Aus der romantischen Naturphilosophie ist endlich noch die Erfüllung

eines Wunsches des jungen Herder erwachsen. In der dritten Sammlung

der „Fragmente über die neuere deutsche Literatur“ hatte er einst

die Möglichkeit einer +neuen Mythologie+ erwogen. Angeregt hatte ihn

ein unwillig polterndes Wort Hamanns: „Mythologie hin, Mythologie

her! Poesie ist eine Nachahmung der schönen Natur -- und Nieuwentyts,

Newtons und Buffons Offenbarungen werden doch wohl eine abgeschmackte

Fabellehre vertreten können? -- -- Freilich sollten sie es tun, und

würden es auch tun, wenn sie nur könnten. -- Warum geschieht es denn

nicht? -- Weil es unmöglich ist, sagen eure Poeten“ (Schriften,

herausgegeben von F. Roth, 2, 280). Klarer und genauer hatte Herder

verlangt, aus dem „Ozean von Erfindungen und Besonderheiten“, der

uns umfließt, aus der „neuen Welt der Entdeckungen“, die uns umgibt,

eine neue Mythologie zu schöpfen. Auch später tauchte der Gedanke bei

Herder wieder auf. Friedrich Schlegel und Schelling haben dann in der

Naturphilosophie, die ja gleichfalls mit den neuesten Entdeckungen

der Naturwissenschaft arbeitete, den Quell einer neuen künstlerischen

Symbolwelt gefunden, und Novalis hat in dem Märchen des „Ofterdingen“

mit dieser neuen Mythologie als erster dichterisch zu wirken sich

bemüht.

Daß die Frühromantiker der Herderschen Anregungen nicht mit

vollerem Danke gedachten, hatte noch einen besonderen Grund. Der

+Organismusgedanke+ enthüllt sich mehr und mehr als der Schlüssel

der romantischen Weltanschauung. Eben den Organismusgedanken

hat Herder bilden geholfen, aber nur Schelling scheint das ganz

erkannt zu haben. Die anderen Frühromantiker schrieben dieses

Verdienst vor allem auf +Goethes+ Rechnung. Wirklich gingen sie

dabei nicht fehl; nähere Betrachtung des allmählichen Werdens der

Idee, vor allem ihrer Evolution im Laufe des 18. Jahrhunderts,

lehrt, daß Goethe hier mindestens gleich starken Anteil wie Herder

hatte (vgl. Jubiläumsausgabe von Goethes Werken 36, S. XXXV ff.).

Die Frühromantiker, die im Gegensatz zu Schelling nicht von der

naturhistorischen, sondern von der ästhetischen Seite zunächst an den

Organismusbegriff herantraten, fanden ihn für ihre Zwecke deutlicher

entwickelt in Kundgebungen Goethes aus der Zeit nach der italienischen

Reise; am nächsten lag ihnen die von Goethe inspirierte Schrift „Über

die bildende Nachahmung des Schönen“ (1788) von +Karl Philipp Moritz+.

So stattete Wilhelm Schlegel denn in den Berliner Vorlesungen (1,

102 f.) in fast überschwenglicher Weise allen Dank an Moritz ab; ja

er verschwieg hier nicht nur Herders Verdienst um das Problem, auch

Goethe ward nicht genannt. „Die gesamte Natur ist... organisiert“,

heißt es hier, „aber das sehen wir nicht; sie ist eine Intelligenz wie

wir, das ahnden wir nur und gelangen erst durch Spekulation zur klaren

Einsicht. Wird nun Natur in dieser würdigsten Bedeutung genommen, nicht

als eine Masse von Produkten, sondern als das Produzierende selbst und

der Ausdruck Nachahmung ebenfalls in dem edleren Sinne, wo es nicht

heißt, die Äußerlichkeiten eines Menschen nachäffen, sondern sich die

Maximen seines Handelns zu eigen machen, so ist nichts mehr gegen den

Grundsatz einzuwenden, noch zu ihm hinzuzufügen: die Kunst soll die

Natur nachahmen. Das heißt nämlich, sie soll wie die Natur selbständig

schaffend, organisiert und organisierend, lebendige Werke bilden, die

nicht erst durch einen fremden Mechanismus, wie etwa eine Penduluhr,

sondern durch inwohnende Kraft, wie das Sonnensystem, beweglich sind.“

Knapp und populär ist hier der romantische Organismusgedanke in seiner

ästhetischen Anwendung, zugleich aber auch in seiner Schellingschen

Begründung zum Ausdruck gebracht. Und ohne Einschränkung wird Moritz

zugebilligt, daß er allein in diesem höchsten Sinne den Grundsatz der

Nachahmung für die Künste aufgestellt habe. Dennoch war Moritz nur

einer unter vielen, die an dem werdenden Gedanken des organischen

Kunstwerks gearbeitet hatten. Wilhelm Schlegel nennt indes ihn allein;

und dabei gebraucht er den Vergleich des Künstlers mit Prometheus, der

auch die Natur nachahmte, „als er den Menschen aus irdischem Ton formte

und ihn mit einem von der Sonne entwandten Funken belebte“ -- einen

Vergleich, der seit Shaftesbury mit dem ästhetischen Organismusproblem

gern verknüpft wird (vgl. Jubiläumsausgabe 36, S. XXXIV ff.) und Goethe

besonders geläufig war.

Doch auch Schelling fand bald in Goethes naturwissenschaftlichen

Arbeiten reichere Anregung als bei Herder. Kielmeyer, den er auf

Herder zurückzuführen sich berechtigt fühlte, steht ja selber Goethes

Anschauungen weit näher als denen Herders (vgl. E. A. Boucke, Goethes

Weltanschauung auf historischer Grundlage, 1907, S. 237 ff.). Und so

wurde von ästhetischer wie von naturwissenschaftlicher Seite Goethe

zuletzt überall da zum alleinigen Anreger der Romantiker gestempelt, wo

Herder mitschaffend nach gleichen Zielen gerungen hatte.

3. Romantische Grundbegriffe: Proteisches, Magie, Sehnsucht nach dem

Absoluten.

Zwei frühromantische Lieblingsideen weisen auf Shaftesbury und über

ihn auf Plato zurück: der Gedanke des harmonischen Menschen und der

Gedanke des Organismus, angewandt auf Natur und Kunst. Beide Ideen

sind dem Klassizismus und der Romantik gemein. Beide scheinen Gewähr

zu leisten, daß die Romantik ihr Dasein auf ebenso festem und sicherem

Grunde aufbaue wie der Klassizismus. Einheitliche, ausgeglichene

Persönlichkeiten, Menschen, deren Innenleben die innere Sicherheit

eines Naturprozesses an sich hat: dies ist als das Endziel romantischer

Lebenskunst gedacht. Wie kam es, daß die Romantiker in ihren äußeren

und inneren Lebenseigenheiten oft das gerade Gegenteil solcher in sich

ruhender Festigkeit darstellen?

Der Frühromantiker ist philosophisch viel zu gut geschult, als daß er

meinen könnte, das Ziel der Harmonie je zu erreichen. Wie Schiller

weiß auch Friedrich Schlegel, daß die seelische Harmonie ein Ideal

darstelle, dem man sich wohl nähern, in dessen Besitz man indes nie

gelangen kann. Die moderne Kulturwelt ist zu reich an Gegensätzen,

als daß der einzelne aus vollem Bewußtsein heraus zu jenem inneren

Ausgleich kommen könnte, der einst wie ein Geschenk des Himmels dem

Menschen zugefallen war. Da jedoch Harmonie Verbindung und Verknüpfung

der Gegensätze ist, meint der Romantiker dem Ideal der Harmonie näher

zu kommen, wenn er von einem Gegensatz zum anderen sich wendet und

ebenso rasch zum ersten zurückkehrt. Eben dieses Hin- und Herpendeln

zwischen den Extremen verpönt die klassische Ethik. Der Romantiker

hingegen glaubt auf solche Weise am besten der Gefahr der Einseitigkeit

zu entgehen, die zu meiden ja auch dem Klassizismus heiliges Gebot

war. Und so wird er zum Proteus, zum prinzipiellen Dualisten. Am 8.

Februar 1802 begründete Friedrich Schlegel seine Reise nach Frankreich

dem Freunde Schleiermacher gegenüber mit dem paradoxen und doch echt

romantischen Bekenntnis: „Aber sage mir, wie du so gegen unsere Reise

nach Frankreich sein kannst? Oder weißt du nicht, wie tief das mit

meinem Innersten zusammenhängt, und daß dieser Dualismus des Lebens,

den ich da suche, mir so gefehlt hat und ebenso notwendig ist, als

der Dualismus in meiner Kunst und meinem Wissen? Ich kann nur zwei

entgegengesetzte Leben leben oder gar keins.“ Schleiermachers Antwort

scheint gegen solche Verherrlichung des Widerspruchs scharf aufgetreten

zu sein. Dennoch zog Fr. Schlegel auch hier nur mit der ihm eigenen

Konsequenz die letzte Folgerung aus einem seiner Glaubenssätze.

Vergleicht ihn doch Wilhelm einmal mit einem Maulwurf, der sich immer

tiefer einwühle und von dem man nicht wissen könne, ob er nicht

unvermutet einmal bei den Antipoden zum Vorschein komme. Er selber aber

erblickt in Widersprüchen das Kennzeichen aufrichtiger Wahrheitsliebe

und Vielseitigkeit. Das ist romantisch; denn auch Tiecks William Lovell

erklärt, er sei wandelbarer als Proteus oder ein Chamäleon. Zugrunde

liegt all dem das Bewußtsein, daß Widersprüche nicht ausbleiben können,

wenn man immer feiner und feiner differenziert. Es kündigt sich Hegels

Philosophie und ihre Lehre vom Widerspruch, von dem steten Umschlagen

der Thesis in die Antithesis an; sie war vorbereitet, seitdem Kant,

Fichte und Schiller ihre Leser gewöhnt hatten, Gegensätze aufstellend

und zu einer höheren Einheit verbindend in triadischem Rhythmus zu

denken. Friedrich Schlegel verwertet selbst sehr früh die Kantischen

Kategorien Einheit, Vielheit, Allheit zu ethischer Spekulation und

möchte den Menschen von der Einheit zu ihrem Gegenpol, der Vielheit

führen, um ihn so der Allheit zu nähern (an Wilhelm, Oktober 1793,

S. 124). -- Noch in seinen philosophischen Vorlesungen von 1804/06

(Windischmann 1, 76. 93 f. 108) arbeitet er mit diesen Begriffen.

Sein Schüler Adam Müller tritt 1804 mit einem Buch „Die Lehre vom

Gegensatze“ auf den Plan. Auch Schellings Naturphilosophie kann den

Begriff des Gegensatzes nicht entbehren, für den sie die Formel der

Polarität -- wie Goethes naturwissenschaftliche Forschung -- benutzt.

Goethe selbst verwendet den Begriff der Polarität seit 1792, also

unabhängig von Schelling, vielmehr wahrscheinlich von Kant angeregt

(vgl. E. A. Boucke, Goethes Weltanschauung, S. 220 ff. 244 ff.).

Ob Schelling den Gedanken von Goethe übernommen hat, ist nicht mit

Sicherheit zu erweisen.

Menschlich liegt all dieser Verherrlichung des Gegensatzes, diesem

proteischen Wesen der Romantik das faustische Bewußtsein zugrunde:

„Wie ich beharre, bin ich Knecht.“ Volle Bewegungsfreiheit will sich

die Seele erhalten. Eine unendliche Bestimmbarkeit, die auch in den

Augen Schillers ein Vorzug ist, bleibt dem Menschen, der proteisch

sich wandeln kann, am sichersten gewahrt. „Ewig“, sagt Joël (S.

174), „ist nur der Wechsel; das Leben schwingt periodisch, und alles

Fühlen erschöpft sich in einer Richtung und drängt zu Umschlag und

Wiederumschlag... Die romantische Seele, das ist die Seele, die sich

ganz vom gesteigerten Lebensgefühl tragen läßt; sie ist wie ein in

rauschenden, glitzernden Wassern sich drehendes Rad.“

In letzter Linie aber ruht die proteische Beweglichkeit der

romantischen Seele auf dem Bewußtsein, sich jeden Augenblick über

sich selbst erheben zu können. In diesem Bewußtsein wurzelt auch die

romantische Ironie. Novalis sagt einmal, der Adel des Ich bestehe in

freier Erhebung über sich selbst. Fichtes Lehre von der intellektuellen

Anschauung hat die romantischen Genossen angeleitet, dem Spiele ihres

eigenen Ich jederzeit betrachtend zuzusehen. Dem 18. Jahrhundert war es

aber längst schon eigen gewesen, das Ich in ein beobachtendes und ein

beobachtetes zu zerspalten. Der Romantiker bleibt nur -- und das ist

das Neue -- nicht bei der Beobachtung stehen, sondern schreitet weiter,

sucht willkürlich und mit vollem Bewußtsein das Ich zu lenken, zu

stimmen, anzutreiben, in jede beliebige Situation zu versetzen. Fichtes

intellektuelle Anschauung wird für Novalis unter der Hand zu einer

Magie, die dem Menschen ermöglicht, sich auch physisch zu bestimmen.

Fichte definiert in der zweiten Einleitung in die Wissenschaftslehre

(Sämtliche Werke 1, 463), die intellektuelle Anschauung sei das

unmittelbare Bewußtsein, daß ich handle, und was ich handle: sie

ist das, wodurch ich etwas weiß, weil ich es tue. „Ich kann keinen

Schritt tun, weder Hand noch Fuß bewegen, ohne die intellektuelle

Anschauung meines Selbstbewußtseins in diesen Handlungen; nur durch

diese Anschauung weiß ich, daß ich es tue, nur durch diese unterscheide

ich mein Handeln und in demselben mich von dem vorgefundenen Objekte

des Handelns.“ Novalis billigt Fichte zu, er habe den tätigen Gebrauch

des Denkorgans gelehrt und entdeckt (Minor 2, 193); aber er fragt

sich auch sofort, ob Fichte die Gesetze des tätigen Gebrauchs der

Organe überhaupt entdeckt habe. Er meint, auf dieselbe Art, wie wir

unser Denkorgan in beliebige Bewegung setzen, wie wir die Bewegungen

des Denkorgans in Gebärden äußern, in Handlungen ausprägen, auf eben

dieselbe Art müssen wir auch die inneren Organe unseres Körpers

bewegen, hemmen, vereinigen und vereinzeln lernen. Er denkt an die

Möglichkeit, eine willkürliche Herrschaft über einzelne, gewöhnlich

der Willkür entzogene Teile unseres Körpers zu erlangen. Er hält es

nicht für ausgeschlossen, daß der Mensch dann, wahrhaft unabhängig

von der Natur, imstande sein werde, verlorene Glieder zu restaurieren

und sich bloß durch seinen Willen zu töten. Kühne, überschwengliche

Hoffnungen erheben sich hier; der freien Selbstbestimmung des Menschen

werden weiteste Grenzen gezogen. Der Mann, der sich mit diesem Gedanken

getragen hat, ist selbst lange Zeit energisch bemüht gewesen, durch

den bloßen Willen zu sterben. Konnte die willkürliche Bestimmbarkeit

im romantischen Sinne, konnte der Wunsch, sich über sich selbst zu

erheben, dem Spiele der eigenen Seele zuzuschauen und es nach Willen zu

lenken, weiter getrieben werden? Und dennoch glaubte Novalis nur die

Gedanken Fichtes weiter zu denken, dann wohl auch die von Hemsterhuis.

Fichtes Lehre vom Ich, das das Nicht-Ich setzt, begegnet zustimmend

und bekräftigend sich in Hardenbergs Kopfe mit der Anschauung

seines Lieblingsphilosophen Hemsterhuis, daß die Wirklichkeit das

schöpferische Resultat unserer inneren und äußeren Organe sei. Unter

diesen Organen steht bei Hemsterhuis an erster Stelle das moralische

Organ. Den ~moral sense~ der Engländer aufnehmend, deutet das

moralische Organ auf Lockes innere Erfahrung; zugleich aber ist es der

Keim einer unendlichen Verbesserungsmöglichkeit des Menschen und einer

Annäherung an die Gottheit. Die Hoffnungen, die Hemsterhuis auf das

moralische Organ setzte, haben Novalis sehr eingeleuchtet. Er nennt sie

einmal (3, 182) „echt prophethisch“, ein andermal bucht er (3, 379),

augenscheinlich lebhaft interessiert, Hemsterhuis’ „Mutmaßungen von der

Perfektibilität und dem unendlich möglichen Gebrauch dieses Sinns“. Die

beiden philosophischen Theorien, die dem Menschen eine so große Macht

über die Erscheinungswelt liehen, haben Novalis immer mehr in seiner

Neigung bestärkt, die Ekstase zum Maßstab der menschlichen Kraft und

der Wirkungen menschlichen Willens zu machen. Er wird zum Magier im

strengsten Sinne des Wortes und stützt sich dabei auf die idealistische

Philosophie seiner Zeit; darum nennt er sein System „magischen

Idealismus“. Nur ein Dichter konnte so halsbrecherische Pfade des

Denkens wandeln und für Willenseffekte halten, was lediglich Werk der

Phantasie war. Daß da überall die Spuren des geheimen inneren Dranges

zu künstlerischer, genialer Schaffenstat zu bemerken seien, hebt sehr

richtig W. Olshausen hervor (Friedrich v. Hardenbergs Beziehungen zur

Naturwissenschaft seiner Zeit. Leipzig 1905, S. 70 f.). So ist denn

Novalis von der Philosophie zur Dichtung zurückgekehrt. Als Dichter

konnte er dem grenzenlosen Drange genügen, bestimmend und bedingend die

Wirklichkeit zu formen. Sobald er diese Tatsache erkannt hatte, wurde

ihm Philosophie und Poesie ein und dasselbe. Die Ästhetisierung der

Philosophie, die bei Friedrich Schlegel und besonders bei Schelling ein

Glaubenssatz von entscheidender Wichtigkeit wird, gewinnt aber auch

bei Novalis nicht etwa den Charakter einer Resignation. „Die Poesie

ist das echt absolut Reelle. Dies ist der Kern meiner Philosophie.

Je poetischer, je wahrer“, sagt er einmal (3, 11). Und ein andermal:

„Der poetische Philosoph ist ~en état de Créateur absolu~. Ein Kreis,

ein Triangel werden schon auf diese Weise kreiert. Es kommt ihnen

nichts zu, als was der Verfertiger ihnen zukommen läßt“ (3, 376).

Der Philosoph vergibt sich nichts und verzichtet auf nichts, wenn er

Poet wird. Denn Poesie ist Wahrheit. Einst hatte A. G. Baumgarten

Leibnizische psychologische Konstruktionen auf das Ästhetische

angewendet und die Kunst zu einer Vorstufe der Erkenntnis gemacht.

Schillers „Künstler“ trieben den Gedanken weiter und suchten darzutun,

daß der Mensch nur durch das Morgentor des Schönen in der Erkenntnis

Land dringe. Novalis aber ebenso wie Schelling schätzt die Poesie noch

weit höher ein; nicht bloß eine propädeutische Bedeutung komme ihr zu,

sie ist nicht nur ein Weg zur Erkenntnis, sondern Erkenntnis selbst.

Ein sehr dunkles und unklares Fragment (3, 176) sucht die Sphären der

beiden Begriffe abzugrenzen. Philosophie und Poesie verhalten sich

wie System und Leben. Der Poesie wird dabei nachgerühmt, sie schaffe

„die höchste Sympathie und Koaktivität, die innigste Gemeinschaft des

Endlichen und Unendlichen“.

Die „innigste Gemeinschaft des Endlichen und Unendlichen“ ist, was

der Romantiker vor allem anstrebt. Die Anschauung, daß Poesie das

„absolut Reelle“ sei, daß sie der Wahrheit gleichkomme, deutet nicht

bloß auf die philosophische Überzeugung, hinter den Dingen, hinter den

Erscheinungen der Sinnenwelt liege die wahre Welt. Sondern sie erkennt

in der Poesie tatsächlich ein Mittel, das Absolute zu erfassen. Hier

komme wirklich im Endlichen das Unendliche zur Geltung, hier werde das

Absolute zum Erlebnis.

Wilhelm Schlegel formuliert den romantischen Grundgedanken in den

Berliner Vorlesungen (1, 90): „Man halte das Unendliche nicht etwan

für eine philosophische Fiktion, man suche es nicht jenseits der Welt:

es umgibt uns überall, wir können ihm niemals entgehen; wir leben,

weben und sind im Unendlichen. Freilich haben wir seine Gewähr nur in

unsrer Vernunft und Phantasie; mit den äußern Sinnen und dem Verstande

können wir es nie ergreifen, denn diese bestehen eben nur durch ein

beständiges Setzen von Endlichkeiten und Verneinen des Unendlichen.“

In seinen Vorlesungen über „Philosophie der Geschichte“ (2, 155) hat

der alte Friedrich Schlegel 1828 beinahe strafend und rügend das Wesen

des Romantischen nach seiner mittelalterlichen ersten Erscheinungsform

in der Neigung zum Extrem oder dem Hange zum Absoluten gesucht, mag

dieser sich im Herrschen, Entscheiden und Glauben, überhaupt im

Willen oder im Wissen, Denken und Dichten offenbaren. Jetzt ist der

Hang zum Absoluten in seinen Augen ein mit der Liebe auch alles Leben

verwirrender und verschlingender Abgrund geworden, der das Mittelalter

von einem Extrem zum anderen fortriß. In seiner Jugend hat er so stark

wie Novalis diesem Hange nachgelebt; und auch ihm bedeutete damals all

sein Ringen nach dem Absoluten im Innersten nur den Wunsch, dieses

Absolute in irgendeiner Form und an irgendeiner Stelle zu erhaschen und

es in Erlebnis umzusetzen.

Der tiefste Grund all dieses Ringens und Strebens ist das Bewußtsein,

daß dem Menschen eine Bestimmung gegeben ist, die über die Grenzen des

Erdendaseins hinausreicht. Sehnsüchtig blickt der Romantiker über das

Erdendasein hinweg und sucht den Weg vom Endlichen zum Unendlichen.

Schon am 17. Mai 1792 bekennt Friedrich Schlegel seinem Bruder (S.

46) seine Sehnsucht nach dem Unendlichen. Und schon in diesen Tagen

verknüpft er diese Sehnsucht mit dem Begriff der Liebe. Das Herz

meine das unendliche Gut, das ihm fehle, im Geliebten zu finden:

diese Sehnsucht, diese Liebe gestattet dem Menschen ins Absolute und

Ewige hinüber zu greifen. Der Begriff der Sehnsucht ist in seiner

philosophischen Bedeutung ähnlich von Fichte erfaßt worden. Fichte

umschreibt ihn in der „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“

(1794, S. 303) als den „Trieb nach etwas völlig Unbekanntem, das sich

bloß durch ein Bedürfnis, durch ein Mißbehagen, durch eine Leere,

die Ausfüllung sucht, und nicht andeutet, woher? -- offenbart“.

Dieses Sehnen ist für Fichte Voraussetzung aller Erkenntnis und aller

Sittlichkeit; es ist die ursprüngliche, völlig unabhängige Äußerung

des im Ich liegenden Strebens. In der Feststellung dieser Sehnsucht

hat Fichte der Romantik das Mittel gegeben, ihr innerstes Wesen zu

erkennen. Denn in dem Drang des Vernunftmenschen nach dem Unendlichen

und Ewigen hat sich ja von Anfang an ein Kennzeichen der romantischen

Generation ergeben. Romantisch ist es fernerhin, daß der Vernunftmensch

sich dieser Zusammenhänge vollinhaltlich bewußt ist. Diesen Drang

nach dem Ewigen, dieses metaphysische Bedürfnis findet der Romantiker

da überall wieder, wo er Sehnsucht empfindet. Und so rückt denn auch

Liebe in den Kreis des metaphysischen Bedürfnisses hinein; zunächst

eine geistige Liebe im Sinne Platos und Plotins, eine Begeisterung

für das Erkennen, ein geistiger Zeugungstrieb, bestrebt, uns dem

Göttlichen zu nähern, eine sehnsuchtsvolle Liebe zum Göttlichen, eine

religiöse Liebe zum Unendlichen, wie Schleiermacher sie vertritt.

Diese mystische und der Mystik sehr geläufige Liebe bleibt aber nicht

bloß innerhalb der Grenzen des Religiösen stehen. Auch die Liebe des

Mannes zum Weibe gesellt sich hinzu. Und so erweitert sich romantische

Sehnsucht zu einem allumschlingenden Drange, der Erkenntnis, Religion

und Leidenschaft verknüpft. Darum führt Novalis’ Märchen von Hyazinth

und Rosenblütchen den Liebenden in die Arme der Geliebten, wenn er

das verschleierte Bild von Sais zu enthüllen, die volle Wahrheit zu

erkennen strebt. Darum konnte Novalis in dem Traume von der blauen

Blume alle romantische Sehnsucht nach dem Absoluten symbolisch

darlegen. All das aber liegt schon in Friedrichs Brief an Wilhelm vom

17. Mai 1792 vorgedeutet, der die Sehnsucht nach dem Unendlichen zu

einem Beweggrund der Liebe stempelt. In dieser romantisch gefaßten,

religiös gefärbten Liebe zu Gott und zum Weibe kommt die Sehnsucht des

Romantikers nach dem Absoluten zur Ruhe. Das Unendliche wird mithin

nach romantischem Glaubensbekenntnisse von der Vernunft gefordert und

gedanklich analysiert, von der Poesie veranschaulicht und in der Liebe

zum Erlebnis. Ein Glaubensbekenntnis der Sehnsucht, die über alles

Erdendasein in unermeßliche Weiten hinauszufliegen sich anschickt, der

aber in dieser Welt doch zweifach Erfüllung und Stillung werden kann:

durch Poesie und durch Liebe. Liebe ist dabei im göttlichen und im

menschlichen Sinne gefaßt, ist ebenso religiöse Liebe zu Gott wie rein

menschliche Liebe zum Weib.

Schon in diesen vorläufigen Ausführungen kennzeichnet sich die

Entwickelungsbahn, die von den Romantikern durchlaufen worden ist.

Ihr Verlangen nach der Erfassung des letzten Grundes, aus dem die

Welt erwachsen ist, stößt zunächst auf die festgefügten Mauern, in

denen Kant die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit gezogen

hat. Sie erfahren, daß ihre heiße Sehnsucht nach dem Ewigen und

Unendlichen Sehnsucht bleiben soll. Aus dieser Enttäuschung erwächst

die Lehre von der romantischen Ironie; sie bedeutet, daß der Romantiker

des unüberbrückbaren Gegensatzes seiner metaphysischen Ansprüche

und ihrer Erfüllung stets bewußt bleibt. Dennoch hält er Umschau

nach den Mitteln, die ihn dem Ewigen näher bringen können. Nun soll

die Stärke seines Geistes nicht länger nur auf das Bewußtsein sich

beschränken, daß er mehr will und fordert, als ihm je geschenkt wird.

Von verschiedenen Seiten vielmehr bieten sich Mittel und Wege, das

Absolute zu ergreifen. Liebe, religiös und geschlechtlich gefaßt,

und Poesie lassen den Romantiker das Absolute erleben. In der Liebe

und in der Poesie verschlingt sich das Zeitliche mit dem Ewigen, das

Endliche mit dem Unendlichen. Jetzt wird der romantische Ironiker

zum Seher und Propheten. Nun zeigt sich der „Adleroptimismus mit der

Devise ~Ascendam~“, von dem Ricarda Huch (1, 112) spricht und dem

sie nachrühmt, er mache die Romantik so ewig jung und herrlich. „Sie

zweifelten nicht, daß sie, wenn auch hundertmal geblendet und gelähmt,

einmal das Antlitz der Sonne berühren würden.“

Deutsche Romantik: Eine Skizze · 第 2 / 17 段