühlen

entsteht und sich auch dadurch von den einzelnen körperlichen Gefühlen

unterscheidet, daß es sich nicht auf einen bestimmten Ort des Körpers

beziehen, nicht „lokalisieren” läßt.

Der Beitrag, den die körperlichen Zustände zu dem Lebensgefühl liefern,

setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören:

1. Eine große Anzahl von Gefühlen, z. B. bei Sinnesempfindungen, die zu

_unbedeutend_ sind, um als besondere zum Bewußtsein zu kommen.

2. Gefühle, die sich an _Zustände einzelner Körperteile_ knüpfen, aber

auch das Allgemeinbefinden beeinflussen, z. B. Zahnschmerz.

3. Gefühle, deren Veranlassungen wegen ihrer allseitigen Verteilung im

Körper und ihrer _allgemeinen Bedeutung_ für den Fortgang des Lebens

gewöhnlich überhaupt nicht lokalisiert werden. Diese Zustände, z. B.

Beschaffenheit und Kreislauf des Blutes, beschwerlicher oder freier

Gang des Atemholens, normaler oder abnormer Verlauf des

Verdauungsprozesses sind daher auch die wichtigsten Faktoren für das

Gemeingefühl. Das Lebensgefühl bildet einen Bestandteil der

„_Stimmung_”, die eine Art Gesamtdurchschnitt des augenblicklichen

Gefühlsstandes darstellt. Zu einer gehobenen Stimmung kann ebensowohl

die Erleichterung des Atmens durch gute Luft und das dadurch erhöhte

Lebensgefühl als der Genuß eines edlen Kunstwerks beitragen.

Noch weniger als die einzelnen Gefühle lassen die Lebensgefühle und die

Stimmungen eine Beschreibung zu. Es können nur einige allgemeine

Ausdrücke angeführt werden, die sich im Sprachgebrauch dafür ausgebildet

haben. Man spricht von einer _reizbaren_, _apathischen_, _gehobenen_

Stimmung. In den Gegensätzen der _Kraft_ und der _Mattigkeit_, der

_Freiheit_ und der _Beklommenheit_, der _Hoffnung_ und der _Furcht_

bewegen sich Stimmung und Lebensgefühl.

Von besonderer Bedeutung sind die wechselnden Schattierungen des

„Lebensgefühls” und der Stimmung _für die Erinnerung_, für die

Festhaltung von Vorstellungen, durch die es in besonderer Weise

verändert wurde. Wir erinnern uns einer früheren Situation dann mit

auffallender Deutlichkeit, wenn eine besondere Färbung unserer Stimmung

damit verbunden war, und zwar dadurch, daß wir uns in die damalige

Stimmung wieder hineinfühlen. Gelingt uns das letztere nicht mehr, so

sind meist auch die damit verbundenen Vorstellungen dem Gedächtnis

entschwunden, z. B. die Ereignisse vor einer schweren Krankheit wegen

des krankhaft veränderten Lebensgefühls. Umgekehrt sind wir geneigt,

ungleiche Situationen miteinander zu identifizieren, wenn sie in uns die

gleiche Stimmung erwecken, daher wohl auch die häufige Meinung, in

einer Situation, in der man zum erstenmal ist, früher schon einmal

gewesen zu sein.

§ 21. Die Temperamente.

Die _Temperamente_ sind eine Art angeborener Stimmung, vorwiegender

Empfänglichkeit für bestimmte Gefühle und dadurch bedingter

Eigenschaften des Willens, durch welche die Art und Weise bestimmt wird,

wie Eindrücke der Außenwelt aufgenommen, verarbeitet und erwidert

werden. Die Veränderungen der Stimmung und des Lebensgefühles bewegen

sich bei jedem Individuum innerhalb bestimmter Grenzen, die von der

körperlichen und geistigen Anlage abhängen. Solcher Temperamente gibt es

eigentlich _so viele, als es Individuen gibt_. Doch wurden mit Recht

schon im Altertum von Galenus vier Hauptformen der Temperamente

herausgehoben, innerhalb deren sich die feineren Unterschiede bewegen:

das sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische

Temperament. Kant unterschied mit Verdeutschung dieser Ausdrücke

zwischen _Temperamenten des Gefühls_: dem leichtblütigen (sanguinischen)

und schwerblütigen (melancholischen), und _Temperamenten der Tätigkeit_:

dem warmblütigen (cholerischen) und kaltblütigen (phlegmatischen).

Jedenfalls beziehen sich die Temperamente auf die Bewegung der geistigen

Vorgänge, sofern sie vom Gefühlsleben abhängig ist. Nach der

gewöhnlichen Auffassung sind die Merkmale des _sanguinischen_

Temperaments: lebhafte Empfänglichkeit für alles, aber ohne nachhaltige

Verarbeitung der empfangenen Eindrücke und ohne kräftige Rückwirkung,

daher oft Mangel an Stetigkeit des Handelns und Beständigkeit der

Gesinnungen; des _phlegmatischen_: geringere Erregbarkeit für äußere

Reize, Neigung zu geduldiger Ausdauer, aber auch zu gewohnheitsmäßigem

Beharren, und oft Erstarrung des geistigen Lebens; des _cholerischen_:

starke Erregbarkeit in einer bestimmten Richtung und große Energie der

Rückwirkung, daher oft Konsequenz des Charakters; des _melancholischen_:

große Empfänglichkeit für Gefühle, besonders für die höheren, aber

Neigung zum Verweilen in diesem Gefühlsleben ohne praktische Tatkraft

zur Verfolgung der damit verbundenen Ziele.

_Wundt_ leitet die Vierteilung aus zwei Gegensätzen in der Art der

Gemütsbewegungen ab: Stärke und Schwäche, Schnelligkeit und Langsamkeit,

und gibt darnach folgende Tafel der Temperamente:

_Starke:_ _Schwache:_

_Schnelle_ cholerisch sanguinisch

_Langsame_ melancholisch phlegmatisch.

Jedenfalls finden sich aber diese Temperamente selten rein ausgeprägt,

und es ist die Aufgabe eines normalen Geisteslebens, ihre Einseitigkeit

zu vermeiden.

Man könnte auch von Temperamenten der einzelnen Rassen, Völker,

Familien, Geschlechter sprechen. Dagegen ist ein anderer Gegensatz in

jener Vierteilung nicht deutlich genug vertreten, der auch eine Art

angeborener Eigentümlichkeit des Gefühlslebens bezeichnet, der Gegensatz

zwischen _optimistischer_ und _pessimistischer_ Weltanschauung, zwischen

der vorwiegenden Empfänglichkeit für Lust und der für Unlust.

§ 22. Selbstgefühl und Mitgefühl.

Besondere Bedeutung hat das Gefühl für das Selbstbewußtsein. Wir

machen uns im Fortschritt unserer Erkenntnis ein Bild von uns selbst,

bei welchem zunächst der Körper im Vordergrund steht und später auch

der Geist in unbestimmter Verbindung mit ihm zusammengedacht wird.

Mit „Ich” bezeichnen wir die _beharrliche Einheit_ aller wechselnden

Zustände dieses Gesamtbildes; zugleich aber sprechen wir damit aus,

daß wir alle diese inneren Vorgänge und die Bewegungen des Körpers,

die von ihnen abhängen, als _unsere eigenen_ erkennen. Der tiefste

Grund für diese Unterscheidung unseres „Ich” von andern liegt im

„_Selbstgefühl_”. Die ganze Vorstellungswelt, die wir in der formalen

Einheit unseres Ich zusammenfassen und wahrnehmen, könnte uns auch

fremd sein, wenn wir nicht Lust und Unlust, die sich damit verbinden,

zweifellos und unmittelbar als Zustände unseres eigenen Selbst im

Unterschied von andern erleben würden. Erst allmählich entwickelt sich

auf Grund dieses Selbstgefühls, das von der Erkenntnis unabhängig ist,

das _Selbstbewußtsein_, indem das „Ich” lernt, sich denkend von seinen

Zuständen zu unterscheiden. Im _Mitgefühl_ erweitert sich dann wieder

dieses Ich zur inneren Teilnahme an dem, was andere fühlen.

§ 23. Die Bedeutung der Gefühle.

Es erhebt sich noch die Frage, welche Bedeutung die Gefühle für das

menschliche Dasein überhaupt haben. Eine naheliegende, aber vielfach

auch sich bestätigende Antwort auf diese Frage ist, daß _Lust eine

Förderung_ und _Unlust eine Hemmung_ des körperlichen oder geistigen

Lebens bedeutet. Die Größe des Schmerzes steigt im allgemeinen mit der

Größe der Störung, die im Organismus stattfindet. Der Geschmack zeigt

als Lust- oder Unlustgefühl an, ob fördernde oder hemmende Stoffe dem

Körper zur Nahrung zugeführt werden. Es gibt allerdings wohlschmeckende

Gifte, aber auch sie steigern zunächst die Lebensfunktion, indem sie mit

einem Teile ihrer Eigenschaften auf die Geschmacksnerven wirken; erst

bei ihrer weiteren Verbreitung im Körper treten die verderblichen

Eigenschaften hervor. Dasselbe gilt für die _geistigen Gefühle_. Auch

ein schädlicher geistiger Genuß zeigt richtig die Förderung des

geistigen Lebens an irgend einem Punkte an. Abzuwägen, inwieweit die

daraus folgende Hemmung die augenblickliche Förderung überwiegt, ist

nicht Sache des Gefühls, sondern des Denkens, zugleich die wichtigste

Aufgabe der Lebensklugheit.

Im ganzen aber führt diese Auffassung zu einem _Verständnis der

umfassenden Bedeutung des Gefühls_, deren nähere Darlegung in Beziehung

auf den Zusammenhang der Welt übrigens in die Metaphysik gehört. Auf dem

Gefühl beruht alle Erhaltung und aller Fortschritt des Lebens. Die

theoretische Einsicht in das, was nützlich und schädlich ist, reicht

nicht hin, die Menschen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Keine noch so

vollendete Ausbildung des Verstandes könnte die Menschheit zum Erwerb

geistiger Güter bringen, wenn nicht ein Genuß höherer Art damit

verbunden wäre. In den meisten Fällen ist vielmehr jene Einsicht gar

nicht vorhanden. Der Mensch vermeidet z. B. den Genuß übelriechender

Speisen für gewöhnlich nicht wegen der Einsicht in ihre Schädlichkeit,

sondern wegen der starken Unlustgefühle, die schon der Gedanke daran ihm

verursacht. Wenn dem Mörder vor der Tat das Gewissen schlägt, so

geschieht es nicht, weil er die Gefahr solcher Grundsätze für die

Existenz der Gesellschaft sich überlegt hat, sondern er _fühlt

unmittelbar_ die Qual des Gewissens als ein mächtiges Unlustgefühl.

So wird also der Mensch durch die Lust, die er sucht, und die Unlust,

die er vermeidet, so geleitet, daß die Erhaltung und Vervollkommnung des

einzelnen, wie des Menschengeschlechtes gesichert ist. Vom Standpunkte

der Religion aus gesehen wäre das Gefühl das Hauptmittel in der Hand der

Vorsehung, die Entwickelung der Menschheit zu lenken. Gefühle wären es,

die eine Welt von Motiven für die Geschichte bilden, und Gefühle edler

Art würden jene Ideale der Menschheit (s. § 1) ihrer Verwirklichung

entgegenführen.

Psychologie und Logik: zur Einführung in die Philosophie · 第 20 / 73 题