Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net
####################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1908 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
Das vollständige Verzeichnis der Reihe „Aus Natur und
Geisteswelt“, auf welches zu Beginn des Bandes hingewisen wird,
kann als eigenständiger Katalog auf Projekt Gutenberg eingesehen
werden: https://www.gutenberg.org/ebooks/53614. Am Ende des
vorliegenden Buches finden sich lediglich diejenigen Anzeigen, die
ausschließlich in diesem Band abgedruckt wurden.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes
Zeichen.
####################################################################
[Illustration]
Ein vollständiges Verzeichnis der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt“
befindet sich am Schluß dieses Bandes.
Die Sammlung
„Aus Natur und Geisteswelt“
die nunmehr auf ein mehr denn zehnjähriges Bestehen zurückblicken
darf und jetzt 240 Bände umfaßt, von denen 60 bereits in zweiter bis
vierter Auflage vorliegen, verdankt ihr Entstehen dem Wunsche, an
der Erfüllung einer bedeutsamen sozialen Aufgabe mitzuwirken. Sie
soll an ihrem Teil der unserer Kultur aus der Scheidung in Kasten
drohender Gefahr begegnen helfen, soll dem Gelehrten es ermöglichen,
sich an weitere Kreise zu wenden, dem materiell arbeitenden Menschen
Gelegenheit bieten, mit den geistigen Errungenschaften in Fühlung zu
bleiben. Der Gefahr, der Halbbildung zu dienen, begegnet sie, indem sie
nicht in der Vorführung einer Fülle von Lehrstoff und Lehrsätzen oder
etwa gar unerwiesenen Hypothesen ihre Aufgabe sucht, sondern darin, dem
Leser Verständnis dafür zu vermitteln, wie die moderne Wissenschaft es
erreicht hat, über wichtige Fragen von allgemeinstem Interesse Licht
zu verbreiten. So lehrt sie nicht nur die zurzeit auf jene Fragen
erzielten Antworten kennen, sondern zugleich durch Begreifen der zur
Lösung verwandten Methoden ein selbständiges Urteil gewinnen über den
Grad der Zuverlässigkeit jener Antworten.
Es ist gewiß durchaus unmöglich und unnötig, daß alle Welt sich
mit geschichtlichen, naturwissenschaftlichen und philosophischen
Studien befasse. Es kommt nur darauf an, daß jeder Mensch an einem
Punkte sich über den engen Kreis, in den ihn heute meist der Beruf
einschließt, erhebt, an einem Punkte die Freiheit und Selbständigkeit
des geistigen Lebens gewinnt. In diesem Sinne bieten die einzelnen, in
sich abgeschlossenen Schriften gerade dem „Laien“ auf dem betreffenden
Gebiete in voller Anschaulichkeit und lebendiger Frische eine
gedrängte, aber anregende Übersicht.
Freilich kann diese gute und allein berechtigte Art der Popularisierung
der Wissenschaft nur von den ersten Kräften geleistet werden; in den
Dienst der mit der Sammlung verfolgten Aufgaben haben sich denn aber
auch in dankenswertester Weise von Anfang an die besten Namen gestellt,
und die Sammlung hat sich dieser Teilnahme dauernd zu erfreuen gehabt.
So wollen die schmucken, gehaltvollen Bände die Freude am Buche
wecken, sie wollen daran gewöhnen, einen kleinen Betrag, den man für
Erfüllung körperlicher Bedürfnisse nicht anzusehen pflegt, auch für die
Befriedigung geistiger anzuwenden. Durch den billigen Preis ermöglichen
sie tatsächlich jedem, auch dem wenig Begüterten, sich eine kleine
Bibliothek zu schaffen, die das für ihn Wertvollste „Aus Natur und
Geisteswelt“ vereinigt.
Leipzig, 1908. B. G. Teubner.
Aus Natur und Geisteswelt
Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen
232. Bändchen
Deutsche Romantik
Eine Skizze
von
~Dr.~ Oskar F. Walzel
ord. Professor der deutschen Sprache und Literatur
an der Königl. Technischen Hochschule zu Dresden
[Illustration]
Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig 1908
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.
Albert Köster
zugeeignet
Vorwort.
Der Aufforderung, für die Sammlung „Aus Natur- und Geisteswelt“ eine
knappe Darstellung der deutschen Romantik zu liefern, sucht der
folgende Versuch nach Kräften nachzukommen. In den vorgeschriebenen
engen Grenzen konnte der ganze Reichtum romantischen Denkens und
Dichtens nicht zur Erscheinung gelangen. Die Forschung ist auf
diesem Gebiete im Augenblicke so eifrig tätig, daß Gegensätze
wissenschaftlicher Betrachtung sich mannigfach ergeben haben.
Den Standpunkt, den der Verfasser einnimmt, zu begründen, mußte
manches ausführlicher auseinandergesetzt werden, als es für die
Ökonomie des Büchleins gut war. Dem Zuge der Zeit entspricht es,
daß das Bild der Romantik hier mehr nach der gedanklichen als nach
der künstlerisch-schöpferischen Seite ausgeführt, mehr von den
theoretischen Anschauungen der Frühromantik als von den dichterischen
Leistungen der jüngeren Romantiker gesagt worden ist, so dankbar
das umgekehrte Vorgehen gerade bei einer Auseinandersetzung wäre,
die sich an weitere Kreise wendet. Doch dürfte auf dem Felde der
Erforschung der Romantik das Problem des Augenblicks zunächst in
der Aufgabe liegen, die Verbindungslinien zu ziehen, die von den
ersten Anfängen bis in die letzten Ausläufer sich erstrecken.
Die vertiefte Betrachtung der Frühromantik, die in den jüngsten
Jahrzehnten uns geschenkt worden ist, hat der älteren romantischen
Generation eine ganz neue Würdigung angedeihen und sie beträchtlich
wertvoller erscheinen lassen, als bis vor kurzem angenommen worden
war. Zugleich schien die Kluft, die zwischen ihr und den jüngeren
Genossen besteht, ins Unübersehbare zu wachsen. Heute liegt die Gefahr
nahe, daß der Begriff Romantik überhaupt in nichts zerfalle und daß
künftig nur noch von zusammenhanglosen Vertretern des deutschen
Geisteslebens und der deutschen Kunst in dem Zeitalter von 1795 bis
1830 gesprochen werde. Daß in solcher Spaltung und Trennung ein
zweckloses Zerstörungswerk geleistet würde, ist die Überzeugung des
Verfassers. Wie er selber es ansieht, das sucht er hier wenigstens
andeutend zu zeigen. Der Versuch, die Hauptzüge frühromantischer
Lebens- und Kunstanschauung zu zeichnen, nimmt den größten Teil der
Ausführungen ein; aber er soll doch auch nur zu einer Grundlage für
die Erörterung des Problems dienen, wie aus dem reichen Ideenschatze
der Frühromantik die künstlerischen Formungen der jüngeren Romantik
erwachsen. Was romantische Dichtung aus eigener Kraft und ohne die
Mithilfe der Theorie geschaffen hat, kommt dabei hoffentlich nicht
zu kurz. Der Gedanke, auf dem die ganze Darstellung ruht, ist von
einem anderen Gesichtspunkte aus erwogen in dem Aufsatz „Goethe und
das Problem der faustischen Natur“ (Internationale Wochenschrift 1908
Nr. 35). Entwickelungslinien zu zeichnen, wurde durchaus versucht.
Welche Bedeutung dem einzelnen Menschen und dem einzelnen Kunstwerk
im Zusammenhang der ganzen Romantik und damit im Zusammenhange des
Ganges deutscher Kunst und Kultur zukomme, das festzustellen erschien
innerhalb der vorgezeichneten Aufgabe als das lockendste Ziel.
Die reiche neuere Literatur über das Gebiet ist dankbar verwertet
worden, auch wenn sie nicht überall ausdrücklich angeführt ist. Der
Kenner wird leicht herausfinden, wo Nachweise anderer benützt, wo
eigene neue Anschauungen des Verfassers vorgetragen sind.
Kein Literarhistoriker, der ernst genommen sein will, wird ohne
gute und starke Gründe die Wege verlassen, die Wilhelm +Diltheys+
„Leben Schleiermachers“ (Berlin 1870) und Rudolf +Hayms+ „Romantische
Schule“ (ebenda 1870) vorgezeichnet haben. Daß neuere Fingerzeige
zu einer Erfassung der Romantik, die zunächst über Haym hinausgeht,
nicht unbeachtet geblieben sind, ist selbstverständlich. Ricarda
+Huchs+ Bücher „Die Blütezeit der Romantik“ und „Ausbreitung und
Verfall der Romantik“ (Leipzig 1899-1902) haben der Forschung einen
starken und glücklichen Anstoß gegeben. Karl +Joëls+ Buch „Nietzsche
und die Romantik“ (Jena und Leipzig 1905) und Marie +Joachimis+
„Weltanschauung der Romantik“ (ebenda 1905) bieten, von ganz
verschiedenen Voraussetzungen ausgehend und mit völlig gegensätzlicher
Methode arbeitend, eine Fülle neuer Gesichtspunkte. Ein Torso ist
Erwin +Kirchers+ „Philosophie der Romantik“ (ebenda 1906) geblieben;
mindestens aber durfte der Nachlaß des Frühverblichenen nicht in einer
Form herausgegeben werden, die den Unvorbereiteten irreführt, der
unvollständiges Exzerpt und selbständige Betrachtung Kirchers nicht
zu scheiden weiß. Von neueren Einzeluntersuchungen boten besondere
Anregung die Arbeiten von E. +Spenlé+ „Novalis“ (Paris 1904), W.
+Olshausen+ „Friedrich von Hardenbergs (Novalis) Beziehungen zur
Naturwissenschaft seiner Zeit“ (Leipziger Dissertation 1905), H.
+Simon+ „Der magische Idealismus. Studien zur Philosophie des Novalis“
(Heidelberg 1906), ferner J. +Rouge+ „~Frédéric Schlegel et la genèse
du romantisme allemand~ (1791-1797)“ (Paris 1904) und „Erläuterungen
zu Friedrich Schlegels Lucinde“ (Halle 1905) und M. +Joachimi-Dege+
„Deutsche Shakespeareprobleme“ (Leipzig 1907). Endlich hat Karl
+Lamprecht+ im 10. Bande seiner „Deutschen Geschichte“ (Berlin 1907)
dem Verfasser manche gern verwertete Belehrung geschenkt.
Um das Nachprüfen zu erleichtern, sind die Zitate aus den Schriften
der Romantiker genau belegt. Benutzt wurden neben den ersten Texten
die alten Gesamtausgaben der Werke Wilhelm Schlegels (Böcking),
Friedrich Schlegels (erste Gesamtausgabe), Tiecks, Brentanos,
Fouqués, Fichtes, Schellings, die neueren wissenschaftlichen
Editionen von Novalis (Minor) und Kleist (Minde-Pouet, Erich Schmidt
und Reinhold Steig), dann Minors Ausgaben der Berliner Vorlesungen
Wilhelm Schlegels, der Jugendschriften Friedrich Schlegels und der
Schriften Tiecks und Wackenroders (Deutsche Nationalliteratur Bd.
145) und meine Auswahl aus den Schriften der Schlegel (ebenda Bd.
143). Nähere Nachweise über diese Literatur finden sich in Goedekes
„Grundriß“ (Bd. 6 der 2. Auflage) und in R. M. Meyers „Grundriß der
neuen deutschen Literaturgeschichte“ (2. Auflage). An beiden Stellen
sind auch die größeren Briefsammlungen aus romantischer Zeit leicht
zu erkunden: Jonas und Dilthey (Schleiermacher), Waitz (Caroline),
Plitt (Schelling), Raich (Novalis und Dorothea), Walzel (Friedrich und
Wilhelm Schlegel), Steig (Arnim).
Dankbar sei hier noch der wertvollen Beihilfe gedacht, die bei der
Korrektur Frau ~Dr.~ Marie +Joachimi-Dege+ dem Verfasser hat zuteil
werden lassen.
=Oskar F. Walzel.=
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorbemerkungen 1
1. Gegensatz zum Sturm und Drang. Jacobi und die
Romantik 3
2. Herder und die Romantik. Der Organismusgedanke 10
3. Romantische Grundbegriffe: Proteisches, Magie,
Sehnsucht nach dem Absoluten 17
I. Die erste und zweite Stufe der romantischen Theorie 25
1. Friedrich Schlegels klassizistische Anfänge 25
2. Friedrich Schlegels Bekenntnis zum Romantischen.
Romantische Poesie, romantische Ironie,
Transzendentalpoesie 31
II. Die dritte Stufe der romantischen Theorie 37
1. Schleiermachers Anstoß 37
2. Schelling und die Romantiker 40
~a~) Ästhetische Weltanschauung und
Organismusbegriff 40
~b~) Die Naturphilosophie Schellings 48
~c~) Der Schlegelianismus der Naturwissenschaften 53
3. Poesie der Poesie. Romantischer Monismus 59
III. Die Programme der romantischen Ethik und Religion 65
1. Schleiermacher. Lucinde. Frauenbildung 65
2. Stiftung einer neuen Religion. Hardenbergs geistliche
Dichtung 72
3. Wendung zum Katholizismus, zum Mittelalter und
Orient. Friedrich Schlegels spätere Konstruktionen
der Entwickelung der Menschheit 77
IV. Tiecks und Wackenroders Anteil 87
1. Deutsches Mittelalter. Spanien 87
2. Romantische Malerei in Theorie und Praxis 97
3. Die Musik im romantischen Lichte. Die Lyrik und
ihre Theorie 103
V. Der politische und soziale Umschwung der Romantik.
Romantische Staatswissenschaft im Zeitalter der
Befreiungskriege und der Reaktion 112
VI. Die Dichtung der Frühromantik und der jüngeren
Romantik, ihr Zusammenhang und ihr Gegensatz 121
1. Volksliedartige Lyrik 121
2. Romantische Ironie und Naturphilosophie in der
romantischen Dichtung 127
~a~) Drama 127
~b~) Roman und Lyrik. Heine 130
~c~) Märchen 137
3. Die Nachtseite der Natur. H. v. Kleist 139
4. Das Lebensproblem in Drama und Roman 146
Namenregister 163
Sachregister 166
Vorbemerkungen.
Wilhelm Scherer charakterisierte einmal (Vorträge und Aufsätze S.
341 f.) die ganze Kultur- und Literaturperiode von 1770 bis 1815
als ein großes und einheitliches Ganze. Er zog Verbindungslinien,
die von der Literaturrevolution des Sturmes und Dranges zu der
Literaturrevolution der Romantik hinüberführen: Interesse für
Volkslieder und Volksbücher bei Herder, Goethe, Maler Müller,
Jung-Stilling und bei Tieck, bei den Herausgebern des „Wunderhorns“,
bei Görres und bei den Grimm; Goethes Eintreten für Erwin v. Steinbach
neben Wackenroders, Friedrich Schlegels und Boisserées Bemühungen um
altdeutsche Kunst; Schauerromantik, mit volkstümlicher Mythologie
ausgestattet, bei Schiller, Tieck, Kleist, Arnim, Hoffmann; Herder,
Goethe, Schleiermacher, Schelling, Görres, Kanne, Hegel vertreten
den deutschen Pantheismus; die Lehre vom genialen Subjekt, das keine
Regeln braucht, wird ästhetisch und ethisch während der ganzen Zeit
geltend gemacht; Justus Möser ist Vorläufer romantischer Politik; W. v.
Humboldt vindiziert dem Individuum die weitgehendsten Rechte, ebenso
wie Lavater und Schleiermacher für die Heilighaltung der Individualität
eintreten, während Freiherr v. Stein in gleichem Sinne den Neubau
des Staates auf der Grundlage der Selbstverwaltung beginnt. Diese
unverkennbaren Zusammenhänge haben etwas Bestechendes; wirklich hat
lange Zeit die Romantik nur für einen Nachhall der Sturm- und Drangzeit
gegolten. Neuere Zeit pflegt demgegenüber die Gegensätze beider
Perioden in den Vordergrund zu schieben. Da indes nicht alle Romantik
gleichmäßig zu dem Sturm und Drang in Kontrast gebracht werden kann,
scheint die neueste Forschung es vorzuziehen, die Romantik selber in
scharfgesonderte Gruppen aufzuteilen und besonders eine Romantik, die
der Genieperiode der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts näher steht,
und eine dieser Periode innerlich entfremdete Frühromantik zu scheiden.
Die Frühromantik erscheint dann als Antipode des Sturmes und Dranges,
im Gegensatz zur Blütezeit der romantischen Dichtung, unter der man vor
allem die jüngere Romantik versteht. Freilich läßt sich die Grenze
nicht scharf ziehen; und fraglich bleibt, ob etwa Clemens Brentano der
Frühromantik noch anzugliedern ist oder nicht.
Wie fremd dem Schlegelschen Kreise die Stürmer und Dränger geworden
waren, bezeugt das Athenaeumfragment 306: „Die Geschichte von den
Gergesener Säuen ist wohl eine sinnbildliche Prophezeiung von der
Periode der Kraftgenies, die sich nun glücklich in das Meer der
Vergessenheit gestürzt haben.“ Allein ein Glied der Schlegelschen
Gruppe, Ludwig Tieck, hat später die Schriften einzelner Stürmer und
Dränger gesammelt. Brentano vollends empfand es wie eine reizvolle
Wiederentdeckung, als er 1806 Lenzens „Neuen Menoza“ in die Hand
bekam, und er stellte ihn sofort hoch über die Versuche romantischer
Genossen: „Das Ding ist mir besonders merkwürdig, weil es ein rechter
Gegensatz der neuen Genialität ist, die so unendliche Dekoration und
Farben und Klimata und Ironie und all den Teufel braucht -- und dort
wie einfach.... Das Ganze rumpelt und rauscht und ist doch so leer und
so voll. Nimm dagegen die modernen Dramen, etwa Pellegrin [Fouqué],
Bernhardi -- was eine Menge, was eine Pracht! aber wie leer und tot.“
(R. Steig, Achim v. Arnim und Clemens Brentano S. 161.) So schrieb
Brentano an Arnim, der 1802 über ein wichtiges Denkmal der Frühromantik
scharf abgesprochen und dem Freunde (ebenda S. 41) offen bekannt hat,
daß er Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“ nach seinem ganzen Wesen
recht mittelmäßig, ja elend finde, wenngleich manches einzelne schön:
„Das dummgelehrte Bauerngeschwätz allenthalben, das Märchen endlich
mit seiner Langweiligkeit, wenn man es nicht erraten kann, und mit
seiner Unbedeutendheit, wenn man es nicht weiß.“ Brentano stimmte ohne
Rückhalt zu: „Über Ofterdingen denke ich wie du, alle Figuren sind drin
mit Fischschwänzen, alles Fleisch ist Lachs drin, ich empfinde einen
seltsamen physischen Ekel es zu lesen“ (ebenda S. 51). Solche Urteile
rücken Arnim und Brentano dem Sturm und Drang gewiß näher als der
Frühromantik.
Die Notwendigkeit, der Romantik neben der Genieperiode größere
Selbständigkeit zu leihen, ergab sich in dem Augenblicke, da neben
eine philologische Literarhistorik eine philosophisch geschulte trat.
Solange die philosophischen Gedankengänge deutscher Literatur nur eine
Aschenbrödelrolle in literarhistorischer Betrachtung spielten (und ganz
überwunden ist diese Phase noch nicht), blieben die Winke, die Dilthey
und Haym gegeben hatten, so gut wie unbeachtet. Dann aber wurde mit
jedem Schritt klarer, daß die Romantik auf ganz anderer philosophischer
Basis steht als der Sturm und Drang und daß schon aus diesem Grunde von
starken Gemeinsamkeiten die Rede nicht sein kann.
Abermals scheint nur die Frühromantik durch ihre philosophischen
Neigungen sich vom Sturm und Drang zu sondern. Sie entsteht in enger
Beziehung zu Fichte. Schleiermacher und Schelling gehören in ihre
Kreise. Friedrich Schlegel und Novalis, dann ihre Anhänger und Genossen
von der Art Hülsens spielen eine Rolle in der Geschichte der deutschen
Philosophie. Die spätere Romantik dagegen zeigt gelegentlich einen
Charakter, der von Spekulation nichts an sich hat. Trotzdem ist das
Gemeinsame, das alle Romantik verknüpft, in verwandten metaphysischen
Ansprüchen zu suchen; und dieser gemeinsame Zug unterscheidet die ganze
Romantik vom Sturm und Drang. Nicht etwa darf angenommen werden, daß
die Genieperiode der siebziger Jahre philosophisch ganz passiv gewesen
wäre. Hamann und Herder und mit ihnen Goethe sind lediglich Gegner
der Metaphysik, wie es die Philosophie ihrer Zeit mit sich brachte.
Die gesamte Romantik dagegen ist bedingt durch die neue metaphysische
Welle, die in Kant einsetzt und bis zu Hegel sich erstreckt.
Dieses einigende Band muß heute um so mehr festgehalten werden, da
einzelne Forscher nicht abgeneigt sind, die Romantik lediglich auf die
Frühromantik einzuschränken und eine Gemeinsamkeit der Bestrebungen,
die bisher durch den Namen Romantik verbunden worden waren, gänzlich zu
leugnen -- ein Vorgehen, durch das mit Unrecht die Geistesgeschichte
jener Tage in ein Konglomerat von Einzelheiten aufgelöst wird.
1. Gegensatz zum Sturm und Drang. Jacobi und die Romantik.
Wenn anders nicht die Romantik in völlig unvereinbare Teile zerspalten
werden soll, bleibt Kennzeichen der ganzen Bewegung, daß sie den
Ansprüchen der Vernunft ein durchaus anderes Recht werden läßt als die
Genieperiode.
Schon an der Stelle, die die ersten zarten Keime einer kommenden neuen
kulturellen Entwickelung zeigt, in +Friedrich Schlegels+ Briefen an
seinen Bruder Wilhelm vom Jahre 1792 und 1793, löst sich die neue
Weltanschauung von der älteren ab. Wilhelm Schlegel, der Freund
und Schüler Gottfried August Bürgers, steht damals noch auf dem
Standpunkt der Geniezeit, Friedrich sucht dem Bruder gegenüber die
neue Lehre zu vertreten. Wilhelm spielt sich als Vernunftverächter
auf und Friedrich weist nach, daß Wilhelm selber Vernunftforderungen
erhebe. Zwei Dinge möchte Friedrich (am 28. August 1793, S. 111) gegen
Wilhelm in Schutz nehmen: das System und das Ideal. „Ich weiß, der
schändliche Mißbrauch sinn- und seelenloser Vernünftler hat diese
Namen für dich sehr besudelt; aber du siehst nur darauf und verkennst,
verachtest ungerechterweise die köstlichen lauten Urkunden unsres
göttlichen Adels!“ Und er definiert: „Was wir in Werken, Handlungen
und Kunstwerken Seele heißen (im Gedichte nenne ich’s gern Herz),
im Menschen Geist und sittliche Würde, in der Schöpfung Gott, --
lebendigster Zusammenhang -- das ist in Begriffen System. Es gibt nur
+ein+ wirkliches System -- die große Verborgene, die ewige Natur, oder
die Wahrheit.“ In diesem Sinne fühlt Friedrich sich als Systematiker
und, überzeugt, „eine heilige Anlage der Menschheit“ in sich zu
tragen, bemerkt er gegen den Bruder: „Wir Leute sind also auch nicht
unnütz, wenn wir auch nicht so gute Beobachter sein sollten, wie ihr
Propheten.“ Die „Quelle des Ideals“ hingegen erblickt Friedrich in dem
„heißen Durst nach Ewigkeit“, in der „Sehnsucht nach Gott“. „Einige,
die es verkennen, wähnen es streite mit der Natur, die doch nur in
Eintracht mit dem Geiste das wahrhaft Große erzeugt.“ Wirklich huldigte
auch Wilhelm idealistisch einem „Streben nach dem Unerreichbaren“,
einer „Liebe zu dem Namenlosen“ (ebenda S. 126); aber noch meint er,
„die Vernunft leihe dem Ideal ja nichts“. Friedrich erwiderte: „Sie
leiht ihm weiter nichts, als daß sie es erzeugt. Denn was ist Vernunft
als Vermögen der Ideale?... und was ist Ideal, als Vernunftbegriff? --
Vernunft ist ja nicht nur ein Teil des Vorstellungsvermögens, sondern
auch ein Grundtrieb, der nach dem Ewigen.“
Als bewußter Vernunftmensch spricht Friedrich zu seinem Bruder,
der Vernunft abweist und doch von ihr erfüllt ist. Das ist der
Gegensatz, der zwischen der Generation des Sturmes und Dranges und der
Frühromantik waltet. Die Kulturträger der siebziger Jahre, voran Hamann
und Herder, spotten über Vernunft, die Frühromantiker bekennen sich mit
dem Kritiker Kant zu ihr; aber im Sinne Kants sind auch Hamann und
Herder Vernunftmenschen.
In denselben Tagen, da Friedrich dem Bruder das Wesen der Vernunft
erklären will, sagt er auch (Oktober 1793, S. 123): „Kants Lehre
war die erste, so ich etwas verstand, und ist die einzige, aus der
ich noch viel zu lernen hoffe.“ Von Kant hat Friedrich ebenso wie
Schiller gelernt, daß das Streben nach dem Ewigen und Unendlichen ein
Vernunftgebot ist. Schiller umschrieb kurz darauf in der Abhandlung
„Über naive und sentimentalische Dichtung“ das Wesen des Vernunft-
und Ideenmenschen, indem er den Idealisten in Gegensatz zum Realisten
stellte und dadurch verdeutlichte. Friedrich lernte schon 1793
den bewußten und den unbewußten Vernunftmenschen scheiden, da er
selbst, von Kant über seine Vernunftforderungen belehrt und darum
sich ihrer bewußt, in seinem Bruder wohl dasselbe Streben nach dem
Ewigen, nicht aber das Bewußtsein entdeckte, durch dieses Streben dem
Vernunftmenschen beigesellt zu sein.
Daß indes die Generation der siebziger Jahre die Vernunft ablehnen
konnte, ist ebenso auf Kants Rechnung zu schreiben wie die Tatsache,
daß der junge Friedrich Schlegel offen und unzweideutig zu Vernunft,
„System“, „Ideal“ sich bekannte. Zu Anfang der sechziger Jahre war Kant
durch die englische Erfahrungsphilosophie an der Metaphysik Wolffs
irre geworden; und als Herder mit ihm in Berührung kam, stand Kant
auf dem Punkte äußerster Annäherung an den Skeptizismus. Durch Kants
Vermittelung ging damals etwas von Humes Zweifel an der Vernunft auf
Herder über und durch Herder wiederum auf das Geistesleben der Zeit.
Wäre Kant in jenen Tagen weniger skeptisch gewesen, hätte er nicht
eben mißtrauisch von aller Metaphysik sich abgewendet, er hätte nicht
neben Sokrates-Hamann der Lehrer Herders werden können. Nie war Kant
geneigter, gleich Hamann ein sokratisches „Und sehe, daß wir nichts
wissen können“ zu betonen. Freilich arbeitete Kant sich rasch aus
solcher empiristisch-skeptischer Gedankengärung zu neuer Metaphysik
durch. Herder aber blieb zeitlebens empiristischer Skeptiker,
allerdings mit den idealistischen Bedürfnissen, die den faustischen
Naturen der Sturm- und Drangzeit ebenso eignen, wie einem Wilhelm
Schlegel.
Daß die Frühromantik, daß Friedrich Schlegel vom Anfang an hier
klar gesehen hat, ist das Verdienst des Kritikers Kant. Kant hat
das metaphysische Bedürfnis des Vernunftmenschen dargetan und
Friedrich Schlegel war durch Kant belehrt worden, Vernunft nicht
zum Gegenpol alles Großen, Starken und Hohen der menschlichen Seele
zu machen. Wiederum von Kant geleitet ist Friedrich sorgsam bemüht,
den Vernunftmenschen mit seinem Drang nach dem Unendlichen von dem
„herz- und marklosen Vernünftler“ zu sondern, bei dem der „sehr
wesentliche edle Trieb nach deutlichen Begriffen, nach klarer Einsicht“
„unnatürlich stark“ ist (S. 142). Friedrich Schlegel bekämpfte solchen
Vernunftkultus schon deshalb, weil er in ihm eine Einseitigkeit
erblickte. Denn gleichfalls schon im Oktober 1793 formulierte er (S.
125) seine Forderung harmonischer Allseitigkeit: „Ein Mensch hat so
viel Wert als Dasein, d. h. als Leben, Kraft und Gott in ihm ist. Hat
er aber auch viel Kraft und Leben, sind diese aber im Streite mit dem
Gott in ihm, so wird er immer ein häßlicher Mensch, ein verächtlicher
Dichter und sein Urteil schief sein.“
Schon sind wesentliche Bestimmungen des romantischen Menschen gewonnen;
und diese Bestimmungen finden sich bereits 1793 bei Friedrich Schlegel:
Der Romantiker ist Vernunftmensch im Sinne Kants und er ist sich dieser
Eigenheit bewußt; er kennt nicht das an Hume gemahnende Mißtrauen
des Stürmers und Drängers gegen die „Seifenblasen der Vernunft“. Er
will aber auch nicht einseitiger Vernünftler sein, weil er dadurch
der Totalität verlustig ginge. Die eigentümliche Verknüpfung von
klarem Bewußtsein über sein eigenes Ich und von starkem Bedürfnis, das
Unbewußte im Menschen nicht durch Vernünfteln zu zerstören, ist von
Ricarda Huch zum wesentlichen Merkmal der Frühromantik erhoben worden.
Hier wurde nur versucht, diese Eigenheit historisch abzuleiten: daß der
Sturm und Drang auf anderem Boden stehen mußte als die Frühromantik,
ergibt sich aus der gegensätzlichen Auffassung und Bewertung des
Begriffes „Vernunft“.
Schopenhauer definiert den Begriff des metaphysischen Bedürfnisses: der
menschliche Geist möchte das Ganze der Erfahrung in seinem innersten
Zusammenhange überschauen, die Erscheinungen in ihrer Gemeinsamkeit
überblicken und sich der Einheit bewußt werden, die darin zur
wechselnden Erscheinung kommt. Dieses Bedürfnis ist dem Stürmer und
Dränger genau so sehr eigen wie dem Romantiker. Aber nur der Romantiker
weiß, daß es aus den Wünschen der Vernunft keimt, während der Stürmer
und Dränger von Vernunft nichts wissen will und hamannisch über
Vernunft spottet. Und doch ist es nur metaphysisches Vernunftbedürfnis,
wenn Faust erkennen möchte, was die Welt im Innersten zusammenhält, und
alle Wirkenskraft und Samen schauen will.
Ricarda Huch hat die kühne Hoffnung der Romantiker, das Geheimste
zu erhellen, meisterlich dargetan. Sie waren mit voller Absicht
Geister+seher+, nicht bloß Geister+ahner+. Sie begnügten sich nicht
mit dem Gefühle, sondern unterwarfen es der Analyse. Dem Instinkt
gingen sie denkend nach. In Gegensatz zu ihnen wagen die Stürmer und
Dränger nicht, dem Gefühl einen Namen zu geben, überzeugt, daß Name
Schall und Rauch ist, umnebelnd Himmelsglut. Den Vertretern der älteren
Generation waren mit ehernem Griffel die Worte ins Herz geschrieben,
die in Rousseaus „Emile“ den Mittelpunkt der ~profession de foi du
vicaire savoyard~ darstellen: „~J’aperçois Dieu partout dans ses
œuvres; je le sens en moi, je le vois tout autour de moi; mais sitôt
que je veux le contempler en lui-même, sitôt que je veux chercher où il
est, ce qu’il est, quelle est sa substance, il m’échappe et mon esprit
troublé n’aperçoit plus rien.~“ Mit Rousseaus ~vicaire~ fürchteten die
Stürmer und Dränger ihr Gefühl zu zerstören, wenn sie es begrifflich zu
erfassen suchten. Der Romantiker kennt gleiche Furcht nicht, freilich
untergräbt die stete Analyse und Selbstanalyse sein Temperament. Der
Stürmer und Dränger ist und bleibt ein junger, von +einem+ starken
Gefühle getragener, kraftvoller, gewaltiger „Kerl“, der sich wohl
ahnungsvoll diesem Gefühle hingeben kann, seine eigenen Träume indes
nicht deuten will. Enthusiastische Begeisterung hebt ihn über alle
Gefühlskonstruktion hinaus; oder er bohrt sich auch wertherisch in
seinen Schmerz hinein und verliert sich ganz an ihn. Der Romantiker
dagegen will immer deuten; er hat immer ein Geheimnis zu enthüllen.
Seine Gefühle werden durch solche Enthüllung gedämpft und abgeschwächt,
aber er selber wird seelisch verfeinert.
Die starke Neigung zur Analyse des Gefühls hat die Romantik auf zwei
Gebieten besonders fruchtbar und ergebnisreich gemacht: auf dem Felde
der Kunstbetrachtung und auf dem Felde der Erfassung des Religiösen.
Da wie dort galt es, in die Tiefe des Unbewußten Licht zu tragen.
Das Verlangen nach denkenden Künstlern ist vielleicht nie vorher so
stark und doch wieder mit voller Anerkennung der Macht unbewußten
Schaffens zum Worte gelangt; und das Wesen der Religion hat keiner
vor ihm so scharf erfaßt wie +Schleiermacher+. Er konnte es, weil
er echt romantisch das Gefühl begrifflich zu deuten und zugleich in
seiner Besonderheit und in seinem Gegensatze zur Verstandesoperation zu
erfassen fähig war. Denn wenn auch romantische Analyse vor dem Gefühl
nicht scheu und ängstlich halt macht, so schlägt sie doch nicht ins
Rationalistische um und zieht nicht an die Tageshelle, was im Dunkel
der Brust bewahrt bleiben soll. Sehr fein bemerkt Ricarda Huch: „Wenn
das Wissen und Bewußtwerden allein den Romantiker machte, wie wäre
es möglich, daß sie mit gutem Gewissen den großen Krieg gegen die
Aufklärung hätten führen können, daß jeder beim Worte Romantik an den
geheimnisvollen lauschigen Wald des Märchens und der Sage denkt, in
den sie die Menschen wieder eingeführt haben; daß in ihrem Gefolge der
Zauber, die Magie, das Rätsel, die Sehnsucht -- alle die verschleierten
Gestalten des Unbewußten erscheinen? Das ist eben, was man niemals
vergessen darf, daß das Bewußtsein des Romantikers mit dem Gehalte des
Unbewußten erfüllt ist“ (Blütezeit der Romantik S. 99 f.). Vereinigung
von Fühlen und Wissen war das Ziel der Romantiker. Gewähr für die
Möglichkeit dieser Vereinigung leistete ihnen die Einsicht, daß auch
der vernunftfeindliche Stürmer und Dränger in dem Augenblick, da er
über die Grenzen der Sinnenwelt hinausgeht und das Übersinnliche durch
sein Gefühl erfassen möchte, ahnungslos einem Gebot der Vernunft folge.
Hier aber wurzelt auch die Möglichkeit, daß die Romantik einen
Weg zu +Friedrich Heinrich Jacobi+ fand. Der Gegner Kants, der
Gefühlsphilosoph, dessen Roman „Woldemar“ von Friedrich Schlegel 1796
freilich mit verletzender Schärfe abgelehnt worden ist, spielt doch
1793, in den zitierten Briefen, eine wichtige Rolle: sein älterer Roman
„Eduard Allwills Briefsammlung“ (1792) wird ausdrücklich gegen Wilhelms
entgegengesetztes Urteil ein Werk genannt, „dessen Seele das Ideal
und dessen einziger Inhalt die Vernunft ist“ (S. 126). Und wie sein
Werk zu den Dokumenten der Vernunft, so wird auch Jacobi selbst zu den
Vernunftmenschen gezählt, freilich wieder mit der kantischen Scheidung
von Vernunft und Verstand: „Jacobis Vernunft ist eins mit der feinsten
Sinnlichkeit, aber vielleicht nicht ganz mit dem Verstande“ (S. 142).
Die Romantik hat immer wieder an Jacobi anknüpfen können, ohne je ihm
ganz zuzustimmen. Fichte, Schelling, Schleiermacher bauen auf Jacobis
Grunde weiter, sie alle aber haben auch mit ihm ihre Waffen gekreuzt.
Keiner von den Romantikern steht Jacobi so nahe wie Schleiermacher.
Schon 1802 hat Hegel in Schleiermacher eine höhere Potenz Jacobis
festgestellt (Kritisches Journal 2, 1, 134 ff.). Ihr Berührungspunkt
liegt in einem Felde, das von der Romantik dem Gefühl allein
vorbehalten worden ist, in der Religion. „Beide fanden sich“, sagt
Dilthey (Leben Schleiermachers S. 332), „mit der Fülle ihres inneren
Lebens, ihrer ‚Mystik‘ im Gegensatz gegen alle Wissenschaft, die sie
umgab, und die Tiefe und Freiheit ihres Gemütslebens, die Schärfe
ihres Gedankens gestattete ihnen keinen nachgiebigen Vergleich. Beide
blieben sich des Zusammenhangs ihrer Mystik und ihrer Individualität
bewußt. Beide sahen in dieser Mystik gegenüber dem Idealismus nach
seinen verschiedenen Zweigen einen höheren Realismus gegründet.“ Aber
Jacobi war doch auch wiederum, ganz in Rousseaus Sinne, viel zu sehr
Gegner alles reflektierenden Denkens, als daß er mit der Romantik
hätte zusammen gehen können. Wie Rousseaus ~vicaire savoyard~ sagt er:
Licht ist in meinem Herzen, aber wenn ich es in meinen Kopf bringen
will, erlischt es. Jacobi bricht alle Brücken zwischen Glauben und
Wissen ab und setzt beide in einen vollkommenen und prinzipiellen
Widerspruch. Wohl möchte auch er den unendlichen und unbedingten
Weltinhalt erfassen; sein metaphysisches Bedürfnis ist aufs stärkste
entwickelt. Aber das Denken steht ihm bei diesem Bemühen nur im Wege
und lediglich der Glaube eröffnet ihm die gesuchte Bahn, ein Glaube,
der ausschließlich im individuellen Gefühle wurzelt. Er ist von dem
unauflösbaren Widerspruch zwischen dem philosophischen Gedanken und
der wahren Mystik überzeugt. Sehr richtig wendet daher Schleiermacher
(an Brinckmann 19. Juli 1800, Bd. 4, 73 f.) gegen Jacobi ein: „Der
scheinbare Streit der neueren Popularphilosophie gegen den Mystizismus
hat ihm die falsche Meinung beigebracht, als ob es in der Tat einen
Streit zwischen der Philosophie und der Mystik geben könne, da doch
im Gegenteil jede Philosophie denjenigen, der so weit sehen kann
und so weit gehen will, auf eine Mystik führt... Wollte Jacobi nur
dekretieren, daß Philosophie und Mystik gänzlich auseinander liegen,
und daß der ganze Schein ihres Zusammenhanges nur daher kommt, weil
sie sich in der Tangente berühren, so würde er aufhören gegen die
Philosophie unnütz zu polemisieren.“
So klar überblickt Schleiermacher das Verhältnis seiner religiösen
Grundansicht zum spekulativen System und ihre Unabhängigkeit vom
Beweis! Und das ist das Romantische in ihm, daß er wußte, was dem
Gefühl und was dem Denken angehöre, daß er beide Gebiete wohl zu
scheiden verstand und nicht das eine gegen das andere ausspielte. Auf
gleichem Boden steht schon 1793 Fr. Schlegel.
Gerade an Naturen von Jacobis Art mußte den kantisch geschulten
Romantikern früh klar werden, daß das metaphysische Bedürfnis des
Vernunftmenschen auch in Köpfen walte, die ihr starkes Gefühl
gegen alle Vernunftkonstruktion ausspielen. In Kants Schule war
Schleiermacher ebenso gegangen wie Fr. Schlegel; und beide sind nicht
lange in ihr geblieben. Derselbe Brief an Wilhelm Schlegel (Oktober
1793, S. 123), in dem Friedrich sich zu Kants Lehre bekennt, bringt
die wichtige Einschränkung: „Ich bin mit dem nicht eins, was ihr doch
zum Grunde liegt, die intelligible Freiheit, der regulative Gebrauch
der Ideen überhaupt, die reine Gesetzmäßigkeit als Triebfeder des
Willens.“ Es sind bis ins kleinste dieselben Gesichtspunkte, von
denen aus -- natürlich völlig unabhängig von Fr. Schlegel -- der
junge Schleiermacher seine Einwendungen gegen Kant erhebt. Auch
Schleiermacher setzt ein bei Kants „Kritik der praktischen Vernunft“,
er zerfasert kritisch die regulative Gottesidee und die Freiheitslehre
Kants (vgl. Dilthey, Leben Schleiermachers S. 131 f., Denkmale der
inneren Entwicklung Schleiermachers S. 6 ff., 19 ff.). Die Romantik
ist ohne Kant nicht zu denken, aber der Gegensatz zu Kant gibt ihr ein
eigenes Lebensrecht, ein Gegensatz, der vor allem auf ethischem Felde
waltete.
2. Herder und die Romantik. Der Organismusgedanke.
Wie Schiller wurden auch die Romantiker von Kants Ethik durch ihre
Überzeugung abgelenkt, daß nur harmonische Verbindung der Gegensätze
Vernunft und Sinnlichkeit, nicht einseitiges Vernunftmenschentum den
Menschen zu höchster sittlicher Stufe erheben könne. Und wie bei
Schiller (vgl. Säkularausgabe von Schillers Werken 11, S. IX ff.)
so steht auch bei den Romantikern der englische Denker Shaftesbury
hinter solcher Überzeugung. Abermals nähert sich die romantische Welt
an dieser Stelle der Generation der siebziger Jahre; denn machtvoll
hatte Hamann die Notwendigkeit der Totalität betont und verlangt, daß
alles, was der Mensch zu leisten unternehme, durch Tat oder Wort,
aus sämtlichen vereinigten Kräften entspringe; alles Vereinzelte sei
verwerflich. +Herder+ wie der ganze Sturm und Drang aber entnahm
diesem Gebot zunächst das Streben, vom trockenen Sinnen weg ins Leben
hineinzugehen, nicht bei Papier und Tinte zu weilen, sondern zur
schaffenden Tat sich zu erheben. Wiederum bedurfte es der sondernden
und orientierenden Kritik Kants, um hier Klarheit zu schaffen und die
Waffen zu bereiten, mit denen Schiller ebenso wie die Romantiker,
ethisch über Kant hinauszugehen bemüht, Kant selber bekämpften. Denn
wiederum drohte die Gefahr, daß deutsche Kultur durch Hamanns und
Herders Vernunftfeindlichkeit zur Ablehnung aller Spekulation gelange.
Romantische Totalität aber verlangt nicht bloß Gefühlsmenschen und
Tatnaturen, auch Denker und Betrachter. Ebenso erblickt Schiller
in dem Stürmer und Dränger einen Sinnen- und Triebmenschen, der zu
voller Harmonie menschlicher Anlagen und menschlicher Betätigung nicht
aufsteigen kann. Der Begriff der ästhetischen Erziehung, an sich von
Shaftesbury und über ihn weg von Plato abzuleiten, wird darum von
Schiller doch in steter Rücksicht auf die ethischen Vernunftforderungen
Kants formuliert. Und wenn die Romantik ihr Bildungsideal aufstellt,
so ist auch sie bemüht, diesen echt romantischen Begriff der „Bildung“
nicht nur den wechselnden und spielenden Gefühlsstimmungen zu
überlassen, sondern ein starkes geistiges Fundament ihm zu leihen. Da
wie dort spürt man, daß von Kants hohen ideellen Ansprüchen an den
Menschen ausgegangen wird, und daß dann erst von diesem Ausgangspunkte
ein Weg zu der „Natur“, zum „Gefühl“ der Stürmer und Dränger sich
eröffnet. Da wie dort wird indessen zuletzt der für alle Menschen
gültigen Moral Kants eine Ethik des Ausnahmemenschen, der Adelsnaturen
und genialen Persönlichkeiten gegenübergestellt. Solche Menschen
feierte man auch um 1770.
Einleuchtender ist darum die Übereinstimmung, in der Sturm und Drang
ebenso wie Romantik im Sinne Shaftesburys das Privilegium der großen
Persönlichkeit forderten. Windelband versäumt nicht (Geschichte der
neueren Philosophie 2^3, 299), bei der Würdigung von Schleiermachers
Ethik auf Shaftesbury hinzuweisen und Schleiermacher zuzubilligen, daß
er wohl auf viel reiferem Standpunkte als der Engländer, aber doch
als sein Nachfolger, durch die Betonung der Idee der Persönlichkeit
das Geheimnis seiner Zeit ausgesprochen habe, in der die großen und
originellen Individuen sich gewissermaßen drängen. Wohl führte das
Verlangen, daß jede Individualität sich voll ausleben solle, um 1770
wie um 1800 zu Willkür und Zügellosigkeit. Aber nicht gelegentliche
schlimme Folgerungen sollen die Ehrfurcht vor der Größe der Idee
beeinträchtigen, die dem Kultus der Persönlichkeit beiderseits zugrunde
liegt. Es ist die hohe Achtung vor dem Werte des Individuellen, des
Eigentümlichen, das dem Menschen auf seinen Lebensweg mitgegeben
ist. Aus diesem Gefühl heraus würdigt Hamann das Idiotistische
einzelner Menschen wie ganzer Völker; an gleicher Stelle erwächst
Herders Verständnis für alles Eigentümliche in Kunst und Leben. Und
die Bedeutung des Individuellen wird von den Romantikern, vor allem
von Schleiermacher, aufs nachdrücklichste zur Sprache gebracht. Auf
ethischem Gebiete bestehen sie in Widerspruch zu Kant auf dem Recht der
Persönlichkeit. Als Kunstbetrachter wetteifern sie mit Herder in der
Fähigkeit, sich in eigenwilligste Individualitäten einzufühlen. Der
weiche, anschmiegsame Wackenroder geht voran, der nur allzubewegliche
Tieck folgt ihm getreu nach und Wilhelm Schlegel steigert sich zu
allseitiger Aufnahmefähigkeit. Dabei sind sie im Geiste Herders
bestrebt, die Erscheinungen der Kunst aus ihren historischen
Voraussetzungen zu begreifen. Dem Recht der Persönlichkeit schaffen
sie als Historiker auch dann Raum, wenn sie zeigen, wo und warum die
Persönlichkeit nicht frei, sondern durch entwickelungsgeschichtliche
Momente gebunden war. Denn das ist romantische Geschichtsauffassung,
das geschichtlich Bedingte zwar in seinem Zusammenhange mit dem
Ganzen zu erblicken, es indessen nicht seines individuellen Wertes zu
berauben (vgl. A. Poetzsch, Studien zur frühromantischen Politik und
Geschichtsauffassung, 1907, S. 81).
Nicht nur im Verständnis für Individualität berühren sich Herder und
Schleiermacher. Zwei Jahre vor der Abfassung von Schleiermachers „Reden
über die Religion“ trug Herder in seiner letzten Sammlung „Christlicher
Schriften“ unter dem Titel „Von Religion, Lehrmeinungen und Gebräuchen“
Anschauungen vor, die unmittelbar an Schleiermacher heranreichen.
Wohl hat Schleiermacher durch tiefere Erfassung des religiösen Lebens
noch schärfer zwischen Religion und Lehrmeinung geschieden und das
religiöse Gefühl nicht bloß zur Metaphysik, auch zur Ethik in Gegensatz
gebracht. Aber Herder stellte, zu Lessing zurückkehrend, fest, etwas
anderes sei Religion, etwas anderes seien Lehrmeinungen, und Religion
sei der Kern des Christentums; damit war einerseits der Grundgedanke
Schleiermachers gegeben, anderseits die Anschauung des Mannes zu neuem
Leben aufgerufen, von dem Friedrich Schlegel (an Novalis 2. Dezember
1798, S. 86) sagte, keiner habe von der wahren, neuen Religion mehr
geahnt als er: „Nicht bloß Kant ist hier weit zurück, sondern auch
Fichte und Jacobi und Lavater. Einige Millionen der letzten Sorte in
den Schmelztiegel geschüttet, geben noch nicht so viel solide Materie
und reinen Äther der Religion, wie Lessing hatte.“
Herders Bedeutung für die Romantik liegt natürlich nicht nur in den
beiden erwähnten Momenten. Auf den ersten Blick scheint es sogar,
als ob die Romantik ohne Herder gar nicht möglich, als ob sie die
Erfüllung seiner Hoffnungen oder wenigstens das Ergebnis der von ihm
ausgestreuten Saat sei. Dem steht unvereinbar die geringe Anerkennung
entgegen, die er bei den Romantikern findet, und das Bewußtsein
eines unüberbrückbaren Gegensatzes, der zwischen beiden Parteien
waltet. Ob hier wirklich nur der schuldige Dank über dem Gegensatz
der Generationen vergessen worden ist? Eher träfe ein anderes zu;
viele Errungenschaften Herders waren schon so selbstverständlich
geworden, daß man bei ihrer Nutzung Herders nicht weiter gedachte.
Vielleicht hatte Friedrich Schlegel in dem Augenblicke, da er ein
Winckelmann der griechischen Dichtung zu werden sich anschickte,
selber vergessen, daß Herder in seinen Fragmenten zur Literatur ein
Menschenalter früher seinen Zeitgenossen dieselbe Aufgabe gestellt
hatte. Urteilt doch Friedrich Schlegel in einem flinken Überblick
über die Erforscher der Antike am 13. November 1793 (an Wilhelm, S.
141), Herder vereinige Kenntnis und Sinn, habe aber doch dafür nicht
viel gegeben. Noch weniger war im Gedächtnis der jüngeren Generation
haften geblieben, daß Herder vor allem die Straße zu Shakespeare, zur
altheimischen Poesie, zum Mittelalter und zum Volkslied eröffnet, ja
daß er noch die romantische Orientalistik vorbereitet hatte. Seine
„empfindsame Ästhetik“ (vgl. Wilhelm Schlegels Berliner Vorlesungen 1,
47, 16 ff.) war ihnen verhaßt. Und wenn Friedrich Schlegel in einem
ersten historischen Versuche den „Ideen zur Philosophie der Geschichte
der Menschheit“ nachrühmt, daß sie „vieldurchdachte Erfahrung gegen
einseitige Vernunft aufs schönste in Schutz nehmen“, so lautet 1803
Wilhelms abschließendes Urteil, sie seien ein Buch, in dem weder Ideen,
noch Philosophie, noch Geschichte, noch Menschheit anzutreffen sei;
nicht einen neuen Anfang, sondern den Gipfel der falschen modernen
Geschichtsschreibung erkennt er in ihnen (Haym, Romantische Schule S.
848). Derselbe Wilhelm Schlegel hatte einst in Herders „Plastik“ eines
seiner Lieblingsbücher erblickt!
Am stärksten war merkwürdigerweise +Schelling+ des Dankes sich
bewußt, den er Herder schuldete. Mit voller Absicht hat er wohl
den Titel seiner ersten naturphilosophischen Schrift nach Herders
Hauptwerk geformt. Denn er erkannte das von ihm verwertete Herdersche
Gut auch dann, wenn es ihm aus zweiter Hand geboten wurde. Dem
Spinozabüchlein Herders und den „Ideen“ entstammt die Grundidee der
Naturphilosophie Schellings: die Durchgeistigung der Natur und die
Annahme der Naturbedingtheit des Geistes. Zwar wurde durch die Rede,
die der Professor an der Karlsschule zu Stuttgart Karl Fr. Kielmeyer
1793 „Über die Verhältnisse der organischen Kräfte untereinander in
der Reihe der verschiedenen Organisationen, die Gesetze und Folgen
dieser Verhältnisse“ gehalten hat, Schelling nahegelegt, Natur und
Menschheit als +einen+ großen und einheitlichen Organismus zu fassen;
er selbst aber führte die Gedankengänge Kielmeyers auf Herder zurück.
Wirklich spinnen sich schon von Herders Aufsatz „Vom Erkennen und
Empfinden der menschlichen Seele“ (1778) und von seinem „Gott“ (1787)
Fäden hinüber zu Schelling und zu Novalis. Die Brücke vom Spinozismus
zur Naturphilosophie hat Herder schlagen helfen und er ward dadurch
ein Vorgänger des realistischen Umschwungs der Philosophie, der mit
Schelling beginnt. ~Post festum~ suchte Herder 1802 im 6. Stück der
„Adrastea“ auf seine Weise die Folgerungen aus den Prämissen zu
ziehen, die er selber Schelling gegeben hatte; aber dabei gestand er
anderen und sich nicht ein, daß Schelling, ihm vorauseilend, längst
dasselbe Geschäft besorgt hatte. Denn für Herder war in Schellings
Naturphilosophie durch die Schul- und Formelsprache, mit der sie
durchsetzt war, sein eigener Besitz und Anteil fremd und unkenntlich
geworden. So gingen auch diesmal wieder Menschen, die zu tiefstem
und innigstem gegenseitigen Verständnis bestimmt waren, kalt und
teilnahmslos ihre gesonderten Wege. Doch nach den erwähnten starken
Zusammenhängen der Naturphilosophie und des Herderschen Denkens
begreift man, daß ein Naturphilosoph von +J. W. Ritters+ Art nach
dem Tode seines Freundes Hardenberg in Herders Arme flüchtete und in
dessen Umgang volle Befriedigung fand. In den „Fragmenten aus dem
Nachlasse eines jungen Physikers“ (1810 1, XXXI ff.) hat Ritter, der
einzige Romantiker, der Herder im Innersten nahegetreten ist, diesem
Freundschaftsbunde ein Denkmal errichtet. Und obgleich Ritter selbst
ausdrücklich hervorhebt, daß er vor seinem ersten Besuche keine Zeile
Herderschen Schrifttums gelesen hatte und nachher von Herder nur auf
die „Älteste Urkunde des Menschengeschlechts“ hingewiesen worden sei,
so ergibt doch jedes Wort des dichterisch ausgeschmückten Berichtes,
daß beide nicht nur menschlich sich nahegekommen sind, sondern auch
ihre „Ideen zur kosmischen Geschichte des Menschen und der Erde“
miteinander ausgetauscht haben.