Nicht dem kühlen, bedächtigen Denker eignen solche Hoffnungen; wären

die Romantiker, Schelling eingeschlossen, nicht Poeten gewesen, sie

hätten nie den Enthusiasmus besessen, der zu ihrer Lehre vom Erleben

des Ewigen gehört. Solchen Enthusiasmus verherrlicht Friedrich Schlegel

schon am 21. Juli 1791 in einem Briefe an den Bruder Wilhelm, und

Goethes „An Schwager Kronos“ zitierend, bekennt er: „Wenn wir im

Ernst alles Enthusiasmus unfähig sind, dann ist es die rechte Zeit

zur Abfahrt.“ Je näher die Frühromantik dem Unendlichen zu kommen

glaubt, desto häufiger erscheint der Begriff Enthusiasmus in Friedrich

Schlegels Äußerungen. In den letzten Aufsätzen des „Athenaeums“

kehrt er immer wieder. Novalis hat sogar den Gedanken einer „Kultur

des Enthusiasmus“ (3, 44) gefaßt. Die vierte These endlich, die Fr.

Schlegel am 14. März 1801 vor der Jenenser Fakultät vertrat, lautete:

„~Enthusiasmus est principium artis et scientiae.~“

I. Die erste und zweite Stufe der romantischen Theorie.

1. Friedrich Schlegels klassizistische Anfänge.

Völlig selbstverständlich ist, daß eine Gruppe von Schriftstellern,

der die Lebensfragen in erster Linie der Betrachtung stehen, in ihren

ästhetischen Betätigungen immer von neuem das Daseinsproblem aufwerfen

wird. Zu den unvereinbaren Widersprüchen der Romantik scheint zu

gehören, daß sie, wenn sie Kunst treibt, dies um der Kunst willen

tut, während doch im Hintergrunde stets die im vorigen Abschnitt

entwickelten Lebensfragen stehen. Nur höchst selten kann man die

Romantik bei einseitiger Verwertung der Formel ~l’art pour l’art~

antreffen. Zwar weigert sie sich wie der Klassizismus energisch, die

Kunst zur Dienerin unkünstlerischer Zwecke zu machen. Da sie indes die

Grenzen der Poesie ins Unendliche zu erweitern scheint, das ganze Leben

ins Poetische umzusetzen und die Poesie ins Leben hineinzutragen sucht,

ergibt sich ihr von selbst die Notwendigkeit, in poetischem Gewande das

Leben zu deuten.

Auch dann, wenn der junge Friedrich Schlegel literar- und

kulturhistorische Konstruktionen errichtet, spürt man deutlich,

daß ihm eigentlich und in erster Linie die Probleme romantischer

Lebensauffassung vorschweben. Friedrich Schlegel ist auch als Kultur-

und Literarhistoriker ein Pionier der romantischen Weltanschauung;

aber er ist so lange dem inneren Aufbau der Geschichte der Menschheit

und ihrer Poesie nachgegangen, daß andere, zunächst Schleiermacher,

Schelling und Novalis vor ihm an die Lösung der Aufgaben herantreten

konnten, die er selbst längst, zunächst in den Briefen an seinen

Bruder, formuliert hatte. Mindestens empfängt er viele seiner eigenen

Ideen, nachdem sie von anderen weitergebildet und schärfer erfaßt

waren, aus fremder Hand wieder, ehe er sie öffentlich darlegt. Und

darum hat ihm lange der Vorwurf angehangen, er sei nur der eifrige, oft

übereifrige Verwerter fremden Gutes gewesen, kein durchaus origineller

Geist -- eine Rolle, die tatsächlich nicht er, sondern sein Bruder

Wilhelm spielte.

Die romantische Theorie wurde von Friedrich Schlegel zunächst

literarästhetisch ausgebaut. Er möchte der Winckelmann der griechischen

Literatur werden; er liefert neben einer Fülle kleinerer Versuche

das großgedachte Fragment seiner „Geschichte der Poesie der Griechen

und Römer“ (1798). Dabei will er aber nicht nur charakterisieren

und beschreiben. Von Anfang an ist er auf systematisch-konstruktive

Historik aus. Die geschichtsphilosophischen Probleme, die dem 18.

Jahrhundert in erster Linie durch Rousseau ans Herz gelegt worden

waren, finden bei ihm Berücksichtigung und neue Lösungsversuche.

Rousseau hatte, nicht immer und nicht in seinen reifsten Kundgebungen,

aber in seinen wirksamsten Jugendaufsätzen eine überkultivierte Welt

zur Einfachheit des primitiven Daseins zurückgerufen. Auf lange Zeit

hinaus drehte sich die Geschichtsphilosophie dank Rousseaus Anstoß nur

um dies eine Problem. Das Glück der primitiven Gesellschaftsordnung

oder vielmehr -unordnung erschien sofort den deutschen Denkern wenig

glaubhaft. Der deutsche Idealismus verzichtete vollends früh darauf,

den Menschen zu einem zweifelhaften kulturlosen Glück zurückführen

zu wollen und suchte ihn im Gegenteil zu kulturell höherer geistiger

Vollkommenheit zu leiten. Kant, Fichte, Schiller, aber auch Hemsterhuis

wiesen diese Wege. Nicht Glück, sondern sittliche Güte, nicht ein

geistloses, goldenes Zeitalter der Vergangenheit, sondern ein

geisterfülltes der Zukunft wollte man erzielen (vgl. Säkularausgabe

11, S. LXII f.).

Dabei mußte freilich im Sinne Rousseaus zugestanden werden, daß

die Kultur den Menschen zwiespältig und einseitig gemacht habe. Es

blieb, wollte man diesen Nachteil nicht ruhig hinnehmen, nur übrig,

die verlorene Harmonie zum Zukunftsbild, zu einem Ideal zu machen,

dem der Mensch rastlos zuzustreben habe, das er aber niemals ganz

erreichen könne. Diese kulturhistorische Konstruktion deckt sich mit

den ethischen Theorien, die der Romantik wie dem Klassizismus eigen

sind. Oben (S. 17 ff.) ist dargelegt worden, wie die Romantik, bewußt,

volle Harmonie nie ganz erzielen zu können, in dem Reichtum eines

widerspruchsvollen, von Gegensatz zu Gegensatz eilenden Lebens Ersatz

für die Allseitigkeit der Harmonie suchte. So hätte es dem Romantiker

Friedrich Schlegel nahe gelegen, sofort für die zwar zwiespältige, aber

geistig reichere Beweglichkeit moderner Kultur gegen die schlichtere

Harmonie alter Kultur Partei zu nehmen. Merkwürdigerweise steht der

Romantiker in seinem Aufsatz „Über das Studium der griechischen Poesie“

(1797) gerade auf entgegengesetztem Standpunkte. Nicht aus Eigenem

ist er zu gerechterer Würdigung der modernen Kultur gelangt, sondern

zunächst durch Schillers Anregung. Er durchläuft, ehe er dieser

Anregung nachgibt, eine Periode „revolutionärer Objektivitätswut“;

und nur nachdem er sie überwunden hatte, ist in ihm der Romantiker zu

vollem Bewußtsein erwacht.

Der Aufsatz „Über das Studium der griechischen Poesie“ ist, wie die

Skizzen „Über die Grenzen des Schönen“ und „Vom Wert des Studiums

der Griechen und Römer“ bemüht, das Verhältnis antiker und moderner

Kunst und Kultur zu bestimmen. Dieselbe Aufgabe suchten in der zweiten

Hälfte des 18. Jahrhunderts unter dem Impulse von Winckelmanns Deutung

der Antike nicht nur Herder, Goethe, Schiller, W. v. Humboldt, auch

Garve, Forster, Bouterweck und viele andere zu lösen. An die Stelle

von Rousseaus Gegenüberstellung eines primitiven, aber harmonisch

glücklichen Naturlebens und der vereinseitigenden, glückraubenden

Kultur trat in den Erörterungen über antik und modern die Antithese

antiker Harmonie und moderner Zwiespältigkeit. Winckelmanns Auffassung

von der edlen Einfalt und stillen Größe des Griechentums hatte es

ermöglicht, in Rousseaus Antithese für die primitive Harmonie der

Urvölker die künstlerisch geadelte Harmonie Griechenlands einzusetzen,

die ein würdigeres Vorbild für den hochgebildeten Sohn des 18.

Jahrhunderts darstellte, als die Geistesarmut der Primitiven. Die

seelischen Vorzüge der Primitiven, zunächst die volle Harmonie,

blieb diesem idealisierten Naturvolke alter Griechen bewahrt. Dabei

erblickte man die Griechen der Zeit des Sophokles und Pheidias auf

einer Stufe unbewußt triebartiger Kunst, die einer Gleichstellung

der Griechen und der Primitiven Rousseaus noch stärker entgegenkam.

Friedrich Schlegel legte wie Schiller, von diesen Voraussetzungen

ausgehend, Kants historischen Maßstab an die Antiken und Modernen und

fand dort „Natur“, hier „Kunst“, d. h. Künstlichkeit. Er nahm diese

Prädikate so ernst, daß er in dem Aufsatze „Vom Wert des Studiums der

Griechen und Römer“ der antiken Kulturentwickelung die Bewegung des

Kreislaufes, der modernen ein dauerndes Fortschreiten zugebilligte.

Denn naturgemäße, organische Entwickelung vollzieht sich nach Herder in

kreisförmiger Bahn, in der bewußten künstlichen Entwickelung hatte Kant

die Notwendigkeit fortwährenden Aufwärtssteigens gefunden.

Wenn aber Friedrich Schlegel antik und modern vergleicht, konstruiert

er nicht bloß, vielmehr sucht er das Wesen beider Arten in

anschauender Betrachtung zu ergründen. Und da gelangt er, ganz im

Sinne einer feinen Bemerkung Goethes (Italienische Reise, 17. Mai

1787) und wahrscheinlich angeregt von einer Beobachtung Bouterwecks,

zu der Erkenntnis, daß in der modernen Poesie ein Übergewicht des

Individuellen, Charakteristischen und Philosophischen herrsche, daß

sie auf das Interessante, Pikante und Frappante ausgehe. Sobald das

Interessante als auszeichnende Eigenheit der modernen Poesie erkannt

war, konnte Friedrich Schlegel nach Kants „Kritik der Urteilskraft“

erklären, daß moderne Poesie überhaupt mit dem Schönen nichts zu

tun habe; denn nach Kant erweckt das Schöne ein interesseloses

Wohlgefallen. So blieb der antiken Poesie allein das Vorrecht, der

Welt des Schönen anzugehören. Die moderne erschien ihr gegenüber als

manieriert; der Ausdruck entstammt einem Aufsatze Goethes aus der Zeit

nach Italien (Jubiläumsausgabe 33, 54 ff.). Und gleichfalls Goethischem

Sprachgebrauch entnommen ist es, wenn dieser manierierten Poesie des

Interessanten die klassische Poesie als objektiv entgegengestellt

wurde. Auch Chr. Gottfr. Körner, Schillers Freund, der damals ganz

unter dem Eindrucke von Goethes Ästhetik steht, liebt den Terminus

objektiv; von Körner hat Friedrich Schlegel in seiner Frühzeit starke

Impulse erfahren. Endlich enthüllte sich die griechische Poesie in

ihrer historischen Entwickelung, eben wegen ihrer Naturgemäßheit,

wegen ihres organischen, durch keinerlei fremde Absichten getrübten

Aufstiegs als „ewige Naturgeschichte des Geschmacks und der Kunst“.

Dem Griechentum und seiner Poesie war durch diese Ableitung eine

ausgezeichnete Sonderstellung zugewiesen, wie sie in gleicher Höhe kurz

vorher und wahrscheinlich unter W. v. Humboldts Einwirkung Schillers

Briefe „Über die ästhetische Erziehung“ (1795) gefordert hatten. Es war

darum nicht ganz gerecht von Schiller, wenn er in den „Xenien“ über

Fr. Schlegels Graekomanie spottete und die tiefere Wahrheit, die er

der Welt verkündet hatte, von Fr. Schlegel auf den Kopf gestellt sah.

Wohl aber hatte Schiller selbst inzwischen seinen Standpunkt geändert.

Die Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ (1795/6)

erwog, welche Vorzüge trotz aller Bedeutung und Größe antiker Kunst und

Dichtung dem modernen Dichter übrigblieben; und sie fand diese Vorzüge

in der höheren geistigen Kultur, in dem stärker entwickelten Vernunft-

und Ideenmenschentum des modernen sentimentalischen gegenüber dem

antiken naiven Poeten.

Denn der Proportion Fr. Schlegels: „antik zu modern wie objektiv zu

interessant“ entspricht Schillers Proportion „antik zu modern wie

naiv zu sentimentalisch“. Irregeleitet durch die Erscheinungsdaten

der stoffverwandten Arbeiten Schillers und Schlegels hat man

fälschlich gemeint, Fr. Schlegel habe lediglich Schillers Aufstellung

weitergetrieben. Tatsächlich ist seine Konstruktion längst fertig

gewesen, ehe er Schillers Abhandlung las. Ferner aber geht Schillers

Proportion nicht wie die Schlegels auf die künstlerische Qualität

und den ästhetischen Eindruck antiker und moderner Dichtung; sondern

Schiller bleibt bei dem Naturgefühl stehen, das bei dem antiken

Dichter, eben weil er nach der Ansicht des 18. Jahrhunderts auf

dem Naturstandpunkt steht, ein naives, bei dem modernen, der aus

seiner zwiespältigen Kultur heraus nach der harmonischen Einheit der

Natur sich sehnt, ein sentimentalisches ist. Gesehen ist das aus

der Stimmungswelt des 18. Jahrhunderts, das in hervorragender Weise

sentimental, d. h. von Sehnsucht nach der Natur erfüllt war.

Der sentimentalische Sehnsuchtsmensch indessen ist aufs innigste

verwandt mit dem romantischen, sehnsuchterfüllten Vernunftmenschen.

Die künstlerische Bedeutung dieser Art Menschen und Dichter wird in

Schillers Abhandlung festgestellt. Und Fr. Schlegel erfuhr durch

Schiller, daß er den Sentimentalischen, den Modernen, die er zu

Vertretern des Interessanten, des Nichtschönen gestempelt hatte,

nicht gerecht geworden war. Der Romantiker hatte die Gruppe, zu der

die Romantiker selber zählen, schlechter behandelt als der Klassiker

Schiller. Und so bleibt Schiller das Verdienst, daß er der Romantik zur

Selbstbesinnung und zur Erkenntnis ihrer eignen Bedeutung verholfen

hat. Denn wirklich verschwindet Fr. Schlegels „Objektivitätswut“

sofort, und er tritt gleich nach der Veröffentlichung seiner Abhandlung

„Über das Studium der griechischen Poesie“ rückhaltslos auf die Seite

der Modernen, der Romantiker.

Freilich darf nicht übersehen werden, daß all die scharfen Worte, mit

denen Fr. Schlegel die Interessanten und Modernen in seiner Arbeit

bedenkt, nur verkappter Liebe entstammen. Eben weil sie ihm innerlich

doch näher stehen, verfährt er mit ihnen so grausam. Gehören doch seine

Lieblinge Dante und Shakespeare zu ihnen. Wohl weist er beiden eine

Ausnahmestellung unter den Modernen zu: Dantes „kolossalisches Werk“

ist ihm ein „erhabnes Phänomen in der trüben Nacht jenes eisernen

Zeitalters“, Shakespeare ist der „Gipfel der modernen Poesie“ (Minor

1, 98. 108). Doch Dante werden die „gothischen Begriffe des Barbaren“

vorgeworfen und von Shakespeare heißt es: „Wer seine Poesie als schöne

Kunst beurteilt, der gerät nur in tiefere Widersprüche... Wie die

Natur Schönes und Häßliches durcheinander mit gleich üppigem Reichtum

erzeugt, so auch Shakespeare. Keins seiner Dramen ist in Masse schön;

nie bestimmt Schönheit die Anordnung des Ganzen.“ Diese Nachteile hat

Fr. Schlegel rasch als Vorteile empfinden gelernt. Aber auch jetzt

ist er schon von bester Hoffnung für die neueste und die kommende

deutsche Poesie erfüllt. Die Hoffnung stützt sich auf „ein merkwürdiges

und großes Symptom“, auf Goethes Poesie, die in seinen Augen die

„Morgenröte echter Kunst und reiner Schönheit“ (ebenda S. 114) ist.

Wie das gemeint ist, zeigt Friedrichs Brief an Wilhelm vom 27. Februar

1794: „Das Problem unsrer Poesie scheint mir die Vereinigung des

Wesentlich-Modernen mit dem Wesentlich-Antiken; wenn ich hinzusetze,

daß Goethe, der erste einer ganz neuen Kunstperiode, einen Anfang

gemacht hat, sich diesem Ziele zu nähern, so wirst du mich wohl

verstehen“ (S. 170).

Auch diese Briefstelle offenbart, wie Fr. Schlegel zu Anfang an dem

klassischen Harmonieprinzip viel zu stark festhält, als daß ihm die

freie Bewegung zwischen den Gegensätzen, dieser echt romantische

Zug, begehenswert erscheinen könnte: wenn schon nicht harmonische

Objektivität, so doch Harmonie von antiker Objektivität und moderner

Subjektivität -- so meint er es 1794. Auch da berührt er sich aufs

innigste mit Schiller. Fichte war es vorbehalten, ihn zu neuen

Ansichten zu leiten.

2. Fr. Schlegels Bekenntnis zum Romantischen. Romantische Poesie,

romantische Ironie, Transzendentalpoesie.

Im Handumdrehen gewinnt Fr. Schlegel nach seinem „manierierten Hymnus

in Prosa auf das Objektive in der Poesie“ (Lyceumfragment 7) den

romantischen Standpunkt. Schiller verhilft ihm zu dieser Wendung, aber

ebensoviel Dank schuldet er +Fichte+.

Die oben (S. 19 ff.) entwickelten Fichteschen Elemente des

frühromantischen Glaubensbekenntnisses mußten notwendig einer

höheren Einschätzung der modernen Poesie dienen. Fichtes Begriff der

„intellektuellen Anschauung“ hob die Bedeutung des bewußten, mit voller

Selbstbestimmung schaffenden Dichters. Volle Freiheit und Beweglichkeit

des Menschen wurde gleichfalls durch Fichte nahegelegt. Wohl faßte

Fichte all das ethisch weit rigoristischer auf als die Romantiker;

sie aber fanden nur eine Stütze ihrer proteischen Wandelbarkeit und

der Leichtigkeit, mit der sie von Pol zu Pol schwebten, wenn Fichtes

Vorlesungen „Über die Bestimmung des Gelehrten“ (1794) behaupteten:

„Alles Vernunftlose sich zu unterwerfen, frei und nach seinem eigenem

Gesetze es zu beherrschen, ist letzter Endzweck des Menschen; welcher

letzte Endzweck völlig unerreichbar ist und ewig unerreichbar bleiben

muß, wenn der Mensch nicht aufhören soll, Mensch zu sein, und wenn er

nicht Gott werden soll... Aber er kann und soll diesem Ziele immer

näher kommen; und daher ist die Annäherung ins Unendliche zu diesem

Ziele seine wahre Bestimmung als Mensch.“ Im 116. Athenaeumfragment

hat Fr. Schlegel 1798 alle diese Kriterien von dem Menschen auf

die romantische Poesie übertragen: die romantische Poesie ist eine

progressive Universalpoesie, sie ist noch im Werden; ja das ist ihr

eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann.

Keine Theorie kann sie erschöpfen und nur eine divinatorische Kritik

dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist

unendlich, wie sie allein frei ist und als ihr erstes Gesetz anerkennt,

daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Punkt für

Punkt kehren die Forderungen wieder, die Fichte an den Menschen und

an seine progressive Universalbetätigung stellt -- freilich mit jenem

Zusatz, der strenge Selbstzucht in freie Willensbetätigung umwandelt.

In demselben Fragment wird aber auch Fichtes intellektuelle Anschauung

zur Bestimmung des Wesens romantischer Poesie verwertet, die Reflexion

des denkenden und handelnden Menschen über sein Denken und Handeln,

die Fähigkeit, wie in einem Spiegel sich selbst zu betrachten. Denn

die romantische Poesie kann nach Fr. Schlegel am meisten zwischen dem

Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen

Interesse, auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte

schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer

endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Diese Poesie intellektueller

Anschauung gestattet vor allem dem romantischen Dichter, sich

jederzeit über sein Werk und über sein eigenes Schaffen zu erheben und

kritischen Blickes beide zu betrachten; sie gestattet mit einem Worte:

+romantische Ironie+.

Schon die „Geschichte der Poesie der Griechen und Römer“ gedenkt

der sokratischen Ironie, die „das Heiligste mit dem Fröhlichen und

Leichtfertigen zu verweben pflegt“ (Minor 1, 239, 15). Das 108.

Lyceumfragment definiert genauer: sie ist die einzige durchaus

unwillkürliche und doch durchaus besonnene Verstellung. Wer sie nicht

hat, dem bleibt sie auch nach dem offensten Geständnis ein Rätsel.

In ihr soll alles Scherz und alles Ernst sein, alles treuherzig

offen und tief verstellt. Sie enthält und erregt ein Gefühl von dem

unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten. Sie ist

die freieste aller Lizenzen, denn durch sie setzt man sich über sich

selbst weg. „Es ist ein sehr gutes Zeichen, wenn die harmonisch Platten

gar nicht wissen, wie sie diese stete Selbstparodie zu nehmen haben,

immer wieder von neuem glauben und mißglauben, bis sie schwindlicht

werden, den Scherz grade für Ernst und den Ernst für Scherz halten.“

Weiter deutet den Begriff das 42. Lyceumfragment: Die Poesie kann sich

durch Ironie bis zur Höhe der Philosophie erheben. „Es gibt alte und

moderne Gedichte, die durchgängig im ganzen und überall den göttlichen

Hauch der Ironie atmen. Es lebt in ihnen eine wirklich transzendentale

Buffonerie. Im Innern, die Stimmung, welche alles übersieht und sich

über alles Bedingte unendlich erhebt, auch über eigne Kunst, Tugend

oder Genialität; im Äußeren, in der Ausführung die mimische Manier

eines gewöhnlichen guten italienischen Buffo.“ Noch ausführlicher

entwickelt der Aufsatz „Über die Unverständlichkeit“ (2, 392 f.) die

vorzüglichsten Arten der Ironie.

Es liegt auf der Hand, daß die romantische Ironie mit Fichtes

intellektueller Anschauung aufs innigste verbunden ist und mit der

Forderung, sich über sich selbst zu erheben, die von der Romantik aus

Fichtes Formel abgeleitet wird (s. oben S. 19 f.). Zugleich aber ist

die romantische Ironie Ergebnis des resignierten Bewußtseins, daß der

Vernunftmensch sein metaphysisches Bedürfnis nie ganz befriedigen, daß

er, im Endlichen befangen, niemals das Unendliche ausschöpfen kann.

Zwischen dem Unendlichen und jedem Versuche, es in Worte zu fassen,

bleibt auch für den Romantiker vorläufig noch eine unübersteigliche

Kluft bestehen. Der Geist des Menschen wird sich seiner

Unzulänglichkeit bewußt und mit weiser Selbstbeschränkung bringt er

seine Aussprüche in eine Form, die allein schon diese Unzulänglichkeit

zugesteht; das Zugeständnis der steten Unzulänglichkeit aber bleibt

der beste Beweis, daß der Mensch nicht in eitler Selbstbespiegelung

verharrt, sondern durch seinen Geist über die Schwächen seines Denkens

hinausgehoben wird. Es ist -- fichtisch gesprochen -- ein äußerstes und

letztes Mittel, durch sein Ich des Nicht-Ich Herr zu werden. Darum kann

Fr. Schlegel sagen, daß die Selbstbeschränkung für den Künstler und

für den Menschen das Notwendigste und das Höchste sei (Lyceumfragment

37). „Das Notwendigste: denn überall, wo man sich nicht selbst

beschränkt, beschränkt einen die Welt; wodurch man ein Knecht wird.

Das Höchste: denn man kann sich nur in den Punkten und an den Seiten

selbst beschränken, wo man unendliche Kraft hat, Selbstschöpfung und

Selbstvernichtung.“

Aus solcher Selbstbeschränkung erwächst durch romantische Ironie das

Bewußtsein unbeschränktester geistiger Freiheit. Indem der Romantiker

scheinbar sich ganz preisgibt, gelangt er zu höchster Beweglichkeit

und uneingeschränktester Selbstbestimmung. Es ist die höchste Stufe

freiester Menschlichkeit, die Schillers Briefe „Über die ästhetische

Erziehung des Menschen“ ins Auge fassen, wenn sie in der Betätigung

des Spieltriebes die reinste und stärkste Äußerung menschlichen Wesens

erkennen, wenn sie behaupten, daß der Mensch nur da ganz Mensch ist,

wo er spielt. Romantische Ironie wandelt die schwierigsten geistigen

und seelischen Denkprozesse auch in ein Spiel. Schillers Theorie vom

Spieltrieb aber wurzelt genau wie die Lehre von der romantischen

Ironie in Fichtes Denken.

Die romantische Ironie ermöglicht dem Menschen, frei und ungebunden

über den Dingen zu schweben. Die uneingeschränkte Beweglichkeit, die

den romantischen Proteusnaturen unentbehrlich ist, wird durch sie

gewahrt. Durch sie wird der Romantiker zur „Urbanität“ erzogen und

jeder „Illiberalität“ entzogen. Das Bildungsproblem der Romantik erhält

hier seinen eigensten Charakter: die von den Klassikern angestrebte

Harmonie ist nie völlig zu erreichen; man nähere sich ihr also durch

freieste Beweglichkeit. Und so fordert das 55. Lyceumfragment: „Ein

recht freier und gebildeter Mensch müßte sich selbst nach Belieben

philosophisch oder philologisch, kritisch oder poetisch, historisch

oder rhetorisch, antik oder modern stimmen können, ganz willkürlich,

wie man ein Instrument stimmt, zu jeder Zeit und in jedem Grade.“

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 3 / 17 段