Weit eher als Schelling wurden für solche kühne Kombinationen Franz

Baader und Joh. Wilh. Ritter Stützen und Helfer Hardenbergs. Ihnen

beiden zollt er auch volle Anerkennung -- eine Anerkennung, mit der

Ritter gegenüber selbst die Wissenschaft von heute nicht kargt. Von

Baader heißt es in Hardenbergs Briefe an Fr. Schlegel vom 7. November

1798: „Seine Zauber binden wieder, Was des Blödsinns Schwert geteilt“;

augenscheinlich denkt Novalis auch hier an Vereinheitlichung der

Geisteswelt und der Natur. Von Ritter sagt Novalis’ Brief an Caroline

Schlegel vom 20. Januar 1799: „Ritter ist Ritter und wir sind nur

Knappen. Selbst Baader ist nur sein Dichter.“ Strengwissenschaftlich um

die Ergründung und Prüfung des neuentdeckten Phänomens des Galvanismus

bemüht, veröffentlichte Ritter 1798 den „Beweis, daß ein beständiger

Galvanismus den Lebensprozeß in dem Tierreich begleite“. Auch hier

war wieder der Nachweis versucht, daß die Natur das vollkommenste

organische System sei: „Wo ist eine Sonne, wo ist ein Atom, die nicht

Teil wäre, der nicht gehörte zu diesem organischen All, lebend in

keiner Zeit, jede Zeit fassend in sich?“ Novalis schritt von diesem

neuen Beweise der Alleinheitlichkeit der Natur sofort kühn zur

Aufstellung eines „Galvanismus des Geistes“.

Ritter sagt in seinen „Fragmenten aus dem Nachlaß eines jungen

Physikers“ (1810, 1, XVIII), wenn er von seiner ersten Berührung mit

Novalis zu sprechen hat: „Novalis und unser Freund verstanden sich den

Augenblick: fürs erste lag auch nicht die geringste Merkwürdigkeit

in ihrem Zusammenkommen; letzterem war schlechterdings nur eben,

als wenn er einmal laut mit sich selber sprechen könnte.“ Die

enge Geistesgemeinschaft beider Freunde wirft etwas Licht auf den

geheimnisvollen Begriff des „Galvanismus des Geistes“. Fr. Schlegel,

der allein den Terminus uns überliefert hat, scheint, wenn er zum

erstenmal des Begriffes in einem Briefe an Schleiermacher gedenkt,

selber über den Inhalt des Begriffes wenig im klaren zu sein (Aus

Schleiermachers Leben 3, 77); und eine zweite Erwähnung in einem

folgenden Briefe (ebd. S. 81) hilft auch nicht weiter: „Bei dem

Galvanism des Geistes kommt es natürlich nur darauf an, zu finden,

was Nerv und Muskel im Gemüt ist.“ Die dunkle Wendung deutet auf

die oben (S. 49) entwickelten Hallerschen Begriffe der Sensibilität

der Nerven und der Irritabilität der Muskeln, mit denen Novalis ja

ebenso wie Schellings Naturphilosophie arbeitet. Nicht viel weiter

helfen Fragmente Hardenbergs, wie: „Unser Denken ist schlechterdings

nur eine Galvanisation, eine Berührung des irdischen Geistes, der

geistigen Atmosphäre, durch einen himmlischen, außerirdischen

Geist“; oder: „Seele und Körper wirken galvanisch aufeinander,

wenigstens auf eine analoge Art, deren Gesetze aber in einer höhern

Region liegen“; oder: „Der Geist galvanisiert die Seele mittelst

der gröbern Sinne; seine Selbsttätigkeit ist Galvanism...“ (2,

214). Weiter führt die Vermutung Spenlés (S. 205, 210), daß Novalis

durch Ritter auf Mesmers „Magnetismus“ geleitet worden sei. Ritter

ist ja unter den naturphilosophischen Genossen den geheimnisvollen

Zusammenhängen zwischen Natur und Menschenseele, die jene Zeit in den

Erscheinungen des hypnotischen Schlafes zu finden glaubte, zuerst und

am energischsten nachgegangen und hat von ihnen Offenbarungen über

die Geheimnisse der anorganischen und der organischen Welt erwartet

(vgl. Fragmente aus dem Nachlasse eines jungen Physikers 2, 81).

Spiritistisch gesprochen im Zustande des Trance, medizinisch gefaßt im

autohypnotischen Schlafe dachte Ritter und mit ihm Novalis („Lehrlinge

zu Sais“ 4, 26 f.) einen Zustand der „Unwillkür“ gefunden zu haben, in

dem die Seele das Absolute am reinsten anschaut. Das Bewußtsein des

Menschen in diesem Zustand der „Unwillkür“, fichtisch genommen: die

„intellektuelle Anschauung“ des Menschen, der im hypnotischen Schlafe

sich befindet, wurde so zum Schlüssel der Erkenntnis. Hier begegnet

sich die Linie, die von Fichte aus gezogen wird, mit der Linie, die

von der Mystik der Vitalisten, von Mesmer, ausgeht. Die wunderbaren

Wirkungen, die von Novalis’ „magischem Idealismus“ erwartet wurden,

die Steigerung der Fichteschen „intellektuellen Anschauung“ zu einer

magischen Kraft der Selbstbezauberung und der zauberhaften Lenkung der

Natur (s. oben S. 20 f.), fanden -- so meinten es die romantischen

Magier Novalis und Ritter -- ihre „physikalische“ Begründung, ihre

naturphilosophische Voraussetzung im tierischen Magnetismus, in dem

hypnotischen Schlafe oder -- wie sie es selbst nannten -- in der

willkürlosen ~clairvoyance~ der Somnambulen (vgl. Ritter a. a. O.

S. 83, 85).

Nun begreift man, warum Novalis auf „Ekstase“ solchen Wert legt. Nun

wird der Sinn seiner Gleichung klar: „Ekstase − Inneres Lichtphänomen

= intellektualer Anschauung“ (3, 186). Ausdrücklich ergänzt er ein

andermal Fichtes Denken durch den Begriff der Ekstase und sagt: „Ohne

Ekstase -- fesselndes, alles ersetzendes Bewußtsein -- ist es mit der

ganzen Philosophie nicht weit her“ (3, 219). In der Ekstase gewinnt

für Novalis die „intellektuelle Anschauung“ Fichtes einen erhöhten

Erkenntniswert. Der ekstatische Seher schaut Dinge, die jedem anderen

verborgen bleiben.

Die Betonung der Ekstase aber führte Novalis notwendig zu der Quelle

aller Mystik, zum Neuplatonismus. Das ganze Streben der Romantiker

weist auf ein übervernünftiges Erfassen der göttlichen Wahrheit, das

dem einzelnen Menschen in unmittelbarer Berührung mit der Gottheit

selbst zuteil wird -- eine Anschauung, die vom Neuplatonismus zuerst

aufgestellt worden ist. Schon Philon fordert, daß zu solchem Zwecke

die Seele sich nur leidend und empfangend verhalten dürfe, sich aller

Selbsttätigkeit zu enthalten habe. Bei solcher ἔκστασις wohnt nach

Philon der göttliche Geist im Menschen. Hinter diesem Zustand liegt

nach +Plotin+ alles Denken; die Ekstase ist Gottesgewißheit, selige

Ruhe in ihm.

Wenn darum Novalis einmal (Raich S. 102) die Namen nennt, an die

er selber die besten Verdienste um die Naturphilosophie knüpft, so

erscheint zuerst Fichte und Hemsterhuis, dann Spinoza. Nun aber heißt

es: „Plotin betrat, vielleicht durch Plato erregt, zuerst mit echtem

Geiste das Heiligtum und noch ist nach ihm keiner wieder so weit in

demselben vorgedrungen.“ Leibnizens Theodicee ist für Novalis nur „ein

herrlicher Versuch in diesem Felde“. Goethe aber „soll der Liturg

dieser Physik werden“.

Nirgends freilich fand Novalis sein eigenes Streben so ahnungsvoll

vorweggenommen wieder wie bei dem ~philosophus teutonicus~, bei +Jakob

Böhme+, und in dessen mystischer Hingabe an die Gottheit. Er hat ihn

nur zu Anfang des Jahres 1800 kennen gelernt, also viel zu spät, als

daß er noch Neues von ihm hätte lernen können. Entdeckt wurde Böhme

für die Romantik durch Tieck, und Tieck hat auch Novalis in Böhmes

Lehren eingeführt. Darum kann Hardenbergs Gedicht „An Tieck“ (1, 224

ff.) den Angesprochenen durch Böhme zum „Verkündiger der Morgenröte“

weihen lassen. Tieck selber aber hat in den Roman „Der Aufruhr in

den Cevennen“ (1826) sein eigenes Erlebnis verwoben und erzählt, wie

aus der Aufklärung heraus der Eintritt in Böhmes Welt wirkt. Fr.

Schlegel hingegen faßte einmal scharf und knapp zusammen, was der

naturphilosophische Kreis in dem Görlitzer Schuster fand (Philos.

Vorlesungen, herausgegeben von Windischmann 1, 428 f.): er erkennt

Böhme zu, daß er in der Anwendung des Idealismus auf die Natur und

in der tiefen Beziehung des menschlichen Gemüts auf sie ahnend die

Erkenntnisse neuester Entwickelung vorweggenommen habe. Natürlich denkt

Fr. Schlegel an die Übertragung der geistigen Qualitäten des Menschen

auf die Natur. „Aber noch viel merkwürdiger und charakteristischer“,

setzt Fr. Schlegel hinzu, „ist die Annäherung seiner Philosophie zur

Poesie... Böhme schloß sich durchgängig ganz an die poetische Ansicht

an; keine andere Philosophie kommt ihm darin gleich; keine ist so reich

an Allegorie und sinnbildlicher Bedeutung. Plato war nicht einmal

imstande, die griechischen Gottheiten und die Mythologie so edel und

tiefsinnig anzusehen, als wir jetzt; noch viel weniger sie so tief zu

deuten, wie J. Böhme das Sinnbildliche des Christentums gedeutet hat.“

Fr. Schlegel behauptet darum, Böhme sei ein „vollkommenerer Idealist“,

ein „größerer Deuter“ als Plato; mehr als alle anderen Dichter und

Autoren enthalte er die schönsten und bedeutendsten Allegorien.

Wirklich deutet Böhme chemische Begriffe psychologisch und

theosophisch, mit einer Kühnheit, die den Fragmenten Hardenbergs nichts

nachgibt. Seine Lehre geht von der Behauptung aus, daß Gutes und

Böses von der Gottheit stamme, Göttliches und Widergöttliches in Gott

enthalten sei, Süßes und Herbes, Licht und Finsternis. Das Süße setzt

er dem Quecksilber gleich und dieses wieder wird ihm zum Symbol der

organischen Natur, der Pflanzen, Tiere und Menschen; ebenso entspricht

dem Herben der „Salniter“, das unorganische Reich, das „Finstere“.

Jenes bedeutet in seinen Augen das Himmelreich, dieses die Hölle.

Mittelglied aber sei das lebendige Feuer, der „Sulphur“, sowohl als

zerstörendes Zornfeuer wie als wohltätiges Liebesfeuer. Zum Teil liegen

hier Symbole vor, die der Romantik bald geläufig geworden sind. Das

„Feuer“ im „Zentrum“ ist schon früh für Fr. Schlegel eine Form seiner

Lieblingsvorstellung vom „Mittelpunkt“. „Im Centro liegt das ew’ge

Feu’r verhüllet, Dem großen Vater ringt es stets entgegen Mit süßen

sehnsuchtsvollen Pulsesschlägen, Daß Blum’ und Baum zum blauen Äther

quillet“; so lautet es in Tiecks Sonett „An Friedrich Schlegel“, einer

Dichtung, die „wirklich Fr. Schlegels Innerstes erkannt“ hat (vgl.

Joachimi S. 48).

Fr. Schlegels Bemerkungen über Böhme weisen aber auch auf die

eigentliche Verwertung hin, die der „Schlegelianismus in den

Naturwissenschaften“ suchte und fand. Mag auch viel Willkür und

Phantastik in Novalis’ Analogien liegen, schließlich mündete all das

in das Reich der Poesie; der Poet Novalis durfte für sich das Recht

in Anspruch nehmen, eine dichterische „Physik“ als „Lehre von der

Phantasie“ auszugestalten und in dem phantasiereichsten Dichter den

eigentlichen physischen Magus zu entdecken. Der Poet -- so meint es

Novalis -- versteht die Natur besser als der wissenschaftliche Kopf.

War diese Behauptung zu kühn, wenn man in Goethe den „Liturgen“ der

neuen Physik erblickte?

Philosophie sollte in Poesie übergehen, sie sollte nicht bloß der

Erkenntnis dienen. Die Naturphilosophie aber erhielt die besondere

Aufgabe, eine +neue Mythologie+ zu schaffen.

Der Mangel einer Mythologie war von Klopstock und von Herder (s.

oben S. 15), aber auch von Schiller in den „Göttern Griechenlands“

zur Ursache der Trockenheit moderner Poesie gemacht worden. Wie

Mythologie zu neuem Leben erwachen könnte, weiß Fr. Schlegels „Rede

über die Mythologie“ im „Gespräch über die Poesie“ anzugeben. Aus der

tiefsten Tiefe des Geistes muß sie herausgebildet werden. „Es muß das

künstlichste aller Kunstwerke sein, denn es soll alle andern umfassen,

ein neues Bette und Gefäß für den alten, ewigen Urquell der Poesie und

selbst das unendliche Gedicht, welches die Keime aller andern Gedichte

verhüllt“ (2, 358). Im Sinne Spinozas und der „jetzigen Physik“ soll

die alte Mythologie geschaut und dadurch neu belebt werden. Dazu

sollen auch die anderen Mythologien wieder erwachen, vor allem die des

Orients. „Welche neue Quelle von Poesie könnte uns aus Indien fließen,

wenn einige deutsche Künstler mit der Universalität und der Tiefe

des Sinns, mit dem Genie der Übersetzung, das ihnen eigen ist, die

Gelegenheit besäßen... Im Orient müssen wir das höchste Romantische

suchen“ (2, 362). Das Mittel aber, all diese Schätze neu zu beleben,

bleibt das „Studium der Physik“, „aus deren dynamischen Paradoxien

jetzt die heiligsten Offenbarungen der Natur von allen Seiten

ausbrechen“ (2, 363).

Wiederum hat Schelling gleichzeitig (im „System des transzendentalen

Idealismus“) die Mythologie das Mittelglied der Rückkehr der

Wissenschaft zur Poesie genannt. Wiederum kann nicht festgestellt

werden, ob Fr. Schlegel durch Schelling auf den Gedanken gekommen ist

oder nicht. Sicher hat Schelling ihn schon früher in sich getragen,

sicher aber auch Fr. Schlegel ihn kühner, allseitiger und weiteren

Blickes dargelegt. War doch seine und seines Freundes Novalis’

Naturphilosophie von Anfang an poetischer, phantasievoller gedacht als

die Schellings. Wohl hat Schelling in den Vorlesungen über Philosophie

der Kunst (1802/3) das ganze Thema reicher und zusammenhängender

dargelegt; aber damals stand er völlig auf den Schultern der

romantischen Genossen. Wilhelm Schlegels Berliner Vorlesungen bemühten

sich dann mehrfach den neuen Begriff der naturphilosophischen

Mythologie zu verdeutlichen (1, 354 ff.; 2, 46 ff.).

In der poetischen Ausmünzung der Naturphilosophie lag vielleicht der

beste Gewinn, den die Poesie aus der romantischen Theorie ziehen

konnte. Mindestens war hier systematisch erfaßt, war von einem

höchsten geistigen Standpunkt aus festgelegt, was Poesie unbewußt

längst geübt hatte, was jetzt aber aus bewußter Kunst in reichster

Fülle der deutschen Dichtung zufallen sollte: die Verlebendigung und

Vermenschlichung der Natur. Nicht mit Unrecht hat man darum die ganze

Naturphilosophie als einen Versuch bezeichnet, die Natur poetisch zu

stilisieren, ihre Erscheinungen und Erzeugnisse in Reihen zu ordnen,

die bloß durch äußere Ähnlichkeit bestimmt wurden und bei denen

der Begriff der Entwickelung ganz aus dem Spiel blieb (vgl. A. E.

Schönbach, „Über Lesen und Bildung“, 7. Auflage, Graz 1905, S. 244).

3. Poesie der Poesie. Romantischer Monismus.

Schleiermachers „Reden“ haben auf die romantischen Genossen überhaupt,

nicht bloß auf Schelling, mächtig gewirkt. Sie erwecken zunächst in Fr.

Schlegel und Novalis die Liebe zum Universum; sie bestärken Novalis

und Tieck in ihren religiösen Neigungen und begegnen in Fr. Schlegel

verwandten Tendenzen; sie drängen Fr. Schlegel auf das Gebiet der Ethik

und werden so eine Voraussetzung der „Lucinde.“

Fr. Schlegels dritte Fragmentensammlung, die „Ideen“ im 1. Heft des

3. Bandes des „Athenaeum“ wird von Schleiermachers Universumlehre

getragen. Hier kommt zum Ausdruck, was man neuerdings (M.

Joachimi-Dege, Deutsche Shakespeareprobleme, 1907, S. 212 f.) den

Monismus der Romantik genannt hat. Weil -- wie später auch Schelling es

vorträgt -- im Endlichen allenthalben das Unendliche sich offenbart,

weil das Universum durch jede seiner Erscheinungen seine Herrlichkeit

erkennen läßt, lernt der Romantiker die Wirklichkeit lieben. Platonisch

hält der Klassizismus Schillers an einer Scheidung der „wirklichen“

und der „wahren“ Welt fest. Wohl kennt auch die Romantik diese

Scheidung, aber für sie ist die Möglichkeit gegeben, die wahre Welt in

der wirklichen zu schauen und sich ihrer zu freuen. Wenn Schiller dem

Dichter die wahre Welt im Gegensatz zur wirklichen zuweist, so ist Fr.

Schlegel überzeugt, daß die Poesie das höchste Wirkliche nicht erreiche

(Minor 2, 327). Ihm ist das Wirkliche eben nicht das Gewöhnliche

und Gemeine, das Schiller im Wirklichen allein erblickt; ihm ist es

durch die greifbare Beziehung auf das Unendliche geadelt. So wird

der Romantiker zum Genußfreudigen und Lebensbejaher. Er beginnt die

endliche Welt zu lieben, weil in ihr die Unendlichkeit sich spiegelt.

Liebe zum Unendlichen, Sehnsucht nach dem Unendlichen war längst Fr.

Schlegel eigen gewesen. Schon in dem Briefe vom 17. Mai 1792 bekennt

er sich seinem Bruder gegenüber dazu. Und schon damals verknüpft er

die Liebe zum Unendlichen mit der Liebe zum Freunde, mit der Liebe zur

Geliebten. Diese mystische Liebesphilosophie wird unter dem Eindrucke

der Reden Schleiermachers weiter ausgebaut. Die Sehnsucht nach dem

Unendlichen kommt innerhalb der endlichen Welt nirgends besser zur

Befriedigung als in der Liebe zum geliebten Weibe. Wiederum gibt

Schleiermacher den romantischen Genossen, Friedrich wie Novalis, nur

was sie selbst längst besaßen, freilich in geklärter und vertiefter

Form. Im Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen und im Traum von

der blauen Blume, im „Ofterdingen“ überhaupt, ist nur künstlerisch

dargestellt, was Schleiermacher philosophisch abstrakt formuliert:

vergöttlicht, ins Unendliche erhoben wird das alltäglich Menschliche.

Auch natürlichste Liebe erscheint als göttliche Urkraft. „In seiner

Liebe zur Geliebten, in dieser unerklärlichen und doch allmächtigen

Lebenskraft, die ihn zur Geliebten zieht, erlebt der Romantiker

gewissermaßen nur einen Spezialfall der alles belebenden Gottheit“

(Joachimi S. 76).

Nicht nur der Liebesbegriff wird dank Schleiermacher schärfer gefaßt.

Auch die Poesie gelangt zu einer neuen Definition. Nun kann endlich

gesagt werden, was das Poetische ausmacht und worin die „Poesie der

Poesie“ begründet ist (vgl. oben S. 36 f.).

„Alle heiligen Spiele der Kunst sind nur ferne Nachbildungen von dem

unendlichen Spiele der Welt, dem ewig sich selbst bildenden Kunstwerk“,

sagt Lothario im „Gespräch über die Poesie“ (2, 364). Ludoviko

erwidert: „Mit andern Worten: alle Schönheit ist Allegorie. Das Höchste

kann man, eben weil es unaussprechlich ist, nur allegorisch sagen.“ Und

Lothario darauf: „Darum sind die innersten Mysterien aller Künste und

Wissenschaften ein Eigentum der Poesie.“

Da ist Schellings Ansicht von 1801 vorweggenommen, daß kein Werk

eines Künstlers das absolute Kunstwerk, das Universum, erreicht.

Da wird Schleiermachers religiöse Verehrung des Universums für die

Ergründung der Poesie verwertet. Die Poesie der Poesie ruht auf der

Beziehung zum Universum, zum Unendlichen. Darum ist alle Poesie

allegorisch oder, besser und unserem Sprachgebrauch entsprechender:

symbolisch. Sie zeigt im Bilde das Unendliche. So definiert denn auch

W. Schlegel in den Berliner Vorlesungen (1, 90): „Das Schöne ist eine

symbolische Darstellung des Unendlichen“; und zwar mit ausdrücklicher

und absichtlicher Umwandlung von Schellings Definition: Schönheit

ist das Unendliche endlich dargestellt. W. Schlegel kehrt da zu der

Formulierung seines Bruders zurück.

Da nun aber der Glanz des Unendlichen -- nach Schleiermacher -- auf

allem Endlichen ruht, so dehnt sich das Gebiet der Poesie mächtig in

die Weite. „Ist denn alles Poesie?“ kann eine der Teilnehmerinnen des

„Gespräches“ komisch entsetzt fragen (S. 354); und am Eingang des

„Gespräches“ (S. 338 f.) wird die Grenzenlosigkeit des Reiches der

Poesie in mächtigen Akkorden gefeiert: „Unermeßlich und unerschöpflich

ist die Welt der Poesie wie der Reichtum der belebenden Natur an

Gewächsen, Tieren und Bildungen jeglicher Art, Gestalt und Farbe.

Selbst die künstlichen Werke oder natürlichen Erzeugnisse, welche die

Form und den Namen von Gedichten tragen, wird nicht leicht auch der

umfassendste alle umfassen. Und was sind sie gegen die formlose und

bewußtlose Poesie, die sich in der Pflanze regt, im Lichte strahlt,

im Kinde lächelt, in der Blüte der Jugend schimmert, in der liebenden

Brust der Frauen glüht? -- Diese aber ist die erste, ursprüngliche,

ohne die es gewiß keine Poesie der Worte geben würde. Ja wir alle, die

wir Menschen sind, haben immer und ewig keinen andern Gegenstand und

keinen andern Stoff aller Tätigkeit und aller Freude, als das eine

Gedicht der Gottheit, dessen Teil und Blüte auch wir sind -- die Erde.

Die Musik des unendlichen Spielwerkes zu vernehmen, die Schönheit

des Gedichtes zu verstehen, sind wir fähig, weil auch ein Teil des

Dichters, ein Funke seines schaffenden Geistes in uns lebt und tief

unter der Asche der selbstgemachten Unvernunft mit heimlicher Gewalt zu

glühen niemals aufhört.“

Poesie der Poesie aber ist jetzt eine Poesie, die dieses Poetische der

Welt in sich faßt. In erster Linie tut dies die romantische Poesie.

Darum fordert Fr. Schlegel, daß alle Poesie romantisch sei (2, 373).

Und weil diese Poesie mit dem romantischen Sehnsuchtsbegriffe so innig

verschwistert ist, verlangt Fr. Schlegel nunmehr, daß das Romantische

einen sentimentalen Stoff darstelle. Nur dürfe man dabei nicht die

„gewöhnliche übel berüchtigte Bedeutung des Sentimentalen“ meinen,

„wo man fast alles unter dieser Benennung versteht, was auf eine

platte Weise rührend und tränenreich ist und voll von jenen familiären

Edelmutsgefühlen, in deren Bewußtsein Menschen ohne Charakter sich

so unaussprechlich glücklich und groß fühlen“ (2, 370 f.). Das

Sentimentale, das er selbst meint, umschreibt Fr. Schlegel: „Das was

uns anspricht, wo das Gefühl herrscht, und zwar nicht ein sinnliches,

sondern das geistige.“ Und indem er die Definition weiterspinnt, bietet

er die tiefsten und innigsten Gedanken, die er jemals über Poesie und

Romantik vorgebracht hat: „Die Quelle und Seele aller dieser Regungen

ist die Liebe, und der Geist der Liebe muß in der romantischen Poesie

überall unsichtbar sichtbar schweben... Die galanten Passionen, denen

man in den Dichtungen der Modernen... nirgends entgehn kann, sind

dabei grade das wenigste oder vielmehr sie sind nicht einmal der äußre

Buchstabe jenes Geistes, nach Gelegenheit auch wohl gar nichts oder

etwas sehr Unliebliches und Liebloses. Nein, es ist der heilige Hauch,

der uns in den Tönen der Musik berührt. Er läßt sich nicht gewaltsam

fassen und mechanisch greifen, aber er läßt sich freundlich locken von

sterblicher Schönheit und in sie verhüllen; und auch die Zauberworte

der Poesie können von seiner Kraft durchdrungen und beseelt werden.

Aber in dem Gedicht, wo er nicht überall ist oder überall sein könnte,

ist er gewiß gar nicht. Er ist ein unendliches Wesen und mit nichten

haftet und klebt sein Interesse nur an den Personen, den Begebenheiten

und Situationen und den individuellen Neigungen; für den wahren Dichter

ist alles dieses, so innig es auch seine Seele umschließen mag, nur

Hindeutung auf das Höhere, Unendliche, Hieroglyphen der +einen+ ewigen

Liebe und der heiligen Lebensfülle der bildenden Natur“ (2, 371). Das

geheimnisvollste Mysterium soll hier enthüllt werden; und wirklich hebt

mit zarten Fingern Fr. Schlegel die Decke empor, die es verbirgt. In

Worte will er fassen, was dem modernen Menschen die Poesie bedeutet.

Und die Begriffe, die auf unserem Wege uns bisher begegnet sind, die

Begriffe, durch die der Romantiker die Welt zu deuten sucht, stellen

sich fast vollzählig ein. Die Poesie und das Poetische ist mit einer

Stimmung der Sehnsucht aufs innigste verknüpft. Diese Sehnsucht zielt

auf ein Höheres, Unendliches. Das Streben nach dem Unendlichen, das

dem romantischen Vernunftmenschen eigen ist, findet in der Poesie

einen Widerhall. Die Poesie wird dadurch ein Analogon der Liebe

im romantisch-mystischen Sinne. Und in ihr naht dem Menschen das

Unendliche; zum Erlebnis wird ihm in der Poesie das Absolute; in keinem

Endlichen ist -- nach Schleiermachers Anschauung betrachtet -- das

Unendliche so gegenwärtig wie in der Poesie.

An dieser Stelle kündigt sich wohl am eindringlichsten innerhalb der

romantischen Spekulation an, daß und warum dem Romantiker Leben und

Denken, Natur und Philosophie zur Poesie hat werden müssen. Weit

ungenauer und unsicherer heißt es bei Novalis: „Der Sinn für Poesie

hat viel mit dem Sinn für Mystizismus gemein. Er ist der Sinn für das

Eigentümliche, Personelle, Unbekannte, Geheimnisvolle, zu Offenbarende,

das Notwendig-Zufällige. Er stellt das Undarstellbare dar. Er sieht

das Unsichtbare, fühlt das Unfühlbare usw.“ „Es gibt einen speziellen

Sinn für Poesie, eine poetische Stimmung in uns. Die Poesie ist

durchaus personell und darum unbeschreiblich und undefinissabel. Wer

es nicht unmittelbar weiß und fühlt, was Poesie ist, dem läßt sich

kein Begriff davon beibringen. Poesie ist Poesie“ (2, 298 f.). Novalis

kommt, das Geheimnis der Poesie zu beschreiben, nicht über negative

Merkmale hinaus. Fr. Schlegel wagt es, die negativen Elemente, die

Novalis erkennt, ins Positive umzudeuten. Für Novalis ist Poesie das

Unbeschreibliche, Unfaßbare; für Fr. Schlegel wird Poesie zur Lösung

des Rätsels, das von dem Unbeschreiblichen, dem Geheimnisvollsten uns

aufgegeben wird -- ein Symbol des Unendlichen.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 6 / 17 段