Phase von Schellings romantischer Entwickelung vollzieht, ist schon
in den „Reden“ zu finden. Ausdrücklich hebt Schleiermacher die
Verwandtschaft hervor, die zwischen dem religiösen Vorgang und dem
ästhetischen Eindruck besteht. Richtet sich dort der Sinn auf das Wie
und Was der Erscheinung, auf den ungeteilten Eindruck eines Ganzen,
so findet auch das ästhetische Vermögen seine Befriedigung in der
bloßen Anschauung des Kunstwerkes oder der Natur, sofern sie als
künstlerisch hervorbringend gedacht wird („Reden“ 1. Auflage S. 149;
vgl. Dilthey, Leben Schleiermachers S. 304). Anschauung des Universums
und Anschauung des Kunstwerkes treten hier schon in Parallele. Gelernt
hat Schelling an dieser Stelle freilich nichts von Schleiermacher; denn
die Parallelisierung von Universum und Kunstwerk ist ihm von anderer
Seite in breiterer Ausführung geboten worden; eine an Mächtigkeit
die flüchtigen Bemerkungen Schleiermachers weit übertreffende
Hauptquelle der Philosophie Schellings kommt hier in Betracht: Goethe.
Künstlerisches Schaffen und Naturbetrachtung in eins zu schlingen, war
Goethe besonders seit Italien etwas Selbstverständliches.
Am schwierigsten zu lösen ist die Frage, wieweit die Romantiker
Schelling wegen seiner Fassung und Verwertung des +Organismusbegriffes+
verpflichtet sind. Ohne Zweifel hat keiner den Begriff so folgerichtig
und so allseitig entwickelt, wie Schelling. Doch ebenso gewiß ist Fr.
Schlegels Denken von Anfang an auf dasselbe Ziel gerichtet; ferner
verwertet er von früh auf ästhetisch den Begriff, der ja eine lange
Vorgeschichte in der Kunstlehre des 18. Jahrhunderts hat und von Goethe
und Herder, aber auch von Moritz an Schelling wie an Fr. Schlegel in
hochausgebildeter Form übergeben wird (s. oben S. 15 ff.).
Das Hauptmerkmal organischer Betrachtung ist der Wunsch, eine
Erscheinung als Ganzes zu begreifen, auf das Ganze und Einheitliche
bei der Betrachtung und Würdigung, sei’s der Welt, sei’s eines
Ausschnittes aus ihr, zu dringen. Das 116. Athenaeumfragment und die
Definition der romantischen Poesie, die es versucht, sind auf dem
Gedanken der vereinheitlichten Ganzheit aufgebaut. Und zwar ganz
gewiß, ohne daß Schelling auch nur entfernt als Anreger in Betracht
käme: „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie.
Ihre Bestimmung ist..., alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu
vereinigen... Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten,
wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu
dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen
Gesang... Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig,
nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem
sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile
ähnlich organisiert...“ Aber noch viel früher drängt Fr. Schlegel auf
das Einheitliche, Ganze im Kunstwerk. Schon Mitte Mai 1793 schreibt
er an seinen Bruder (S. 86): „Es gibt nur zwei Gesetze für die
Dichtkunst. Eines derselben ist -- das Mannichfaltige muß zu innerer
Einheit notwendig verknüpft sein. Zu Einem muß alles hinwirken, und
aus diesem Einen jedes andern Dasein, Stelle und Bedeutung notwendig
folgen.“ Er nennt „das, wo alle Teile sich vereinigen, was das Ganze
belebt und zusammenhält“, das „Herz des Gedichtes“ und sucht es in
„Hamlet“, „Götz“, „Romeo“. „Ohne Natureinheit und Vernunfteinheit...
ist die höchste Schönheit der Anordnung unmöglich... Zu ihr gehört
die Verteilung in kleinere Ganze... Die Teile müssen in das größere
Ganze sanft verschweben, wie Wellen des Stromes.“ Die trocken
verstandesmäßigen, rein schematischen ästhetischen Kategorien Einheit
und Mannigfaltigkeit gewinnen unter Fr. Schlegels Hand neues Leben.
Divinatorisch schreitet er in der Richtung weiter, die Herder, Lenz,
Goethe in der Sturm- und Drangzeit eingeschlagen haben und in der
auch K. Ph. Moritz’ Spekulation sich bewegt. Auf ästhetischem Gebiete
steigert sich seine Erkenntnis und seine Verwertung der organischen
Ganzheit rasch und dauernd, bis er nicht nur das einzelne Kunstwerk,
sondern die ganze Kunst wie eine organische Einheit betrachtet. Stolz
sagt er 1804 in der Vorrede zum ersten Bande von „Lessings Gedanken und
Meinungen“ (S. 34): „Die Konstruktion und Erkenntnis des Ganzen [der
Kunst und Dichtkunst]... ist von uns als die eine und wesentlichste
Grundbedingung einer Kritik, welche ihre hohe Bestimmung wirklich
erfüllen soll, aufgestellt worden.“ Lessing wird dabei als Vorläufer
solchen Strebens in Anspruch genommen. Daß eine organische Konstruktion
des Ganzen der Kunst für Fr. Schlegel zugleich auch eine historische
Konstruktion bedeutete, ist selbstverständlich.
Der Wunsch, das Kunstwerk als organisches Ganze zu fassen, entspringt
abermals dem metaphysischen Bedürfnisse Fr. Schlegels. Ganz wie
Schopenhauer es umschreibt, möchte Fr. Schlegel das Kunstwerk in seinem
innersten Zusammenhange überschauen und der Einheit sich bewußt werden,
die darin zur wechselnden Erscheinung kommt. Vom einzelnen Kunstwerk
schreitet er alsbald folgerichtig zum Ganzen der Kunst weiter.
Hat indessen Fr. Schlegel vielleicht von Schelling gelernt, die
ganze Welt, das Universum, als Organismus zu fassen? In den „Ideen“
und im „Gespräch über die Poesie“, wo diese Anschauung immer wieder
auftaucht, zeigt sie sich sofort in der Form des ästhetischen
Idealismus Schellings: „Alle heiligen Spiele der Kunst sind nur ferne
Nachbildungen von dem unendlichen Spiele der Welt, dem ewig sich
selbst bildenden Kunstwerk“, sagt Lothario im „Gespräch“ (2, 364).
Und gleich im Eingang des „Gespräches“ (S. 339) erscheint die Erde
als das „eine Gedicht der Gottheit, dessen Teil und Blüte auch wir
sind“. Das Universum ein Kunstwerk! Schlegel ist zu dieser Überzeugung
doch wohl sicher in dem Augenblick gelangt, da Schleiermacher ihm das
Universum wieder nahegerückt hatte. Galt es doch auch diesmal nur
die alten, jetzt freilich mit neuem Lebensinhalt erfüllten Begriffe
in Friedrich wachzurufen; denn von Anfang an war er gewöhnt, seine
Anschauung von organischer Einheit über die Grenzen des Ästhetischen
hinaus auf die Erfassung der ganzen Welt anzuwenden. Der Brief an
Wilhelm vom 28. August 1793, der für die Begriffe System und Ideal
eine Lanze bricht, stellt die Gleichungen auf, die dann ebenso in den
„Ideen“ und im „Gespräch“ wie in Schellings ästhetischem Idealismus
wiederkehren: „Was wir in Werken, Handlungen und Kunstwerken Seele
heißen (im Gedichte nenne ich’s gern Herz), im Menschen Geist und
sittliche Würde, in der Schöpfung Gott, -- lebendigster Zusammenhang
-- das ist in Begriffen System. Es gibt nur +ein+ wirkliches System
-- die große Verborgene, die ewige Natur oder die Wahrheit. -- Aber
denke Dir alle menschlichen Gedanken als ein Ganzes, so leuchtet ein,
daß die Wahrheit, die vollendete Einheit das notwendige, obschon
nie erreichbare Ziel alles Denken ist!“ Ohne daß der Ausdruck selbst
erschienen, ist Schellings Universum als Totalität der Erscheinungen
hier vorweggenommen; und diesem Universum werden die Prädikate
zuerteilt, die Fr. Schlegel für das Kunstwerk gewonnen hat.
Ob und wieweit Schelling für die zweite und dritte Phase seiner
romantischen Periode etwas von Fr. Schlegel gelernt hat, wird wohl nie
ganz einwandfrei festzustellen sein, denn beide fußen auf der Ästhetik
und Naturerkenntnis Goethes und Herders. Nur scheint Fr. Schlegel
früher als Schelling die Verwandtschaft von Goethes künstlerischen und
naturwissenschaftlichen Denkformen erkannt zu haben; Schelling wurde
von Goethe selbst in diese Zusammenhänge eingeführt, aber nur nachdem
Fr. Schlegel längst die ganze Bedeutung des Organismusbegriffes nach
der Seite der Ästhetik wie nach der Seite der Naturerkenntnis erfaßt
hatte.
Und so darf denn auch die Lehre vom „Mittelpunkt“, die in der
organischen Weltanschauung Fr. Schlegels eine so große Rolle spielt,
unmittelbar auf ihre ersten Quellen, auf Goethe und auf Moritz (vgl.
Jubiläumsausgabe 36, S. XLIII), zurückgeleitet werden. Marie Joachimi
möchte (S. 33 ff.) diese Lehre vom Mittelpunkte, die „Zentrumslehre“,
zum eigentlichen Glaubensbekenntnis Fr. Schlegels machen. Auf ihre
Ausführungen sei hier verwiesen.
Wie Schleiermacher so erscheint also heute auch Fr. Schlegel
und mit ihm Novalis weniger abhängig von Schelling, als bis
vor kurzem angenommen worden war. Marie Joachimi behauptet
(S. 18) in Übereinstimmung mit Dilthey, daß Schlegel von der
Transzendentalphilosophie nichts gelernt habe und hält umgekehrt
Schlegel für den Anreger Schellings überall da, wo Schelling in
romantisch-ästhetischer Richtung über Fichte hinausgeht. Spenlé (S.
238 ff.) erweitert die Kluft, die nach den äußeren Zeugnissen zwischen
Hardenberg und Schelling bestand. Kircher, der schon 1903 (Euphorion
10, 313 ff.) das Unromantische in Schellings Denken angedeutet hatte,
meint in seinem Buche (S. 196, 214, 219, 224, 237) die auffallende
Erscheinung feststellen zu müssen, daß ein System von verwegenster
Intellektualität, das die ganze Fülle des Naturlebens in sich hell und
licht zu machen sucht, zu einer „romantischen Philosophie“ gestempelt
worden ist. Unleugbar bleibt nur die Übereinstimmung der eigentlichen
Romantiker mit Schelling auf dem Felde der Naturphilosophie; aber
auch da fallen heute die Abweichungen fast stärker auf als die
Gemeinsamkeiten. Olshausen (S. 13, 17) beobachtet, daß Novalis die
Sphäre Schellings eng erscheinen mußte neben der Universalität von
Fr. Schlegels Geist; ferner sei Novalis, als Schellings „Weltseele“
erschien, so weit in eigener Richtung fortgeschritten gewesen, daß die
Schrift, der Novalis an sich nahestand, keine tiefgehende Wirkung auf
ihn weiter tun konnte. H. Simon (S. IX f.) erinnert an Hardenbergs
Wort, daß trotz „echter Universaltendenz“ bei Schelling „ein
beschränkter Begriff der Natur“ vorausgesetzt sei. „Der theoretische
Naturmonismus Schellings“, sagt Simon, „war ganz gegen Novalis’
Überzeugung von der beginnenden Mannigfaltigkeit der Natur, die erst
allmählich „moralisch“ und Eins werden sollte. Für ihn ist die Natur
als Objekt... gar nicht als +eine+ Natur hinzustellen.“ Wollte Novalis
doch an Stelle von Schellings „Urduplizität“ (also seiner Polarität)
einen „Urinfinitismus“ der Natur annehmen. Auf der anderen Seite fanden
wiederum Novalis und Fr. Schlegel keine Anerkennung. Steffens spottete
(an Schelling; bei Plitt 1, 277) über den „Schlegelianismus der
Naturwissenschaften“, über die Sucht, die Natur gleichsam auf witzigen
Einfällen zu ertappen, Schelling selber aber erklärte 1802 angesichts
der ersten Sammlung von Novalis’ Schriften (Plitt 1, 431 f.), er könne
diese Frivolität gegen die Gegenstände nicht gut vertragen, an allen
herumzuriechen, ohne +einen+ zu durchdringen.
~b~) Die Naturphilosophie Schellings.
Die Naturphilosophie, sowohl die Schellings wie die Schlegels und
Hardenbergs zu würdigen, muß ein Blick auf die Entwickelung der
Naturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geworfen
werden. Novalis und Fr. Schlegel, aber auch Schelling wären minder kühn
in ihren naturphilosophischen Konstruktionen gewesen, hätten sie nicht
überraschend neuen, die ganze Anschauung der Naturvorgänge umstürzenden
Entdeckungen gegenübergestanden. In Perioden, da fast jeder Tag neue
Erkenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiete zeitigt, beginnt die
wissenschaftliche Phantasie mit fieberhafter Schnelligkeit zu arbeiten.
Magie und Mystik stellen sich ein und überholen ungeduldig die
Ergebnisse der zwar rasch, aber für die Rastlosigkeit und den Übereifer
wissenschaftlicher Enthusiasten doch noch zu langsam fortschreitenden
Forschung.
Innerhalb der Physik hatte die Lehre von der Schwerkraft Kant 1755
und -- in abschließender Weise -- Laplace 1798 zu ihrer Hypothese von
der Entstehung des Sonnensystems geführt. Chladni versinnlichte 1787
die Schwingungszustände von Platten und Scheiben in den bekannten
Klangfiguren. 1789 führten Galvanis Froschexperimente zur Feststellung
einer tierischen Elektrizität; andere elektrische Erscheinungen
glaubte man an der Voltaschen Säule zu entdecken, bis Volta die
Identität beider Formen der Elektrizität nachwies. Die Chemie erfuhr
1774 durch Lavoisier eine gründliche Umgestaltung. Bis dahin hatte
die Theorie gegolten, daß Verbrennung die Wirkung eines besonderen
Prinzipes, des Phlogiston, sei. Man nahm an, daß bei der Verbrennung
das Phlogiston in die Luft entweiche und daß die zurückbleibende Asche
den eigentlichen Stoff des Körpers, ohne das Phlogiston, darstelle.
Lavoisier wies nach, daß die Asche nicht immer leichter sei als der
Körper vor der Verbrennung. Er erkannte auch, daß der verbrannte Stoff
um so viel schwerer ist, als die umgebende Luft leichter wird. Der
Luftbestandteil, der beim Verbrennungsprozeß hinzutritt, wurde in dem
von Priestley gleichzeitig entdeckten Sauerstoff festgestellt.
Um 1790 aber wurde noch eine andere Bewegung auf dem Felde der
Naturwissenschaften wichtig, die etwa ein Menschenalter vorher
eingesetzt hatte: die Verdrängung der mechanischen Naturanschauung
durch eine organische. Der große Berner Haller ging bahnbrechend voran;
auf medizinischem Felde hat er zuerst seine Wirkung ausgeübt. Er hatte
in der Irritabilität der Muskeln und in der Sensibilität der Nerven
zwei Erscheinungen entdeckt, die tief in das Wesen der organischen Welt
einführten. Drei Schulen erwuchsen aus seiner Entdeckung: die eine sah
in der Irritabilität eine Folge der Sensibilität, die andere, von dem
schottischen Arzt Brown geleitet, erblickte in der Irritabilität das
oberste Prinzip, die dritte suchte beide Gegensätze in einem höheren
Begriffe zu verschmelzen. Die erste führte alle Lebenserscheinungen auf
den Einfluß der Nerven zurück, die zweite wollte in der Muskelerregung
die Quelle finden, die dritte vertrat die vitalistische Theorie, indem
sie so Reizbarkeit wie Erregbarkeit zum Ausdruck einer allgemeinen
Lebenskraft erhob.
Die Brownsche Lehre schied zwei Krankheitstypen: zu starke und zu
schwache Erregbarkeit des Muskelsystems, Asthenie und Sthenie.
Die Unterscheidung gab der Naturphilosophie reiches Material zu
Untersuchung und Hypothese.
Der Vitalismus, vielfachster Deutung fähig, führte einerseits zu
Hahnemanns Homöopathie, anderseits entstammt ihm der Mesmerismus. Mit
bestem Gewissen und nach seinem besten Wissen hat Mesmer (1733-1815)
die auf falscher Deutung richtiger Beobachtungen ruhende Lehre vom
animalischen Magnetismus ausgebildet. Die Romantik ist bis zu Justinus
Kerner gern in seine Schule gegangen. Ein Irrtum Mesmers und seiner
Anhänger war es, bei Vorgängen, die lediglich auf Suggestion und
Hypnose ruhten, an Magnetismus zu denken. Doch eben die Fülle neuer
magnetischer, elektrischer, galvanischer Entdeckungen, die noch lange
nicht zu übersichtlicher Ordnung gediehen war, öffnete willkürlicher
Kombination und falscher Hypothese Tür und Tor. Waren dieselben
Erscheinungen doch auch der Anlaß, die dynamisch-organische Erklärung
der Naturvorgänge neben der mechanischen immer mächtiger hervortreten
zu lassen. In den organischen Disziplinen vor allem bemächtigte sich
die vitalistisch-organische Auffassung mehr und mehr der Herrschaft.
Goethe neigte von Anfang an zu dieser Auffassung. Er war gewohnt,
sich selbst der Natur einzuordnen. Und, obwohl nach Kräften
bemüht, innerhalb des Anschaulichen zu bleiben und die Grenzen der
Sinneserkenntnis zu wahren, suchte er die Typen herauszufinden, aus
denen Pflanzliches und Animalisches erwachsen sei. Entwickelungsreihen
aufzustellen, lag ihm fern, ebenso nach den Ursachen und Wirkungen
dieser Entwickelungsreihen zu forschen. Neben Goethes physiologische
Betrachtung trat in Fichtes Schriften eine psychologische
Naturphilosophie. Denn Fichtes triadisches Schema ist ebenso eine
primitive Form evolutionistischen Denkens wie Goethes Typentheorie und
dient in letzter Linie zur Erklärung des Werdens seelischer Prozesse.
Schelling endlich geht von physiologischer und psychologischer
Betrachtung weiter zum Aufbau einer Entwickelung und behandelt zu
diesem Zwecke die anorganische Natur ohne Zögern rein dynamisch.
Schritt für Schritt läßt er die anorganische Natur der organischen sich
nähern. Mit der zentrifugalen Kraft der Repulsion und der zentripetalen
der Attraktion setzt er ein. Aus ihrem Intensitätsverhältnisse leitet
er Schwere, Kohäsion und Elastizität, ja auch einen Teil der chemischen
Eigenschaften ab. Der ponderablen Materie tritt die imponderable (der
Äther) gegenüber; aus der Synthesis beider und aus ihrer gegenseitigen
Hemmung erwachsen Licht und Wärme. Die nächste Stufe (auf ihr tritt das
Grundgesetz der Dualität und Polarität zum erstenmal deutlich hervor)
bilden die elektrischen Erscheinungen, deren tieferen Grund Schelling
im Magnetismus sucht. Höchste Form der Polarität ist die chemische
Wirkung des elektrischen Prozesses. Den Übergang zur organischen Welt
bildet endlich der Galvanismus.
Innerhalb der organischen Welt lösen sich die drei Stufen der
Reproduktionsfähigkeit, Reizbarkeit, Sensibilität ab. Je höher die
Entwickelung steigt, desto geringer wird die Reproduktionsfähigkeit,
desto stärker die Sensibilität.
In dieser Stufenleiter vollzieht sich bei Schelling der Übergang vom
Unbewußtesten zum Bewußtesten, die allmähliche Durchgeistigung der
Natur. Wenn Schellings System mehr als ein augenblicklicher Einfall
sein wollte, mußte ein solcher Versuch, die Umbildung aus den niederen
in die höheren Formen zu konstruieren, gewagt werden. An die großartige
Konzeption der Naturphilosophie Schellings reicht diese Deduktion der
einzelnen Stufen ganz gewiß nicht heran. Wie wenig sie Schelling selbst
befriedigte, erhellt aus der Tatsache, daß er die Reihenfolge und die
Übergänge seiner Kategorien der Natur mehrfach verschob.
Schelling wollte ausdrücklich in der angeführten Stufenfolge eine
„Entwickelung“ zeichnen. Er hat sich aber nicht ausgesprochen, ob
dieser Übergang des Unvollkommenen in das Vollkommenere auch eine
historische Tatsache und ein zeitlicher Prozeß sei. Nicht um eine
Deszendenztheorie war es ihm zu tun, nicht eine kausale Erklärung
ist seine Absicht. Die Bedeutung, die dem einzelnen innerhalb des
Ganzen zukommt, möchte er ergründen. Teleologische Betrachtung war
für Kant nur als Mittel zum Zwecke der Auffindung des kausalen
Mechanismus zulässig gewesen; hier wird sie zu einem metaphysischen
Erklärungsprinzip.
Wie nahe Schelling den Konstruktionen der „Ideen“ Herders dabei kam,
dessen war er sich selber vollkommen bewußt. Wenn er auch durch
Kielmeyer sich besonders angeregt fühlte, so führte er doch selber auch
Kielmeyers Gedanken auf Herdersche Impulse zurück (s. oben S. 14).
Daß er auch Goethe aufs tiefste verpflichtet war, ist ihm wohl nur
allmählich im Verkehr mit Goethe klarer und klarer geworden. Durchaus
fremd war Herder und Goethe nur die Fichtesche Betrachtungsweise; nicht
nur der triadische Rhythmus, auch die transzendental-idealistische
Anschauung, die in der Phase der Naturphilosophie Schellings noch
führt und herrscht, die Überzeugung, daß das Ich das Nicht-Ich setze,
daß ohne das Ich von Natur keine Rede sein könne (vgl. E. A. Boucke,
Goethes Weltanschauung S. 187 f.).
Goethe hat trotzdem -- wie er Schelling am 27. September 1800 bekannte
-- sich entschieden zu Schellings Lehre hingezogen gefühlt, in der
er sein eigenes Gedankengut nicht übersehen konnte. „Ich wünsche
eine völlige Vereinigung“, setzte er damals hinzu. In dem Gedicht
„Weltseele“ hat Goethe dann dithyrambisch von der Durchgeistigung
der anorganischen Natur und von dem Aufstieg durch die Natur zur
Geisteswelt gesungen:
Ihr greifet rasch nach ungeformten Erden
Und wirket schöpf’risch jung,
Daß sie belebt und stets belebter werden
Im abgemeßnen Schwung.
Und kreisend führt ihr in bewegten Lüften
Den wandelbaren Flor
Und schreibt dem Stein in allen seinen Grüften
Die festen Formen vor.
Nun alles sich mit göttlichem Erkühnen
Zu übertreffen strebt;
Das Wasser will, das unfruchtbare, grünen,
Und jedes Stäubchen lebt.
Und so verdrängt mit liebevollem Streiten
Der feuchten Qualme Nacht!
Nun glühen schon des Paradieses Weiten
In überbunter Pracht.
Wie regt sich bald, ein holdes Licht zu schauen,
Gestaltenreiche Schar,
Und ihr erstaunt, auf den beglückten Auen,
Nun als das erste Paar.
Die „Deduktion des dynamischen Prozesses“, die Goethe in dem zitierten
Briefe an Schelling sich immer mehr aneignen zu können hoffte, ist hier
ins Dichterisch-Visionäre umgesetzt. Leicht erkennt man in Goethes
Strophen einzelne Phasen der Schellingschen Konstruktion; Goethe führt
sie bis zu der Stufe der Menschheit.
Am 20. Mai 1826 schrieb Goethe an Zelter über dieses Gedicht, es
stamme aus einer Zeit, „wo ein reicher jugendlicher Mut sich noch mit
dem Universum identifizierte, es auszufüllen, ja es in seinen Teilen
wieder hervorzubringen glaubte“. Und er kann ein Vierteljahrhundert
nach der Niederschrift des Gedichtes immer noch der Naturphilosophie
Schellings zubilligen: „Jener kühne Drang hat uns denn doch eine reine,
dauernde Einwirkung aufs Leben nachgelassen; und wie weit wir auch im
philosophischen Erkennen, dichterischen Behandeln vorgedrungen sein
mögen, so war es doch in der Zeit von Bedeutung und, wie ich tagtäglich
sehen kann, anregend und anleitend für manchen.“
Im einzelnen hat der Naturhistoriker Goethe die Schellingschen
„Kategorien der Natur“ nicht verwertet. Er blieb bei der Freude an
der Gesamtanschauung der Naturentwickelung stehen. Kopfschüttelnd
aber betrachten Söhne einer späteren Zeit die kühnen Kombinationen
Schellings, die ja sicher manche wissenschaftliche Entdeckung angeregt
haben, im wesentlichen doch ein ungreifbarer Schemen geblieben sind.
Man muß dieser Tatsache sich bewußt bleiben, will man Hardenbergs
noch kühnere Verknüpfungen nicht von vornherein zu undiskutierbaren
Paradoxen stempeln.
~c~) Der Schlegelianismus der Naturwissenschaften.
Etwas Beunruhigendes mußten ja die naturphilosophischen Kombinationen
Hardenbergs sogar für Schelling haben; und in den Fragmenten, die
1802 aus Hardenbergs Nachlasse in die Welt traten, war manches, was
der Augenblick geboren hatte, was der Augenblick aber auch wieder
vernichten sollte, für alle Zeiten als Denkresultat Hardenbergs
festgenagelt. Schelling war in mühsamer und mehrfach schwankender
Verwertung der neuesten Resultate der „Physik“ zu einem Aufbau
der Natur gelangt, in dem sie von Stufe zu Stufe ein allmähliches
Bewußterwerden zeigte. Menschliches war damit in die Natur
hineingetragen. Novalis und Fr. Schlegel gehen weiter: sie übertragen
nicht nur geistige Qualitäten auf die Natur, sie erblicken auch
Naturprozesse chemischer und elektrischer Art in geistigen Vorgängen;
sie suchen Menschliches zu deuten, indem sie es ins Naturleben
zurückversetzen. Novalis spricht nicht nur von der Toleranz und dem
Kosmopolitismus der Blumen, wirft nicht nur die Frage auf, ob die
Seelen der Pflanzenindividuen nicht vielleicht die ätherischen Öle
seien; er nennt auch Denken eine Muskelbewegung, Witz ist ihm geistige
Elektrizität, Denklehre entspricht der Meteorologie, er fragt: „Sollte
Denken oxydieren, Empfinden desoxydieren?“ (2, 215). Und wie er mit
Vorliebe das Verhältnis der Geschlechter auf die Natur überträgt, so
stellt er umgekehrt die These auf: „Das Weib ist unser Oxygen“ (2,
217). Es sind kühnste Kombinationen des philosophischen Witzes (s.
oben S. 34 f.), Versuche durch bloße Kombination ganz neue Wege der
Wissenschaft zu finden.