§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen.
Das Wollen ist wie das Fühlen ein _einfacher und ursprünglicher Akt des
Geisteslebens_, der sich nicht näher beschreiben, aber doch in seinen
Äußerungen verfolgen läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer
eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in der Innenwelt des
Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung der ersteren Art zustande zu
bringen, ist die Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden
Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher
auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum
eigentlichen Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht
werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden
soll. Dies ist aber erst das Resultat einer längeren Entwickelung.
Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst
Bewegungen ausführen würde, die er _nicht gewollt_ hat. Schon die vom
Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen müssen zu _unwillkürlichen
Bewegungen_ führen; denn die angesammelte Spannkraft muß einen Ausweg in
Bewegungen finden. Beispiele dafür gehen auch noch neben dem bewußten
Wollen her, wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden, oder
eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich
kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen
Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt,
allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber beeinflußt werden
können.
Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche
_unwillkürliche Bewegungen_ geschehen auch _auf Veranlassung eines
Reizes hin_. Wenn dem Auge ein Stoß droht, so schließen sich die
Augenlider; wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt
Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung
nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der
eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber
ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt so zu
jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmäßig begegnet. Daß
diese sogenannten _Reflexbewegungen_ ein von jeder Art der Überlegung
unabhängiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, daß sie auch bei
Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch
wischt den Tropfen Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße
ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar
noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbständiger
Bewegung hat. Bei dem Menschen läßt sich der Unterschied zwischen
Reflex- und willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über die
sogenannte „_physiologische Zeit_” nachweisen, d. h. die Zeit, welche
zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer
Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfließt und
durchschnittlich etwa ⅕ Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß
diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkürlichen
Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen
Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die
motorischen eine bestimmte, sogenannte „Willenszeit” zur
Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den
elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verläuft
weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der
Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der
durch Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen
bringt.
Die Reflexbewegungen können auch _gehemmt_ werden, indem die sensiblen
Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der
bewußte Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei großem
Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens
oder durch die Willenskraft das „Zusammenfahren” verhindert wird. Die
Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptsächlich im _Rückenmark_. Sie
werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen Bewegung,
mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschränkt. Die
_Selbstbeherrschung_ besteht zum großen Teil aus solchen
_Reflexhemmungen_.
Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des
_Instinkts_ dadurch, daß sie ein zusammengesetztes System von Mitteln
zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie
gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine
Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer
Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen Gefühlen dabei
geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentümlichkeiten
ihrer Gattung angesehen werden müssen.
Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne
eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer
zweckmäßigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die _Vorstellung_
der Bewegung selbst: die _Nachahmungsbewegung_. Eine Bewegung, deren
Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt. Die Stöße eines
Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern
unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung
einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung führen, ohne daß
der Wille mitwirkt. Noch häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt
sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung
gehören und die oft nachgeahmt werden, während die Aufmerksamkeit etwas
anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung
infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung
der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurück.
§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.
Mit dem _Trieb_ kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt
näher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto
enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So
unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr
oder weniger _klare Vorstellung_ dessen _mitwirkt_, was als Quelle der
Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, daß er den Menschen ganz
erfüllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die _Begierde_
über. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem
zukünftigen Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes
gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden,
zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt
leitet nur durch die augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung
begleiten, der Trieb durch die _Vorstellung eines Zieles_, mit welchem
das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die
Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Künstlers. Das
Gefühl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also
der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das _Motiv_.
Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar
zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als _Wunsch_. Treten
mehrere Objekte nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen
Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr
bloß für die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es
entscheidet je nach dem Gefühlswert der Motive, besonders mit Hilfe der
Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck
gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den _Vorsatz_, ein bestimmtes Ziel
anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemütsbewegung
entspringen, ohne daß das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher
Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die
Entscheidung ist deshalb zunächst eine _oberflächliche_ und kann, wenn
sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoßen werden:
„der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Erfolgt aber
die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen
Überlegung, indem der Handelnde seine ganze Persönlichkeit dabei in die
Wagschale legt, so entsteht der _Entschluß_. Dieser ist die höchste Form
des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nähern,
desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der
Ausführung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet
haben; denn je mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes Zeit
haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der
unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der Überlegung
entrückt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des
Willens ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig
ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die
strafrechtliche Beurteilung.
_Was für ein geistiger Vorgang_ der Willensakt ist, wie es geschieht,
daß dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun
auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln
herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, sondern nur
erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein davon, wie nun der Willensakt
in Bewegung übergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen
Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen _inneren Zustand_ nehmen
wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefühl von der Bewegung, die gemacht
werden soll, und den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält,
diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich unserer
inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein,
sie ist also in gesetzmäßiger Weise mit dem inneren Zustand verknüpft,
jedoch ohne daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen.
§ 26. Die Freiheit des Willens.
Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschluß
faßt, _frei_ sei, d. h. daß er in demselben Augenblick auch einen andern
Entschluß fassen könnte, wird überall im praktischen Leben
vorausgesetzt. Diesem _Indeterminismus_, der auch wissenschaftlich
vertreten wurde, steht der _Determinismus_ gegenüber, der die
Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese
Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen,
ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewußtseins ist,
die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz
außerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der
Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der
Psychologie ergibt sich als Für und Wider etwa Folgendes:
1. Der _Determinismus_ erklärt, durch die Behauptung der Freiheit des
Willens sei das _Gesetz der Kausalität_, daß alles eine Ursache haben
müsse, und damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens _aufgehoben_.
Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gültigkeit
des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei für die geistige Welt
weder erwiesen, noch willkürlich anzunehmen.
2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_
hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das
Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß
man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt
hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde
Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung
bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl
zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen
Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an
eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und
aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben.
§ 27. Die Ausdrucksbewegungen.
Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen
innern Zustand _ausdrücken_, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren
Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen
und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie
verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen
Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser
Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in
äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch
_Gebärden_ genannt.
Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die
aber häufig zusammenwirken:
1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefühls unmittelbar zum
Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen
erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten.
Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der
Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck
körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern
es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz
einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der
Witz auf der „plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in
Nichts” (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein
Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier
besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in
einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das
_Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein
Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen.
Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln
begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind.
2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der _Assoziation ähnlicher
Empfindungen_ ausdrücken. So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche
der Sprachgebrauch als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen
des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden
Geschmacksempfindungen verbunden sind.
3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch
mittelbar zum Ausdruck von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht
dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der
Hand _hinweisen_. Häufiger möglich ist die _Nachbildung_ des
betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebärden.
So sucht der Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch
kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, z. B. wenn durch das
Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und
dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrückt wird.
Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt ist aber die
_Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den
gesprochenen und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in
ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet.
Ursprünglich war die Sprache wohl eine unwillkürliche, von Gebärden
begleitete Äußerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung
den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände machten_, und auf einer
unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche
Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten
_onomatopoëtischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurückgeführt wird,
wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die
erläuternde Begleitung der Gebärden und das Bewußtsein einer
Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmählich zurück, das
Wort wurde bloßes Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und
abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach,
gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_:
zuerst Nachbildung der Form der Gegenstände in der Bilderschrift und
dann Verwandlung dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So wurde
die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche Mittel für die
Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit für die
Ausbildung des Denkens überhaupt.
Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer
Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren
Dienst und sucht dieselben allerdings künstlich, d. h. ohne daß die
natürlichen äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind,
hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der höchsten
Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den
inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen
ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebärden nur mechanisch erlernt,
so erscheint sein Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht
„Ausdruck” eines Innern ist.
§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter.
Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie großer Wichtigkeit für das
geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, größere
Fertigkeit zu erreichen, so heißt sie _Übung_. Das Resultat der häufigen
Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch
Assoziation verbunden sind, häufig wiederholt, so geht die
Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder
kommen gar nicht mehr als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel
dafür ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprünglich aus der
Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung mit der wirklichen
Größe und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die Übung werden
wir diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung der
Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben
(vgl. o. S. 36).
Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von
den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die
motorischen Nerven und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln
geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche
gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B.
die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind für
unser Bewußtsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so daß das
eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fügt
sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der
betreffenden Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und durch
Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe
in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben
geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange
her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser komplizierte Vorgang ist
uns durch unzählige Wiederholungen so geläufig geworden, daß er uns als
ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen:
das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit des Setzers, zu
erklären.
Je größer die Übung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung
erfolgt, _desto weniger bedarf es für jede einzelne Bewegung einer
besonderen Willensanstrengung_, so daß die Reihe der einmal angefangenen
Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abläuft. Ein Willensakt
scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und
beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, daß überall
der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwächerem Grade. Die Bewegung des
Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen,
und doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen oder
Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwährenden Spannung der
Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch
hier bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein.
Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich
einschränkt, beherrscht unser ganzes alltägliches Leben. Besonders aber
macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner
eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der
Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige Form des Handelns,
einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf
sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen
Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks entzogen sind.
Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene
Grundsätze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige
Überlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, eine
besondere Entscheidung des freien Willens statt.
Abschnitt III. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele
voneinander.
§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander.
Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen ist, wie schon
erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht
entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten
Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer
ergeben, wie eng sie zusammengehören.
1. Das _Erkennen_ ist abhängig vom Fühlen und Wollen. Das _Gefühl_ ist
das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es
verknüpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert,
den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefühlen für
uns hat, veranlaßt uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst
würden wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. Und
diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen,
die allein zur Erkenntnis führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des
_Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.
2. Das _Gefühl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von
Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle sind an sich zu unbestimmt,
um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit
den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie
sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. Ebenso ist eine
deutliche _Erinnerung von Gefühlen_ nur möglich durch Wiedererzeugung
der Vorstellungen, an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen _die
höheren Gefühle_, die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen,
religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so muß das Denken sich auf
sie richten und Grundsätze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann
wieder auf das Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen
bewahren. Es muß aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen
Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefühls
verhindert oder ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann
mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die
Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es
sich nährt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter
Umständen unterdrücken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen
läßt, d. h. indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird
unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen,
in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den
Gegenstand seines Gefühls erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur
dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen
wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf Kosten der Tatkraft, wie
eine Vernachlässigung des Gefühls zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen
Strebens verhindert.
3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefühle nicht denkbar. Er
bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses
Ziel könnte dem Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die
Erreichung desselben durch Verknüpfung mit _Lustgefühlen_ einen gewissen
Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, einen Zweck zu
erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand
ausgehen muß. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen
planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige
Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom Denken zur
Leitung des Willens aufgestellt werden.
So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge in der
verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen
Zeiten das eine Mal das Gefühl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille
vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentümliches
Gepräge, je nachdem das Denken, das Fühlen oder das Wollen bei ihnen
vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefühlsmenschen_ und
_Männern der Tat_. Die höchste Form ist aber immer das _ideale
Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen
Geistes.
Logik.
§ 30. Die Aufgabe der Logik.
Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_.
Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der
Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner
_tatsächlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen
Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklären; das richtige, wie
das unrichtige Denken findet gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik
hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das
geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die
Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, daß das Denken in der
Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher,
wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt.
Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen wir ein Mittel haben,
_das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das
nächstliegende wäre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen,
dessen Resultate _mit der Wirklichkeit übereinstimmen_. Dem steht aber
der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt
werden kann, daß die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung
vorhanden ist (vgl. § 3). Jedenfalls können wir einen Vergleich
zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir
auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also über den Kreis
des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhängigen
Wirklichkeit vergleichen zu können. Ebensowenig können wir die
Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_
abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des Gedachten ist teils nicht
vorhanden, teils zu unsicher, um als Maßstab für seine Richtigkeit
gelten zu können.
Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewußtsein davon_, was richtiges
Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, daß wir das
richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir
finden in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders zu
denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso denken müssen. Die
Logik muß sich also darauf beschränken, die Bedingungen darzustellen,
unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingültige Denken_ zustande
kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab
_von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von
gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prüfen hat,
durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie
unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, daß sie das
Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm
unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein nach seinen
eigenen Gesetzen.
Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, daß die Logik
_nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die
Kunst des Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten, daß
die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre von der Kenntnis der
logischen Gesetze. Die Fähigkeit richtig zu denken ist dem Menschen
angeboren, aber es gilt auch hier, daß es _besser ist, wenn er die
Grundsätze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn
wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt,
so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu
handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu unentbehrlich ist
diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder
besonders schwierige Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie
und überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer
klaren, sicheren Methode abhängig ist.
Die Logik beschäftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den
_Begriffen, Urteilen und Schlüssen_, teils mit der Art, wie diese
Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft
als ein zusammenhängendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des
wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann man die Logik
einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_.