Überhaupt ist die romantische Weltanschauung weder ganz auf

dem Standpunkte der Willensfreiheit noch auf dem der völligen

Willensunfreiheit zu finden. Novalis scheint dem menschlichen Willen

grenzenlose Macht zuzugestehen und dabei neigt er, gleich Fr.

Schlegel und Schelling, zum Spinozismus. Die Schwierigkeit und die

Möglichkeit des Problems, wie Spinozismus und Willensfreiheit im

romantischen Denken sich verbinden konnten, berühren Fragmente von

Novalis: „Die lutherische Lehre von der moralischen Nullität des freien

Willens und dem ~servo arbitrio~ ist völlig einerlei mit der neuern

entgegenlaufenden Lehre von der moralischen Notwendigkeit des freien

Willens“ (3, 109). „Die Lehre von der Gnade und die Lehre vom freien

Willen widersprechen sich gar nicht, wenn sie recht verstanden werden;

beides gehört zu einem Ganzen und oft nezessitieren sie sich“ (3, 289);

„Die Lehre vom ~servo arbitrio~ ist realistisch und spinozistisch. Ihr

Gegensatz Vereinigung. Unmittelbare d. h. unbemerkbare, und mittelbare,

d. h. objektive Einwirkung Gottes, Inspiration“ (3, 296). Die dunklen

Andeutungen weisen durchaus auf eine Verbindung von Determinismus

und Willensfreiheit. Ebenso heißt es im „Ofterdingen“ aus dem Munde

Klingsohrs (4, 166 f.): „ein inniger Glaube an die menschliche

Regierung des Schicksals“ (d. h. an die Regierung des Menschen durch

ein menschlich geartetes, ihm innerlich verwandtes Schicksal) sei

dem Dichter unentbehrlich, „weil er sich das Schicksal nicht anders

vorstellen kann, wenn er reiflich darüber nachdenkt.“ Dann aber setzt

Klingsohr hinzu, und wir spüren auch hier, daß Goethe ihm zum Modell

gedient hat: „Wie weit entfernt ist diese heitere Gewißheit von jener

ängstlichen Ungewißheit, von jener blinden Furcht des Aberglaubens.

Und so ist auch die kühle, belebende Wärme eines dichterischen Gemüts

gerade das Widerspiel von jener wilden Hitze eines kränklichen

Herzens.“ Von Spinoza mächtig gepackt, hat auch Goethe sich vom

Determinismus nicht zum Aberglauben treiben lassen. Novalis aber fragt

wie Goethe, welche Verantwortung dem Menschen auch dann bleibt, wenn

er den Determinismus anerkennt, und er sucht als Dichter den Punkt,

von dem aus der dumpfe Wahnglaube der obengenannten Dichtungen Tiecks

sich überwinden lasse, auch wenn ein „Schicksal“ in höherem Sinne vom

Dichter nicht geleugnet wird.

Das Problem der Willensfreiheit steht natürlich im Mittelpunkt der

Spekulation des größten Ethikers der Romantik: +Schleiermacher+ hat

es schon in einem jugendlichen Versuche erwogen. Wie Spinoza und

Leibniz, Lessing und Hume, Goethe und Hegel verzichtete auch er auf

völlige Wahlfreiheit. Sein Determinismus aber gewann feste Gestalt, ehe

er Spinoza kannte, unabhängig auch von der Prädestinationslehre der

Reformierten (Dilthey S. 139). Er ist überzeugt, daß ein moralisches

Gefühlsleben, das unter der Voraussetzung freier Willkür steht, uns nur

eine ganz chimärische Möglichkeit willkürlicher Entschließungen biete,

während es zusammenhängende Arbeit an unserer Besserung unmöglich

mache. Nur die Einsicht in die Gesetzmäßigkeit menschlicher Handlungen

lehre eine Selbsttätigkeit kennen, die mit dem Wachstum des Charakters

selbst wächst. In den „Monologen“ ist die Frage vom Gesichtswinkel

der Weiterführung kantischer Ethik betrachtet, die sich dem Verfasser

inzwischen ergeben hatte (s. oben S. 37 ff.). Der 4. Monolog erhärtet,

daß es für den wahren Willen kein Schicksal gebe, ohne auf die

deterministische Grundansicht zu verzichten.

Schleiermacher hatte erkannt, daß jeder Mensch auf eigene Art die

Menschheit in sich darstellen soll, in einer ihm allein eigenen

Mischung ihrer Elemente. Bejahen und Gestalten der eigenen

Individualität wird darum Aufgabe des Menschen. Und wenn der Mensch

dies Ziel erreicht, dann kümmert es ihn nicht weiter, glücklich zu

sein. Wer sein Lebtag dem Glücke nachjagt, wird zum Sklaven des

Schicksals. Deshalb muß sich der Mensch von solchen Wünschen erst

frei machen. Es gilt nur, die in uns lebendigen Kräfte zu freier,

widerspruchsloser Entfaltung zu bringen, unserem Dasein den ganzen

Wert zu geben, der in uns angelegt ist. „Bei dem Denken eines solchen

Willens schwindet der Begriff des Schicksals.“ „Leid und Freude und

was sonst die Welt als Wohl und Wehe bezeichnet, müssen mir gleich

willkommen sein, weil jedes auf eigne Weise diesen Zweck erfüllt.“ Der

Verzicht auf eudämonistische Wünsche wird so zu einer Voraussetzung der

Freiheit.

Eine strenge, trotz ihrem Gegensatz zu Kant rigorose Ethik! Die

Durchführung des Gesetzes, das in jedes Menschen Brust schlummert, wird

zu einer schweren und ernsten Aufgabe. In ihrer Durchführung bewährt

der menschliche Geist seine Freiheit. Die moralische Notwendigkeit

des freien Willens wird -- wie Novalis es sagt -- hier wirklich mit

Determinismus eins.

Solche Askese zu üben, so völlig auf das Glück zu verzichten, war einem

großen Teile der romantischen Generation nicht gegeben. Vielleicht

hatte Schleiermacher selbst die Endlichkeit zu schön erscheinen lassen,

als daß man vor ihren Lockungen in sein Paradies des freien Willens

hätte fliehen wollen.

Wohl am wenigsten war Z. +Werners+ sophistische Natur geeignet, das

Gebot Schleiermachers zu erfüllen. Werner war von Anfang an darauf

aus, seine individuellen Neigungen in das stolze Gewand mystischer

Prinzipien zu hüllen und in der Terminologie Hardenbergs seine

Sinnlichkeit zu einer Religion umzustempeln. Abergläubisch genug, um

sich täglich Orakel zu machen, um später seine ewige Seligkeit nach dem

Regen oder Nichtregen eines Tages vorauszuberechnen, schielte er mit

steter Furcht nach dem Schicksal, das ihm auflauerte. Ein dauerndes

Schuldbewußtsein ließ ihn in jedem Vorgang die Ankündigung der

kommenden Strafe ahnen.

Dabei war Werner von allen Romantikern vielleicht die ausgesprochenste

Bühnenbegabung. Ein Praktikus wie Iffland erkannte ebenso wie Goethe

durch die verundeutlichende mystische Hülle seiner ersten Versuche,

daß Werner das Theater zu beherrschen verstehe. Goethe war überzeugt,

Werner sei berufen, Schillers Nachfolger zu werden, wenn er auf seine

Schrullen verzichte. Noch Grillparzer hat die Ansicht geteilt. Da indes

alle Versuche, Werner ins rechte Fahrwasser zu bringen, scheiterten,

entschloß sich Goethe, ihm eine genau umschriebene Aufgabe zu stellen

und ihm nicht nur streng einzuschärfen, daß er all sein verruchtes

Zeug diesmal weglasse, sondern auch Thema, Behandlung, Personenzahl,

Umfang bis ins kleinste zu bestimmen. Die Wirkung des Fluches sollte

dargestellt werden.

Augenscheinlich war Goethe bemüht, in seiner Aufgabe den

dramaturgischen Prinzipien Schillers Ausdruck zu verleihen. Schiller

meinte, seiner Überzeugung von der Notwendigkeit einer strengen

tragischen Verknüpfung der Begebenheiten nach antikem Vorbild am besten

durch Dichtungen gerecht zu werden, in denen die Motivierung auf einer

schicksalsartigen Zwangssituation beruhte. Darum ertönt in seinen

letzten Tragödien so gern das Wort Schicksal. Freilich war es ihm dabei

nicht um einen einseitigen Determinismus, sondern um eine unverrückbare

Motivierung zu tun. Trotzdem gelangte er auf der Suche nach einem

Stoffe, der die Vorteile des „König Ödipus“ von Sophokles aufwiese,

zuletzt zu den fatalistischen Motiven der „Braut von Messina“. Wenn

nun Goethe in der Wirkung des Fluches die „Triebfeder der griechischen

Tragödie“ erblickte und ihre dramatische Verwertung zu Werners Aufgabe

machte, wollte er augenscheinlich Werner eben dahin stellen, wo

Schiller zuletzt gestanden hatte.

Werner indes nahm das Schicksal von vornherein weit äußerlicher und

einseitiger als Schiller. Während Schiller das große, gigantische

Schicksal darstellen wollte, das den Menschen erhebt, wenn es ihn

zermalmt, während bei ihm -- streng kantisch -- die Willensfreiheit

und Selbstbestimmung des Helden gerade in dem Augenblick sich bewähren

sollte, da er physisch den äußeren Umständen erliegt, so zeichnete

Werner im „Vierundzwanzigsten Februar“ Figuren, die -- wie man

fein gesagt hat -- vom Schicksal magnetisiert sind wie Somnambule.

Die Selbstbestimmung sinkt auf ein Nichts zusammen; dafür sind die

Handlungen seiner Personen abhängig von Ort, Zeit und fluchbeladenen

Requisiten. Außerhalb des Menschen steht eine tückische Macht, die in

sein Leben hineinregiert und gegen die kein Widerstand fruchtet.

Derselbe Aberglaube herrscht in den Nachbildungen des

„Vierundzwanzigsten Februars“. An die Stelle einer beabsichtigten

Schicksalstragödie tritt ein Zufallsdrama. „Wo ist der“, so tönt es

noch aus Grillparzers „Ahnfrau“, „der sagen dürfe: So will ich’s, so

sei’s gemacht! Unsre Taten sind nur Würfe In des Zufalls blinde Nacht.“

Dennoch bleibt unleugbar, daß die Schicksalsstücke, voran Werners

„Vierundzwanzigster Februar“, mit der Bühne weit besser auskommen als

die Mehrzahl der romantischen Dramen. Schillers dramatische Prinzipien,

durch Goethe der Schicksalsdichtung zugeleitet, haben da gute Früchte

getragen. Der Theatererfolg ließ denn auch nichts zu wünschen übrig.

Gleich Tieck indes hat den inneren Zusammenhang Werners mit Schiller

dem Schicksalsdramatiker verdacht, den er schlechtweg (Krit. Schriften

4, 158) zu Schillers „Nachtreter“ stempelt. Dabei gesteht er zu, daß

Werner „mit großem Talent begabt“ war, daß er mindestens „gerade

treffliche Naturanlagen genug hatte, um als ein glänzendes Meteor

aufzusteigen“ (ebenda S. 214). Die gesamte Schicksalstragödie aber

steht für Tieck „auf einem so sonderbaren Punkt roher Barbarei, daß

sich in früheren Zeiten kaum etwas Ähnliches, selbst in Paris während

der Revolution, auf dem Theater wenigstens nicht, gemeldet hat“ (S.

144).

Es ist nachgerade zum Gemeinplatz geworden, den dramaturgischen

Kritiker Tieck zum Gegenpol des Dichters Tieck zu machen. Tatsächlich

verwirft Tieck in seiner Ablehnung der Schicksalsdramatik die

verwandten Versuche seiner Jugend. Freilich ist er nicht unmittelbar

für die Schicksalstragödie des 19. Jahrhunderts verantwortlich. Denn

eben diese Jugendversuche haben auf die Schicksalstragödie der Werner,

Müllner, Houwald usw. kaum gewirkt. Die Quellen der Schicksalstragödie

sind Schillers Vorbild, Goethes Wunsch und Werners Temperament. Tieck

gewann durch diesen Zusammenhang ein gewisses Recht, ebenso wie Börne

und Platen die Schicksalstragödie zu verurteilen. Schon der Eingang der

Erzählung „Schicksal“ (1795; 14, 3 f.) spricht sehr rationalistisch von

Schicksal und Zufall. Zwei Jahrzehnte später, im Prolog zum „Fortunat“

(1816), scherzt Tieck über Fortuna und ihren Diener, den „Zufall“.

Fortuna wird von sechs Klägern beschuldigt, sie in Unglück gestürzt

zu haben. Sie kann nachweisen, daß jeder aus freiem Entschlusse ihre

Gaben schlecht benutzt hat. Dem „Zufall“ hält der aufgeklärte Sekretär

entgegen, daß für den vernünftigen Menschen es gar keinen Zufall gebe.

Er aber wirft die Tische um, daß alle Skripturen in einem schwarzen

Meer von Tinte ersaufen... Dieser Prolog ist wohl das erste öffentliche

Bekenntnis, das Tieck gegen die Schicksalstragödie abgegeben hat. Er

entstammt einer Zeit, in der Tieck noch völlig im romantischen Sinne

dramatisch formt, und steht an der Spitze einer Dichtung, die von

Bühnengeschick wenig verrät; einer Dichtung, der wichtiger als alle

dramatische Formung die Frage nach dem Sinn und nach der Führung des

menschlichen Lebens ist.

Auch Z. Werners mystische Schrullen, „all sein verruchtes Zeug“,

wurzeln zuletzt in dem allgemein romantischen Wunsche, in der Tragödie

Daseinsprobleme zu beantworten. Auch er will die Bühne zur Kanzel

machen, um seine „Religion“ predigen zu können. Den Iffland und Goethe

erschien er nur darum bühnenfähiger als die große Mehrheit seiner

romantischen Genossen, weil er auf den Versuch verzichtete, im Rahmen

eines Theaterstückes das Leben so breit und so impressionistisch

wiederzugeben, wie es im Roman geschieht. Tiecks „Genoveva“ und

„Oktavian“ zeigen dagegen die Neigung, Andeutungen ihrer Quellen

zu ausführlichen, dramatisch zwecklosen und das Fortschreiten der

Handlung hemmenden Bildern des Lebens auszugestalten. Sein „Fortunat“

ist vollends ein in halb dramatische Form umgesetzter Roman der

romantischen Wilhelm Meister-Reihe. Auch hier ziehen Jünglinge,

falscher Tendenzen voll, ins Leben hinaus und erleiden, weil sie

Lebensdilettanten sind, immer wieder Schiffbruch; zwar Vater Fortunat

ringt sich zuletzt zu einer Art Lebenskunst empor, sein Sohn Andalosia

aber kann nicht verzichten, er bleibt der ruhe- und endlos Begehrende,

Suchende, sich Sehnende und geht zugrunde.

Das Leben selber soll hier wie -- um noch ein Beispiel zu nennen

-- in Arnims „Halle und Jerusalem“ (1811) seinen Reichtum vor uns

ausbreiten. Cardenio, der Held des zweiteiligen Stückes, dessen Stoff

Arnim von Andreas Gryphius übernahm, ist abermals ein Zwillingsbruder

der typischen romantischen Romanhelden, die beiden Frauengestalten,

zwischen die er gestellt ist, Olympia und Celinde, finden ihr

Ebenbild in ähnlichen gegensätzlichen Paaren der erzählenden

Erziehungsdichtungen. Was Cardenio erlebt, erwächst aus den Hemmnissen,

auf die eine geniale Natur trifft, wenn sie das Leben nach ihrem

Sinn gestalten will. Der Gegensatz zur Welt, zu ihrer Falschheit und

ihrer Konvention, treibt ihn zu tragischen Verwickelungen. Und auch

dieses Stück spottet jeglicher Bühnenmöglichkeit, schlägt den freien

Gang eines Romans ein und bedient sich lediglich, um den Anschein

dramatischer Bewegung zu wahren, der Monolog- und Dialogform. Sogar die

eingelegte Lyrik weist auf die „Lehrjahre“ und ihre Nachfolge hin. Wie

wenig die Generation der Zeit die Erfordernisse dramatischer Technik

ahnte, beweist Jakob Grimm, der am 22. Januar 1811 Arnim brieflich

bestätigte, er habe an „Halle und Jerusalem“ lebhaft erkannt, daß

Arnim bestimmt ein dramatisches Talent sei, und gleichzeitig aus dem

„Käthchen von Heilbronn“ die Überzeugung gewonnen, „daß der Heinrich

Kleist weiter kein Schauspiel mehr schreiben sollte“. Von dramatischem

Talente im Sinne der σύστασις τῶν πραγμάτων kann bei Arnim keine Rede

sein. Wie sollte auch zu der Prägnanz der Bühnenform ein Dichter

gelangen, der nach Brentanos scharfem, aber richtigem Wort seine Poesie

„allzusehr wie Wildfleisch wachsen ließ“. Dramatisches Leben in einer

einzelnen Szene zu erwecken glückt ihm wohl; und mit wunderbar feinem

und tiefblickendem Auge ist dem Leben da und dort in seinen Dramen --

wie in seinen Novellen und Romanen -- sein Intimstes abgelauscht. Die

Kunst des jungen Goethe und einzelner seiner Sturm- und Dranggefährten,

vor allem Lenzens, die Kunst, durch die der Anfänger Gerhart Hauptmann

sich den besten Teil seines Publikums gewonnen hat, waltet auch bei

Arnim: den Gestalten, die im dramatischen Zusammenhang vielleicht

nie ganz ihrer Aufgabe gerecht werden, Stimmungsmomente und Worte zu

leihen, die in gleicher Weise nie vorher dargestellt worden sind und

doch wie Offenbarungen ewig wiederkehrender Regungen der Menschenbrust

uns berühren. Nur fragt der Leser mehr als einmal erstaunt, was

diese Tiefblicke an der Stelle des Dramas sollen, an die Arnim sie

hingestellt hat.

Den romantischen theaterwidrigen Bemühungen gegenüber ist es schon ein

Vorzug, wenn Fouqué um seinen „Helden des Nordens“ (1810) nachträglich

-- am Schlusse des zweiten Teiles -- ein einigendes Band schlingt und

die Sigurdsage zu einer einzigen Kette von Schuld und Sühne macht;

Gudruna eröffnet diesen zusammenfassenden Blick (Ausgewählte Werke 2,

180):

Wir war’n die Opfer, und wir wußten’s nicht.

Nun liegen die, nun ist durch mich geschehn,

Was nötig war; bald folg’ ich ihnen nach.

Bist du blödsichtig? Oder siehst du nicht

Aus Sigurds Totenfei’r den blut’gen Strahl

Loswinden sich, in unzerreißbar’n Kreisen

Verblendend und umwindend all den Stamm,

Durch dessen Frevel er, der Held, erlag?

Solch eine Tat wird nicht so leicht gebüßt.

Die will auch den Schuldlosern, rechtet fort,

So lang’ ein Kind, ein Weib der Frevler lebt,

Und nur Ausrottung heißt ihr endlich Ziel.

Das ganze Leben und den Tod des Helden oder der Heldin darzustellen,

reizte die Romantiker spanische Dramatik noch mehr als Shakespeares

Königsdramen. „Leben und Tod der heiligen Genoveva“ heißt Tiecks Stück;

er dramatisiert sogar „Leben und Tod des kleinen Rotkäppchens“ (1800).

Fouqué bedient sich einmal des Titels „Historie vom edlen Ritter

Galmy und einer schönen Herzogin aus Bretagne“ (1806). Durchaus wird

da alte erzählende Überlieferung in eine dramatische Form umgesetzt,

der das Epische äußerlich und innerlich unverkennbar anhaftet. Dieses

Weiterdichten alter Epik deutet um so mehr auf eine völlige Verkennung

des Ethos der Tragödie, da man aus archaistischem Interesse und aus

religiöser Verehrung des alten Stoffes sich wohl hütete, energisch

ordnend einzugreifen. Fouqués Umdichtung der Sigurdsage kann da

ebenso als Beleg dienen wie die Mehrzahl der nordischen Dichtungen

Oehlenschlägers, der seinerseits in seinem „Aladdin“ (1808) das

Lebensproblem im Sinne des „Wilhelm Meister“ auf die Bühne bringt und

in dramatisierten Lehrjahren sich versucht.

Eine Dichtung von der Art der „Genoveva“ kommt aus gleichem

Grunde mit streng dramatischer Führung in Konflikt. Die

romantisch-mittelalterliche, religiöse Stimmung auszuwirken, wird

Tieck und vielen seiner Nachfolger wichtiger als alle Form. Sehr fein

beobachtete Solger, wie durch dieses Streben etwas Absichtliches und

Gewolltes in die „Genoveva“ kommt, das die künstlerische Wirkung

beschränkt Er behauptet mit Recht in seinem Briefe an Tieck vom 23.

November 1816 (Schriften und Briefwechsel 1, 465 f.), daß damals die

religiöse Sinnesart nicht ganz Tiecks „gegenwärtiger Zustand“, daß

er vielmehr nur von tiefer Sehnsucht nach dieser Sinnesart erfüllt

gewesen sei. „Das äußert sich auch in der Form, welche überall von

Erzählung eingeschlossen ist, und worin auch das Dramatische sich zu

sehr voneinander löst. Die Form ist doch nie zufällig; hier haben Sie

uns mit Absicht in die Einfalt und Liebe alter Zeiten versetzen wollen;

und gewiß, Sie würden uns die Zustände derselben nicht so deutlich

vorgestellt und ausgesprochen haben, wäre dies nicht durch einen

Gegensatz gegen etwas anderes geschehen, wodurch das Bewußtsein in sich

uneins gemacht und zu Reflexion veranlaßt wird... Die Charakteristik

sowohl einzelner Personen als des ganzen Zeitalters scheint mir oft

absichtlich.“

Wie wenig auch der Dramaturg Tieck befähigt war, den tieferen Sinn der

σύστασις τῶν πραγμάτων zu erfassen, wie wenig er den Begriff einer

genau berechneten, scharf umgrenzten Verknüpfung der dramatischen

Handlung im Sinne Schillers begriff, das erhellt aus den Wendungen, die

er selbst gebraucht, wenn er sichere Bühnentechnik umschreibt: er rühmt

Schröder nach, daß er Charaktere und Sachen trefflich und meisterhaft

zu entwickeln und vorzubereiten, die Handlung in jeder Szene und Rede

fortschreiten zu lassen verstehe (Krit. Schriften 4, 200). Genau die

gleichen Ausdrücke werden wenige Seiten (S. 203) später auf Schillers

Jugenddramen angewendet, die Tieck sehr hoch schätzt und denen er „eine

Fülle echten dramatischen Talentes“ nachrühmt, „jenes theatralischen

Instinktes, der alles vor unseren Augen und der Phantasie in Leben und

Tätigkeit setzt“. „In jeder Rede schreitet die Handlung vor, jede Frage

und Antwort gibt Theaterspiel, die Spannung steigt, alles, was hinter

dem Theater und in den Zwischenakten geschieht, belebt die sichtbar

gemachte Gegenwart.“ In dem „Fortschreiten“, in dem „Lebendigwerden

durch das Spiel“ erkennt er „Gaben, die dem Dichter mit der Geburt

geschenkt sein müssen, indem er sie nicht erwerben, nur ausbilden

kann“. Ohne Zweifel ist all das sehr fein beobachtet und trifft

wichtige Eigenheiten dramatischer Begabung; aber nicht den Kernpunkt,

nicht die Hauptsache. Und genauer hat sich Tieck über das Geheimnis der

dramatischen Kunst nie ausgesprochen.

An der Theaterfremdheit der romantischen Dramen trug zum Teil auch die

Tatsache Schuld, daß die Romantiker sich Goethe ebenso nahe fühlten,

wie sie Schiller fremd gegenüberstanden. Tieck hat später, nachdem er

in seinen Dramen dauernd als Schüler von Goethes Romandichtung sich

bewährt hatte, wohl erkannt, daß Goethes Tragödien keine eigentlichen

Bühnenstücke seien (Krit. Schriften 4, 198 f.). „Goethes wunderbare

Natur hätte wohl in seiner Poesie wenigstens ebensoviel aufopfern

müssen, wenn er die theatralische Wirkung gefunden hätte, als er durch

dieses Gelingen nur irgend gewinnen konnte.“ Der Theaterleiter Goethe

hat freilich den Romantikern ihr bühnenfremdes Wesen aufs bitterste

verdacht; am schlimmsten fuhr bei Goethe seltsamerweise Heinrich von

Kleist. Goethes Brief an Kleist vom 1. Februar 1808 tadelt scharf

angesichts der „Penthesilea“ die Neigung der Romantiker, auf ein

Theater zu warten, das da kommen soll. „Ein Jude, der auf den Messias,

ein Christ, der aufs neue Jerusalem, und ein Portugiese, der auf den

Don Sebastian wartet, machen mir kein größeres Mißbehagen.“ Doch wenn

der Weimarische Theaterintendant sich auch zu dem Glaubensbekenntnis

seines Theaterdirektors bekannte, daß, wer recht zu wirken denke, auf

das rechte Werkzeug halten müsse: als Dichter ist Goethe in den letzten

Jahrzehnten seines Wirkens völlig auf den Platz getreten, den Tieck ihm

anweist. Am 27. Juni 1810 gesteht er brieflich Kirms zu: „Ob ich aber,

da ich so viel andere Dinge vorhabe, mich wieder zu theatralischen

Arbeiten, wobei weder Freude, noch Genuß, noch Vorteil zu erwarten

ist, wenden möchte, glaub’ ich schwerlich.“ Der Roman lockte ihn mehr

als das Bühnenstück; dort durfte er seine Kunst frei walten lassen,

hier sah er sich den beengenden und ihm nicht selbstverständlichen

Gesetzen der Bühnenwirkung gegenüber. Und so fügte er begründend hinzu:

„Ich ziehe jetzt den Roman allem andern vor, weil einen dabei alles

begünstigt, was beim Theater dem Autor nur zum Nachteil gereicht.“

Entschloß er sich indes doch noch einmal, die dramatische Form zu

wählen, so näherte er sich romantischem Brauche mehr als der Praxis

Schillers. Einst in seiner Jugend war er als deutscher Shakespeare

begrüßt worden. Dann hatte er das dramatische Feld allmählich an

Schiller abgetreten. Als es ihm durchaus nicht glücken wollte,

Schillers Demetrius zu vollenden, da mochte ihm ganz klar geworden

sein, daß Schillers dramatische Begabung ein Element enthalte, das

ihm selbst fehlte. Seine letzten dramatischen Arbeiten, Ausgeführtes

und Fragmente, sind formal und inhaltlich romantisch gedacht. Der

Reichtum der Formen und die Tiefe des Lebensgehalts entsprechen

romantischer Neigung. Und so hat er denn im Abschluß des ersten und

in der Ausführung des zweiten Teiles seines „+Faust+“ das Höchste

geleistet, was aus dem undramatischen Programm des romantischen

Dramas erwachsen konnte. In vielgestaltiger romantischer Form,

Antikes und Neues bindend, ein unschätzbares Muster- und Meisterstück

der progressiven Universalpoesie, entwickelt der „Faust“ die

höchsten Daseinsprobleme, zeichnet er vor allem die Entwickelung des

romantischen Sehnsuchtsmenschen, dem dauerndes Aufwärtsstreben eignet,

der darum nie befriedigt sein kann und den das Ewig-Weibliche zum

Unendlichen hinaufträgt.

Dem Sturm und Drange der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts bleibt

der Ruhmestitel, daß die mächtigste Dichtung deutscher Sprache und

deutscher Nation ihm entkeimt. Die Romantik aber darf sich rühmen,

daß in ihrem Sinne dies Werk zu Ende geführt worden ist. Ruht um

des „Faust“ willen auf dem Sturm und Drange etwas wie der Glanz der

aufgehenden Sonne, so tritt im Lichte der Faustdichtung Goethes die

Romantik in die magische Beleuchtung des Gestirns, das am Ende seiner

Tageslaufbahn angelangt ist.

[Illustration]

Namenregister.

Alfred, Kg. der Angelsachsen 86.

Aristoteles 147 f.

Ariost 36.

Aristophanes 127 bis 129.

Arndt, E. M. 115.

Arnim, L. A. v. 1 f. 102. 117 f. 121. 123-125. 140. 143. 151. 158 f.

-- A. u. Brentano: „Des Knaben Wunderhorn“ 1. 123 bis 125.

Aspasia 71.

Baader, Franz 54.

Bacon 34.

Baudissin, Wolf Graf 95.

Baumgarten, A. G. 21.

Benz, R. 138.

Bernhardi, A. F. 2. 112.

Bettina 152.

Böhme, Jakob 56 bis 58. 73. 76. 78. 85. 90 f.

Böhmer, Auguste 76.

Boisserée, S. u. M. 1. 100.

Boucke, C. A. 17. 19. 52.

Bouterweck, Fr. 27 f.

Brahms, Joh. 110.

Brentano, Klemens (s. auch Arnim) 1 f. 102. 107. 123-126. 129-133.

136. 140. 158.

Brown 49 f.

Bruno, Giordano 42.

Brutus 73.

Buffon 15.

Burdach, K. 126.

-- K. F. 139.

Bürger, G. A. 4. 111. 123.

Burke, Edmund 118.

Büsching, J. G. G. 125.

Byron 131. 150.

Calderon 84. 94-97. 147 f.

Carus, C. G. 102 f. 139.

Cervantes 36. 95. 131.

Chamisso, A. v. 137. 143.

Chladni 49.

Collin, H. J. v. 115.

Constant, Benjamin 150.

Dante 30. 36. 86. 95. 97.

Dilthey, W. 3. 9 f. 38. 47. 154.

Dürer, Albrecht 89 bis 91. 97.

Edda 122.

Eichendorff, Josef v. 115. 123. 129. 151.

Erwin von Steinbach 1. 89.

Fasch 103.

Fester, R. 117.

Fichte 3. 9-13. 18 bis 20. 23. 26. 31 bis 37. 39-41. 43. 50 f. 56.

64. 68 f. 73. 77. 88. 90. 116 f.

Forster, J. G. 27.

Fouqué, Fr. de la Motte- 2. 93. 138. 159.

Frankl, L. A. 136.

Friedrich, Kaspar David 102 f.

Galvani 49.

Garve, Chr. 27.

Gellert, Chr. F. 133.

Gentz, Fr. v. 118.

Görres, J. J. 1. 94. 109.

Goethe 1. 3. 7. 16 f. 19. 25. 27 f. 30. 35 f. 40 f. 44 f. 47.

50-53. 56. 58. 67. 69 f. 73 f. 90. 95 f. 98 f. 101 f. 108. 111.

123-126. 129 f. 134-137. 140. 145. 148-151. 153. 155. 157 f. 161 f.

-- „Faust“ 7. 19. 71. 83. 135 f. 144. 162.

-- „Märchen“ 137.

-- „Wahlverwandtschaften“ 140. 150 f.

-- „Weltseele“ 52 f.

-- „Werther“ 7. 151.

-- „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ 35. 69. 108. 130. 149-151. 158.

Gozzi 97. 128.

Grabbe, Chr. D. 129.

Gries, J. D. 95.

Grillparzer, F. 147. 152. 155 f.

Grimm, Jakob 1. 92. 158.

Grimm, Wilhelm 1.

Günderode, Karoline von 152.

Hagen, Fr. H. von der 94. 125.

Hahnemann 50.

Haller, A. v. 49. 55.

Haller, Karl Ludwig von 118.

Hamann, J. G. 3-5. 11 f. 15.

Hardenberg, Friedrich v. s. Novalis.

Hardenberg, Fürst 118.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 16 / 17 段