Wenn metaphysisches Bedürfnis und das Bewußtsein dieses Bedürfnisses

den Romantiker bezeichnet, so sind diese Züge Kleist mindestens ebenso

eigen wie Hoffmann. Nur keimen sie bei ihm aus anderen Voraussetzungen.

Das entscheidende, Kleist auf das tiefste erschütternde

Gedankenerlebnis war der Eindruck, den Kants erkenntnistheoretische

Aufstellungen auf ihn machten; wichtigstes Zeugnis ist der Brief an

seine Braut Wilhelmine v. Zenge vom 22. März 1801. Einigermaßen mit

frühromantischen Thesen verwandt, wenn auch nicht aus romantischer

Quelle geschöpft war die Lebensanschauung, die er „schon als Knabe“

sich angeeignet hat: daß wir einst nach dem Tode von der Stufe der

Vervollkommnung, die wir auf diesem Sterne erreichten, auf einem

anderen weiter fortschreiten würden. Nach und nach sei es ihm

deshalb zur „Religion“ geworden, nie auf einen Augenblick hienieden

still zu stehen und unaufhörlich einem höheren Grade von Bildung

entgegenzugehen. Bildung schien ihm das einzige Ziel, das des

Bestrebens, Wahrheit der einzige Reichtum, der des Besitzes würdig

sei. Eben dieser Glaube, der Wahrheit teilhaftig zu werden, wurde

ihm von Kant genommen. Er suchte, was er aus Kants Kritik herauslas,

seiner Braut zu verdeutlichen: „Wenn alle Menschen statt der Augen

grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände,

welche sie dadurch erblicken, +sind+ grün -- und nie würden sie

entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind,

oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem

Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden,

ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns

nur so scheint. Ist das letzte, so +ist+ die Wahrheit, die wir hier

sammeln, nach dem Tode nicht mehr -- und alles Bestreben, ein Eigentum

zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich“ (5, 204).

Mit erschütternden Worten kündigt er an, wie diese Einsicht ihn tief in

seinem heiligsten Innern verwundet habe: „Mein einziges, mein höchstes

Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.“ Ein faustisches

Erlebnis, dem Bescheid des Erdgeistes gleich wirkend, ward also auch

Kleist durch Kant zuteil, und ganz faustisch gesteht er am 23. März

1801 der Schwester: „Mich ekelt vor allem, was Wissen heißt“ (ebenda S.

207).

So tief und so schmerzvoll haben die Frühromantiker kaum die

Folgerungen aus Kants Lehre verspürt. Dennoch sind sie auch ihnen

Voraussetzung für ihr weiteres Denken und Ringen geworden. Mindestens

bewährt sich bei Kleist wie bei ihnen das echt romantische Bedürfnis,

das Absolute als begriffliche Wahrheit zu erfassen.

Für Kleist aber ergibt sich aus dem Gedankenerlebnisse die Grundlage

fast seiner ganzen späteren Dichtung. Einem Worte Goethes folgend,

hat man an Kleists Dramen und Novellen im einzelnen nachzuweisen

versucht, daß er auf Verwirrung des Gefühls ausgehe; und des weiteren

ward festgestellt, daß er das verwirrte Gefühl wieder zur Klarheit

führe. Nicht beachtet wurde, daß die Gefühlsverwirrung durchweg auf der

Unsicherheit beruht, in die der Mensch durch die unlösbare Frage: „Was

ist Wahrheit?“ versetzt wird. Das Thema von Kleists Dichtung könnte

umschrieben werden: welche seelischen Konflikte erwachsen aus der

Unmöglichkeit voller Erfassung der Wahrheit, welche ethischen Folgen

hat die theoretische Beschränktheit des Menschen? Verstandesirrtümer

werden zur Voraussetzung von sittlichen Krisen. Sinnestäuschung macht

die Schroffensteiner zu Mördern ihrer Kinder. Alkmene weiß nicht, daß

sie Jupiter in Amphitryons Gestalt umarmt hat, die Marquise von O...

ahnt wirklich nicht, wer der Vater ihres Kindes ist, ja sie verkennt

lange ihren eigenen Zustand. Kohlhaas hat irrige Anschauungen von dem

Begriff des Rechtes. Penthesilea glaubt tatsächlich Achill besiegt

zu haben. Der Graf von Strahl meint, der Traum habe ihm in Kunigunde

seine künftige Braut gezeigt. Homburg wird durch die Ungewißheit, ob

Sinnestäuschung oder wirkliches Erlebnis in der nächtlichen Krönung

durch Natalie sich abgespielt hat, zu allen weiteren Verwickelungen

getrieben. Ins Komische gewendet ist das Problem im „Zerbrochenen

Krug“: Das Spiel mit der Wahrheit kann so lange hinausgesponnen werden,

weil die Sinne des Menschen so unzuverlässig sind.

„Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“: so klingt es höhnisch

aus den Schroffensteinern (Vers 2705) uns entgegen. Solcher „Versehen“

ist Kleists Dichtung übervoll. Nur selten wird dies „Versehen“

unmöglich gemacht durch aufklärende Erhebung des Menschen über sich

selbst. Der seelische Läuterungsprozeß, den der Prinz von Homburg

durchläuft, läßt ihn über alles Irren und alle Fehlgriffe siegreich

emporsteigen. Meist aber zieht die Klarheit, wenn sie sich endlich

einstellt, nur die letzten Konsequenzen des tragischen Konflikts:

Penthesilea tötet sich selbst, Kohlhaas besteigt gefaßt und innerlich

gehoben das Schafott. Geläutert sind sie alle zuletzt wie Homburg, aber

nur er braucht den Gewinn nicht mit dem Tode zu bezahlen.

Eben weil menschliches Denken fehlgreift, ist volles Glück nur in dem

idyllischen Zustand des Unbewußtseins möglich. Diese idyllische Phase

kennzeichnet sich am deutlichsten in Käthchens unbeirrbarem Wesen. Das

Bewußtwerden führt zum Mißverständnis, führt zur Gefühlsverwirrung.

Alkmene und Penthesilea werden durch das helle Licht des Bewußtseins

in Tragik hineingetrieben. Romantisch offenbart sich als letztes Ziel

eine seelische Harmonie, die aus dem Bewußtsein emporkeimt, die alle

irdischen Schwächen überwunden hat.

Selbstverständlich führte der Gedanke von der Unsicherheit und dem

Trug der menschlichen Sinne Kleist zum Studium der „Nachtseite“. Eben

deshalb ist ihm Schubert so wichtig. Darum holt er sich aus Schuberts

13. Vorlesung über die Nachtseite der Naturwissenschaft den Stoff des

„Käthchen“. Der Graf von Strahl ist wieder der Magnetiseur, Käthchen

die Somnambule. Neben Schubert hat wahrscheinlich der Pneumatolog

Jung-Stilling durch seinen Roman „Theobald oder die Schwärmer“

(1784 f.) und der Physiolog Johann Christian Reil durch seine

„Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf

Geisteszerrüttungen“ (1803) Kleist geholfen, sein somnambules Käthchen

und den somnambulen Prinzen von Homburg zu gestalten. Gerade Reil

belehrte ihn über Sinnesstörungen und befruchtete dadurch Kleists

Denken, dem die Grenzen der Sinneserkenntnis durch Kant zum zentralen

Thema geworden waren (vgl. S. Wukadinovic, Kleiststudien, Stuttgart und

Berlin 1904, S. 150 ff., 186 ff.).

4. Das Lebensproblem in Drama und Roman.

Kleists künstlerische Begabung war stark genug, um die fast übermäßige

gedankliche Last seiner erkenntnistheoretischen Probleme zu tragen.

Nicht wie andere Romantiker bricht er als Dramatiker unter der Aufgabe

zusammen, das Leben zu deuten.

Der Gegensatz, in dem das romantische Drama zu der Bühne steht,

hat eine ganze Kette von Ursachen. Der Widerspruch, in dem man von

Anfang an zu den Bühnenbeherrschern der Zeit, zunächst zu Kotzebue,

sich fühlte, erschwerte sicherlich ein bescheidenes Anknüpfen an das

bestehende Theater. Wer wie Tieck im „Gestiefelten Kater“, in der

„Verkehrten Welt“ und im „Zerbino“ mit geistreichem Spott die mehr

oder minder notwendigen Anpassungsversuche übergossen hat, die der

Bühnenkonvention zuliebe von gewandten Theaterleuten zugelassen

werden, der hat es sich nicht leicht gemacht, ein bühnenfähiges Stück

zu schreiben, wenn er einmal nicht bloß zerstören, sondern selber

bauen will. Die Romantiker von Tiecks Art haben zu lange in der

Opposition gesessen, um die Regierung auf dem Theater mit Erfolg zu

übernehmen. Noch wesentlich erschwert wurde ihnen die Aufgabe durch

ihren Gegensatz zu Schillers Meisterdramen. Hier war wirkliche Kunst

mit der Fähigkeit verknüpft, das bestehende Theater zu beherrschen.

Wenn die Romantiker aufgaben, was ihnen an Schiller mißfiel, so boten

ihre Lieblingsdramatiker Shakespeare und Calderon wohl Mittel, das

Aufgegebene zu ersetzen. Mindestens hat Grillparzer gezeigt, wie aus

spanischer Dramatik ein bühnengerechtes Kunstwerk deutscher Zunge

Anregungen ziehen kann, die über Schiller hinausführen, Otto Ludwig

aber scharfen Auges die Vorteile erforscht, die dem modernen Dramatiker

durch das Studium Shakespeares sich ergeben, wenn er von vornherein

festhält, was Schiller von Shakespeare trennt. Den romantischen

Dramatikern aber ging weder an Shakespeare noch an Calderon die

Bühnenkunst auf, die Schiller von Anfang an angeboren war.

Schiller hatte in seiner Jugend genial herausgefühlt, später mit

vollem Bewußtsein aus dem Studium antiker Dramatik und alter wie

neuerer Theorie erschlossen, daß die tragische Form dank der

eigentümlichen Bedingungen bühnengemäßer mimischer Darstellung auf

einem scharf umgrenzten, von Anfang an genau berechneten Zusammenhang

von gegensätzlichen Tatsachen beruhe. Der antithetische Grundzug von

Schillers Denken deutete von vornherein auf dieses Ziel. Wenn irgendwo,

so war in der Tragödie ein freies Schweifen, eine lässige Hingabe an

den Stoff, ein liebevolles Ausmalen so lange verfehlt, als die strenge

gerade Linie, die zu dem Konflikte führt, noch nicht von dem Dichter

gezogen war. Der bezaubernde und betörende Reichtum Shakespearescher

Kunst hatte gleich bei den ersten starken Wirkungen, die sie nach

1760 ausübte, Shakespeares wunderbare Kraft der Wiedergabe des Lebens

bedeutsamer erscheinen lassen als seine Kunst, wirklich tragische

Situationen zu schaffen. Darum durfte Lessing in der „Hamburgischen

Dramaturgie“ (St. 38) sich auf die Worte des Aristoteles berufen, daß

die σύνθεσις oder σύστασις τῶν πραγμάτων Hauptsache für den Tragiker

sei (Poetik, Kap. 6). Schiller fand denn auch in der Bemerkung

des Aristoteles, daß bei der Tragödie auf die Verknüpfung der

Begebenheiten alles ankomme, den Nagel auf den Kopf getroffen (an

Goethe 5. Mai 1797). Trotz Lessing glaubte die Mehrheit der Stürmer

und Dränger, vor allem Goethe in seinem „Götz von Berlichingen“, trotz

Schiller meinten die Romantiker, daß in dem Kolorit und nicht in der

exakten Linienführung das Geheimnis der tragischen Dichtung liege.

Das Kolorit reich auszugestalten wurden die Romantiker von Calderon

vielleicht noch mehr als von Shakespeare angeleitet. Der Vorbericht,

mit dem Tieck 1828 seine Dramen einführt (1, XXVI ff.), offenbart ganz

unzweideutig, wie wichtig ihm der formale Schmuck war, den er ihnen

lieh, wie wenig er sich daneben um den Aufbau tragischer Konflikte

kümmerte.

Wohl hatte die romantische Shakespeareforschung längst sich von

den Fehlgriffen befreit, die kurz vor und auch unmittelbar nach

der „Hamburgischen Dramaturgie“ in der Beurteilung und Ergründung

der tragischen Form Shakespeares sich eingestellt hatten (vgl. M.

Joachimi-Dege, Deutsche Shakespeare-Probleme im XVIII. Jahrhundert und

im Zeitalter der Romantik, S. 158 ff.). Doch weil Fr. Schlegel und

seine Gehilfen allzu fein das Problem anpackten, diente ihre Forschung

nicht der lebendigen Bühne. Fr. Schlegels Zentrumstheorie, die Annahme

eines „Mittelpunkts“, der jedes Shakespearesche Drama beherrsche,

nützte der σύστασις τῶν πραγμάτων nicht, lehrte nicht, wie man

Begebenheiten zu unlösbaren tragischen Konflikten verknüpfe. Vielmehr

legte die Lehre den Romantikern nahe, eine gewiß künstlerische,

Shakespeare in hohem Grade eigene Tönung des ganzen Dramas auf

+eine+ Stimmung vor allem anderen anzustreben. Und ebensowenig

konnte diese feinfühlige Theorie verhindern, daß die Romantik ihr

Lieblingsproblem, die Darstellung und Ergründung des Lebensrätsels, zur

Hauptsache auch in der Tragödie erhob.

In den Wiener Vorlesungen von 1812 (2, 138) sagte Fr. Schlegel von

Shakespeare: „Wäre Verstand, Scharfsinn und Tiefsinn der Beobachtung,

insofern sie notwendig sind, das Leben charakteristisch aufzufassen,

die erste unter allen Eigenschaften des Dichters, so würde in dieser

schwerlich ein anderer sich ihm gleichstellen können.“ Die Dramen der

Romantik stellen das Leben dar, ohne es mit der ganzen Schärfe von

Shakespeares Auge zu sehen.

Streng dramatische Form im Sinne des Aristoteles, Lessings oder

Schillers war von vornherein ausgeschlossen. Denn die Forderung,

daß romantische Poesie alle getrennten Gattungen der Poesie wieder

vereinigen sollte, wurde gleich in Tiecks Dramen zu einer Hauptaufgabe.

Seine Vorliebe für Dramen mit epischen Einlagen („Perikles“,

Shakespeares „Wintermärchen“) und für den reichen lyrischen Schmuck des

spanischen Bühnenstücks erleichterte ihm, diese Aufgabe zu erfüllen.

Sehr richtig hat ferner Joh. Ranftl (L. Tiecks „Genoveva“, Graz 1899,

S. 141 f.) herausgefühlt, daß Tieck trotz der äußerlich dramatischen

Form episch denke, weil seine Dichtung ihm ein gelesenes Gedicht, nicht

ein dargestelltes Theaterstück bedeute. Ranftl selber hat freilich auch

das künstlerische Gesetz der „Genoveva“ herausgefunden (S. 149 ff.),

indem er die Symmetrie des Aufbaues und die durchgehende Verwertung

von Kontrastwirkungen aufzeigte. „Das scheinbar Verworrene entfaltet

sich nach geheimen höheren Gesetzen.“ Doch von streng tragischer

Architektonik kann natürlich trotzdem keine Rede sein.

Vielmehr soll „der ganze Umkreis des Lebens“ (Tiecks Schriften 1, S.

XXXIX) in diesen Kontrastwirkungen sich spiegeln; die Rätselfragen

des menschlichen Daseins wollen auch in der Tragödie zur Erörterung

kommen. Das romantische Denken spitzte sich -- wie wir gesehen haben

-- von Anfang an auf das Problem zu, wie der Mensch zu diesem Leben

ein Verhältnis finden könne. Seine letzte und höchste Lösung fand

das Problem in Schleiermachers Versuch, das irdische Leben, die

Endlichkeit, im Abglanz des Unendlichen zu sehen, im Endlichen das

Unendliche zu lieben. Doch dieser romantisch-monistische Anlauf zu

einer Aussöhnung mit der Welt blieb den Romantikern vielfach nur ein

ideales Programm. Sie fühlten sich trotzdem in stetem Gegensatz zu dem

Leben, das sich gegen ihre Zumutung wehrte, in Poesie umgesetzt zu

werden. Obgleich sie mit Goethe so gern von „Lebenskunst“ sprachen,

waren sie vielfach Lebensdilettanten. „Wilhelm Meisters Lehrjahre“

wurden die romantische Bibel, soweit der Held der „falschen Tendenz“

huldigte, Poesie im Leben verwirklichen zu wollen; da er zuletzt diese

Tendenz gegen Lebenskunst umtauschte, verwandelte sich den Romantikern

Goethes Roman in einen „Candide gegen die Poesie“. Im tiefsten Innern

verwandter war der romantischen Generation der Roman Tiecks, der,

abermals ehe es zur theoretischen Feststellung kam, das proteische

Wesen des Romantikers dichterisch erfaßte (s. oben S. 17 ff.), sein

„William Lovell“ (1795/96). In diesem Buche fand Fr. Schlegel einen

„Kampf der Prosa und der Poesie, wo die Prosa mit Füßen getreten wird

und die Poesie über sich selbst den Hals bricht“ (Athen.-Fgm. 418).

Ähnliche Schicksale wurden den Romantikern selber zuteil. „Lovell

ist“, sagte Fr. Schlegel, „ein vollkommner Phantast in jedem guten und

in jedem schlechten, in jedem schönen und in jedem häßlichen Sinne

des Worts.“ Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische

Dichtung“ umschreibt das Wesen des Phantasten: er verläßt die Natur

aus bloßer Willkür, um dem Eigensinne der Begierden und den Launen der

Einbildungskraft desto ungebundener nachgeben zu können. „Aber eben

darum, weil die Phantasterei keine Ausschweifung der Natur, sondern

der Freiheit ist, also aus einer an sich achtungswürdigen Anlage

entspringt, die ins Unendliche perfektibel ist, so führt sie auch zu

einem unendlichen Fall in eine bodenlose Tiefe und kann nur in einer

völligen Zerstörung sich endigen“ (Säkularausgabe 12, 263). Wirklich

stimmt Schillers Definition genau zu dem Lebensgange Lovells; die

Romantiker aber kamen in ihrem Leben den Wegen Lovells oft bedenklich

nahe. Lovell ist Solipsist: „Die Wesen sind, weil wir sie dachten“;

„Wir sind das Schicksal, das sie [die Welt] aufrecht hält“; „Die

Tugend ist nur, weil ich selber bin, Ein Widerschein in meinem innern

Sinn“; „Die Tugend ist nur, weil ich sie gedacht“ (6, 178). Solchem

Solipsismus ist Novalis in den Spekulationen seiner Fragmente nicht

immer mit Erfolg ausgewichen. Die unbegrenzte Macht, die er, von

Fichte ausgehend, dem Willen des Menschen zuschrieb, zeigt, wie viel

er mit Lovell gemein hatte. Mit Novalis urverwandt sind wiederum die

„hohen Menschen“ Jean Pauls (s. oben S. 76). Jean Paul aber hat die

Galerie problematischer Naturen jener Epoche um mehr als ein Bild

bereichert. Roquairol im „Titan“ ist nächster Nachbar Lovells, ist eine

so typische Gestalt, daß seine Züge noch bei Byron oder in Benjamin

Constants „Adolphe“ (1816) sich nachweisen lassen. Tiecks Lovell

und Jean Pauls problematische Naturen schreiten an der Spitze der

langen Reihe romantischer Romanhelden, die in den Erlebnissen Wilhelm

Meisters ihren Lebensdilettantismus bewähren. Goethes Eduard gesellt

sich zu ihnen. Sie alle quälen sich mit der Frage nach dem Sinn des

Daseins, nach den Mitteln, ein festes Verhältnis zu diesem Leben zu

gewinnen. Und dennoch hat keiner die Kraft, sein Leben mit fester Hand

zu formen; sie lassen sich treiben, sie scheinen von einem Verhängnis

weitergeschoben zu werden. Zuerst bringen die „Wahlverwandtschaften“

das Gebot energischerer Lebensführung den Romantikern nahe. Arnims

Graf Karl in der „Gräfin Dolores“ zeigt alsbald die festeren Züge des

echten Edelmanns von altem Schrot und Korn. Doch noch Eichendorff

läßt den Helden von „Ahnung und Gegenwart“ (1815) gut katholisch in

völligem Verzicht auf das tätige Leben enden, weil er zwar selber

zu ernst geworden ist, um die freie Ethik der ersten romantischen

Romane anzuerkennen, den Weg aber nicht findet, auf dem sein Held das

Leben als Sieger durchwandeln könnte. Nur in humorvollem Spotte war

es Eichendorff gegeben, sich über die ältere romantische Ansicht zu

erheben; und so dichtete er seinen „Taugenichts“ (1826).

Dieselben Probleme des Lebens, die der romantische Roman nicht müde

wird zu variieren -- Probleme, die noch Gottfried Kellers „Grünem

Heinrich“ zugrunde liegen --, sie werden auch im romantischen Drama

zur Hauptsache. Nur wurde diesem zum Hemmnis, was dem Roman einen

reichen und fruchtbaren Boden schuf. Der romantische Roman ist ebenso

vielgestaltig und interessant, wie das romantische Drama durch seine

Abschilderung des Lebens an tragischer Kraft verliert.

Die Romane, die dem Gefolge von Goethes „Lehrjahren“ angehören,

erreichen ihr Vorbild nach der Seite architektonischer Abrundung

freilich nicht. Hatte schon dieser Roman Goethes eine viel freiere

Komposition als „Werther“ und „Wahlverwandtschaften“, so gestatteten

sich die Romantiker doch noch ein weit unbekümmerteres Hin- und

Herschlendern, wenn sie nicht gar „schöne Willkür“ zum Prinzip erhoben.

Bei Jean Paul, der neben Goethe den romantischen Erziehungsroman am

stärksten befruchtete, war strengere Erzählungstechnik vollends nicht

zu lernen. Wohin aber mußte ein Drama geraten, das unwillkürlich und

gewohnheitsmäßig in die Art solcher Erzählungskunst sich verlor?

Von allen Problemen des Lebens, die da in Roman und Drama zur

Erwägung kamen, bot nur eines Handhaben zu strengerer Beobachtung

dramatischer Form: die Frage nach der Willensfreiheit des Menschen.

Wenn auch in einseitigem und wenig rühmenswertem Sinne wurde denn

auch das Schicksalsmotiv ein Mittel, die Romantiker an die bestehende

Bühne zu gewöhnen. Ihre +Schicksalsdramen+ sind tatsächlich wirksame

Theaterstücke.

Die Schicksalstragödie ist eine der seltsamsten Wirkungen der

Romantik; die Romantiker selbst haben sie verleugnet, eben weil in

ihr ein starker nichtromantischer Einschuß sich zeigt. Sie verknüpft

Schillersche Lehre mit romantischen Ideen und Formen; sie übertreibt

da wie dort und endet in schlimmer äußerlicher Mache. Aber ihr erstes

Produkt stammt von einem hochbegabten Dichter; und in Grillparzers

„Ahnfrau“ nähert sie sich echter Kunst.

Wie tief die Schicksalstragödie in der Romantik wurzelt, bezeugen

Tiecks jugendliche Versuche „Der Abschied“ (1792) und „Karl von

Berneck“ (1795). Der Fatalismus des jungen Tieck, der sich im „Blonden

Eckbert“ noch stark kundgibt, seine Anschauung von der willenlosen

Gebundenheit des Menschen, dessen Leben von einer rätselhaften

Naturmacht geleitet wird, arbeitet bis ins einzelne den Dichtungen

Z. Werners, Müllners, Houwalds vor. Der Gegensatz Tiecks zu der

romantischen Philosophie, die das Licht des Geistes in die Natur, nicht

die Gebundenheit der Natur in das Menschenleben hineintragen wollte

(s. oben S. 137), zeigte sich in jenen Dramen noch stärker als in dem

Märchen. Tieck wühlt mit wahrer Wollust im Grauenhaften, während die

Schlegel, Novalis, Schleiermacher in ein freies Reich des Geistes

hinaufführen wollen.

Doch auch die kühnsten und gedankenfreiesten romantischen Denker waren

der Gefahr ausgesetzt, willensschwach von den Verhältnissen sich führen

zu lassen. Die strenge Ethik Kants war ihnen fremd, sie lauschten auf

die Stimme der Natur, die in ihrem Inneren sprach, sie scheuten sich,

gegen die Wünsche ihres Gefühlslebens aufzutreten, weil sie in ihm die

Kundgebungen des Gesetzes ihrer eigenen Persönlichkeit sahen. Eben die

Schwierigkeit, dieses Gesetz der eigenen Persönlichkeit zu erfassen,

läßt die Romantiker oft wie willenlose Instinktmenschen erscheinen.

Ricarda Huch hat (2, 131) ihnen vorgeworfen, daß sie das Leben nicht

selbsttätig formen, wie der Künstler mit seinem Stoffe verfährt, daß

sie nicht leben, sondern gelebt werden; und sie hat sich dabei auf ein

Wort bezogen, das die Günderode gegen Bettina ausspielte: „Du dünkst

mir der Lehm zu sein, den ein Gott bildend mit Füßen tritt.“

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 15 / 17 段