Wirklich schreibt Fr. Schlegel schon ein volles Jahr früher an Novalis

(20. Oktober 1798): „Was mich betrifft, so ist das Ziel meiner

literarischen Projekte eine neue Bibel zu schreiben und auf Muhameds

und Luthers Fußstapfen zu wandeln.“ Novalis antwortet am 7. November:

„Du schreibst von Deinem Bibelprojekt und ich bin auf meinem Studium

der Wissenschaft überhaupt und ihres Körpers, des Buchs -- ebenfalls

auf die Idee der Bibel geraten -- der Bibel als des Ideals jedweden

Buchs.“ Er erblickt in diesem Zusammentreffen ein auffallendes Beispiel

ihrer „inneren Symorganisation und Symevolution“. Fr. Schlegels Brief

vom 2. Dezember erkennt in dem „absichtslosen Zusammentreffen“ der

„biblischen Projekte“ „eines der auffallendsten Zeichen und Wunder“ des

„Einverständnisses“ beider Freunde, aber auch ihrer „Mißverständnisse“.

Denn Schlegel hatte sofort aus Hardenbergs Brief herausgelesen, daß

Novalis nur „in einem gewissen Sinne“ in der Bibel die „literarische

Zentralform und also das Ideal jedes Buchs“ finde. Schlegel selber

aber hatte „eine Bibel im Sinne, die nicht in gewissem Sinne, nicht

gleichsam, sondern ganz buchstäblich und in jedem Geist und Sinne Bibel

wäre“. Nicht um ein literarisches, sondern um ein biblisches, durchaus

religiöses Projekt handele es sich. „Ich denke eine neue Religion

zu stiften oder vielmehr sie verkündigen zu helfen: denn kommen und

siegen wird sie auch ohne mich. Meine Religion ist nicht von der Art,

daß sie die Philosophie und Poesie verschlucken wollte.“ Schlegel

findet, daß Gegenstände übrigbleiben, die weder Philosophie noch Poesie

behandeln kann. „Ein solcher Gegenstand scheint mir Gott, von dem ich

eine durchaus neue Ansicht habe.“ Sehr dunkel umschreibt Fr. Schlegel

die Bedingung, unter der er auf Hardenbergs volle Zustimmung rechnen

darf: „Die eigentliche Sache ist die, ob Du dich entschließen kannst,

wenigstens in einem gewissen Sinne das Christentum absolut negativ

zu setzen.“ Und prophetisch ruft er dem Freunde zu: „Vielleicht hast

du noch die Wahl, entweder der letzte Christ, der Brutus der alten

Religion, oder der Christus des neuen Evangeliums zu sein.“ Dieses neue

Evangelium rege sich schon; Schleiermacher arbeite an einem Werke über

die Religion, Tieck studiere Jakob Böhme; und die Synthesis von Goethe

und Fichte -- die Voraussetzung und der Ausgangspunkt der romantischen

Naturphilosophie (s. S. 40) -- könne nichts anderes ergeben als

Religion. Am 20. Januar 1799 erklärt dann Novalis, Friedrichs Meinung

von der Negativität der christlichen Religion sei vortrefflich. „Das

Christentum wird dadurch zum Range der Grundlage der projektierenden

Kraft eines neuen Weltgebäudes und Menschentums erhoben.“ „Absolute

Abstraktion, Annihilation des Jetzigen, Apotheose der Zukunft --

dieser eigentlichen, besseren Welt: dies ist der Kern der Geheiße

des Christentums, und hiermit schließt es sich an die Religion der

Antiquare, die Göttlichkeit der Antike, die Herstellung des Altertums,

als der zweite Hauptflügel an; beide halten das Universum, als den

Körper des Engels, in ewigem Schweben.“ Fr. Schlegel stimmt zu, daß

das Christentum eine Religion der Zukunft sei, wie die der Griechen

eine der Vergangenheit. „Aber ist sie nicht noch mehr eine Religion des

Todes, wie die klassische eine Religion des Lebens?“ „Vielleicht bist

du der erste Mensch in unserem Zeitalter, der Kunstsinn für den Tod

hat“ (S. 130).

Dunkle, mystische Bekenntnisse! Wir wundern uns nicht, daß die

Genossen dauernd auf gegenseitiges Mißverständnis gefaßt sind. Eine

Deutung erwächst aber aus den Werken, die solchem Gedankenaustausche

entsprangen.

Vor allem erhellt aus den zitierten Briefstellen, daß Fr. Schlegel und

Novalis den Impulsen Schleiermachers längst vorangeeilt waren. Auch

das persönliche Bekanntwerden Hardenbergs und Tiecks (im Sommer 1799)

kann nur bestätigend und weitertreibend auf Novalis gewirkt haben.

Aus herrnhutischer Umgebung hervortretend, von Zinzendorfs Gedanken

der „Konnexion mit dem historischen Christus“ früh berührt, mystisch

der Ergründung des „Mittlertums“ Christi hingegeben, findet Novalis

auch als einziger unter den Genossen sofort die dichterische Kraft, in

unvergänglicher künstlerischer Form auszudrücken, was ihm Religion und

Christentum bedeutet. Es entstehen seine +geistlichen Lieder+,

Offenbarungen zugleich der neuen Religion, der Vergöttlichung des

Universums, der sehnsüchtigen Liebe zum Ewigen, wie auch wunderbar

schlichte Bekenntnisse eines Gläubigen, dem in Christi Gestalt ein

Wegweiser zum Überirdischen erstanden ist. Fr. Schlegel hat den

hohen künstlerischen und menschlichen Wert der christlichen Sänge

Hardenbergs sofort erkannt und dem Freunde Schleiermacher (November

1799) gemeldet: „Auch christliche Lieder hat er uns gelesen; die sind

nun das Göttlichste, was er je gemacht. Die Poesie darin hat mit nichts

Ähnlichkeit, als mit den innigsten und tiefsten unter Goethens früheren

kleinen Gedichten.“

Weit deutlicher noch als in den geistlichen Liedern kommen die

Gedankenembryone der zwischen Fr. Schlegel und Novalis gewechselten

Briefe von Anfang 1799 in Novalis’ „+Hymnen an die Nacht+“ zu

dichterisch geklärter und vertiefter Gestaltung. Erlebtes Leid

verknüpft sich mit dem neuerrungenen religiösen Gefühl. Das Christentum

als „Grundlage der projektierenden Kraft eines neuen Weltgebäudes und

Menschentums“, sein Geheiß einer „absoluten Abstraktion, Annihilation

des Jetzigen“, die daraus erwachsende „Apotheose der Zukunft, dieser

eigentlichen besseren Welt“: all das ist in die „Hymnen“ hineinverwebt

und dazu auch das Verhältnis des Christentums zur Antike, zur „Religion

der Antiquare“. Und auch Fr. Schlegels Frage ist hier beantwortet,

ob das Christentum nicht noch mehr eine Religion des Todes ist, als

die klassische eine Religion des Lebens. Eben weil die Antike ganz

auf das Leben, auf das Diesseits gestellt ist, so ist ihr der Tod ein

Schreckbild, während Christus die Welt mit dem Todesgedanken ausgesöhnt

hat. Der Tod eröffnet dem Christusgläubigen den Eintritt in eine

höhere und bessere Welt; das Kreuz hat die Menschheit für die Ewigkeit

geboren. Schleiermachers Anschauung, daß das religiöse Gefühl uns

dem Unendlichen nahebringe, ist in den „Hymnen“ ganz und gar in die

Formen christlichen Glaubens umgesetzt: der Mittlertod Christi hat der

Menschheit den Weg ins Ewige eröffnet. Der Gedanke der Unendlichkeit,

symbolisiert in der Vorstellung eines jenseitigen Lebens, tröstet den

Dichter über den Verlust der Geliebten. Nur in diesem engen irdischen

Dasein hat er auf die Geliebte zu verzichten. Menschendasein aber

reicht weiter, reicht hinaus über die Grenzen des Irdischen. Und der

Tod sprengt die Fesseln dieses irdischen Lebens.

Freilich kommt diesmal nur die eine Seite von Schleiermachers Religion

zur Geltung: das Unendliche hebt über das Endliche empor, nicht die

andere: das Endliche ist uns lieb, weil das Unendliche sich in ihm

darstellt. Eine Dichtung des romantischen Monismus und der romantischen

Daseinsfreude sind die „Hymnen“ nicht. Novalis hat sie geschrieben,

erfüllt von der Idee eines freiwilligen, bewußt erstrebten Todes,

von dem Gedanken also, den das Ableben Sophiens von Kühn in ihm

ausgelöst hatte. Er hat sich zuletzt wieder mit der Welt des Diesseits

ausgesöhnt, freilich immer nur im Sinne Schleiermachers, für den auf

dieser Welt ein Abglanz der ewigen ruht. W. Schlegel umschreibt die

Stimmung der „Hymnen“ im achten Gedichte des „Totenopfers für Augusta

Böhmer“ (1, 136).

Du schienest, losgerissen von der Erde,

Mit leichten Geistertritten schon zu wandeln,

Und ohne Tod der Sterblichkeit genesen.

Du riefst hervor in dir durch geistig Handeln,

Wie Zauberer durch Zeichen und Gebärde,

Zum Herzvereine das entschwundne Wesen.

Solch gewolltes Sterben, solcher Tod, „durch geistig Handeln“ erstrebt,

ist auch das Ziel des „hohen Menschen“ in Jean Pauls „Unsichtbarer

Loge“. Ihn kennzeichnet „die Erhebung über die Erde, das Gefühl der

Geringfügigkeit alles irdischen Tuns, ... der Wunsch des Todes und der

Blick über die Wolken“ (Hempel 1, 184). Im Emanuel des „Hesperus“ hat

Jean Paul einen Menschen dieser Art gezeichnet. Zugleich begegnet sich

Novalis mit Böhmes Anschauung von der „Zerbrechlichkeit“.

Durch den Sündenfall ist „Zerbrechlichkeit“ in die Welt gekommen;

vorher waren die Dinge nur „ihr Äther“. Wenn die zerbrechliche Form

vergeht, dann wird die Seele wieder Äther und erkennt alle Herrlichkeit

in ungetrübter Helle. Alle Qual der Leidenschaft verschwindet mit

der Zerbrechung der Fesseln. Wie in fast aller Mystik verbindet

Platonisches und Christliches sich auch in diesen Anschauungen Böhmes.

Eine verwandte Verknüpfung liegt den „Hymnen“ zugrunde; daher rührt die

Ähnlichkeit. Unmittelbare Übernahme Böhmescher Lehren zeigt nur der

„+Ofterdingen+“. Der ganze Roman mit seinen Fortsetzungen hätte das

allmähliche Aufsteigen des Menschen, die schrittweise Erlösung aus

den Fesseln des irdischen Lebens zeichnen sollen. Für die Stufenfolge

dieses Aufstrebens dachte Novalis den Böhmeschen Begriff der dreifachen

Geburt zu nutzen. Die erste und zweite Stufe ist nicht rein vor dem

Herzen Gottes; die erste, die elementische, die Stufe des Todes, die

zweite, die siderische, die beiden Welten angehört. Auf der dritten,

der animalischen Stufe ersteht der zur Wiedergeburt reife Mensch. Zur

Erlangung der Seligkeit muß jeder Mensch alle drei Geburten durchmachen.

Daß sich diese Symbolik mit der aufsteigenden Entwickelungsreihe der

Naturphilosophie verknüpfen ließ, ist klar. Aus beiden Voraussetzungen

ergeben sich die Fiktionen, die den Schluß des „Ofterdingen“ bilden

sollten und die ohne diesen Kommentar sonderbar genug klingen:

Heinrich wird ein Stein, dann ein klingender Baum, dann ein goldener

Widder, endlich ein Mensch. Weibliche Aufopferung gestattet ihm, von

einer Stufe zur anderen weiterzugehen. Das Ewig-Weibliche zieht auch

Heinrich von Ofterdingen hinan.

3. Wendung zum Katholizismus, zum Mittelalter und Orient. Fr. Schlegels

spätere Konstruktionen der Entwickelung der Menschheit.

Novalis blieb bei dem Mystizismus der Unendlichkeits- und

Universumsreligion Schleiermachers nicht stehen. Schon hatte er

in den „Hymnen“ und in den geistlichen Liedern die Symbolwelt des

Christentums verwertet. Er hatte mithin nicht bei der Scheidung

von Moral und Theologie einerseits und von Religion anderseits mit

Schleiermacher halt gemacht, war vielmehr ins Konfessionelle weiter

gegangen. Aber auch innerhalb des christlichen Glaubensbekenntnisses

suchte er weiter das, was ihm zusagte, zu trennen von dem, was ihm

fremd war. Gleichzeitig mit den geistlichen Liedern kündigte Fr.

Schlegel den Aufsatz „+Die Christenheit oder Europa+“ von Novalis

dem Genossen Schleiermacher an (3, 133 f.) und führte ihn ausdrücklich

auf die „ungeheure Wirkung“ zurück, die von den „Reden“ auf Novalis

ausgeübt worden war. Der Aufsatz selber will die „Philanthropen und

Enzyklopädisten“ zu einem „Bruder“ führen; „der soll mit euch reden,

daß euch die Herzen aufgehn, und ihr eure abgestorbene, geliebte

Ahndung mit neuem Leibe bekleidet, wieder umfaßt und erkennt, was euch

vorschwebte und was der schwerfällige, irdische Verstand freilich euch

nicht haschen konnte“. Dieser Bruder „hat einen neuen +Schleier+ für

die Heilige +gemacht+, der ihren himmlischen Gliederbau anschmiegend

verrät und doch sie züchtiger als ein andrer verhüllt“ (2, 40 f.). Fest

muß man diesen Passus und den deutlichen Hinweis auf Schleiermacher

im Auge behalten, soll die Absicht des Aufsatzes nicht überspannt

werden. Er gibt eine kulturhistorische Konstruktion nach dem Rhythmus,

den Schillers Klassizismus, die Romantik Fr. Schlegels und Fichtes

Geschichtsphilosophie vorgezeichnet haben. Von primitiver, monotoner

Harmonie geht es weiter zur Disharmonie und endlich zu höherer

Allseitigkeit. Doch die alten Rubriken finden neue Ausfüllung. In

der ersten erscheint diesmal nicht das Griechentum, sondern das

katholische Mittelalter. Auf wenigen Seiten entwirft Novalis ein Bild

der „schönen, glänzenden Zeiten, wo Europa ein christliches Land

war, wo +eine+ Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil

bewohnte“. Diese „echtkatholischen oder echtchristlichen Zeiten“

sind mit dem romantischen Auge gesehen, das fortan auf Jahrzehnte

hinaus das Mittelalter ebenso sentimentalisch verklären sollte, wie

die Antike vom 18. Jahrhundert sentimental geschaut worden war. Die

Disharmonie, die jenem Zustande ein Ende machte, war notwendig; denn

nur durch sie konnte die Kulturentwickelung weiterschreiten. Trotzdem

erspart Hardenberg dem Protestantismus, der die Disharmonie mit sich

brachte, keinen Vorwurf. Luther habe den Geist des Christentums

verkannt; die Behauptung der heiligen Allgemeingültigkeit der

Bibel mischte die Philologie, die Buchstabenwissenschaft, in die

Religionsangelegenheiten und wirkte auszehrend auf den Sinn. Daher gebe

es nur wenige Lichtpunkte in der Geschichte des Protestantismus, so

Zinzendorf und Böhme. Dem Protestantismus gegenüber erhält sogar der

Orden der Jesuiten ein ehrenvolles Zeugnis; die Jesuiten erscheinen

als universalstrebende Vorkämpfer der katholischen religiösen Bildung.

Um so schlimmer ergeht es der Aufklärung. Bibel, Christentum und

Religion werden von den Aufklärern ebenso gehaßt und verketzert wie

Phantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit.

Im Kampf gegen die Aufklärung erstehe zurzeit die neue Harmonie.

Naturwissenschaft und Politik bezeugen, daß eine neue Zeit herankomme:

Naturwissenschaft natürlich im Sinne der Naturphilosophie genommen, die

Politik, weil Hardenberg hofft, daß die Christenheit wieder lebendig

und wirksam zu werden und eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf

Landesgrenzen zu bilden sich anschicke. In dieser Hoffnung auf die

„heilige Zeit des ewigen Friedens“ klingt der Aufsatz aus.

Auf Jahrzehnte hinaus war hier nicht nur die romantische Anschauung

des Mittelalters gegeben; auch die letzten religiös-politischen

Konsequenzen der Romantik waren vorweggenommen. Fr. Schlegel ist nur

langsam und allmählich zu gleichen Zielen gekommen. 1799 stand er der

Programmschrift Hardenbergs noch so romantisch-ironisch und überlegen

gegenüber, daß er Schellings Neigung unterstützte, ein Wort gegen

Novalis vorzubringen. Er schrieb an Schleiermacher (3, 134), Schelling

habe, da Hardenberg und Tieck „es so grimmig trieben mit ihrem Wesen“,

„einen neuen Anfall von seinem alten Enthusiasmus für die Irreligion

bekommen“ und fügte hinzu, daß er selber ihn darin aus allen Kräften

bestätige. „Drob hat er ein Epikurisch Glaubensbekenntnis in Hans

Sachs Goethes Manier entworfen“; das „+Epikurisch Glaubensbekenntniß

Heinz Widerporstens+“ (abgedruckt in Plitts Buche „Aus Schellings

Leben“ 1, 282 ff.) ist ein Protest des Verehrers der Natur, dem „nur

das wirklich und wahrhaft ist, was man kann mit den Händen betasten“,

gegen den Spiritualismus der Gottsucher, die sich ins Universum

verlieren wollen. Nur daß der Gegensatz viel feiner ist, als man auf

den ersten Blick meinen möchte. Denn obwohl alles auf einen frischen

Genuß der Sinnlichkeit angelegt scheint, kommt der Spiritualismus

Schellings doch auch bald zum Vorschein; besonders wenn die Weltseele

der Schellingschen Naturphilosophie sich selber charakterisiert und die

Alleinheit der Natur predigt:

Ich bin der Gott, der sie [die Natur] im Busen hegt,

Der Geist, der sich in allem bewegt.

Vom ersten Ringen dunkler Kräfte

Bis zum Erguß der ersten Lebenssäfte,

Wo Kraft in Kraft und Stoff in Stoff verquillt,

Die erste Blüt’, die erste Knospe schwillt,

Zum ersten Strahl von neu gebornem Licht,

Das durch die Nacht wie zweite Schöpfung bricht,

Und aus den tausend Augen der Welt

Den Himmel so Tag wie Nacht erhellt,

Hinauf zu des Gedankens Jugendkraft,

Wodurch Natur verjüngt sich wieder schafft,

Ist +eine+ Kraft, +ein+ Pulsschlag nur, +ein+ Leben,

Ein Wechselspiel von Hemmen und von Streben.

Standen indes die Schleiermacher und Novalis einem solchen

Glaubensbekenntnis wirklich so fern? Schelling schiebt übertreibend die

romantischen Genossen etwa an die Stelle, auf der F. H. Jacobi steht,

wenn er spottet:

Deswegen mir nichts ist so sehr verhaßt

Als so ein fremder fürnehmer Gast,

Der auf der Welt herumstolziert

Und schlechte Red’ im Munde führt

Von der Natur und ihrem Wesen,

Dünkt sich besonders auserlesen.

Ist eine eigne Menschenklasse,

Von eignem Sinn und geistlicher Rasse,

Halten all’ andre für verloren,

Haben ewigen Haß geschworen

Der Materie und ihren Werken.

Aber das Ganze stellt ja nur einen übertreibenden Scherz dar, mag

es immerhin auf eine Kluft deuten, die, vorläufig noch leicht

überbrückbar, später mehr und mehr sich auftun sollte. Noch

betrachteten die romantischen Genossen solche Gegensätze und ihre

humoristische Darlegung so ganz vom Standpunkt des rein Geistigen,

um nicht zu sagen des Witzspiels, daß sie Novalis’ Bekenntnis neben

dem Schellings im „Athenaeum“ abzudrucken geneigt waren. Ihrer

„Philironie“ hätte solche Betonung der Gegensätze ihres eigenen

Glaubensbekenntnisses zugesagt. Da aber legte Goethe, den man um Rat

angegangen hatte, sein Veto ein, Goethe, der mit Heinz Widerporst im

Innersten gegen die romantischen Religiösen sich einig fühlte, der in

Schellings Gedicht Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein

finden mußte.

Die geistige Freiheit und „Philironie“ verschwand auf allen

beteiligten Seiten in dem Augenblick, da die Romantik von der

Diskussion der Ideen zur Tat weiterschritt. Fr. Schlegels Übertritt

ins katholische Lager setzte Hardenbergs Theorie in Praxis um. Um 1800

aber steht Schlegel diesem Schritt noch so fern, daß seine nächsten

kulturhistorischen Konstruktionen von dem Aufbau des Hardenbergschen

Aufsatzes weit abliegen; nur nach der Konversion nähert sich Schlegels

Geschichtsphilosophie dem Aufsatze „Die Christenheit oder Europa“.

Im Zeitalter des „Athenaeums“ hatte sich Fr. Schlegels erste

welthistorische Konstruktion im romantischen Sinne verschoben. Der

antiken Harmonie war Disharmonie gefolgt, aus dieser Disharmonie

aber leitete die Romantik, sei es, daß sie mit Fichte im Sinne der

romantischen Ironie freieste, allseitigste Beweglichkeit vertrat,

sei es, daß sie mit Schelling den organisch notwendigen Prozeß

steten Bewußterwerdens durchlebte, zu neuer Harmonie weiter. Diese

Konstruktion änderte sich in dem Augenblick, da der +Orient+ in den

Gesichtskreis Fr. Schlegels trat. Auch Novalis hat in seinen letzten

Kundgebungen immer wieder auf den Orient hingewiesen.

Wohl muß geschieden werden zwischen mystischen Andeutungen, die an ein

Lieblingsbuch Hardenbergs, an Jung-Stillings „Heimweh“ (1794) erinnern,

und unverhüllten, unzweideutigen Hinweisen auf Orient und Morgenland.

Jung-Stilling denkt an Christus und Christenglauben, wenn er vom Osten

und vom Morgenland redete; ähnlich meint es das zweite geistliche Lied

Hardenbergs, wenn es einsetzt: „Fern in Osten wird es helle“ (1, 64).

Mystisch mindestens, wenn auch nicht im Heimwehsinne Stillings, sagt

die 133. Idee: „Zunächst rede ich nur mit denen, die schon nach dem

Orient sehen.“ Und ebenso mystisch klingt das Nachwort der „Ideen“ aus,

die Widmung an Novalis: „Allen Künstlern gehört jede Lehre vom ewigen

Orient. Dich nenne ich statt aller andern“ (2, 307).

Realer erscheint der Orient und Indien in dem Aufsatze „Die

Christenheit oder Europa“ (2, 37. 39) und im „Ofterdingen“ (4, 142).

An östliche Kultur denkt Fr. Schlegel wirklich, wenn es im „Gespräch

über die Poesie“ (2, 362) heißt: „Im Orient müssen wir das höchste

Romantische suchen.“ Ebenso ist es mit dem Fragment Hardenbergs:

„Größere Einfachheit -- wenigere aber besser verteilte Massen der

Natur, des Lebens und der Menschen im Orient. Die orientalischen

Menschen, Lebensalter usw. unterscheiden sich sehr von den unsrigen“

(3, 298). Eben diese Beobachtung kehrt bei Fr. Schlegel wieder und wird

von ihm verwertet und weiter gedacht.

Der Aufsatz, der programmartig den ersten Band von Fr. Schlegels

„Europa“ (1803) eröffnet, sucht den Orient in die welthistorische

Konstruktion einzubeziehen und entdeckt in ihm eine Synthese der

Gegensätze, die in Europa walten und gewaltet haben. Was im Orient

aus +einer+ Quelle entspringt, sollte sich in Europa teilen und

künstlicher entfalten. Vorzügliche Eigenheiten der beiden Gegensätze

klassisches Altertum und moderne romantische Zeit sind in Indien

zur höchsten Schönheit vereint oder bestehen, ohne sich gegenseitig

auszuschließen, dicht nebeneinander. So finden die geistigste

Selbstvernichtung der Christen und der üppigste, wildeste Materialismus

in der Religion der Griechen ihr höheres Urbild in Indien. Fr.

Schlegel ist denn nicht abgeneigt, die europäische Trennung des

Klassischen und Romantischen unnatürlich und verwerflich zu finden.

Katholische Kunst und neueste Philosophie bezeugen ihm, daß eine

Verknüpfung von Klassischem und Romantischem wohl denkbar sei: die

katholische Religion habe sich den künstlerischen Glanz und Reiz, die

poetische Mannigfaltigkeit und Schönheit der griechischen Mythologie

und Gebräuche zu eigen gemacht, die Philosophie -- nicht nur der

Idealismus, auch schon Spinoza -- stimme mit der antiken Philosophie

derart überein, daß sie nur deren Fortsetzung zu sein scheine. Diese

Übereinstimmung alter und neuer Philosophie sei ja begreiflich, da die

Trennung und immer weiter getriebene Trennung des Einen und Ganzen

aller menschlichen Kräfte und Gedanken schon im Altertum einsetze.

Jetzt freilich sei die Trennung an der äußersten Grenze angelangt.

„Tiefer kann der Mensch nun nicht sinken.“ Pessimistischer als je

urteilt Fr. Schlegel hier über die Gegenwart: „Daraus, daß es so

weit gekommen ist, folgt mit nichten, daß es nun bald besser werden

müsse. Ferne sei es von uns, so eilfertig zu schließen. Wir werden im

Gegenteile nichts dagegen einwenden, wenn ein historischer Philosoph

nach reifer Beobachtung es am wahrscheinlichsten finden sollte, daß

das Geschlecht der Menschen in Europa sich keinesweges zum Bessern

erheben, sondern vielmehr nach einigen fruchtlosen Versuchen dazu in

immer wachsender Verschlimmerung durch die innere Verderbtheit endlich

auch äußerlich in einen Zustand von Schwäche und Elend versinken werde,

der nun nicht höher steigen kann, und in dem sie alsdann vielleicht

Jahrhunderte unverändert beharren oder doch erst durch eine Einwirkung

von außen herausgezogen werden möchten“ (S. 36). Eine Revolution müßte

vom Orient kommen: „Wir können es doch nicht vergessen haben, woher uns

bis jetzt noch jede Religion und jede Mythologie gekommen ist, d. h.

die Prinzipien des Lebens, die Wurzeln der Begriffe.“

Die Verknüpfung des Klassischen und Romantischen, die Beseitigung der

Schranken, die beide Begriffe trennen, ist ein natürliches Ergebnis von

Fr. Schlegels Sinnesart. Auf Allheit war er von Anfang aus gewesen,

größte Vielseitigkeit ist von vornherein sein Programm. Der Begriff

der romantischen „Universalpoesie“ deutet auf dieses Programm; das

„Gespräch über die Poesie“ hatte vollends den Begriff des Poetischen

fast ins Unermeßliche erweitert. Das Verbinden der Gegensätze,

die Fähigkeit sich jederzeit in jedem Sinne selbst bestimmen zu

können, ist Fr. Schlegels Lieblingstendenz gewesen, seitdem er seine

„revolutionäre Objektivitätswut“ überwunden hatte. Nun galt es Antikes

und Modernes, Klassisches und Romantisches auch in der Praxis aufs

kühnste zu binden. Das Probestück der neuen Theorie ist sein „Alarkos“

(1802). Schon das Versmaß strebt die Versöhnung der Gegensätze an. Der

spanische Rhythmus vereint sich mit dem Trimeter zu einem Kunstwerk.

Dem Formenreichtum der romantischen Dramen, der zunächst spanischen

Vorbildern abgesehen war, ersteht eine neue Erweiterung, die noch

in Goethes „Faust“, zunächst im dritten Akte des zweiten Teiles

künstlerisch fördernd wirkt.

Dem Einflusse der indischen Philosophie auf die europäische ist fortan

Fr. Schlegel mehrfach beobachtend gefolgt, so natürlich in dem Buche

„Über die Sprache und Weisheit der Indier“ (1808, S. 204 ff.) und

in der fünften Vorlesung über die „Geschichte der alten und neuen

Literatur“ (1815, I, 187 ff.). Das Problem des Entwickelungsganges der

Menschheit spielt ferner fast in allen seinen späteren Schriften eine

Rolle, so zunächst in den Paris-Kölner Vorlesungen. Die Umschreibung

des Begriffes „Romantisch“ gewinnt bei diesen Erwägungen neue Formen.

Immer stärker tritt das christliche oder vielmehr katholische Element

der Weltanschauung von Fr. Schlegels letzter Entwickelungsphase in

den Vordergrund. Und zwar dehnt sich infolgedessen sein Begriff des

Romantischen bald unendlich weit aus, bald zieht er sich wieder

zusammen. Das Problem der Harmonie wird dabei in wechselnder

Betrachtung immer neu gefaßt. Bald decken sich Harmonie und Romantik,

bald treten sie weit auseinander. Die weiteste Ausdehnung erfährt das

Romantische um die Mitte des zweiten Dezenniums des 19. Jahrhunderts.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 8 / 17 段