Namen- und Sachregister 143

Einleitung.

§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.

_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat,

Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens

herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem

Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes und sie gehen teils von

Voraussetzungen aus, die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu

Resultaten, die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie prüft

jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der

Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu

erforschen.

Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer

Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche in dem Wissensstoff, den er im

Glauben an fremde Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet

hat, und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen auf

unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste Widersprüche in

sich schließt.

_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei großen Gebieten der

Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der

Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschäftigt

sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an

jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der

Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie

es als Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in

Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt.

Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor,

deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung

von_ zu befolgenden _Regeln_ führen, eine gesonderte Behandlung

empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der ästhetische

Geschmack in der _Ästhetik_, das sittliche Bewußtsein in der _Ethik_,

das religiöse Bewußtsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenständen

einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen

treten in der Geschichte _als geistige Mächte_, als Hauptelemente der

menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat,

Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken,

als _Ideale_: Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der

Gottheit. Doch erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre

Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und beide

Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch in jeder

Geisteswissenschaft zusammenwirken.

Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der

Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr die Aufgabe in sich,

auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des

Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhängen untereinander zu

untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die

Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschließende Wissenschaft

beschäftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze

auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen

(Erkenntnistheorie), nach der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir

der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung, Raum und

Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie

nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als für das philosophische

Erkennen unerreichbar angesehen wird.

§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie.

Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die § 1

bezeichneten Aufgaben zu lösen.

Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die

_ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen

Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die

_Pythagoreer_ in Maß und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz

zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich

verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten,

unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt,

Lage und Bewegung. Erst für _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk

eines vernünftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach

vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles

bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mußte von den großen

Philosophen der Folgezeit neu begründet werden.

Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die

griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie machten den Menschen selbst

und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ († 399)

beschäftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren

und Guten. _Plato_ († 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den

Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfaßte noch tiefer

Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein großer Schüler _Aristoteles_

(† 322) wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens

zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen Vorgänger

durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der

damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der

Philosophie hereinzog.

Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten

den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als höchste Regel des Lebens die

Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_

forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten

einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit

unmittelbar anzuschauen.

Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einfluß des

Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber

erst durch die Reformation wurde freie Forschung möglich gemacht.

In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen verfolgen,

eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste,

hauptsächlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem

Engländer _Baco von Verulam_ († 1626), der auf Naturforschung und

Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt durch _Locke_,

_Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ († 1873) und

_Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von

den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_

(† 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also bin ich

(%cogito ergo sum%) alle Wahrheit gründete, und wird fortgeführt durch

_Spinoza und Leibniz_.

Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_

(1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermögens selbst und

seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für

die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, während

_Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und

Sein einer unbegrenzten Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah

_Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe der

Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und

gewann besonders durch eine sorgfältige, auf Mathematik gegründete

Psychologie eine große Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten

_Trendelenburg_ mit Rückgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus

1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung den Idealismus

neu zu gestalten.

In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei philosophische

Richtungen große Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der

_Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie

zurückführen will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der

_Pessimismus_, begründet durch _Schopenhauer_ († 1860), in

selbständiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann.

Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor der

_Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht

auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und

England herübergekommen, nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten

lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein

naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens geführt hat, macht

sich jedoch eine _idealistische_ Gegenströmung mehr und mehr geltend.

§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.

Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie werden sich

zur Einführung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders

eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern

philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule für das

philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik

zu.

Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und manche Resultate der

Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, daß die einfache Betrachtung

der Außenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie

ausgehen dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen beweisen,

daß dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand

entsprechen muß. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, daß

das Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein von diesen

selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhängig

ist. Die Naturwissenschaft erklärt das, was wir als Licht, Schall, Wärme

wahrnehmen, für eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So

erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer äußeren Wahrnehmung

überhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen,

nämlich _das Bewußtsein, daß wir zweifeln_, oder _daß wir jene Eindrücke

haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung

entsprechende -- Außenwelt gibt. _Daß_ wir etwas vorstellen, daß wir

etwas fühlen oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende,

wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%,

steht uns unumstößlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen

Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_,

wird daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige der

Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des

philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die

Beobachtung des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann.

Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, daß

die _wertvollsten Gegenstände der philosophischen Betrachtung_ auf dem

Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist.

Sie ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften

überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, Ästhetik, Ethik,

Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren

Abschluß in der Metaphysik.

Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einführung in die

Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die

Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und

Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie

noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen darf und

deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur

Erforschung der Wahrheit _einer Prüfung unterziehen muß_. Insofern

bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist

aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet,

weil das Verständnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung

der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen

erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verständnis der

schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet.

Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der Logik am besten

vorangeht, da die Vorgänge beim Denken selbst zunächst Gegenstand der

Psychologie sind.

Psychologie.

§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie.

Man unterscheidet herkömmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie,

welche die Tätigkeitsäußerungen der menschlichen Seele mit ihren

Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere

Wesen der Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus zu

erklären sucht.

Die letztere fällt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach

der Art der Existenz und der Veränderung der Seele, nach ihrem

Zusammenhang mit dem Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu

anderen Seelen.

Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunächst

rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens

und ihren gesetzmäßigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur

wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nächste empirische

Aufgabe mit vorläufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom

festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann

sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme

weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften für ihre Ideale

Anknüpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung

und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_

Behandlung von der _populären_ Auffassung, die beides vermischt und

z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres metaphysisch als Tätigkeiten

und Zustände eines _Dings_ nach Analogie der Körperwelt erklärt.

Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie.

Abschnitt I. Seele und Körper.

§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und

Körper.

Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknüpft

mit _körperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb häufig

die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich

mit dem menschlichen Körper beschäftigen, der _Anatomie_, d. h. der

Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_,

d. h. der Lehre von den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die

neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die

unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für das Verhältnis von

Seele und Körper.

Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete läßt sich aber

von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton

hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg er von der

Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen

keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß

fassen; aber auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem geistigen

entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten wir nicht, wie die

Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu

werden, oder wie der Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu

setzen.

Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über dieses _Verhältnis von

Seele und Körper_ aufgestellt worden. Es sind hauptsächlich _vier

Möglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um

deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mögliche

Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Körpers

(Materialismus), 2. der Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines

oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder

man erkennt die Selbständigkeit beider an, dann sind zwei weitere Fälle

möglich: 3. Seele und Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen

oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele

und Körper sind verschiedene Äußerungsformen eines und desselben Wesens,

stehen daher in keinerlei Verhältnis von Ursache und Wirkung

(Identitätshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische

Parallelismus).

Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus

nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die

endgültige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen

Anschauungen abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die

tatsächliche Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen und die

durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten,

soweit sie beobachtet werden können, untersuchen. Die Lösung dieser

Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch,

doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (§ 6) und über diese

Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden (§ 7), im voraus

zusammengestellt werden.

§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen

Erscheinungen.

Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig Körper und Seele sich

unterscheiden, sind folgende, zunächst für die _Körperwelt_:

1. Die _körperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf,

während keinerlei Vorgänge in der Seele, nicht einmal unsere

Vorstellungen vom Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung

eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig.

2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt sein durch das

_Gesetz der Trägheit_: jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe

oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung

desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der

Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller

Veränderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem

Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch das organische

Leben und der menschliche Körper soll diesen Gesetzen unterworfen sein,

und das Leben also nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur

auf eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte

Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Körper

verbundenen Stoffen und Kräften zurückgeführt werden.

Für die _geistige Welt_ konnte die Gültigkeit dieser Gesetze bis jetzt

nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentümliche

Merkmale anderer Art:

1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch _Veränderung_,

_Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmäßig fortdauernder

Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewußtsein ab und es

tritt, wenn alle mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden,

Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch

Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. für das

Gesicht durch Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör

durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält sich der

religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als

absolute Einheit sich versenkt.

2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der

Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in

Wechselwirkung miteinander, so daß neue Erscheinungen entstehen, und

werden in der _Einheit des Bewußtseins_ zusammengefaßt. Dies ist aber

nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände der Seele _festgehalten_

oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden können. Doch

ist damit allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. Ein

solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewußten Natur

vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zuständen der Seele

ein innerer Zusammenhang bestehen, so müssen die früheren als solche

_wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewußte Beziehung

gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fähigkeit

der Seele. Sie macht es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne

sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen

Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen und zu

verbinden.

Diese _innere Einheit des Bewußtseins, verbunden mit freier

Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen

Gesundheit_. Löst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe

Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es

ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_.

An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im

Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Während aus

zwei Bewegungen körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche

die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins zu einer Verbindung

früherer Vorstellungen mit späteren, ohne daß diese deshalb darin

aufgehen müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr die

einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und

mit deren Resultat gegenwärtig.

§ 7. Das Nervensystem.

Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, daß nicht alle

Bestandteile des Körpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In

unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weiße

Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. Die unendlich

zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese

stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung

(die Zahl der Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine

Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein _System_ bildet, durch das

allein jede Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele vermittelt wird.

Die _sensiblen_ Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des

eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem

Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausführung der

Bewegungen durch Überleitung des Befehls dazu auf die ausführenden

Glieder zu vermitteln.

Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an bestimmte

Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knüpfen

(_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat

geführt. Eine solche „Lokalisation” bestimmter Geistestätigkeiten bis

ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie oder

Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, da weder der

Schluß von der Ausbauchung des Schädels auf die stärkere Vertretung der

darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte

populäre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte

der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der

dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre des Großhirns nachgewiesen

werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der

Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hören, und die

Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum,

Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein

anerkannt, daß die höheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle,

Willensentschlüsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind.

(Näheres über das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl.

Sammlung Göschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der

Psychophysik.)

Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.

§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”.

Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von

_drei Seelenvermögen_ erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und

eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen

Vorgänge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf

die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das

Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem

befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei _zwei wichtige

Punkte_ nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck „Vermögen”,

teils was die Dreiteilung betrifft:

1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele

nicht _erklärt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch

keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem

Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt.

Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen

Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in

Klassen einteilen.

2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen,

das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum

einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen

vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen

das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im

folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert

betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit

in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit

nicht gibt.

Psychologie und Logik: zur Einführung in die Philosophie · 第 18 / 73 题