Zu dieser Zeit ist Fr. Schlegel der in der „Europa“ aufgestellten

Behauptung, daß eine Verknüpfung des Klassischen und Romantischen

denkbar sei und daß der Katholizismus eine solche Verbindung

verwirkliche, in den Wiener Vorlesungen über „Geschichte der alten

und neuen Literatur“ (1815, 2, 128 ff.) weiter nachgegangen. Bei

Gelegenheit der spanischen Poesie wiederholt er die These, daß das

Romantische mit dem Alten und wahrhaft Antiken nicht streite. Das

Romantische aber beruht diesmal für Fr. Schlegel „auf dem mit dem

Christentum und durch dasselbe auch in der Poesie herrschenden

Liebesgefühl, in welchem selbst das Leiden nur als Mittel der

Verklärung erscheint, der tragische Ernst der alten Götterlehre und

heidnischen Vorzeit in ein heiteres Spiel der Phantasie sich auflöst

und dann auch unter den äußern Formen der Darstellung und der Sprache

solche gewählt werden, welche jenem inneren Liebesgefühl und Spiel

der Phantasie entsprechen“. Gedanken, die in dem „Gespräch über die

Poesie“ schon auftauchen, finden hier eine mehr und mehr katholische

Färbung. Der Katholizismus entwickelt sich Schritt für Schritt

zum Hort der Allseitigkeit, die Schlegel von Jugend auf anstrebt.

Dieser katholischen Romantik werden nunmehr die „Sage von Troja“ und

die homerischen Gesänge nahegerückt und „alles, was in indischen,

persischen und andern alten orientalischen oder europäischen Gedichten

wahrhaft poetisch ist“. „Wo irgend das höchste Leben mit Gefühl und

ahndungsvoller Begeisterung in seiner tieferen Bedeutung ergriffen

und dargestellt ist, da regen sich einzelne Anklänge wenigstens jener

göttlichen Liebe, deren Mittelpunkt und volle Harmonie wir freilich

erst im Christentum finden.“ Selbst in den Tragikern der Alten spürt er

jetzt Anklänge dieses Gefühls. Ja das Romantische, das nun vollends zur

Universalpoesie geworden ist, hat nur zwei Gegensätze: das fälschlich

unter uns wieder aufgestellte „Antikische“, das ohne innere Liebe bloß

die Form der Alten nachkünstelt, und das Moderne, das die Wirkung auf

das Leben zu erreichen glaubt, indem es sich ganz an die Gegenwart

anschließt und sich in die Wirklichkeit einengt.

Ein Zusatz der Ausgabe von 1822 (2, 128) geht noch weiter: nunmehr

wird die Harmonie der katholischen Dichtkunst noch über die der Antike

gesetzt. Die „allegorisch-christliche Dichtkunst“, die in Calderon

gipfelt, ist „keine bloße Natur- oder fragmentarisch zerstreute und

größtenteils unbewußte Volkspoesie, noch auch eine bloß mit der

äußeren Bilderhülle spielende, sondern eine zugleich den tiefen Sinn

erkennende, mithin wohlbewußte und wissende Poesie des Unsichtbaren“.

Was bei den Alten geschieden war, die strenge Symbolik der Mysterien

und die eigentliche Mythologie oder die „neue, sinnliche Heldenpoesie“,

ist hier vereinigt. Alles ist in ihr durch und durch symbolisch. Diese

Symbolik, die in dem Naturgeheimnis der Seele begründet ist, hat

auch Shakespeare erreicht, Calderon aber zur christlichen Verklärung

durchgeführt.

Es sind die alten, um 1800 gewonnenen Gesichtspunkte: die Darstellung

des Unendlichen im Endlichen, die Allseitigkeit, die Forderung einer

bewußten Poesie; aber alles spitzt sich jetzt auf den Katholizismus zu.

Religion, Liebe, Mittlertum -- alles war schon in den „Ideen“ verwertet

worden, alles das hatte dort dem Begriffe der romantischen Poesie

sich eingegliedert. Jetzt sind indes diese Vorstellungen verengt und

genauer, nicht im übertragenen, sondern im katholischen Sinne gefaßt.

Das katholische Kredo gestattet Schlegel noch ganz zuletzt, einen

höchsten Typus der Harmonie in katholischem Sinne welthistorisch zu

konstruieren. Ausführlich erwogen wird das Problem in den achtzehn

Wiener Vorlesungen von 1828 über „Philosophie der Geschichte“ (1829).

Nun hat er ganz die Formen katholischen Denkens angenommen; freilich

deckt sich manches auch mit Lehren Böhmes, auf die oben (S. 76) Bezug

genommen worden ist: Es ist Aufgabe der Philosophie, das verlorene

göttliche Ebenbild im Menschen wiederherzustellen. Aus freier Wahl

ist der Mensch durch den Sündenfall um die Herrschaft über die Natur

gekommen und unter sie herabgesunken. Verwilderung und Ausartung war

die Folge; ein Kampf der Urvölker, in der mosaischen Tradition als

Kampf der Kainiten und Sethiten berichtet, aber ebenso der ältesten

Tradition aller Völker zugrundeliegend, vollzieht sich. Doch auch der

einzelne Mensch wird uneinheitlich. Nur Genies, große Charaktere oder

gottinnige Menschen können sich wieder zur ursprünglichen Einheit

erheben. Das höhere Licht der göttlichen Wahrheit ward durch das

Christentum der Wissenschaft und dem Leben näher gebracht, nachdem

die Juden schon als Wegweiser zur Erkenntnis Gottes sich erwiesen

hatten. Das vierte Weltalter, an dessen Grenze Fr. Schlegel seine

Zeit setzt, wird den Sieg des Lichtes über die Finsternis bringen.

Voraussetzung der ganzen Konstruktion ist der Glaube an Christus und an

das Gnadengeheimnis der göttlichen Erlösung des Menschengeschlechtes.

Ohne diesen Glauben wäre die ganze Weltgeschichte „nichts als ein

Rätsel ohne Lösung, ein Labyrinth ohne Ausgang, ein großer Schutthaufen

aus den einzelnen Trümmern, Steinen und Bruchstücken von dem nun

unvollendet gebliebenen Bau, aus der großen Tragödie der Menschheit,

die alsdann gar kein Resultat haben würde“ (2, 9).

Innerhalb dieser Entwickelung, die eine letzte Umgestaltung der alten

Schillerschen und frühromantischen Konstruktion bedeutet, erscheint

eine Stufe der Harmonie, ein besonders begünstigtes Zeitalter, das alle

die Vorteile sein eigen nennt, mit denen Schiller und der junge Fr.

Schlegel die griechische Antike bedenken. Es ist das vorghibellinische

Mittelalter. Fr. Schlegel denkt an den Augenblick, da der deutsche

Stammescharakter und die germanische Natur- und Heldenkraft mit dem

römischen Weltverstande durch die christliche Liebe und religiöse

Gesinnung ganz in Harmonie gesetzt und in eins verschmolzen waren. Aus

dieser glücklichen Mischung gingen die großen und milden Charaktere

Karls des Großen und Alfreds hervor. Sobald die religiöse Macht

der christlichen Gesinnung nachließ, fielen die Elemente, die die

Menschheit zur Vereinigung gebracht hatten, wieder auseinander. Und in

dieser Zersplitterung wurzelt das Romantische; ihr entkeimt Dantes Werk

ebenso wie Baukunst und Malerei des Mittelalters.

Und doch erscheinen hier wiederum nur alte Thesen der frühromantischen

Zeit in neuem Lichte! Ganz überraschend aber ist die Übereinstimmung

einzelner Behauptungen Fr. Schlegels mit Hardenbergs Aufsatz: „Die

Christenheit oder Europa“. Wohl ist manches modifiziert, mindestens

historisch genauer umgrenzt; aber an beiden Stellen erscheint das

gläubige Mittelalter, die Zeit da Staat und Kirche Hand in Hand gehen,

als eine Epoche der Harmonie, gedacht wie das Griechentum der Briefe

„Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ oder der Abhandlung

„Über das Studium der griechischen Poesie“. Über ein Menschenalter weg

reichen sich Novalis und sein zum Ultramontanen gewordener Jugendfreund

die Hand. Kühne, hoch über der Erde schwebende Ahnungen Hardenbergs

sind jetzt zu Leitsätzen der ultramontanen Geschichtsphilosophie Fr.

Schlegels geworden.

Ein unvereinbarer Widerspruch besteht indes nicht zwischen dieser

letzten welthistorischen Konstruktion Fr. Schlegels und der Anschauung

des Romantischen in den Wiener Vorlesungen über „Geschichte der

alten und neueren Literatur“. Vielmehr handelt es sich nur um

den Gegensatz, der von Anfang an in der romantischen Fassung des

Begriffes „Harmonie“ liegt. Mit Schiller hat Fr. Schlegel in seiner

ersten „objektiven“ Zeit die Griechen zu Vertretern einer Harmonie

gestempelt, die alle Gegensätze zu voller Einheitlichkeit verknüpft.

Dann war ihm die proteusartige Beweglichkeit, die Fähigkeit von

einem Gegensatz zum anderen zu springen und das Widersprechendste zu

einer Einheit zu verknüpfen, als Ideal menschlicher Allseitigkeit

aufgegangen. Dieses Ideal liegt der romantischen Poesie zugrunde;

dieses Ideal findet er wieder im Orient, findet es in einem Reichtum

und in einer Fülle der Gegensätze, die selbst die Antike einseitig

erscheinen läßt. Im Organismus der orientalischen Kultur ist für

Fr. Schlegel der Zwischenraum zwischen den beiden Polen größer als

in irgendeinem anderen Kultursystem; und doch ist auch dieser ganze

Organismus nur +ein+ Magnet (s. oben S. 42). Nun kann er in den

Wiener Vorlesungen das Romantische überall da entdecken, wo ähnlicher

Reichtum sich zeigt. 1828 kehrt er zu der einheitlichen Harmonie

zurück, im Gegensatz zu der das Romantische wohl als reicher, aber

auch als zersplitterter erscheint. Und jetzt schreibt er, ultramontan

geworden, der Zeit des Mittelalters, in der germanisches Heldentum und

romanische Kirche Hand in Hand gehen, solche Harmonie, eine Harmonie im

klassischen Sinne, zu.

Vorweggenommen hatte diese Anschauung Hardenbergs Aufsatz „Die

Christenheit oder Europa“. Und schon aus diesem Grunde bezeichnet

er einen entscheidenden Schritt zur späteren katholischen Wendung

der Romantik hin. Seine Verherrlichung des katholischen Mittelalters

bereitet das Zeitalter der Bekehrungen und Konversionen vor.

Eine weitere Vorstufe bildet frühromantische Verklärung der

christlichen Malerei. Ist doch auch Novalis’ Aufsatz nicht unberührt

geblieben von den Hymnen, die der christlichen Malerei von ihren

frühromantischen Vergötterern gesungen worden sind.

IV. Tiecks und Wackenroders Anteil.

1. Deutsches Mittelalter. Spanien.

Ganz aus Eigenem hatte Novalis sein Bild des katholischen Mittelalters

nicht geschöpft. Die neue Freundschaft mit +Tieck+ trug da ihre ersten

Früchte. Tieck ließ in die romantische Gedankenwelt +Wackenroders+

Ströme münden. Es ist vielleicht das merkwürdigste Phänomen der ganzen

Entwickelungsgeschichte der deutschen Romantik, daß eine Haupttendenz,

die bald darauf alle anderen Bestrebungen der Frühromantik überwuchern,

der Mit- und Nachwelt als Mittelpunkt deutscher Romantik erscheinen

und ihr die nachhaltigsten kulturellen und künstlerischen Wirkungen

schenken sollte, von einem überzarten, kränklichen, früh dem Tode

verfallenen Jüngling ausgegangen ist, der mit den Führern der

frühromantischen Bewegung wenig oder gar keine Fühlung hatte, in seinem

innersten Wesen zu den romantischen Proteusnaturen nicht paßte. Fr.

Schlegel aber, der ihn nur flüchtig kennen lernte, hat den Nagel auf

den Kopf getroffen, als er Anfang November 1797 an seinen Bruder

schrieb (S. 307), ihm sei Wackenroder „der liebste aus dieser ganzen

Kunstschule“, d. h. aus dem Kreise Tiecks, und hinzusetzte: „Er hat

wohl mehr Genie als Tieck; aber dieser gewiß weit mehr Verstand.“

Bei keinem der Frühromantiker war die Gemütseite gleich stark, fast

einseitig entwickelt wie bei Wackenroder. Auch Hardenberg drängt es

energischer aus den Kreisen des Unbewußten zur Klarheit hin. Dennoch

steht er Wackenroder gewiß am nächsten; und der Zauber, den Tieck

bei der ersten Bekanntschaft auf Novalis ausgeübt hat, ruhte ohne

Zweifel auf den Eigenheiten Tiecks, die der Verkehr mit Wackenroder in

ihm ausgelöst hatte; Tieck selber aber fand in Novalis viel von dem

wieder, was er durch Wackenroders Tod verloren hatte, verstand sich

aber auch, der anpassungs- und wandlungsfähige, Novalis von der Seite

zu nehmen, von der er seinerzeit Wackenroder gewonnen hatte, eben

von der Seite des Gemüts. Als Gemütsmensch mit geringer Neigung zur

Selbstanalyse und „intellektueller Anschauung“ in Fichtes Sinne fühlte

Wackenroder auch unter allen Frühromantikern dem Sturm und Drang sich

am nächsten verwandt; und darum widmete er sich, verbunden mit Tieck,

der eigentlichen Weiterleitung der Lieblingsideen, in denen die Stürmer

und Dränger mit den Romantikern übereinkommen. Zunächst übernahm er das

Interesse der siebziger Jahre für altdeutsches Wesen, altdeutsche Kunst

und altdeutsche Dichtung.

Er ist da Schüler Herders und teilt mit seinem Lehrer die Fähigkeit,

individuelle Schönheit nachzufühlen, vor allem die nationale

Individualität in ihrer künstlerischen Ausprägung zu verstehen und zu

würdigen. Nicht einseitig lokalpatriotischer Nationalismus, sondern der

ernste Wille und die Begabung allseitiger Einfühlung ist Wackenroder

wie Herdern eigen. In den „+Herzensergießungen eines kunstliebenden

Klosterbruders+“ (1797, S. 106 f.) heißt es: „Uns, Söhnen dieses

Jahrhunderts, ist der Vorzug zuteil geworden, daß wir auf dem Gipfel

eines hohen Berges stehen, und daß viele Länder und viele Zeiten unsern

Augen offenbar, um uns herum und zu unseren Füßen ausgebreitet liegen.

So lasset uns denn dieses Glück benutzen und mit heitern Blicken über

alle Zeiten und Völker umherschweifen und uns bestreben, an allen

ihren mannigfaltigen Empfindungen und Werken der Empfindung immer das

Menschliche herauszufühlen.“

Zum Verständnis älterer deutscher Literatur wurde Wackenroder von

seinem Lehrer Erduin Julius Koch geführt. Schon Anfang Dezember

1792 gesteht er dem Freunde Tieck: „Da hab’ ich denn manche sehr

interessante Bekanntschaft mit altdeutschen Dichtern gemacht und

gesehn, daß dies Studium, mit einigem Geist betrieben, sehr viel

Anziehendes hat.“ Tieck antwortete wenig ermutigend, genau mit

demselben Einwand, den Schiller später der von Tieck besorgten

Sammlung der Minnelieder entgegenhielt (28. Dezember); er beklagt

die „erstaunliche Einförmigkeit“ der Minnesänger. „Es ist überhaupt

schon gar keine Empfehlung für den poetischen Geist dieses Zeitalters,

daß es nur diese eine Art von Gedichten gab, nur diesen Zirkel von

Empfindungen, in denen sich jeder wieder mit mehr oder weniger Glück

herumdrehte.“ Schwindel und Wüstheit des Kopfes sei die Folge, wenn

man sich mit vielen lange herumdrehe. Wackenroder indes ließ sich

nicht beirren; und wirklich wurde im Sommersemester 1793, das beide

Freunde zu Erlangen verbrachten, Tieck zu altdeutschen Studien bekehrt,

die sich zunächst allerdings den Volksbüchern zuwandten. Wackenroder

schritt inzwischen von altdeutscher Dichtung zu altdeutscher Kunst

weiter; neu erwachte in ihm die Liebe, die einst in und nach

Straßburg den jungen Goethe zum Bewunderer Erwins von Steinbach

und Dürers gemacht hatte. „Nicht bloß unter italienischem Himmel,

unter majestätischen Kuppeln und korinthischen Säulen -- auch unter

Spitzgewölben, krausverzierten Gebäuden und gotischen Türmen wächst

wahre Kunst hervor,“ erklären die „Herzensergießungen“ (S. 129). Von

gleichen Erwägungen aus hatte Heinse sich den Weg zu Rubens gebahnt.

Liebevoll in die Kunst deutschen Altertums, zunächst in die Malerei

Dürers eindringend, schuf sich Wackenroder ein gewiß idealisiertes,

aber doch stark gefühltes und von mächtiger Stimmung getragenes

Bild deutscher Vergangenheit. „Als Albrecht den Pinsel führte, da

war der Deutsche auf dem Völkerschauplatz unsers Weltteils noch ein

eigentümlicher und ausgezeichneter Charakter von festem Bestand; und

seinen Bildern ist nicht nur in Gesichtsbildung und im ganzen Äußeren,

sondern auch im inneren Geiste dieses ernsthafte, grade und kräftige

Wesen des deutschen Charakters treu und deutlich eingeprägt“ (S.

121 f.). Das ist die Stimmung, aus der heraus in Hardenbergs Aufsatz

„Die Christenheit oder Europa“ das deutsche Wesen alter Zeit gesehen

ist (s. oben S. 78); ebenso auch im „Ofterdingen“ und in mehreren

Jugenddichtungen Tiecks. Dieselbe Stimmung kehrt später noch in ihrer

höchsten künstlerischen Form wieder, wenn Moritz v. Schwind sein

Märchen von den sieben Raben oder seine schöne Melusine schafft oder

die Fresken aus dem Leben der heiligen Elisabeth auf der Wartburg. Da

klingt und singt es wirklich wie aus einer fernen schönen Welt. Es ist

gewiß nicht das wahre Mittelalter, sondern ein eingebildetes; aber es

ist doch noch etwas anderes als das „Mittelalter der Ritterdramen und

Ritterromane mit seinen physiognomielosen, verschwommenen Personen

und seinen einförmig biederen Gesinnungen“ (W. Scherer, Jakob Grimm,

2. Aufl. S. 60 f.). Denn die feine Seele Wackenroders hat diesem

deutschen Mittelalter einen Schimmer geliehen, der den derberen Händen

der Ritterdramatiker, selbst eines Maler Müller, nicht gegönnt war.

Wichtiger aber noch ist, daß Wackenroders verschönendes Auge auch die

Schlegel und Novalis gelehrt hat, das Mittelalter und das Deutschtum in

diese Stimmung zu tauchen.

Denn ehe Wackenroder durch Tiecks Vermittelung auf Hardenberg wirkt,

ist von einer Verklärung deutschen Mittelalters bei den Jenenser

Genossen nichts zu spüren. Wohl besteht von Anfang an ein starkes

Bewußtsein deutscher Kraft. Doch das 38. Lyceumfragment Fr. Schlegels

lautet: „An dem Urbilde der Deutschheit, welches einige große

vaterländische Erfinder aufgestellt haben, läßt sich nichts tadeln

als die falsche Stellung. Diese Deutschheit liegt nicht +hinter+

uns, sondern +vor+ uns.“ Und noch in die „Ideen“ ist Wackenroders

Glaubensbekenntnis nur zum Teil aufgegangen: „Nicht Herrmann und

Wodan sind die Nationalgötter der Deutschen, sondern die Kunst und

die Wissenschaft. Gedenke noch einmal an Keppler, Dürer, Luther,

Böhme; und dann an Lessing, Winckelmann, Goethe, Fichte. Nicht auf

die Sitten allein ist die Tugend anwendbar; sie gilt auch für Kunst

und Wissenschaft, die ihre Rechte und Pflichten haben. Und dieser

Geist, diese Kraft der Tugend unterscheidet eben den Deutschen in der

Behandlung der Kunst und der Wissenschaft“ (Nr. 135). Das ist die

Auffassung von deutscher Größe, deutscher Art und Kunst, die auch in

den Jugendbriefen Friedrichs an Wilhelm sich offenbart: nicht das

Germanische wird betont, nicht Klopstocks Teutonismus gepredigt,

sondern den Schöpfern der neueren deutschen Kultur gehuldigt. Dabei

macht sich die Ansicht geltend, die Novalis gern vertritt: Deutschland

ist im Begriff die geistige Führung Europas an sich zu nehmen. Um 1800

bekennt sich auch Schiller zu diesem Glauben und möchte Deutschlands

Größe feiern. „Der Deutsche“, sagt Novalis einmal (2, 124), „ist lange

das Hänschen gewesen. Er dürfte aber wohl bald der Hans aller Hänse

werden. Es geht ihm, wie es vielen dummen Kindern gehn soll: er wird

leben und klug sein, wenn seine frühklugen Geschwister längst vermodert

sind und er nun allein Herr im Hause ist.“ Fr. Schlegel und Novalis

sind durchaus nicht darauf aus, den Deutschen zu idealisieren. Am

besten spürt man den Unterschied, der zwischen ihnen und Wackenroder

auch noch zu der Zeit bestand, da das „Athenaeum“ zu Ende ging, in

der 120. Idee: „Der Geist unsrer alten Helden deutscher Kunst und

Wissenschaft muß der unsrige bleiben, solange wir Deutsche bleiben.

Der deutsche Künstler hat keinen Charakter oder den eines Albrecht

Dürer, Keppler, Hans Sachs, eines Luther und Jakob Böhme. Rechtlich,

treuherzig, gründlich, genau und tiefsinnig ist dieser Charakter, dabei

unschuldig und etwas ungeschickt. Nur bei den Deutschen ist es eine

Nationaleigenheit, die Kunst und die Wissenschaft bloß um der Kunst

und der Wissenschaft willen göttlich zu verehren.“ Noch ruht der Blick

zu scharf auf den Dingen, um Wackenroders Idealisierung zuzulassen.

Aus gleichem Gesichtspunkte ist Fr. Schlegels Mahngedicht „An die

Deutschen“ (Athenaeum 3, 165 ff.) gesehen. Dagegen atmen seine beiden

Sänge „Bei der Wartburg“ und „Am Rheine“ von 1802 (Europa 1, 1, 8 und

15) schon die ganze Stimmung Wackenroders und des „Ofterdingen“.

Aus dieser Stimmung wird die romantische Germanistik geboren.

Wackenroders Freund Tieck geht voran. Während Fr. Schlegel um 1800

sich noch wenig um altdeutsche Literatur kümmert, Wilhelm allerdings

schon einige Kenntnis verrät und da und dort ein bedeutsames Wort

über altdeutsche Poesie einschiebt, Hardenberg aber durch Wilhelm

die -- übrigens von ihm nicht verwertete -- Literatur über Heinrich

von Ofterdingen sich nachweisen läßt, tritt 1803 +Tieck+ als erster

mit einer Sammlung mittelhochdeutscher Poesie hervor, mit seinen

neubearbeiteten „+Minneliedern aus dem Schwäbischen Zeitalter+“. Mag

die halbschürige Übertragung ins Neuhochdeutsche uns heute unerträglich

sein, sicher bleibt die Vorrede (Kritische Schriften 1, 185 ff.) der

erste Versuch -- und ein sehr erfolgreicher obendrein -- die Dichtung

des deutschen Mittelalters in den Rahmen der romantischen Poesie

charakterisierend einzuordnen. Jakob Grimm wurde von der Skizze Tiecks

aufs tiefste ergriffen. Nicht das Wissen Tiecks, nicht seine kühnen und

mitunter ganz glücklichen Zusammenfassungen, auch nicht eine Bemerkung

über den Verfasser des Nibelungenliedes, die Lachmanns Forschungen

vorwegnimmt, nicht diese Einzelheiten mögen auf Grimm überwältigend

gewirkt haben; vielmehr die Gesamtanschauung des deutschen

Mittelalters, die durchaus im Geiste Wackenroders und Hardenbergs

gehalten ist. Für Tieck ist das Mittelalter vor allem eine Zeit, die

durch einen besonders innigen, empfänglichen und vielumfassenden Sinn

für Poesie ausgezeichnet war. „Der Ritterstand verband damals alle

Nationen in Europa, die Ritter reisten aus dem fernsten Norden bis

nach Spanien und Italien, die Kreuzzüge machten diesen Bund noch enger

und veranlaßten ein wunderbares Verhältnis zwischen dem Orient und dem

Abendlande; vom Norden sowie vom Morgen her kamen Sagen, die sich mit

den einheimischen vermischten, große Kriegsbegebenheiten, prächtige

Hofhaltungen, Fürsten und Kaiser, welche der Dichtkunst gewogen waren,

eine triumphierende Kirche, die Helden kanonisierte, alle diese

günstigen Umstände vereinigten sich, um dem freien unabhängigen Adel

und den wohlhabenden Bürgern ein glänzendes Leben zu erschaffen, in

welchem sich die erwachte Sehnsucht ungezwungen und freiwillig mit der

Poesie vermählte, um klarer und reiner die umgebende Wirklichkeit in

ihr abgespiegelt zu erkennen. Gläubige sangen vom Glauben und seinen

Wundern, Liebende von der Liebe, Ritter beschrieben ritterliche Taten

und Kämpfe, und liebende, gläubige Ritter waren ihre vorzüglichsten

Zuhörer“ (1, 195 f.).

Die starke Idealisierung des Mittelalters, die Tieck vornimmt, wird

um einige Grade von Wilhelm Schlegel in seinen Berliner Vorlesungen

von 1803/4 herabgestimmt. Auch er möchte die altdeutsche Dichtung in

den Rahmen der romantischen Poesie einfügen; unzweifelhaft hat er

sehr viel von Tiecks Vorrede gelernt. Besonders aber suchte er das

„wunderbare Verhältnis zwischen dem Orient und dem Abendlande“ des

näheren zu beschreiben und zu ergründen; die neuen Errungenschaften

Fr. Schlegels leihen ihm die Mittel, den Orient näher zu erfassen.

Den romantischen Geist des deutschen Mittelalters, den „ritterlichen

Geist“, wie Schlegel ihn nennt, diese „mehr als glänzende, wahrhaft

entzückende und bisher in der Geschichte beispiellose Erscheinung“

(3, 89) leitet er geradezu aus der „Kombination der kernigten und

redlichen Tapferkeit des deutschen Nordens mit dem Christentum, diesem

religiösen orientalischen Idealismus“ ab. Knapper und zugleich mit

weiterem Umblick beleuchtete W. Schlegel dasselbe Problem in der ersten

der Wiener Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur (1808).

Diesmal schreitet er zu einer kulturhistorischen Konstruktion weiter,

die nicht nur den „ritterlichen Geist“ auf eine echt romantische Formel

bringt, sondern von der Verbindung des nordischen und christlichen

Wesens die Eigenheiten des Romantischen überhaupt ableitet und von

diesem Gesichtspunkte aus die Antithese klassisch und romantisch ganz

neu formt: bei den Griechen war die menschliche Natur selbstgenügsam,

sie ahnte keinen Mangel und strebte nach keiner Vollkommenheit, die

sie durch eigene Kraft nicht erreichen konnte. In der christlichen

Ansicht hat die Anschauung des Unendlichen das Endliche vernichtet.

„Das Leben ist zur Schattenwelt und zur Nacht geworden, und erst

jenseits geht der ewige Tag des wesentlichen Daseins auf“ (S. 16).

Diese Religion macht deutlich, daß wir nach einer hier unerreichbaren

Glückseligkeit trachten, daß kein äußerer Gegenstand jemals unsere

Seele ganz wird erfüllen können. So entstehen Lieder der Schwermut,

wenn die Seele ihr Verlangen nach der fremd gewordenen Heimat ausatmet.

„Die Poesie der Alten war die des Besitzes, die unsrige ist die der

Sehnsucht; jene steht fest auf dem Boden der Gegenwart, diese wiegt

sich zwischen Erinnerung und Ahndung.“ Melancholie ist mithin das Wesen

der nordischen Poesie.

Auf lange Zeit hinaus bindend ist diese Auffassung der germanischen

Poesie geblieben. Noch wenn Richard Heinzel und Wilhelm Scherer das

Wesen und den Stil der germanischen Dichtung ergründen wollen, klingt

W. Schlegels Anschauung von der mittelalterlichen Sehnsuchtspoesie

an. Auf die romantische Dichtung der Fouqué und Uhland hat sie stark

gewirkt.

Die Freunde des germanischen Altertums am Anfang des 19. Jahrhunderts

spinnen indes vor allem den Faden Wackenroders und Hardenbergs weiter,

die Lehre von der „kernigten und redlichen Tapferkeit des deutschen

Nordens“; sie idealisieren das deutsche Mittelalter durchweg. Voran

gehen die Heidelberger und unter ihnen wiederum Görres. Doch sie fühlen

sich noch von einer neuen Strömung getragen, wenn sie das germanische

Wesen feiern: sie sind national und Freunde des deutschen Volkes

geworden.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 9 / 17 段