zur nationalen Politik weiter. In ihren Anfängen hatten sie
kosmopolitisch sich für die französische Revolution interessiert.
Noch 1796 schrieb Fr. Schlegel für die Zeitschrift „Deutschland“
des „Sanskulotten“ Reichardt seinen „Versuch über den Begriff des
Republikanismus“. In abstrakter Deduktion knüpft er an Kants Wort an:
„Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein“
(Minor 2, 57) und führt es in eherner Konsequenz weiter aus. Dann aber
wird völlige Abkehr von politischer Diskussion ein Schlagwort des
„Athenaeums“: „Nicht in die politische Welt verschleudere du Glauben
und Liebe, aber in der göttlichen Welt der Wissenschaft opfre dein
Innerstes in dem heiligen Feuerstrom ewiger Bildung“ (106. Idee).
Gleichzeitig kündigt sich schon die Wendung in dem romantischen
Interesse für Politik an: 1798 erscheinen im Juliheft der „Jahrbücher
der preußischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms
III.“ Fragmente Hardenbergs mit dem Titel „Glauben und Liebe oder der
König und die Königin“. Nun fühlt sich auch Fr. Schlegel gefesselt und
schreibt an den Verfasser: „Weniges ehre ich so, und weniges hat so auf
mich gewirkt“ (Raich S. 129 f.). Der Republikanismus ist verschwunden,
die kommende restaurative Staatstheorie der Romantiker kündigt sich an.
Aber noch fehlt das national-kollektivistische Empfinden. Die Königin
Luise, nicht das deutsche Volk bannt Hardenbergs Dichterauge, wie
sie das Auge Heinrich v. Kleists gefesselt hat. Wie die „Ideen“ das
nationale Problem formulieren, wie durch Wackenroder und Novalis
Interesse für altheimisches Wesen wachgerufen wird, ist oben (S. 77 f.,
89 ff.) angegeben. Wie fern man trotzdem einem nationalen, im Sinne
der Zeit patriotischen Empfinden noch stand, bezeugen feine Spottworte
W. Schlegels über Klopstocks und seiner Jünger „fanatischen, von aller
historischen Kenntnis des Charakters der Deutschen, ihrer jetzigen
Lage und ihrer ehemaligen Taten entblößten Patriotismus“ (Berliner
Vorlesungen 3, 21 f.). Ältere Polemik gegen Klopstocks chauvinistische
Verherrlichung der deutschen Sprache wieder aufnehmend, lächelt W.
Schlegel über Klopstocks Forderung, der deutsche Jüngling müsse sein
Vaterland jedem anderen vorziehen, wenn anders ein deutsches Mädchen
ihn lieben solle. Und er fragt ironisch: „Ist es denn ein so großer
Mangel keinen Nationalstolz zu haben? Sehen wir nicht, daß er bei
andern Völkern häufig auf Einseitigkeit, Beschränktheit, ja auf
bloßen Einbildungen beruht?“ Eher kündigt sich eine neue Zeit an,
wenn W. Schlegel die Notwendigkeit des Krieges, für den „schon manche
Philosophen ein Fürwort eingelegt“ hätten, behauptet (3, 93 ff.). Heißt
es ja doch auch in den nachgelassenen Entwürfen zum „Ofterdingen“: „Auf
Erden ist der Krieg zu Hause. Krieg muß auf Erden sein“ (4, 259).
Der Wendepunkt trat in dem Augenblick ein, da Fr. Schlegel
französischen Boden betrat. Die beiden Gedichte „Bei der Wartburg“ und
„Am Rhein“, die er 1803 in den ersten Aufsatz der „Europa“ (s. oben S.
91) aufgenommen hat, feiern alte deutsche Ritterzeit nicht allein in
dem verklärenden Sinne Wackenroders und Hardenbergs; sie sind national
aus dem Augenblick herausgedacht. Der Rhein gemahnt Fr. Schlegel daran,
was die Deutschen einst waren und was sie heute sein könnten.
Am 12. März 1806 erklärt nunmehr auch W. Schlegel in seinem
umfänglichen Bekenntnisbrief an Fouqué (8, 144 f.): Die Dichter
der letzten Epoche hätten die bloß spielende, müßige, träumerische
Phantasie allzusehr zum herrschenden Bestandteil ihrer Dichtungen
gemacht. Deutschland aber bedürfe im Augenblick einer durchaus
nicht träumerischen, sondern wachen, unmittelbaren, energischen und
besonders einer patriotischen Poesie. „Vielleicht sollte, solange
unsere nationale Selbständigkeit, ja die Fortdauer des deutschen Namens
so dringend bedroht wird, die Poesie bei uns ganz der Beredsamkeit
weichen, einer Beredsamkeit, wie z. B. in Müllers Vorrede zum vierten
Bande seiner Schweizergeschichte.“ Und dabei weist W. Schlegel auf die
beiden Gedichte seines Bruders hin.
Öffentlich vertrat W. Schlegel 1807 dieselben Ansichten in der
Rezension von Rostorfs Dichtergarten (12, 206 ff.). Und abermals konnte
er auf Verse seines Bruders sich beziehen. Die ganze Sammlung sei in
deren Sinne gedacht:
Den Heldenruhm, den sie zu spät jetzt achten,
Des deutschen Namens in den lichten Zeiten,
Als Rittermut der Andacht sich verbunden,
Die alte Schönheit, eh’ sie ganz verschwunden
Zu retten fern von allen Eitelkeiten,
Das sei des Dichters hohes Ziel und Trachten!
Fr. Schlegel steuert unmittelbar auf die Lyrik der Befreiungskriege
los. Gleich nach Jena, im selben Augenblick, da Arndt zu singen
beginnt, dichtet er seine Sänge „Gelübde“ und „Freiheit“ (9, 180, 182).
Fortan ist der patriotische Sang eng mit ihm verknüpft. Der Wiener
Gefolgsmann der Schlegel, Heinrich Joseph v. Collin, dichtet für den
Krieg von 1809, den Fr. Schlegel im Stabe Erzherzog Karls mitmachte,
seine „Lieder österreichischer Wehrmänner“. Im Hause Fr. Schlegels zu
Wien verkehren Theodor Körner und Eichendorff, ehe sie in den Krieg
ziehen. Max v. Schenkendorf trifft von allen Befreiungssängern den
romantisch-religiösen Ton Hardenbergs und Schlegels am besten und läßt
sich besonders von Schlegels „Freiheit“ zu seinem Sange „Freiheit, die
ich meine“ anregen.
Der entscheidende Anstoß zu kollektivistischer Betrachtung sollte indes
von dem Manne ausgehen, an den die einseitigsten individualistischen
Kundgebungen der Romantik anknüpften: von +Fichte+. Noch in seinem
„Naturrecht“ (1796) neigt Fichte so stark zu kosmopolitischen
Anschauungen, daß er für nationales Wesen nichts übrig hat. Der Staat
wird im wesentlichen von seiner polizeilichen Seite gefaßt. Dagegen
kündigt sich schon das Verlangen an, daß der Staat jedem seiner
Bürger das sittliche Grundrecht, von seiner Arbeit leben zu können,
gewährleiste. Diesen Grundgedanken des Sozialismus entwickelte Fichte
in seinem „Geschlossenen Handelsstaat“ (1800): der Staat habe die
gesamte Organisation der Arbeit in die Hand zu nehmen. Nunmehr wurde
ihm der Staat schon ein gesellschaftlicher Organismus, dessen Wesen er
dann in den „Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters“ (1806) tiefer
zu erfassen suchte. Die Napoleonischen Eroberungskriege trieben
ihn weiter. Sie legten ihm die Frage nahe, ob wie die einzelnen
Persönlichkeiten so auch die einzelnen Nationalitäten im Weltplan
eine besondere Bestimmung hätten; ob mit dieser Bestimmung die
Pflicht, sie zu erfüllen, und das Recht zu politischer Selbständigkeit
gegeben sei. Von diesem Probleme aus vorwärtsschreitend, gelangte
Fichte zu der Überzeugung, die deutsche Nation habe eine so mächtige
Kulturbestimmung, daß sie fast allein neben den Einseitigkeiten der
anderen Nationen zur Erfüllung des Ideals der Humanität berufen sei.
Nur von der Regeneration des deutschen Volkes erhofft er das Heil
für die verfahrenen Zustände des Zeitalters. Die Selbstbefreiung des
deutschen Geistes ist mithin die Pflicht, die der Nation von ihrer
Bestimmung auferlegt wird. Dazu müssen die Deutschen politische
Nationalität erwerben. Eine nationale Erziehung hat also den Boden für
die Zukunft vorzubereiten.
So lautet das Glaubensbekenntnis der „Reden an die deutsche Nation“
(1808). Mit einem Schlage war hier der nationale Gedanke und die
gesellschaftliche Betrachtung zu einem Ganzen verschmolzen; nicht
länger war es nur ein Appell an die vergangene Größe Deutschlands,
nicht länger nur der Anspruch, daß Deutschland die geistige Führung der
Welt zukomme (s. oben S. 90 f.). Aus dem Zustand der deutschen Nation,
aus den augenblicklichen gesellschaftlichen Verhältnissen und aus
den künftigen Aufgaben der Gesellschaft wurde die Pflicht nationalen
Fühlens abgeleitet. Hier war zum erstenmal uneingeschränkt die
Behauptung aufgestellt, daß eine Gelehrtenrepublik noch kein Ersatz für
einen Staat sei, daß die Vernichtung der politischen Selbständigkeit
der deutschen Nation auch die ganze Herrlichkeit deutscher Literatur
und Kunst in Frage stelle (vgl. R. Fester, Rousseau und die deutsche
Geschichtsphilosophie, Stuttgart 1890, S. 151).
Doch noch von ganz anderer Seite gewöhnte man sich damals daran,
das deutsche Volk als Einheit im Gegensatz zu den einzelnen großen
Persönlichkeiten zu fassen und die Pflichten zu bedenken, die der
einzelne dieser Gesamtheit gegenüber hat. +Arnim+ geht da voran. Ihn
verband ein starkes Gefühl mit der Scholle, auf der er geboren war;
er besaß ein wirkliches Vaterland. Für dieses Vaterland sammelte
er schon 1806 Kriegslieder. Er war aber elastisch genug, dieses
echte Vaterlandsgefühl auf ganz Deutschland auszudehnen. Das ganze
Deutschland sollte der Freude teilhaftig werden, die er selber an
deutscher Art und Kunst hatte. Als erster unter den Romantikern beginnt
Arnim mit Bewußtsein nicht nur für den Gebildeten zu arbeiten, sondern
für das Volk und diesem nicht nur altes Volksgut wieder zuzuführen,
sondern auch aus der Welt der Gebildeten ihm zu schenken, was ihm
taugt. Das Dauernde suchte er auf: „Wir wollen“, heißt es 1805 in
seinem Aufsatze „Von Volksliedern“ (Deutsche Nationalliteratur 146,
1, 78), „allen alles wiedergeben, was im vieljährigen Fortrollen
seine Demantfestigkeit bewährt, nicht abgestumpft, nur farbespielend
geglättet alle Fugen und Ausschnitte hat zu dem allgemeinen Denkmale
des größten neueren Volkes, der Deutschen.“ Von einem begeisterten
Liebhaber altdeutschen Wesens wird da vor Fichte der Ton der „Reden an
die deutsche Nation“ angeschlagen.
Aus der Geschichte erwächst für Arnim der Begriff des deutschen
Volkstums. Er fühlt sich als Träger einer Tradition und möchte diese
Tradition bewahrt wissen. „Nur der Ruchlose“, heißt es in der „Gräfin
Dolores“ (1, 93), „fängt eine neue Welt an in sich, das Gute war
ewig.“ „Der wunderbare Zustand ohne Gegenwart“ (Werke 12, 29), den
die französische Revolution gezeitigt hat, scheint ihm verwerflich.
Er will von dem Kosmopolitismus, der „Europa zu einem schönen humanen
Ganzen zusammengefabelt“ hat (Dolores 1, 124), nichts wissen. All das
ist aus dem Lebensgefühl des märkischen Edelmanns geschaut; dabei nimmt
Arnim den Begriff des Adels im höchsten Sinne und hält den Adligen zu
Selbstbescheidung und Pflichterfüllung vor anderen berufen. Agrariertum
offenbart sich bei ihm in streng sittlicher, verpflichtender Form.
Seine ausgesprochene Vorliebe für das Land läßt ihn gegen Industrie
und Handel ungerecht werden; in ihr findet seine Abneigung gegen das
Judentum eine Stütze. Ein starkes Standesbewußtsein bestimmt auch
seine pädagogischen Gedanken. Nicht Menschen, sondern Deutsche will er
erziehen, nicht allseitige Entfaltung der Kräfte verlangt er wie die
Frühromantik, sondern nach Dienern des Vaterlandes ruft er, die in den
Grenzen ihres Standes nach dem Maße ihrer Kräfte wirken (vgl. Friedrich
Schultze, Die Gräfin Dolores, Leipzig 1904, S. 23 ff.).
Eng verwandt mit Arnims staatswissenschaftlichen Anschauungen sind
+Adam Müllers+ Lehren. Damm konnte Arnim mit Adam Müller und mit seinem
Standesgenossen Heinrich v. Kleist, dessen patriotische Begeisterung
lyrisch und dramatisch gleich machtvoll ertönte, zu dem gemeinsamen
Unternehmen der „Abendblätter“ (1810/11) sich verbinden. Durch Reinhold
Steigs Forschungen (Heinrich v. Kleists Berliner Kämpfe, Berlin
und Stuttgart 1901) ist heute klargestellt, daß die „Abendblätter“
nach Tendenz, Inhalt und Form das Organ der preußischen Junker in
ihrem Kampfe gegen den Minister Hardenberg darstellten, gegen seine
Politik, die im Sinne der von der französischen Revolution angeregten
Anschauungen dilettierte, wie auch gegen seine staatswissenschaftlichen
Ansichten, die auf Adam Smith begründet waren. Adam Müller drückte
dem Blatte seinen Stempel auf: prinzipielle Gegnerschaft gegen die
Revolution und gegen die Staatsanschauung Edmund Burkes, wesentliche
Erhaltung Preußens als eines Agrikulturstaates, keine Reform der
wirtschaftlichen Zustände im Sinne von Adam Smith; und all das
getragen von einem starken Patriotismus und von dem Wunsche, das
französische Joch abzuschütteln. Mag in dem Parteiblatte auch
gelegentlich junkerliche Interessenpolitik etwas einseitig sich
geltend machen, sicher ist es eine charakteristische und echte Urkunde
romantischer, politischer, patriotischer und nationalökonomischer
Tendenzen. Denn wie Arnim fast durchaus diesen Kundgebungen zustimmen
konnte, so deuten alle Äußerungen Adam Müllers auf das romantische
staatswissenschaftliche Glaubensbekenntnis, wie es sich nach 1800
entwickelt. Das konservative Agrariertum, das Adam Müller vertritt,
bereitet die reaktionäre Politik der Zeit nach 1815 vor. Herold dieser
Richtung ist Adam Müller in enger Verbindung mit Friedrich v. Gentz,
der rechten Hand Metternichs, mit Fr. Schlegel und mit Karl Ludwig v.
Haller geworden.
+Fr. Schlegel+ ging auch auf diesem Felde voran. In den Kölner
Vorlesungen von 1806 (Windischmann 2, 306-396) entwickelt er zum
erstenmal systematisch seine Ansichten über Natur- und Staatsrecht,
über Politik und Völkerrecht. Auch hier heißt es (S. 369): „Der Adel
gehört ganz zu dem Landmann; er ist nur der höhere Landmann.“ Auch hier
wird ständische Verfassung vertreten. Auch hier wird erklärt: „Die Art,
wie der Handel jetzt ausgeübt wird, ist dem Staatszwecke im höchsten
Grade gefährlich“ (S. 371). Allein vorläufig trennt noch eine weite
Kluft die Berliner Patrioten von Fr. Schlegel. Schlegel steht schon auf
einem mittelalterlich religiösen Standpunkte, er führt Gedanken und
Träume von Novalis’ Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ (s. oben
S. 77 f.) systematisch aus. Von dieser Stelle gab es vorläufig keine
Brücke zu Arnim, Kleist und Adam Müller. Adam Müller aber ist nachmals
in Schlegels Lager übergegangen.
Fundamentale Anschauungen der Frühromantik liegen den Ausführungen Fr.
Schlegels zugrunde: ein großer Organismus soll aufgebaut werden, in dem
alle Teile ineinander leben, ein kirchlich-staatliches Universalsystem.
Die organische Alleinheit, Gott, wird im christlichen Sinne genommen;
und zwar enthüllt sich, wie in Novalis’ Aufsatz, wie in den späteren
kulturhistorischen Konstruktionen Fr. Schlegels (s. oben S. 85 f.),
die mittelalterliche Welt als höchste Verkörperung der organischen
und harmonischen Verknüpfung geistlicher und weltlicher Gewalt. Dem
Katholizismus sollte nunmehr die Aufgabe zufallen, diese organische
Harmonie von neuem zu begründen. Die Religion wurde so zum organischen
Mittelpunkt des Lebens.
Diesem Glaubensbekenntnis ist die Kirche das erste und der Staat das
zweite. Alle Staatsgewalt kommt von Gott. In der Kirche erfüllt sich
jeder Zweck höchster geistiger Gemeinschaft; der Staat hat nur die
äußeren Bedingungen eines solchen Gemeinschaftslebens zu gewährleisten.
Er beschränkt sich darum auf die mittelalterlichen Staatsziele: Ordnung
und Recht, Friede und Gerechtigkeit.
„Schon in dieser keimhaften Entwicklung kündigt sich der zugleich
aristokratische und demokratische, der exklusive und der
Massencharakter namentlich des künftig vollentwickelten Klerikalismus,
zugleich aber auch die Möglichkeit einer Massenentwicklung jeder Art
des Konservatismus und damit das Geheimnis ihrer stärksten politischen
Wirkungen an“, sagt Lamprecht (Deutsche Geschichte 10, 449).
Von solchen Ansichten aus gelangt romantische Staatswissenschaft
rasch zu einem Standpunkte, der dem nationalen Streben der
Befreiungskriegszeit durchaus entgegengesetzt ist. Ein politischer
Universalismus löst die nationalen Begrenzungen wieder auf, die am
Anfang des 19. Jahrhunderts an die Stelle des Kosmopolitismus getreten
waren. Österreich sollte die universalistisch-klerikalen Ideale
erfüllen; seine bunte nationale Zusammensetzung schien dem Zwecke
dienlich zu sein.
Dagegen ging die kollektivistische Wendung vom Anfang des Jahrhunderts
nicht verloren. Wohl wird der Monarch zum Repräsentanten der großen
harmonischen Einheit erhoben, ja sogar der Gedanke erwogen, ob mit der
Würde des Herrschers auch die höchste Priesterwürde zu verknüpfen sei.
Nicht der Zwang der Gesetze, sondern die Autorität des Fürsten soll
ferner den Staat erhalten. Ein religiöser Absolutismus also, wie er im
16. Jahrhundert teils geplant, teils wirklich durchgeführt worden ist!
Jedoch ebenso wird die höchste Freiheit des einzelnen bei der festesten
Vereinigung aller gefordert und die Idee einer Repräsentation des
Volkes nach Ständen erwogen.
Die Romantik weist in diesen letzten Forderungen politischer Art nach,
daß sie mit dem Zeitgeist fortgeschritten ist. Das junge Deutschland
bekennt sich gleichfalls zu Kosmopolitismus und Kollektivismus.
Freilich ist es ebenso radikal und revolutionär gesinnt, wie die
Romantik der Reaktion dient. Aber die Probleme des Zeitalters werden
auf beiden Seiten gleich eifrig, wenn auch von ganz entgegengesetztem
Standpunkte erwogen. Stellt das junge Deutschland im wesentlichen ein
Weiterdenken frühromantischer Ideen dar, so konnte es doch schließlich,
um auf der Höhe des Zeitalters zu stehen, nichts anderes tun, als die
Zeitprobleme des Kosmopolitismus und Kollektivismus mit dem alten
romantischen Gedankenschatz und mit seinen revolutionären Strebungen
zu verknüpfen, mit Elementen, die von der Romantik selbst längst
preisgegeben worden waren. Wohl überholt das junge Deutschland auf
solche Weise die alternde Romantik, aber es bewährt sich auch in dieser
Verknüpfung nur als Epigone und erhärtet, daß die Romantik bis zuletzt
gewußt hat, wie die Fragen lauteten, die einer Lösung harrten.
VI. Die Dichtung der Frühromantik und der jüngeren Romantik, ihr
Zusammenhang und ihr Gegensatz.
1. Volksliedartige Lyrik.
Ein doppeltes Problem erhebt sich, wenn die Beziehung der romantischen
Gedankenwelt zur romantischen Dichtkunst, das Verhältnis von
Spekulation und Schaffen erwogen werden soll:
Ist die frühromantische Dichtung aus der Theorie erwachsen?
Steht die Dichtung der späteren romantischen Blütezeit überhaupt noch
im Zusammenhang mit der Theorie der Frühromantik?
Beide Fragen sind nicht schlichtweg zu bejahen oder zu verneinen.
Frühromantische Dichtung soll zum großen Teil die Theorie illustrieren;
aber sie nimmt auch theoretische Ergebnisse vorweg. Spätere romantische
Dichter fühlen sich mehrfach im Gegensatz zu der spekulativen Richtung
Fr. Schlegels, Schleiermachers und Hardenbergs; aber sie treiben
trotzdem Gedanken und Formen weiter, die im frühromantischen Lager ihre
Vorbereitung gefunden hatten.
Um den Zusammenhang frühromantischer Theorie und jüngerer Romantik
nicht zu verkennen, darf man allerdings nicht einzelne Worte aus ihrem
Zusammenhang herausheben und einseitig deuten. Arnim bekennt 1808 als
Herausgeber der „Zeitung für Einsiedler“ (Nr. 8, S. 58): „Der blinde
Streit zwischen sogenannten Romantikern und sogenannten Klassikern
endet sich; was übrig bleibt, das lebt, unsre Blätter werden sich
mit beiden und für beide beschäftigen; man lernt das Eigentümliche
beider Stämme wie in einzelnen Individuen erkennen, achten und sich
gegenseitig erläutern und in seiner Entwickelung erkennen.“ Ganz
irrig wäre es, in diesen Worten eine Absage, an die ältere Romantik
gerichtet, zu suchen. Vielmehr bekennt Arnim sich genau zu der
Anschauung, die Fr. Schlegel in der „Europa“ (s. oben S. 81 f.)
vertritt; und so verweist er denn ausdrücklich auf Fr. Schlegels „Werk
über Indien“, wo „diese Entwicklung“ dargestellt sei.
Gerne wird von Kurzsichtigen auch Uhland zu der Romantik überhaupt und
natürlich am stärksten zu der Theorie der Frühromantiker in Gegensatz
gestellt. Bestenfalls gibt man eine Verwandtschaft der behandelten
Stoffe und der verwerteten Formen zu. Uhland aber hat in einem
Jugendaufsatz den Begriff des Romantischen ganz und gar im Sinne der
Schlegel, Schleiermachers und Schellings umschrieben: er spricht von
der unendlichen Sehnsucht in die weite Ferne. „Der Geist des Menschen,
wohl fühlend, daß er nie das Unendliche in voller Klarheit in sich
auffassen wird, und müde des unbestimmt schweifenden Verlangens,
knüpft bald seine Sehnsucht an irdische Bilder, in denen ihm doch
ein Blick des Überirdischen aufzudämmern scheint... Dies mystische
Erscheinen unseres tiefsten Gemütes im Bilde, dies Hervortreten der
Weltgeister, diese Menschwerdung des Göttlichen, mit +einem+ Worte:
dies Ahnen des Unendlichen in den Anschauungen ist das Romantische“
(Werke, herausgegeben von L. Fränkel, 2, 347 f.). Sind das nicht
fast wortgetreu Schleiermachers Gedanken von der Gegenwart des
Unendlichen im Endlichen, ist das nicht im wesentlichen Fr. Schlegels
und Schellings Idee von der Symbolisierung des Unendlichen durch das
Endliche? Und ebenso ist aus den tiefsinnigsten Anschauungen der
Romantik, wie sie bei Novalis begegnen, das endgültige Urteil über die
Romantik geflossen, das Uhland fällt: „Die Romantik ist nicht bloß ein
phantastischer Wahn des Mittelalters; sie ist hohe, ewige Poesie, die
im Bilde darstellt, was Worte dürftig oder nimmer aussprechen, sie ist
das Buch seltsamer Zauberbilder, die uns im Verkehr erhalten mit der
dunkeln Geisterwelt; sie ist der schimmernde Regenbogen, die Brücke der
Götter, worauf, nach der Edda, sie zu den Sterblichen herab und die
Auserwählten zu ihnen empor steigen“ (S. 350 f.).
Mit welcher Andacht die jüngeren romantischen Konventikel von der Art
des Kreises Uhlands und Kerners in die Leitsätze der romantischen
Theorie sich versenkten und sie sich zu eigen zu machen suchten, das
beweist Uhlands Studie über das Romantische unwiderleglich (vgl.
insbesondere oben S. 93).
Noch unzweideutiger und klarer als der Zusammenhang der
frühromantischen Theorie und der Dichtung der jüngeren Romantiker
ist die Verbindung, die zwischen früherer und späterer romantischer
Dichtung besteht; nur wenige Entwickelungslinien der romantischen
Poesie setzen in späterer Zeit ein und sind nicht bis in das letzte
Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts zurückzuverfolgen.
Vielleicht die stärkste Wendung vollzieht sich auf dem Gebiet der
Lyrik. Die spätere Romantik hat der deutschen Literatur einen
unschätzbaren Reichtum lyrischer Poesie geschenkt. Die deutsche
volkstümliche Lyrik des 19. Jahrhunderts entkeimt zum weitaus
überwiegenden Teile der Umwandlung, die sich im ersten Dezennium des
19. Jahrhunderts auf dem Felde romantischer Lyrik abspielte. Nicht die
Lyrik der Befreiungskriege kommt hier in Betracht; denn sie ist noch
von frühromantischer Hand gestiftet worden (s. oben S. 114 f.), wohl
aber die volksliedartige Lyrik.
Weder die musikalische Lyrik Tiecks, noch die formalen Kunststückchen
im romanischen Stil, wie zunächst die Schlegel sie schaffen, noch
Novalis’ schlicht treuherziger und doch so beziehungsreicher Sang
bereiten die volksliedartigen Lieder vor, die von den Schwaben, von
Eichendorff, Wilh. Müller, Heine gesungen worden sind. Vielmehr haben
merkwürdigerweise so Wackenroder und Tieck wie die beiden Schlegel die
dankbare Rolle der Wiedererwecker deutscher volksliedartiger Lyrik den
Herausgebern des „+Wunderhorns+“ überlassen.