Ist aber Poesie ein Abglanz des Unendlichen, gönnt sie uns einen Blick

in die Schönheit des größten Kunstwerkes, gestattet sie uns, „die Musik

des unendlichen Spielwerkes zu vernehmen“: dann ist es Aufgabe des

Dichters, des Künstlers überhaupt, seine Anschauung des Unendlichen

der Welt zu vermitteln. So wird der Künstler zum Mittler. „Ein

Mittler“, sagt die 44. Idee, „ist derjenige, der Göttliches in sich

wahrnimmt und sich selbst vernichtend preisgibt, um dieses Göttliche zu

verkündigen, mitzuteilen und darzustellen allen Menschen in Sitten und

Taten, in Worten und Werken.“ Aber nur wer sein Zentrum in sich hat,

kann der Aufgabe genügen. „Wem es da fehlt, der muß einen bestimmten

Führer und Mittler außer sich wählen“ (Idee 45). „Nur derjenige kann

ein Künstler sein, welcher eine eigne Religion, eine originelle

Ansicht des Unendlichen hat“ (Idee 13). So arbeitet Fr. Schlegel mit

Schleiermachers Anschauungen.

Das Genie erhält hier einen neuen Charakterzug. Die Fichteschen

Züge des Genies (s. oben S. 36) mit ihrer Neigung, ihrem Inhaber

etwas Schillerndes, Unsicheres, Schwankendes zu leihen, finden ihre

Ergänzung in der Forderung, daß der Künstler eine in sich geschlossene

Persönlichkeit, ein „organischer Geist“ (Athenaeumfragment 366) sei,

daß er ein festes Zentrum habe.

Und so verbinden sich die Strahlen, die aus der Schleiermacherschen,

Fr. Schlegelschen und Schellingschen Vergöttlichung des Unendlichen

hervorgehen, in einem Punkte. Hatte Fichte der Romantik zu grenzenloser

Selbstbestimmung und willkürlicher Freiheit verholfen, hatte er

zugleich eine Scheidewand zwischen dem Reich der Geistigkeit und dem

Reich der Natur aufgerichtet, so wich nunmehr nicht bloß solcher

Dualismus einem wirklichkeitsfrohen Monismus. Auch die grenzenlose und

unbeschränkte Willkür darf nicht länger ungestört walten. Organische

Einheit und Ganzheit, Verbindung und Verknüpfung der Teile zu einem

geschlossenen Ganzen mit einem festen und sicheren Mittelpunkte: diese

neuen Forderungen geben dem Romantiker seinen Halt. Sie weisen auf die

Stelle hin, an der der endliche Mensch das Ewige und Unendliche in sich

darstellt in einer nur ihm eigenen Form.

Stillen aber soll die neue Lehre die krankhafte Sehnsucht nach dem

Unendlichen. Die Seelenpein des Vernunftmenschen, der sein Ideal nie

erreichen kann, kommt zur Ruhe in der monistischen Verschmelzung

des Unendlichen und Endlichen. Die sehnsüchtige Liebe zum Ewigen,

zum Absoluten, zu Gott, zum Universum -- sie kann in der Liebe zum

Endlichen, zu dieser Welt ihren Frieden finden. Darum sinkt Hyazinth,

da er das Bild der Wahrheit zu enthüllen sucht, in Rosenblütchens Arme,

darum wird ihm in ihren Armen ein volles, ungetrübtes Glück.

Trotzdem bleibt romantische Poesie im wesentlichen eine Poesie der

Sehnsucht. Weit seltener als von der erfüllten, dichtet der romantische

Poet von der unerfüllten Sehnsucht, sei das nun eine rein räumliche

Sehnsucht nach der Ferne oder die Sehnsucht das Ewige, die Gottheit zu

erfassen, oder die Sehnsucht nach der Geliebten. Für die Charakteristik

dieser Sehnsuchtstimmungen haben die Romantiker feinste und subtilste

Worte gefunden, allen voran Novalis.

Die Liebe jedoch, die in diesen romantischen Gedankengängen eine solche

Rolle spielt, mußte notwendigerweise einmal zu allseitiger Betrachtung

kommen; es geschah in der „Lucinde“.

III. Die Programme der romantischen Ethik und Religion.

1. Schleiermacher. Lucinde. Frauenbildung.

Die romantischen Versuche, eine neue Ethik zu stiften, sind von Anfang

an aufs engste mit Schleiermacher verknüpft. Der Zusammenhang ist wohl

im Auge zu behalten, soll diesen romantischen Tendenzen nicht Unrecht

widerfahren. Das hohe Ziel, das Schleiermacher seiner Sittenlehre

gibt, fordert auch für die kühnsten sittlichen Paradoxe der Romantiker

verständnisvolle Würdigung; Worte wiederum von beleidigender Schärfe,

allerspitzeste Epigramme gegen die übliche Sittlichkeit hat vor allem

Schleiermacher geformt.

Aus Opposition gegen die bestehende Moral, gegen die Sittenlehre

der Aufklärungszeit, sind die Romantiker zu den Forderungen einer

neuen Ethik gelangt. Eben deshalb trägt die Mehrzahl ihrer ethischen

Kundgebungen denselben Charakter überspannender und übertreibender

Polemik, der den innerlich und auch äußerlich nahe verwandten

Versuchen Nietzsches eigen ist. Weit mehr noch als auf ästhetischem

oder naturhistorischem Felde fühlt ein kühner Neuerer auf dem Gebiete

der Sitte sich zu kräftiger Farbengebung angereizt. Die Umwertung aller

Werte vollzieht sich hier weit geräuschvoller als dort; schallende

Ohrfeigen ertönen da, während der literarische Revolutionär, der

naturphilosophische Neuerer mit weniger kräftigen und derben Waffen

in den Kampf zieht. Diesmal gilt es, den „Ökonomen der Moral“ ein

Schnippchen schlagen. Die Romantik zieht ins Feld gegen den „Philister“.

Schleiermachers Ethik, wie sie in den „Monologen“ und im „System

der Sittenlehre“ sich zeigt, fällt in erster Linie durch ihren

Gegensatz zu Kants Rigorismus ins Auge. Wie Schiller möchte auch

Schleiermacher eine Sittlichkeit der großen Persönlichkeit, der starken

Individualität vortragen, möchte dartun, daß auserlesene Naturen wohl

imstande sind, auf die stete Selbstkontrolle der Beobachtung des

kategorischen Imperativs zu verzichten. Schiller behält jedoch für

seine Ausnahmemenschen, für die „schönen Seelen“, das ultimum refugium

des kategorischen Imperativs bei, wenn sie durch den Affekt aus der

Bahn des normalen Lebens hinausgeworfen sind. Schleiermacher denkt an

eine organische Sittlichkeit, an eine Beachtung der Stimme, die aus dem

Innersten der menschlichen Individualität ertönt, des Gesetzes, das

mit Naturnotwendigkeit im Wesen der einzelnen Persönlichkeit gegeben

ist. Solcher organischer Sittlichkeit strebt auch Fr. Schlegel zu.

Aber er ist in frühromantischer Zeit weder zu klarer Erfassung noch zu

unzweideutiger Formulierung seiner Absichten gelangt. Obendrein nimmt

die Negation des Bestehenden in seinen ethischen Äußerungen weit mehr

Raum ein, als die Darlegung positiver ethischer Werte.

Im Gegensatz zu derselben Moral der Aufklärung, gegen die der Sturm und

Drang eifert, entwickelt sich die romantische Ethik. Darum übersieht

man auch hier leicht die feinen, aber scharfen Unterschiede. +Heinse+

und der Dichter der „Lucinde“ scheinen auf den ersten Blick enger

miteinander verwandt zu sein, als sie es tatsächlich sind.

Der Sturm und Drang, vor allem aber Heinse, steuert ins Uferlose.

Alle Schranken sollen niedergebrochen werden. Das „Herz“ allein wird

zum Gesetzgeber gemacht, das heißt: der Einfall des Augenblickes,

die Stimmung der einzelnen Stunde, nicht das durch Reflexion und

Selbstbeschauung erkannte Gesetz der eigenen Persönlichkeit. Ein

Philosoph des Genusses, wehrt sich Heinse gegen alles „bürgerliche

Wesen“ der Liebe. Die Ehe erscheint nur als „hartes Joch“, als „Tod bei

lebendigem Fleische“, eine „Gewohnheit und ein Gesetz“, das „bloß für

den Pöbel ist, eben weil er Pöbel ist, der sich nicht selbst regieren

kann“. Heinse will von solch „barbarischer Gesetzgebung“ nichts wissen;

er wünscht eine Republik, wo wenigstens Mann und Frau mit ihrer Liebe

heilig und frei sind. Diese Verherrlichung der freien Liebe bedeutet

selbstverständlich vor allem für das Weib eine völlige Umstürzung des

Bestehenden. Und in solchem Sinne entwickelt Heinse am Schlusse des

„Ardinghello“ die Prinzipien seiner idealen Republik, in der die Liebe

in allerhöchster Freiheit ihre Flügel schwingt.

Erheben sich die anderen Stürmer und Dränger nicht zu gleichen

Forderungen einer völlig gesetzlosen Freiheit des individuellen

Lebens, bleibt Goethe in der „Stella“, Schiller als Vertreter der

„Freigeisterei der Leidenschaft“ bei einer zahmeren Zulassung von

Ausnahmefällen stehen, so tönt doch aus der gesamten Dichtung der

Zeit ein Hymnus auf das starke, titanische Weib. Theoretisch und

prinzipiell hat ja nur Heinse das Glück der Unverheirateten verkündet,

die, eine Göttin, ganz Herr über sich selbst, in Gesellschaft mit den

verständigsten, schönsten, witzigsten und sinnreichsten Männern lebt

und ihre Kinder als freiwillige Kinder der Liebe mit Lust erzieht. Doch

die Machtfrauen der Dichtung jener Tage, voran Adelheid von Walldorf,

bezeugen unverkennbar, wie stark und wie verlockend der Gedanke einer

Weiblichkeit, die sich mutig über alle Schranken hinwegsetzt, damals

auf die Jugend gewirkt hat.

Die Romantik verkündet die Emanzipation der Frau und kämpft gegen

die bestehende Ehe. Aber sie sucht die Erhöhung des Weibes nicht in

geschlechtlicher Ungebundenheit und sie kämpft für die echte und wahre

gegen die falsche und konventionelle Ehe. Das oftzitierte Wort Fr.

Schlegels: „Es läßt sich nicht absehen, was man gegen eine Ehe ~à

quatre~ gründliches einwenden könnte“, enthält nicht die entscheidenden

Eigenheiten des romantischen Ehegedankens; es ist, aus seinem

Zusammenhange losgelöst, nur geeignet Mißverständnisse zu züchten.

Denn tatsächlich eifert das 34. Athenaeumfragment, dem es entnommen

ist, aus sittlichem Rigorismus gegen die bestehenden Ehen, die fast

alle nur „Konkubinate“ seien, „Ehen an der linken Hand oder vielmehr

provisorische Versuche und entfernte Annäherungen zu einer wirklichen

Ehe, deren eigentliches Wesen, nicht nach den Paradoxen dieses oder

jenes Systems, sondern nach allen geistlichen und weltlichen Rechten

darin besteht, daß mehre Personen nur eine werden sollen“. Also nicht

Frivolität, sondern strengste Anforderungen an die wahre und echte

Ehe haben Fr. Schlegel dieses Fragment diktiert; aus gleichen Gründen

wendet er sich gegen die Ansicht, daß der Staat die mißglückten

Eheversuche mit Gewalt zusammenhalten solle; er hindere dadurch die

Möglichkeit der Ehe selbst, „die durch neue, vielleicht glücklichere

Versuche befördert werden könnte“. Zu solchen neueren Versuchen

rechnet Fr. Schlegel auch eine Ehe ~à quatre~. Das heißt: um über die

Unsittlichkeit der Mehrzahl bestehender Ehen hinauszukommen, um sich

dieser Unsittlichkeit bewußt zu werden, wird provisorisch gestattet,

daß jeder Teil eines bestehenden gesetzlichen Ehebundes außerhalb der

Ehe nach der Persönlichkeit suche, mit der er wahrhaft +eine+ Person

werden möchte.

Fr. Schlegels eigentliche Meinung zeigt sich unverhüllter und ohne

die Neigung, für Übergangszustände Ausnahmegesetze zu geben in den

Paris-Kölner Vorlesungen (Windischmann 2, 353). Da heißt es: „Die

Ehescheidung ist eigentlich nicht möglich; die Ehe scheiden heißt nur

-- erklären, es sei keine Ehe gewesen; denn die Ehe ist unauflöslich,

das versteht sich von selbst.“ Hinzugefügt ist noch die Bemerkung:

„Auch maßt sich der Staat zu viel an, wenn er sich in die häuslichen

Verhältnisse mischt, die er eben nicht versteht und nicht zu beurteilen

vermag.“

Das Experiment der Ehe ~à quatre~, die Ehescheidung überhaupt, sollte

mithin nur Übergangserscheinung sein. Optimistisch hofft Fr. Schlegel,

daß die Zeit kommen werde, da alle Ehen „wirkliche“ Ehen sein würden.

Fichtes „Naturrecht“ (1796), dessen Anschauung von Ehe der Ansicht

Fr. Schlegels sehr nahe kommt, ja ihr vielleicht zum Vorbild gedient

hat, ist wesentlich radikaler: „Ist das Verhältnis“, heißt es da, „das

zwischen Eheleuten sein sollte, und welches das Wesen der Ehe ausmacht,

unbegrenzte Liebe von des Weibes, unbegrenzte Großmut von des Mannes

Seite, vernichtet, so ist dadurch die Ehe zwischen ihnen aufgehoben.

Also -- Eheleute scheiden sich selbst mit freiem Willen, wie sie

sich mit freiem Willen verbunden haben“ (Werke 3, 336). Denselben

Radikalismus atmet Schleiermachers „Idee zu einem Katechismus der

Vernunft für edle Frauen“ (Athenaeumfragment 364). „Merke auf den

Sabbat deines Herzens, daß du ihn feierst, und wenn sie dich halten, so

mache dich frei oder gehe zugrunde“, ruft Schleiermacher dem liebenden

Mädchen, aber doch auch der Frau zu, die durch ein gesetzliches Band

an den ungeliebten Mann gefesselt ist. Freilich warnt er: „Du sollst

keine Ehe schließen, die gebrochen werden müßte.“ Ihm ist die Ehe etwas

Heiliges; und er gäbe die bestehende Ehe nur auf, um Besseres für sie

einzutauschen. Völlig gleicher Ansicht ist Fr. Schlegels „+Lucinde+“

(1799): sie spottet über Unehen, mißachtet den Mann, der in der Frau

nur die Gattung, die Frau, die im Manne nur den Grad seiner natürlichen

Qualitäten erblickt; aber sie feiert auch die „echte Ehe“, deren

Voraussetzung ewige Liebe ist. Schleiermachers Verteidigungsschrift,

die „Vertrauten Briefe“ (1800) über die „Lucinde“, hatte nach dieser

Richtung nichts Wesentliches hinzuzufügen, wenn sie sich anschickte,

„in klaren und festen Linien eine Lebensphilosophie zu entwerfen,

welche der Frau, der Liebe, der Ehe und Freundschaft, der Scham und

der künstlerischen Darstellung der Liebe in der neuen Gesellschaft ihr

Wesen bestimmen sollte“ (Dilthey S. 497). Nicht im Gegensatz zu Fr.

Schlegels Roman, sondern in voller Übereinstimmung entspringt auch nach

Schleiermachers Ansicht aus der Ehe erst das kraftvollste tätige Leben.

Die Angriffe, die Fr. Schlegels „Lucinde“ erfahren hat, erfährt und

erfahren wird, gehen auch weniger gegen die Auffassung der Ehe, als

gegen die künstlerische Darstellung und gegen die Analyse der Liebe.

Daß Friedrich kein Erzähler ist, daß er weder mit seinem Vorbilde, den

Lehrjahren Wilhelm Meisters, noch etwa mit dem „Ofterdingen“ seines

Freundes Hardenberg wetteifern kann, wo es gilt epischen Verlauf

künstlerisch darzustellen, ist gewiß. Er selber wollte ein Werk des

„Witzes“ liefern, ein Produkt der „Willkür“ des Dichters, die kein

Gesetz über sich leidet. Die „Lucinde“ ist auch noch in anderem Sinne

mit den Fichteschen Elementen der romantischen Theorie verknüpft:

sie arbeitet mit dauernder Selbstbespiegelung, sie ist ein Roman der

intellektuellen Anschauung. Dieser Roman aber möchte die Liebe ebenso

allseitig zur Darlegung bringen, wie in Goethes „Meister“ das Theater,

in „Sternbald“ die Malerei erwogen wird. Und so gipfelt er in einer

impressionistisch-mimischen Wiedergabe der „schönsten Situation“. Die

Naturwahrheit der Darstellung, von Fr. Schlegel mit der ihm eigenen

Starrköpfigkeit durchgeführt, mag jeden abschrecken, der für solche

Stoffe die künstlerische Stilisierung der römischen „Elegien“ Goethes

wünscht. Uns indessen sind in den jüngsten zwanzig Jahren so viele

Versuche vorgelegt worden, in Romanform das Leben in allen seinen Zügen

zu erfassen, daß man die Rücksicht und Anpassungsfähigkeit des Lesers,

die hier etwas Selbstverständliches war, auch der „Lucinde“ gegenüber

walten lassen sollte. Auch der oft hervorgehobene Pedantismus der

Dichtung könnte in modernster Literatur leicht Gegenstücke finden.

Ziel und Zweck des ganzen Buches ist allseitige Beleuchtung der

Liebe. Und so erwägt es denn auch die Liebe, die nicht Ehe und

Fortpflanzung, sondern nur sich selbst zum Zweck hat. Anstoß kann da

nur nehmen, wer die romantische Auffassung der Liebe nicht kennt.

Ein übersinnlich-sinnlicher Freier, macht der Romantiker die Liebe

zur Religion; und zwar zur Religion im Sinne Schleiermachers. „Heute

fand ich“, schreibt Julius an Lucinde, „in einem französischen Buche

von zwei Liebenden den Ausdruck: „Sie waren einer dem anderen das

Universum.“ -- Wie fiel mir’s auf, rührend und zum Lächeln, daß,

was da so gedankenlos stand, bloß als eine Figur der Übertreibung,

in uns buchstäblich wahr geworden sei!“ (S. 243 f.) Der mystische

Liebesbegriff der Romantik gestattet, Höchstes und Niedrigstes,

Geistigstes und Sinnlichstes zu verknüpfen. Schleiermacher deutet fein

aus: „Sie wissen ja doch von Leib und Geist und der Identität beider,

und das ist doch das ganze Geheimnis.“ Das ist die metaphysische,

Schelling vorwegnehmende Voraussetzung des ethischen Grundgedankens,

auf den Schleiermacher die geistige Sinnlichkeit der „Lucinde“

zurückleitete, des Gedankens bildender Sittlichkeit, die die

Sinnlichkeit, die Phantasie, die Leidenschaft durch den Geist adelt,

nicht durch die bloße Gewalt des Gesetzes einschränkt.

Voraussetzung solcher Liebe, aber auch der „echten, wirklichen“ Ehe

ist freilich die geistige Hebung der Frau, die in der „Lucinde“ ebenso

gefordert wird, wie in Schleiermachers „Katechismus“. Bildung soll

der Frau zuteil, sie soll dem Manne geistig genähert, ihm ebenbürtig

gemacht werden. „Laß dich gelüsten nach der Männer Bildung, Kunst,

Weisheit und Ehre“, lautet das zehnte Gebot Schleiermachers. Ein Thema,

das von Anfang an Fr. Schlegels Forschen und Sinnen beschäftigt!

Auch hier geht er von der Antike aus. In zwei Aufsätzen, die ihren

Zusammenhang mit Plato und Hemsterhuis nicht verleugnen, spricht er

sich 1794 „Über die weiblichen Charaktere in den griechischen Dichtern“

und 1795 „Über die Diotima“ aus. Sokrates erscheint als Vertreter der

Anschauung, daß die Vollkommenheit beider Geschlechter nur +eine+,

Plato und die Stoiker bezeugen, daß die Bestimmung des weiblichen und

männlichen Geschlechts die gleiche sei. Und indem Fr. Schlegel mit

Plato und im Gegensatz zu Rousseau für die Frau öffentliche Erziehung,

dann Anteil an der Bildung, den Pflichten und Rechten der Männer

fordert, möchte er alle einseitige Männlichkeit und alle einseitige

Weiblichkeit abwehren. Das klassisch-romantische Ideal des harmonischen

Menschen wird auf die Frauenfrage angewendet, im Gegensatz zu Schillers

Klassizismus, der ganz inkonsequent die Frau in die Einseitigkeit

des Naiven bannte. Wieland war da dem Bildungsstreben der Frau weit

mehr entgegengekommen; und auch er hatte antike Frauengestalten wie

Aspasia ins Feld geführt. Schillers „Würde der Frauen“ wurde von dem

Rezensenten Fr. Schlegel mit dem scharfen Zusatz abgelehnt: „Männer

wie diese müßten an Händen und Beinen gebunden werden; solchen Frauen

ziemte Gängelband und Fallhut“ (2, 4). W. Schlegel parodierte witzig

das Gedicht Schillers (2, 172). Schärfer noch tritt das „Athenaeum“

für die Bildungsansprüche der Frau ein. Die Fragmente kommen vielfach

auf das Thema zu sprechen. Im ersten Heft des zweiten Bandes (1799)

schlägt dann Fr. Schlegel die Brücke von seinen Absichten, die Frau

zu bilden, zu Schleiermachers Religionsbegriff mit dem Aufsatze „Über

die Philosophie. An Dorothea“. Die Liebe zum Universum scheint nach

Friedrichs Ansicht der Frau besonders nahe zu liegen. Der Frau eignet,

meint er, die Innerlichkeit, die stille Regsamkeit alles Dichtens

und Trachtens, die für ihn die wesentliche Anlage zur Religion oder

vielmehr diese selbst bedeutet. „Wie dürfte man dir“, so spricht er

Dorothea mit unverkennbarem Anklange an die Katechisationsszene von

Goethes „Faust“ an, „die Religion bloß darum absprechen wollen, weil es

dir vielleicht an einer Antwort fehlen könnte, wenn man dich fragte, ob

du an Gott glaubst?“ (2, 323). Und so streng hält er auf seinen Satz:

Religion sei die wahre Tugend und Glückseligkeit der Frauen, daß er sie

zur Philosophie erziehen will, nicht zur Poesie: die Poesie sei wohl

der Erde gewogner, die Philosophie aber heiliger und gottverwandter.

Und „die Poesie der Dichter bedürfen die Frauen weniger, weil ihr

eigenstes Wesen Poesie ist“ (Idee 127).

2. Stiftung einer neuen Religion. Hardenbergs geistliche Dichtung.

Auch auf dem Gebiete der +Religion+ zeigt sich dieselbe Erscheinung,

die bei der Naturphilosophie und bei der Vergötterung und

Ästhetisierung des Universums zu beobachten war: es ist unendlich

schwer, genau anzugeben, von wem der erste Anstoß ausgegangen ist.

Diesmal vielleicht noch schwerer als sonst. Denn der Kreis der religiös

Begeisterten ist weiter: Schelling zwar kommt nicht in Betracht;

vielmehr sind mit Schleiermacher ungefähr gleichzeitig Fr. Schlegel

und Novalis bemüht, religiöser zu werden, dem Christentum neues Leben

abzugewinnen. Und Tieck bleibt nicht zurück; konnte er doch von ganz

anderer Seite, von der Betrachtung der bildenden Kunst, wie er sie

gemeinsam mit seinem frühverstorbenen Freunde Wackenroder geübt hatte,

sein Scherflein zu dem religiösen Enthusiasmus der Romantiker beitragen.

Am 15. November 1799 schrieb Dorothea von Jena aus an Schleiermacher:

„Das Christentum ist hier ~à l’ordre du jour~; die Herren sind etwas

toll. Tieck treibt die Religion wie Schiller das Schicksal; Hardenberg

glaubt, Tieck ist ganz und gar seiner Meinung; ich will aber wetten,

was einer will, sie verstehen sich selber nicht, und einander nicht.“

Kurz vorher hatte Fr. Schlegel dem Freunde berichtet, wie die „Reden“

auf Novalis gewirkt hätten: „Hardenberg hat Dich mit dem höchsten

Interesse studiert und ist ganz eingenommen, durchdrungen, begeistert

und entzündet. Er behauptet nichts an Dir tadeln zu können, und

insofern einig mit Dir zu sein. Doch damit wird es wohl so so stehen“

(3, 125). Schon diese Zeugnisse deuten an, daß die „Reden“ stark

gewirkt, daß sie aber auch einen wohlvorbereiteten Boden angetroffen

haben und daß wiederum die romantischen Genossen schon zu weit

auf dem Wege zu Religion und Christentum vorgeschritten waren, um

Schleiermachers Lehren uneingeschränkt aufzunehmen.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 7 / 17 段