Einleitung.
§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.
_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat,
Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens
herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem
Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes und sie gehen teils von
Voraussetzungen aus, die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu
Resultaten, die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie prüft
jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der
Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu
erforschen.
Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer
Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche in dem Wissensstoff, den er im
Glauben an fremde Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet
hat, und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen auf
unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste Widersprüche in
sich schließt.
_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei großen Gebieten der
Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der
Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschäftigt
sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an
jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der
Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie
es als Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in
Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt.
Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor,
deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung
von_ zu befolgenden _Regeln_ führen, eine gesonderte Behandlung
empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der ästhetische
Geschmack in der _Ästhetik_, das sittliche Bewußtsein in der _Ethik_,
das religiöse Bewußtsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenständen
einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen
treten in der Geschichte _als geistige Mächte_, als Hauptelemente der
menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat,
Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken,
als _Ideale_: Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der
Gottheit. Doch erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre
Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und beide
Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch in jeder
Geisteswissenschaft zusammenwirken.
Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der
Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr die Aufgabe in sich,
auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des
Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhängen untereinander zu
untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die
Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschließende Wissenschaft
beschäftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze
auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen
(Erkenntnistheorie), nach der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir
der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung, Raum und
Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie
nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als für das philosophische
Erkennen unerreichbar angesehen wird.
§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie.
Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die § 1
bezeichneten Aufgaben zu lösen.
Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die
_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen
Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die
_Pythagoreer_ in Maß und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz
zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich
verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten,
unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt,
Lage und Bewegung. Erst für _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk
eines vernünftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach
vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles
bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mußte von den großen
Philosophen der Folgezeit neu begründet werden.
Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die
griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie machten den Menschen selbst
und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ († 399)
beschäftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren
und Guten. _Plato_ († 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den
Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfaßte noch tiefer
Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein großer Schüler _Aristoteles_
(† 322) wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens
zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen Vorgänger
durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der
damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der
Philosophie hereinzog.
Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten
den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als höchste Regel des Lebens die
Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_
forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten
einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit
unmittelbar anzuschauen.
Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einfluß des
Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber
erst durch die Reformation wurde freie Forschung möglich gemacht.
In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen verfolgen,
eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste,
hauptsächlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem
Engländer _Baco von Verulam_ († 1626), der auf Naturforschung und
Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt durch _Locke_,
_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ († 1873) und
_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von
den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_
(† 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also bin ich
(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit gründete, und wird fortgeführt durch
_Spinoza und Leibniz_.
Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_
(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermögens selbst und
seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für
die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, während
_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und
Sein einer unbegrenzten Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah
_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe der
Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und
gewann besonders durch eine sorgfältige, auf Mathematik gegründete
Psychologie eine große Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten
_Trendelenburg_ mit Rückgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus
1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung den Idealismus
neu zu gestalten.
In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei philosophische
Richtungen große Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der
_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie
zurückführen will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der
_Pessimismus_, begründet durch _Schopenhauer_ († 1860), in
selbständiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann.
Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor der
_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht
auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und
England herübergekommen, nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten
lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein
naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens geführt hat, macht
sich jedoch eine _idealistische_ Gegenströmung mehr und mehr geltend.
§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.
Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie werden sich
zur Einführung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders
eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern
philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule für das
philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik
zu.
Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und manche Resultate der
Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, daß die einfache Betrachtung
der Außenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie
ausgehen dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen beweisen,
daß dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand
entsprechen muß. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, daß
das Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein von diesen
selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhängig
ist. Die Naturwissenschaft erklärt das, was wir als Licht, Schall, Wärme
wahrnehmen, für eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So
erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer äußeren Wahrnehmung
überhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen,
nämlich _das Bewußtsein, daß wir zweifeln_, oder _daß wir jene Eindrücke
haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung
entsprechende -- Außenwelt gibt. _Daß_ wir etwas vorstellen, daß wir
etwas fühlen oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende,
wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%,
steht uns unumstößlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen
Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_,
wird daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige der
Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des
philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die
Beobachtung des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann.
Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, daß
die _wertvollsten Gegenstände der philosophischen Betrachtung_ auf dem
Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist.
Sie ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften
überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, Ästhetik, Ethik,
Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren
Abschluß in der Metaphysik.
Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einführung in die
Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die
Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und
Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie
noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen darf und
deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur
Erforschung der Wahrheit _einer Prüfung unterziehen muß_. Insofern
bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist
aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet,
weil das Verständnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung
der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen
erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verständnis der
schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet.
Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der Logik am besten
vorangeht, da die Vorgänge beim Denken selbst zunächst Gegenstand der
Psychologie sind.
Psychologie.
§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie.
Man unterscheidet herkömmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie,
welche die Tätigkeitsäußerungen der menschlichen Seele mit ihren
Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere
Wesen der Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus zu
erklären sucht.
Die letztere fällt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach
der Art der Existenz und der Veränderung der Seele, nach ihrem
Zusammenhang mit dem Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu
anderen Seelen.
Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunächst
rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens
und ihren gesetzmäßigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur
wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nächste empirische
Aufgabe mit vorläufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom
festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann
sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme
weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften für ihre Ideale
Anknüpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung
und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_
Behandlung von der _populären_ Auffassung, die beides vermischt und
z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres metaphysisch als Tätigkeiten
und Zustände eines _Dings_ nach Analogie der Körperwelt erklärt.
Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie.
Abschnitt I. Seele und Körper.
§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und
Körper.
Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknüpft
mit _körperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb häufig
die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich
mit dem menschlichen Körper beschäftigen, der _Anatomie_, d. h. der
Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_,
d. h. der Lehre von den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die
neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die
unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für das Verhältnis von
Seele und Körper.
Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete läßt sich aber
von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton
hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg er von der
Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen
keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß
fassen; aber auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem geistigen
entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten wir nicht, wie die
Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu
werden, oder wie der Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu
setzen.
Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über dieses _Verhältnis von
Seele und Körper_ aufgestellt worden. Es sind hauptsächlich _vier
Möglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um
deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mögliche
Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Körpers
(Materialismus), 2. der Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines
oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder
man erkennt die Selbständigkeit beider an, dann sind zwei weitere Fälle
möglich: 3. Seele und Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen
oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele
und Körper sind verschiedene Äußerungsformen eines und desselben Wesens,
stehen daher in keinerlei Verhältnis von Ursache und Wirkung
(Identitätshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische
Parallelismus).
Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus
nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die
endgültige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen
Anschauungen abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die
tatsächliche Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen und die
durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten,
soweit sie beobachtet werden können, untersuchen. Die Lösung dieser
Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch,
doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (§ 6) und über diese
Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden (§ 7), im voraus
zusammengestellt werden.
§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen
Erscheinungen.
Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig Körper und Seele sich
unterscheiden, sind folgende, zunächst für die _Körperwelt_:
1. Die _körperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf,
während keinerlei Vorgänge in der Seele, nicht einmal unsere
Vorstellungen vom Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung
eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig.
2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt sein durch das
_Gesetz der Trägheit_: jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe
oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung
desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der
Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller
Veränderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem
Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch das organische
Leben und der menschliche Körper soll diesen Gesetzen unterworfen sein,
und das Leben also nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur
auf eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte
Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Körper
verbundenen Stoffen und Kräften zurückgeführt werden.
Für die _geistige Welt_ konnte die Gültigkeit dieser Gesetze bis jetzt
nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentümliche
Merkmale anderer Art:
1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch _Veränderung_,
_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmäßig fortdauernder
Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewußtsein ab und es
tritt, wenn alle mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden,
Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch
Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. für das
Gesicht durch Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör
durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält sich der
religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als
absolute Einheit sich versenkt.
2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der
Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in
Wechselwirkung miteinander, so daß neue Erscheinungen entstehen, und
werden in der _Einheit des Bewußtseins_ zusammengefaßt. Dies ist aber
nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände der Seele _festgehalten_
oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden können. Doch
ist damit allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. Ein
solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewußten Natur
vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zuständen der Seele
ein innerer Zusammenhang bestehen, so müssen die früheren als solche
_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewußte Beziehung
gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fähigkeit
der Seele. Sie macht es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne
sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen
Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen und zu
verbinden.
Diese _innere Einheit des Bewußtseins, verbunden mit freier
Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen
Gesundheit_. Löst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe
Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es
ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_.
An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im
Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Während aus
zwei Bewegungen körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche
die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins zu einer Verbindung
früherer Vorstellungen mit späteren, ohne daß diese deshalb darin
aufgehen müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr die
einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und
mit deren Resultat gegenwärtig.
§ 7. Das Nervensystem.
Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, daß nicht alle
Bestandteile des Körpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In
unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weiße
Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. Die unendlich
zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese
stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung
(die Zahl der Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine
Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein _System_ bildet, durch das
allein jede Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele vermittelt wird.
Die _sensiblen_ Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des
eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem
Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausführung der
Bewegungen durch Überleitung des Befehls dazu auf die ausführenden
Glieder zu vermitteln.
Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an bestimmte
Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knüpfen
(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat
geführt. Eine solche „Lokalisation” bestimmter Geistestätigkeiten bis
ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie oder
Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, da weder der
Schluß von der Ausbauchung des Schädels auf die stärkere Vertretung der
darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte
populäre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte
der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der
dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre des Großhirns nachgewiesen
werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der
Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hören, und die
Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum,
Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein
anerkannt, daß die höheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle,
Willensentschlüsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind.
(Näheres über das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl.
Sammlung Göschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der
Psychophysik.)
Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”.
Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von
_drei Seelenvermögen_ erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und
eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen
Vorgänge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf
die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das
Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem
befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei _zwei wichtige
Punkte_ nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck „Vermögen”,
teils was die Dreiteilung betrifft:
1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele
nicht _erklärt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch
keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem
Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt.
Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen
Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in
Klassen einteilen.
2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen,
das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum
einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen
vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen
das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im
folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert
betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit
in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit
nicht gibt.