1. Das Erkennen.

§ 9. Die Empfindung.

Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele

zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist

zu unterscheiden von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust,

und schließt drei Hauptmomente in sich:

1. Den _äußeren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Tätigkeit treten

sollen, so muß eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem

Gegenstand, der entweder unmittelbar den Körper berührt oder durch

Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper einwirkt. Das

erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hören

durch die Schwingungen des Äthers, der Luft.

2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Körper, die durch den Reiz

veranlaßt wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum

des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv

durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung.

3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hören, Tasten,

Riechen, Schmecken.

Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen 1. und 2., durch die sie

veranlaßt werden, _ganz ungleich_. Es läßt sich nicht nachweisen, warum

auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir

können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit der

Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade nach ließ sich nur auf

Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein können wir nie mit

Bestimmtheit sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der

Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als die von b

ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage

aus, um wie viel ein Reiz verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der

Stärke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann.

Es zeigte sich, daß _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch

merkliche Änderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, zu

welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis steht (Webersches

Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in

geometrischer Progression wachsen muß, damit die Empfindung in

arithmetischer Progression zunehme. Muß man also zu einem Gewicht von

3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich

werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg nötig, während nur 1 kg

mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung führen würde. _Für die

verschiedenen Sinne_ ist das Verhältnis der Reizstärke, das diese

sogenannte „Methode der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein

_verschiedenes_; doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke

bestimmen, am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen:

nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen wurde 100:101, für Hebungen,

also Druckempfindungen, unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16

gefunden.

Übrigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht

durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische

Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustände _des Körpers_

erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen Charakter

tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb häufig in die

Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das

Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache

führte auf die durch Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer

_spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fähigkeit jedes

einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade

die ihm eigentümlichen Empfindungen zu vermitteln.

Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon

aufgehört haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog.

„_Nachbilder_”.

Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton,

oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene

Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich

sehen und hören.

§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung.

Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden Reiz

aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. Sie kann vielmehr in der

Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die

sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heißt dann

_Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn

die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine

bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt

und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so

kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrücke eine

Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild

des früheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben

Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als

dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt.

Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen

Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden noch

vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der

_Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hören des gesprochenen, das

Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner

Bedeutung, d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen

Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets

zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der

Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da

hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt,

sobald sie zum Bewußtsein kommt, so werden beide Begriffe häufig als

gleichbedeutend gebraucht.

Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen

Empfindung ist aber nicht eine bewußte Arbeit des Wahrnehmenden, sondern

_geht unwillkürlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt,

kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum Bewußtsein, sie

wird daher auch „_gebundene Vorstellung_” genannt. „_Freie

Vorstellungen_” sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die

Empfindung im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch

wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach auch im _allgemeineren Sinne_

verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, der

auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustände bezogen

wird. Es umfaßt dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in

dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem

Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant,

Schopenhauer.)

§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen.

Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelöst

haben, bekommt das Bewußtsein einen selbständigen Inhalt. In diese

Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit

neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen

von Vorgängen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten.

Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der

Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da führt

die Ähnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren Aufenthalt

zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken,

die sich selbständig fortspinnen, treten die äußeren Empfindungen immer

mehr zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, kaum mehr

auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den

Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser

Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentümlichkeit unter den Menschen_.

Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der äußeren

Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage für Musik oder

bildende Künste, oder für Naturwissenschaft haben, andere geben sich

lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung,

oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des

Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben

unter krankhafter Einseitigkeit.

Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen in sich: Wie

_entstehen_ die Vorstellungen im Bewußtsein? und: Wie _verschwinden_ sie

aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist

die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des äußeren

Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht bloß

auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien

Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue

Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit Hilfe der

Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der

Fragen etwas anders: Wie geht es zu, daß die einmal verschwundenen

Vorstellungen _wiederkehren_?

Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt

aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie,

wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als _unbewußte Zustände_ noch

vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der

Seele „unter der Schwelle des Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die

unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe

von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes

(s. S. 36), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel

ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir

aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben

unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur

beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden.

In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der _Traumzustand_.

Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer _Schwächung

des bewußten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge

beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird

nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies

Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke

von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort

Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden

sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als

Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß

durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.

Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein

auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein,

so zeigt sich, daß die _eine Vorstellung immer durch eine andere

hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist.

Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen

oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und

beruht:

1. Auf der _Ähnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer

Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen

hervor.

2. Auf deren _äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit_

(Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das

strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines

Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese

Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst

die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines

Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen

Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks

miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser

Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer

zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch

Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet

z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung

eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines

auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer

bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je

häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen

dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _Übung_ spielt hier

eine große Rolle (s. § 28).

Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei

das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern

verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz

der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses

Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich

verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß

allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich

vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung

ausgehen, daß wegen der sogenannten _Enge des Bewußtseins_ immer nur

eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich

befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden.

Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre

_Stärke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer

Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie für das

vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer

Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden

Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der

alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter

e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins

Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand

für uns selbst und je größer infolgedessen das auf _Gefühlen_ beruhende

_Interesse_ ist, das wir an ihm haben.

§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis.

Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei

Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die

_Aufmerksamkeit_, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und

Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung

festzuhalten, und das _Gedächtnis_, d. h. die Fähigkeit, verschwundene

Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_.

Man unterscheidet zwischen _unwillkürlicher_ und _willkürlicher_

Aufmerksamkeit. Die _unwillkürliche_ wird durch einen plötzlich an uns

herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben

zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B.

eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere

unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkürliche Aufmerksamkeit

entsteht durch das Interesse_ (s. § 11), das die Willenstätigkeit

veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder

Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht,

gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie

von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch,

daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der

Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so

entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_.

Das _Gedächtnis_ beruht auf den _Gesetzen der Reproduktion_. Wir

können eine Vorstellung wiedererzeugen, uns auf sie „_besinnen_”,

indem wir der Vorstellungsreihe nachgehen, in welcher sie enthalten

ist, und so mit Hilfe der Assoziationen auf dieselbe stoßen. Je

vielseitiger und deutlicher daher die Verbindung einer Vorstellung mit

andern ist, desto leichter können wir uns ihrer erinnern. Wir prägen

uns also etwas ein, indem wir es in den Zusammenhang mit andern

Vorstellungen hineinstellen und zwar entweder auf _mechanische Weise_

durch häufige Wiederholung aufeinanderfolgender Vorstellungen, die uns

durch Übung geläufig wird, wobei wir im allgemeinen an _die Richtung

gebunden sind, in welcher die Assoziationen eingeübt wurden_ (ein

auswendig gelerntes Gedicht, oder ein beliebiges Wort läßt sich nur

schwer rückwärts sagen, einseitig gelernte Vokabeln sind nur in

derselben Richtung, z. B. französisch-deutsch, geläufig); oder auf

_logische_ Weise durch Aufnahme der Vorstellung in einen klaren

inneren Zusammenhang, den wir wegen seiner Angemessenheit an unsere

Denkgesetze leicht wiedererzeugen können, z. B. einen Satz der

euklidischen Geometrie.

Die Tätigkeit des Gedächtnisses wird erleichtert durch häufige _Übung_

und durch das _Interesse_, das dem Verschwinden der Vorstellungen

entgegenwirkt. Mit dem Unterschied des Interesses hängt es auch

zusammen, daß das Gedächtnis bei verschiedenen Personen an verschiedene

Gegenstände gebunden sein kann, so daß von einem Gedächtnis für Worte,

Zahlen, Töne, Sachen, Örter oder für bestimmte Gebiete der

Wissenschaft die Rede ist. Außerdem aber kommen hierbei _angeborene

Eigentümlichkeiten_ des Gedächtnisses in Betracht, die sich besonders

als vorherrschende Empfänglichkeit für bestimmte Sinneseindrücke, z. B.

für bloß gehörte, oder für außerdem gesprochene, oder für bloß gelesene

Worte geltend machen. Man hat danach ein akustisches, motorisches und

visuelles Gedächtnis unterschieden.

§ 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken.

Diejenige Vorstellung, die der einfachen Empfindung entspricht, z. B.

die einer Farbe, kann man _Einzelvorstellung_ nennen. Aus

Einzelvorstellungen setzt sich die Vorstellung von Gegenständen,

Personen, Verhältnissen, Begebenheiten zusammen, also die Vorstellung

eines individuellen Ganzen oder die _Individualvorstellung_. Diese

Individualvorstellung schließt gewöhnlich die Vorstellung eines _Dings_

in sich, das übrig bleiben soll, auch wenn man die angeblich daran

haftenden Eigenschaften, d. h. Einzelvorstellungen, wegdenkt. Die

Richtigkeit dieser Vorstellung, deren Vorhandensein die Psychologie nur

feststellt, hat die Metaphysik zu untersuchen.

Der menschliche Geist, der vor allem nach Einheit strebt, begnügt sich

jedoch nicht mit einer Menge von Individualvorstellungen, sondern er

sucht dieselben durch Bildung neuer Formen zusammenzufassen. Von einer

Reihe immer wiederkehrender ähnlicher Vorstellungen bleibt in der Seele

ein _gemeinsames Bild von unbestimmtem Charakter_ zurück, das nur die

allen gemeinsamen Merkmale, die individuellen dagegen nicht enthält: die

allgemeine oder _Gemeinvorstellung_. Wenn vom Menschen im allgemeinen

die Rede ist, schwebt uns dabei eine Gemeinvorstellung, ein ungefähres

Bild vor, das mit Vernachlässigung aller Unterschiede der Völker und

Individuen nur das Allgemeine, allen Menschen Gemeinsame darstellt.

Diese unbestimmten und leicht verwischbaren Gemeinvorstellungen könnten

aber nicht auseinandergehalten und weiter ausgebildet werden, wenn sie

nicht an ein bestimmtes Zeichen gebunden werden könnten. Diesem

Bedürfnis kommt die _Sprache_ entgegen. Jedes _Wort ist ein Zeichen

für eine Gemeinvorstellung_; nur wo die Unterscheidung der Individuen

einen besondern Wert hat, wie beim Menschen, da erhält auch die

Individualvorstellung ein besonderes Wortzeichen, das dann nur für _ein_

Individuum gilt. Solche Wortzeichen für Individualvorstellungen sind die

_Eigennamen_. Sonst bezeichnet ein Wort, z. B. Tisch, nur die

Gemeinvorstellung, der kein bestimmter Gegenstand, kein bestimmter Tisch

entspricht, und kann nur etwa durch ein hinweisendes Fürwort: „dieser

Tisch” auf einen bestimmten Gegenstand beschränkt werden.

Infolge der Verbindung mit dem Wortzeichen kann die Gemeinvorstellung

genauer umgrenzt werden und in _die bestimmtere_ Form _des Begriffes

übergehen,_ die Verbindungen der Vorstellungen untereinander können als

_Urteile_, die sich in Sätzen aussprechen lassen, mit größter

Genauigkeit vollzogen werden, und die Entstehung neuer Vorstellungen aus

der Verbindung anderer nimmt auf dieser höheren Stufe die Gestalt von

_Schlüssen_ an. Diese ganze höhere Stufe ist die des eigentlichen

_Denkens_. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Verlaufe der

Vorstellungen und dem eigentlichen Denken ist also nur der, daß, was

dort unwillkürlich geschah, jetzt mit voller Klarheit und mit der

bestimmten _Absicht_ vollzogen wird, die Natur und die geistige Welt

oder ihren Zusammenhang zu _erkennen_, d. h. solche Vorstellungen und

Vorstellungsverbindungen herzustellen, die der Wirklichkeit entsprechen.

Dazu gehört dann, daß die beziehende Tätigkeit des Geistes mit Hilfe der

Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet sich richtet und nach

bestimmten Grundsätzen verfährt, die selbst wieder geprüft werden. So

bildet das Denken den _Begriff_ durch Ausscheidung der ungleichartigen

und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale, z. B. den Begriff

Parallelogramm durch Weglassung der wechselnden Merkmale:

Größenverhältnis der nichtparallelen Seiten und Größe der Winkel, und

Zusammenstellung der allen gemeinsamen: Viereck und Parallelität der

Gegenseiten. Das _Urteil_ entsteht durch Verknüpfung der Begriffe, z. B.

das Rechteck ist ein Parallelogramm; und der _Schluß_ ist die Ableitung

eines Urteils aus einem oder mehreren andern. Es wird z. B. aus den

beiden Urteilen: „Dieses Viereck ist ein Parallelogramm” und: „Im

Parallelogramm halbieren sich die Diagonalen gegenseitig” das dritte als

Schlußfolgerung abgeleitet: „In diesem Viereck halbieren sich die

Diagonalen gegenseitig.” Eine genauere Untersuchung der Bedingungen,

unter denen bestimmte Begriffe, gültige Urteile und richtige Schlüsse

zustande kommen, ist Aufgabe der Logik.

Die verschiedenen Aufgaben des Denkens werden auch, besonders seit

Kant, an verschiedene Vermögen verteilt. Dem _Verstand_ als dem

„Vermögen der Begriffe” wird die begriffliche Verarbeitung der

Erfahrung zugeschrieben im Gegensatz zur _Vernunft_, die „als Vermögen

der Ideen” auf die Erkenntnis des über die Erfahrung Hinausgehenden,

des „Übersinnlichen” gerichtet sei.

§ 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen.

Wir haben das Erkennen bis jetzt betrachtet, wie es von der einfachen

Empfindung aus zu Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen und endlich

zum Denken fortschreitet. Damit ist aber der Stoff noch nicht erschöpft,

den wir mit Hilfe der psychologischen Beobachtung in unserem Vorstellen

finden. Wir treffen da nicht bloß einzelne Empfindungen, Vorstellungen,

Begriffe, Urteile, Schlüsse an, sondern auch eine _zusammenhängende

Vorstellung der wirklichen Welt_, in welche unsere einzelnen

Vorstellungen sich einordnen. Es erhebt sich daher die Frage: Wie kommt

diese umfassende Vorstellung zustande? Da kommen zuerst die beiden

Hauptformen in Betracht, durch die wir den ganzen Stoff unserer

Erfahrung ordnen: der _Raum_ und die _Zeit_, und dann die Grundform,

durch die wir ihren inneren Zusammenhang denken: die _Kausalität_.

Die geistige Welt fassen wir nur zeitlich auf, die körperliche Welt

zeitlich und räumlich. Eine Vorstellung von der _Zeit_ überhaupt haben

wir nur, indem wir wahrnehmen, daß das, was früher war, nun nicht mehr

ist, also unter der Voraussetzung, daß wir uns einer Veränderung von

irgend etwas bewußt sind, und daß wir frühere Zustände wiedererkennen;

denn nur so können wir einen zeitlichen Abstand von ihnen uns

vorstellen. Je mehr wir also nur bei einem einzigen Gedanken oder Gefühl

verweilen, ohne eine Veränderung zu erleben, desto mehr schwindet die

Vorstellung von der Zeit. Eine gesonderte Vorstellung von der Zeit,

losgelöst von dem, was in ihr geschieht, ist nur mit Hilfe der

räumlichen Anschauung, etwa unter dem Bilde einer geraden Linie mit

bestimmten Abschnitten möglich.

Wollen wir die _Zeitabschnitte_ ohne besondere Hilfsmittel bloß mit

Hilfe des Wechsels unserer inneren Zustände _schätzen_, so sind wir

dabei von zweierlei abhängig, von dem _Interesse_, das die einzelnen

Zustände des zu schätzenden Zeitraums für uns hatten, und von der

_Menge_ derselben. Der Gedanke, daß die Zeit Flügel habe, tritt

besonders dann hervor, wenn wir einen Zustand oder ein Ereignis unseres

Lebens mit dem Interesse, das sich für uns daran knüpft, uns lebhaft

vergegenwärtigen, so daß die dazwischenliegenden, weniger wichtigen

Vorgänge zurücktreten. Dagegen scheint uns die Zeit langsam verflossen

zu sein, wenn die Abschnitte, die wir ins Auge fassen, von einer großen

Anzahl wechselnder Ereignisse ohne hervorstechende Punkte ausgefüllt

sind. Diese subjektive Schätzung der Zeit ist also eine unsichere und

wechselnde. Man hat daher einen _objektiven Maßstab_ der Zeit

aufgestellt, indem man gleichmäßige Bewegungen in der Natur, Bewegungen

der Sonne, des Mondes, des Pendels dazu benutzt, deren Wiederholungen

gezählt werden.

Da wir in der wirklichen Welt eine Vorstellung in der Form des Raumes

haben, während unsere Vorstellung selbst nicht räumlicher Natur ist, so

erhebt sich die Frage, wie wir zu dieser _Vorstellung eines Raumes_

gelangen? Fassen wir einen Gegenstand ins Auge, z. B. ein Gebäude, so

enthält diese Wahrnehmung verschiedene räumliche Elemente. Wir erhalten

eine Vorstellung von dessen Entfernung von uns und machen uns außerdem

ein Bild von seiner Länge, Breite und Höhe, also von seinen drei

Dimensionen.

Um die _Entfernung_ zu messen, denken wir uns eine gerade Linie von dem

Gebäude bis zu unserem Standort. Von der Entfernung selbst aber haben

wir keine bestimmte unmittelbare Empfindung, sie ist vielmehr das

Resultat einer Vergleichung zwischen der _wirklichen und scheinbaren

Größe_ des Gegenstandes, die infolge häufiger Übung so schnell vor sich

geht, daß sie uns als unmittelbare Wahrnehmung erscheint. Je kleiner das

Wahrgenommene im Verhältnis zu seiner wirklichen Größe ist, desto größer

schätzen wir seine Entfernung, und je mehr dasselbe sich der wirklichen

Größe nähert, desto geringer erscheint sie uns. Zum Zweck genauerer

Schätzung wird die wirkliche Größe näher zu bestimmen gesucht etwa durch

daneben stehende Menschen, deren ungefähre Größe genauer bekannt ist,

oder es wird, besonders da, wo die wirkliche Größe nicht bekannt ist und

nicht ermittelt werden kann, die der Entfernung entsprechende Gerade in

mehrere Teile zerlegt, deren Entfernung durch andere dazwischenliegende

Gegenstände bestimmt werden kann. Daher ist die Entfernung auf dem Meer

oder auf einförmiger Ebene sehr schwer zu schätzen. Überhaupt läßt sich

von den drei Elementen: wirkliche Größe, scheinbare Größe und

Entfernung, wenn zwei gegeben sind, immer das dritte bestimmen. Außerdem

dient zur Bestimmung der Entfernung auch die durch die Dicke und

Beschaffenheit der dazwischenliegenden Luftschicht bedingte größere oder

geringere Deutlichkeit der Umrisse.

Ein Mittel zu genauerer Bestimmung der Entfernung ohne Messung der die

Entfernung darstellenden Geraden ist die _Parallaxe_; d. h. die Größe

der scheinbaren Verschiebung, welche ein Gegenstand im Verhältnis zu

einem feststehenden Hintergrund erfährt, wenn wir ihn von zwei

verschiedenen Punkten aus betrachten. Je weiter der Gegenstand entfernt

ist, desto kleiner erscheint die Verschiebung. So scheinen uns z. B. bei

einer Eisenbahnfahrt die nächsten Gegenstände schneller vorbeizueilen,

als die weiter zurückstehenden. Zu genauer Ermittelung der Entfernung

durch die Parallaxe wird der Winkel gemessen, den die von dem Gegenstand

zu den beiden Beobachtungspunkten gezogenen Linien einschließen. In

dieser Weise wird die Parallaxe besonders in der Astronomie vielfach

verwendet.

Wie gelangen wir nun aber zur Vorstellung von _drei Dimensionen_ eines

Körpers? Was wir zunächst sehen, ist nur eine Fläche mit verschiedener

Schattierung. Die Wirklichkeit gleicht zunächst einem Gemälde, wo auch

drei Dimensionen durch zwei dargestellt sind; daher faßt ein

Blindgeborener, dem eine Operation zum Sehen verholfen hat, einen Würfel

als Quadrat, eine Kugel als Scheibe und eine Pyramide als Dreieck auf.

Die Vorstellung von einer _Ausdehnung nach der Richtung der Tiefe_

bekommen wir erst durch eine Verbindung der Gesichtsempfindungen mit den

Tast- und Bewegungsempfindungen. Indem wir uns um den Körper herum

bewegen, finden wir, daß die Flächenwahrnehmung von einer bestimmten

Seite aus noch kein Gesamtbild gegeben hat, sondern daß sich andere

Flächen an die zuerst gesehene anschließen, und der Tastsinn, der den

verschiedenartigen von den Körpern geleisteten Widerstand anzeigt und

damit eine genauere Deutung ihrer Schattierungen ermöglicht, ergänzt

dieses Bild zu einer deutlichen Gesamtvorstellung von Form und

Begrenzung der Körper.

Damit ist aber noch nicht erklärt, wie es überhaupt möglich ist, daß

_die unräumliche Seele räumliche Bilder auffassen kann_; sie hat ja wohl

die Vorstellung eines räumlich ausgedehnten Hauses, aber diese

Vorstellung ist nicht selbst ausgedehnt. Darauf beruht die Theorie von

den _Lokalzeichen_, die _Lotze_ († 1881) aufgestellt hat, d. h. die

Ansicht, daß je nach der Stelle der Netzhaut des Auges oder der

Hautoberfläche, die von dem äußeren Reize getroffen wird, dieser selbst

noch einen besonderen qualitativen Nebeneindruck mit sich führt, den

dann die Seele räumlich deutet. So würde derselbe Farbeneindruck R, je

nachdem er mit verschiedenen Lokalzeichen versehen ist, also als Ra, Rb,

Rc die Seele trifft, an verschiedene Orte des Raumes a, b oder c verlegt

werden. Jedenfalls aber muß in der Seele eine Fähigkeit angenommen

werden, diese Zeichen räumlich zu deuten und zu einer Gesamtvorstellung

des Raumes zu erweitern.

So sind uns die Formen des Raums und der Zeit dazu behilflich, ein

einheitliches Bild von der wirklichen Welt zu bekommen. Doch vollendet

sich diese Einheit erst dadurch, daß wir die Erscheinungen nach einem

_inneren Zusammenhang_ als ein _System von Ursachen und Wirkungen_

auffassen. Wir nehmen an, daß jede Erscheinung eine Ursache hat und daß

die gleiche Ursache immer die gleiche Wirkung hervorbringt. Dieses

Kausalitätsverhältnis nehmen wir aber nicht unmittelbar wahr; was wir

wahrnehmen, ist vielmehr nur, _daß die Erscheinung b regelmäßig

eingetreten ist, wenn die Erscheinung a eintrat_. Daß a die Ursache von

b ist, das ist eine Annahme, die wir selbst hinzubringen und die durch

die regelmäßige Aufeinanderfolge von a und b nur veranlaßt ist.

Inwieweit diese Annahme berechtigt ist, das hat die Metaphysik zu

untersuchen. Die Psychologie kann nur feststellen, daß der erkennende

Geist die Eigentümlichkeit hat, den Zusammenhang der Erscheinungen nach

diesem Kausalitätsgesetz zu deuten.

Psychologie und Logik: zur Einführung in die Philosophie · 第 19 / 73 题