Das von Wackenroder und Tieck angeregte Interesse für altdeutsche

Dichtung führte allerdings auch W. Schlegel noch am Ende des 18.

Jahrhunderts zu seinem Lehrer Bürger und zu Balladen im Stil des

Göttinger Hains zurück. Deutlicher aber als in seinem Aufsatze über

Bürger von 1800 (8, 64 ff.) brachte er den Wunsch nach einer Sammlung

deutscher Volkslyrik in der Art von Percys „~Reliques of ancient

English poetry~“ (1765) vor, als in den Berliner Vorlesungen über

„Romanzen und andere Volkslieder“ (3, 160 ff., 167) zu sprechen war.

Doch ebenso hatte Goethe am Ende des Jahrhunderts angefangen, sich

volksliedartigen Gedichten wieder zuzuwenden; in seinem und Wielands

„Taschenbuch auf das Jahr 1804“ aber wies er in Liedern, die sich an

Volkslied und Volksmelodie anlehnen, wie „Schäfers Klagelied“ und

„Bergschloß“, einen neuen Weg. Fr. Schlegels Rezension von Goethes

Werken in den Heidelbergischen Jahrbüchern von 1808 (Deutsche

Nationalliteratur 143, 376, 378) hob sofort die merkwürdige Mischung

des Lied- und Romanzenartigen an diesen Gedichten hervor: „Ein Lied,

das sich an irgend eine Volksmelodie anschließt, das nicht in der

eignen Person gedichtet ist, sondern in irgend einer, mehr oder

minder aus der romantischen Sage entlehnten, besonders wenn in diesem

mythischen Hintergrund irgend eine Geschichte andeutend vorausgesetzt

oder wohl gar teilweise erzählt wird, nähert sich durch diese

Bedingungen stufenweise immer mehr der Romanze und geht endlich ganz in

dieselbe über.“ Romanzenartige Lieder im Stil des „Bergschlosses“ und

von „Schäfers Klagelied“ bilden fortan eine Lieblingsform romantischer

Lyrik. Vor allem ist „Schäfers Klagelied“ von den romantischen

Sangesgenossen immer wieder nachgebildet, in Eingang und in einzelnen

Wendungen verwertet, weitergesungen und parodiert worden. Unter Goethes

Ägide trat denn auch 1806-08 die Sammlung deutscher Volkslyrik hervor,

die im Sinne jener Sänge einen weiteren entscheidenden Anstoß gab und

unentbehrliche Voraussetzung der romantischen wie überhaupt des größten

Teiles der modernen Lyrik wurde: „Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche

Lieder. Gesammelt von L. A. v. Arnim und Clemens Brentano. Mit einem

Anhange von Kinderliedern.“

Arnims freudiges Streben, dem deutschen Volke deutsche Poesie

zu vermitteln, verband sich in diesem Werke mit Brentanos früh

einsetzender Vorliebe für Volkslied und volksliedartige Poesie. Schon

Brentanos Roman „Godwi“ (1801/02) war von solchen Klängen durchzogen.

Die lyrischen Einlagen des Romans bewähren Brentanos geniale Kunst,

im Sinne des Volkes mythenbildend zu schaffen. Arnims Neigung zu

volksliedartig träumerischen, verschwimmenden Tönen, verbunden mit

Brentanos volkstümlicher Phantasie, verleitete die Herausgeber

dazu, energische Eingriffe in das Volksliedergut zu tun, das ihnen

vorlag, und „Ipsefakten“ in freier Verwertung echter Überlieferung

zu gestalten. Exakte Philologen riefen darum: „Betrug!“ Allein

Goethe erkannte sehr wohl, daß eben diese Eingriffe den Zeitgenossen

das alte Volkslied mundgerechter machten; und mit vollem Rechte

durften die Herausgeber feststellen, daß ihre „Ipsefakten“ selbst

von Kennern für echte Volkslieder gehalten wurden, ja ganz gewiß ist

die mächtigste Wirkung von Liedern des „Wunderhorns“ ausgegangen,

denen Arnim und Brentano den Stempel ihres Fühlens am stärksten

aufgedrückt hatten. Das klassische Beispiel ist und bleibt das Lied

„Zu Straßburg auf der Schanz’“, das unter dem Titel „Der Schweizer“

ins „Wunderhorn“ überging. Das Alphornmotiv ist da in ein derbes

Deserteurgedicht eingeschmuggelt und dadurch zu einem Lieblingsthema

sehnsüchtig-romantischen Sanges erhoben worden.

Wie wenig die Frühromantik geneigt war, dem Unternehmen Arnims und

Brentanos vollen Beifall zu zollen, erhellt aus der Anzeige, die

Fr. Schlegel in den Heidelbergischen Jahrbüchern 1808 der „Sammlung

deutscher Volkslieder“ von Büsching und v. d. Hagen widmete (Deutsche

Nationalliteratur 143, 361 ff.). Nicht nur wird hier die wohlwollende

Rezension, die Goethe in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung

von 1806 (Jubiläumsausgabe 36, 247 ff.) dem „Wunderhorn“ hatte zuteil

werden lassen, ironisch parodiert; den Sammlern wird auch vorgeworfen,

daß sie die Grenzen zu weit gezogen und Unbedeutendes aufgenommen

haben, als „Abweg“ des „Wunderhorns“ aber geradezu bezeichnet,

daß die Herausgeber „das Wesen des Volksliedes vorzüglich in die

Unverständlichkeit setzen, die sie nun nicht bloß lassen, wo sie

sich etwa schon findet, sondern geflissentlich aufsuchen, und nie

genug davon haben können, welches leicht zum Abgeschmackten führen

kann. Dieser Abweg findet natürlich nur bei den willkürlich ändernden

Sammlern statt oder bei denen, welche die Art und Weise des Volksliedes

in eigenen Gedichten absichtlich nachbilden zu können vermeinen.“

Dennoch haben Arnim und Brentano eben durch die von Fr. Schlegel

getadelten Bestrebungen der romantischen volksliedartigen Lyrik

ihr eigentümlichstes Problem gegeben. Denn fortan sucht man in

verschiedenster Form und in größerer oder geringerer Annäherung

„die Art und Weise des Volksliedes in eigenen Gedichten absichtlich

nachzubilden“. Bald entstehen Lieder, die in Strophenbau und Sprache

die Eigenwilligkeit des Volksliedes nachschaffen, bald ergeben sich

Formen, die volkstümlich sind ohne die „alten Sprachholperigkeiten

und Unbeholfenheiten“ zuzulassen (vgl. Heine an Wilhelm Müller, 7.

Juni 1826). Wenige treffen ohne Affektation den Ton des „zersungenen“

Volksliedes so glücklich wie Mörike; Heines Absicht ist, „reinen Klang“

und „wahre Einfachheit“ zu erzielen und er bekennt, daß diese Absicht

vor ihm von Wilhelm Müller am besten erreicht worden sei.

In der langen Reihe der Nachbildungsversuche herrscht weitaus der

Vierzeiler vor. Die Vorliebe für die vierzeilige Strophe wird von zwei

Strömungen unterstützt, die von ganz anderen Punkten ausgehen.

Dieselbe spanische Literatur, deren komplizierteste und mühsamste

metrische Bindungen von der Frühromantik mit Vorliebe nachgebildet

worden sind, macht neben dem deutschen Volkslied den gereimten

Vierzeiler zu einem Liebling der Blütezeit romantischer Lyrik. Und

zwar bieten diesmal frühromantische Versuche die erste Anregung. Nur

eine Auswahl aus der Fülle frühromantischer formaler Experimente

vollzog sich in späterer Zeit auch auf diesem Gebiet. Von all den

spanischen Formen, deren schwierigste und dem deutschen Sprach- und

Melodiegefühl am wenigsten entsprechende den Wagemut der Schlegel und

ihrer Genossen am meisten reizen, setzt sich später im wesentlichen

lediglich der trochäische, meist gereimte, zuweilen nur durch Assonanz

verknüpfte Vierzeiler durch. Großenteils wird er für romanzenartige

Gedichte verwertet, am ausgiebigsten von Brentano in den „Romanzen vom

Rosenkranz“.

Trochäische Vierzeiler mit Reimbindung werden der deutschen Lyrik

indessen auch durch Goethes „Westöstlichen Divan“ geläufig. Dem

romantischen Hinweis auf den Orient ist bekanntlich Goethes letzte

große lyrische Sammlung zu verdanken. Nur wendet er sich nicht der

von den Romantikern besonders geschätzten Poesie Indiens, sondern der

urwüchsigeren und primitiveren Dichtung und Kultur Persiens zu. Darum

blieben die romantischen Versuche, indische metrische Gebilde ins

Deutsche zu übertragen, für die deutsche Poesie unfruchtbar. Goethe

wiederum hat seinem „Divan“ nur in ganz geringem Umfang orientalische

Formen geschenkt. Das Gasel erscheint nur vereinzelt und in freier

Nachahmung. Wohl empfand auch er den Reiz der „zugemessenen Rhythmen“;

aber er fand auch, daß sie, „hohle Masken ohne Blut und Sinn“, schnell

„abscheulich widern“ („Nachbildung“, Jubiläumsausgabe 5, 22). So wandte

er sich zu schlichteren Formen eigener Erfindung und setzte in ihnen

fort, was er in den Gedichten für das „Taschenbuch auf das Jahr 1804“

begonnen hatte (vgl. K. Burdach, Jubiläumsausgabe 5, S. XXVI f.).

Ganz wie die „lieben kleinen Sänger“, die dem nach Osten pfeifenden

alten Dichter folgten, huldigte auch Heine rasch den Rhythmen des

„Divans“. Und wenn auch nach Goethe das Gasel eine reichere Pflege

fand, wenn vollends Rückert, nach W. Schlegels bissigem Urteil „aller

morgenländ’schen Zäune König“ (2, 218), den Reichtum orientalischer

Reimgebilde nachzuschaffen befähigt war: im wesentlichen hat spätere

romantische Dichtung dem Orient nur seinen exotischen Farbenzauber

abgesehen, wie Goethe bemüht im fernen Osten Patriarchenlust zu kosten.

Im übrigen aber ließ sie sich von dem mächtigen Strome tragen, dessen

Quellen zuletzt im deutschen Volkslied sprudeln.

2. Romantische Ironie und Naturphilosophie in der romantischen Dichtung.

~a~) Drama.

Die Lyrik ist der Ruhmestitel der jüngeren Romantiker; und in ihrer

Ausgestaltung bewährten sie sich den älteren Genossen gegenüber am

selbständigsten. Zwei Haupttendenzen der Theorie übernahmen sie dagegen

von ihren Vorgängern, die diese Haupttendenzen nicht nur gedanklich

entwickelt, sondern auch in Praxis umgesetzt hatten: die romantische

Ironie und die naturphilosophische Durchgeistigung der Natur.

Doch vielleicht könnte der Ausdruck „in Praxis um gesetzt“ zu

Mißverständnissen Anlaß geben. Denn tatsächlich erstehen im

frühromantischen Kreise Schöpfungen voll romantischer Ironie, ehe

Fr. Schlegel die Lehre von der Ironie weiter ausgeführt und zu einem

Grundsatz der Schule gemacht hat. Und Märchen von naturphilosophischem

Charakter werden geschrieben, ohne daß die Naturphilosophie,

sei es Schellings oder Fr. Schlegels und Hardenbergs, ihre

unbedingte Voraussetzung heißen könnte. Tieck spendet da wie dort

Exemplifizierungen der romantischen Theorie, die den Theoretikern

ausgezeichnet taugten, von ihnen aber nicht angeregt worden sind.

Tiecks vielbewegliches Talent war ja in erster Linie berufen, die

kühnen ästhetischen Gedankengänge der Genossen schöpferisch zu

poetischer Verwirklichung zu bringen. Er hat denn auch mehrfach diese

Aufgabe erfüllt. Um so notwendiger ist, seine Originalität voll

anzuerkennen, wo er aus Eigenem schafft.

Die einleuchtendste, nächstliegende und von der Romantik am

ausgiebigsten ausgenutzte Form der romantischen Ironie ist die

Zerstörung der dramatischen Illusion. Fr. Schlegels Definitionen der

romantischen Ironie (s. oben S. 32 ff.) hatten sich diesen Zug nicht

entgehen lassen, wenn sie auf „die mimische Manier eines gewöhnlichen

guten italienischen Buffo“ (Lyc.-Fgm. 42) sich bezogen. Ja schon

1794 verteidigte Fr. Schlegels Aufsatz „Vom ästhetischen Werte der

griechischen Komödie“ (1, 18) Aristophanes gegen den Vorwurf, „er

unterbreche oft die Täuschung“. Das liege, meint Schlegel, „in der

Natur der komischen Begeisterung“. „Diese Verletzung ist nicht

Ungeschicklichkeit, sondern besonnener Mutwille, überschäumende

Lebensfülle... Die höchste Regsamkeit des Lebens muß wirken,

muß zerstören; findet sie nichts außer sich, so wendet sie sich

zurück auf einen geliebten Gegenstand, auf sich selbst, ihr eigen

Werk; sie verletzt dann, um zu reizen, ohne zu zerstören. Dieser

charakteristische Zug des Lebens und der Freude wird in der Komödie

noch überdem bedeutend durch die Beziehung auf die Freiheit.“ Schon

hier verknüpft sich Illusionszerstörung mit den Fäden, aus denen später

der Begriff der romantischen Ironie gesponnen wurde, und erscheint als

wesentlicher Zug des Ideals der Komödie, das dem jungen Romantiker

vorschwebt. Denn von Anregungen Kants, Heydenreichs und Chr. G. Körners

unterstützt, verwirft derselbe Jugendaufsatz die zeitgenössische

Komödie, die mit den Reizen der Komik ernsthafte dramatische Handlungen

aus dem häuslichen Leben schmücke, während echte Komödie, zunächst die

griechische des Aristophanes, sich ihrer Fröhlichkeit nicht schäme und

einen Rausch der Fröhlichkeit darstelle.

Von diesem dauernd festgehaltenen Programm aus eröffneten die

Romantiker ebenso wie Schiller, der wahrscheinlich von Fr. Schlegel

den Anstoß erhielt, einen unerbittlichen Kampf gegen die rührseligen

Lustspiele Ifflands, Kotzebues und ihrer Nachbarn. Von der Aufstellung

des Gedankens einer Komödie voll reiner Fröhlichkeit zu seiner

Verwirklichung gelangten die Genossen aber nur mit Tiecks Hilfe. Sein

erster Versuch und zugleich das entscheidende Vorbild für fast alle

romantischen Lustspiele wurde „Der gestiefelte Kater, ein Kindermärchen

in drei Akten“ (1797). Allein ganz sicher ist bei der Abfassung des

satirischen Spiels, das auf jeder Seite der Bühnenillusion ins Gesicht

schlägt, nicht Fr. Schlegel der Leiter Tiecks gewesen. Vielmehr hatte

Tieck längst den burlesken Späßen Holbergs und Gozzis, dem „Triumph

der Empfindsamkeit“ von Goethe, dann aber auch dem „Sommernachtstraum“

Shakespeares, den ~comical satires~ von dessen Zeitgenossen Ben Jonson

und am stärksten den Hanswurstspielen es abgesehen, wie die Bühne mit

sich selbst Scherz treiben kann. Schon in dem Puppenspiel „Hanswurst

als Emigrant“ (1795), das 1855 in seinen „Nachgelassenen Schriften“

(1, 76 ff.) zum erstenmal gedruckt wurde, bereitet sich die Manier des

„Gestiefelten Katers“ vor.

Nun galt es nur noch, auf dem glücklich eröffneten Weg weiter zu

schreiten. Tieck selber ging sofort mit seinem „Zerbino“ und mit der

„Verkehrten Welt“ (1799) voran. W. Schlegel folgte mit „Ehrenpforte

und Triumphbogen für den Theaterpräsidenten v. Kotzebue“ (1800),

Brentano mit dem gleichfalls gegen Kotzebue gerichteten „Gustav

Wasa“ (1800). Die kaum übersehbare Reihe satirischer Dramoletts, die

gern die Form des Puppenspiels annehmen, bildet ein starkes Band der

Zusammengehörigkeit aller romantischen Gruppen. In Schwaben ist nicht

nur Kerner, auch der weit ernstere und einheitlichere Uhland in solchen

irrlichternden Scherzspielen zu Kundgebungen romantischer Ironie

gelangt. Endlich beginnt die Romantik in dieser Form über sich selbst

zu spotten; Eichendorff kündigt den Philistern im eigenen Lager den

Krieg an (1824). Grabbe verbindet „Scherz, Satire, Ironie und tiefere

Bedeutung“ (1827) zu einem stachlichten Witzspiel. Zuletzt mündet

die Bewegung an eben dem Punkte, auf den Fr. Schlegel von Anfang an

hingewiesen hatte: bei Aristophanes. Platens aristophanische Komödien

(1826-29) brechen eine Lanze mit der Romantik; aber durch die streng

aristophanische Form leuchtet allenthalben der Geist romantischer

Ironie, den am Ende des 18. Jahrhunderts Fr. Schlegel und Tieck zum

Kampf gegen die Bühnenbeherrscher der Zeit aufgerufen hatten.

Freilich war man sich im romantischen Lager bewußt, daß das Programm

einer reinen Komödie durch satirische Scherzspiele nicht ganz erfüllt

sei. Wohl nur Platen glaubte in seinen aristophanischen Komödien

wirklich alle Wünsche zu erfüllen, die den Gegnern der Rührkomödie

am Herzen lagen. An Versuchen, das Lustspiel von der persönlichen

literarischen Satire zu befreien, fehlte es nicht. So wandelte Tieck

zeitweilig auf den Pfaden der Lustspiele desselben Ben Jonson,

dessen comical satires zu den Vorbildern des „Gestiefelten Katers“

zählten. Wie wichtig den Romantikern das Problem der reinen Komödie

blieb, bezeugt ihr starkes Interesse für Goethes und Schillers

Preisausschreiben vom Jahre 1800, das ganz im romantischen Sinn ein

Intrigenlustspiel ohne Rührung forderte. Brentanos „Ponce de Leon“

gehörte zu den eingereichten Stücken. Erfüllt aber wurden alle

Wünsche, die von romantischer wie von klassischer Seite nach einem

Kunstwerk der Komik riefen, durch Kleists „Zerbrochenen Krug“ (1811).

Da ward endlich eine Komödie geboten, die weitab von den rührenden

Familienszenen der Kotzebueschen Richtung nur den Intellekt in Bewegung

setzte; die derberen Effekte der romantischen Ironie kommen nicht zur

Geltung, rein waltet der Humor in dem Stücke, das mit genialem Griffe

auch da nur zum Lachen zwingt, wo kriminalistische Motive einen nicht

lustspielmäßigen Ernst hervorzubringen drohen. Wohl weist auch der

Ausgang des „Zerbrochenen Krugs“ auf eine Verlobung hin. Aber nicht,

daß Ruprecht sein Evchen bekommt, ist der Zweck des Stückes, sondern

die Beantwortung der Frage: wird Richter Adam es verhindern, daß der

wahre Krugzertrümmerer entlarvt werde? Ein reines Verstandesproblem

also, das alle Rühreffekte ausschließt!

~b~) Roman und Lyrik. Heine.

Romantische Ironie in der Form der Illusionszerstörung fällt am

deutlichsten in Theaterstücken ins Auge; denn nirgends innerhalb

der Poesie ist Wirkliches und Wirklichkeitsanspruch so deutlich

zu verspüren, wie auf der Bühne. Trotzdem können auch andere

Dichtungsgattungen mit Illusionszerstörung arbeiten, d. h. mit einem

Schlage aus voller Hingabe an die Welt der Kunst uns in die Werkstatt

des Dichters versetzen, uns gleichsam einen Blick hinter die Kulissen

eröffnen. Als Fr. Schlegel verlangte, daß „Transzendentalpoesie“

das Produzierende zusammen mit dem Produkt darstelle (Ath.-Fgm.

238), dachte er sicher in erster Linie an den Roman, der ja nach

seiner Ansicht die ganze moderne Poesie „tingiert“ (Ath.-Fgm. 146).

Wirklich glaubte er in Goethes „Meister“ (2, 171, 30) durch die

Hülle der Dichtung den Dichter selbst zu erblicken, der von der

Höhe seines Geistes auf seine Schöpfung herablächele (s. oben S.

35). Weit kenntlicher offenbart sich, was Fr. Schlegel forderte, in

Jean Pauls Romanen; erscheint doch Jean Pauls humoristische Poesie

oft „gleich eingestreuten Liedern als Episode oder vernichtet als

Appendix das Buch“ (Ath.-Fgm. 421). Tatsächlich lernen die romantischen

Romandichter vor allem von Jean Paul die „Ironie des aus dem Stück

Fallens“, wie Brentano drastisch es nennt. Jean Paul läßt mit

Vorliebe auf „Dampfbäder der Rührung“ „Kühlbäder der Satire“ folgen;

seinen Humor definiert er selbst als das Ergebnis des Aufbrausens

beider Spiritus, wenn seine negativ elektrische Philosophie und

sein positiv elektrischer Enthusiasmus ins Gleichgewicht zu kommen

ringen. Lieblingsform von Jean Pauls Humor ist, die Person des

Dichters zwischen den Leser und die Erzählung zu schieben, von seinem

Dichtgeschäft, von seinen schriftstellerischen Mühen, von Ärger über

die Arbeit zu berichten. Jean Paul knüpft dabei nur an längst geübte

Gebräuche der komischen Poesie an, die in Prosa und lieber noch in

Versen innerhalb des Buches gern vom Buche, von seiner Entstehung, von

Buchdrucker- und Honorarfragen spricht. Da lernt zuletzt der Verfasser,

der den größten Teil seiner Dichtung nur als getreuer Kopist eines ihm

übergebenen Manuskriptes vorgelegt haben will, die Personen seiner

eigenen Schöpfung von Angesicht zu Angesicht kennen; sie selber aber

lesen, was er über sie niedergeschrieben hat. Cervantes, englische

komische Novellisten wie Smollet und englische Humoristen wie Sterne

arbeiten mit solchen Mitteln; deutsche Erzähler (Miller, Musäus) folgen

ihnen. Wielands Versdichtungen aber bieten, mannigfachen Anregungen

folgend, eine Musterkarte der verschiedenen Mittel, durch die der

Dichter in seine eigene Dichtung sich und seine Reflexionen einmischen

kann. Sterne vor allem hat seinem Landsmann Byron und dessen ganzer

Schule den Weg gewiesen, dann aber auch Jean Paul und den Romantikern,

endlich den Reiseschilderern von M. A. v. Thümmel bis zu Heine und über

diesen hinaus durch das junge Deutschland bis in unsere Tage gezeigt,

wie ein Erzähler das epische Nacheinander zu einer Nebensache, zu

einem Nichts herabdrücken und durch überwuchernde Reflexionen, durch

Selbstbetrachtung und Selbstdarstellung einen dünnen Erzählerfaden

hindurchspinnen kann. Im 421. Athenaeumfragment wird Jean Paul darum

auch vorgeworfen, daß er „nicht +eine+ Geschichte gut erzählen kann,

nur so was man gewöhnlich gut erzählen nennt“. Bald aber gefiel sich

romantische Novellistik in solcher unepischen Willkür; und schon die

„Lucinde“ zeigt starke Neigungen, Jean Paul durch Anwendung aller

Formen, nur nicht durch das epische Nacheinander fortschreitenden

Berichtes zu übertrumpfen. Auch der „Lucinde“ möchte man den Vorwurf

machen, daß ihr Verfasser nicht erzählen kann.

Die Manier Sternes und Jean Pauls wurde aber auf die Spitze getrieben

und überholt von Brentanos „verwildertem“ Roman „Godwi“. Da ergeben

sich -- wie bei Jean Paul -- seltsame Überraschungen, wenn zuletzt der

pseudonyme Verfasser Maria die Persönlichkeiten seines Berichtes zu

sehen bekommt; so ruft er, wenn er endlich den Titelhelden erblickt

hat, erstaunt aus: „Dies war also der Godwi, von dem ich so viel

geschrieben habe... Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt.“ Nicht

nur wird im Buche -- wiederum ganz nach Jean Pauls Art -- das Buch

selber nach Kapitel oder Seitenzahl zitiert; Godwi erklärt: „Dies ist

der Teich, in den ich Seite 266 im ersten Bande falle“ oder fragt

Maria: „... was wollten Sie Seite 281 mit den stillen Lichtern?“;

oder man spricht von der Stelle, „wo Werdo Senne Seite 126 singt“.

Noch vermehrt werden die Spiegelungen und Widerspiegelungen, die nach

Fr. Schlegels Programm der romantischen Ironie eigen sind, indem

endlich auch der unter seine eigenen Geschöpfe versetzte Dichter

Maria stirbt. Er habe sich bei der Ausarbeitung des zweiten Teils

zu Tode gelangweilt, heißt es. Und eine fragmentarische Fortsetzung

erzählt seine letzte Krankheit. Energischer konnte der Dichter -- nach

romantischer Ansicht -- sich nicht über sich selbst erheben, als wenn

er sich selber sterben ließ und von seinem eigenen Tode berichtete.

Diese Scherze romantischironischer Erzählungen setzen sich -- und darum

verdienen sie nähere Beachtung -- durch Jahrzehnte fort. Immermanns

„Epigonen“ (1836) noch lassen gegen das Ende hin den Verfasser in den

Kreis seiner Romangestalten eintreten; die Beteiligten lesen, was

er über sie geschrieben hat und geraten durch irrige Auslegungen in

peinlichste Konflikte. Sogar noch Immermanns „Münchhausen“ (1838/39)

arbeitet mit dem Buchbinder, so wie einst Sterne und Jean Paul den

Buchdrucker herbeibemüht hatten. Immermanns Roman beginnt, angeblich

durch ein Versehen des Buchbinders, mit Kapitel 11; und erst nach dem

15. Kapitel folgen die ersten zehn. Eine Korrespondenz des Verfassers

mit dem Buchbinder darf nicht fehlen. Allerdings zielte dieser

Buchbinderscherz auf Pückler-Muskaus „Briefe eines Verstorbenen“

(1830 f.), die im ersten Bande die Nummern 25-48 bringen und im zweiten

die Nummern 1-24 nachtragen.

Unserem Gefühl erscheinen solche Scherze veraltet und wirkungsarm.

Dieses geistige Feuerwerk verpufft zu rasch, und wir haben nur den

Eindruck einer fast zwecklosen Zerstörung. Doch die Romantik selber

hat noch gelernt aus der Stimmungsbrechung stärkere Effekte zu holen.

+Heine+ war es vorbehalten, in Prosa und Vers die romantische Ironie

mit französischer Pointentechnik zu verknüpfen, die romantische

Stimmungsbrechung zur Schlußpointe zu verwerten. Am geläufigsten

sind jedermann die illusionzerstörenden Schlüsse seiner Gedichte. Am

Schlusse des „Seegespensts“ (Nordsee I, 10) will der Dichter, von

dem Anblick der tief unten im Meer erschauten Geliebten gefesselt,

sich ins Wasser stürzen; die Farbengebung ist stark genug, daß wir es

glauben; der Kapitän aber hält ihn zurück mit dem derbprosaischen,

die Stimmung des ganzen Gedichts zerstörenden Zuruf: „Doktor, sind

Sie des Teufels?“ Im „Goldenen Topf“ (1, 184) hatte E. T. A. Hoffmann

genau denselben Witz sich geleistet. Aber nur Heine erzielt mit

ihm einen blendenden Schlußeffekt. Schlußpointen, die witzig die

im Gedicht selber wachgerufene Stimmung vernichten, hatte schon

Gellert den Franzosen abgesehen; Heine erhebt die Schlußpointe ins

Romantische, indem er die Pointe gegen sich selbst, gegen das Ich des

Dichters kehrt, und indem er mit dem Gegensatz des konventionellen

Philistergefühls und des Enthusiasmus eines Dichterherzens arbeitet.

Mindestens ebenso schlagende Effekte erzielt Heines Prosa. Sterne liebt

die Aposiopese und den Gedankenstrich. Mehrere Zeilen Gedankenstriche

deuten geheimnisvoll auf unsagbare Erlebnisse hin. Heine fingiert, daß

die Zensur ihm seinen Text übel zusammengestrichen habe; das ganze 12.

Kapitel des Buches „Le Grand“ besteht fast nur aus Zensurstrichen, die

vorgeblich von dem Texte des Abschnitts nur die Worte: „Die deutschen

Zensoren -- -- -- Dummköpfe -- --“ übriglassen. Zu so spitzen Scherzen

hatte weder Sterne noch Jean Paul noch die Romantik den Buchdruckerwitz

ausgebeutet. Heine geht noch weiter: er bereitet Witzpointen seiner

Prosa viele Seiten früher vor. Die Anwendung des Hundegebets „O Hund,

du Hund -- du bist nicht gesund...“ auf König Ludwig von Bayern (Elster

4, 510) ist zehn volle Seiten früher angebahnt (S. 500) und wirkt eben

darum so treffend.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 13 / 17 段