Die Germanistik endlich hat sich von W. Schlegels Berliner Vorlesungen

ebenso anregen lassen, wie von Tiecks Minneliedern. Fr. H. v. d. Hagen

war W. Schlegels Zuhörer und hat seine Dankesschuld gern bekannt.

Tiecks Interesse für katholische Kunst und Dichtung bringt die Romantik

auch mit den spanischen Dichtern in Fühlung. Tieck erobert ihnen den

größten Dichter des Katholizismus, +Calderon+. Calderon tritt im

romantischen Bewußtsein als Nebenbuhler neben Shakespeare.

+Shakespeare+ steht für die Schlegel von Anfang an im Vordergrund;

Tieck war unabhängig von der Schlegel an ihn herangekommen. Schon 1796

veröffentlichte er seine Bearbeitung von Shakespeares „Sturm“ und

fügte eine „Abhandlung über Shakspears Behandlung des Wunderbaren“

hinzu. Ohne den Autor des Büchleins zu kennen, besprach W. Schlegel

es in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung (Werke 11, 16 ff.),

mit Einschränkungen billigend, und fällte das Gesamturteil: „Ungeachtet

dieser und ähnlicher Übereilungen wird der Verfasser, wenn er seine

Gedanken über Sh. mehr reifen läßt, gewiß viel Gutes für ihn leisten

können.“ Wie dann die gemeinsame Arbeit der Genossen zu neuen

Erkenntnissen führt, wie an Shakespeare die romantische Theorie der

Poesie erwächst und jede neue theoretische Errungenschaft Shakespeare

zugute kommt, entwickelte jüngst lichtvoll Marie Joachimi-Deges Buch

„Deutsche Shakespeare-Probleme im 18. Jahrhundert und im Zeitalter der

Romantik“ (Leipzig 1907).

Leider hat weder Tieck ein geplantes umfassendes Werk über Shakespeare

zur Ausführung gebracht, noch W. Schlegel in selbständiger Darstellung

zusammengefaßt, was er und seine Gefährten an Shakespeare erkannt

und in ihm gefunden hatten. So bleibt die Krone frühromantischer

Shakespearearbeit das Fragment einer Übertragung seiner Dramen, das

W. Schlegel mit Carolinens Hilfe 1797-1810 Deutschland geschenkt

hat: die auch heute noch unbestritten beste deutsche Übersetzung

eines ausländischen Klassikers. Alle Vorschläge, an ihre Stelle

etwas noch Vortrefflicheres zu setzen, sind bisher auf kleinere

Verbesserungsversuche beschränkt geblieben, denen etwas Problematisches

anhaftet. Denn W. Schlegel ist der außerordentliche Erfolg zugefallen,

Shakespeare in seiner Verdeutschung zum deutschen Klassiker zu

stempeln. Shakespeares Verse in Schlegels Übertragung sind uns so

geläufig und werden genau so häufig und so gewohnheitsmäßig als

Sentenzen im täglichen Leben angeführt wie die Verse Goethes und

Schillers. Die Ergänzung von Schlegels Übertragung, von Tiecks Tochter

Dorothea und Graf Wolf Baudissin besorgt und unter Ludwig Tiecks Namen

1825-33 zum erstenmal gedruckt, ruft energischer nach einem neuen

Übersetzer und konnte nur, weil sie von Schlegels Meisterleistung

getragen wurde, den dauernden Erfolg erringen, der auch ihr zufiel.

Doch auch W. Schlegel ist nie wieder als Übersetzer gleich erfolgreich

gewesen. Sein Dante ist leider nie zu Ende geführt worden. Sein

„Spanisches Theater“ (1803-1809) hat zwar die ersten korrekten

Versionen Calderons vorgelegt und der Wirkung Calderons auf deutsche

Dichtung die Bahn gebrochen. Doch ist, auch nachdem andere wie J.

D. Gries weitere Stücke des Spaniers übertragen hatten, Calderon

niemals der deutschen Welt so geläufig geworden wie Schlegels

Shakespeare. Deutlich läßt diese gegensätzliche Wirkung verspüren,

daß die Übersetzung Shakespeares durch Schlegel nur den Abschluß

einer deutschen Kulturleistung bedeutet, die um die Mitte des 18.

Jahrhunderts mit J. E. Schlegel und Lessing einsetzt, an der fast

alle großen Vertreter deutschen Geisteslebens der zweiten Hälfte des

Jahrhunderts beteiligt sind, während die Entdeckung Calderons weit

jüngeren Datums, im wesentlichen romantisches Verdienst ist. Tieck

geht voran. Tiecks spanische Studien begannen 1793. Er nahm sie 1797

auf, um Cervantes’ „Don Quixote“ zu übertragen. Die Arbeit erschien

1799-1801 und lieferte Fr. Schlegel neues Material zur Ergründung

der romantischen Poesie, zunächst im „Gespräch über die Poesie“. Von

Cervantes schritt Tieck weiter zum Drama und zur Lyrik Spaniens,

ebenso wie er, um Shakespeare besser zu würdigen, dessen Zeitgenossen,

Vorläufer und Nachfolger studierte. Nun eröffneten sich ihm „die

entzückenden Träume des Calderon und die wundersamen Bilder der

spanischen Poeten“ (Schriften 6, S. XVIII f.). Später hat er auf den

Gegensatz hingedeutet, den er zwischen Shakespeare und Calderon walten

sah: Calderon steht der Antike näher. „In Form und Anwendung der

drei dichterischen Elemente“ kann er mit den Alten verglichen werden.

„Welche lyrische Ausbrüche der Leidenschaft, der Liebe, der Andacht in

seinen Romanzen und kanzonenartigen Versen. Welche Malerei, welches

Feuer in eben diesen Lyren, Romanzen und Ottaven. Kein Schauspiel,

fast kein Akt ist ohne solche Prachtstücke, diese gehören recht

eigentlich zum Wesen des spanischen Drama“ (Kritische Schriften 2,

194 f.; Einleitung zu Lenzens Schriften). Tiecks Aufsatz „Das deutsche

Drama“ (ebenda 4, 183 ff.) geht noch weiter: die englische und die

spanische Bühne seien völlig entgegengesetzt. Die spanische Bühne ist

zu dem Kultus der Religion nie in scharfen Gegensatz getreten; Wunder,

Legenden und andere Elemente katholischen Glaubens sind im spanischen

Drama nichts Seltenes. Die individuelle Zeichnung der Charaktere, die

Motivierung, das notwendige Fortschreiten der Handlung, die Weisheit

des Planes englischer Dramatik werde ersetzt durch dialektischen

Scharfsinn, künstliche und ergreifende Gegensätze, große Erschütterung,

Anregung der geheimsten Kräfte der Phantasie und poetische Allegorie.

„In einer Staatsrevolution, dem Untergange eines Königs oder Reiches

suche man ja nicht jene tiefsinnigen und überzeugenden Motive des

Shakespeare, die uns ebensoviel Psychologie wie Politik entwickeln...:

sondern die Tatsache wird auf Treu und Glauben angenommen, die

Erklärung wird schon vorausgesetzt, und die Handlung an Legende und

Anekdote, Leidenschaft oder Liebe geknüpft.“ Die Leidenschaft hat bei

Calderon eine gewisse Norm; Shakespeare und Goethe sind inniger und

herzlicher. „Kurz, was dem verständigen Deutschen oder Engländer das

Wichtigste ist, wird vom Spanier als Nebensache behandelt oder gar

nicht beachtet, und was dem Spanier die wahre Poesie und Drama ist,

liegt uns so fern, daß wir uns erst daran gewöhnen müssen und nie unser

Erstaunen darüber ganz verlernen können.“ Augenscheinlich stellt sich

Tieck mit diesen scharfen Urteilen in Gegensatz zu W. Schlegel, der

enthusiastischer auch als sein Bruder für Calderon Partei genommen

hatte. Mindestens gelangt Fr. Schlegel sehr spät dazu, Calderon

zu verherrlichen. Tieck aber ist von der Überschätzung Calderons

abgekommen, weil er in der Schicksalstragödie eine schlimme Frucht der

Bewunderung spanischer Dramatik erkennen mußte (vgl. a. a. O. S.

211 ff.).

Wie fern Fr. Schlegel noch im „Gespräch über die Poesie“ Calderon

steht, beweist die Ergänzung, die er hier 1823 Calderon zuliebe

vornahm. Ursprünglich hieß es da: „In der Poesie ... gab es zwar vom

Lope de Vega bis zum Gozzi manche schätzbare Virtuosen, aber doch

keine Poeten und auch jene nur für die Bühne“ (2, 352). Nun wurde der

völlig gegenteilige Satz eingefügt: „Die einzige, glänzende Ausnahme

bildet Calderon, der spanische Shakespeare, als wahrer Künstler

und großer Dichter, der aus der chaotischen Fülle der spanischen

Schauspiele, durch die Tiefe der Phantasie sowie durch die klare Form,

ganz abgesondert und einzig in seiner Vollendung hervortritt“ (Werke

5, 246 f.). Noch in Fr. Schlegels Wiener Vorlesungen von 1812 sind

die Momente, die gegen Calderon sprechen, stark betont (2, 132 ff.).

Und abermals wird 1822 ein ganzer Absatz eingefügt, der höchstes Lob

Calderons enthält (Werke 2, 127 f.). Hier wird Calderon nicht bloß mit

Shakespeare und Dante auf eine Stufe gestellt; hier heißt es auch: „Im

Calderon, als dem letzten Nachklange wie im strahlenden Abendrot des

katholischen Mittelalters, hat eben jene Wiedergeburt und christliche

Verklärung der Phantasie, welche den Geist und die Poesie desselben

überhaupt charakterisiert, den vollen Gipfel ihrer Verherrlichung

erreicht.“

Weit schneller folgte W. Schlegel dem Hinweise Tiecks. Schon 1803

beginnt er seine Übertragung Calderons zu veröffentlichen. Gleichzeitig

bringt die „Europa“ eine Art Selbstanzeige, den Aufsatz „Über das

spanische Theater“ (1, 2, 72 ff.). Gleich diese erste ausführliche

romantische Äußerung über das spanische Drama setzt Calderon hoch über

Lope: ein ebenso fruchtbarer Kopf, ebenso fleißiger Schriftsteller wird

Calderon genannt, aber auch „ein ganz anderer Dichter, ein Dichter,

wenn es je einen gegeben hat“ (S. 79). Im 3. Zyklus der Berliner

Vorlesungen konnte W. Schlegel sich schon auf seine Übertragung

beziehen; doch bereits im ersten (1, 110) hatte er erklärt: „Calderon

kann uns als Beispiel eines von dem Shakespeareschen ganz verschiednen,

jedoch eben so vollendeten Stiles im romantischen Drama dienen.“ Die

Wiener Vorlesungen hatten den stolzen Worten des Aufsatzes der „Europa“

nur noch wenig hinzuzufügen (6, 384 ff.).

2. Romantische Malerei in Theorie und Praxis.

Wackenroders Verständnis für Individualität eröffnet ihm nicht nur den

Weg zu Dürer, auch zu der italienischen Malerei der Zeit vor Raffael.

Hier galt es nicht deutsches Wesen zu begreifen, überhaupt weniger

zu belehren als abzuwehren. Der Kampf gegen die Einseitigkeit der

Klassizisten war ja längst vor Wackenroder aufgenommen worden. Herder,

der junge Goethe, Heinse waren ihm vorangegangen. Aber die Lehre

Winckelmanns von der alleinseligmachenden Schönheit griechischer Kunst

hatte immer wieder neue Anhänger gefunden; Goethe neigte ihr am Ende

des Jahrhunderts, auch schon vor der Veröffentlichung der „Propyläen“

(1798-1800), stärker zu, als die Welt wissen konnte. Wackenroder fragt:

„Warum verdammt ihr den Indianer nicht, daß er indianisch und nicht

unsere Sprache redet? -- Und doch wollt ihr das Mittelalter verdammen,

daß es nicht solche Tempel baute wie Griechenland?“ (S. 102). Seine

eigene Fähigkeit, sich in Gegensätzliches einzufühlen, möchte er allen

einflößen: „O, so ahndet euch doch in die fremden Seelen hinein und

merket, daß ihr mit euren verkannten Brüdern die Geistesgaben aus

derselben Hand empfangen habt!“

W. Schlegels Anzeige der „Herzensergießungen“ in der Jenaischen

„Allgemeinen Literatur-Zeitung“ (Werke 10, 363 ff.) hat sich das

Programm, der Kunst aller Zeiten gerecht zu werden, sofort zu eigen

gemacht. Auf dem Felde der bildenden Kunst besser geschult als sein

Bruder, vertritt Wilhelm im „Athenaeum“ die neue, von Wackenroder

angeregte Anschauung. Im 2. Bande (1799) setzt das Gespräch „+Die

Gemälde+“ Wackenroders Theorie in Praxis um und wird zu einem

Lobeshymnus auf die italienischen Meisterwerke der Dresdner Galerie,

aber auch einer ganzen Reihe neuerer Gemälde anderer Nationen.

Nur Rubens stößt auf Skepsis. Der Ruf der Sistina Raffaels ist im

wesentlichen durch diese romantische Kundgebung bedingt; doch auch

Holbeins Madonna ist nicht beiseite gelassen. Der ganze Dialog geht auf

gemeinsame Studien zurück, die im Jahre 1798 die damals in Dresden fast

vollzählig anwesenden Frühromantiker in immer wiederholter Wanderung

durch die Galerie angestellt haben. Die Gemäldebeschreibungen und die

Äußerungen über Raffael sind Eigentum Carolinens. Wilhelm wetteifert

mit ihr in dichterischer Form: er kleidet typische Motive der modernen

Malerei, zunächst die von der katholischen Mythologie gegebenen

Situationen, in Sonette.

In den Berliner Vorlesungen erreicht W. Schlegels kunstgeschichtliche

und kunstcharakterisierende Arbeit ihre Höhe. Die historische Methode,

für die Wackenroder so gefühlswarm sich eingesetzt hatte, siegt auf der

ganzen Linie. Einer Beobachtung von Hemsterhuis folgend, stellte W.

Schlegel ebenda fest, alle moderne Kunst neige zum Pittoresken, alle

antike zum Plastischen (1, 156 f.). Darum entspreche es der Gegenwart,

die Malerei auf Kosten der Plastik zu pflegen, nicht -- wie Winckelmann

und seine Nachfolger es wünschten -- der Plastik allein zu dienen und

ihre Gesetze der Malerei auszulegen. Goethe, sonst auf saubere Trennung

der Kunstarten bedacht, war durch seine Vorliebe für antike Kunst

mehr und mehr auf die Wege Winckelmanns und dadurch zu Anforderungen

gekommen, die den Maler zu bildhauerischer Behandlungsweise drängten.

Die Romantiker hielten sich von gleichen Unfolgerichtigkeiten frei;

wie Herder wandten sie ihr Augenmerk auf die individuellen Eigenheiten

der Zeit und verwahrten sich dagegen, antike Neigungen der neueren

Zeit einzuimpfen. Sie kamen freilich dadurch in Gegensatz zu dem

„sächsisch-weimarischen Heidentum“ und dieser Gegensatz steigerte sich,

je mehr die Romantiker für die katholischen Motive der modernen Malerei

nicht nur aus künstlerischen, sondern auch aus konfessionellen Gründen

Partei nahmen. Fr. Schlegel ging da führend voran.

Ganz undogmatisch hatte Wackenroder auch den Katholizismus seines

historisch-individualistischen Verständnisses teilhaftig werden

lassen. Auch der Katholizismus sei Christentum! Freilich war ihm die

Religion der Maler früherer Zeit mehr als eine historische Tatsache. Er

suchte die Rolle zu bestimmen, die der Religion in ihrem Lebensgefühl

zufiel. Er war überzeugt, daß vor allen den alten deutschen Künstlern

ihre Kunst ein geheimnisvolles Sinnbild ihres Lebens gewesen sei.

„Ja, beides, ihre Kunst und ihr Leben, war bei ihnen in ein Werk

+eines+ Gusses zusammengeschmolzen, und in dieser innigen, stärkenden

Vereinigung ging ihr Dasein einen desto festeren und sichereren Gang

durch die flüchtige, umgebende Welt hindurch“ (Phantasien über die

Kunst, herausgegeben von J. Minor, S. 8). Der Glaube wird ihm so zu

einem Faktor, der die Form des Kunstwerkes und dessen Gefühlsgehalt

bestimmt.

Darum verlangte Wackenroder, daß Bildersäle Tempel seien, wo man in

stiller, schweigender Demut und in herzerhebender Einsamkeit die

großen Künstler bewundert. Aber nicht er, sondern Tieck legte einem

„jungen deutschen Maler“ die Frage in den Mund: „Kannst du ein hohes

Bild recht verstehen und mit heiliger Andacht es betrachten, ohne in

diesem Momente die Darstellung zu glauben?“ (S. 192). Der Fragesteller

läßt sich wie Schillers Mortimer durch den Zauber des katholischen

Kultus zu Rom in die Arme der katholischen Kirche führen. W. Schlegel

sah sich deshalb veranlaßt (Werke 10, 365 f.), Tieck und Wackenroder

gegen den Vorwurf zu schützen, ihre Kunstliebe habe eine Tendenz zum

Katholizismus. Und er fragte: „Wenn wir, der Forderung gemäß, daß der

Betrachter sich in die Welt des Dichters oder Künstlers versetzen

soll, sogar den mythologischen Träumen des Altertums gern ihr luftiges

Dasein gönnen, warum sollten wir nicht, einem Kunstwerke gegenüber,

an christlichen Sagen und Gebräuchen einen näheren Anteil nehmen,

die sonst unsrer Denkart fremd sind?“ Die Gedichte, die W. Schlegel

selber in das Gemäldegespräch eingefügt hat, erwecken allerdings nicht

den Eindruck, als ob ihm die katholische Denkart ganz fremd sei. Der

Anempfinder hat sich da mit solcher Energie in katholische Kunst

geworfen, daß er nachmals mit der Wendung, es sei nur ~prédilection

d’artiste~ für das Künstlerische des Stoffgebietes gewesen, sich

entschuldigen zu müssen glaubte. Selbstverständlich wurde Tieck

alsbald zum Vorkämpfer katholischer Kunst und formte das Epigramm:

„Der Protestant protestiert ja gegen alles Gute und besonders gegen

die Poesie“ (10, 275). Novalis Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“

gewinnt hier von allen Seiten Stützen.

Fr. Schlegels Beschäftigung mit der Malerei aber setzt in einem

Augenblick ein, da er dem Katholizismus und dem Übertritt schon

näher und näher gekommen war. In seiner „Europa“ (1803-05) und in

seinem „Poetischen Taschenbuch für das Jahr 1806“ sind Fr. Schlegels

wichtigste Beiträge zur Charakteristik der bildenden Kunst enthalten.

Er führt im wesentlichen nur Wackenroders Ideen weiter aus und

wendet sie auf ein viel umfangreicheres Material an. Er geht über

die ~prédilection d’artiste~ hinaus und prüft die Renaissancekunst

weniger auf ihren künstlerischen als auf ihren religiösen Gehalt.

Darum ist ihm der „gottbegeisterte reine Jüngling“ Raffael lieber

als der reife. Darum nennt er die Malerei gern eine göttliche Kunst.

Unverkennbares Verdienst hat er um die Würdigung der altdeutschen

Kunstwerke sich erworben, die von den Boisserées gesammelt worden

waren. Ihre Bewertung und ihre historische Eingliederung hat er auf

lange Zeit hinaus bestimmt. Er vor allen hat Meister Stephan Locheners

Kölner Dombild neben die Sistina gestellt; ganz im Stile Winckelmanns

feierte er das Werk: „Man sieht, daß jene Zeit das Köstlichste und

Höchste in diesem Bilde aufbieten wollte, was sie vermochte, es ist

mit größter Liebe vollendet. Aber es ist auch entworfen im Geist und

unter der Begünstigung der göttlichen Liebe...; die Blüte der Anmut ist

diesem beglückten Meister erschienen, er hat das Auge der Schönheit

gesehen und von ihrem Hauch sind alle seine Bildungen übergossen. So

allein wie Raffael, der Maler der Lieblichkeit, unter den Italienern

steht, so einzig ist dieser unter den Deutschen.“ Nachdem er die

einzelnen Züge des Bildes in Worte gebracht, schließt Fr. Schlegel:

„Doch wie ließen sich alle Schönheiten dieses Gemäldes aufzählen oder

auch nur die Umrisse der Anordnung und des Gedankens einigermaßen

befriedigend beschreiben? In einem Werke wie diesem liegt die ganze

Kunst beschlossen; und etwas Vollkommneres, von Menschenhänden gemacht,

kann man nicht sehen“ (Europa 2, 2, 135 f.). Freilich hat Schlegel

später, da er doch noch strenger katholisch fühlen gelernt hatte, von

diesem hohen Lobe eher etwas zurückgenommen und auch dadurch bewiesen,

daß er nicht aus religiösen Gründen so enthusiastisch geworden war.

Die nazarenische Malerschule aber knüpfte an diese Bekenntnisse Fr.

Schlegels an; und von ihnen aus, mehr noch als von Wackenroders

Schriften, entwickelte sich das „neukatholische Künstlerwesen“, das

„klosterbruderisierende, sternbaldisierende Unwesen“, wie Goethe es

höhnisch nannte, bewußt, daß er im Urteil der Zeitgenossen gegen die

neue Richtung nicht aufkommen könne. Konnte doch Fr. Schlegel, nachdem

er 1819 den Nazarenismus noch einmal sachlich verteidigt hatte, 1825

den Sieg der Genossen verkündigen. Nunmehr freilich hat sich seine

Kunstanschauung so sehr verschoben, daß von allen Gesichtspunkten

Wackenroders nur noch der eine herrschend übriggeblieben ist: das

innere Licht der Beseelung. Es gilt jetzt in Friedrichs Auge weit mehr

als das bloße Talent der fruchtbaren Erfindung oder der Magie der Farbe.

Die propagandistische Tätigkeit im Gefolge Wackenroders hat Fr.

Schlegel nicht dazu kommen lassen, seine tiefste und prinzipielle

Kunstüberzeugung auf die bildende Kunst anzuwenden. Er überließ es

Schelling, der dem Nazarenismus im Innersten fremd gegenüberstand, den

Maler zu organischem Schaffen zu erziehen und von ihm zu verlangen,

daß er das Ganze im Auge habe und das einzelne danach entwerfe und

ausführe. Schellings Rede „Über das Verhältnis der bildenden Künste

zur Natur“ (1807) hat das Thema so formuliert, daß Goethe voll

zustimmen konnte; waren ja doch die Grundanschauungen, auf denen Fr.

Schlegels Theorie vom künstlerischen Organismus, vom Ganzen und von

seinen Teilen und von der wechselseitigen Verknüpfung beider erwachsen

war, von Goethe vorgetragen worden. Goethe jedoch konnte auch mit

dem romantischen Maler, der den Gedanken Schellings in Theorie und

Praxis auf seine Weise am nächsten gekommen war, sich verständigen,

mit Philipp Otto +Runge+. Runge, der Schüler Jens Juels, war von ganz

anderer Seite zu gleichen Zielen weitergeschritten. Wie ein zweiter

Schüler Juels, Kaspar David Friedrich, lernte Runge von seinem Lehrer,

die Umrisse der Landschaft im Lichte aufzulösen, die Landschaft nicht

weiter in festen Umrissen, überhaupt nicht in Gegenständen, sondern

als ein Ganzes von Farbentönen zu schauen. Wie fremd und überraschend

der Zeit und auch einem Romantiker Friedrichs Versuche waren, bezeugt

die aus einem Aufsatze Arnims und Brentanos gezogene Notiz von

Kleists „Abendblatt“ (13. Oktober 1810) „Empfindungen vor Friedrichs

Seelandschaft“ (Werke, herausgegeben von Erich Schmidt, 4, 230 f.;

vgl. auch Clemens Brentanos Schriften 4, 424 ff.). Man hat Runge

nachgerühmt, daß er alle wesentlichen Gedanken der Malerei des 19.

Jahrhunderts ahnend vorweggenommen habe. Wirklich ist er nicht bloß

durch sein Streben, Licht und Farbe durch intensivstes Studium der

Natur wie Goethe neu zu erfassen, nicht bloß durch seine, mit Goethe

und der Romantik ihn verknüpfende Theorie organischer Gestaltung, auch

durch eine symbolische Ornamentik, die abermals auf Schelling hinwies,

seiner Zeit vorangeeilt. Von den romantischen Genossen haben besonders

die Heidelberger ihm nahe gestanden. Aber nicht die künstlerischen

Ideen Runges, sondern die stofflichen Sympathien Wackenroders bedingen

die sogenannte romantische Malerei. Runges und Friedrichs Wirken

bleibt ein Seitentrieb, der viel später nur zu vollem Gedeihen kam.

Wie nahe an Goethe dieser Seitentrieb im Gegensatz zum Nazarenismus

heranwuchs, bezeugen die auf Runge und Friedrich aufbauenden „Briefe

über Landschaftsmalerei“ des Dresdner Physiologen und Malers +C. G.

Carus+ (1831 und 1835).

Carus knüpfte die Theorie der Landschaftsmalerei oder, wie er

es nannte, der Erdlebenbildkunst unmittelbar an Schellings

Naturphilosophie und an den Begriff der Weltseele an. Er meinte, die

Landschaft bekäme einen höheren und mächtigeren Sinn, wenn man in der

weiten, großen Oberfläche des Planeten das lebende geistige Prinzip

erkenne oder mindestens ahne. Dann verstehe man das geistige Band,

das die Regungen und Umgestaltungen des äußeren Naturlebens an die

Gefühlsschwankungen unseres Innern mit geheimer Gewalt feßle (vgl.

seine Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten 1, 181 f.). Er suchte

darum mit Friedrich ein seelisch erfaßtes Naturbild und in ihm zugleich

eine Darstellung des Wechsels im Leben der Landschaft nach Jahreszeit

und Stunde, nach Licht und Wetter. Nicht schöne und denkwürdige

Gegenden sollten den Vorwurf bilden; sondern Stimmungslandschaften

waren ihre Absicht. In den weiten pommerschen Ebenen war es Carus

aufgegangen, daß ein Ruisdael nur von einer armen Natur, mit Eichen,

Sand und Feld und Sumpf, gebildet werden konnte, während die reiche

Natur des Schweizerlandes lange Zeit auch nicht entfernt ähnliches

hervorgebracht habe (ebenda S. 261).

Carus und Friedrich stehen mit diesen echt romantischen Bemerkungen

neuester Kunst weit näher als der Nazarenismus.

3. Die Musik im romantischen Lichte. Die Lyrik und ihre Theorie.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 10 / 17 段