Nicht nur zur Malerei hat Wackenroder den romantischen Genossen den

Weg gezeigt, auch zu der Kunstgattung, die gern zur romantischesten

gestempelt wird, zur +Musik+. Einem Menschen von starkem und gegen

Analyse sich wehrendem Gefühl mußte die Musik, und was sie in ihm

anregte, Herzensoffenbarung sein. Wieder scheinen nur Herder und

Heinse vor Wackenroder ein gleich starkes Verhältnis zu dieser Kunst

gehabt zu haben. Wackenroder war Schüler Faschs und Reichardts, des

Komponisten Goethescher Lieder und revolutionären Publizisten, dem

die „Xenien“ übel mitgespielt haben. In Reichardts Hause, zu dem

er bald in verwandtschaftliche Beziehungen trat, wurde Tieck mit

Musik übersättigt. Wackenroder aber lernte hier nicht so sehr der

Musik ihre Geheimnisse ablauschen als vielmehr diese in unberührter

Keuschheit bewahren. In den Aufsätzen der „Herzensergießungen“ und

der „Phantasien über die Kunst“, in denen Wackenroder von der Musik

spricht, wehrt er sich ausdrücklich dagegen, Tonstücke in Worten zu

erklären, „die reichere Sprache nach der ärmeren abzumessen und in

Worte aufzulösen, was Worte verachtet“ (Phantasien, herausgegeben von

J. Minor, S. 71). Und wie hat er es doch verstanden, die Stimmung

alter choralmäßiger Kirchenmusik in Worte zu bannen, „die wie ein

ewiges ~Miserere mei, Domine!~ klingt, und deren langsame, tiefe Töne

gleich sündenbeladenen Pilgrimen in tiefen Tälern dahinschleichen.

-- Ihre bußfertige Muse ruht lange auf denselben Akkorden; sie

getraut sich nur langsam die benachbarten zu ergreifen; aber jeder

neue Wechsel der Akkorde, auch der allereinfachste, wälzt in diesem

schweren, gewichtigen Fortgange unser ganzes Gemüt um, und die leise

vordringende Gewalt der Töne durchzittert uns mit bangen Schauern

und erschöpft den letzten Atem unseres gespannten Herzens. Manchmal

treten bittere, herzzerknirschende Akkorde dazwischen, wobei unsre

Seele ganz zusammenschrumpft vor Gott; aber dann lösen kristallhelle,

durchsichtige Klänge die Bande unseres Herzens wieder auf und trösten

und erheitern unser Inneres. Zuletzt endlich wird der Gang des Gesanges

noch langsamer als zuvor, und von +einem+ tiefen Grundton wie von

dem gerührten Gewissen festgehalten, windet sich die innige Demut in

mannigfach-verschlungenen Beugungen herum und kann sich von der schönen

Bußübung nicht trennen, -- bis sie endlich ihre ganze aufgelöste Seele

in einem langen, leise verhallenden Seufzer aushaucht -- --“ (S. 64).

Dieser Versuch, das erwirkte Gefühl festzuhalten, zeigt deutlich,

wie Wackenroder es meinte, wenn er warnend ausrief: „Wer das, was

sich nur von innen herausfühlen läßt, mit der Wünschelrute des

untersuchenden Verstandes entdecken will, der wird ewig nur Gedanken

über das Gefühl und nicht das Gefühl selber entdecken... Wie jedes

einzelne Kunstwerk nur durch dasselbe Gefühl, von dem es hervorgebracht

ward, erfaßt und innerlich ergriffen werden kann, so kann auch das

Gefühl überhaupt nur vom Gefühl erfaßt und ergriffen werden“ (S. 70).

Wohl klingt es unromantisch, wenn Wackenroder das fühlende Herz ein

„selbständiges verschlossenes göttliches Wesen“ nennt, „das von der

Vernunft nicht aufgeschlossen und gelöst werden kann“; doch wenn er

sich dagegen sträubt, den Gefühlsinhalt vernunftmäßig zu deuten, so

sucht er ihn doch zu vollem Bewußtsein zu erheben. Das Gefühl soll

Gefühl bleiben, aber als Gefühl auch ganz zur Erfassung gelangen. Denn

als Gefühl enthält es einen Erkenntniswert, der bei begrifflicher

Analyse verloren ginge. Wackenroder sucht zu verdeutlichen, was

er meint: „Ein fließender Strom soll mir zum Bilde dienen. Keine

menschliche Kunst vermag das Fließen eines mannigfaltigen Stroms,

nach allen den tausend einzelnen, glatten und bergigten, stürzenden

und schäumenden Wellen, mit Worten fürs Auge hinzuzeichnen, -- die

Sprache kann die Veränderungen nur dürftig zählen und nennen, nicht die

aneinanderhängenden Verwandlungen der Tropfen uns sichtbar vorbilden.

Und ebenso ist es mit dem geheimnisvollen Strome in den Tiefen des

menschlichen Gemütes beschaffen, die Sprache zählt und nennt und

beschreibt seine Verwandlungen in fremdem Stoff; -- die Tonkunst

strömt ihn uns selber vor. Sie greift beherzt in die geheimnisvolle

Harfe, schlägt in der dunkeln Welt bestimmte dunkle Wunderzeichen in

bestimmter Folge an, -- und die Saiten unseres Herzens erklingen, und

wir verstehen ihren Klang“ (S. 71). Ohne irgendwelche philosophischen

Ansprüche zielt Wackenroder ebendahin, wo Schellings ästhetischer

Idealismus und mit ihm die Ansicht Fr. Schlegels und Hardenbergs

steht: Kunst und Philosophie wird aufs innigste verknüpft, das

Kunstwerk zum Mittel der höheren Erkenntnis erhoben. Ja Wackenroder

berührt sich, über die Philosophie seiner Zeit hinauslangend, mit

+Schopenhauer+, der seinerseits nur Schellings Glaubensbekenntnis

weitertreibt. In künstlerischer Anschauung, in der ruhigen

Kontemplation verwandelt sich jedes einzelne Ding in seine Idee, in

seine ewige Form, in das Wesentliche und Bleibende, das ihm eignet. Die

Kunst gewährt so die Anschauung der ewigen Ideen, deren volle Erfassung

dem Denken nicht gegönnt ist. Allein unter den Künsten gibt die Musik

nach Schopenhauer noch mehr als ein Abbild der Ideen. Die Musik könnte,

auch wenn die Welt gar nicht wäre, doch bestehen. Sie ist „eine so

unmittelbare Objektivation und Abbild des ganzen Willens, wie die Welt

selbst es ist“. „Deshalb eben ist die Wirkung der Musik so sehr viel

mächtiger und eindringlicher, als die der anderen Künste: denn diese

reden nur vom Schatten, sie aber vom Wesen“ (Die Welt als Wille und

Vorstellung, herausgegeben von E. Grisebach, 1, 340). Ganz im Sinne

Wackenroders, dann aber auch in überraschender Einstimmigkeit mit

Hardenbergs Anschauungen von der magischen und ekstatischen Erfassung

der Welt (s. oben S. 22 f. und 54 ff.) heißt es bei Schopenhauer: „Die

Erfindung der Melodie, die Aufdeckung aller tiefsten Geheimnisse des

menschlichen Wollens und Empfindens in ihr, ist das Werk des Genius,

dessen Wirken hier augenscheinlicher, als irgendwo, fern von aller

Reflexion und bewußter Absichtlichkeit liegt und eine Inspiration

heißen könnte. Der Begriff ist hier, wie überall in der Kunst,

unfruchtbar: der Komponist offenbart das innerste Wesen der Welt und

spricht die tiefste Weisheit aus, in einer Sprache, die seine Vernunft

nicht versteht; wie eine magnetische Somnambule Aufschlüsse gibt über

Dinge, von denen sie wachend keinen Begriff hat“ (ebenda S. 343).

Die große Rolle, die im Leben, im Empfinden, im Denken, im Glauben,

im Fühlen, im Dichten der Romantiker die Musik spielt (vgl. Joël S.

36 ff.), hängt mit der Wackenroderschen, Schopenhauer ankündigenden

Anschauung von Musik zusammen. Dunkle Vorahnung von Schopenhauers

Lehre meldet sich an, wenn Novalis vom „vollkommensten Bewußtsein“,

das „sich alles und nichts bewußt ist“, sagt: „Es ist Gesang, bloße

Modulation der Stimmungen -- wie dieser der Vokale oder Töne. Die

innere Selbstsprache kann dunkel, schwer und barbarisch -- und

griechisch und italienisch sein -- desto vollkommener, je mehr sie

sich dem Gesange nähert“ (2, 237). Und an Schopenhauers Durchführung

der Analogie von Musik und Erkenntnis gemahnt bis ins einzelnste das

Fragment Hardenbergs: „Die Betrachtung der Welt fängt im unendlichen,

absoluten Diskant, im Mittelpunkt an und steigt die Skala herunter; die

Betrachtung unsrer selbst fängt mit dem unendlichen, absoluten Baß an,

der Peripherie, und steigt die Skala aufwärts. Absolute Vereinigung des

Basses und Diskants, dies ist die Systole und Diastole des göttlichen

Lebens“ (2, 232 f.).

Tieck hat aus den Voraussetzungen, die Wackenroder ihm an die Hand gab,

seine Frage abgeleitet: „Ist es nun nicht gleichgültig, ob der Mensch

in Instrumentestönen oder in sogenannten Gedanken denkt?“ (S. 90).

Dichterisch geformt hat er dieses Paradoxon in den oft zitierten, oft

glossierten Versen:

Liebe denkt in süßen Tönen,

Denn Gedanken stehn zu fern,

Nur in Tönen mag sie gern

Alles was sie will verschönen.

Novalis geht weiter; er notiert: „Erzählungen, ohne Zusammenhang,

jedoch mit Assoziation, wie Träume. Gedichte, bloß wohlklingend und

voll schöner Worte, aber auch ohne allen Sinn und Zusammenhang --

höchstens einzelne Strophen verständlich -- wie lauter Bruchstücke

aus den verschiedenartigsten Dingen“ (2, 308). Besonders scheint ihm

solche Form für das Märchen zu taugen; es sei „wie ein Traumbild, ohne

Zusammenhang, ein Ensemble wunderbarer Dinge und Begebenheiten, z. B.

eine musikalische Phantasie, die harmonischen Folgen einer Äolsharfe,

die Natur selbst“. Tiecks „Sternbald“ wirft einmal den Gedanken hin,

man könnte sich ein Gesprächstück von mancherlei Tönen aussinnen (Minor

S. 284), und fragt ein andermal, warum eben Inhalt den Inhalt eines

Gedichtes ausmachen solle (S. 344). Im „Sternbald“ sucht dann das Wort

mit der Musik zu wetteifern, suchen Verse die Klangfarbe einzelner

Instrumente wiederzugeben, den Schalmeiklang, den Posthornschall,

die Waldhornmelodie, das Alphorn. Tiecks „Verkehrte Welt“ treibt das

Experiment weiter und setzt an den Anfang eine Symphonie in Worten;

die Zwischenaktsmusik wird mit gleichen Mitteln bestritten. Brentanos

„Gustav Wasa“ ahmt auch diesen Scherz Tiecks nach. In der symphonischen

Ouvertüre der „Verkehrten Welt“ aber heißt es unter der Überschrift

„~Violino Primo Solo~“: „Wie? Es wäre nicht erlaubt und möglich,

in Tönen zu denken und in Worten und Gedanken zu musizieren? O wie

schlecht wäre es dann mit uns Künstlern bestellt! Wie arme Sprache, wie

ärmere Musik!“ (5, 286).

Tieck vertritt in den „Phantasien“ auch seine Lehre von der

Verwandtschaft von Farbe und Musik: „Zu jeder schönen Darstellung mit

Farben gibt es gewiß ein verbrüdertes Tonstück, das mit dem Gemälde

gemeinschaftlich nur eine Seele hat“ (S. 45). Mutig und unentwegt ist

er auf dieser Bahn weitergeschritten und hat den Farben und Formen

Töne, den Tönen Farben geliehen. Im „Zerbino“ charakterisiert die

Flöte sich selber: „Unser Geist ist himmelblau, Führt dich in die

blaue Ferne“ (10, 291); und prinzipiell gilt im Garten der Poesie die

Gütergemeinschaft der Sinne (10, 251):

Die Farbe klingt, die Form ertönt, jedwede

Hat nach der Form und Farbe Zung’ und Rede.

Was neidisch sonst der Götter Schluß getrennet,

Hat Göttin Phantasie allhier vereint,

So daß der Klang hier seine Farbe kennet,

Durch jedes Blatt die süße Stimme scheint,

Sich Farbe, Duft, Gesang Geschwister nennet.

Umschlungen all sind alle nur +ein+ Freund,

In sel’ger Poesie so fest verbündet,

Daß jeder in dem Freund sich selber findet.

Die ~audition colorée~ wird hier mit allen ihr verwandten Erscheinungen

in den Garten der romantischen Poesie eingeführt.

Die hohe Bedeutung und der tiefe Sinn, die von den Romantikern der

Musik zugeschrieben wurden, wirkten ebenso auf ihren Stil wie auf Lyrik.

Romantische +Bildlichkeit+ holt ihren Stoff gern aus dem Gebiet der

Töne. Sie liebt es, das Sinnlichere und uns Geläufigere durch einen

Vergleich mit dem Unsinnlicheren und Unbekannteren, das Bekannte und

Gewöhnliche durch eine Zusammenstellung mit dem Fremden und Wunderbaren

aus der Sphäre der gemeinen Wirklichkeit herauszuheben und dem

Dargestellten dadurch Größe und Würde zu leihen (vgl. W. Schlegels

Berliner Vorlesungen 1, 290). Darum kann der Romantiker Sichtbares

und Anschauliches durch verwandte Töne zu deuten suchen. Er ist dazu

um so mehr berechtigt, da er die Außenwelt wirklich musikalisch

empfindet. Er hört besser und feiner als andere, leise und dumpfe

Geräusche tönen vernehmlicher an sein Ohr. Deshalb wandeln sich ihm

Gesichtswahrnehmungen in Rhythmus oder ein geistiger Vorgang nimmt

für sein Ohr die Melodie eines Musikstückes an, Gedankenverbindungen

aber und Gedankengegensätze erscheinen ihm wie symphonisch verbundene

Stimmen. Fr. Schlegels Besprechung von Goethes „Lehrjahren“ behandelt

das Dichtwerk wie ein Tonstück. Er verteidigt Tiecks „Sternbald“ gegen

Goethes Vorwurf, daß er nur „musikalische Wanderungen“ biete, mit der

lobenden Bemerkung, das Buch wolle nichts sein als eine süße Musik von

und für die Phantasie (Caroline 1, 227). W. Schlegel aber sagt von

den Liedern in Tiecks „Volksmärchen“: „Die Sprache hat sich gleichsam

alles Körperlichen begeben und löst sich in einen geistigen Hauch auf.

Die Worte scheinen kaum ausgesprochen zu werden, so daß es fast noch

zarter wie Gesang lautet: wenigstens ist es die unmittelbarste und

unauflöslichste Verschmelzung von Laut und Seele, und doch ziehn die

wunderbaren Melodien nicht unverstanden vorüber“ (12, 34).

Das Unklare und Unscharfe der romantischen Metapher entstammt noch

einer zweiten Veranlassung. Sie arbeitet gern mit der „neuen

Mythologie“ der romantischen „Physik“. Die Naturphilosophie schenkt

dem romantischen Bilderschatz eine Fülle von Symbolen, deren tieferer

Sinn uns ebenso dunkel ist, wie er der romantischen Generation geläufig

war. Görres entwickelt einen erdrückenden Reichtum von Bildlichkeit.

Und dauernd bemüht er sich, geheimste geistige Zusammenhänge durch

Zusammenhänge des Naturlebens zu verdeutlichen. Ihm ist es mehr als

eine Metapher, er glaubt tatsächlich im naturphilosophischen Sinne neue

Erkenntnis zu schaffen, wenn er Antike und moderne Welt wie Urgebirge

und Flözgebirge einander gegenüberstellt und den Gegensatz bis ins

kleinste ausdeutet. Um Görres’ Stil zu verstehen und zu würdigen,

muß beherzigt werden, daß die stete Parallelisierung geistiger und

physischer Vorgänge seiner naturphilosophischen Weltanschauung das

Gegebene und Selbstverständliche war. Wer in solche Anschauungswelt

sich nicht hineindenken kann, glaubt nur Schwulst und Phrase in

Görres’ Schriften zu finden (vgl. Euphorion 10, 792 ff.). Tatsächlich

galt es ihm, die neue Natursymbolik auszubauen. In dem Streben, die

Metapher neu zu schaffen und aus dem innigsten Empfinden der Zeit

abzuleiten, trifft Görres mit Jean Paul, seinem stilistischen Vorbilde,

zusammen. Und von Jean Paul weist der Weg zu Klopstock zurück, dessen

„schimmernde“ Gleichnisse romantische Bildlichkeit ankündigen.

„Noch zarter wie Gesang, die unmittelbarste und unauflöslichste

Verschmelzung von Laut und Seele“ -- so ist Tiecks Lyrik gedacht. Das

Lied soll wie Musik wirken, die Worte wetteifern mit der Melodie, die

Tonwirkung ist dem Dichter wichtiger als die Formung des Gedanklichen

und Stofflichen. Vor allem gilt dies von der Lyrik seiner Jugend; und

innerhalb dieser Gruppe kommen die Lieder seiner „Magelone“, dann

die des „Sternbald“ seinen Absichten am nächsten. Die Klangwirkung

wird ausgelöst durch freie Gestaltung des Rhythmus; von Verszeile zu

Verszeile kann dieser wechseln oder aber auch von Strophe zu Strophe.

Diese feinfühlige Stimmungspoesie kann und will ein einheitliches

metrisches Schema nicht durch ein ganzes Gedicht hindurch festhalten.

Das Auf- und Abwogen der Stimmung, der romantisch-proteische Wechsel

der Gefühlslage zeichnet sich ab, wenn Strophen von verschiedenem

Ethos zu +einem+ Liede sich verbinden. Daß solche Lyrik, die sich dem

Gange des Innenlebens weich anschmiegt, auch den Komponisten locken

kann, bezeugt Brahms’ Vertonung der Lieder der „Magelone“ (Opus 33).

Leidenschaft kann in dieser Form zur Geltung kommen, besser noch taugt

die Form dazu, Bild an Bild zu reihen, wie sie in verschwimmenden

Umrissen vor dem Auge des Dichters vorbeiziehen. Das Gedicht, das in

der ersten Auflage des „Sternbald“ am Anfang des zweiten Bandes steht,

beweist dies. In 75 Zeilen, die zum überwiegenden Teile in vierzeilige

Strophen geordnet sind, zum Teil aber auch Absätze von fünf und sechs

Zeilen bilden, „beweint“ nach seinem eigenen Kommentar der Dichter „in

diesen Worten seine weit entflohene Jugend, und seine Erinnerungen

legen sich als Töne und sanfte Bilder vor ihm hin.“ Die wechselnde

Stimmung malt sich in dem Wechsel der rhythmischen Gebilde, die bei

freudiger Stimmung raschere Bewegung, bei trauriger ein lässigeres

Tempo annehmen. Die Stimmung selber aber erwächst aus den Bildern, die

der Phantasie des Dichters sich aufdrängen. Hoffnungsvoll freudig setzt

das Gedicht ein:

Aus Wolken winken Hände,

An jedem Finger rote Rosen,

Sie winken dir mit schmeichlerischem Kosen,

Du stehst und fragst: wohin der Weg sich wende?

Da singen alle Frühlingslüfte,

Da duften und klingen die Blumendüfte,

Lieblich Rauschen geht das Tal entlang:

Sei mutig, nicht bang.

Siehst du des Mondes Schimmer,

Der Quellen hüpfendes Geflimmer?

In Wolken hoch die goldnen Hügel,

Der Morgenröte himmelbreite Flügel?

Dir entgegen ziehn so Glück als Liebe,

Dich als Beute mit goldenen Netzen zu fahn,

So leise lieblich, daß keine Ausflucht bliebe,

Umzingeln sie dich, bald ist’s um dich getan ...

Die Stimmung schlägt um; in düsteren Farben malt sich die Enttäuschung,

die all den Jugendhoffnungen folgt:

Es ist, als wenn die Quellen schwiegen,

Ihm dünkt, als dunkle Schatten stiegen

Und löschten des Waldes grüne Flammen,

Es falten die Blumen den Putz zusammen.

Die freundlichen Blüten sind nun fort,

Und Früchte stehn an selbigem Ort;

Die Nachtigall versteckt die Gesänge im Wald,

Nur Echo durch die Einsamkeit schallt ...

Eine schier gesetzlose Bilder- und Stimmungspoesie! Und doch verknüpft

sich mit dem Streben, in freiestem Schweifen sich gehen zu lassen, der

Wunsch rhythmisch die Stimmung genauer und schärfer zu erfassen und

wiederzugeben, als strengere Versgebilde es gestatten. Diese Lyrik

glaubt gelegentlich in den formreichen Gebilden des Minnesangs ein

Vorbild zu entdecken. Näher kommt sie den freien Rhythmen Klopstocks

und Goethes. Wohl läßt sie den Schwung vermissen, den Klopstock und

Goethe den freien Rhythmen einhauchen. Ferner legt sie sich die

Fessel des Reimes auf; diese wird freilich 1805 und 1806 in den

beiden Zyklen, die der italienischen Reise Tiecks entstammen, in den

„Reisegedichten eines Kranken“ (Gedichte 1834, 3, 98 ff.) und in der

„Rückkehr des Genesenden“ (ebenda S. 236 ff.) abgeworfen. Damit aber

verschwindet ein Ingrediens romantischer Lyrik, das der Klangmalerei

und dem musikalischen Charakter bestens gedient hatte. Tieck selbst

behauptet in der Vorrede zu den „Minneliedern“ (Krit. Schriften 1,

199), den Reim bedinge „die Liebe zum Ton und Klang, das Gefühl,

daß die ähnlich lautenden Worte in deutlicher oder geheimnisvoller

Verwandtschaft stehen müssen, das Bestreben, die Poesie in Musik, in

etwas Bestimmt-Unbestimmtes zu verwandeln“. Die romantische Lyrik

schwelgt daher gern im Reime, kann ihn nicht genug häufen, nicht

oft genug wiederkehren lassen, gefällt sich sogar in bedenklichem

Reimechospiel. Und aus gleichen Gründen huldigt sie der Assonanz, die

durch lange Versreihen durchgeführt und der Stimmungsmalerei noch weit

stärker, zuweilen bis zur Geschmacklosigkeit (Tiecks „Die Zeichen im

Walde“, Gedichte 1, 22 ff.) dienstbar gemacht wird.

Die Bewertung, die dem Reime zuteil ward, lockte die Romantiker auch

auf das Feld der romanischen metrischen Gebilde. Der erste Anstoß

rührt von G. A. Bürger her, er hat seinem Schüler W. Schlegel die

Übertragung und Verwertung des Sonetts, des weiteren aber auch die

Nachbildung romanischer Poesie und ihrer Formenwelt nahegelegt.

An sich war hier das Programm einer formstrengen Lyrik gegeben,

das von Tiecks musikalisch verschwimmender Weichheit weit abwich.

Wirklich sind größere Gegensätze als die Sonette und Stanzen des

sauberen Reimisten W. Schlegel und die Sänge der „Magelone“ und des

„Sternbald“ kaum zu denken. Dennoch konnte Tieck seiner musikalischen

Lyrik auch die romanischen Formen dienstbar machen. Kanzonen und

Balladen kamen der romantischen Neigung, im Reimspiel eine Bedeutung

zu suchen, noch mehr entgegen. Denn die tiefere Bedeutung sowohl der

Reim- und Assonanzbindungen wie der romanischen Strophengebilde zu

entdecken, war ein Lieblingsfeld romantischen Scharfsinns. Abermals

konnte da gezeigt werden, wie der Geist in der Form, das Unendliche

im Endlichen sich spiegelt. Eine Reim- und Assonanzsymbolik, eine

Symbolik der Strophenformen geht aus solchen Bestrebungen hervor. W.

Schlegel schreitet früh voran, zunächst nur als Metriker und Philologe

interessiert. Seine Betrachtungen über Metrik (7, 155 ff.) erwägen 1794

schon Probleme des seelischen Gehaltes des tönenden Sprachmaterials.

1795 folgen in den „Horen“ die „Briefe über Poesie, Silbenmaß und

Sprache“ (7, 98 ff.), 1798 erscheint im „Athenaeum“, polemisch gegen

Klopstock gewendet, „Der Wettstreit der Sprachen“ (7, 197 ff.), der

den musikalischen Wert der Kultursprachen zu messen versucht. In den

Berliner Vorlesungen hat W. Schlegel dann bei der Charakteristik

der italienischen Poesie (3, 186 ff.) das Ethos der italienischen

Strophenformen zu erfühlen und zu konstruieren sich bemüht, nicht ohne

von Formsymbolik in Mystik überzugreifen. Gleichzeitig erwog Tiecks

Schwager A. F. Bernhardi im zweiten Teil seiner „Sprachlehre“ (1803, S.

399 ff.) sowohl den tieferen Sinn von Alliteration, Assonanz und Reim

wie auch die Klangfarbe und die symbolische Bedeutung italienischer

und spanischer Strophen. Den Abschluß solcher romantischer Bemühung

bedeutet Kaspar Poggels geistreiche Schrift „Grundzüge einer Theorie

des Reims und der Gleichklänge mit besonderer Rücksicht auf Goethe“

(Münster 1836).

V. Der politische und soziale Umschwung der Romantik. Romantische

Staatswissenschaft im Zeitalter der Befreiungskriege und der Reaktion.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts scheint der eben noch reiche und volle

Gedankenstrom der Romantik zu versiegen. Hardenbergs Tod (1801), Fr.

Schlegels Übersiedelung nach Paris (1802), die Berliner Vorlesungen

des Bruders und dessen Eintritt in den Kreis der Frau v. Staël, Tiecks

Abreise nach Italien (1804), Schellings Verbindung mit Caroline

und Berufung nach Würzburg (1803): all das bedeutet Abschluß und

Auseinandergehen. Die Fäden werden einzeln weitergesponnen, man treibt

diesen oder jenen Gedanken der romantischen Theorie vorwärts, aber die

grundlegende spekulative Epoche der Romantik ist im wesentlichen vorbei.

Nur ein ganz neues Element, das sich unversehens in überraschender

Macht entfaltete, konnte eine so völlige Wandlung herbeiführen. Noch

sind die Romantiker lange nicht so abgenützt, daß sie bloß versagen,

ohne für die Gedankenbildung, die sie aufgeben, sofort etwas anderes,

Vorwärtsleitendes, Umstürzendes einzusetzen. Nicht Schwäche und

Ermattung, sondern ein kühner Aufschwung tritt ein, ein Aufschwung

freilich, der den Gesichtskreis der Romantiker ebenso nach einer

Richtung verengt, wie er ihn nach der anderen erweitert.

Das Neue ist das politische, nationale und kollektivistische Interesse.

Die Romantiker beginnen gegen Napoleon Front zu machen, sie werden

sich ihrer nationalen Eigenheiten nicht bloß im ästhetischen, sondern

in politischem Sinne bewußt und sie fangen an, die Lehre von der

Ausbildung des auserlesenen Individuums durch die Anerkennung der

Bedeutung des Volkes, der Gesamtheit also, zu ergänzen. Deutsches

Volkstum wird fortan ihr Programm.

1810 veröffentlichte Turnvater Jahn ein Buch mit dem Titel „Das

Deutsche Volkstum“. Aber mehr als fünf Jahre reichen die Anregungen

zurück; und sie kommen unmittelbar aus dem Lager der Romantik.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 11 / 17 段