Ein hervorstechender Zug dieser romantischen, mit Ironie getränkten

Bildung ist der +Witz+. Ungezählte Spiegelungen des Witzes finden

sich in Fr. Schlegels Aufzeichnungen. Von dem Begriffe des Witzes,

der dem 18. Jahrhundert eignet und sich am besten mit dem Esprit der

Franzosen verbinden läßt, geht es empor zu einer Form des Witzes,

die unentbehrlicher Bestandteil der romantischen Weltanschauung

wird. So kann es im 116. Athenaeumfragment heißen: „Die romantische

Poesie ist unter den Künsten, was der Witz der Philosophie und die

Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist.“ Und das

16. Lyceumfragment stellt Witz neben Genie, Liebe und Glauben, macht

sie nicht zur Sache der Willkür, sondern der Freiheit und verlangt,

daß sie einst Künste und Wissenschaften werden müssen. Das 220.

Athenaeumfragment scheidet den rein poetischen Witz, der eine Erwartung

in nichts auflöst (Fr. Schlegel hat Kants Definition des Lachens,

Kritik der Urteilskraft § 54, im Auge), von dem weit gehaltvolleren

philosophischen Witze. Den Wert des philosophischen Witzes, den Fr.

Schlegel ebenso bei Bacon wie bei Leibniz und Kant zum Vater der

wichtigsten Entdeckungen machen möchte, schätzt er um so höher ein, da

ihm Philosophie nichts anderes ist als der Geist der Universalität,

die Wissenschaft aller sich ewig mischenden und wieder trennenden

Wissenschaften, eine logische Chemie. Eben seine und Hardenbergs

Fragmente sind der beste Beweis, welche Hoffnungen beide auf die

kühnsten Kombinationen einer solchen logischen Chemie gesetzt haben

(vgl. Olshausen S. 49 ff.).

Die romantische Poesie aber enthüllt sich nach den oben dargelegten

Voraussetzungen im 238. Athenaeumfragment als „+Transzendentalpoesie+“.

Wie die Transzendentalphilosophie kritisch ist und mit dem Produkte

auch das Produzierende darstellt und im System des transzendentalen

Gedanken zugleich eine Charakteristik des transzendentalen Denkens

enthält, so verbindet die Transzendentalpoesie „die in modernen

Dichtern nicht seltnen transzendentalen Materialien und Vorübungen zu

einer poetischen Theorie des Dichtungsvermögens mit der künstlerischen

Reflexion und schönen Selbstbespiegelung, die sich im Pindar, den

lyrischen Fragmenten der Griechen und der alten Elegie, unter den

Neuern aber in Goethe findet“. In jeder ihrer Darstellungen soll die

Transzendentalpoesie sich selbst mit darstellen und überall zugleich

Poesie und Poesie der Poesie sein.

+Poesie der Poesie+ -- wieder eins der schwierigen Schlagworte

Fr. Schlegels. Im 238. Athenaeumfragment geht es unzweideutig auf

eine Poesie, die sich selbst zum Gegenstand der Darstellung macht,

in der wir den Dichter selbst am Handwerk sehen. Sofort sollte es

ja eine Lieblingsform romantischer Ironie werden, den Dichter und

das Dichtgeschäft in die Dichtung selbst zu versetzen, durch stete

Zerstörung des geschlossenen Kunstwerks und seiner Illusion, Dichter

und Leser sich über die Dichtung erheben zu lassen. Ein Dichten also

abermals im Sinne der intellektuellen Anschauung Fichtes! Der Dichter

beobachtet sein eigenes Schaffen und bringt es in die Dichtung hinein;

aber auch der Leser soll in voller Freiheit und Bewußtheit die Dichtung

als Dichtung und nur als Dichtung genießen. Die auch von Schiller und

Goethe vertretene Lehre, daß das Kunstwerk keine vollständige Täuschung

hervorbringen, sondern in dem Leser und Zuschauer das Gefühl wach

erhalten solle, daß er Kunst und nicht Wirklichkeit vor sich habe, ward

da bis auf ihre letzte Konsequenz verfolgt (vgl. auch W. Schlegels

Berliner Vorlesungen 1, 262, 15).

Als Poesie der Poesie erschien in diesem Sinne dem Kritiker Fr.

Schlegel Goethes „Wilhelm Meister“, wenn er (Minor 2, 171, 30 ff.)

an ihm beobachtete, daß der Dichter selbst die Personen und die

Begebenheiten so leicht und so launig nehme, den Helden fast nie ohne

Ironie erwähne und auf sein Meisterwerk von der Höhe seines Geistes

herablächle.

Aber Poesie der Poesie bedeutet bei Fr. Schlegel noch etwas anderes

und höheres; und zwar gleich in den Athenaeumfragmenten: „Goethes

rein poetische Poesie ist die vollständigste Poesie der Poesie“ (N.

247). Hier erscheint Poesie der Poesie als Gegensatz zu einer Poesie

der Unpoesie. Hier langt Fr. Schlegel nach der Lösung des schwersten

Problems aller Poetik, der Frage nach dem Wesen des Poetischen. Aber

noch ist er in dieser Fichteschen Phase seiner Theorie nicht imstande,

eine befriedigende Antwort zu geben. Er findet sie später (s. unten S.

59 ff.).

In der Theorie von der romantischen Ironie ist auch die romantische

Lehre vom +Genie+ begründet. Ein unbewußtes, traumhaft instinktiv

schaffendes Genie ist auf solchem Boden nicht denkbar. Alle Vorzüge,

die Fr. Schlegel in seiner objektiven Zeit dem triebartig schaffenden

Künstler nachgerühmt hatte, verlieren an Wert. Der Geniebegriff des

Sturmes und Dranges wird endgültig überwunden. Das Genie muß sich

in der Hand haben, muß fähig sein, sich selbst zu lenken. „Solange

der Künstler... begeistert ist, befindet er sich für die Mitteilung

wenigstens in einem illiberalen Zustande“ (Lyceumfragment 37). Und so

kann Fr. Schlegel nur bedauern, daß es Künstler gibt, die nicht etwa

zu groß von der Kunst denken (denn das sei unmöglich), aber doch nicht

frei genug sind, sich selbst über ihr Höchstes zu erheben (ebenda 87).

Mehr und mehr rückt Subjektivität an die Stelle, die in Friedrichs

erster Periode die Objektivität eingenommen hat. Die Dichter, die

damals als Antipoden der Griechen eine wenig ehrenvolle Rolle gespielt

hatten, kommen nun zu ganz anderer Würdigung, da ja der Wert des

Modernen voll erfaßt ist. Dasselbe Fragment des Athenaeum (247), das

Goethes rein poetische Poesie als die vollständigste Poesie der Poesie

bezeichnet, nennt Dantes prophetisches Gedicht das einzige System

der transzendentalen Poesie und immer noch das höchste seiner Art,

erklärt ferner, Shakespeares Universalität sei wie der Mittelpunkt der

romantischen Kunst, und findet in Dante, Shakespeare und Goethe den

großen Dreiklang der modernen Poesie.

Das „Gespräch über die Poesie“ (1800) hatte nicht viel zu diesem

Urteil hinzuzufügen. Cervantes, Ariost, Sterne, Jean Paul u. a.

dienen nur dazu, das Wesen dieser nun vollauf anerkannten modernen

und romantischen Poesie näher zu erläutern. Nun ergibt sich aber

eine neue Definition des Romantischen: romantisch ist, was uns einen

sentimentalen Stoff in einer phantastischen Form darstellt (Minor

2, 370, 43). Sie gemahnt noch immer an die von Fichte inspirierten

Definitionen der Athenaeumfragmente. Die Hoffnungen, die in dem

Aufsatze „Über das Studium der griechischen Poesie“ auf die

unmittelbare Gegenwart gesetzt worden waren, finden jetzt eine neue

Begründung; und auch hier wird auf den transzendentalen Idealismus

und auf Fichte gezielt. „Die Philosophie gelangte in wenigen kühnen

Schritten dahin, sich selbst und den Geist des Menschen zu verstehen,

in dessen Tiefe sie den Urquell der Phantasie und das Ideal der

Schönheit entdecken und so die Poesie deutlich anerkennen mußte, deren

Wesen und Dasein sie bisher auch nicht geahndet hatte“ (2, 353, 2).

Doch nicht nur an Fichte ist hier gedacht; es melden sich die Männer

an, die die dritte Phase von Fr. Schlegels Theorie wesentlich bedingen:

Schleiermacher, Schelling, Novalis.

II. Die dritte Stufe der romantischen Theorie.

1. Schleiermachers Anstoß.

Im Frühjahr 1799 schloß +Schleiermacher+ seine erste selbständige

Veröffentlichung ab. „Über die Religion. Reden an die Gebildeten

unter ihren Verächtern“ lautet der Titel. Aus Spinozastudien, die

Schleiermacher mit Fr. Schlegel gemeinsam betrieben hatte, ist das

Buch erwachsen; Fr. Schlegel hat, kritisch bemüht, mit großer Sorgfalt

den Druck überwacht. Spinozas Pantheismus oder Akosmismus behauptet,

alles Endliche sei im Unendlichen enthalten. Aus dieser dogmatischen

Behauptung erwächst Schleiermachers religiöse Forderung, in allem

Endlichen das Unendliche zu erblicken. Denn nur im religiösen Vorgang

werde das Unendliche erfaßt; und wenn der Sinn auf das Unendliche

gerichtet werde, entstehe Religion. Schleiermacher gründet seine

Behauptungen auf eine psychologische Analyse des Aktes der Wahrnehmung

und stellt in ihm den Augenblick fest, da im Menschen der Begriff des

Universums und mit ihm ein überströmendes mächtiges Gefühl aufgeht.

Religiös ist in dieser Betrachtungsweise ein Mensch, der von dem

Gefühl der Abhängigkeit vom Universum durchdrungen ist. Religion ist

mithin für Schleiermacher nicht Metaphysik und nicht Moral, sondern

Anschauen des Universums. Eine zwiefache Tendenz waltet: erstens, das

Unendliche, Ewige, Eine von dem Flusse der endlichen Dinge zu trennen,

damit es nicht in dessen Wellen untergehe; zweitens die Gegenwart des

Unendlichen, Ewigen, Einen in den endlichen Dingen zu erfassen und den

Widerstreit des Endlichen und Unendlichen zu lösen.

Auch das Individuelle ist unendlich, ist Ausdruck und Spiegel

des Unendlichen. Individualität im höheren Sinne, menschliche

Individualität entspringt aus der Vermählung des Unendlichen mit dem

Endlichen. Jeder Mensch ist Individualität. In jeder Individualität

sind aber nur die Kräfte gebunden, die das Wesen der Menschheit

ausmachen; daher ist jeder Mensch ein Kompendium der Menschheit. Wenn

der Mensch auch in sich selber das Unendliche gefunden hat, dann ist

die Religion vollendet. Der Strahl, an dem wir aus dem Unendlichen

ausgehen und als einzelne und besondere Wesen hingestellt werden, ist

die Stimme des Gewissens, die jedem seinen besonderen Beruf auferlegt

und durch die der unendliche Wille einfließt in das Endliche.

Selbstanschauung eröffnet uns die Anschauung des Unendlichen.

Selbstanschauung wird mithin zum Organ der sittlichen Bildung. Sie läßt

in der Individualität den Ausdruck und Spiegel des Universums erkennen.

„So oft ich ins innere Selbst den Blick zurückwende, bin ich zugleich

im Reich der Ewigkeit; ich schaue des Geistes Handeln an, das keine

Welt verwandeln und keine Zeit zerstören kann, das selbst erst Welt und

Zeit erschafft“, so heißt es in Schleiermachers „Monologen“ (1800),

die von der Betrachtung der Religion zur Formung seiner ethischen

Überzeugungen weiterschreiten.

Selbstanschauung und Anschauung des Universums sind Wechselbegriffe.

Nur aus der Selbstanschauung entspringt die volle und wahre Anschauung

des Universums; und allein vom Standpunkte des Universums aus wird das

Selbst in seinem wahren Wert als ewiger Gedanke gefaßt (Dilthey, Leben

Schleiermachers S. 314).

Ist aber jede menschliche Individualität ewiger Ausdruck und Spiegel

des Universums, so ergibt sich als Mittelpunkt des sittlichen

Vorganges Anschauung und Bejahung des ewigen Selbst mitten im Fluß von

vergänglichem Handeln und Leiden.

Selbstanschauung ist das Gewissen des freien Menschen. An dieser

Stelle berührt sich mit Schleiermachers Lehre von der Religion seine

Ethik. Ihr Kern ist: Ein Anspruch aller, die Menschenantlitz tragen,

besteht, daß das in ihnen angelegte Ideal freien Spielraum und freudige

Förderung erlange, daß Sinn und Liebe ihm begegnen und es tragen

(Dilthey S. 454). Vollendung des freien individuellen Willens ist die

Absicht dieser Ethik. „Immer mehr zu werden, was ich bin, das ist mein

einziger Wille; jede Handlung ist eine besondere Entwicklung dieses

+einen+ Willens. Begegne dann, was da wolle!“

Zu reifer Vollendung ist Schleiermachers Ethik in seinem posthumen

„Entwurf eines Systems der Sittenlehre“ gediehen. Die Forderungen

der „Monologen“ kehren wieder, wenn hier die sittliche Aufgabe des

Menschen in der vollendeten Ausbildung des Individuums gesucht wird,

das in dem Gleichgewichte seiner verschiedenen Kräfte sein inneres

Leben auszuleben hat. Jeder Mensch hat eine individuelle Aufgabe und

erfüllt sie in einer persönlichen Durchbildung, die alle Momente des

gemeinsamen Kulturlebens auf den einheitlichen Zweck der individuellen

Vollendung zu beziehen hat. Das Sittengesetz offenbart sich so als

innerlich notwendige Funktion des intelligenten Wesens. Nicht wie

bei Kant steht es mit dem Naturgesetze in prinzipiellem Gegensatz.

Den Entwickelungsgedanken der Leibniz, Herder und Schelling ethisch

deutend, läßt Schleiermacher +eine+ Linie der Vervollkommnung aus der

Natur in die Geschichte übergehen. Das Ideal ist nicht Vernichtung der

niederen Zwecke, sondern ihre harmonische Ausgleichung mit den höheren.

Eine gewisse Verwandtschaft mit Schillers Versuch, den Rigorismus Kants

zu mildern, ist nicht zu verkennen.

Aber nicht die Beziehung zu Schiller fällt hier in Betracht. Ebenso

kann die oben (S. 12) angedeutete Verwandtschaft mit Herder jetzt

übergangen werden. Auch der Fichteschen Anregung, die vor allem in

dem Begriff der Selbstanschauung sich zeigt, und der überraschenden

Verwandtschaft der Ethik Schleiermachers mit der von Fichtes

gleichzeitiger „Bestimmung des Menschen“ sei hier nicht näher gedacht.

Wichtiger ist zu ergründen, wie weit Schelling auf Schleiermachers

„Reden“ gewirkt hat. Denn von den Reden ist eine so mächtige Wirkung

auf die romantischen Genossen ausgeübt worden, daß nur bei schärfster

Beobachtung Schleiermachers Anteil an der romantischen Theorie von

dem Anteil Schellings zu trennen ist. Das Problem des Unendlichen,

des Universums tritt fortan in die erste Linie der Diskussion bei den

romantischen Genossen. Von dieser Stelle aus gehen die Versuche, den

Menschen mit dem Absoluten in enge Verbindung zu setzen. Schleiermacher

weist einen der Wege, auf denen im romantischen Sinne dem Menschen das

Absolute zugänglich wird (s. oben S. 23 f.).

2. Schelling und die Romantiker.

~a~) Ästhetische Weltanschauung und Organismusbegriff.

Drei Phasen von +Schellings+ Philosophie sind für die Geistesgeschichte

der Romantik von Wichtigkeit: erstens seine Naturphilosophie, dargelegt

besonders in den „Ideen zu einer Philosophie der Natur“ (1797), in

der Abhandlung „Von der Weltseele, eine Hypothese der höheren Physik“

(1798), und in dem „Entwurf eines Systems der Naturphilosophie“

(1799); zweitens sein ästhetischer Idealismus, den seine Schrift

„System des transzendentalen Idealismus“ (1800) vorträgt; drittens

sein Identitätssystem, das zunächst in dem Aufsatze „Darstellung

meines Systems der Philosophie“ (1801), dann aber auch in einer Reihe

ergänzender Aufsätze auseinandergesetzt wurde. Auf der ersten Stufe

verknüpft Schelling Fichtes Wissenschaftslehre mit Herders und Goethes

vitalistischer Naturauffassung, auf der zweiten wendet er sich resolut

ins Ästhetische und gelangt zu Resultaten, die an Schillers Spekulation

gemahnen, die dritte Stufe ist von Spinoza bedingt.

Schellings +Naturphilosophie+ faßt die Natur als ein großes System

auf, das aus der Vernunft hervorgegangen ist. Die Natur wird als die

unbewußte Form des Vernunftlebens genommen, der die Tendenz eignet,

die bewußte Form zu erzeugen. Die Natur ist die Odyssee, in der nach

mancherlei Irrwegen der Geist zuletzt schlafend seine Heimat, d. h.

sich selbst findet. Philosophische Naturerkenntnis betrachtet diesmal

den ganzen Naturprozeß als ein zweckmäßiges Zusammenwirken von Kräften,

die von den niedersten Daseinsstufen zu den höchsten des animalischen

Lebens und des Bewußtseins führen. Die Natur muß dazu als ein großer

Organismus gedacht werden, dessen Teile die Aufgabe haben, Leben und

Bewußtsein hervorzurufen. Die Philosophie der Natur wird zur Geschichte

des werdenden Geistes, die verschiedenen Stufen des Naturlebens sind

als „Kategorien der Natur“ gefaßt, als die notwendigen Zwischenformen,

in denen die Vernunft aus dem Unbewußten ins Bewußte weiterschreitet.

Die Natur ist mithin die werdende Intelligenz. Die Entwickelung, die

sie zu durchlaufen hat, betrachtet das Einzelding nur als notwendiges

Mittel, nicht als Selbstzweck. Das Einzeldasein in der Natur ist

ein vorübergehender Augenblick, in dem das Wechselspiel der Kräfte

zum Stillstand kommt, um gleich wieder zu beginnen. In der Natur

besteht ein Antagonismus entgegengesetzter Kräfte. Grundform alles

natürlichen Geschehens ist aber nicht nur Dualismus und Polarität,

sondern auch Synthese dieser antagonistischen Momente. Damit wird

Fichtes triadischer Rhythmus von Thesis, Antithesis und Synthesis

zum Prinzip der Deduktion der Naturphilosophie. Zugleich wird ein

Lieblingsgedanke Goethes (s. oben S. 19) verwertet: Der Magnet als

untrennbare Vereinigung entgegengesetzt wirkender Kräfte erscheint

in Schellings Auge als der Typus der ganzen Naturkonstruktion.

Diese Naturanschauung ist dynamisch wie die Kants. Was als Seiendes

erscheint, ist ein Produkt des Tuns. Nicht ein Aggregat von Atomen

in mechanischen Beziehungen, sondern das einheitliche Leben einer

Urkraft ist das System der Natur. Die Denker, die von einer Weltseele

sprachen, deren lebendige Entfaltung das Universum sei, haben ähnliches

gemeint. Schellings Weltseele indes ist etwas anderes, ist das Ich,

das aus dem unbewußten Triebe zum bewußten Leben kommen will und das

durch alle Gestalten der anorganischen und organischen Natur zu dieser

Selbsterfassung emporsteigt.

Der ethischen Metaphysik Kants und Fichtes war der Gegensatz von

Natur und Geist unentbehrlich geblieben, obgleich auch sie die

Vernunftbedingtheit der Natur anerkennen mußten. Schelling machte

diesem Widerspruch ein Ende, indem er die Natur zu einem Vernunftprozeß

stempelte.

Die Naturphilosophie ist die Lehre vom Werden des Ich, der

+transzendentale Idealismus+ die Lehre vom Ich selbst. Weder im

Theoretischen noch im Praktischen kommt das Ich zu seiner höchsten

Entwickelung; da wie dort ist es einseitig. Nur in der ästhetischen

Funktion des Ich ist die Einseitigkeit jener beiden Tätigkeitsformen

aufgehoben. Denn das Genie ist die bewußtlos-bewußte Tätigkeit des

Ich; sein Produkt, die Kunst, ist die vollendete Darstellung vom Wesen

des Ich. Die Kunst zeigt das volle Gleichgewicht der bewußtlosen und

der bewußten Tätigkeit, das sonst in der Erfahrung nicht möglich, nur

in der Unendlichkeit denkbar ist. In der Kunst allein decken sich

sinnliche und geistige Welt; denn das Genie ist die Intelligenz,

die als Natur wirkt. So wird die Kunst zum höchsten Organon der

Philosophie; denn sie löst das Problem, an dem das philosophische

Denken arbeitet. Jedes wahre Kunstwerk ist eine zur vollkommenen

Ausgestaltung gelangte Erscheinung der absoluten Welteinheit. In ihm

ist der Gegensatz des Denktriebes und des Willenstriebes aufgehoben.

Die Kunst ist die Vollendung des Weltlebens, sie ist die reifste

Erscheinung des Ich, das den Urgrund aller Wirklichkeit bildet.

Das ästhetische Moment ist also für die Weltauffassung Schellings

bestimmend geworden.

In Schellings +Identitätssystem+ wird endlich die Stufe voll anerkannt,

zu der die Natur sich in den früheren Phasen seines Denkens allmählich

emporgerungen hat. Sie war durch seine Behandlung selbständig geworden

und stand dem Ich ebenbürtig gegenüber. Natur und Ich verlangen nunmehr

nach Ableitung aus einem gemeinsamen Grunde. Spinozas Lehre legte

Schelling nahe, in Natur und Geist die beiden Erscheinungsweisen des

Absoluten zu erkennen; und wie Spinoza nennt er das Absolute bald Gott.

Das Absolute ist bei Schelling weder ideal noch real, weder Geist

noch Natur, sondern die absolute Identität oder Indifferenz beider

Bestimmungen. Wie der ganze Magnet weder Nordmagnetismus noch

Südmagnetismus, sondern beides ist und in seinem Mittelpunkte ihre

Indifferenz enthält, so ist das Absolute die ungeschiedene Vereinigung

aller Gegensätze. Zugleich enthält das Absolute die Möglichkeit,

sich zu differenzieren und zu einem System der verschiedenen

Erscheinungen zu werden. In Schellings Anschauung entwickelt sich

die absolute Vernunft in zwei Reihen; in der einen überwiegt die

Natur, in der anderen der Geist. In keiner dieser differenzierten

besonderen Erscheinungen kommt das Absolute zu voller Darstellung: im

menschlichen Organismus z. B. überwiegt noch das physische, im besten

Werke eines Künstlers das ideelle Moment. Vollkommene Entfaltung der

absoluten Vernunft ist deshalb nur im Universum, in der Totalität der

Erscheinungen, möglich. Das Universum ist mithin der vollkommenste

aller Organismen und das vollkommenste Kunstwerk, es ist die Identität

des absoluten Organismus und des absoluten Kunstwerkes.

Die Naturphilosophie der Renaissance hat gleichfalls das Universum

als einen Organismus und als ein Kunstwerk betrachtet. Darum machte

Schelling 1802 den größten italienischen Naturphilosophen Giordano

Bruno zum Anwalt seiner Lehre, die Wahrheit und Schönheit gleichsetzte,

und entwickelte seinen ästhetischen Pantheismus in dem Dialog: „Bruno

oder über das natürliche und göttliche Prinzip der Dinge.“

Auf dieser dritten Stufe hat Schellings Philosophie die Fichtesche Form

abgetan; er geht nicht weiter vom Ich aus, sondern von der Natur, also

von dem, was früher von dem Ich realisiert wurde. Die Natur verlangt

jetzt, unabhängig vom subjektiven Bewußtsein erkannt zu werden. --

Selbstverständlich kommen für die Frage, wie weit Schleiermachers

„Reden“ und „Monologen“ von Schelling abhängig sind, nur Schriften der

ersten Phase, also aus der Zeit der Naturphilosophie, in Betracht.

Schleiermacher hat sie früh gelesen. Aber gewiß konnte er aus ihnen

nicht entnehmen, was Schelling nachmals mit deutlicher Beziehung

auf Schleiermacher als Verdienst der Naturphilosophie in Anspruch

genommen hat: die Erklärung der Welt unter Voraussetzung wahrhafter

Realität der in Raum, Zeit und Bewegung geordneten Außenwelt. Schelling

bezeichnete später den, der „die Erklärung der Welt damit beginnt, daß

er einen beträchtlichen Teil derselben gleich als nicht existierend

erklärt“, als einen „Chirurgen, der ein Glied, das er heilen soll,

lieber gleich abschneidet, weil dieses doch der kürzeste Weg sei,

jemand von der Ungelegenheit, die es ihm verursacht, zu befreien“.

Schleiermachers Ausgangspunkt, von dem aus er seine realistische

Freude am Endlichen sich erobert, ist die Religion. Und dieser

Ausgangspunkt war Schelling fremd. Noch mehr: Schellings Realismus

kommt in der dritten Phase, im Stadium der Identitätsphilosophie,

zum Durchbruch. Mag er sich früher schon vorbereiten, vielleicht

sogar ankündigen, ganz gewiß hat Schleiermacher +vor+ Schelling

seinen Realismus bekannt; vielleicht hat er -- neben anderen --

Schelling dadurch den Weg gewiesen. Wie Schleiermacher beschäftigt

sich Schelling allerdings schon in seinen ersten Schriften mit dem

Problem der sichtbaren Gegenwart des Unendlichen im Endlichen. Beide

sind bemüht, den Weg von dem einen Pol zum anderen zu finden. Abermals

aber gewinnt man den Eindruck, als ob der transzendentale Idealismus

und die Identitätsphilosophie Schellings der Anschauung Schleiermachers

näher ständen und die Frage, wie in endlicher Darstellung das

Unendliche festzuhalten sei, stärker in den Vordergrund schöben,

als die Naturphilosophie. Vielleicht ist dies unter Schleiermachers

Einfluß so geworden. Ganz gewiß vollzieht sich indes in Schellings

Urteil über Individualität eine Wandlung, die ihn Schleiermacher

näher bringt; mindestens bekannte sich noch die Naturphilosophie zu

einem Kredo, das der Individualität weit weniger günstig ist als

Schleiermachers Persönlichkeitslehre. Daneben waltet freilich eine

starke Übereinstimmung zwischen den „Reden“ Schleiermachers und der

„Weltseele“ Schellings in der Art und Weise, wie alles besondere Dasein

aus verschiedenen Mischungsverhältnissen der Gegensätze abgeleitet

wird. Und an dieser Stelle kann Schleiermacher von Schelling gefördert

worden sein.

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 4 / 17 段