VIII.

Von Dutoitspan nach Musemanjana.

Vorbereitungen und Ausrüstung zur Reise.--Meine diesmaligen

Reisegefährten.--Aufbruch von Dutoitspan.--Klipdrift.--Platberg in

Gefahr.--Diamantenfund.--Afrikanische Wegmauth.--Hebron.--Wassermangel.

--Ein Grasbrand auf der Hochebene.--Hartebeest-Antilopen.--Ein theuerer

Labetrunk.--Gassibone's Kraal.--Rigers Abenteuer mit einer Cobra.

--Taung.--Ein Holländischer Schmied.--Reverend Brown und die

Missionsstation in Taung.--Maruma.--Monkey's Freuden und Leiden.--Eine

dornenvolle Jagd.--Billige Diamanten.--Von Pavianen genarrt.--Unser

Empfang in Musemanjana.

[Illustration]

Während meines sechsmonatlichen Aufenthaltes machte ich unter anderen

Bekanntschaften (unter meinen Patienten) auch die dreier mit einander

nahe verwandter deutscher Familien, welche, um mir ihre Dankbarkeit für

einige gelungene Curen zu beweisen, mich aufforderten, mir ein Häuschen

in ihrem Hofe zu bauen, wohl in meiner Office, wo ich bisher wohnte, zu

praktiziren, allein in dem ersteren zu wohnen, damit ich eine bessere

Kost etc. und andere Bequemlichkeiten genießen und mich auch besser für

meine zweite Reise vorbereiten könnte. Ich nahm ihren gütigen Antrag an,

und wohnte etwa zwei Monate unter ihnen, gerade die Zeit vor meiner

zweiten Abreise in's Innere. Ich betrachtete die Sprossen dieser Freunde

als meine Brüder und Schwestern und wir haben immer dies

freundschaftliche Verhältniß zu einander bewahrt. Sie waren mir alle zu

den Vorbereitungen zur Reise behilflich, und als ich, bis auf 120 £ St.,

die gesammten Kosten (gegen 900 £ St.) für diese Reise zurückgelegt

hatte, da wurde es mir durch die Güte des einen der drei Familienväter

ermöglicht, Güter zu denen, die ich schon für baares Geld erkauft hatte,

von einem der Handelshäuser in Dutoitspan im Werthe von 117 £ St.

geliehen zu erhalten, und schon vier Wochen vor der anberaumten Zeit die

Reise antreten zu können.

Diese Güter bestanden in Schießmaterial, baumwollenen gefärbten Decken,

Tüchern, Kleidern und Draht, und ich gedachte die Objecte als

Tauschgegenstände zu benutzen, um uns, wenn nöthig, Nahrung zu

verschaffen, hauptsächlich aber, um ethnographische Gegenstände und

Carossen aus verschiedenen Thierfellen für meine Sammlungen zu erstehen.

Seitdem sich die Diamantenfelder zu purificiren begannen, viele Elemente

ausschieden und nur jene geblieben waren, die auf einen längeren

Aufenthalt vorbereitet, sich wohnlich eingerichtet hatten, seitdem die

gesetzlichen und socialen Verhältnisse einen Umschwung zum Guten

erfuhren, haben sich die Central-Diggings einer europäischen Großstadt

genähert. Früher herrschte zwar auch der Luxus der letzteren auf der

traurigen Ebene zwischen dem Modder- und Vaal-River, allein dieser Luxus

wohnte in Zelten und elenden Bretter- und Eisenhütten und war mehr Waare

als Gegenstand ruhigen und praktischen Genusses.

Im Jahre 1873, eben nach meiner Rückkehr von der ersten Reise, griff

eine lebhafte Auswanderung nach den Goldfeldern im Leydenburger District

der Transvaal-Republik um sich, und dies namentlich, weil aus dem

letzteren Staate sehr gute Nachrichten über die Goldfelder einzulaufen

pflegten, und die Regierung der Transvaal-Republik mit der Idee der

Delagoa-Pretoria-Eisenbahn sich zu befassen begann. Diese Nachrichten

ermuthigten Viele, nach Leydenburg zu pilgern und Golddiggers zu werden,

ihnen schloß sich eine große Zahl, der aus allen Erdtheilen meist mit

kleinen Baarschaften Zugewanderten an, die sich in den Diamantenfeldern

arm »gediggt« oder ihre Mittel zu gutem Theile vertrunken oder verspielt

hatten und daher begierig die Idee aufnahmen, an einer anderen Stelle

dem in Australien, Amerika, Neu-Schottland etc. vergebens gesuchten

Glücke wieder nachjagen zu können.

Je näher die Zeit des beabsichtigten Aufbruches rückte, desto eifriger

und umfangreicher wurden die Vorbereitungen betrieben. So wurde der

Wagen mit neuen Eisenbändern versehen, und um das Brechen der

Dachleisten--denn meine zweite Reise sollte mich durch bewaldete Partien

führen--zu verhüten, ein Eisendrahtnetz zwischen drei wasserdichte

Leinwandlagen eingelegt, was sich jedoch, sowie ein kleines

Aussichtsthürmchen, das am Wagen angebracht wurde, später auf der Reise

als unnöthig erwies. Ich selbst benützte die Zeit, um mich in der

Reitkunst zu üben; an Gelegenheiten, meine Fertigkeit in dieser Hinsicht

zu erproben, sollte es auf der zweiten Reise nicht fehlen. Die ungesunde

Jahreszeit forderte auch bei mir ihren Tribut, ich verfiel in ein

heftiges Fieber, von dem ich mich nur allmälig erholen konnte, und

welches mich veranlaßte, die Abreise aus den Diamantenfeldern thunlichst

zu beschleunigen.

Freund E., der in der Old de Beers-Mine sein Glück als Diamantendigger,

allein mit immer gleichem Mißerfolg erprobte, willigte ein, mich auch

auf dieser zweiten Reise zu begleiten. Er wollte auch ein Stückchen mehr

von Afrika sehen und nach seinen Worten »mir helfen wo er konnte«. Ich

bat ihn, die Oberaufsicht über den Wagen zu übernehmen (wie auf der

ersten Reise), was er auch that, und derselben in der besten und

redlichsten Weise gerecht wurde.

Die zweite Reise sah ich keineswegs als meine Hauptreise an, sondern als

eine zweite, doch größere Versuchsreise, auf der ich wenigstens die

Hälfte der Strecke zwischen den Diamantenfeldern und dem Zambesi

zurücklegen und neue Erfahrungen für meine geplante große Reise nach

Central-Afrika sammeln wollte.

Unter meinen früheren Patienten befand sich auch ein junger Mann aus

Preußisch-Schlesien, der gewillt zu sein schien, mich auf dieser zweiten

Reise zu begleiten. Doch eines schönen Tages, nachdem ich für ihn bei

seinen Gläubigern gutgestanden und einen Theil seiner Verpflichtungen

getilgt, war er auf Nimmerwiedersehen verschwunden, mir es überlassend,

seine Gläubiger zu befriedigen. Es war dies eine der gewöhnlichen

Erfahrungen in den Diamantenfeldern, die damals noch ein Heer

zweifelhafter Existenzen beherbergten.

Durch Freund Eberwald's Fürsprache ließ ich mich trotz aller meiner

schlimmen Erfahrungen mit F. erweichen, ihn wieder als Begleiter auf die

Reise mitzunehmen. Als dritten Gefährten brachte Freund E. eines Tages

einen seiner Bekannten, Herrn Boly aus Hannover mit und sprach sehr zu

seinen Gunsten; ich habe es später nie bereut, daß ich ihn acceptirte.

Einer meiner Kunden hatte mir ein Gespann von acht Ochsen und einen

Griqua als Triber besorgt.

Im Allgemeinen war ich diesmal viel besser ausgerüstet als auf der

ersten Reise, ich hatte auch einen Sextanten erstanden, in dessen

Gebrauch mich ein gewesener Schiffsofficier unterrichtet hatte; leider

war es mir nicht vergönnt ihn benützen zu können, da ich auf keine Weise

ein Exemplar des »Nautical Almanach« auftreiben konnte.

Am 3. November verließ ich endlich in Begleitung von Herrn Eberwald,

Boly, F. und einem Griquadiener, sowie neun Hunden, darunter meinem

treuen Niger, meinem Reitpferd und acht Zugthieren die Diamantenfelder.

Von Dutoitspan nahm ich den kürzesten Weg nach Klipdrift; von Klipdrift

jedoch wollte ich bis Hebron, im Vaal-Thale aufwärts fahren und von

Hebron querfeldein die Richtung nach Gassibone's Stadt und dann weiter

nach dem von mir noch nicht besuchten Taung, dem Sitz des

Batlapinenkönigs Mankuruan nehmen. Ich wollte auf diese Weise ein Stück

des rechten Vaalufers besuchen, das mir noch neu war und Gassibone's

Land von Süden nach Norden durchschneiden, während ich es auf der ersten

Reise von Westen und Ostsüdost durchzog. Unseren ersten Reisetag

beschlossen wir an der Old de Beers-Farm.

Am folgenden Morgen ausbrechend, gelangten wir zu einem Trümmerhaufen,

einige Meilen vor den Ruinen eines Missionsgebäudes in der Nähe der

jetzigen Pnieler Missionsstation gelegen, deren bereits Erwähnung

geschah. Auf dieser Strecke beobachtete ich eine Niederung in dem

Hochplateau, bevor wir noch seinen Abhang nach dem Vaal zu abzusteigen

begannen, in einen Binnensee von etwa 1½ Meilen Länge und Breite

verwandelt. Zahlreiche schwarze Störche und Kraniche liefen am Rande des

Gewässers umher. Als ich mich ihnen mit Niger näherte, folgte dieser

einer Spur in den Binsen am Ufer, blieb dann plötzlich stehen und machte

mich durch sein Wedeln auf ein kleines Binsendickicht aufmerksam, ich

machte mich schußbereit, gab dem Hunde das Zeichen und er sprang

vorwärts; mit ihm zugleich sprang ein rothlöffliger Hase aus den Binsen,

der unseren ersten Mittagstisch auf dieser Reise bereicherte. Wir

benützten auf der Weiterfahrt die neue, unmittelbar über dem Flusse von

den Sträflingen in den Felsen gehauene Straße und wichen so dem tiefen

Sande auf dem Hochplateau, der uns auf der ersten Reise so viele

Schwierigkeiten bereitet hatte, aus; Abends hatten wir jene Stelle

erreicht, an der wir im Februar 1873 eine schlimme Nacht verlebt hatten.

Am folgenden Morgen wollte ich in den Büschen der Umgebung jagen, wurde

aber bald durch F. zurückgerufen, der mir berichtete, daß bei dem

Tränken der Zugthiere, die zeitlich früh von Pit, unserem Griquadiener,

auf die Weide getrieben waren, eines derselben bis zum Halse im

Ufer-Schlamme eingesunken sei. Nur B. am Wagen zurücklassend eilten wir

zur Stelle und fanden »Platberg«, eines unserer Zugthiere in einer

schrecklichen Lage. Es war ein hartes Stück Arbeit, das Thier aus seiner

mehr denn ungemütlichen Situation zu befreien, doch gelang es; der Tag

war indeß verloren, da wir dem an den Füßen fast erlahmten Thiere

Erholung gönnen mußten.

Am nächsten Tage hoffte ich das Versäumte nachholen zu können und brach

mit Morgengrauen auf. Die Fahrt ging flott von statten, denn zu meiner

Ueberraschung fand ich die Straße seit meiner ersten Recognoscirungstour

in bedeutend besserem Zustande. Nach sechsstündiger Fahrt standen wir am

Ufer des Vaal.

Bevor ich noch den Fluß in Klipdrift erreichte, hatte ich den Verlust

zweier Hunde zu beklagen, einer war während unseres nächtlichen

Aufenthaltes am Flusse, wohl zur Tränke gelaufen und da wahrscheinlich

von einer Hyäne getödtet worden, der zweite kam nahe an Klipdrift unter

das Wagenrad und wurde getödtet.

Der Fährmann am Vaal verweigerte uns den Dienst, indem er bei dem

niedrigen Wasserstande und dem Gewichte meines Wagens mit dem Boote

aufzufahren befürchtete; er verwies uns auf eine flußabwärts befindliche

Furth. Nach den unerquicklichen Erfahrungen des Ostersonntags, hieß es

mit aller Vorsicht diese Furth untersuchen. Der Vaalfluß war bis auf

eine kaum sechs Meter breite und ½ Meter tiefe Rinne ausgetrocknet,

diese Stelle war sandig, doch der übrige Theil des Bettes ein einziges

aus kopfgroßen und noch bedeutend größeren Grünsteinblöcken gebildetes

Gerölle. Ohne jeglichen Unfall wurde der Fluß übersetzt und in der Nähe

von Klipdrift gelagert. Während der Rast überraschte mich Pit mit einem

etwa ¼ Karat schweren Diamanten. Während die Ochsen grasten, lag er

stundenlang auf der Erde und durchsuchte den ausgesiebten Sand, der

schon früher von den Diamantengräbern ausgebeutet worden war. So hatte

er das Steinchen gefunden, ich nahm es an, um es meiner Sammlung

einzuverleiben, später verlor ich es auf eine mir unerklärliche Weise.

[Illustration: Platberg's Befreiung aus dem Schlamme des Vaal.]

Wir brachen noch am selben Abende auf und fuhren eine steinige Höhe

hinan, auf der oben eine, dicht von jauchzenden, d.h. betrunkenen

Korauna's umlagerte Cantine stand. Der wiederholte Zuruf »Wach mit det

wagon, Wach« machte uns stutzig und bewog mich, anhalten zu lassen. Es

dauerte nicht lange und von rechts und links erschien ein durch das

Nachlaufen, doch auch von einem nicht zu seltenen Genusse des

gambrinischen Gebräues geröthetes Gesicht; das plötzliche Emportauchen

der zwei fleischigen mit mehreren dunklen Punkten und Stellen markirten

Gesichter war von einem mit heftigen Athembewegungen und

Hustenausbrüchen unterbrochenen Redeschwall begleitet. Von der einen

Seite klang es holländisch, von der andern englisch, was wollten

eigentlich die beiden Kerle? Pit war der erste, der die anscheinend

hochtönenden in Wahrheit aber unverständlichen Phrasen aufzufassen

vermochte. Der eine war der Sheriff (Polizeibeamte), der zweite ein

Policeman, die »Herren« kamen nachgelaufen, um 10 Shillinge

Schadenersatz für den Mann zu fordern, dessen Grund und Boden unsere

Zugthiere während unseres Aufenthaltes bei Klipdrift so schrecklich

zugerichtet haben sollten. Ich müsse die 10 Shillinge begleichen, sonst

würden sie mich nicht einen Schritt weiterziehen lassen. Obwohl ich mir

bewußt war, daß die beiden übereifrigen Diener der Gerechtigkeit eine

plumpe Finte gebrauchten, willfahrte ich ihren Forderungen; wir hatten

ihnen kaum den Rücken gekehrt, als F., den das Schicksal der 10

Shillinge beunruhigte, uns aufmerksam machte, daß die beiden Gehilfen

der heiligen Hermandad in der Cantine verschwunden waren, um

hochstwahrscheinlich auf das Wohl des durch unsere Thiere geschädigten

Grundherrn ein Gläschen Brandy zu leeren.

[Illustration: Grasbrand auf der Hochebene.]

Wir fuhren bis spät in die Nacht hinein, wobei wir uns von dem zur

Rechten nach Südsüdosten einen Bogen beschreibenden Vaalflusse

entfernten. Die bereiste Gegend waren bebuschte, steinige Höhen, die oft

von meilenlangen, ebenen Alluvialflächen gekrönt oder von solchen,

allmälig gegen den Fluß abfallenden Strecken von einander getrennt

waren. Zahlreiche Feuer an beiden Seiten wiesen auf Korannagehöfte hin,

aus den näheren konnten wir das deutliche Geblöke der Böcklein und

Ziegen hören. Diese Gehöfte schienen alle am Abhange der Höhen,

gewöhnlich in einem Winkel, an vor Nord- und Nordwestwinden geschützten

Stellen zu liegen. Wir begegneten noch zu solch' später Stunde zwei

Halfcastmännern, die von der Transvaal-Republik nach Klipdrift wanderten

und da sie uns auf zwei tiefe Regenschluchten, die wir bald zu

durchschreiten gehabt hätten, aufmerksam machten, hielt ich es für das

Gerathenste, nicht weiter die Götter zu versuchen, sondern hier unser

Nachtlager aufzuschlagen. Bald loderte ein lustiges Feuer und prasselte

und sang mit unseren aufthauenden Lebensgeistern, ja auf F. wirkte

dieses und der duftende Mocca so mächtig ein, daß er sich während des

Nachtimbisses feierlich erhob und den gefüllten Blechbecher hochhaltend,

einen Toast auf die in Klipdrift weilenden Gerichtsmandarinen des 25.

Ranges ausbrachte; in welchen die Runde, das Blaßgesicht wie der

Schwarze einstimmte, daß die Becher hell in die stille Nacht hinein

zusammenklangen.

Am 7. November blieb die Scenerie gleich der, die wir am Abend zuvor

beobachtet, nur hatten wir darüber zu klagen, daß kein Wasser in der

Nähe des Weges gefunden werden konnte, die mitgenommene Quantität war am

Abend, Morgen und Mittag verbraucht worden und wir konnten früher denn

am Flusse auf keines hoffen.

Gegen 4 Uhr langten wir in Hebron an, wo wir uns jedoch nicht

aufhielten, sondern blos durchfuhren, um noch bei Tage zu der Stelle zu

gelangen, wo ich den Hebron-Christiana-Weg verlassen und querfeldein

nach Gassibone zu einhalten wollte. Seit den wenigen Monaten, die

während meines ersten Besuches des Ortes verflossen, waren die

Ueberreste der einst blühenden Stadt noch mehr zusammengeschmolzen. Der

schlechte Zustand des Weges gebot uns bald Halt. Ein junger Batlapine,

dem wir begegneten, offerirte sich uns am nächsten Morgen als Führer.

Gegen Mittag hielten wir unter dem Schatten eines breitkronigen

Mimosenbaumes unsere gewohnte Siesta und schlugen endlich, nach

mehrstündigem Marsche unser Nachtlager mitten auf der Hochebene auf.

Es war eine herrliche, eigentümlich anmuthende Scenerie, die sich uns

hier bot. Nach Süden und Westen umrahmten die Hebroner Höhen und ihre

dunklen von Purpurschimmer übergossenen Ausläufer den Horizont, der nach

Norden und Osten die unabsehbare Ebene in wunderbar dunkler Färbung

überlagerte, und ein sicherer Vorbote einer, wenn wolkenfreien, so

überaus schönen südafrikanischen Nacht war. Ein leiser Windhauch bewegte

um uns das blumenreiche, hie und da von dunkelgrünen, gruppenweise

zusammenstehenden Büschen überschattete Gras, dessen Keime der Wind

gesäet, das flüchtige Wild in den Boden gebettet und das im Sommer die

unabsehbare Ebene mit einem grünen duftenden Teppich überzieht und im

Winter kaum je von weichem flockigen Schnee gedeckt wird,--nur die

gelblich-braune Färbung der Halme läßt uns erkennen, daß die Sonne dem

Norden zulächelt. Bald züngelt es überall unter und zwischen dem dicht

übereinander gelagerten trockenen Gezweige und die Flämmchen zu einer

Flamme sich vereinigend, streben nach einer Seite hin--nach Nordnordost.

Ob etwa nach der trauten Heimat zu? Der leise Abendwind, der sie

angefacht, eilt heute nach jener mir liebsten, nach jener gesuchten

Richtung hin, nach welcher so oft unwillkürlich das Auge in banger

Sehnsucht schweift. Das Feuer, die Ebene, Gassibone's Land, Afrika, sind

vergessen, das Ohr hört nur zeitweilig menschliche Laute, Laute, die der

Gedanke sofort mit der fernen Heimat verknüpft. Ein schwarzer, vor dem

mein Auge blendenden Feuer vorbeihuschender Schatten--es war der unseres

jungen Führers--gibt mich der Gegenwart zurück. Es war ein friedlicher

Abend, ihm folgte eine friedliche Nacht, ein Gegensatz zu der letzten,

eine gute Rast, gleichsam eine Stärkung für das, was uns Ahnungslose am

nächsten Tage erwartete.

Die Zugthiere, die etwas abseits grasten, kamen von selbst

herbeigelaufen und lagerten sich in des Wagens Nähe, während wir unsere

Decken in das duftende Gras werfend, weich gebettet, und überwoben von

den überhängenden zarten Stengeln, Rispen und Blüthen, bald in den

wohlverdienten Schlummer fielen. Zeitlich machten wir uns nächsten

Morgens auf den Weg. Nach des Führers Worten schätzte ich die Entfernung

bis zur Stadt des Batlapinenkönigs auf 35 englische Meilen; was uns

jedoch etwas erschreckte, war, daß der Führer die Wassernoth der zu

bereisenden Gegend eingestand. Wir mußten uns auch den Tag über damit

begnügen, Wasser für das Mittagsmahl gefunden zu haben, ein Labetrunk

blieb ein unerreichbarer Wunsch.

Oft bei Nord-Richtung verfolgend zogen wir bald weiter und mußten wohl

den von unserem Führer bezeichneten, monatelang Regen entbehrenden

Strich erreicht haben, denn je weiter wir zogen, desto gelblicher und

trockener wurde das Gras. Trotz des vorgeschrittenen Frühlings konnten

wir anfangs nur wenig, weiterhin gar keine neu aufgesprossenen Halme

sehen, nur selten gewahrte das Auge die erste, doch in Folge der Dürre

schon halb vertrocknete Blattanlage der Amarillys.

Wir zogen allmälig bergaufwärts auf eine kleine Plateauhöhe; je höher

wir kamen, desto seltener wurden die Büsche, desto dürrer die ganze

Vegetation. Aus Nordwest erhob sich ein ziemlich starker Wind, der

sausend durch die hohen Grasstengel fuhr, daß sich diese wie ein

Saatfeld bogen und hoben, und der uns höchst willkommen war, denn er

linderte die große Hitze und kühlte unsere brennenden Lippen. Die

Zugthiere, die 30 Stunden zuvor zum letzen Male getrunken hatten, kamen

nur sehr langsam vorwärts, wir konnten sie auch nicht in solcher Hitze

antreiben, da es bergan ging; seit zwei Stunden folgten wir einem

Fußpfade und unser Führer meinte, daß wir, auf dem höchsten Punkte des

Plateau's angelangt, uns etwas nach rechts wenden müßten (West bei Nord)

und da auf Wagenspuren stoßen würden, da der Morena (König) zuweilen

jene Strecke mit Wägen befahren lasse--um Holz nach den Diamantenfeldern

zu bringen. Wenn wir dann ohne zu halten bis in die Nacht den Spuren

nach links folgten, würden wir zu den erwähnten Eingebornenhütten

kommen. Das war für uns halb Verdurstete eine trostlose Aussicht.

Während einer kurzen Rast am Abhange des Hochplateau's wurden wir auf

eine dunkle, lange Zeit hindurch gleichsam unmittelbar über dem Plateau

schwebende Wolke aufmerksam, die von meinem Diener, von dem gemietheten

Führer, wie auch von uns allen als ein riesiger Heuschreckenschwarm

angesehen wurde. Am Rande der Hochebene angelangt, schreckte mich

plötzlich ein von den Gefährten im Wagen ausgestoßener Schrei aus meinen

Träumereien.--Ein Anblick, der mir und meinen Freunden einen Schrei des

Entsetzens entlockte, bot sich uns.--Die vor uns liegende, mit hohem,

trockenem Gras und Gebüsch bedeckte Ebene, die wir durchziehen sollten,

war ein Flammenmeer. Der Brand kreuzte unsere Wegrichtung und war 5-6

englische Meilen weit entfernt, die graue Wolke, die wir eine Stunde

zuvor erblickt, waren die aufsteigenden, nach Ostsüdost getriebenen,

dichten Rauchmassen. Der erste, der sich erholte, war der dunkle Führer,

der uns auf die kaum 20 Schritte entfernten Wagenspuren aufmerksam

machte, welche nach seiner Beschreibung mitten durch das Feuer führten.

Wir hatten uns auf 600 Schritte dem Feuer genähert, das nach rechts bis

an einem sozusagen parallel mit denselben laufenden Höhenzuge reichte,

das Land war nach dieser Richtung hin eben; nach links senkte sich das

Plateau nach der rechten Feuerflanke in eine etwa 300 Schritte breite

Mulde, an deren Ende das Feuer eben zu nagen begann; diese Mulde lag im

Hochplateau und war nach links von einem nach Norden felsig und steil

abfallenden, etwas bebuschten, etwa 40 Fuß hohen Hügel begrenzt, der

zugleich den nördlichen Abfall der Plateau-Erhebung bildete, die wir

eben erreicht hatten. Was war zu thun! Rasches, sofortiges Handeln war

nöthig. Wir mußten dem Feuer zu entkommen, und unsere schreckliche

Wassernoth berücksichtigend, deßungeachtet vorwärts nach dem Wasser zu

gelangen trachten. Die Zugthiere waren auch zu müde, um einen sofortigen

Rückzug nach Süden oder Osten nach dem Vaalflusse zu nehmen, nach Osten

war es auch wegen dem rasch vorwärts schreitenden Feuer nicht möglich,

um so weniger, da die Zugthiere eine Hetzjagd durch das Gras wohl auf

eine Meile, allein kaum auf 10 oder 15 Meilen aushalten konnten, und

eine solche wäre nach Osten unvermeidlich gewesen.

Es blieb nichts übrig als vorwärts zu kommen; ja, vorwärts, allein wie,

um dem Feuer auszuweichen, vom rasenden Elemente verschont zu werden?

Das Gras um uns abzubrennen und so das Feuer zu erwarten war unmöglich,

weil wir nebst einigen tausend Patronen 300 Pfund Schießpulver am Wagen

hatten, unmöglich, weil die Wagenleinwand und das Holz durch die

sengende Sonnenhitze erhitzt, kaum das Anlegen der Hand gestattete und

von den vom Winde fortgetragenen brennenden Zweigen und glühenden

Blättern leicht in Brand hätte gesetzt werden können und wir wohl

Spiritus und Branntwein, aber kein Wasser mit uns führten. Mein Blick

blieb an dem Hügel zur Linken hasten, wäre es möglich, da unten in der

Schlucht durchzukommen?--Bis jetzt schien das Feuer etwa 300 Schritte

von dem Hügel entfernt, doch es näherte sich uns wie dem Hügel, wenn

auch dem letzteren, weil dieser etwas aus der Windrichtung lag, weniger

schnell. Ja, wenn wir nur mit dem Wagen schon an dem Hügel in dem noch

freien Zwischenraume angelangt wären, und so das Feuer, das etwa 100

Schritte breit war, umfahren hätten können.

Hinter dem Feuermeere breitete sich eine meilenweite, schwarze Fläche,

das abgebrannte Feld, aus, über welche hie und da Flammen, die

Ueberreste eines brennenden Busches aufflackerten. Meine den Gefährten

mitgetheilte Ansicht fand einstimmigen Beifall. Der dunkle Diener

begriff es »a Bass sol dun« und der Blick seines dunklen Auges zeigte,

daß er sein Bestes thun wolle, um die Zugthiere in der angegebenen

Richtung zu führen und in derselben zu halten.

Nun erst, nachdem ich mich auf mein Pferd geschwungen hatte, ließ ich

meinen Blick über die Strecke schweifen, die wir zu durchfahren,

nein,--zu durchfliegen hatten. Ich konnte mich eines Ausrufs nicht

enthalten, denn die circa 1000 Schritt messende Entfernung (bis an den

Hügel) war ein mäßiger, in den unteren Partien etwas steiler, mit

niedrigen Büschen und Gras bewachsener, und mit Felsblöcken übersäeter

Abhang; wie, wenn ein Rad bei dem raschen Fahren an einem der braunen

Steine zerschellen würde?--Doch ich hatte keine Zeit zum Denken, meine

Gefährten hatten ihre Posten eingenommen, Boly schwang die Peitsche und

gab mit dem gebräuchlichen »Fat an« das Zeichen zur schleunigen

Flucht--dem Feuer entgegen, um dem Feuer zu entrinnen.

Durch das Geschrei, Hiebe mit Peitsche und Aesten, doch auch durch den

grauenhaften Anblick der Feuerwoge zur Rechten angetrieben, der wir mit

jedem Schritte näher kamen, jagten die Ochsen mit ihrer Last, wie mit

einem leeren Karren dahin. Oft wähnte ich, daß der Wagen schon auf der

Seite liege, so hoch kam zuweilen ein Rad auf einen der Felsenblöcke,

während die beiden Vorderräder im nächsten Momente gegen das Gestein so

heftig anfuhren, daß die Stangenthiere durch den Anprall niedergeworfen

wurden. Die Hitze wurde unerträglich, da wir noch immer den Wind gegen

uns hatten, das Prasseln des trockenen Grases und der Büsche, von denen

jedoch die meisten grünten, erfüllte die mit dichtem Qualm und

brennenden Grasstengeln, Aestchen, Blättern etc. geschwängerte Luft mit

einem sinnebetäubenden Getöse; das Pferd, das ich auf dieser Reise ritt,

war kein scheues Thier, allein der Anblick zu seiner Rechten machte es

wild und unbändig, daß ich es kaum bemeistern konnte.

Doch wir rasten weiter. Mehrmals stolperte mein Reitthier an Felsen und

fiel gegen Büsche an, denn ich mußte die Wagenleinwand im Auge behalten,

um etwaige, sich da ansetzende Brandstücke rasch zu beseitigen und mußte

auch noch Pit dem »Führer« und Boly dem »Lenker« die einzuschlagende

Richtung angeben, um den größeren Blöcken vor uns, die ich von dem

Pferde aus wahrnehmen konnte, auszuweichen. Das Schreien und das

Antreiben der Ochsen, welche dichte Schaumflocken abgeiferten, das

Laufen über Stock und Stein, durch die brennende Tageshitze und die

Gluth der nahen Flamme, hatte meine Gefährten im höchsten Grade

abgehetzt; als wir endlich die Niederung erreichten, mußten wir einige

Minuten Athem schöpfen, alle hatten sich mehr oder minder im Gesicht und

an den Händen verwundet, waren unzählige Male gestolpert und gefallen.

In der Niederung angelangt, fanden wir, daß das Feuer sich bereits auf

100 Schritte der Anhöhe genähert hatte, während 200 Schritte weiter ab

es über 100 Schritte von ihr entfernt, zu erlöschen begann, es war hier

durch eine trockene Regenschlucht gehemmt, während es nach uns zu eine

sehr seichte Stelle derselben, über die wir ohne Mühe gesetzt,

durchgezüngelt hatte. Mein Pferd zitterte, daß es sich kaum auf den

Beinen erhalten konnte und die Ochsen »bliesen« (athmeten) schwer mit

zur Erde gesenkten Köpfen und doch hatten wir noch die schwierigste

Aufgabe zu lösen, wir mußten, nur 30 Schritte vom Feuer entfernt, etwa

100 Schritte neben dem Brande zurücklegen, bevor wir nach links abbiegen

konnten. So kurz auch die Strecke war, die wir zurückzulegen hatten, sie

drohte uns sicherer Verderben zu bringen als jene, die wir von den

felsigen Höhen herabgestürmt hatten. Ein zwischen mir und dem Feuer kaum

15 Schritte vom Wagen entfernter, durch einen brennenden Zweig in

Flammen gesetzter, trockener Vaalbusch wurde uns zum zweiten Losungswort

dieser Hetzjagd.

»Halloh an,« die Zugthiere legten sich in's Joch, doch nach kaum fünf

Schritten, drängen sie von dem dichten Qualm betäubt, nach dem

Felsenhügel, wobei sie den Wagen unwiderruflich umwerfen mußten. In

diesem kritischen Momente setzt der neben ihnen an meiner Seite laufende

Genosse auf die andere, die Hügelseite über, wo es ihm, den übrigen

Genossen und dem dunklen Führer gelingt, durch Schlagen und Schreien die

Thiere wieder auf die ebene Fläche herabzudrängen. Schlagt zu, schreit,

sonst sind wir verloren und fliegen in die Luft! Und nun ging es durch

den dichten Qualm, dicht herabnieselnde, von dem Winde aufgewirbelte

Asche, durch brennende Grashalme, Rindenstücke, glühende und brennende

Zweige--als wären wir bis auf das Gefühl der Selbsterhaltung sinnlos

geworden--mitten durch das Verderben vorwärts, um jene freiere, nur noch

80, 70, ja nur noch 50 Schritte entfernte, uns Rettung verheißende

Stelle zu erreichen. Die Hize wurde so furchtbar, daß ich jeden Moment

die Wagenleinwand aufflackern zu sehen wähnte.

Nur noch 20 Schritte--ob es die Zugthiere nur aushalten, sie keuchen und

wanken im Joche!--Endlich, Gottlob, da sind wir, zu unserer Linken ein

freies Grasfeld, zu unserer Rechten die etwa 10 Fuß tiefe und 12 Fuß

breite Schlucht und darüber hinaus das schwarz verkohlte Gras. Ich

springe aus dem Sattel, nehme ihn rasch ab und lenke meine Schritte zu

den Gefährten, die sich in's Gras geworfen hatten. Sie konnten kaum ein

Wort hervorbringen. Ihre Gesichter sind blutroth, die Hände, von den

knorrigen Aesten und dem häufigen Fall blutig geritzt und geschunden,

die Augen drohen aus den Höhlen zu springen. Pit's Kleider, der mit den

Frontochsen zuerst die Hindernisse (Büsche etc.) zu bewältigen hatte,

sogar sein Hemd war in Fetzen zerrissen, vom Rücken und von der Brust

tröpfelte Blut aus langen, doch glücklicher Weise nicht tiefen

Rißwunden.

Weiterziehend, trachteten wir, uns einen Anhang hinaufbewegend, die quer

durch das Feuer nach Gassibone's Stadt führenden Wagenspuren wieder zu

erreichen, was uns wohl gelang, obgleich wir der müden Thiere halber

jede 200 Schritt stehen bleiben mußten. Wir folgten den Wagenspuren in

nördlicher Richtung über ein ebenes Land, was den armen Zugthieren

wesentliche Erleichterung bot. Der Abend war inzwischen eingetreten. Ein

entsetzlicher Durst quälte uns, wir nahmen zum Essig unsere Zuflucht und

netzten damit die Lippen. Ein Ausruf Pits, der voranschritt, riß uns

alle aus dem dumpfen Hinbrüten. »Bass, kick (sieh) da so sin (sind) ye

det Hartebeeste?« Wir alle beugten uns vor, ja, richtig, der Junge hat

ein gutes Auge. Quer über unsere Richtung, einige 300 Schritte vor uns,

trappten drei Hartebeest-Antilopen an uns vorüber. Doch wir waren zu

abgehetzt, zu müde, um ihnen mehr als unsere Blicke zu widmen.

In Afrika habe ich drei Hartebeest-Antilopenarten beobachtet, das

gewöhnliche Hartebeest, das von der Colonie bis gegen den Zambesi, doch

häufiger in den südlicheren und mittleren hochbebuschten Partien

Süd-Afrika's gefunden wird, ferner das Sesephi oder Zulu-Hartebeest,

welches dasselbe Terrain bewohnt, doch auch nördlich vom Zambesi

angetroffen wird, woselbst ich auch die dritte Art vorfand, welche

jedoch der ersten näher als der zweiten Species verwandt ist, indem sich

die letzteren mehr dem Buntbock nähert. In Folge seines hammerförmigen

Kopfes, sowie auch seiner winkelig gebogenen Hörner ist das eigentliche

Hartebeest die häßlichste der Antilopenarten. Auf das Sesephi werde ich

noch zurückkommen, dem eigentlichen Hartebeest will ich in Folgendem

einige Worte widmen. Ich fand es am häufigsten zwischen dem Vaal und dem

Soa-Salzsee, doch hörte ich, daß es auch im Osten und Nordosten der

Transvaal-Colonie und im nördlichen Theile der Cap-Colonie häufig

vorgefunden wird. Das Thier ist mehr als andere Antilopenarten

ausgerottet und dies wohl, weil es weniger flüchtig und dreister als

andere ist. Es lebt in kleineren Rudeln und wir finden es nicht selten

in den von dem gestreiften Gnu bewohnten Gegenden. Daß es in dem

nördlichen Theile des zentralen Süd-Afrika seltener als in den südlichen

ist, hat wohl seinen Grund darin, daß es von den Bamanaquato's ob seines

Felles anderem Wilde vorgezogen wird, und dies darum, weil sich

der östliche Bamanaquato zu seiner kleinen Carosse, seinem

Nationalmäntelchen, das Fell dieses Thieres gewählt hat.

In den bebuschten, doch weniger bewaldeten Gegenden jagt man es zu

Pferde; verfolgt, zeigt das Thier einen schwerfälligen Lauf, der wohl in

seinem hohen Vorderleib und Widerrist seinen Grund hat. Ich glaube, daß

diese Species (Antilopa caama), obwohl die gemeinste von den drei

genannten, doch zu den Seltenheiten in den europäischen Thiergärten

gehört und daß die transzambesische Art gar nicht in denselben vorhanden

ist. In den Wäldern wie im Lande der mittleren Betschuana's sucht man

sich ihnen durch Bäume und Büsche gedeckt zu nähern, an solchen Stellen

trachten die Thiere sich womöglich am Rande einer Lichtung oder in den

weniger bebuschten Partien aufzuhalten, um eine bessere Rundschau halten

zu können, während sie in den waldlosen Gegenden nur hoch und

gruppenweise bebuschte Partien und im Allgemeinen die Ebene bewohnen.

Von weißen Jägern werden sie meist nur neben anderem Wilde, Elephanten,

Straußen etc. gejagt und erlegt.

[Illustration: Hartebeest-Gazellen.]

Der entsetzliche Tag war zu Ende, unser Führer hatte Mühe, den durch den

Brand mit Asche gefüllten und unkenntlich gewordenen Wagenspuren zu

folgen und uns in der wahren Richtung nach der kleinen Niederlassung der

Eingebornen zu bringen. Nicht blos die Lippen waren heiß, der ganze Mund

schien uns wie verkohlt und die quälende Trockenheit war bis in den

Schlund hinein zu fühlen. Wir sprachen nicht mehr und jeder suchte so

still als möglich sein Leid zu tragen. Wir hatten auf die Kühle Nacht

gehofft, doch diese war ausnahmsweise warm und selbst der Wind hatte

aufgehört uns etwas Erfrischung zu spenden. Endlich vernahmen wir

Hundegebell und bald darauf den monotonen Gesang der dunklen Mädchen,

ein Himmelsgesang für unsere niedergedrückten Geister. Nie wieder mehr

auf meinen späteren Wanderungen habe ich diese monotonen, diese

einfachen, stets sich wiederholenden, mit Holzkastagnetten begleiteten

Weisen der farbigen Mädchen mit solcher Wonne, mit solchem Nachhall in

meinem Herzen begrüßt, wie an jenem Abend. Der Durst ist doch eines der

schrecklichsten Gefühle, welche die menschliche Natur niederdrücken,

abquälen können.

[Illustration: Kopf der Hartebeest-Gazelle. (Antilopa caama).]

Endlich erblicken wir am Abhang zu unserer Linken und etwas vor uns

einige rothleuchtende Stellen, welche auf ebenso viele Feuer

hindeuteten; ich ließ den Wagen stehen, mit demselben Entschlusse hatten

meine Gefährten und der Führer ein Gleiches gethan und wir alle eilten

nach den menschlichen Wohnungen zu. Die Köter kamen nun herangeflogen,

während das Singen verstummte und vor uns erschien eine dunkle Gestalt,

ein Bewohner der Häuschen, nicht wenig überrascht, um diese Zeit und an

diesem Orte einen Wagen vorbeifahren zu sehen. So wie ich den Menschen

vor mir sah, stürzte ich auf ihn los, faßte ihn bei den Armen und schrie

ihm mit meiner heiseren Stimme »Meci, Meci« zu. Der so Angefallene stieß

einen Schrei aus, wohl den Warnungsruf, denn unser Führer konnte, von

einem Lachkrampf darob erfaßt, gar nicht zu Worte kommen. In einem

großen Ochsenhorn brachte der Mann nach einiger Zeit eine übelriechende

Flüssigkeit, die er als seinen ganzen Wasservorrath bezeichnete und für

deren Ueberlassung er eine halbe Krone forderte. Weder die Menge noch

die Qualität dieser Flüssigkeit waren jedoch hinreichend, um den

heftigsten Durst zu löschen. Es gelang uns endlich, unsere Wünsche dem

Manne verständlich zu machen und in kurzer Zeit darauf brachte er und

zwei Frauen mehrere große Töpfe mit Milch gefüllt, deren Inhalt von uns

gierig verschlungen wurde. Nun galt es auch den Hunger zu stillen und

bald loderte ein großes Feuer, an dem eine Hammelkeule briet.

Der Steppenbrand bildete natürlich das Hauptgespräch; im Süden stand

noch immer eine hohe Röthe am Himmel, ein Beweis, daß das Feuer

weiterschritt. Diese Brände werden zuweilen durch Unvorsichtigkeit

verschuldet, doch in jenen Partien, wo Büsche und Bäume seltener sind,

von Farmern oder von Eingebornen im Spätwinter angezündet und dies

namentlich in trockenen Jahren, um, wie die Leute sagen, das Wachsthum

des Grases zu befördern. Dasselbe thaten früher die Straußenjäger im

Innern, um die Strauße, die das grün aufsprossende Gras mit Begierde

aufsuchen, an solche Stellen zu locken. Diese Brände sind sehr oft in

den von den niederen, kaum 18 Zoll hohen Büschen (Scap [Schaf-]büschen)

bewachsenen Ebenen der Colonie und des Freistaates zu bemerken; auf etwa

drei englische Meilen nahegekommen, sehen wir dann in dunklen Nächten

einen oder mehrere gerade, längere oder kürzere »glühende Streifen«

langsam über die Erde hinkriechen.

Am folgenden Morgen wieder aufbrechend fanden wir uns eine halbe Stunde

später in dem schon zu einem Wege ausgefahrenen Wagenspuren, denen wir

im März nach der Abreise von Gassibone gegen den Vaal-River zu gefolgt

waren. Hier verabschiedete sich unser freundlicher Führer und wir fuhren

bergab eine der Schluchten hinunter nach Gassibone's Residenz zu. Die

Seiten (d.h. Abhänge) der durchfahrenen breiten, sich nur nach der Stadt

gegen ihre Mündung zu verengenden Schlucht zeigten einen

terrassenförmigen Abfall der Gebirgsschichten, die trotz des üppigen

Graswuchses deutlich hervortraten; die ebenen Partien dieser Terrassen

waren von der Natur mit Mimosenbäumchen bepflanzt worden und boten so

einen, unseren auf Berglehnen angebauten Kirschbaumgärten nicht

unähnlichen Anblick.

Gegen Mittag fuhren wir in Gassibone's Stadt ein, durchschritten

dieselbe und lagerten unter einigen Bäumen, etwa in der Mitte des

thalförmigen Kessels, unmittelbar an einer Regenschlucht. Der Boden des

ganzen Kessels war ein üppiger Rasen, der, weil in der Tiefe liegend und

durch die oben in einer Schlucht liegenden Quellen befeuchtet, sich in

diesem Zustande erhielt. Pit trieb, von E. und F. gefolgt, die Ochsen

nach den Quellen, allein sie fanden dieselben von mehr denn 20 Frauen

umlagert und hatten über 1½ Stunden zu warten, bevor sie an die Reihe

kamen.

Es ist staunenswerth, unter diesen östlichen mit den Bamairen gemengten

Batlapinen so wenig Energie zu finden. Am Tage müssen in der trockenen

Zeit die Farmer stundenlang auf ihren Wasserbedarf harren. Wenn man die

Quellen ausreinigen und unterhalb derselben den feuchten, marschigen

Boden ausgraben und einen Damm errichten würde, könnte man in der so

gewonnenen Cisterne nicht allein hinreichendes Trinkwasser für die

Bevölkerung von Gassibone's Residenz-Kraal, sondern auch in dem

errichteten Teiche das nöthige Trinkwasser für eine große Anzahl von

Hausthieren gewinnen.--Inzwischen war Gassibone selbst, von seinem

Bruder und einigen Männern begleitet, herangekommen, die meisten in

gewöhnliche graue Baumwollkleider gehüllt, einige noch trotz der Hitze

mit überhängenden Carossen, um zu forschen, was wir in seiner Stadt

begehrten. Ich ersuchte ihn, mir einen Ziegenbock zu verkaufen, da ich

auf der zwischen dieser Stadt und jener Mankuruan's am Hart-River von

Eingebornen häufig begangenen Strecke nicht allzuviel Wild anzutreffen

glaubte.

Es würde das Ansehen Seiner königlichen Hoheit geschmälert haben, wenn

er sofort eingewilligt hätte. Es wären keine--später meinte er--nur

wenige Ziegen da, dann begehrte er ein Glas Branntwein, setzte sich auf

unser Wasserfäßchen und begann den Verkauf der Ziege mit seinem Bruder

und dem herum im Grase hockenden und an einigen Bäumen angelehnten

Gefolge bis in's Detail zu ventiliren. Da sie die Setschuana sprachen,

verstand ich sie nicht, vernahm jedoch unzählige Male ein und dasselbe

Wort, welches ich später Pit mittheilte und das mir von diesem als

Kalpater (Ziegenbock) verdolmetscht wurde. Endlich stand einer der

Männer auf, kam auf mich zu, und meinte, indem er auf den Chef (König)

hinwies, daß Morena Botlazitse Gassibone mir einen Bock für ein »half

pund« überlassen wolle, ein Anbot, das ich sofort annahm. Seine

Herrlichkeit geruhte mich noch mit einem längeren Gespräche zu beehren,

nach dessen Beendigung wir unsere Reise fortsetzten.

[Illustration: Ersehnter Labetrunk.]

Als wir durch eine der Stadt gegenüberliegende Schlucht die Höhe

erreicht hatten, waren dunkle Wolken aufgestiegen, welche auf Sturm und

den so heißersehnten Regen deuteten. Wir hielten Kriegsrath und da Pit

meinte, daß der Sturm sicher auf uns heranzöge, spannten wir kaum drei

englische Meilen von der Stadt entfernt aus.

[Illustration: Niger und Cobra.]

Pit hatte richtig geurtheilt, die Wollen hatten sich zu dichten Massen

aufgethürmt, welche näher und näher heranrückten und bevor eine Stunde

verging, kam ein tüchtiges Sturzbad auf uns herabgeströmt. Was hätten

wir tagszuvor für eine solche Wohlthat geboten! Es war einer der

heftigsten, etwa zweistündigen Platzregen, die ich in Süd-Afrika

beobachtet. Noch während des Regens kamen zwei halbnackte, einen höchst

widerstrebenden Ziegenbock heranschleppende Batlapinen auf uns zu.

Gegen Sonnenuntergang, als die »schäumenden« Wasser abgeflossen, nur

noch in dünnen Stränchen der erzürnten Fluth nacheilten, verließen wir

den Abhang und zogen weiter. Derselbe führte durch ein nur stellenweise

erweitertes Felsenthal, das zu unserer Linken dicht bebuscht war. Niger,

der voran eilte, fing plötzlich in dem hohen Grase zur Rechten zu bellen

an und schien dann etwas, was wir jedoch nicht sehen konnten, über den

Weg zu verfolgen. Ich bemerkte, wie er nachsprang und dann stets wieder

zurückfuhr, was mich nicht wenig befremdete. Wir hielten sofort an und

eilten Niger nach. Er stand nun an dem, einen der riesigen

Termitenbauten--eine hohe nach oben zu offene Röhre--umgebenden Dickicht

und bellte die darin versteckte Beute heftig an, worin ihm nun unsere

übrigen Köter treulich halfen. Unser Erstaunen war nicht gering, als wir

eine über 7 Fuß lange, gelbliche Cobra capella, welche sich um die Röhre

geschlungen und den Hund mit dick aufgeblasenem Halse laut anzischte,

erblickten. Ein Dunstschuß machte ihr bald den Garaus und ich zog das

Reptil aus dem Busche um es meiner Sammlung einzuverleiben.

Gegen Abend erreichten wir ein breites Thal, verließen hier das

Hauptthal und wandten uns längs eines Felsenabhanges nach Norden, auf

den uns als kürzest bezeichneten Weg nach Taung zu. Kaum einige

Wagenlängen die neue Richtung verfolgend, drang von den mit Sykomoren

bewachsenen sandigen Felsenzinnen ein vielstimmiges, wenn auch

verschieden modulirtes, doch in der Mehrzahl im tiefen Bariton gebelltes

»Cha-Cha«, der Ruf der Paviane zu uns herab; unsere Hunde antworteten

und rannten gegen den Felsen an, während wir die flüchtigen, gelenkigen

Affen im saftigen Grün der Sykomoren und im dürren Mimosendickicht

verschwinden sahen; wir trachteten zwar, unsere Gewehre ergreifend,

einen Vorsprung zu gewinnen, allein sahen bald das Nutzlose unserer

Verfolgung ein und schlugen, zum Wagen zurückgekehrt, unser Nachtlager

auf.

Ein kühler, frostiger, umwölkter Tag folgte. Wir überschritten einen

Kessel; an einer der kahlen Berglehnen standen einige Batlapinenhütten.

Es waren schon des neuen Herrschers Leute, Mankuruana's Unterthanen, die

hier etwas Feld anbauten und in gewisser Hinsicht die Grenze gegen

Gassibone's Heerden zu bewachen hatten.[1]

1: Siehe Anhang 11.

Wir kamen über einen Höhensattel in ein dichtbebuschtes Thal, dessen

Abhänge mit mannigfachem Gebüsch bewachsen waren. Das Thal öffnete sich

in einen andern weiten Kessel, der hunderte kleine, kaum 200 Schritt im

Umfange zählende, aufgegrabene Grundstücke barg.

Nach einer 1½stündigen Fahrt durch diese öden Gefilde verließen wir den

Kessel und einige Höhen überschreitend, sahen wir das Thal des centralen

Hart-Riverlaufes vor uns liegen. Diese Höhen um Taung bilden ein

förmliches Netz, und obgleich sie wohl kaum 800 Fuß über das Bett des

Flusses emporragen, sind sie die höchsten des Hart-Riverthales und

bieten manche recht anziehende Scenerie. Wir hatten den östlichen Abhang

der Höhen, an die wir zuerst gekommen waren entlang zu fahren und dann

uns nach Norden zu wenden, um zu der Furth zu gelangen; Taung, oder

Mahuras-Town, wie es auch nach dem früheren Herrscher genannt wird,

liegt am rechten Ufer des Flusses, etwas ab von dem Flusse im Schutze

und am Abhange einiger Felsenhöhen. Der Fluß wälzte einen Schwall

gelblichen Wassers durch sein stellenweise mit Schilfrohr

durchwachsenes, doch auch sehr steiniges Bett. Dem Abhange der Höhen

entlang fahrend erblickten wir unter uns ein Eingebornendorf am Abhange

liegen, in dem es lebendig wurde, als man den Wagen bemerkt hatte. Es

währte auch nicht lange, als sich eine der unangenehmsten Scenen vor uns

entrollte, die ich in Afrika unter den Wilden beobachtet habe.

Halbnackte, in schäbige Carossen und zerfetzte europäische Kleider

gehüllte Männer, später auch nackte Kinder und nur mit kurzen

schmutzigen Lederschürzen versehene Frauen kamen aus den Wohnungen

heraus und auf uns zugestürzt. Die einen hielten uns leere, schwarze

Flaschen, andere Töpfchen entgegen, während sie »Suppy«--»Bass, verkup

Brandwen«--andere »Brandy, Brandy« schrieen. Die Einen hielten uns ein

Schakal- oder Deukerfell, die anderen Ochsenriemen, Peitschen, Einer ein

Joch, sein Nachbar hölzerne Löffel, ein Greis eine Holzschüssel

entgegen, für welche Gegenstände sie Branntwein eintauschen wollten. Als

wir auf all' dies wie auf eine Märchenscene herabschauten und ohne uns

um die Halbnackten zu kümmern weiter fuhren, da stellten sie sich gegen

den Wagen, ergriffen die Ochsen an den Hörnern und suchten sie zum

Stillstehen zu bringen, was ihnen auch gelang.

»Wir haben keinen,« gaben wir allseitig als Antwort zurück. Da brachten

Einzelne einige schmutzige Shillinge hervor und glaubten uns dadurch

nachgiebiger zu stimmen. Inzwischen hatten einige ihren Frauen zugerufen

und diese kamen mit Milchsäckchen, auch eine Ziege brachten zwei

derselben geschleppt. Wir waren förmlich umlagert. Doch all' das

Schreien, Gesticuliren und der Widerstand gegen unseren Weitermarsch

nützte nichts. Ich gab nicht einen Tropfen des Feuerwassers her und es

blieb ihnen nichts übrig, als Einer nach dem Andern abzutreten und uns

ziehen zu lassen. Einige jedoch folgten uns bis zur Furth, sie dachten,

hier würde ich ihnen, abseits von ihren Genossen, ihren Willen thun und

boten mir fünf Shillinge für eine Flasche, doch vergeblich.

Wir alle waren froh, nach einem so anstrengenden, unangenehmen Marsche

endlich auf einige Stunden rasten zu können. Der Fluß war an der Drift

etwa 60 Schritte breit, zeigte eine einzige steinige Insel in der Mitte,

so daß wir gleichsam zwei Arme zu überschreiten hatten, die Strömung war

jedoch so bedeutend, daß meine Gefährten zu warten vorschlugen. Ich

konnte jedoch ihre Ansicht nicht theilen. Kaum einen Büchsenschuß von

uns entfernt, im Schatten eines großen Cameeldornbaumes, stand ein Wagen

und zwei Zelte, wie wir sehen konnten, von einer weißen Familie bewohnt,

daneben mehrere alte, gebrechliche Wägen und ringsherum lag

Schmiedematerial. Die Stadt war durch den Aufenthalt zweier Schmiede

beglückt, von denen einer nahe an der Furth, der zweite weiter aufwärts

in der am Eingange von dem Missionär bewohnten Schlucht seinen

Aufenthaltsort genommen hatte. Der Eine hatte sich schon eine Heerde von

Rindern und Schafen, mit denen er für seine Arbeiten bezahlt wurde,

erworben (doch klagte er, daß sein Verdienst in der letzten Zeit ob der

Verarmung der Leute ein karger sei), während der andere seinen Erwerb

bei der nächsten sich ihm darbietenden Gelegenheit in Branntwein

verjubelte. Daß natürlich diese beiden großartigen Schmiedewerkstätten,

d.h. die Firmen und die Handwerker, in grimmiger Feindschaft lebten, ist

selbstverständlich.

Um Auskunft über die Brauchbarkeit der Furth befragt, theilte uns der

Schmied mit, daß die Händler, die Elephanten- und Straußenjäger, sowie

die Missionäre, wenn sie von den Diamantenfeldern kommen, kurz alle,

welche die kürzere Tour über Kuruman einschlagen, hier durchkämen, daß

aber ein Drittel der Reisenden an dieser »Drift« Schaden an ihren Wägen

leide. Der Chef that nichts, um sie zu verbessern und es hätte auch

eigentlich nicht viel geholfen, da der Fluß große Mengen Sand, Erde und

oft große Steine herabschwemmte und auf diese Weise die Furth nach jedem

Hochwasser ein mehr oder weniger verändertes Aussehen erhielt.

Seinem Rathe folgend übersetzten wir den Fluß im Laufe des Nachmittags

und kamen glücklich an das jenseitige Ufer, an dem wir Halt machten und

uns dann auf den Weg nach Taung begaben. Nachdem wir einen Theil der

Stadt der Eingebornen durchschritten hatten, kamen wir an das von einem

Gärtchen umgebene, aus Stein erbaute und mit einem mit Gras gedeckten

Giebeldach versehene Missionsgebäude. Wir traten in dasselbe ein und

fanden uns einem etwa dreißig Jahre alten Manne mit langem blonden Bart

gegenüber, der uns erstaunt, namentlich den bewaffneten F., anblickte.

Ich stellte mich vor, legte ihm mit wenigen Worten den Zweck meiner

Reise dar, was den Missionär, Herrn Brown, gleich freundlicher stimmte.

Er entschuldigte sich über die Einfachheit seiner _library_

(Studirzimmers), das ihm auch für seine Kranken als Ordinationszimmer

diente und theilte mir mit, daß er eben an einem Setschuana-Wörterbuch

arbeite.[1] Nachdem er mich über die Dauer meines Aufenthaltes in Taung

befragt, lud er mich ein, um nicht von den Eingebornen des Branntweins

halber belästigt zu werden--meinen Wagen in die Nähe seines Gehöftes zu

bringen und daselbst mein Lager aufzuschlagen da selbst Mankuruana die

Reisenden oft unnütz aufhielt und belästigte, war ich in der Nähe des

Missionärs auch gegen ihn am besten gesichert. Doch er war diesmal nicht

daheim, sondern in Kuruman bei dem Chef Mora zu Besuche, wohin auch die

Gemahlin des Rev. Brown mit ihren Kindern abgereist war, um einige

Wochen in der Gemeinschaft der Frauen der dortigen Seelsorge

zuzubringen.

1: Es ist seither veröffentlicht worden.

Unter den Batlapinenstädten nimmt Taung unstreitig den ersten Rang ein,

einesteils durch seine malerische Lage an einem der Haupt-Verkehrswege

nach dem Innern, anderntheils durch seine Einwohnerzahl. Leider war

seine Wohlfahrt von Jahr zu Jahr gesunken und ich glaube, daß sich Taung

wohl jetzt, nachdem der Export von Spirituosen nach Mankuruana's Land

von der Regierung in Griqualand-West möglichst erschwert wurde, wieder

heben und namentlich Getreide, Vieh etc. nach den Diamantenfeldern

exportiren wird, wozu ihm seine relativ geringe Entfernung von diesem

Markte sehr zu Gute kommt; außerdem ist der Stadt durch ihre Lage in der

Nähe des Hart-Rivers die Möglichkeit geboten, die bebauten Niederungen

regelmäßig und ergiebig bewässern zu können. Die frühere Einwohnerzahl

von Taung läßt sich mit 5-6000, die gegenwärtige (1879) mit 3500-4000

angeben. Die Zahl variirt um 500, weil sich manche Familien

periodenweise zu ihren Viehposten, auf denen ihre Diener das Vieh hüten,

entfernen, die Männer oft in größerer Zahl auf Jagd ausgehen und andere

wieder ihre Makalahari-Diener mitbringen.

Um die Zeit meines Besuches und drei Jahre nachher (1877) gab es für

Taung schlimme Zeiten, die theils durch die Aufregung während der Kämpfe

gegen den Vasallenchef Mora und gegen Gassibone, theils durch große

Trockenheit und deren überall fühlbare Folgen bedingt waren. Im Jahre

1872 starben mehrere Familien in Taung Hungers, weil sie alles, selbst

das letzte Fell, auf dem sie lagen, das Holz von den Dächern ihrer

Hütten den Brandyverkäufern opferten.

Im Jahre 1843 wurde die »London Missionary-Station in Taung« durch Mr.

Roß eröffnet. König Mahura (der Onkel Mankuruana's) verließ jedoch die

Stadt, um sich auf der Höhe des Mamusaberges (zwei Tagreisen

stromaufwärts) anzusiedeln, wohin ihm, nach der Mitteilung meines

hochgeehrten Freundes, Rev. S. Mackenzie von Kuruman, der weiße Prediger

nachfolgte, und dort auch verblieb, als es Mahura einige Jahre später

wieder einfiel, Taung zu seiner Residenz zu machen. Herr Roß hatte an

beiden Orten Kirchen erbaut, die seitdem in Ruinen verfallen sind, und

schlug dann seinen Sitz in dem auf der ersten Reise erwähnten Lekatlong

auf.[1] Im Jahre 1858 spielte sich in Taung die Scene eines grausamen

Kampfes ab, dessen Opfer wir noch als bleichende Gebeine in den

Felsenklüften der Taung überragenden Höhen finden konnten. Das Schicksal

der Mahuras-Batlapinen war um so härter, als sie unschuldiger Weise in

diesen Krieg, der mit dem Kampfe in Taung seinen Abschluß fand,

einbezogen wurden.[2]

1: Herr Roß, der ein hartes, beschwerliches Leben unter den

Batlapinen führte, starb im Jahre 1863.

2: Siehe Anhang 12.

Die alte verfallene Kirche war durch eine neue ersetzt worden, welche

einem unserer gewöhnlichen, ländlichen Arbeiterhäuschen nicht unähnlich,

in Taung außer dem Missionshause das einzige im europäischen Style

gehaltene Gebäude war und von der hiesigen Gemeinde mit nicht geringem

Stolze angesehen wurde. In ihrer Nähe hing in einer eingepflanzten

Baumgabel ein Glöckchen, deren Schall hinreichte, die kleine Gemeinde

zur Versammlung aufzufordern.

Der Schmied in der Schlucht, hinter dem Missionsgebäude war mit dem

Schmieden eines jener schweren Rosenkränze beschäftigt, deren sich die

Gerechtigkeit bedient, um Uebelthäter zu strafen und an den Ort ihrer

Einsamkeit zu fesseln; er war für einen Cap-Bastard bestimmt, der einen

Jungen in der Stadt erschossen, und nun an die Behörde von Klipdrift

ausgeliefert werden sollte.

Am Nachmittage des 12. November setzten wir unsere Reise in

nordnordöstlicher Richtung und in mäßiger Entfernung vom Hart-River

aufwärts bis zu dem von Barolongen bewohnten Kraal (Stadt) Maruma fort,

welcher Ort unter der Oberaufsicht eines gleichnamigen Chefs stand.

Bevor wir diese, am Abhange einiger Höhen und in einem engen in das

Hart-Riverthal einmündenden Seitenthale gelegene Stadt erreichten,

begegneten wir zahlreichen von der Feldarbeit heimkehrenden Frauen,

welche sehr primitive eiserne Hauen und Holzbündel trugen.

Das Thal, in dem Maruma liegt, würde dem Maler eine anziehende

Felsenscenerie bieten und ich bedaure nur, von anderweitigen

Beschäftigungen während des Aufenthaltes in derselben so sehr in

Anspruch genommen worden zu sein, daß ich es selbst nicht skizziren

konnte. Felsenthore und schroff abfallenden Ruinen nicht unähnliche

Felsen wechseln hier ab, und durch sie einerseits, sowie durch die an

dem gegenüber liegenden Abhange sichtbaren dunklen Eingebornengehöfte

andererseits wird das den Boden des engen Thales schmückende Grün sehr

gehoben.

Trotz der letzten heftigen Regen war das Flüßchen des Thales bis auf

einige in demselben gegrabene Löcher vollkommen trocken, der Regen war

nur auf gewissen, äußerst beschränkten Partien gefallen.

Bevor ich Dutoitspan verließ, hatte ich eine Meerkatze erstanden, welche

ich der Unterhaltung halber mit mir nahm. »Monkey« hatte ihren Sitz oben

am hinteren Wagenende und war mit einem Kettchen an eines der

Seitenbretter gebunden. Komisch war es anzusehen, mit welcher Angst der

Affe die Gebüsche und Bäume beobachtete, an denen wir knapp

vorbeifuhren, und welche oft die Seiten des Wagens oder das Dach

streiften. Er legte sich flach auf das Wagendach, um dürre Aestchen über

sich hinwegstreichen zu lassen, während er bei stärkeren hinten auf das

untere Wagenbrett herabsprang, um, so wie wir die vermeintliche Gefahr

passirt hatten, seinen früheren Sitz sofort einzunehmen. Dieses

zeitweilig recht bissige Affendämchen hatte Tag für Tag längere Zeit

einer äußeren Besichtigung und Untersuchung des Thürmchens am Wagen

gewidmet. Steckte Einer von uns seinen Kopf zu einem von dessen vier,

nur mit einem Drahtnetz überzogenen Fenstern heraus, so kam sie, leise

die Zähne aneinanderschlagend--was bei ihr eine Bitte oder

Zufriedenheit ausdrücken sollte--heran und trachtete in das Innere des

Wagens hineinzuschlüpfen, was wir natürlich nicht gestatten konnten, da

unter dem Thürmchen die eine der beiden Zucker, Reis, Kaffee, Thee,

Zwieback etc. enthaltenden Speisekisten aufbewahrt lag. Monkey wußte uns

indeß doch zu überlisten und sehr geschickt in das Drahtnetz Bresche zu

legen. Obgleich wir den Einbruch bemerkt hatten und das Dämchen zur

Flucht zwangen, hatte sie sich doch schon ihre Backen mit Reis gefüllt,

während sie mit beiden Händen ein riesiges Brodstück nachzuschleppen

sich bemühte.

Zur Mittagsstunde des 13. November verließen wir das Thal und hielten

schon nach einer kurzen Fahrt zwischen einigen Felsenhügeln, an einer

üppigen Weidestelle. Während der Rast erlegte ich einen schönen

Raubvogel (Melierax canorus) und die schon früher erwähnte Art eines

Landleguans.

[Illustration: Bei Taung um Branntwein bestürmt.]

An einem seichten Bache bemerkte ich einen schuppigen Gegenstand, der

sich bei näherer Besichtigung als eine der genannten Riesenechsen

entpuppte, welche sich bei meiner Annäherung zu verbergen suchte. Ein

Schrotschuß tödtete sie auf der Stelle und verschaffte mir den ersten

Balg dieser Species, dem später noch mehrere folgten. Zum Wagen

zurückgekehrt, traf ich einige mit einem alten, dachlosen Wagen auf ihre

Viehposten ausziehende Barolongen von Maruma. Der Wagen, dessen vier

Räder nicht in einer und derselben Werkstätte gearbeitet waren, schien

jeden Moment auseinanderfallen zu wollen, welcher Befürchtung ich dem

Eigentümer desselben gegenüber Ausdruck gab; doch dieser lachte, daß

seine Perlenzähne glänzten und meinte, der Koluj (Wagen) müsse noch oft

den Weg hin und zurück machen. Um uns von der Reisetüchtigkeit desselben

zu überzeugen, setzte er das Gespann vor unseren Augen in Bewegung; das

war ein Getöse, Geklapper, Geknarre und Gepolter, jedes Rad hing anders

und lief anders, die Seitenbretter bogen sich und die Bodenbretter

schnellten auf und nieder zum nicht geringen Vergnügen der in einer

dichten Gruppe auf dem Wagen sitzenden Frauen und Kinder.

Wir näherten uns nunmehr der nordöstlichen Grenze des Batlapinenreiches

und ich hoffte bald jenes schon erwähnte, kleine unabhängige Königreich

der Mamusa-Koranna's zu erreichen.[1]

1: Siehe Anhang 13.

Am 14. November wandten wir uns direct nach Norden und kamen auf eine

sehr ausgedehnte, mit hohem Buschwerk bewachsene Ebene, auf welcher

heftige Regengüsse uns zu öfterem Stillstande nöthigten. Zwischen den

hohen Marethwa-Büschen sprangen häufig Antilopen auf und entfachten

meine Jagdlust. Doch diesmal war die Jagd keine leichte, ich mußte

unaufhörlich das Pferd bald nach rechts, bald nach links wenden, um den

gruppenförmig beisammenstehenden Büschen auszuweichen. Ich sah jedoch

bald ein, daß ich auf diesem Wege nicht zum Ziele gelangen könne, ich

mußte meine Taktik ändern und geradewegs durch die Büsche jagen. Schon

setzt das Pferd in einen kleinen Busch, doch plötzlich hielt es an; es

ist in ein niederes, kaum 1½ Fuß hohes, mit Doppeldornen versehenes

Mimosengebüsch gerathen; ehe ich das Pferd zurücklenken kann, macht es,

wohl in der Absicht um darüberzukommen, einen zweiten, einen dritten

Satz, doch leider nur immer tiefer in den Dornbusch hinein, es fängt

endlich an auszuschlagen--armes Thier; ich sehe zwar vor mir eine kleine

offene Stelle in dem größeren Gebüsche, doch derart mit Wartebichidorn

überhangen, daß ich keine Lust verspüre, den Versuch eines Durchbruchs

zu wagen. Aufwiehernd macht das Pferd noch einen Satz, der Vorderleib

des Thieres war nun wohl aus den Dornen, doch war mir Hut und Jacke

zerrissen; mit den Hinterfüßen noch immer in den Dornen gefangen,

schlägt der Rappe wieder und wieder aus und hopp--hopp--gerathe ich

selbst immer tiefer in die Dornen hinein.

[Illustration: In Dornen gefangen.]

Nicht alle Kinder Flora's spenden Wohlgerüche und Honig, manche, die

Armen, sind von ihr stiefmütterlicher bedacht worden und diese lassen

nun ihren Unmuth, wo sie nur können, an den Sterblichen aus; Mutter

Flora hat viele solcher Stiefkinder nach Süd-Afrika verbannt; mich haben

sie oft geherzt und geküßt, doch wenn ich auch Afrika wieder aufzusuchen

gedenke, nach ihnen sehne ich mich wahrhaftig nicht.--Je mehr ich mich

der dornigen Umarmung zu entwinden suchte, desto fester wurde diese

endlich kam der Gaul mit den Beinen aus dem niederen Dorngebüsch heraus,

wurde ruhiger und ich konnte nun, das Gewehr auf den nächsten niederen

Busch werfend, abzusitzen trachten. Es gelang mir schließlich, das Pferd

durch eine schmale Spalte aus dem Gebüsche heraus zu ziehen und uns

beide von den Dornen zu befreien. Gesicht und Nacken, Hände und Arme,

sogar die Schenkel brannten wie Feuer; ich kam zum Wagen zurück wie ein

Held aus einer Katzenschlacht.

[Illustration: Billige Diamanten.]

Ungefähr um die Mittagszeit fuhren wir in einen seichten Thalkessel ein.

Am Abhange der Felsenhöhen erblickten wir einige Eingebornen-Gehöfte.

Der Kessel öffnete sich nach Osten zu auf eine große, mit hohem, dürrem

Gras bewachsene Ebene, auf der sich eine Heerde der zierlichen

Springböcke in Neckereien erging. Als wir nach unserem Mahle und einer

etwa zweistündigen Rast weiter ziehen wollten, sahen wir von Norden her

einen Kafirwagen herankommen. Pit begrüßte den Eigenthümer, einen in

einen langen Ueberrock gekleideten Batlapinen, den er von Klipdrift her

kannte. Dieser Mann war früher arm, jetzt, meinte Pit, wäre er reich,

hätte große Heerden und zwei Wägen und wandere unter den Barolongen

zwischen dem Hart-River und dem Molapo, um ihnen allerlei Artikel, die

er in den Diamantenfeldern einhandle, zu verkaufen. Als der Ankömmling

von Pit hörte, daß wir von den Diamantenfeldern kämen, fragte er,

welcher der Baß (der Herr) des Wagens sei. Nachdem er es erfahren,

grüßte er mich mehrmals mit seinen kleinen listigen Augen, ging zweimal

um den Wagen herum und dann an mich herantretend berührte er mit der

Hand seinen Hut und sagte »Sir«. Dabei brachte er aus seiner Tasche eine

etwa drei Zentimeter hohe und sechs Zentimeter im Durchmesser haltende

Blechdose, wie sie in der Regel den Eingebornen als Schnupftabaksdose

verkauft wird, zum Vorschein. Grinsend schüttelte er das Döschen. Ich

begriff sofort, auf welche Weise der Mann reich geworden war. Mit der

Hand nach den bei seinem Wagen stehenden Dienern weisend, meinte er, die

hätten in den Diamantenfeldern gearbeitet und ihm dies--dabei öffnete er

die Dose--heimgebracht. In der Dose lagen etwa 20 Diamanten, der größte

etwa 3 Karat. Obgleich er blos 30 Shillinge für die Edelsteine

verlangte, ging ich auf den Kauf nicht ein, denn die Steinchen waren

jedenfalls von den Dienern des Schwarzen in den Diamantenfeldern

gestohlen.[1]

1: Siehe Anhang 14.

Auf dem nachmittägigen Marsche fing ich eine größere Anzahl von

Rüsselkäfern unter den Blättern einer lilienartigen Pflanze, sowie

mehrere, noch nicht beobachtete Heuschreckenarten. Als wir Abends bei

strömendem Regen unter dem Schutze eines ausgespannten Segeltuches unser

Lager ausgeschlagen hatten, entfesselte unser Affendämchen die Lachlust

Aller. Ich reichte ihr einige Käfer, die kleineren nahm sie in ihre

Hände, beroch sie, und dann den Kopf ohne oder mit dem Thorax vom

Hintertheile abreißend, verspeiste sie dieselben. Mit Heuschrecken that

sie ein Gleiches, dagegen warf sie übelriechende Insecten, der letzteren

Species angehörend, sowie eine Meloë weg, dasselbe that sie mit einigen

Silpha's (Silpha). Zwei erlegte Eidechsen, die ich ihr reichte, warf sie

vom Wagen, anders jedoch geberdete sie sich, als ich ihr eine frisch

erlegte Buffadder gab. Im Nu war sie auf der anderen Wagenseite, dann

lugte sie vorsichtig nach mir aus, und als ich mich ihr wieder nahte,

lief sie das Wagendach entlang und zerrte mit voller Kraft an dem

Kettchen.

Unser Weg führte uns nächsten Tages über kurzbegraste Hochebenen, über

welche Millionen beflügelter, großer Ameisen schwärmten. Die Regengüsse

der letzten Tage ließen mich hoffen, überall Wasser zu finden, und

hatten wir uns deshalb an unserer letzten Raststelle damit nicht

versehen, noch die Thiere vor unserer Abfahrt getränkt. Leider fanden

wir keines und mußten von Durst gequält unsere Wanderung bis zu später

Abendstunde weiter fortsetzen. An der Abzweigung eines nach Norden

streichenden Thales öffnete sich plötzlich eine Felsenschlucht vor uns,

die nach Regengüssen augenscheinlich Wasser enthalten mußte. Diese

Stelle umgehend stieg ich in das tiefe Felsenbett des nur nach Regen

fließenden Spruits, eines Zuflusses des Mokara-Rivers, herab und fand

hier mehrere an beiden Seiten einmündende Schluchten, und da die Wände

dieser Schluchten theils von senkrechten nackten, theils von

terrassenförmigen und überhängenden Felsen gebildet wurden, boten sie

viele interessante und des Besuches werthe Punkte.

Vergebens suchte ich im sandigen und steinigen Bette nach Wasser und

wollte eben die Tiefe verlassen, als einige von der gegenüber liegenden,

steilen Felsenwand wie mir schien herabgekollerte Steine mich aufwärts

blicken hießen. Oben in den Bäumen, sowie an den Felsen bewegte sich

eine Truppe von Pavianen. Da mir die Thiere mit den herabkollernden

Steinen über meinem Kopfe nicht gefielen, dachte ich sie mit einem oder

zwei Schüssen zu verscheuchen. Auf einen der überhängenden Bäume

zielend, feuerte ich auf den Stamm, in dessen kleiner Krone zwei Paviane

saßen. Die in den Stamm eindringende Kugel erschütterte den ganzen, nur

lose in den Felsenfugen hängenden Baum und erfüllte die beiden Insassen

desselben derart mit Entsetzen, daß der eine hoch aufsprang, der andere

sich fest an den Stamm anklammerte. Ein altes Männchen erschien nun

bellend am Fuße des Baumes, ergriff jedoch, nachdem es einige große

Felsstücke losgebröckelt hatte und ein zweiter Schuß neuerdings den Baum

traf, mit den übrigen die Flucht.

[Illustration: Von Pavianen überrascht.]

Der Hügel, den ich sodann bestieg, mußte den Makalahari- oder anderen

hier vor 100 und mehr Jahren wohnenden Eingebornenstämmen zum

Aufenthalte gedient haben, die Kuppe war nämlich von einer Unzahl

kleiner, aus Steinen roh (ohne Zierat) ausgeführter 2-3 Fuß hoher, und

4-8 Meter im Gevierte haltender Umzäunungen bedeckt. Manche der

Betschuanastämme behaupten, daß diese Stellen von ihren Voreltern

bewohnt waren, allein es scheint mir unwahrscheinlich, daß die

Nachkommen diese Gewohnheit ihrer jüngsten Vorfahren so bald aufgegeben

hätten.

[Illustration: Erschreckte Paviane.]

Wir gewannen nach und nach bis auf 15 englische Meilen Fernsicht und

sahen, daß sich die Gegend nach Norden zu senkte. Fünf oder sechs Meilen

vor uns sahen wir ein kleines, auf einer unbedeutenden Bodenerhebung

erbautes Eingebornendorf; hier durfte ich doch auf Wasser hoffen. Als

ich jedoch, in der Nähe des Dorfes angelangt, darnach fragte, wies man

mich nach einer in nordwestlicher Richtung liegenden Vertiefung, die

theilweise durch den Abhang, an dem ich stand, verdeckt war. Leider sah

ich mich wieder, trotz eifrigen Suchens bitter enttäuscht und mußte, von

Durst gefoltert, hier die Nacht zubringen.

Früh Morgens wieder aufbrechend lenkten wir in ein größeres nach Norden

sich erstreckendes Thal und erblickten ein aus etwa 40 Hütten

bestehendes Dorf am rechten Ufer eines bis auf einige Lachen

ausgetrockneten Flüßchens, das nach der Form der Hütten von Koranna's

und Betschuana's, wahrscheinlich Barolongen, bewohnt sein mußte. Sobald

die Zugthiere das Wasser witterten, hatten wir alle Mühe sie

zurückzuhalten; auf das Ufer lossteuernd, erstaunten wir nicht wenig,

als wir den Weg plötzlich durch ein Dutzend meist in abgetragene,

zerfetzte europäische Kleidungsstücke gehüllte Koranna's versperrt

sahen. Laut gesticulirend bedeutete man mir, daß da kein Thier getränkt

werden dürfe, bevor nicht der Eigenthümer des Wagens für jedes fünf

Shillinge Tränkegeld bezahlt hätte. Ich wies diese Forderung zurück und

bot einen vernünftigen Geldbetrag an, der nun wieder von den Farbigen

abgewiesen wurde; auch Pit, der seine ganze Beredsamkeit aufbot,

vermochte die Opposition der Koranna nicht zu beschwichtigen.

Die Leute sahen uns und den Thieren den Durst an und so dachten sie uns

so hoch wie nur möglich zu schrauben; als kein vernünftiger Ausgleich zu

erzielen war, bedeutete ich den Leuten, die Feigheit der Koranna's wohl

kennend, daß ich um jeden Preis zum Wasser gelangen müsse. Unsere

Opponenten dachten, daß ich dies mit den Waffen erzielen wolle und

fingen jämmerlich zu schreien an, wobei sie ein und dasselbe Wort in der

Begleitung verschiedener Eigennamen riefen, nach Pit's Erklärung riefen

sie ihre Freunde zur Hilfe herbei.

Diese kamen auch rasch zum Succurs herbeigelaufen, die Koranna's mit

Musketen, die Barolongen und Makalahari mit Assagaien bewaffnet; Frauen

brachten den meisten der uns gegenüberstehenden, deren Zahl im Nu sich

mehr als verzehnfacht hatte, Gewehre herbei. Wie auf ein Zeichen brach

nun der ganze wüst durcheinander rennende Haufe in ein Höllenspektakel

aus. Die Männer (Koranna's) fluchten theils in ihrer Sprache theils

holländisch, die Barolongen stießen Verwünschungen und Beschwörungen

aus, am ärgsten aber schimpften die Frauen, während hinter den

nothdürftigen Umzäunungen der Hütten der Kinder ungezählte Schaar lustig

darauf losheulte. Daß unsere Hunde nicht ruhig zusehen konnten, sondern

auf den Haufen losbellten und darin von den Dorfkötern auf das

Kräftigste secundirt wurden, ist leicht begreiflich. Mir schien das

Ganze, trotzdem ich den Ernst der Lage begriff, ein Traum. Ich zog in

diese Länder im Frieden ein, Frieden wollte ich den Farbigen bringen,

und als Freund von ihnen scheiden. War ich der Schuldige in diesem

unerwarteten Falle oder meine Gefährten; oder hatte ich es mit einem'

Auswurfe von Schwarzen zu thun, die durch den Alkoholgenuß so tief

gesunken waren, daß sie sich seinethalben zu wahnsinnigen Forderungen,

zu Gewaltthätigkeiten hinreißen ließen.

Meine Begleiter griffen nun, angesichts der drohenden Haltung der

Eingebornen auch zu den Waffen, was jedoch sofort unsere Gegner

veranlaßte, ihre Gewehre auf uns anzuschlagen und die Assagaien über dem

Kopfe zu schwingen. Unkenntniß des Koranna-Charakters hätte sich in

diesem Augenblicke bitter gerächt--ich kannte aber die Leute zu gut, um

mich zu voreiligen Schritten hinreißen zu lassen. Meine zwei mir

folgenden Gefährten einige Schritte vor dem Wagen zurücklassend ritt ich

mit meinem Rappen auf die Menge los; von den Waffen Gebrauch zu machen,

fiel mir nicht ein, ich hielt es bei der Feigheit der Koranna's,

trotzdem, daß der Wagen nur fünf Vertheidiger zählte, für nutzlos und

hatte sofort erkannt, daß die Koranna's, obwohl in der Minderzahl, doch

die Anführer waren und den Aufstand inscenirt hatten. Statt auf mich zu

feuern, ließen die meisten die gehobenen Gewehre sinken, um jedoch nur

heftiger zu schimpfen. Und ehe ich noch auf Wurfweite angeritten war,

begannen schon die Vordersten sich nach rückwärts zu concentriren.

»Kerle lup, det Kerle lup! (die Kerle laufen) schrie mir Pit nach; auch

ich konnte nun deutlich sehen, daß die hinteren Reihen sich auffallend

lichteten und setzte nun mein Pferd in Galopp. Die Wirkung dieses

Manövers auf die Gegner war außerordentlich und rief in mir einen

förmlichen Lachkrampf hervor. Der dichte Knäuel hatte sich wie auf

Commando gelöst, die einen liefen nach links, die anderen nach

rückwärts, um hinter den Umzäunungen ihrer Gehöfte Schutz zu suchen und

einen den Pferdehufen weniger zugänglichen »Standpunkt« einzunehmen;

während wieder andere gegen die Vertiefung nach rechts abbogen und in

diese hinabsprangen, in ihr fortliefen, um erst am unteren Dorfende

innezuhalten und aus ihr herauszulugen, und hinter den Zäunen ihrer

Gehöfte gedeckt in ein ohrzerreißendes Geschrei auszubrechen, das mir

wohl unverständlich, jedenfalls aber die vermeintliche Herzlosigkeit und

Undankbarkeit der Weißen verdammen sollte. Ohne weiteren Zwischenfall

wurden die Thiere getränkt und unser Wasservorrath ergänzt.

Wir brachen nun wieder auf. Am letzten Gehöfte gab es wieder viel

Liebesworte und da wir ohne zu erwidern vorüberzogen, wurden diese

süßen, freundlichen Reden so laut und heftig, daß die Ochsen sich darob

scheuten und sich plötzlich nach rechts wandten, in Folge dessen die

Vorderachse brach. Das war ein schlimmer Zufall und uns allen entfuhr

ein Schrei des Erstaunens, es war das Aergste, was uns hier, in diesem

Orte passiren konnte. In diesem Augenblicke schätzte ich mich glücklich,

ohne Drohungen und ohne wirklichen Zusammenstoß meine Absicht erreicht

zu haben; im entgegengesetzten Falle wäre es uns jetzt schlecht

ergangen, denn selbst der Feigste hätte hinter diesem oder jenem Zaune,

aus dieser oder jener Hütte seine rostige Muskete auf uns abfeuern

können, und trotzdem die Bewohner keine treffsicheren Schützen waren,

hätte manche Kugel ihr Ziel erreicht und mir vielleicht die Gelegenheit

benommen, diese Episode niederzuschreiben. Wenn allein Barolongen oder

Makalahari Musemanjana bewohnt hätten, würde es nie zu einem

Mißverständnisse gekommen sein, die Leute hätten mäßige Forderungen und

in entsprechender Weise gestellt.

Durch mein sicheres Auftreten in der Tränke-Angelegenheit hoffte ich den

Bewohnern Musemanjana's Respect eingeflößt zu haben, und darauf baute

ich in diesem Momente, da ich ihnen durch den Achsenbruch vollkommen

preisgegeben war, meine Hoffnung. Lachend und schreiend, singend, die

Mädchen und Halberwachsenen der edlen Vertheidiger Musemanjana's sogar

tanzend, stürzten sich die Eingebornen aus ihren Gehöften, um sich uns

von allen Seiten zu nähern. Den Gefährten, die am Bock mit den auf den

Knien gelegten Waffen saßen, bedeutete ich, sofort die letzteren in den

Wagen zu legen und mit in das Gelächter einzustimmen.

Das machte die meisten der Schwarzen stutzen. Ich benützte diesen

Augenblick um einen baarfüßigen, mit einer langen Kranichfeder an Hute

geschmückten Koranna, den ich für den Häuptling des Dorfes hielt mit

lachender Miene anzusprechen und ihm zu bedeuten, daß wir nun trotz des

Widerstrebens der Bewohner von Musemanjana noch öfters die Thiere zur

Tränke führen müßten. Der Angesprochene war blos der Stellvertreter des

Chefs oder Captain, wie sie ihn zu nennen geruhten, zeigte sich

vernünftig und forderte für die Benützung der Tränke einen Shilling, den

ich auch gern erlegte.

Nun kamen die Eingebornen bis an den Wagen und jeder gab seine Meinung

kund, die Frauen blieben noch am längsten feindlich gesinnt. »Ja, es ist

Euch recht geschehen, Weiße müssen nicht die Herren spielen, Schwarze

sind die Herren von Musemanjana, und nicht Ihr, sondern Hendrick, der

Koranna, der nach Bloemhof gefahren ist, um fette Ochsen zu verkaufen

und Kleider und Branntwein dafür zu erstehen, ist unser Captain!« Die

Männer wollten an der Achse die Bruchstelle untersuchen etc. etc., was

ich jedoch ablehnte, da ich fürchten mußte, unversehens bestohlen zu

werden.

Ich dankte für ihre Hilfe und fragte wo es hartes Mimosenholz gäbe, um

eine neue Achse zu zimmern. »Wach, Sir,« meinte der Vicechef, »mut det

ni dun, nicht weit von hier in einer Barolongenstadt mit Namen Marokana

lebt ein alter Mann, der bei einem Schmiede in der Transvaal-Colonie

gearbeitet, zu dem mußt Du senden.« Ein Barolonge erbot sich auch sofort

für ein Sixpencestück nach Marokana zu reiten, um den Schmied zu holen.

Da wo sich das Hottentotten-Element mit dem der Bantu vermischt (ich

spreche von den letzten Decennien), namentlich seitdem die Spirituosen

in's Land Eingang gefunden hatten und wo der Häuptling der Batlapinen,

Barolongen oder wie sie alle hießen, nicht ein einsichtsvoller Mann

gewesen, wurden die letzteren Stämme von den alle Laster, doch nicht die

Tugenden des weißen Mannes sich aneignenden Koranna's, Griqua's etc.

verleitet, in Folge dessen griffen Trunkenheit, Faulheit, Arbeitsscheu,

Diebstahl, ja sogar Mord unter ihnen immer mehr um sich. Um so

folgenwichtiger und wie wir hoffen wollen wohlthätiger halten wir die

von der Regierung in Griqualand-West in der letzten Zeit namentlich in

Bezug auf die Koranna's getroffenen Maßregeln.

Mit dem Vice-Captain schloß ich einen Vertrag, demzufolge ich gegen

Entrichtung eines Shillings per Tag meinen Wasserbedarf decken konnte,

ja seine Leutseligkeit ging so weit, daß er mir andere, klares Wasser

enthaltende Lachen angab, die selbst von den Eingebornen nicht benutzt

wurden.

Am Nachmittage kam der alte Schmied, ein Griqua mit seinem Sohne, um den

Schaden zu besichtigen. Als ein alter Bekannter der Koranna's im Dorfe,

schüttelte er zuerst allen die Hände, wobei die Männer mit Bru'rs

(Bruder) und Ohm, die Frauen mit Tante und die Jungen mit Kinders

titulirt wurden. Der Künstler erklärte die Achse aus einem zwischen

Marokana und Musemanjana stehenden Kameeldornbaume (Acacia giraffe)

zimmern zu wollen, doch müsse er dies alles in Marokana thun und deshalb

müßten wir die Räder und die gebrochene Achse mit der Deichsel nach

Marokana befördern lassen. Als Lohn für seine Arbeit forderte er zwei

Flaschen Branntwein und 2 £ St. und wollte unter keiner Bedingung von

dieser Forderung abgehen und betonte besonders die Ueberlassung des

Branntweins, dessen er zur Stärkung bedürfe.

Unterdessen hatte F., der sich mancher »Eroberung« unter den schwarzen

Schönen rühmte, die Gelegenheit benützt, um die allgemeine

Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wohl um die an uns begangene Unbill

zu rächen, griff er zu einem probaten Mittel, sich die Herzen der

zahlreich versammelten Koranna-, Barolong- und Makalahari-Schönheiten im

Fluge zu erobern und zog eine Concertina (sechseckige Handharmonika)

hervor, um ihr die herzzerreißenden, dem Gehör der Musemanjana-Beauties

jedoch sichtlich einschmeichelndsten Töne zu entlocken. Doch nicht

Frauen allein, nicht blos das arme schwache Geschlecht, sondern auch die

wackeren Herzen in der Heldenbrust der gelblich- und schwarzbraunen

Krieger von Musemanjana waren von der Macht dieser Töne ergriffen und

Stille--wie vielleicht noch nie--heilige, friedliche Stille herrschte

weithin. Und der Mitleidslose, sehr geschmeichelt und von uns

applaudirt, hätte bis zum Sonnenniedergange musicirt, wenn nicht die

Hunde des Dorfes gegen diese himmlischen Laute einmüthig protestirt und

den häuslichen Frieden der Familien Musemanjana's gerettet hätten.

Vielleicht des Effektes wegen, den die Musik auf die Schönen des Ortes

ausübte, vielleicht jedoch auch aus anderen unbegreiflichen Gründen

machte einer der Koranna's unserem Künstler den schmeichelhaften Antrag,

ihm das Musikinstrument für einen Ziegenbock zu verkaufen. Wir alle

dachten, daß F. ob einer solchen Zumuthung, seine Concertina zu

verkaufen, in gerechter Entrüstung auflodern werde; doch wer beschreibt

unser Erstaunen, als F. bereitwilligst auf den Antrag einging.

Am folgenden Morgen, den 17., wurde Pit mit den Rädern und der Achse

nach Marokana gesandt und machte uns nicht wenig Sorgen, da er erst am

Nachmittag heimkehrte.

Musemanjana ist die nördlichste Besitzung des Korannakönigs von Mamusa,

nach Norden und Osten grenzen die wildreichen Ebenen (von mir »Quagga

flats« benannt) an, welche Montsua angehören, in denen Batlapinen,

Barolongen, Koranna's und holländische Farmer aus der westlichen

Transvaal-Republik oder jene, die sich mit der Erlaubniß der Fürsten der

genannten Stämme in deren Gebiet niedergelassen haben, friedlich neben

einander jagen. Nach Westen liegt das kleine Gebiet des

Marokana-Häuptlings, der Montsua, den König der Barolongen als Oberhaupt

der nördlichen und westlichen Barolongen anerkennt, allein ihm keinen

Tribut abliefert.[1]

1: Siehe Anhang 15.

Die Gebirgsformation der Umgegend bestand meist aus bläulich-grauem

Kalkschiefer in Blöcken und Platten, Quarzitfelsen im Gerölle,

zahlreichen Quarzstücken und »Vaalgestein« (Grünstein mit mandelartigen

Chalcedon-Einschlüssen).

Am Abend besuchte mich der Schmied, um mir mitzuteilen, daß die Achse an

der Bruchstelle schon früher geborsten war, doch in Wirklichkeit nur, um

eine Flasche Branntwein als Abschlagszahlung zu fordern. Da ich

befürchtete, daß der Genuß desselben den alten Mann arbeitsunfähig

machen würde, verweigerte ich ihm denselben, worüber er sehr mürrisch

wurde und den Rückweg antrat, nicht ohne in laute Klagen auszubrechen,

daß ihm »_det Medicin_« verweigert wurde.

Am folgenden Tag meldeten sich zwei Eingeborne, um in meine Dienste zu

treten. Ich nahm sie gegen 8 Shillinge Wochenlohn auf (Pit bekam 10

Shillinge), mußte mich jedoch ihrer Hauptbedingung, ihnen allabendlich

einen Schluck Branntwein zukommen zu lassen, fügen. Der eine war ein

Griqua, der Sohn des Schmieds, der uns bediente, klein, untersetzt mit

sehr einfältigem Blick, der zweite eine Hopfenstange, ein Bastard und

mit dem Häuptling Hendrik verwandt. So dumm als der erste, so

verschmitzt sah der zweite aus. Der Schmied erschien zeitlich und wich

nicht eher vom Platze als bis er seinen Branntwein erhalten hatte. Die

Folgen meiner Nachgiebigkeit waren bald bemerkbar, denn er lag bald

betrunken in des Häuptlings Hause, während der Vice-Häuptling, die Frau

des Herrn von Musemanjana und ihre Dienerinnen, die alle vom Feuerwasser

etwas erhascht hatten, wie besessen sangen und tanzten.

[Illustration: Musemanjana.]

[Illustration: Empfang in Musemanjana.]

Am Abend kehrte auch Hendrik, der Häuptling des Dorfes zurück.

Allgemeiner Jubel aller seiner Ohm's und Tanten, denn ihre Hoffnungen

waren erfüllt. Hendrik brachte eine riesige, wenigstens 10 Liter

fassende Flasche Feuerwasser mit. Bevor er jedoch seine jubelnde

Umgebung damit bewirthete, kam seine Frau herangetrippelt, ihren langen

Ehegespons am Arme führend und präsentirte ihn uns mit den Worten. »Das

ist der Herr dieses Ortes! Das ist der Herr der vielen Schafe, die Ihr

täglich blöken hört, und ist auch mein Mann!« Hendrik, eine schwankende

Hopfenstange, grinste verschämt, streckte mir seine Hand entgegen und

hieß mich willkommen.

Mit Hendrik war der Häuptling eines anderen an der Mokara gelegenen

Kraal's, angekommen. Er fiel mir auf, weil er sich an dem nun folgenden

Saufgelage nicht betheiligte. Trotz des Unfalls murrte ich nicht mehr

über den Aufenthalt, der mir in Musemanjana begegnete, da ich

Gelegenheit fand, einen tiefen Einblick in das Leben und Wesen der

Koranna, Barolongen und Makalahari zu gewinnen und bedauerte nur, daß

ich nicht genug Geld mit mir führte, da mir der mit Hendrik angekommene

Korannahäuptling einen vernünftigen Antrag machte. Er besah meine

Zugthiere und hielt fünf von acht für reiseuntauglich. Er wollte mir für

dieselben gute Zugochsen, die ich mir selbst aussuchen konnte, gegen

eine Aufzahlung von 2 £ St. per Stück überlassen.

An diesem Tage hatte ich auch Gelegenheit, das Anfertigen irdener Töpfe

von Seite der Barolongenfrauen zu beobachten. Auf einer hölzernen runden

Schüssel wurde die aus Thon und Humus zubereitete Masse mit den Händen

in die natürliche ausgebauchte Topfform geknetet, stehen gelassen, um

nach einigen Tagen im Feuer eingebrannt zu werden. Diese Gefäße, von

7-12 Zoll Höhe und gleicher, oder noch um 2-3 Zoll größerer Breite, mit

einer Oeffnungsweite von 5-7 Zoll und einer Wandstärke von ¼-½ Zoll

wurden beinahe ausschließlich als Wassergefäße benützt.

Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster Band. Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879). · 第 22 / 37 题