in die Schönheit des größten Kunstwerkes, gestattet sie uns, „die Musik
des unendlichen Spielwerkes zu vernehmen“: dann ist es Aufgabe des
Dichters, des Künstlers überhaupt, seine Anschauung des Unendlichen
der Welt zu vermitteln. So wird der Künstler zum Mittler. „Ein
Mittler“, sagt die 44. Idee, „ist derjenige, der Göttliches in sich
wahrnimmt und sich selbst vernichtend preisgibt, um dieses Göttliche zu
verkündigen, mitzuteilen und darzustellen allen Menschen in Sitten und
Taten, in Worten und Werken.“ Aber nur wer sein Zentrum in sich hat,
kann der Aufgabe genügen. „Wem es da fehlt, der muß einen bestimmten
Führer und Mittler außer sich wählen“ (Idee 45). „Nur derjenige kann
ein Künstler sein, welcher eine eigne Religion, eine originelle
Ansicht des Unendlichen hat“ (Idee 13). So arbeitet Fr. Schlegel mit
Schleiermachers Anschauungen.
Das Genie erhält hier einen neuen Charakterzug. Die Fichteschen
Züge des Genies (s. oben S. 36) mit ihrer Neigung, ihrem Inhaber
etwas Schillerndes, Unsicheres, Schwankendes zu leihen, finden ihre
Ergänzung in der Forderung, daß der Künstler eine in sich geschlossene
Persönlichkeit, ein „organischer Geist“ (Athenaeumfragment 366) sei,
daß er ein festes Zentrum habe.
Und so verbinden sich die Strahlen, die aus der Schleiermacherschen,
Fr. Schlegelschen und Schellingschen Vergöttlichung des Unendlichen
hervorgehen, in einem Punkte. Hatte Fichte der Romantik zu grenzenloser
Selbstbestimmung und willkürlicher Freiheit verholfen, hatte er
zugleich eine Scheidewand zwischen dem Reich der Geistigkeit und dem
Reich der Natur aufgerichtet, so wich nunmehr nicht bloß solcher
Dualismus einem wirklichkeitsfrohen Monismus. Auch die grenzenlose und
unbeschränkte Willkür darf nicht länger ungestört walten. Organische
Einheit und Ganzheit, Verbindung und Verknüpfung der Teile zu einem
geschlossenen Ganzen mit einem festen und sicheren Mittelpunkte: diese
neuen Forderungen geben dem Romantiker seinen Halt. Sie weisen auf die
Stelle hin, an der der endliche Mensch das Ewige und Unendliche in sich
darstellt in einer nur ihm eigenen Form.
Stillen aber soll die neue Lehre die krankhafte Sehnsucht nach dem
Unendlichen. Die Seelenpein des Vernunftmenschen, der sein Ideal nie
erreichen kann, kommt zur Ruhe in der monistischen Verschmelzung
des Unendlichen und Endlichen. Die sehnsüchtige Liebe zum Ewigen,
zum Absoluten, zu Gott, zum Universum -- sie kann in der Liebe zum
Endlichen, zu dieser Welt ihren Frieden finden. Darum sinkt Hyazinth,
da er das Bild der Wahrheit zu enthüllen sucht, in Rosenblütchens Arme,
darum wird ihm in ihren Armen ein volles, ungetrübtes Glück.
Trotzdem bleibt romantische Poesie im wesentlichen eine Poesie der
Sehnsucht. Weit seltener als von der erfüllten, dichtet der romantische
Poet von der unerfüllten Sehnsucht, sei das nun eine rein räumliche
Sehnsucht nach der Ferne oder die Sehnsucht das Ewige, die Gottheit zu
erfassen, oder die Sehnsucht nach der Geliebten. Für die Charakteristik
dieser Sehnsuchtstimmungen haben die Romantiker feinste und subtilste
Worte gefunden, allen voran Novalis.
Die Liebe jedoch, die in diesen romantischen Gedankengängen eine solche
Rolle spielt, mußte notwendigerweise einmal zu allseitiger Betrachtung
kommen; es geschah in der „Lucinde“.
III. Die Programme der romantischen Ethik und Religion.
1. Schleiermacher. Lucinde. Frauenbildung.
Die romantischen Versuche, eine neue Ethik zu stiften, sind von Anfang
an aufs engste mit Schleiermacher verknüpft. Der Zusammenhang ist wohl
im Auge zu behalten, soll diesen romantischen Tendenzen nicht Unrecht
widerfahren. Das hohe Ziel, das Schleiermacher seiner Sittenlehre
gibt, fordert auch für die kühnsten sittlichen Paradoxe der Romantiker
verständnisvolle Würdigung; Worte wiederum von beleidigender Schärfe,
allerspitzeste Epigramme gegen die übliche Sittlichkeit hat vor allem
Schleiermacher geformt.
Aus Opposition gegen die bestehende Moral, gegen die Sittenlehre
der Aufklärungszeit, sind die Romantiker zu den Forderungen einer
neuen Ethik gelangt. Eben deshalb trägt die Mehrzahl ihrer ethischen
Kundgebungen denselben Charakter überspannender und übertreibender
Polemik, der den innerlich und auch äußerlich nahe verwandten
Versuchen Nietzsches eigen ist. Weit mehr noch als auf ästhetischem
oder naturhistorischem Felde fühlt ein kühner Neuerer auf dem Gebiete
der Sitte sich zu kräftiger Farbengebung angereizt. Die Umwertung aller
Werte vollzieht sich hier weit geräuschvoller als dort; schallende
Ohrfeigen ertönen da, während der literarische Revolutionär, der
naturphilosophische Neuerer mit weniger kräftigen und derben Waffen
in den Kampf zieht. Diesmal gilt es, den „Ökonomen der Moral“ ein
Schnippchen schlagen. Die Romantik zieht ins Feld gegen den „Philister“.
Schleiermachers Ethik, wie sie in den „Monologen“ und im „System
der Sittenlehre“ sich zeigt, fällt in erster Linie durch ihren
Gegensatz zu Kants Rigorismus ins Auge. Wie Schiller möchte auch
Schleiermacher eine Sittlichkeit der großen Persönlichkeit, der starken
Individualität vortragen, möchte dartun, daß auserlesene Naturen wohl
imstande sind, auf die stete Selbstkontrolle der Beobachtung des
kategorischen Imperativs zu verzichten. Schiller behält jedoch für
seine Ausnahmemenschen, für die „schönen Seelen“, das ultimum refugium
des kategorischen Imperativs bei, wenn sie durch den Affekt aus der
Bahn des normalen Lebens hinausgeworfen sind. Schleiermacher denkt an
eine organische Sittlichkeit, an eine Beachtung der Stimme, die aus dem
Innersten der menschlichen Individualität ertönt, des Gesetzes, das
mit Naturnotwendigkeit im Wesen der einzelnen Persönlichkeit gegeben
ist. Solcher organischer Sittlichkeit strebt auch Fr. Schlegel zu.
Aber er ist in frühromantischer Zeit weder zu klarer Erfassung noch zu
unzweideutiger Formulierung seiner Absichten gelangt. Obendrein nimmt
die Negation des Bestehenden in seinen ethischen Äußerungen weit mehr
Raum ein, als die Darlegung positiver ethischer Werte.
Im Gegensatz zu derselben Moral der Aufklärung, gegen die der Sturm und
Drang eifert, entwickelt sich die romantische Ethik. Darum übersieht
man auch hier leicht die feinen, aber scharfen Unterschiede. +Heinse+
und der Dichter der „Lucinde“ scheinen auf den ersten Blick enger
miteinander verwandt zu sein, als sie es tatsächlich sind.
Der Sturm und Drang, vor allem aber Heinse, steuert ins Uferlose.
Alle Schranken sollen niedergebrochen werden. Das „Herz“ allein wird
zum Gesetzgeber gemacht, das heißt: der Einfall des Augenblickes,
die Stimmung der einzelnen Stunde, nicht das durch Reflexion und
Selbstbeschauung erkannte Gesetz der eigenen Persönlichkeit. Ein
Philosoph des Genusses, wehrt sich Heinse gegen alles „bürgerliche
Wesen“ der Liebe. Die Ehe erscheint nur als „hartes Joch“, als „Tod bei
lebendigem Fleische“, eine „Gewohnheit und ein Gesetz“, das „bloß für
den Pöbel ist, eben weil er Pöbel ist, der sich nicht selbst regieren
kann“. Heinse will von solch „barbarischer Gesetzgebung“ nichts wissen;
er wünscht eine Republik, wo wenigstens Mann und Frau mit ihrer Liebe
heilig und frei sind. Diese Verherrlichung der freien Liebe bedeutet
selbstverständlich vor allem für das Weib eine völlige Umstürzung des
Bestehenden. Und in solchem Sinne entwickelt Heinse am Schlusse des
„Ardinghello“ die Prinzipien seiner idealen Republik, in der die Liebe
in allerhöchster Freiheit ihre Flügel schwingt.
Erheben sich die anderen Stürmer und Dränger nicht zu gleichen
Forderungen einer völlig gesetzlosen Freiheit des individuellen
Lebens, bleibt Goethe in der „Stella“, Schiller als Vertreter der
„Freigeisterei der Leidenschaft“ bei einer zahmeren Zulassung von
Ausnahmefällen stehen, so tönt doch aus der gesamten Dichtung der
Zeit ein Hymnus auf das starke, titanische Weib. Theoretisch und
prinzipiell hat ja nur Heinse das Glück der Unverheirateten verkündet,
die, eine Göttin, ganz Herr über sich selbst, in Gesellschaft mit den
verständigsten, schönsten, witzigsten und sinnreichsten Männern lebt
und ihre Kinder als freiwillige Kinder der Liebe mit Lust erzieht. Doch
die Machtfrauen der Dichtung jener Tage, voran Adelheid von Walldorf,
bezeugen unverkennbar, wie stark und wie verlockend der Gedanke einer
Weiblichkeit, die sich mutig über alle Schranken hinwegsetzt, damals
auf die Jugend gewirkt hat.
Die Romantik verkündet die Emanzipation der Frau und kämpft gegen
die bestehende Ehe. Aber sie sucht die Erhöhung des Weibes nicht in
geschlechtlicher Ungebundenheit und sie kämpft für die echte und wahre
gegen die falsche und konventionelle Ehe. Das oftzitierte Wort Fr.
Schlegels: „Es läßt sich nicht absehen, was man gegen eine Ehe ~à
quatre~ gründliches einwenden könnte“, enthält nicht die entscheidenden
Eigenheiten des romantischen Ehegedankens; es ist, aus seinem
Zusammenhange losgelöst, nur geeignet Mißverständnisse zu züchten.
Denn tatsächlich eifert das 34. Athenaeumfragment, dem es entnommen
ist, aus sittlichem Rigorismus gegen die bestehenden Ehen, die fast
alle nur „Konkubinate“ seien, „Ehen an der linken Hand oder vielmehr
provisorische Versuche und entfernte Annäherungen zu einer wirklichen
Ehe, deren eigentliches Wesen, nicht nach den Paradoxen dieses oder
jenes Systems, sondern nach allen geistlichen und weltlichen Rechten
darin besteht, daß mehre Personen nur eine werden sollen“. Also nicht
Frivolität, sondern strengste Anforderungen an die wahre und echte
Ehe haben Fr. Schlegel dieses Fragment diktiert; aus gleichen Gründen
wendet er sich gegen die Ansicht, daß der Staat die mißglückten
Eheversuche mit Gewalt zusammenhalten solle; er hindere dadurch die
Möglichkeit der Ehe selbst, „die durch neue, vielleicht glücklichere
Versuche befördert werden könnte“. Zu solchen neueren Versuchen
rechnet Fr. Schlegel auch eine Ehe ~à quatre~. Das heißt: um über die
Unsittlichkeit der Mehrzahl bestehender Ehen hinauszukommen, um sich
dieser Unsittlichkeit bewußt zu werden, wird provisorisch gestattet,
daß jeder Teil eines bestehenden gesetzlichen Ehebundes außerhalb der
Ehe nach der Persönlichkeit suche, mit der er wahrhaft +eine+ Person
werden möchte.
Fr. Schlegels eigentliche Meinung zeigt sich unverhüllter und ohne
die Neigung, für Übergangszustände Ausnahmegesetze zu geben in den
Paris-Kölner Vorlesungen (Windischmann 2, 353). Da heißt es: „Die
Ehescheidung ist eigentlich nicht möglich; die Ehe scheiden heißt nur
-- erklären, es sei keine Ehe gewesen; denn die Ehe ist unauflöslich,
das versteht sich von selbst.“ Hinzugefügt ist noch die Bemerkung:
„Auch maßt sich der Staat zu viel an, wenn er sich in die häuslichen
Verhältnisse mischt, die er eben nicht versteht und nicht zu beurteilen
vermag.“
Das Experiment der Ehe ~à quatre~, die Ehescheidung überhaupt, sollte
mithin nur Übergangserscheinung sein. Optimistisch hofft Fr. Schlegel,
daß die Zeit kommen werde, da alle Ehen „wirkliche“ Ehen sein würden.
Fichtes „Naturrecht“ (1796), dessen Anschauung von Ehe der Ansicht
Fr. Schlegels sehr nahe kommt, ja ihr vielleicht zum Vorbild gedient
hat, ist wesentlich radikaler: „Ist das Verhältnis“, heißt es da, „das
zwischen Eheleuten sein sollte, und welches das Wesen der Ehe ausmacht,
unbegrenzte Liebe von des Weibes, unbegrenzte Großmut von des Mannes
Seite, vernichtet, so ist dadurch die Ehe zwischen ihnen aufgehoben.
Also -- Eheleute scheiden sich selbst mit freiem Willen, wie sie
sich mit freiem Willen verbunden haben“ (Werke 3, 336). Denselben
Radikalismus atmet Schleiermachers „Idee zu einem Katechismus der
Vernunft für edle Frauen“ (Athenaeumfragment 364). „Merke auf den
Sabbat deines Herzens, daß du ihn feierst, und wenn sie dich halten, so
mache dich frei oder gehe zugrunde“, ruft Schleiermacher dem liebenden
Mädchen, aber doch auch der Frau zu, die durch ein gesetzliches Band
an den ungeliebten Mann gefesselt ist. Freilich warnt er: „Du sollst
keine Ehe schließen, die gebrochen werden müßte.“ Ihm ist die Ehe etwas
Heiliges; und er gäbe die bestehende Ehe nur auf, um Besseres für sie
einzutauschen. Völlig gleicher Ansicht ist Fr. Schlegels „+Lucinde+“
(1799): sie spottet über Unehen, mißachtet den Mann, der in der Frau
nur die Gattung, die Frau, die im Manne nur den Grad seiner natürlichen
Qualitäten erblickt; aber sie feiert auch die „echte Ehe“, deren
Voraussetzung ewige Liebe ist. Schleiermachers Verteidigungsschrift,
die „Vertrauten Briefe“ (1800) über die „Lucinde“, hatte nach dieser
Richtung nichts Wesentliches hinzuzufügen, wenn sie sich anschickte,
„in klaren und festen Linien eine Lebensphilosophie zu entwerfen,
welche der Frau, der Liebe, der Ehe und Freundschaft, der Scham und
der künstlerischen Darstellung der Liebe in der neuen Gesellschaft ihr
Wesen bestimmen sollte“ (Dilthey S. 497). Nicht im Gegensatz zu Fr.
Schlegels Roman, sondern in voller Übereinstimmung entspringt auch nach
Schleiermachers Ansicht aus der Ehe erst das kraftvollste tätige Leben.
Die Angriffe, die Fr. Schlegels „Lucinde“ erfahren hat, erfährt und
erfahren wird, gehen auch weniger gegen die Auffassung der Ehe, als
gegen die künstlerische Darstellung und gegen die Analyse der Liebe.
Daß Friedrich kein Erzähler ist, daß er weder mit seinem Vorbilde, den
Lehrjahren Wilhelm Meisters, noch etwa mit dem „Ofterdingen“ seines
Freundes Hardenberg wetteifern kann, wo es gilt epischen Verlauf
künstlerisch darzustellen, ist gewiß. Er selber wollte ein Werk des
„Witzes“ liefern, ein Produkt der „Willkür“ des Dichters, die kein
Gesetz über sich leidet. Die „Lucinde“ ist auch noch in anderem Sinne
mit den Fichteschen Elementen der romantischen Theorie verknüpft:
sie arbeitet mit dauernder Selbstbespiegelung, sie ist ein Roman der
intellektuellen Anschauung. Dieser Roman aber möchte die Liebe ebenso
allseitig zur Darlegung bringen, wie in Goethes „Meister“ das Theater,
in „Sternbald“ die Malerei erwogen wird. Und so gipfelt er in einer
impressionistisch-mimischen Wiedergabe der „schönsten Situation“. Die
Naturwahrheit der Darstellung, von Fr. Schlegel mit der ihm eigenen
Starrköpfigkeit durchgeführt, mag jeden abschrecken, der für solche
Stoffe die künstlerische Stilisierung der römischen „Elegien“ Goethes
wünscht. Uns indessen sind in den jüngsten zwanzig Jahren so viele
Versuche vorgelegt worden, in Romanform das Leben in allen seinen Zügen
zu erfassen, daß man die Rücksicht und Anpassungsfähigkeit des Lesers,
die hier etwas Selbstverständliches war, auch der „Lucinde“ gegenüber
walten lassen sollte. Auch der oft hervorgehobene Pedantismus der
Dichtung könnte in modernster Literatur leicht Gegenstücke finden.
Ziel und Zweck des ganzen Buches ist allseitige Beleuchtung der
Liebe. Und so erwägt es denn auch die Liebe, die nicht Ehe und
Fortpflanzung, sondern nur sich selbst zum Zweck hat. Anstoß kann da
nur nehmen, wer die romantische Auffassung der Liebe nicht kennt.
Ein übersinnlich-sinnlicher Freier, macht der Romantiker die Liebe
zur Religion; und zwar zur Religion im Sinne Schleiermachers. „Heute
fand ich“, schreibt Julius an Lucinde, „in einem französischen Buche
von zwei Liebenden den Ausdruck: „Sie waren einer dem anderen das
Universum.“ -- Wie fiel mir’s auf, rührend und zum Lächeln, daß,
was da so gedankenlos stand, bloß als eine Figur der Übertreibung,
in uns buchstäblich wahr geworden sei!“ (S. 243 f.) Der mystische
Liebesbegriff der Romantik gestattet, Höchstes und Niedrigstes,
Geistigstes und Sinnlichstes zu verknüpfen. Schleiermacher deutet fein
aus: „Sie wissen ja doch von Leib und Geist und der Identität beider,
und das ist doch das ganze Geheimnis.“ Das ist die metaphysische,
Schelling vorwegnehmende Voraussetzung des ethischen Grundgedankens,
auf den Schleiermacher die geistige Sinnlichkeit der „Lucinde“
zurückleitete, des Gedankens bildender Sittlichkeit, die die
Sinnlichkeit, die Phantasie, die Leidenschaft durch den Geist adelt,
nicht durch die bloße Gewalt des Gesetzes einschränkt.
Voraussetzung solcher Liebe, aber auch der „echten, wirklichen“ Ehe
ist freilich die geistige Hebung der Frau, die in der „Lucinde“ ebenso
gefordert wird, wie in Schleiermachers „Katechismus“. Bildung soll
der Frau zuteil, sie soll dem Manne geistig genähert, ihm ebenbürtig
gemacht werden. „Laß dich gelüsten nach der Männer Bildung, Kunst,
Weisheit und Ehre“, lautet das zehnte Gebot Schleiermachers. Ein Thema,
das von Anfang an Fr. Schlegels Forschen und Sinnen beschäftigt!
Auch hier geht er von der Antike aus. In zwei Aufsätzen, die ihren
Zusammenhang mit Plato und Hemsterhuis nicht verleugnen, spricht er
sich 1794 „Über die weiblichen Charaktere in den griechischen Dichtern“
und 1795 „Über die Diotima“ aus. Sokrates erscheint als Vertreter der
Anschauung, daß die Vollkommenheit beider Geschlechter nur +eine+,
Plato und die Stoiker bezeugen, daß die Bestimmung des weiblichen und
männlichen Geschlechts die gleiche sei. Und indem Fr. Schlegel mit
Plato und im Gegensatz zu Rousseau für die Frau öffentliche Erziehung,
dann Anteil an der Bildung, den Pflichten und Rechten der Männer
fordert, möchte er alle einseitige Männlichkeit und alle einseitige
Weiblichkeit abwehren. Das klassisch-romantische Ideal des harmonischen
Menschen wird auf die Frauenfrage angewendet, im Gegensatz zu Schillers
Klassizismus, der ganz inkonsequent die Frau in die Einseitigkeit
des Naiven bannte. Wieland war da dem Bildungsstreben der Frau weit
mehr entgegengekommen; und auch er hatte antike Frauengestalten wie
Aspasia ins Feld geführt. Schillers „Würde der Frauen“ wurde von dem
Rezensenten Fr. Schlegel mit dem scharfen Zusatz abgelehnt: „Männer
wie diese müßten an Händen und Beinen gebunden werden; solchen Frauen
ziemte Gängelband und Fallhut“ (2, 4). W. Schlegel parodierte witzig
das Gedicht Schillers (2, 172). Schärfer noch tritt das „Athenaeum“
für die Bildungsansprüche der Frau ein. Die Fragmente kommen vielfach
auf das Thema zu sprechen. Im ersten Heft des zweiten Bandes (1799)
schlägt dann Fr. Schlegel die Brücke von seinen Absichten, die Frau
zu bilden, zu Schleiermachers Religionsbegriff mit dem Aufsatze „Über
die Philosophie. An Dorothea“. Die Liebe zum Universum scheint nach
Friedrichs Ansicht der Frau besonders nahe zu liegen. Der Frau eignet,
meint er, die Innerlichkeit, die stille Regsamkeit alles Dichtens
und Trachtens, die für ihn die wesentliche Anlage zur Religion oder
vielmehr diese selbst bedeutet. „Wie dürfte man dir“, so spricht er
Dorothea mit unverkennbarem Anklange an die Katechisationsszene von
Goethes „Faust“ an, „die Religion bloß darum absprechen wollen, weil es
dir vielleicht an einer Antwort fehlen könnte, wenn man dich fragte, ob
du an Gott glaubst?“ (2, 323). Und so streng hält er auf seinen Satz:
Religion sei die wahre Tugend und Glückseligkeit der Frauen, daß er sie
zur Philosophie erziehen will, nicht zur Poesie: die Poesie sei wohl
der Erde gewogner, die Philosophie aber heiliger und gottverwandter.
Und „die Poesie der Dichter bedürfen die Frauen weniger, weil ihr
eigenstes Wesen Poesie ist“ (Idee 127).
2. Stiftung einer neuen Religion. Hardenbergs geistliche Dichtung.
Auch auf dem Gebiete der +Religion+ zeigt sich dieselbe Erscheinung,
die bei der Naturphilosophie und bei der Vergötterung und
Ästhetisierung des Universums zu beobachten war: es ist unendlich
schwer, genau anzugeben, von wem der erste Anstoß ausgegangen ist.
Diesmal vielleicht noch schwerer als sonst. Denn der Kreis der religiös
Begeisterten ist weiter: Schelling zwar kommt nicht in Betracht;
vielmehr sind mit Schleiermacher ungefähr gleichzeitig Fr. Schlegel
und Novalis bemüht, religiöser zu werden, dem Christentum neues Leben
abzugewinnen. Und Tieck bleibt nicht zurück; konnte er doch von ganz
anderer Seite, von der Betrachtung der bildenden Kunst, wie er sie
gemeinsam mit seinem frühverstorbenen Freunde Wackenroder geübt hatte,
sein Scherflein zu dem religiösen Enthusiasmus der Romantiker beitragen.
Am 15. November 1799 schrieb Dorothea von Jena aus an Schleiermacher:
„Das Christentum ist hier ~à l’ordre du jour~; die Herren sind etwas
toll. Tieck treibt die Religion wie Schiller das Schicksal; Hardenberg
glaubt, Tieck ist ganz und gar seiner Meinung; ich will aber wetten,
was einer will, sie verstehen sich selber nicht, und einander nicht.“
Kurz vorher hatte Fr. Schlegel dem Freunde berichtet, wie die „Reden“
auf Novalis gewirkt hätten: „Hardenberg hat Dich mit dem höchsten
Interesse studiert und ist ganz eingenommen, durchdrungen, begeistert
und entzündet. Er behauptet nichts an Dir tadeln zu können, und
insofern einig mit Dir zu sein. Doch damit wird es wohl so so stehen“
(3, 125). Schon diese Zeugnisse deuten an, daß die „Reden“ stark
gewirkt, daß sie aber auch einen wohlvorbereiteten Boden angetroffen
haben und daß wiederum die romantischen Genossen schon zu weit
auf dem Wege zu Religion und Christentum vorgeschritten waren, um
Schleiermachers Lehren uneingeschränkt aufzunehmen.