Unter Heines Hand ist die romantische Ironie zu ihren raffiniertesten

Wirkungen gelangt. Ein Formkünstler von ungewöhnlicher Virtuosität, hat

er in der romantischen Ironie ein Werkzeug gefunden, das seinem Witze

und seiner künstlerischen Anlage vorzüglich entsprach. Kunstreiche

Kunstlosigkeit ist das Kennzeichen seines ganzen Schaffens. Die

romantische Ironie aber entbindet die Willkür des Dichters und läßt

ihn zerstörungslustig vernichten, was er selbst erbaut hat. Bei

Heine wird der Schein der Willkür und Zerstörungslust festgehalten;

aber die Wirkungen dieser scheinbaren Willkür sind aufs genaueste

vorausberechnet. Selbst Brentano, der als Mensch und Dichter, in

Prosa und in Versen Heine urverwandt ist, hat nicht die Schlagkraft

und die Treffsicherheit von Heines Witz. Ihm wie allen romantischen

Ironikern, auch Tieck, genügte es, jeanpaulisch den Leser aus dem

Dampfbad der Rührung in das Kühlbad der Satire zu stürzen. Romantische

Freiheit bewährt sich in dem jähen Wechsel der Gegensätze. Es bleibt

aber bei einem steten Verneinen. Heines Witz gibt Positives auch in

der Negation. Und darum erscheint er wie ein spitzes Stilett neben

dem stumpfen Schwerte, als das uns heute meist der stimmungsbrechende

Effekt der romantischen Ironie sich offenbart.

Heine nimmt überhaupt die romantischen Tendenzen nur vom Standpunkt

des Künstlers, er sucht alle künstlerische Wirkung ihnen abzugewinnen,

deren sie fähig sind; aber er denkt nicht daran, die tieferen

Absichten zu erfüllen, auf die jene romantischen Tendenzen abgestellt

waren. Als romantischer Ironiker hat er sicher nie das Problem der

„Transzendentalpoesie“ erwogen. Ebenso war ihm gewiß romantische

Naturphilosophie wenig wichtig; aber den künstlerischen Reiz der

Naturbeseelung und -durchgeistigung, der Vermenschlichung der

Naturerscheinungen hat er stark empfunden und kundig zur Geltung

gebracht. Noch weit mehr als Tieck ist er der virtuose Schauspieler,

der alle Stimmungen, die seine Kunst verlangt, darstellen kann, ohne

ihr Sklave zu sein, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Das ganze

Repertoire romantischer Poesie kehrt bei Heine wieder; doch nur sehr

selten und nur in seinen ersten Anfängen glaubt er an die romantischen

Stimmungen, die er wachrufen will. Freier und freier bewegt er sich

in dem romantischen Zaubergarten der Poesie. Und darum hat er aus ihm

weit stärkere künstlerische Wirkungen geholt als die Romantiker, denen

der Geist wichtiger war als die Form, das Leben interessanter als die

Kunst. Eben darum ist er der Überwinder der Romantik geworden, weil

er ihr Bestes verwertet, ohne sich selber in die Fesseln der Romantik

werfen zu lassen. Verglichen mit Heine erscheint die große Mehrzahl der

echtesten Romantiker wie Dilettanten. Denn er besitzt „Architektonik

im höchsten Sinn, diejenige ausübende Kraft, welche erschafft, bildet,

konstituiert“; der Romantiker strenger Observanz „hat davon nur eine

Art von Ahnung, gibt sich aber durchaus dem Stoff dahin, anstatt ihn

zu beherrschen“ (Goethe, Schema über den Dilettantismus, Weimarische

Ausgabe 47, 326). Romantische Kunst wird oft durch die gedankliche

Last, die sie zu tragen hat, zu Boden gedrückt. Ein echter und großer

Dichter wie Novalis hält es für möglich, seine geheimnisvollsten

und intimsten, allerpersönlichsten und schwer nachzufühlenden

naturphilosophischen Überzeugungen in das Märchen des „Ofterdingen“

hineinzugeheimnissen. Daß er Märchen von entzückender Frische schaffen

kann, auch wenn er ihnen tiefen seelischen und ideellen Gehalt leiht,

bezeugt seine Erzählung von Hyazinth und Rosenblütchen. Im Märchen

des „Ofterdingen“ aber kommt die Poesie nicht zu ihrem Rechte; sie

ringt umsonst danach, eine künstlerische Form für kulturhistorische,

naturphilosophisch gerichtete Spekulation zu erobern.

Heine hingegen kümmert sich nicht um Schellings Naturphilosophie und

um den „Schlegelianismus der Naturwissenschaften“. Dennoch trifft er

mit künstlerischer Leichtigkeit das Ziel, das auch den Romantikern

vorschwebte: die Natur, anorganische wie organische, in ein menschlich

fühlendes, durchgeistigtes Reich der Poesie umzuschaffen. Er knüpft da

an, wo auch die romantischen Theoretiker das praktische Vorbild ihrer

poetischen „Physik“ fanden, zunächst bei Goethe. Von früh auf hatte

Goethes Lyrik in beseelten und vermenschlichten Naturerscheinungen

eben die neue Mythologie zu schaffen begonnen, nach der die Romantiker

verlangten. Goethe nahm für sich das Recht in Anspruch, mit

mythologischer Schöpfung an der Stelle einzusetzen, wo primitive Völker

ihre Mythologie sich zurechtgestalten: er lieh der Natur seine eigenen

Gefühle. Schon das Straßburger Gedicht „Willkommen und Abschied“ zeigt

Goethes mythenbildende Kraft:

Der Abend wiegte schon die Erde

Und an den Bergen hing die Nacht;

Schon stund im Nebelkleid die Eiche

Wie ein getürmter Riese da,

Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von seinem Wolkenhügel

Schien schläfrig aus dem Duft hervor,

Die Winde schwangen leise Flügel,

Umsausten schauerlich mein Ohr;

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer ...

In Goethes „Faust“ fand vollends der Naturphilosoph Schelling (Werke 5,

1, 731 ff.) einen ewig frischen Quell der Wissenschaft geöffnet und er

rief allen, die in das wahre Heiligtum der Natur dringen wollten, zu,

sich mit diesen Tönen aus einer höheren Welt zu nähren und in früher

Jugend die Kraft in sich zu saugen, die wie in dichten Lichtstrahlen

von diesem Gedichte ausgehe und das Innerste der Welt bewege.

Gleichzeitig mit Goethe schuf Hölty eine neue Mythologie des Frühlings.

Beide trieben weiter, was deutsches Volkslied und deutscher Minnesang

längst geübt hatten. Ist es doch urältester Brauch der Lyrik,

menschliches Leid und menschliche Freude in die Welt der Tiere und

Pflanzen hineinzulegen. Der Perser singt von dem Liebeswerben der

Nachtigall um die Rose, ganz wie im deutschen Volkslied der Knabe das

Röslein bricht oder das Käuzlein klagt, daß ihm der Ast entwichen, auf

dem es ruhen wollte. Blumen- und blütenreich, weist auch die Dichtung

des 17. Jahrhunderts der Romantik den Weg: Brentano kann von dem Liede

nicht loskommen, in dem der Schnitter Tod die Blüten hinmäht; Lenau

blickt bewundernd und eigene Kunst bewußt anknüpfend zur Natursymbolik

Friedrich Spees empor. (Vgl. L. A. Frankl, Zur Biographie N. Lenaus,

Wien 1885, S. 69.)

+Lenau+ ist vielleicht noch um ein wenig mehr romantischer

Theoretiker als Heine. Er will Natur und Menschenleben zu einem

dritten „Organischlebendigen“ verknüpfen, das symbolisch die höhere

geistige Einheit von Natur- und Menschenleben darstellt (Rezension von

Keils „Lyra und Harfe“, 1834). Seine Naturmythologie ist wesentlich

schärfer beobachtet und sinnlicher geschaut als die Heines. Alle

menschlichen Züge, die abstrakten Begriffen, wie dem Frühling oder der

Frühlingsmorgenstunde, aus liebevoller Beschauung der Natur geliehen

werden können, verbindet er zu einem Ganzen: er sieht diese Begriffe

wie Menschen sich bewegen, sich freuen, leiden und sterben. Heines

beseelter Zaubergarten ist ganz frei aus einer Phantasie erwachsen,

die jetzt die schwülen Düfte orientalischer Vegetation und dann die

kräftige Luft des deutschen Waldes atmen läßt. Bald kichern und kosen

die Veilchen, bald zittern die Lotosblumen zum Monde empor. Das

Firmament spielt mit; und das Lieblingsfeld von Heines Phantasie, das

Meer, schenkt ihm die kühnsten und die drastischsten Verquickungen von

menschlichem Brauche und Naturvorgang. Freie Phantasieschöpfung kommt

aber auch hier zur Mythenbildung: in dem echt Heineschen Mythos von

Luna und Sol (Die Nordsee I, 3), oder wenn christliche Glaubenssymbole

ins Leben der Tiere hineingedeutet werden (Neuer Frühling 9).

~c~) Märchen.

Das eigentliche Gebiet dichterischer Verwertung der neuen

naturphilosophischen Mythologie wird im romantischen Kreise das

+Märchen+. Goethes „Märchen“ (1796) in den „Unterhaltungen deutscher

Ausgewanderten“ wirkte als lockendes Vorbild. In seinem künstlerischem

Sinne spielte Goethe hier lediglich mit der Möglichkeit tieferer

Ausdeutung. Die Phantasie ahnt hinter den reichen Bildern des

„Märchens“ bedeutsame Anschauungen und legt ihnen gern unter, was

Goethe selber niemals hineingelegt hatte. Novalis aber oder Chamisso

in „Adelberts Fabel“ wollen wirklich ein Gedankengerippe mit den

Blüten der Märchenphantasie schmücken, sie wollen mit Märchensymbolen

Erkenntnis schaffen. Der romantische Magier soll sich als Philosoph

bewähren.

Freier schaltet Tieck mit naturphilosophischen Grundanschauungen.

Das Thema seiner Märchen, auf eine naturphilosophische Formel

gebracht, ist: zwischen dem Menschen und der Natur befindet sich

keine unübersteigliche Mauer, in der Natur herrscht ein Fühlen, das

dem menschlichen wesensverwandt ist, im Menschen lebt noch ein Stück

Natur. Wichtiger ist diesem Dichter, die Naturkraft im Menschen und das

menschliche Leben in der Natur von ihrer bedrückenden und zerstörenden

Seite zu zeigen, als das Befreiende der Naturphilosophie zu offenbaren,

die Geist in die Natur und natürliche Gesetzlichkeit ins Menschendasein

bringen will. In Tiecks Märchen gehen die Menschen an dem Grauen

zugrunde, das ihr seltsam widerspruchsvolles Verhältnis zur Natur in

ihnen wachruft.

Abermals muß Tieck zugebilligt werden, daß seine Anschauung von

Natur und Menschentum und durch diese das Hauptmotiv seiner Märchen

ihm zuteil geworden war, ehe er von romantischer Naturphilosophie

etwas wußte. Wie der „Gestiefelte Kater“ im rechten Augenblick

hervortrat, um der neuen Theorie der Ironie und der reinen Komödie

zum Exempel zu dienen, so kommt im selben Jahre 1797 Schellings erste

naturphilosophische Kundgebung und Tiecks „Blonder Eckbert“ heraus.

Mit dieser Dichtung beginnt Tieck eine Reihe von Naturmärchen, die er

im „Getreuen Eckart und dem Tannenhäuser“ (1799) und im „Runenberg“

(1803), dann in mehreren unbedeutenderen Versuchen fortsetzt. Mehr

und mehr findet sich in ihnen Tiecks Naturauffassung und die

Naturphilosophie zusammen. Die Welt des Bergmanns, den Schülern des

Freiberger Geologen A. G. Werner wert und wichtig, von Novalis im

„Ofterdingen“ verklärt, wird nun auch von Tieck erobert und entwickelt

sich zu einem Lieblingsschauplatz romantischer Naturbeseelung. Der

„Runenberg“ kommt auf solche Weise der Physik der Romantiker schon

so nahe, daß H. Steffens, Schellings getreuer Schüler („Was ich

erlebte“ 3, 22), ihn auf seine eigenen Erlebnisse und auf einen

Bericht zurückführen konnte, in dem er Tieck die Eindrücke einer

Seereise von Kopenhagen nach der Felsenküste Norwegens vorgetragen

hatte. Dennoch bleibt der bezeichnende Unterschied bestehen, daß

die Naturphilosophen das Licht des Bewußtseins in die Natur tragen

wollten, während Tieck dem Geiste des Menschen aus der Natur dumpfe

Betörung erwachsen läßt. Von entgegengesetzten Polen gehen sie aus:

dort erhebt man das Unbewußte in die Sphäre des Bewußtseins, hier

taucht die Phantasie in die berückenden Tiefen des Unbewußten hinab.

Aus innersten Gefühlserlebnissen Tiecks ist das erwachsen; es bereitet

sich allmählich vor und findet vor dem „Blonden Eckbert“ schon seinen

Ausdruck in dem Märchen „Nadir“ des „Almansur“ (1790) und in der

Geschichte „Der Fremde“ (1796), klingt auch in anderen jugendlichen

Versuchen an (vgl. R. Benz, Märchendichtung der Romantiker, Gotha,

1908, S. 102 ff.). Für den Zauber, für das Bestrickende und das Grauen

des einsamen Waldes finden die refrainartig wiederkehrenden Verse von

der „Waldeinsamkeit“ im „Blonden Eckbert“ einen so echt Tieckschen

Ausdruck, daß W. Schlegel scherzend in ihnen die Quintessenz von Tiecks

Dichtung feststellen durfte.

Neben den Zauber des Waldes tritt in Fouqués „Undine“ (1814) der

Zauber des Wassers. Fouqué geht stofflich über Tieck hinaus, aber

er hat nur eine romanhafte Geschichte zu erzählen, einen rührenden

Vorgang romantisch aufzuputzen und kann die tiefeindringenden

Stimmungswirkungen nicht auslösen, die Tiecks Naturmärchen bergen. Weit

dämonischer sind Hoffmanns Märchen geartet; auch er versetzt den Leser

an die Stelle, wo Bewußtes und Unbewußtes in untrennbarer Verschlingung

sich verknoten. Er kennt die Tiecksche Stimmung, die aus dem Gefühl der

Unsicherheit keimt, ob ein Erlebnis Wirklichkeit oder Traum ist. Darum

konnte er in den „Bergwerken von Falun“ (1819) dem „Runenberg“ Tiecks

eine kongeniale Leistung anreihen. Hoffmanns Märchendichtung aber wird

noch durch die Weiterbildung romantischer Anschauungen von Magie

bedingt, die an den Namen Gotthilf Heinrich v. Schuberts sich knüpft.

Schubert hat ja Hoffmann den Stoff zu den „Bergwerken von Falun“

geschenkt.

3. Die Nachtseite der Natur. H. v. Kleist.

Die Naturphilosophie lenkte im späteren romantischen Zeitalter immer

mehr psychologischen Untersuchungen zu. Schellings Anschauung, die

Natur sei eine bewußtlose Intelligenz, drängte seine Schüler zu

einer eingehenderen Prüfung der Regionen des geistigen Daseins, in

denen der Übergang zum Bewußtsein sich vollzieht. Den unbewußten

Untergrund des bewußten menschlichen Lebens untersuchen, hieß die

Entwickelungsstufe begreifen, durch die die organische Natur vom

vernünftigen Dasein getrennt wird. Solche psychologische Beobachtung

nannten die Romantiker: die „Nachtseite“ der Natur studieren. Man

bewegte sich dabei auf demselben Boden, der Tiecks Märchen trägt.

Man folgte zugleich den Anregungen, die Ritter und mit ihm Novalis

gegeben hatten. Durch Mesmer war Ritter zum Studium des tierischen

Magnetismus gekommen, hatte diesen in dem Treiben der Somnambulen

wiederzufinden geglaubt und war dann zu Experimenten weitergeschritten,

die ihn bis zur Verwertung der Wünschelrute führten. Steffens, Burdach,

Carus, vor allem Schubert bewegten sich mehr oder minder vorsichtig

auf dem gefährlichen Grunde. Schuberts „Ahndungen einer allgemeinen

Geschichte des Lebens“ (1806-21) und seine „Geschichte der Seele“

(1830) beschäftigten sich besonders mit der unbewußten Grundlage der

psychischen Störungen, mit den geheimnisvollen Erscheinungen des

Somnambulismus und mit dem rätselhaften Ineinandergreifen bewußter

und unbewußter Tätigkeit, das der menschlichen Psyche einen Platz

auf der schwankenden Grenze der natürlichen und der vernünftigen

Welt anzuweisen scheint. Schubert bot besonders in seinen „Ansichten

von der Nachtseite der Naturwissenschaft“ (1808) den dichterischen

Genossen eine wahre Fundgrube von psychologischen Problemen, die

nach künstlerischer Ausgestaltung verlangten. Seine „Symbolik

des Traumes“ (1814) kam vollends den Wünschen und Ansprüchen der

dichtenden Magier auf Schritt und Tritt entgegen. Da war tatsächlich

eine wissenschaftliche Betrachtung im Sinne von Hardenbergs magischem

Idealismus und seiner „Hymnen an die Nacht“ versucht. Schlaf, Traum,

traumähnliche Zustände, die Ekstase -- sie erschienen als Mittel

von Offenbarungen, die dem wachen Bewußtsein nicht zugänglich sind.

Schubert war überzeugt, daß im Traume die Seele schneller als der wache

irdische Mensch der Ewigkeit sich nähere. Ein Schritt weiter, und ein

Romantiker von Justinus Kerners Schlage konnte auch in Epilepsie und

Wahnsinn neue Quellen mystischer Erkenntnis aufzudecken glauben.

Die Nachtseite der Naturwissenschaft durfte um so mehr auf

dichterische Verwertung Anspruch erheben, da ja Goethe ihr in seinen

„Wahlverwandtschaften“ (1809) volle Würdigung und breite Verwertung

hatte angedeihen lassen.

Der ganze Roman beruht auf einer naturphilosophischen Konstruktion:

der chemische Begriff der Wahlverwandtschaft, der ~affinitas~ oder

~attractio electiva~, wird nicht nur symbolisch mit seelischen

Vorgängen verknüpft, vielmehr wird angenommen, daß im Geistigen wie

in der Natur +ein+ einheitliches Gesetz herrsche. Überall sei, so

meint Goethe (vgl. Goethejahrbuch 27, 195), nur +eine+ Natur, und auch

durch das Reich der heiteren Vernunftfreiheit zögen sich die Spuren

trüber, leidenschaftlicher Notwendigkeit unaufhaltsam hindurch. Das

heißt: Goethe betritt und erforscht den Boden, der den Romantikern

und Schubert als Nachtseite der Natur galt. Wirklich hat man erzählt,

Schelling habe Goethe die erste Anregung zu dem Romane gegeben. Nicht

nur indes der Titel und die Idee der Dichtung sind naturphilosophisch

gemeint. Eine ganze Reihe von Einzelphänomenen der „Nachtseite“ findet

Berücksichtigung; inbesondere der Magnetismus und der Somnambulismus

im Sinne Mesmers, Ritters und Schuberts ist ausgiebig verwertet. Ja

Ritters Experimente mit der Wünschelrute, von denen Goethe durch

Schellings gedruckte und durch Hegels mündliche Mitteilungen erfahren

hatte, sind einbezogen: Ottilie erscheint als magnetisch veranlagt, als

Somnambule oder -- wie neuere Pneumatologen sagen -- als gutes Medium

(vgl. ebenda S. 187 ff.).

Der Magnetiseur und die Somnambule kehren sofort nach Goethes Roman

wieder in Arnims „Gräfin Dolores“ (1809); mit verwandten Motiven sind

die „Kronenwächter“ (1817) Arnims und seine Novelle „Melück Marie

Blainville“ ausgestattet. In Brentanos „Romanzen vom Rosenkranz“

wird die tote Biondette mit „metallenen Scheiben“ wieder lebendig

gemacht. +Hoffmann+ veröffentlicht in den „Phantasiestücken in

Callots Manier“ (1814 f.) seinen „Magnetiseur“. In den „Bergwerken

zu Falun“ steigert Hoffmann noch die magischen Motive seiner Vorlage

Schubert. „Die Automate“ (Grisebach 7, 95) spricht mit ausdrücklichem

Bezug auf Schuberts „Ansichten“ von der Urzeit des menschlichen

Geschlechtes, da es noch in der ersten heiligen Harmonie mit der Natur

lebte und da die Natur das wunderbare Wesen, das sie geboren, noch

aus der Tiefe ihres Daseins nährte; damals umfing sie den Menschen

wie im Wehen einer ewigen Begeisterung mit heiliger Musik. Noch in

der Luftmusik oder Teufelsstimme auf Ceylon, die selbst dem ruhigsten

Beobachter tiefes Entsetzen einflöße, äußerten sich heutzutage jene

vernehmlichen Laute der Natur. Hoffmann will selbst in der Nähe des

Kurischen Haffs Ähnliches erlebt haben. Im „Unheimlichen Gast“ (8,

94 f.) gedenkt er wiederum der Teufelsstimme. Die „Phantasiestücke“ (1,

317) erwähnen ferner die Stimme des „inneren Poeten“, von dem Schuberts

„Symbolik des Traumes“ zu erzählen weiß. Die „seltsamen Leiden eines

Theaterdirektors“ (4, 40) verweilen des längeren bei diesem Phänomen,

bei diesem „redenden Gewissen“: „Der Spiritus familiaris hüpft aus dem

Inneren heraus und spricht, ein unabhängig Wesen, hinein mit sublimen

Redensarten.“ Die innere Stimme redet so laut, daß man sie wie einen

Ton aus fremdem Munde vernimmt. Hoffmanns Lieblingsvorstellung vom

Doppelgängertum -- er teilt sie mit Jean Paul -- begegnet sich hier mit

Anschauungen Schuberts.

Selten hat ja ein Romantiker dem Unterbewußtsein eine so körperlich

greifbare Form geliehen wie Hoffmann. Er scheint dadurch zu einem

unüberbrückbaren Dualismus zu gelangen. Zwiespältig beginnt sein Leben

und im Zwiespalt beharrt es. Mit zäher Energie behauptet Hoffmann sich

selbst, wahrt er seine Dichterexistenz mitten in völlig undichterischem

Berufe. Er selber ist klein, possierlich, fast häßlich und -- ein

Magier im Sinne Hardenbergs -- schafft er durch seine Dichterphantasie

sich um, läßt er durch die Kunst sich zeitweilig aus der unbequemen

Wohnung seines Geistes in die Welt des Schönen emportragen. Denselben

Prozeß durchlaufen in seinen Märchen typische Figuren, in deren

Erscheinung wir rasch Hoffmanns eigene Züge entdecken: der hagere

Archivarius Lindhorst im „Goldenen Topf“ mit seinen großen starren

Augen, die aus den knöchernen Höhlen des mageren, runzeligen Gesichts

wie aus einem Gehäuse hervorstrahlen, mit seinen kuriosen Redensarten

und mit seinem damastenen Schlafrock: er verwandelt sich unversehens in

die ehrfurchtgebietende Gestalt des majestätischen Salamanderfürsten

mit Königsmantel und Diadem. Er lebt ein doppeltes Leben; und wie

Lindhorst so sind die alte Liese, das Äpfelweib, und Serpentina,

die Tochter Lindhorsts, zugleich Figuren der Geisterwelt, ist in

„Klein-Zaches“ Frl. von Rosenschön die Fee Rosabelverde und Doktor

Prosper Alpanus ein Zauberer und Schüler Zoroasters, ist im „Meister

Floh“ die kokette Dörtje Elverdink eigentlich die Prinzessin Gamaheh

von Famagusta und Tochter des Königs Sekakis, ihr Verehrer George

Pepusch aber ist die Distel Zeherit. Durch die äußere Hülle den wahren

Kern zu erkennen, ist nur Auserlesenen gestattet, so dem Studenten

Anselmus im „Goldenen Topf“ und dem Peregrinus Tyß im „Meister Floh“.

Ihr innerer Sinn zeigt ihnen das wahre Bild, während die Philister,

die Konrektor Paulmann und Registrator Heerbrand, jede Deutung, die

über die Grenzen des gesunden Menschenverstandes hinausgeht, als Wahn

ablehnen; höchstens Alkohol kann sie für Augenblicke zu Sehern machen.

Urromantische Anschauungen finden da ihren dichterischen Ausdruck.

Novalis’ Überzeugung von der Magie der Dichtung, die dem Menschen

gestattet, über die Grenzen seiner Sinnesorgane hinauszuschreiten, von

dem Zustand künstlerischer Ekstase, der die Wahrheit reiner vermittelt

als alles Denken, liegt zugrunde. Und darum mündet echt romantisch

auch Hoffmanns Dualismus in Monismus. Mag er immer ein doppeltes

Leben geführt und in seinen Märchen das Leben im Licht des gesunden

Menschenverstandes zu dem Leben im Lichte des romantischen Sehers

in dauernden Gegensatz gebracht haben: das einzig Wahre blieb auch

ihm das Weltbild des Dichters. Und das Rittergut, das dem Studenten

Anselmus nach seiner Verbindung mit Serpentina zufällt, ist für ihn

wirklich das Wunderland Atlantis, in dem der Einklang aller Wesen

verwirklicht ist. Im strengsten Sinne Schleiermachers und Fr. Schlegels

ist der so oft als Phantast ausgebotene Hoffmann zugleich befähigt

gewesen, das Unendliche im Endlichen zu erblicken, und zwar in einem

Endlichen, das er mit schärfstem Auge beobachtet. Ihm eignet eine

Kraft des Schauens, die den Realismus späterer Jahrzehnte des 19.

Jahrhunderts, etwa die Fähigkeit Kellers und Otto Ludwigs, Originale

zu zeichnen, vorwegnimmt. Er studiert mit dem Vergrößerungsglase

wunderliche Erscheinungen, seltsame, unheimliche Menschen; und deutend

läßt er aus dem Wunderlichen das Wunderbare erwachsen, mit einer

Fähigkeit der Einfühlung, die in der Skizze „Des Vetters Eckfenster“ zu

divinatorischen Tiefblicken heimlichster Seelendeutung sich erhebt.

Diese Beobachtungsgabe läßt auch das Örtliche bei Hoffmann in viel

festeren und schärferen Umrissen erscheinen als bei der Mehrzahl seiner

romantischen Genossen. Und weil er das Wunder in eine realistisch

gezeichnete Umgebung versetzt, weil er es langsam aber sicher aus dem

bloß Wunderlichen keimen läßt, ist er zu der überraschenden Technik

gelangt, mitten im prosaischen Alltagsleben, in Örtlichkeiten von

Berlin oder Dresden, die jeder täglich beschreiten kann, das Wunder

lebensfähig und glaubhaft erscheinen zu lassen. Denn ebendeshalb glückt

es ihm, das Wunder wie etwas Erlebtes zu gestalten. Wohl hat auch Arnim

in „Isabelle von Ägypten“ (1811) und in den „Kronenwächtern“ die Welt

des Wunderbaren unmittelbar neben realistisch geschaute Wirklichkeit

gestellt; aber nur Chamissos „Peter Schlemihl“ (1814) reicht an

Hoffmanns Kunst heran, das Wunderbare aus dem Wunderlichen hervorgehen

und dadurch glaubhaft erscheinen zu lassen. Doch im Gegensatz auch zu

Chamisso bleibt Hoffmann der erste, der -- lange bevor der Zeitroman

zu solchen naturalistischen „Kühnheiten“ schritt -- in der Erzählung

die Namen von Berliner Straßen und Plätzen zu erwähnen wagt. Ist doch

dieser Romantiker, dieser Seher und Magier, einer der ersten, die

überhaupt Berlin in die höhere Literatur eingeführt haben.

Das scharf realistische Auge und die Neigung zur „Nachtseite der

Natur“ teilt Heinrich v. +Kleist+ mit Hoffmann, so groß auch sonst die

Gegensätze beider Begabungen sind. Freilich wäre es unrichtig, den

Gegensatz -- wie es oft geschieht -- zu übertreiben. Gern schließt man

Kleist aus dem romantischen Kreise aus und stellt ihn besonders zur

Frühromantik in Gegensatz. Das ist falsch.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 14 / 17 段