VI.

Rückreise nach Dutoitspan.

Wolmaran's Farm.--Ein junger Boer.--Tabakbau im Moi-Riverthale.

--Ueppige Vegetation.--Optische Täuschung.--Transportkosten und

Schwierigkeiten.--Gestörte Mahlzeit.--Ein Hinterhalt.--Farm

Rennicke.--Eine Vogel-Colonie.--Gildenhuis.--Eine Löwenjagd an den

Maqwasihöhen.--Gekränkte Hottentotten-Ehre.--Auswanderer nach den

Leydenburger Goldfeldern.--Hallwater-Farm und Saltpan. (Vermeintliche

Ruine von Monopotapa.)--Batlapinen-Gerichte.--Eine unliebsame

Entdeckung.--Hebron.--Ostersonntag im Vaal-River.--Ankunft in

Dutoitspan.

Ich schied von Wonderfontein mit dem dankbarsten Herzen seinem Besitzer,

wie der gütigen Natur gegenüber. Mit Wonderfontein war das Endziel

meiner ersten Reise erreicht und ich begab mich auf den Heimweg nach

Dutoitspan, bis Bloemhof dieselbe Route wie auf der Herreise benutzend.

Am zweiten Marschtage bemerkte ich, daß Gert mit seltenem Eifer die

Kaufertigkeit seiner Kinnbacken erprobte; auf meine Frage, welche

Delicatesse er wohl erhascht, zeigte er mir eine Handvoll Gummi, von den

Mimosen herrührend, die unseren Weg säumten, und pries die

durstlöschende Eigenschaft desselben. Ich fand später wiederholt

Gelegenheit, zu diesem Ersatzmittel des Wassers meine Zuflucht zu

nehmen. Am folgenden Tage, in der Nähe von Wolmaran's Farm, begegneten

wir einem etwa 12jährigen, von der Jagd heimkehrenden Boerjungen. Obwohl

das Gewehr, das er nachlässig geschultert trug, beinahe größer war als

er selbst, sprach dennoch aus allen seinen Mienen großes

Selbstbewußtsein und er schien die Ehre einer Ansprache von Seite meines

Begleiters F. ganz gleichgiltig hinzunehmen.

Der junge Jäger hatte sich inzwischen auf sein Gewehr gelehnt und

reichte mit einem »Guten Tag, Ohm« Einem nach dem Andern die Hand.

Von seinem Hute hing das Schwänzchen einer frisch erlegten

Deukergazelle.--»Und Du hast sie selbst erlegt?«--»Ja, Ohm.«--»Hast Du

das Thier im Laufen oder Stehen geschossen?«--»Ungefähr 200 Schritte

vor mir sprang sie auf, lief ein Stückchen, blieb stehen, ich war

niedergeknieet und hatte das Stillstehen erwartet, so wie sie stehen

blieb, blies ich ihr die Kugel durch den Leib.« Ohne auf unsere weiteren

Fragen zu warten, schulterte er sein Gewehr, berührte den Hut, reichte

wieder einem Jeden die Hand und ging seiner Wege.

Um die bereits erwähnte morastige Straßenstelle jenseits der Brücke über

den Moi-River bei Potschefstroom am nächsten Tage bei Tageshelle zu

passiren, beschloß ich, nachdem wir Wolmaran's Farm im Rücken hatten,

die ganze Nacht hindurch zu reisen und nur einige Stunden zu rasten.

Während einer solchen Rast wurde ich durch eigentümliche volle Töne aus

meinen Betrachtungen gerissen. F. machte mich auf ein Pärchen großer

Vögel aufmerksam, welche kaum 100 Schritte vor uns ihre Stimme ertönen

ließen. Die Dunkelheit ließ jedoch ihre Art nicht erkennen. Bevor wir

uns noch anschleichen konnten, hatten uns die Thiere bemerkt und hoben

sich in die Lüfte. Den schönen, langgezogenen und vollen, durch die

Stille der Nacht erschallenden Ton, den sie dabei ausstießen, erkannte

ich sogleich als den Warnungsruf des grauen südafrikanischen Kranichs.

Dieser voll schallende Ton, der wie über einem Resonanzboden ausgestoßen

so voll klingt und so deutlich und von großen Entfernungen her hörbar

ist, wird durch die einigen wenigen Vogelarten (auch den Schwänen)

zukommende Eigentümlichkeit bedingt, daß sie ein weit ausgehöhltes

Brustbein besitzen und die Luftröhre in diese Höhlung eintritt, um,

nachdem sie eine Curve gebildet, sich wieder nach auswärts zu wenden und

herauszutreten.

Am Abend des nächsten Tages schlugen wir wieder in Potschefstroom an der

bereits bekannten Stelle unser Lager auf.

Von einigen Bekannten, die zu unserem Wagen gekommen waren, erfuhr ich,

daß sich Mauch mehrmals in Potschefstroom aufgehalten und in Herrn

Foßmann einen guten und opferwilligen Freund gefunden, und daß in den

nach Osten zu sichtbaren Bergen Versteinerungen und Pflanzenabdrücke

anzutreffen wären. Als ich zu den Besuchern über das Innere des Landes

sprach, meinten sie, daß hier mehrmals im Jahre mit Elfenbein,

Straußenfedern und allerhand Häuten und Fellen beladene Wägen von der

Stadt der Bamanquato, »Schoschong«, auf dem Wege nach Natal ankämen, die

einem Brüderpaar, den Händlern Drake (die ich später auf meiner zweiten

Reise in Schoschong auch kennen lernte und den einen zu behandeln

hatte), angehörten. Sie kämen den Limpopo herab, wobei sie den Marico

kurz vor seiner Mündung überschritten. Von denselben Besuchern hörte ich

noch, daß sich in Potschefstroom zwei Männer aufhielten, welche

Elephanten im Matabeleland gejagt hatten.

Wie die meisten Hottentotten so sind auch die Griqua's und Koranna's

leidenschaftliche Raucher und gleich manchen (doch meist den ärmeren)

Holländern leidenschaftliche Tabakkauer; weil nun der im Moi-Riverthale

angebaute Tabak ein ziemlich gutes Renommé besitzt, hatten mich Gert und

David mehrmals ziemlich unverblümt daran erinnert, bevor ich die Stadt

zum zweiten und letzten Male verließ, doch eine ganze Rolle (etwa 5

Pfund) von dem »notwendigen Ding« zu kaufen. Jeden Tag verbrauchten sie

per Mann ein fingerlanges Stückchen der daumenstarken Rollstange. Bis

jetzt wurde--wenn ich nicht irre--der größte Theil des hier angebauten

Tabaks im Lande selbst verbraucht, doch wird er unstreitig, in größerer

Menge angebaut und etwas billiger auf den Markt gebracht, in nächster

Zeit einen nennenswerthen Exportartikel bilden.

Obgleich ich keine statistischen Daten bezüglich des Tabakbaues vor mir

habe, glaube ich doch, daß von den gesammten südafrikanischen,

civilisirten Staaten die Transvaal-Provinz den meisten Tabak producirt.

Unter den unabhängigen, im Westen und Nordwesten dieser Colonie

wohnenden Betschuanastämmen sind es namentlich die in dem Lande der

Bakwena wohnenden Bakhatla, welche ihre Zeit meist als Diener der Farmer

in der Transvaal-Provinz zugebracht und die Tabakcultur in ihrer

primitivsten Weise nach ihrer Heimat verpflanzt haben.

Die Strecke nach Klerksdorp legten wir ziemlich rasch (in zwei Tagen)

zurück. Auf dem Wege längs eines in den Moi-River einmündenden

Querthales auswärts gegen einen Höhensattel zu, den wir zu überschreiten

hatten, beobachtete ich an den feuchteren, kurzbegrasten

Partien--trotzdem, daß wir die Stelle noch keine zwei Wochen vorher

passirt hatten, neue Amaryllisspecies und andere mir noch nicht zuvor

bekannte Pflanzenspecies im Sprossen begriffen. Mit Leichtigkeit könnte

man in Süd-Afrika ebenso wie die aus dem wilden Zustande in Töpfe und

Gärten verpflanzten Zwiebelgewächse, die sehr artenreichen Staphelien

und Euphorbiaceen verpflanzen und es wäre wünschenswerth, daß diese

beiden ersteren als Garten- wie Zimmerschmuck so leicht zu gewinnenden

Familien häufiger als nur bei einigen wenigen Amateurs und als die von

Europa, Australien und Süd-Amerika eingeführten Gewächse gepflegt

würden. Man kennt leider in Süd-Afrika im Allgemeinen mehr von

europäischen Gartenpflanzen und von australischen und neuseeländischen

als von den einheimischen in diese Kategorie einschlagenden

Pflanzenproducten. Die schönen Gladiolus-, Amaryllis-, Iris- und ihnen

verwandte Species könnten in Gärten und Töpfen sehr gut gedeihen, nicht

minder zahlreiche zartblüthige Malvaceen, Scabiosaceen, Cinneen,

namentlich aber die im Süden so artenreichen Ericaceen. Unzählig sind

die Species der Bodenkriecher, die, wenn etwas cultivirt, noch bedeutend

gewinnen würden, zahlreich sind die lianenartig sich emporschlingenden

Gewächse. Im Süden, in den Küstendistricten, werden mit Ausnahme der

schon erwähnten botanischen Gärten, die einheimischen Pflanzen doch nur

von wenigen Liebhabern cultivirt, und da sind es meist nur die

aloëartigen, Encephalartos, Strelitzien, Staphelien, Euphorbiaceen,

Geranium-Arten, Farrenkräuter und einige wenige mehr.--Doch zurück zu

unserer Rückreise nach Klerksdorp.

[Illustration: Junger Boer.]

[Illustration: Jagd auf Zibethyänen am Klipspruit.]

Auf der Höhe des Bergsattels befindet sich eine kleine, weniger tiefe

Wasserlache, welche, obgleich seicht, wegen der steinigen Unterlage,

bedeutend länger als tiefere Lachen in der Ebene und in manchen der

Spruits ihr Wasser hält. Diese kleinen Höhenlachen sind zuweilen ein

nennenswerthes Charakteristicum vieler Höhen, besonders der Sattel und

Kämme des centralen südafrikanischen Hochplateaus, der Reisende begrüßt

sie mit freudigem Herzen und den Neuling überraschen sie nicht selten

da, wo er sie am wenigsten erwartet. Nachdem er oft lange, ebene

Strecken durchreist, vergebens da, wo das Land eine Neige zeigte, nach

Wasser geforscht, fruchtlos einem trockenen Flußbett stundenlang gefolgt

und sich mühevoll--nur um seinen und den peinlichen Durst der am Wagen

harrenden Gefährten zu stillen--durch Schilfbrüche Bahn gebrochen, ohne

das begehrte Element zu finden, endlich zu dem Wagen zurückkehrt, die

Reise fortsetzt, um noch die vor ihm liegende Höhe oder die sich quer

über seine eingeschlagene Route ziehende Bodenerhebung oder Hügelkette

zu erreichen und von den höheren Punkten Rundschau zu halten, findet er

unerwartet oben auf der Höhe eine, wenn auch oft trübe, so doch volle

Wasserlache. Welch' eine beseligende Ueberraschung für den Neuling, ein

Schatz für den Veteran, der, ohne nach rechts oder links abzubiegen,

ohne sich durch noch so viel trocken scheinende Schluchten oder

Flußdickichte täuschen zu lassen, gerade auf die ihm schon bekannten

oder Wasser versprechenden Bodenerhebungen lossteuert. Zur heißen

Tageszeit wird leider das Wasser in diesen seichten Becken bedeutend

erwärmt, doch in der Abendkühle ist es bedeutend kälter als jenes in den

Morästen oder Spruitlachen und wenn es nicht durch häufig hier zur

Tränke kommende Viehheerden verunreinigt wird, bedeutend reiner und

namentlich frei von faulenden Substanzen.

Während ich auf der Reise vaalaufwärts meine Zeit meist zur Croquirung

der Strecke verwendete, konnte ich mich nunmehr meinen Sammlungen und

der Jagd widmen. Ich ging mit meinem treuen und bereits gute Dienste als

Hühnerhund leistenden Niger in der Grasebene auf der einen, F. mit

seinem Karabiner auf der anderen Seite, 2-400 Schritte vom Wagen

entfernt, demselben als Eclaireurs voran. Die grauen und schwarzen

Zwergtrappen (die großen Trappen Eupodotis caffra und Kori waren zu

scheu), Rebhühner, Steppenhühner, rothfüßige Kibitze (in den Flügeln

schwarzweiß gescheckt) und an den Flügeln bespornte Hoplopteri (an den

feuchteren Stellen) bildeten meist unsere Beute. Niger (ein bei der

während meines Aufenthaltes in den Diamantenfeldern unternommenen und

bereits geschilderten Pavianjagd erworbener Hund) that sein Möglichstes.

Zwischen dem Baken- und Matschavisspruit hielt uns ein Vorfall, der zu

den heiteren Zufällen dieser ersten Reise gerechnet werden muß, einige

Stunden auf. Auf einer der Grasebenen zu unserer Linken erspähte Gert

vom Bock aus, etwa zwei Meilen vom Wege entfernt, einen dunklen

Gegenstand, der bald als ein einzelnes grasendes Thier erkannt war. Nach

der Größe schien es ein Rind zu sein, doch war von einer Heerde oder

einem Hirten nichts zu sehen, und so wurde der dunkle Gegenstand trotz

den Einwendungen der beiden Diener, die uns Weißen nicht beistimmen

wollten, für einen jener alten, von den Heerden wegen ihrer Reizbarkeit

und Kampflust ausgestoßenen Gnu-Stiere angesehen, der allein, sein

ferneres Dasein in der Verbannung fristen mußte. »Deinen Gefährten bist

du nutzlos, desto eher kannst du in einem europäischen Museum paradiren,

dachte ich und meine Freunde stimmten mit ein.« Die Vorsicht, mit der

ich mich in die Nähe des vermeintlichen Wildes schlich, erwies sich

jedoch bald überflüssig, denn schon auf 500 Schritte erkannte ich einen

Bullen, der seinerseits nun mir eine größere Aufmerksamkeit zuwendete

als mir lieb sein konnte und mit gesenkten Hörnern auf mich losging.

Einige blinde Schüsse brachten ihn jedoch schließlich zum Nachgeben und

verstimmt über diese Täuschung kehrte ich zum Wagen zurück. Das scharfe

Korannagesicht hatte seine Ueberlegenheit über uns Europäer bewiesen.

Ohne Unfall passirten wir die Furth über den Schoenspruit und lagerten

bald auf dem freien, zwischen dem Flusse und der nach Klerksdorp

führenden Wasserleitung liegenden Rasenplatze. In unserer Nähe standen

zwei einem Transvaaler Fuhrmann (_Transportrider_) gehörende Wägen. Der

Eigentümer derselben kam an unseren Wagen und da wir eben Kaffee nahmen,

wurde ihm ein »Becher« offerirt. Der Transportrider führte Güter, wie er

glaubte, Kistchen mit französischen Weinen und Brandy, rothe Kistchen

mit holländischem Gin, große Kisten mit englischem Bisquit, ferner

solche mit eingelegten Früchten (_Jam_), sowie Picken, Schaufeln etc. im

Ganzen 13.000 Pfund Gewicht auf den beiden Wägen, die ihm in den

Diamantenfeldern aufgeladen wurden und die er nach den Goldfeldern zu

schaffen hatte.

Nach der Berechnung unseres Gastes, der ziemlich geläufig englisch

sprach, hoffte er nach Abzug aller Kosten 140 £ St. an diesem »Trip«

(Fahrt) zu verdienen, so daß wir mit Zurechnung der Frachtauslagen von

Port Elizabeth annehmen müssen, daß das Heraufschaffen der Güter von

diesem Hafenorte bis Pilgrims-Rast (Leydenburger District) auf 300 £ St.

zu stehen komme. Die Strecke von Port Elizabeth über Hope-Town,

Kimberley (Diamantenfelder), Christiana, Klerksdorp, Potschefstroom,

Pretoria, Middleburg und Leydenburg (Lydenburg) beträgt nahezu 1100

englische (etwas über 255 geographische) Meilen; für den Transport von

130 Centner war mithin die Fracht von 3450 fl. eine sehr hohe. Die

meisten dieser sogenannten Transportrider (sprich »raider«) stehen sich

gut, nur in trockenen Jahren und wenn sie Schneegestöber im Winter auf

den Karoohochebenen ereilen, haben sie oft sehr viel zu leiden und

können ihr gesammtes Zugvieh einbüßen. So weiß ich mich vor drei Jahren

eines Falles zu erinnern, wo ein einziger Fuhrmann, der mit sechs Wägen

nach der Cap-Kolonie fuhr, in einigen kalten Nächten 75 Stück Ochsen

verlor. Die Weide war sehr schlecht, wenn er die Thiere auch drei Tage

lang grasen ließ, hatten sie sich nicht genügend erholt und erfroren um

so eher. Ich kenne auch Fälle, wo solche Fuhrleute beim Durchfahren

größerer Flüsse, wie des Oranje-Rivers, im Flusse stecken blieben und

bevor noch ausgiebige Hilfe ankam, war der Fluß gestiegen und der

Fuhrmann verlor Wagen und Güter, die er ersetzen mußte, Vorfälle, die

schon so manchen an den Bettelstab gebracht.

Am nächsten Morgen verließen wir das Weichbild von Klerksdorp und

schlugen die Richtung nach dem Estherspruit ein. Die letzten Tage hatte

es nicht geregnet und so durften wir auf schönes Wetter hoffen, doch

wurden die Nächte empfindlich kälter als zur Zeit, da wir uns von den

Diamantenfeldern verabschiedet hatten.

Unter dem einladenden Schatten einiger jener mehrstämmigen, hutförmigen,

nach abwärts mit ihrem verschlungenen Kronengezweige sich neigenden

Zwergbäumchen hielten wir am folgenden Tage Mittagsrast. Die

beschatteten Stellen waren grasarm, beinahe nackt und kahl und zeigten

zahlreiche Mäuselöcher. Doch ringsum in einigen unbedeutenden

Vertiefungen wucherte um so üppiger ein dichter Graswuchs.

Freund E. wollte eine hübsche Stelle für den Mittagstisch und unsere

Sitze aussuchen, er schien endlich unter dem schattigsten der oben

erwähnten Zwergbäumchen den gesuchten Ort gefunden zu haben, als er die

Mäuselöcher zu zerstampfen begann. Ich wollte eben mit dem Insectennetze

in der nächsten Umgebung eine Razzia halten, als mich Freund E.'s

wunderliches Betragen zu der Frage veranlaßte, was er hier thue. »Sehen

Sie, diese Löcher sind nach ihrer Umgebung zu urtheilen, verlassen und

da gibt es keinen unbequemeren Ort, als deren Nähe sich zum Rasten

auszusuchen, weil eben diese Löcher mit Vorliebe von Schlangen--«. »Eine

Schlange, eine Schlange, Doctor, nehmen Sie den Schambock

(Bileamspeitsche), passen Sie auf, sie läuft auf Sie zu!« schrie

plötzlich aus der nächsten Vertiefung der erschreckte F., der

hinabgestiegen war, um einige an den Grashalmen erspähte Käfer für mich

zu erbeuten. Das »ausgesucht werden« blieb Freund E. in der Kehle

stecken, er hatte nicht nöthig, seinen Satz zu beschließen, denn da kam

schon pfeilschnell das Reptil hervorgeschossen, schnurstraks auf eines

der zugestopften Löcher zueilend. Dieses und ein anderes verschlossen

findend, wandte sich die etwa vier Fuß lange, fingerdicke Schlange nach

dem Zwergbäumchen, wo sie mir über eine halbe Stunde harte Arbeit

machte, bevor ich sie in dem dichten Geäste bemeistern konnte. Es war

eine als Giftschlange in Süd-Afrika wohlbekannte Scap- (Skap-) stecker.

[Illustration: Verlassener Jagdplatz.]

Im blumigen Thale des Estherspruit angekommen, widmete ich am folgenden

Morgen, wie an der letzten Raststelle, einige Stunden dem Insectenfange,

da hier viele Doldengewächse, auch Orakelblumen und Liliaceen von

kleinen Coleoptera-Arten strotzten. Mylabris, Cetonia Marienkäfer,

Erdflöhe etc. fanden sich artenreich vor. Dann wurde noch ein

allgemeiner Ausflug mit Gewehr, Pinzette und Schambock zwischen den das

enge Spruitthal zur Linken umgebenden Felsen versucht. Das Resultat war

der Fang einiger Echsen, zweier Schlangen, von denen sich (nach der

Breite der Spur zu urtheilen) hier viele Buffadern aufhalten mußten. Sie

mußten auch gut gedeihen, denn alle Bedingungen dazu waren hier in den

geschützten Felsenlöchern vorhanden, in denen sich kleine, braune und

große, graue, schwarz gestreifte Rohrrüßler aufhielten, während in den

nahen Zwergbüschen gestreifte Mäuse und im nahen Thale Lurche in großer

Zahl anzutreffen waren. Die Rohrrüßler sind kleine muthige Raubthiere,

der Gestalt nach müßte man sie Spring-Spitzmäuse nennen. Die großen (von

der Größe einer Ratte) leben paarweise in Löchern unter umfangreichen

Blöcken, sind sehr wachsam und nähren sich von Insecten und

Insectenlarven. Sie springen sehr behende und pflegen sich auf der

Flucht zeitweilig umzusehen, was ihnen natürlich oft zum Verderben

gereicht.

Spät am Nachmittage erreichten wir den durch die bereits geschilderten

Raubritter--jene holländischen Quälgeister, deren ich schon auf der

Hinreise gedacht--berüchtigten Matjesspruit. Ich nahm mir vor, in dem

Thale gar nicht zu halten, sondern noch drei Meilen darüber hinaus zu

fahren, um nicht belästigt zu werden. Als wir ungefähr das erste Drittel

des zum Spruit führenden Abhanges erreicht hatten, machte mich der mit

der Peitsche neben dem Gefährte schreitende Gert auf den »Wächter« des

in dem Gebüsche zur Rechten liegenden Raubgehöftes aufmerksam. Einer der

Bauern stand unter einem Bäumchen auf dem Wege und lugte aus. Als wir

auf etwa 300 Schritte nahegekommen waren, verschwand er plötzlich und

lief buscheinwärts, um die Annäherung einer »Prise« zu melden.

Wir wähnten, als von Gert angetrieben das Gespann sich in Trab gesetzt

hatte, der drohenden Gefahr glücklich entronnen zu sein, und konnten uns

nicht enthalten, ob der gelungenen List in ein lautes Gelächter

auszubrechen. Doch wie gewöhnlich, wir hatten zu früh gelacht. Plötzlich

erscheint eine schmutzige Hand an dem Seitenbrette und dann folgt ein

bestürztes Gesicht. »Chun (guten) Dag, Mynheer, ah, ah Dokter, wart doch

bichi--ras ni so banje (viel) mit det ow (alte) wachen (Wagen).« Dann

erschien neben Gert ein zweiter Raubritter in zerrissenen Hemdärmeln und

beide bemühten sich, ihn zu überreden, das Gespann zum Stehen zu

bringen. So hatten uns doch die unbarmherzigen Quälgeister ereilt! Doch

Gert ließ vom Peitschen nicht ab und das Gefährte eilte bis zu dem

Flüßchen, das wir zu durchschreiten hatten. Kaum daß wir das Spruitbett

überschritten hatten, als ein Troß von Kindern und Frauen dem Wagen

nachgerannt kam. »Ja warum lauft Ihr denn so vorbei,« hieß es von allen

Seiten, »bleibt doch ein bischen stehen.« Wir sprangen vom Wagen ab, um

wenigstens der Sitte gerecht zu werden und den zwölf Anwesenden Einem

nach dem Andern ihre nichts weniger als reinen Hände zu schütteln und

sie zu versichern, daß wir es sehr eilig hätten und unter keiner

Bedingung hier bleiben könnten. Da nahmen die diesmal glücklich

zurückgeschlagenen Freibeuter zu einer anderen List ihre Zuflucht, wobei

sie jedoch vergaßen, daß wir dieselbe schon kannten. »Aber Ihr könnt'

nicht weiter, denn wo Ihr noch heute Nacht hinkommt, da ist kein Gras

für Eure Ochsen, kein Wasser für Euren Thee, der Boden ist kahl

gebrannt, ohne Gras wie dieser Weg, bleibt doch hier über die Nacht.«

Doch es half alles nichts, wir kannten unsere Pappenheimer zu gut und so

blieb ihnen nichts übrig, als mit leeren Händen den Heimweg anzutreten.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als wir am folgenden Tage am

Klipspruit (steinigen Spruit) Rast hielten. Etwa 1½ englische Meilen an

demselben auswärts stand ein Wagen und nahebei grasten einige Pferde.

Hinter dem Wagen schien ein Zelt zu stehen. Ich hoffte holländische

Jäger zu finden, von denen ich, im Falle wir ohne Erfolg gejagt hätten,

einige frisch erlegte Thiere, der Häute halber, zu erstehen gedachte.

Wir hatten auch ganz richtig geurtheilt, denn wir fanden den Besitzer

der Landstrecke, auf der wir rasteten und der weiter auswärts sein

Farmhaus hatte und mit seiner Familie auf einer Erholungsreise begriffen

war, wobei er sich seine Zeit mit Jagen vertrieb. Um den Wagen waren

mehrere Aeste in den weichen Boden eingelassen und mit Ochsenriemen

verbunden, an denen zahllose, längliche Fleischstücke hingen, um zu dem

bekannten Beltong getrocknet zu werden. Auf der Erde lag ein Gnu-Stier,

den eben ein Koranna abzuhäuten bemüht war.

Wohin wir auch unsere Blicke wenden mochten, überall begegneten sie

einem überraschenden Reichthum an Wild jeder Gattung. Wir waren Zeugen

eines Kampfes zweier Gnu-Stiere, die mit unglaublicher Vehemenz

aufeinander eindrangen; nichtsdestoweniger aber hatten sie ihren

gemeinschaftlichen Gegner in uns bald gewittert und folgten der

fliehenden Heerde rasch nach.

[Illustration: Eine Vogel-Colonie.]

Bei dem Präpariren des mir von dem Farmer überlassenen Gnufelles hatte

ich mich an den spitzen Knochen des Kopfskelettes verletzt, im Eifer der

Arbeit, zu deren Beschleunigung ein drohender Regenguß mich anspornte,

achtete ich nicht darauf. Heftige Schmerzen und angeschwollene Hände

belehrten mich nächsten Tages, daß ich unvorsichtig genug vorgegangen

und das Arsenikpräparat in die Wunden eingedrungen war. Ich wurde erst

später eindringlich an die Gefahr dieser Sorglosigkeit gemahnt.

[Illustration: Löwenjagd in den Maqwasibergen.]

Am nächsten Morgen verließen wir Klipspruit, überschritten den Löwen-

und Wolfsspruit und erreichten gegen Abend die schon erwähnte Farm

Rennicke, deren Besitzer uns auf der Hinreise anfangs ziemlich

unfreundlich empfangen hatte. Diesmal hatte er gegen unser Vorhaben, im

Gehölze zu jagen, nichts einzuwenden, ja er gab uns sogar seinen Jungen

als Führer mit. Der kleine Bursche geleitete uns an den nördlichen Rand

des Gehölzes, an dem angelangt er uns niederbeugen und ihm stille folgen

hieß.

Nach etwa 60 Schritten standen wir an einem niederen, kaum fünf Fuß

hohen, hie und da mit Zwergsträuchern überwucherte Erddamme. Der Junge

vor uns kroch aufwärts und sah sich um, dann hieß er uns vorsichtig

folgen und durch eines der Büschchen gedeckt auslugen. »Kick, Ohm«

(schau, Onkel), flüsterte er mir in's Ohr, und wies mit seiner Linken

über den Damm. Ein unvergeßlicher Anblick bot sich uns dar. Ich wünschte

ein Netz über diese Scene ausgespannt zu sehen und das Leben darunter

als »Leben« zu erhalten.

Der Damm, an dem wir lagen, war die südliche Umzäunung einer

dreiseitigen, eingedämmten Vertiefung, die von Gras und Binsen

überwachsen, nur vom Regenwasser gespeist zu sein schien. In diesem

Gewässer watschelte, schwamm und tauchte ein Heer von Vögeln umher, Die

auffallendsten waren die heiligen Ibise, wenigstens fünfzig, die Einen

in ihrem schneeweißen Gefieder auf einem Fuße schlummernd, die andern

langsam und gravitätisch ausschreitend und den kleineren Genossen (den

Tauchern etc.) zuweilen Hiebe austheilend, während die meisten rasch hin

und herliefen und dabei unter der Wasserfläche mit dem dunkelgefärbten

Kopfe und dem Schnabel hin- und herfahrend fischten. Außer ihnen stand

nach der einen Dammseite, wie aller Welt vergebend, ein graues

Fischreiherpärchen. Zwischen dem Grase und in den Binsen gackerten graue

und schwarzweiß gescheckte Wildenten, während unzählige Bläßhühner ihre

tiefen Stimmen hören ließen. Dazwischen tummelten sich die kleinen

behenden Taucher. Am Rande des schräg zu dem trüben Wasser abfallenden

Dammes liefen laut pfeifend einige Kampfläufer (Philomachus pugnux) auf-

und nieder, während kleine Strandläufer in dichten Schaaren von dem

einen zum andern Ufer flogen, ohne lange auf derselben Stelle zu

verweilen. Später fand ich die Erklärung zu dem lauten Treiben dieser an

das flüssige Element gebundenen Vogelwelt. Ein heftiger Platzregen hatte

eine Unmasse von Insecten und Würmern von der Ebene in die Vertiefung

herabgeschwemmt, auch todte Eidechsen, sogar Mäuse fanden ihren Weg

dahin; an dieser reich besetzten Tafel ließ es sich nun die befiederte

Gesellschaft recht wohl schmecken.

Einer von uns mußte wohl unvorsichtig den Kopf vorgestreckt haben, denn

bevor ich mich dessen versah, hatten sich alle die Langstelzen mit

lautem Geschrei in die Lüfte erhoben. Unwillkürlich und wohl auch in der

Angst, sie alle davonfliegen zu sehen, legte ich auf einen der Ibise an

und brachte ihn wie auch ein Bläßhuhn herunter. Auf dem Heimwege die

Moräste berührend, erbeutete Freund E. eine Wildente.

Am Wagen angekommen, erfuhr ich von Freund K., daß der Farmer mich zum

Besuch eingeladen habe. Obgleich derselbe wohlhabend zu nennen, war doch

sein Haus höchst einfach aus Backsteinen aufgeführt. Er klagte mir sein

Leid über die Verluste, die er durch die herrschende Pferdekrankheit

alljährlich erleide und bat mich um meinen Rath, da eben sein Reitpferd

von der Krankheit befallen war.

Am Nachmittage verließen wir Rennicke's Farm und langten in der

Dunkelheit an »Gildenhuis Place« an, derselben am Südfuße der hier

vorbringenden Maqwasihöhen erbauten Farm, welcher ich auf der Hinreise

bereits erwähnte.

Auf der dritten Reise--zwei Jahre später--traf ich weit im Innern einen

herumwandernden Elephantenjäger, der seine Heimat an den nördlichen

Ausläufern der Maqwasihöhen hatte, zu deren südlichem Abhange wir eben

lagerten. Er war ein tüchtiger Jäger, und ich will im Folgenden, bevor

ich von den Maqwasihöhen scheide, eine seiner Jagdepisoden erzählen.

Weinhold Schmitt hielt sich in seiner Junggesellenzeit in einer an den

Quellen des Maqwasi-Rivers liegenden Farm auf. Zu dieser Zeit waren die

nördlichen Schluchten der Maqwasihöhen durch das Treiben von vier in der

Regel gemeinschaftlich jagenden Löwen arg verrufen. Keiner von den in

der Umgebung wohnenden Boer's hatte sich bisher erkühnt, den verwegenen

Löwen an den Leib zu gehen. Da kam eines Tages der Sohn des einen

Farmers mit der traurigen Botschaft heimgeritten, daß er die Leichen

dreier Pferde--es waren »gesoute« (gesalzene, d.h. gegen die Pneumonie

gefeite), welche er abzuholen hatte--vorfand, die schon halb aufgezehrt

im Grase lagen, und an den zahllosen Spuren waren die Urheber der

ruchlosen That nur zu deutlich zu erkennen.

Diese Nachricht brachte es zu Stande, daß sich die Boer's endlich zur

That aufrafften und gemeinschaftlich die Raubthiere zu erlegen

beschlossen. Der Farmer und sechs Reiter fanden sich ein, der junge

Mann, der die getödteten Pferde aufgefunden, wurde zum Führer gewählt;

die Spur der Löwen war bald gefunden. Es ging durch ein Thal, über eine,

über eine zweite Höhe, dann kamen sie auf eine Ebene, die leider

kurzbegrast war; der Boden war hart und wohl auch deshalb verloren sie

die Spur der Thiere und mußten die Verfolgung aufgeben. Es ist jedoch

wahrscheinlicher, daß den Löwenjägern der Muth etwas gesunken war und

daß alle nur zu sehr einverstanden waren, lieber heimzukehren, als noch,

abgemüdet nach einer längeren Verfolgung, den Kampf mit den Raubthieren

aufzunehmen. Auf ihrer Heimkehr trennten sich die enttäuschten Jäger

nahe an Schmitt's Wohnung. Doch wie erstaunten er und sein Freund, als

sie in unmittelbarer Nähe des Gehöftes ein Löwenpärchen im hohen Grase

erblickten. Nach der Stellung, welche die Raubthiere eingenommen hatten,

schienen sie auf der Lauer zu liegen. Beim Annähern der beiden Reiter,

deren Pferde sich brav in der Nähe ihres Erzfeindes hielten, erhoben

sich die Löwen, und Schmitt, um einen sichern Schuß zu gewinnen, sprang

ab, nahm die Zügel, machte einige Schritte nach vorwärts und legte

gerade auf den nach ihm stierenden Löwen an, als ihn sein Gefährte

anrief; als sich Schmitt umwandte, sah er, daß ihn dieser verlassen und

eben in einer Entfernung von 50 Schritten Posto gefaßt hatte. Dies war

unserem Jäger sehr unangenehm. Zwei Löwen sah er vor sich, die übrigen

durften wohl nicht ferne sein, sein Freund hatte ihn in dieser

ungemüthlichen Situation verlassen.

So blieb ihm nichts übrig als selbst an den Rückzug zu denken. Sein

Pferd am Zügel führend wich er zurück, doch so, daß er stets die

Raubthiere im Auge behielt. Bevor jedoch der Schütze seinen Gefährten

erreicht hatte, wandten sich die Löwen zur Flucht nach den Höhen. Dies

gab unsern Jägern Muth und beide galoppirten ihnen nach, Schmitt mit der

Absicht--wie es jeder berittene und etwas erfahrene südafrikanische

Löwenjäger in einem solchen Falle versucht--den Löwen einen Vorsprung

abzugewinnen und ihnen den Weg zu verlegen. Es gelang ihm und die beiden

Löwen befanden sich nun zwischen ihm und seinem Gefährten, der mit

Geschrei und Hutschwenken die Freunde, von denen sie kurze Zeit zuvor

geschieden und die noch nicht aus Schußweite gekommen waren, auf den

Fund aufmerksam zu machen sich bemühte. Bevor jedoch diese--obwohl mit

verhängten Zügeln einhersprengend--zur Stelle waren, hatte sich die

Löwin nach links gewendet und war in einer trichterförmigen, bebuschten

doch seichten Felsenvertiefung verschwunden, während der Löwe mit

fletschenden Zähnen den Augenblick, wo beide Jäger dem Dickicht näher

gerückt waren, benutzend, mit einigen Sätzen im Gestrüppe der nahen Höhe

verschwand und--nachdem er wohl noch durch den Anblick der heranjagenden

Menschen eingeschüchtert--seine Flucht längs der Höhe auch so eilig

fortsetzte, daß er seinen Verfolgern nicht mehr zu Gesichte kam.

Als die übrigen fünf Jäger sich zur Stelle eingefunden hatten, beschloß

man, die Vertiefung zu umzingeln und namentlich den dem Hügel

zugekehrten Rand derselben scharf im Auge zu behalten, weil man nach

dieser Seite einen Fluchtversuch der Löwin befürchtete. Hier postirten

sich auch drei der Jäger und begannen mit Geschrei und Steinwürfen die

Löwin zu beunruhigen und zu einem Fluchtversuche zu bewegen. Die

Steinwürfe mochten sie wohl kaum belästigt haben, umsomehr aber schien

die Löwin über das entsetzliche »Holländisch« empört, in welchem die

drei Jäger sich mit ihr unterhielten, denn nach einiger Zeit erschien

sie am Rande der Vertiefung, um die Situation auszuspähen. Anstatt

gerade nach dem schützenden Dickicht des Hügels zu halten, bog sie etwas

nach links ein, um in einer schiefen Linie das Ziel zu erreichen. Bei

der Ausführung dieses Vorhabens stand ihr jedoch das Unangenehme bevor,

vor den drei Schützen vorbeidefiliren zu müssen. Sie zögerte nicht lange

und folgte der letzterwähnten Richtung. Drei Schüsse knallten zur selben

Zeit. Die Löwin machte einen Versuch, ihre Bahn fortzusetzen, den

auszuführen jedoch ihre Lebenskräfte nicht mehr ausreichten. Sie war mit

dreifach durchbohrter Brust zur Erde gesunken.

»Und die anderen Löwen?« fragte ich.

»Wir hatten für längere Zeit Ruhe vor den Raubthieren, sie zogen sich

nach dem Hart-River zu und hausten da im Lande der Barolongen. Doch

kamen sie zuweilen noch immer herüber und selbst gegenwärtig kann man in

trockenen Wintern daselbst von Westen her zugelaufenen Löwen begegnen.«

Nächsten Mittag spannten wir im Schatten einiger schöner Cameeldornbäume

unfern der Furth des Maqwasi-River aus. Der vor wenigen Wochen hoch

angeschwollene Fluß war nunmehr wieder zu einem dünnen in der Ebene sich

hinschlängelnden Wasserfaden herabgesunken. Am jenseitigen Ufer standen

einige Wägen ausgespannt. Sie waren sämmtlich mit Wein- und

Branntweinfässern geladen, welche nach den Goldfeldern gebracht werden

sollten. In einem nahen Ziegelhäuschen ging es sehr lärmend zu, man

credenzte auch hier den Feuertrank, und vor dem Häuschen lagen auf der

Erde im betrunkenen Zustande einige der zu den Wägen gehörenden

schwarzen Diener, während zwei andere--auch unter demselben

Einflusse--schreiend ihre Fertigkeit im Boxen an sich versuchen wollten.

Der eine hatte seine schmutzige Jacke abgeworfen und schlug die

Hemdärmel zurück, um sich für den Zweikampf »klar« zu machen, während

sein Gefährte mit in der Hose steckenden Händen und mit ausgespreizten

Beinen ihm die ärgsten Schmähworte zuschleuderte. »Du bist kein

Hottentot nicht, nur ein elendige Boschman,« warf dieser ein. Das war zu

viel für das erhitze Gemüth des braun-gelblichen Stammesbruders. »Ik ke

Hottentott ni, so wahr ich eine Mutter habe (dies der gewöhnliche Schwur

der Koranna) bin ich einer--nimm das--dafür Du drunken lap Du.« Und die

eine der an die Brust gezogenen Fäuste traf den sich kaum im

Gleichgewicht haltenden Gegner so dreist und wuchtig auf die

Nasenwurzel, daß er mit einem »Allmachtag« nach rückwärts fiel und hoch

mit den Beinen aufschlug.

Auf unserer Weiterfahrt nach Bloemhof begegneten wir zwei Fußgängern

(Weißen), die nach monatelangem, erfolglosem »Diggen« in den

Diamantenfeldern ihr Heil in den Leydenburger Goldfeldern zu finden

gedachten. Der eine der Männer trug zusammengerollte Decken, der zweite

in einem Ledersack Brod etc., sowie eine Theekanne und einen Becher. In

dieser Verfassung dachten sie die Gesammtstrecke von über 115

geographischen Meilen Länge zurückzulegen. »Nachts schlafen wir unter

einem Busche, polstern uns die Stelle weich mit Gras aus und überrascht

uns ein Regen, so bleiben wir--wenn wir gerade nicht nahe an einem

Farmhause sind, um Schutz in dem Wagenschuppen zu suchen--ruhig liegen,

ist's ja nur Wasser, und reines Wasser, das da vom Himmel auf uns

kommt.« Das war ein Paar jener Wettergebräunten, die man oft in den

Diamantenfeldern begegnet und die von dem Glanze der Diamanten und des

Goldes angezogen, die rauhesten Seiten des menschlichen Daseins kennen,

ertragen und verachten gelernt hatten; und haben sie sich an dieses

rauhe Leben, an dieses mit den größten Mühen und großen Kosten

verbundene, selten oder fast nie zu befriedigende Jagen nach Reichthum

gewöhnt, so sind sie den gesellschaftlichen Formen des Lebens

entfremdet; außer daß sie--was ihnen jedoch in Süd-Afrika nicht leicht

möglich ist--die eleganten Säle der Spielhöhlen besuchen.

Spät am Abend langten wir am Bamboesspruit an und übernachteten am

diesseitigen Ufer, um die Furth nicht in der Nacht passiren zu müssen.

Wir blieben bis gegen Mitternacht um das lodernde Feuer geschaart und

besprachen die Gladiatorscene am Maqwasi-River, der wir ohne

Eintrittskarten gelöst zu haben, beigewohnt hatten.

Am nächsten Tage legten wir die Tour durch die schon vorher erwähnten

Grasebenen zurück, berührten die beiden an Salzpfannen liegenden Farmen

Rietfontein und Coetzee's Farm und erreichten den folgenden Tag

Bloemhof.

[Illustration: Hallwater Farm.]

Nach kurzem Aufenthalte brachen wir noch am selben Tage nach der

Hallwater Saltpan auf, um auf diesem kürzeren Wege nach Christiana zu

gelangen. Diese Salzpfanne war im Jahre 1872 dadurch in Süd-Afrika

berühmt geworden, daß man daselbst die Ruinen von Monopotapa

(Monomotapa, Motapa, Mosogra etc.), einer in einem Reiche desselben

Namens (das vor 200 Jahren noch existirte) liegenden Stadt, gefunden zu

haben glaubte. Aus alten Chroniken ersehen wir, daß das ganze Centrum

Süd- und des südlichen Central-Afrika von diesem Reiche eingenommen

wurde, daß mit seinen Bewohnern--meist durch die an der Küste wohnenden

Eingebornen als Zwischenträger--von Seite der portugiesischen und

holländischen Händler ein lebhafter Handel getrieben wurde und man

glaubte auch, daß bereits portugiesische Missionäre von Osten her bei

den Bewohnern Monopotapa's gewirkt hätten. Den Chroniken entnehmen wir

auch, daß die Städte meist in der Nähe von Goldminen erbaut und in

unmittelbarer Nähe der Stadt Monopotapa selbst an 3000 bearbeitete

Erdlöcher (Minen) zu finden waren. Man hatte nun in der Nähe der

Hallwater Salzpfanne Steine vorgefunden, welche menschliche Arbeit und

zwar meist Bruchstücke von Säulen, ferner Gesimsstücke--jedoch nur diese

beiden Formen--darzustellen schienen, und da die Entfernung dieses

Fundortes von Kapstadt mit der, in den Büchern als Entfernung zwischen

der Stadt Monopotapa und Kapstadt angegebenen ziemlich übereinstimmt,

glaubte man Monopotapa gefunden zu haben. Ich hielt deshalb die Stelle

eines Besuches werth, um so mehr, als sie nicht weit, nur einige Meilen

nordwärts von meinem Wege liegen sollte.

Am selben Tage, nachdem ich Bloemhof verlassen, traf ich bei der

bezeichneten Salzpfanne ein. Obgleich nahe am Vaalflusse gelegen und zum

Gebiete der Transvaal-Republik gerechnet, und obschon hier eine weiße

Frau mit ihren Töchtern in einem Moodhouse wohnte, die uns sogar einlud,

uns in ihrem Palaste niederzusetzen, fand ich, daß die Koranna's von

Mamusa die eigentliche Herrschaft führten und diese auch bis zu Beginn

des Jahres 1879 aufrecht zu halten wußten.

Die Stelle bildete die Südspitze eines Dreieckes mit der Basis gegen

Mamusa und dem Hart-River zu, welches von Gassibone und Mankuruan

(damals beide unabhängig), den Batlapinenchefs, Old-David Maschon, dem

Korannakönig von Mamusa und den Holländern beansprucht wurde; bei dieser

Sachlage waren nur die hier angesiedelten Farmer zu bedauern, denn auf

sie fiel die Last aller Quälereien, sie waren der Sündenbock in allen

Streitigkeiten.

In der Nähe der Salzpfanne, welche wohl das beste Kochsalz in dem

Bloemhofer District liefert, und deshalb neben dem Graslande als Weide

durch den Salzgewinn einen Erwerb in cash (in Baarem) abwarf, war eine

Farm, ein besonders hervorstechender Punkt in »the disputed territory«

(streitigem Gebiete). Außer dem aus rohem Thonboden verfertigten und

nothdürftig mit Gras gedeckten Häuschen, das von der erwähnten Frau,

entweder um ihr Vieh an der Pfanne weiden oder das Salz durch ihre

Diener gewinnen zu lassen, bewohnt wurde, standen noch am Nordrande der

Salzpfanne einige Korannahütten. Zwei etwa 12 Fuß tief in die Erde

gegrabene Löcher lieferten einen kleinen Wasserstrahl, der durch einen

Graben in eine Bucht geleitet, die Bewohner mit Wasser versah. An diesem

äußerst schmutzigen Tümpel tummelten sich zahlreiche rothfüßige und

einige Sporen-Kibitze, während im Wasser zahlreiche Wasserschildkröten

und Frösche ihr genügsames Dasein fristeten.[1]

1: Siehe Anhang 9.

Die vorgehende Zeichnung der Hallwaterfarm habe ich im Jahre 1875 (zwei

Jahre später) auf meiner dritten Reise aufgenommen. Wir sehen ein aus

Thon aufgeführtes Häuschen und einige Hütten, in denen Koranna's

hausten. Die Weißen hatten die Stelle bald nach meinem Abgange

verlassen. Die Koranna's gewannen nun selbst das Salz, von dem sie 25

Pfund für eine halbe Krone verkauften. Einem Reisenden, der nach dem

Innern Afrika's seine Schritte lenken will, würde ich es anrathen, sich

hier mit einer genügenden Menge Salz zu versorgen, da er beim Einsalzen

des Wildfleisches und Präpariren der Haut großer Säugethiere viel davon

brauchen, allein nicht leicht wieder ein ähnlich gutes auf seiner

weiteren Reise finden wird. Die hier lebenden Koranna's ernähren sich

von Viehzucht, halten meist Rinder und Ziegen und besitzen einige

schadhafte Wägen, in denen sie das Salz nach Bloemhof, Potschefstroom

und den Diamantenfeldern zum Kaufe bringen und daselbst für 1 £ St. per

mule (d.i. 200 Pfund) feilbieten. Oberhalb der Stelle, wo die trockenen

Bäche einmünden, könnte die nächste Umgebung der Pfanne mit einem

niedrigen Damm versehen, und von dem so gebildeten Weiher hinreichendes

Wasser zur Bewässerung von Feldern gewonnen werden. Doch es gehört mehr

als Koranna-Energie dazu, um einen solchen Versuch zu wagen; vielleicht

wird es doch möglich werden, wenn hier, wie in Griqualand-West, die

Eingebornen nicht mehr Gelegenheit haben, ihre Gedanken und Kräfte im

Brandygenusse verkümmern zu lassen.

Während unseres ersten Aufenthaltes an der Hallwater Salzpfanne hatten

wir auch Gelegenheit, das Batlapinengericht, »die Wanderheuschrecken«,

zu verkosten. In der Asche gebraten wurden sie von einigen

durchreisenden Batlapinen genossen, die Einen aßen sie mit »Haut und

Haaren«, Einer riß die Füße und Flügel, der Klügste von Allen auch den

Darmkanal aus; in der letzteren Verfassung versuchten wir dieses

Gericht. Ich benützte die Gelegenheit, dieses noble Betschuana-Gericht

allen Gourmands, wenn sie so weit gediehen sind, daß sie nichts mehr zu

essen haben, oder daß ihnen nichts mehr pikant genug erscheint, als ein

billiges und doch ungewöhnliches Ultimatum zu empfehlen. Wenn ich mich

jedoch zu diesem freundschaftlichen Rath erkühne, ist es auch nöthig,

des »Geschmacks« dieser Wildgattung Süd-Afrika's mit einigen Worten

gedenken zu wollen. Derselbe ist jenem getrockneter, etwas ausgelaugter

italienischer Sardellen ähnlich. Benützt wird nur die eigentliche

südafrikanische Heuschrecke. Ich für meinen Theil fand das Thier als

Köder zum Angeln ausgezeichnet, besser als Regenwürmer etc.; bei ihrem

Schwärmen fallen Hunderte in die Flüsse den Fischen zur willkommenen

Beute, sowie sie in den Lüften sowohl von dem kleinen Vogel, der sie mit

beiden Fängen halten muß und stückweise verzehrt, bevor er mit ihnen

fertig wird, als auch vom Adler und Kranich als besondere Leckerbissen

angesehen und jeder anderen Nahrung vorgezogen werden.

Nachdem wir die kürzere Wegrichtung nach Christiana erfahren hatten,

nahm ich mir vor, um die Gegend kennen zu lernen, meinen Weg nach Westen

fortzusetzen, und erst unterhalb Christiana gegen Hebron auf die Route

einzulenken, so daß ich auf diese Weise den südlichen Theil von

Gassibone's Gebiet von Ostnordost nach Westsüdwest durchzog. In der

Richtung, die wir einschlugen, gab es keinen fahrbaren Weg, wir mußten

uns durch Gebüsche und über begraste Ebenen unseren Weg bahnen. Mir war

es hauptsächlich darum zu thun, einen Ueberblick über die Gegend zu

gewinnen, leider war mir dies nicht gestattet und ich entschloß mich,

wegen der Beschwerden, die uns diese Reise bereitete, lieber die

kürzeste Strecke nach dem Vaal einzuschlagen. Im selben Verhältnisse als

die jede Aussicht benehmenden Büsche abnahmen, traten nun leider wieder

die Kameeldornbäume in größeren Beständen auf.

Zahlreiche fahle Zwergtrappenpärchen, Deuker- und Steinbockgazellen

wurden sichtbar, die ersteren Gazellen ruhig grasend, die letzteren nur

wenn aus dem Gebüsch aufgescheucht, bemerkbar. Wir fanden auch Spuren

von Hartebeest-Antilopen und solche, die den des Gnu ähnlich, doch

wahrscheinlich jene des gestreiften Gnu's (Catoplepas Taurina, Gorgon)

sind. Diese Spuren und die Hoffnung, das Wild selbst beobachten zu

können, ließ uns den Wald willkommen heißen, allein um uns nicht zu sehr

der Freude über den Wechsel im Charakter der Gegend und den damit in

Aussicht gestellten Eroberungen genießen zu lassen, wurde unsere

allgemeine Zufriedenheit schon während der ersten Stunden dieser,

zwischen den wenn auch wenig dicht stehenden Bäumen unbequemen Fahrt

durch den Umstand getrübt, daß wir kein Wasser aufzufinden vermochten.

[Illustration: Koranna.]

Gegen Mittag stießen wir auf einen, den Fußspuren nach zu schließen,

ziemlich betretenen Pfad und hielten in Mitte einer Lichtung Rast. Schon

seit einigen Tagen war mir ein penetranter Fäulnißgeruch aufgefallen,

welcher einer Kiste entströmte, in der ich die erbeuteten und

präparirten Felle untergebracht hatte; es waren im Ganzen zwei schwarze

Gnu-, drei Bläßbock- und zwei Springbockfelle, ferner solche von

Schakalen, Proteles, Springhasen, Scharrthieren, Erdeichhörnchen und

Klippschliefern. Da in der Kiste auch die Hörner der erlegten Thiere

obenauf lagen, so schrieb ich diesen den fatalen Geruch zu; um mich aber

darüber zu beruhigen, machte ich mich daran, die Kiste zu öffnen. Meine

schlimmsten Befürchtungen waren noch weit überholt, alle Mühe und Plage

war verloren, meine Wunden an den Händen schmerzten mich bei dem

Anblicke der aller Haare entblößten, vom Regen aufgeweichten und in

Folge dessen in Fäulniß vergangenen Felle doppelt heftig. Es blieb mir

nichts übrig als die Felle zu opfern und mich mit den Hörnern zu

begnügen, die ich von den Kopfskeletten herabsägen mußte. Während dieser

Arbeit wurden wir durch Gäste überrascht, Batlapinen, die durch den

Rauch des Lagerfeuers angelockt, nicht wenig erstaunt waren, im Walde

Weiße mit einem Wagen zu finden.

Dem Rathe der Batlapinen nachkommend, verfolgten wir den Fußpfad und es

währte nicht lange, so waren wir aus dem Walde heraus auf eine begraste,

stellenweise dicht, doch niedrig bebuschte Ebene gekommen, welche ich

für eine der an Kleinwild reichsten Stellen in Gassibone's Lande halte.

Unter dem Kleinwild war die schmucke, kleine Steinbockgazelle

vorherrschend, doch sahen wir auch drei Springböcke, die sich bald

empfahlen, ohne uns auf Schußweite nahekommen zu lassen, sowie auch zwei

gravitätisch neben einander einherschreitende Sekretäre, welche die

weniger dicht und hochbegrasten Partien aufsuchend, eine Razzia auf

Schlangen und Eidechsen hielten. Unter dem Federwild waren Rebhühner

(meist paarweise) das häufigste Wild. Wir hielten einige 20 Minuten an

der Batlapinen-»Post«, die Frauen waren mit der Herstellung einer neuen

Umzäunung beschäftigt, die sie für ihre Ziegen aus Dornbüschen bereits

halb aufgebaut hatten. Die Männer hatten zwei Hartebeestfelle, die

rauhgar gegerbt waren, mit feuchter Erde überschüttet, um sie noch

weicher und nachgiebiger zu machen und dann daraus eine Carosse

verfertigen zu können.

Da ich in der Folge rasch reisen und mich nirgends länger als

unumgänglich notwendig aufhalten wollte, entschloß ich mich, in der Nähe

des Vaal angelangt, noch einen Tag am Ufer desselben zuzubringen, um zu

fischen. Wir hatten kaum am Lagerplatze Feuer angezündet, als auch schon

aus dem kaum eine halbe englische Meile entfernten Farmhause

(unmittelbar am Flusse gelegen) der Farmer erschien und mir bedeutete,

daß er mir nicht gestatten könne, hier zu übernachten. Ich wäre vom Wege

»abgefahren« und auf dieses Vergehen stünde in der Republik 5 £ St.

Strafe.

Ohne mich in weitere Unterhandlungen einzuladen, traf ich Anstalten zum

Aufbruche. Unser Gefährte F. war noch so glücklich, vor unserer Abfahrt

aus den Fluthen des Vaal einen etwa dreipfündigen Wels herauszufischen,

ein Fang, der in das Menu unserer täglichen Mahlzeiten angenehme

Abwechslung brachte.

Gegen Mitternacht hatten wir Christiana erreicht und gedachten nun, uns

an einer Tasse heißen Thee's zu erwärmen, als wir die Entdeckung

machten, daß wir die Kiste mit dem Kochgeschirr verloren hatten. Mich

traf dieser Verlust sehr empfindlich, denn meine Mittel waren schon

derart zur Neige gegangen, daß sie die Neubeschaffung des notwendigen

Geschirres nicht zuließen. Freund E. half uns aus dieser Verlegenheit.

In Christiana hielten wir uns nur bis zu Mittag des folgenden Tages auf.

Nach einer halbtägigen Fahrt erreichten wir den am Wege erbauten kleinen

Eingebornenkraal, an dem wir, von Gassibone kommend, auf die

Klipdrift-Christiana-Route gestoßen waren. Von hier bis nach den

Diamantenfeldern zu hatte ich eine für mich vollkommen neue Strecke zu

durchreisen. Den interessantesten Theil derselben bildet unstreitig die

mittlere Partie, d. h. das Hebroner Höhennetz.

Der erste Theil der Strecke bis zum Fuße der Höhen ist flach, zeigt

einige der bekannten, doch kleinen, von Wildgänsen (Chenalopes) und

Kranichen aufgesuchten, länger als gewöhnlich mit Wasser gefüllten

Salzpfannen. Der Vaalfluß entfernt sich von uns nach links in einem

weiten Bogen und wir treffen ihn erst nach einem langen Doppelmarsche,

indem wir die Secante zu diesem Kreisabschnitte beschreiben. Das Land

nach links, eine prachtvolle Grasebene (das Land innerhalb des vom

Flusse betriebenen Bogens), gehörte zu der Transvaal-Republik, jenes zu

unserer Rechten, hochbegrast, hie und da von Büschen und kleinen

Niederwald-Complexen bedeckt, Gassibone an; jetzt gehört beides zu der

Transvaal-Colonie. Die Grasebene zu unserer Linken war eine der von den

schon oft erwähnten Knurrhühnern (Otis afra) am dichtesten bevölkerten

Jagdstellen, die ich auf meinen südafrikanischen Wanderungen kennen

gelernt, es rauschte vor uns, neben uns, in der Ferne, auf beiden Seiten

des Weges.

[Illustration: Von der Arbeit heimkehrende Batlapinen.]

Unser Gefährte F. wollte, als er die Trappen so häufig auffliegen sah,

wieder einmal Proben seiner weidmännischen Ausbildung geben und rühmte

sich, mindestens einem halben Dutzend den Garaus zu machen. Doch bald

kehrte er zum traulichen Herde am Wagen heim, traurig mit gesenktem

Kopfe und--ohne Jagdbeute. Sein Gewehr war gut, sein Auge scharf, und

die Rechte sicher wie immer, doch sein Pulver war »krumm« und warf die

Schrote in jeder, nur nicht--wenn auch wohlgezielt--in der

entsprechenden Richtung. Wer hätte auch dagegen ankämpfen können, wenn

Diana neckend die Schrote zerstreute. Freund E. brachte zwei Knurrhühner

und für mich zwei Stück schwarzweiß-gescheckte, unserer ähnlich

gefärbten Art naheverwandte Würger.

[Illustration: Ostersonntag im Vall-River.]

Ich ging mit Gert in das nahe liegende Gehölz Insecten suchen und gewann

einige Bockkäfer, sowie zwei Species der Borkenkäfer (Bostrichidae). Hie

und da stießen wir auf Gnuschädel, ein Beweis, daß alle diese Gegenden

vor kurzer Zeit noch von Gnu's bevölkert waren, während sie sich jetzt

mehr im Innern von Gassibone's Lande aufhalten und sich nach Norden in

die zwischen dem Hart- und Molapo-River liegenden Wildebenen und jene an

der Klipspruit, die freier und gebüschlos sind und daher das

Anschleichen erschweren, zurückgezogen haben.

Von Bloemhof ab fuhren wir parallel mit dem Freistaatufer, das bis gegen

Hebron höher als das rechte ist und an dem zahlreiche Farmen liegen.

Ungefähr 18½ engl. Meilen von Christiana entfernt trafen wir wieder mit

dem Vaalflusse zusammen. Hier stand eine Cantine, in der es wild zuging;

an der Cantine theilt sich der Weg, der eine führt nach Hebron (weiter

stromabwärts) zu, der andere nach einer Ueberfuhr über den Vaal, die

gegenwärtig unter dem Namen Blignauts-Pont bekannt und die häufigst

eingeschlagene Tour von den Diamantenfeldern nach der Transvaal-Republik

bildet; sie ist die kürzeste, billigste und beste. Ich wählte die

längere und beschwerlichere, weil ich die Hebroner Höhen, sowie die

umliegenden verlassenen River-Diggings kennen lernen wollte. Von

Blignauts-Pont bis gegen Delportshope (unweit der Vereinigung des Hart-

und Vaal-Rivers), theils in dem Hauptthale, theils in den einmündenden

Thälern wohnt in kleinen Dörfchen und in einzelnen Gehöften die Mehrzahl

der als englische Unterthanen lebenden Koranna's. Ueberall sahen wir

diese in europäische Kleider und Fetzen gehüllten Gestalten

herumlungernd, oder mit ihren Hunden die Gebüsche durchstreifend,

während die meist nackten Kinder kleine Viehheerden hüteten.

Von der oberwähnten Cantine ab, wurde die Scenerie etwas interessanter,

theilweise schon dadurch, daß wir uns dem Vaalflusse wieder genähert

hatten, an dessen Ufer ein geübtes Auge immer eine Jagdbeute erspähen

kann und ein Forscher reichen Stoff für seine Studien und Sammlungen

findet. Am Fuße der Hebroner Höhen kamen wir an ein theils aus

Eisenblech, theils aus Segeltuch und Holz aufgeführtes Hotel und

Waarenlager--nach dem Vaal-River, der hier zahlreiche Inseln bildet und

eine sehr anziehende Scenerie darbietet »Fourteen Stream« genannt. Von

hier erheben sich die Hebroner Höhen, welche den Vaal bis Delportshope

begleiten und einige Ketten nach Norden, Nordwest und Nordnordost gegen

den Hart-River zu ausstrecken, von denen eine mit dem schon erwähnten

Spitzkopf, andere mit den Höhen um Taung, Mankuruana's Residenz, enden,

und die sich endlich bis gegen Mamusa hinziehen. Diese Höhen sind dicht

bebuscht und mit Bäumen bestanden und über sie führt die Grenze zwischen

Griqualand-West und der Transvaal-Colonie. Sie beginnen etwa acht Meilen

oberhalb Hebron, der früheren Missionsstation, und dem verlassenen

Diamanten-Fundorte. Die Gesteinsformation ist auch hier wieder

Vaalgestein (Grünstein mit mandelartigen Chalcedon-Einschlüssen), mit

zahlreichen Quarzgeschieben und von eisenhaltigem, quarzkörnigem

Thonsand bedeckt. Der Fluß hat sich über die Felsenblöcke Bahn brechen

müssen und bildet Stromschnellen. Einen anziehenden Anblick gewährt die

Scenerie nach Nordost in dem Momente, wenn wir Hebron erreicht haben und

dann nach den eben überschrittenen Höhen und den Fluß aufwärts blicken.

Zugleich breitet sich vor uns ein weites Panorama, das jenseitige

Griqualand-West- und Oranje-Freistaat-Ufer mit einigen den Horizont

begrenzenden Höhenzügen und dem 800 Fuß hohen abgeflachten Plattberg in

der Ferne, mit seinen Flüßchen, Weidegründen und seinen Farmen aus.

So sehr die Landschaft auf der Strecke vom Fourteen-Streams-Hotel bis

Hebron das Auge entzückte, um so schrecklicher war der Weg, den wir zu

überwinden hatten; es war eine wahre Felsenstraße, die von der Natur mit

Blöcken gepflastert worden war. Das Regenwasser hatte die befahrene

Stelle als Abflußrinne benützt, die Blöcke waren theilweise aus- und der

Boden zwischen ihnen abgewaschen worden. Dem Wagen, der in die

bedenklichsten Stellungen kam, drohte auf Schritt und Tritt Verderben.

Daß solch' eine Reise den in den Kisten im Wagen geborgenen, auf der

Reise gesammelten Gegenständen nicht zum Vortheil gereichen konnte, ist

selbstverständlich. Keiner von uns konnte es im Wagen aushalten,

besonders wurde derselbe jedoch herumgeschleudert, als wir die letzten

Höhen nach Hebron zu herabfuhren. Der Abhang war steil und zeigte

mehrere rasche Biegungen, so daß wir alles aufbieten mußten, um den

Wagen mit den Ochsen nicht die Höhe herabrollen zu sehen.

Ziemlich früh am Ostersonntag langten wir in Hebron an. Der Morgen war

kalt, in jeder Beziehung höchst unfreundlich; der Himmel war mit dichten

Wolken bedeckt, die von kalten Südwestwinden getrieben auf ihrer

luftigen Bahn dahinstürmten, es war ein Tag, der das fröhlichste Herz

trübe stimmen konnte. Der Blick auf die Ueberreste (Ruinen ist nicht der

entsprechende Ausdruck dafür, denn das Material, mit dem das noch vor

wenigen Jahren mehr denn 3000 Diamantendigger zählende Hebron so rasch

aufgebaut wurde, war zu nichtig, zu vergänglich, um Ruinen hinterlassen

zu können) dieses früher als Missionsstation wichtigen, dann als

Diamanten-Fundort berühmt und endlich berüchtigt gewordenen und in

diesem Zustande dahingesunkenen Ortes, war kaum geeignet, diese trübe

Stimmung zu verscheuchen. Oede ist die Stätte, um so einsamer und

trauriger an einem kalten, regnerischen Herbstmorgen, denn dann vermag

selbst die schöne Aussicht, die man von dem Orte aus genießen kann und

die uns an warmen, klaren Frühlings- und Sommertagen die Oede der Stelle

vergessen läßt, die Gedanken nicht heiterer zu stimmen; das einstens

belebte Hebron war auf zwei Krämerladen, ein »Hotel«, eine Schmiede, ein

Schlachthaus und ein Gefängniß herabgeschmolzen.

Planlos zerstreute, vom Regen aufgeweichte und »zerfließende« Thonwände

etc. deuteten auf einen bedeutenden Umfang der Niederlassung, deren

Größe uns jedoch dann erst auffiel, als wir die River-Diggings

aufsuchten. Hunderte von seichten Erdgruben zeigten, daß hier Tausende,

Weiße und Farbige, nach dem werthvollsten der Edelsteine gefahndet

hatten. Tausende Tonnen Geröll sind hier mit der bloßen Hand aufgehackt,

herausgeschaufelt und auf das Emsigste durchsucht worden; jeder der

Steine und dort die riesigen Sandhaufen, die aus dem Gerölle durch's

Absieben gewonnen wurden, sind durch emsige Hände gegangen und doch war

hier der Erfolg so gering, daß wohl kaum zwei von den 3000 Diggern

Reichthum erwarben, und der Erfolg von 150-200 anderen unter ihnen so

viel Reingewinn abwarf, daß sie ihre Auslagen hätten decken konnen.

Hebron sank so rasch als es emporgeblüht war, viel rascher als Klipdrift

und andere Diamanten-Fundorte. In den angeschwemmten Geschieben, in

denen die Diamanten gefunden wurden, konnte man deutlich Elemente

nachweisen, die von den umliegenden Höhen, und solche, die weiter aus

stromaufwärts liegenden Gegenden angeschwemmt worden waren. Nebst

massenhaftem Grünstein, in kleinen Fragmenten wie in Blöcken, waren

Quarzstücke als Milch- und Rosenquarz, Quarzit, Porphyr, Quarzitporphyr,

sowie eigenthümlich kuchenartig geformte, länglich-viereckige

Thonschieferstücke von einer gelblichen oder gelblich-grünen Farbe zu

finden, welch' letztere durch eine schwarze Umhüllungskruste, wohl das

Product einer Zersetzung der äußersten Lage, auffielen. An der

Bruchfläche erschienen diese Thonschieferkuchen schön gebändert und

zeigten concentrisch angeordnete, dunkelbraune oder röthliche

Zeichnungen; irriger Weise wurden diese Thonschieferblöcke als

Muttergestein der Diamanten angesehen.

Als ich bei einem der Krämer meine nöthigen Einkäufe besorgt hatte und

meine Barschaft nachzählte, gewahrte ich, daß dieselbe auf 16 Shillinge

herabgeschmolzen war. Mit diesem Gelde mußte ich bis nach den

Diamantenfeldern gelangen. Ich mußte unter solchen Umständen trachten,

so schnell als thunlich Dutoitspan zu erreichen, und da der Fährmann

sich weigerte, uns des hohen Feiertags halber über den Fluß zu bringen,

überdies seine Gehilfen derart betrunken waren, daß wir selbst am

folgenden Tage keine Aussicht hatten über den Vaal zu kommen, entschloß

ich mich nach abgehaltenem Kriegsrath selbst mein Glück zu versuchen und

den Fluß an einer Furth zu übersetzen.

Mein Gefährte F., den ich auf Erkundigung ausgesandt hatte, kam bald mit

der freudigen Nachricht zurück, eine sehr praktikable Furth gefunden zu

haben. Wir waren bald darauf an der zwei Meilen stromabwärts

befindlichen Stelle angelangt.

So einladend zur Rast die dicht bewachsenen Ufer auch waren, mein ganzes

Sinnen und Trachten war auf die glückliche Durchfahrt durch den

reißenden Fluß gerichtet. Aus dem Geäste der Bäume lockte so mancher

schöne Vogel, doch vergeblich, denn meine Hände waren von kleinen Wunden

wie besäet und schmerzten mich auf's Aeußerste, seitdem mich noch ein

Scorpion gestochen hatte; das Gift des Arsenikpräparats und des

Scorpion's vereinigten sich zu doppelter Wirkung.

Die Strahlen der scheidenden Sonne versprachen eine glückliche

Ueberfahrt, doch sie zeigten sich trügerisch, der Fluß war wohl seicht,

aber die Strömung so stark und das Bett des Flusses derart von

Felsblöcken besäet, daß die Thiere sich entsetzlich abgemüht, bevor wir

noch das erste Drittel der Flußbreite erreicht hatten, auch hatte die

Strömung uns sichtlich von der Furth abwärts getrieben. Unsere Situation

war sehr kritisch.

Trotz alles Antreibens und Schreiens von Seite der farbigen Diener

konnten die Thiere nicht mehr von der Stelle und von der Strömung

bedrängt, begannen sie sich zu bäumen, an den Jochen und dem Ziehtaue zu

zerren, dabei sanken die vorderen Zugthiere immer tiefer ein und waren

in Gefahr zu ersaufen. Da war rasches Handeln nöthig, und obgleich ich

mit meinen wunden, verbundenen Händen nicht viel ausrichten konnte, so

sprang ich sofort von F. gefolgt in's Wasser. Doch allen unseren

vereinten Anstrengungen wollte es nicht gelingen, Thiere und Wagen aus

der gefährlichen Situation zu befreien, es blieb uns nichts übrig, als

die Thiere auszuspannen und mit unendlicher Mühe an das jenseitige Ufer

zu bringen, sodann aus dem Wagen die Kisten mit dem heiklichsten Theile

der Sammlungen hinüber zu transportiren und den Wagen im Flusse stehen

zu lassen, bis Hilfe nahte. Ueber dieser anstrengenden Beschäftigung,

während welcher ich auf den einzelnen Gängen zum Wagen zuletzt erliegen

zu müssen glaubte, senkte die Nacht ihre dunklen Fittiche auf die Scene

herab.

Es war eine traurige Nacht, die mich in steter Aufregung über das

Schicksal unseres Wagens erhielt. Endlich dämmerte es im Osten und aus

der Ferne vornahmen wir am jenseitigen Ufer Peitschengeknalle,--die

ersehnte Hilfe nahte. Es waren vier je mit 6-8 Ochsenpaaren bespannte,

von Koranna's geleitete Wägen. Ohne weiteren Aufenthalt gelangten

dieselben an unser Ufer und gegen eine Entschädigung von 10 Shillingen

willigten die Fuhrleute ein, unseren Wagen aus dem Flusse

herauszubringen, was denn auch bald geschehen war.

Wir fuhren noch am selben Tage bis River-Town, einem der früher

berühmten Diamanten-Fundorte, von welchem aus die Uferhöhen als

Fortsetzung der Hebroner Höhen sich zu entwickeln beginnen. Der Fluß

wird hier von mehreren Felsenriffen und riesigen Felsenblöcken

durchsetzt, von welch' letzteren, einige jener Gravirungen von Thieren

und Gestirnen (Säugethieren, Schildkröten, Schlangen, Sonne etc.)

zeigen, mit denen sich die Buschmänner in Süd-Afrika unsterblich gemacht

haben. Auch an einer der nahe anliegenden Höhen finden sich ähnliche

Producte dieses Volksstammes, auf den und auf dessen Zeichnungen etc.

ich bei meiner Rückreise durch die Colonie noch zurückkommen werde.

River-Town war in einem ziemlich großen Umfange ausgemessen worden, ist

aber, bevor noch die in Zelten Wohnenden ihre Mühe in den

Diamantengruben gelohnt fanden und zum Baue stabiler Wohnungen schreiten

konnten, von anderen Orten überflügelt worden, so daß wir nur zwei

Familien noch diggend am Ufer des Vaalflusses antrafen; ein geräumiges

Hotel und eine Segeltuchcantine waren die letzten Ueberbleibsel von

River-Towns früherer Glanzperiode. Ich blieb in River-Town über Nacht

und reiste erst am Nachmittage ab, da ich in den tiefen »Claims« einige

interessante quarzhaltige Mineralien und so manche Coleoptera-Species an

den Abhängen sammeln konnte.

Am nächsten Tage hatten wir einen so beschwerlichen Marsch, daß wir erst

am folgenden in den Diamantenfeldern anlangten. Die Strecke beträgt 15

englische Meilen, allein der bei weitem größte Theil davon wird durch

tiefsandige Flächen, eines der größten Hindernisse auf südafrikanischen

Reisen, gebildet. Die Ebenen zeigten kaum nennenswerthe, wellenförmige

Erhebungen, der stark quarz- und eisenhaltige Sand war mit hohem,

büschelförmig wucherndem Gras bewachsen. Stellenweise fand ich eine

kleine, kaum 2 Fuß hohe, mimosenartige Pflanze, welche große braune, mit

2-5 Körnern gefüllte Schoten trug. An Wild beobachteten wir in dem

gruppenweise stehenden Niedergebüsch Deuker und Steinbockgazellen,

Hasen, Tauben, Knurrhühner und Trappen; nach den vielen Löchern zu

urtheilen, mußte es hier zahlreiche Erdthiere geben. Auch war die

Ausbeute an Käfern trotz der Einförmigkeit der Gegend und der Vegetation

eine recht lohnende.

[Illustration: Aus den Diamantenfeldern heimkehrende Basutos begegnen

dahinwandernden.]

Am dritten Tage nach jener trüben am Vaalflusse verlebten Nacht traf ich

wieder in Dutoitspan ein. Obgleich ich mich auf das Möglichste

eingeschränkt hatte, betrugen die Auslagen auf dieser ersten

Versuchsreise doch mehr denn 4000 fl. Ich hatte durch meine

zweimonatliche Abwesenheit die Hälfte meiner Patienten eingebüßt, und

von jenen Familien, die in der Zwischenzeit nicht zu anderen Aerzten

Zuflucht genommen, hatte die Mehrzahl--meist holländische Farmer--die

Diamantenfelder verlassen, um sich im Freistaate anzusiedeln. Durch die

Behandlung einiger schwieriger Fälle konnte ich mir nach einiger Zeit

das verlorene Terrain zurückerobern und so war es mir möglich, K. sein

Darlehen zurückzuzahlen, der bald nach unserer Rückreise Dutoitspan

verließ, um sich in der Colonie niederzulassen.

Den Zweck und das eigentliche Ziel meiner ersten Reise, einen Ueberblick

über die Art und Weise des Reisens, Einsicht in den landschaftlichen

Charakter der zu durchreisenden Gegenden, Einblick in das häusliche

Leben der Eingebornen und holländischen Farmer, einige Erfahrung über

ihr Betragen zu Fremden u.s.w., hatte ich glücklicher Weise erreicht.

Durch die Reise in der Spätsommerzeit und bei so unfreundlicher,

regnerischer und stürmischer Witterung glaubte ich mich ziemlich

acclimatisirt zu haben. Obgleich ich durch die häufigen Regengüsse

einige der auf dieser Reise gesammelten werthvollsten Gegenstände,

darunter die mühevoll präparirten Gnufelle etc., eine Unzahl von

Vogelbälgen, getrocknete Pflanzen etc., eingebüßt hatte, brachte ich 30

_anatomische Präparate_, etwa 1500 _getrocknete Pflanzen_, 1 Kiste mit

_Mammaliafellen_, 2 Kistchen _Vogelbälge_, über 200 _Reptilien_, einige

_Fische_, 3000 _Insecten_, einige _Fossilien_ und 300 _Mineralien_ mit,

ungerechnet die zahlreichen Duplicate bei letzteren, die ich namentlich

aus den Diamantenfeldern am Vaal (River-Diggings) mitnahm, um daheim

Museen und Schulen damit zu beschenken. Daß ich auf dieser Versuchsreise

Manches gelernt hatte, versteht sich von selbst; ich sah namentlich ein,

daß, um die sich oft weit verlaufenden Zugthiere rasch aufzufinden und

zurückzubringen, um eine interessant erscheinende, rechts oder links in

der Entfernung sichtbare oder aus diesem oder jenem Grunde von den

Eingebornen als anziehend bezeichnete Oertlichkeit näher zu untersuchen,

ohne den Wagen aufhalten zu müssen, um nach Wasser in wasserlosen

Gegenden zu fahnden, ohne erst mit dem Wagen planlos herumzuwandern oder

sich zu Fuße halbtodt zu laufen und sich zu verirren, doch auch, um sich

des Wildes leichter zu bemächtigen, ein Reitpferd unumgänglich

nothwendig sei; auch war es mir klar, daß ich besserer Waffen bedürfe.

Bezüglich meiner Gefährten machte ich die Erfahrung, daß E. auch für die

nächste Reise mir willkommen sein würde, als Freund und Rathgeber in

manchem kritischen Momente und herzlich gerne bereit, mir in allen

schwereren Arbeiten nach Kräften beizustehen. Durch die reichen

Erfahrungen auf seinen früheren Reisen in Amerika und Nord-Afrika, sowie

durch die Erzählungen interessanter Episoden aus jener bewegten Zeit war

er mir ein äußerst angenehmer Reisegefährte geworden.

Wir blieben die ganze Zeit meines siebenjährigen Aufenthaltes in

Süd-Afrika treue Freunde und sind es bis zur Stunde. Von F. kann ich

leider nicht dasselbe sagen, ein 17jähriger, unerfahrener Jüngling, war

er nur gewöhnt, das Leben von der leichtesten Seite aufzufassen--er

hatte wohl Mitleid mit jedem Geschöpfe das in Nöthen war, er nahm stets

einen guten Anlauf, doch dieser gute Wille war nicht von langer Dauer

etc. etc.--trotz Allem war ich ihm dankbar für Alles, was er auf der

Reise für mich gethan und wofür ich ihm hiermit nochmals danke.

Freund E. ging wieder an das Diamantendiggen, um nochmals sein Glück zu

versuchen, K. nahm auch sein Geschäft wieder auf und F. vermietete sich

als Ladendiener, eine Beschäftigung, bei welcher er, wahrscheinlich um

die Mannigfaltigkeit des menschlichen Charakters kennen zu lernen, vier-

bis sechswöchentlich seinen Principal wechselte.

Als ich die Diamantenfelder verließ, um mich auf diese erste Reise zu

begeben, hatte ich mein kleines Zelthäuschen, dem Gerichtsgebäude

gegenüber, in Miethe behalten und zog wieder in dasselbe ein; der Wagen

wurde hinter das Häuschen geschoben, und die Zugthiere sofort verkauft,

um mit dem Erlöse die zweimonatliche Miethe von 10 £ St. und je 3 £ St.

für die Diener zu begleichen, sowie einiges Baargeld in der Hand zu

haben, da ich von allen Mitteln entblößt nach den Diamantenfeldern

zurückgekehrt war.

Obgleich nur von sechsmonatlicher Dauer--war doch dieser Aufenthalt eine

sehr bewegte Zeit für mich. Es gibt wenige Orte der Erde, wo der Arzt

nicht allein als solcher, sondern auch als Freund seiner Patienten

angesehen und angesprochen wird, und so ist es ihm ermöglicht,

interessante psychologische Studien zu machen; die Beschränktheit der

Räumlichkeiten, namentlich in der ersten Periode der Diamantenfelder, in

denen die Kranken wohnen mußten--selbst bei Wohlhabenden oft eine

zahlreiche Familie in einem Zelte--macht es ihm möglich, nolens volens

das häusliche Glück, die edlen, schönen Seiten des häuslichen Lebens,

doch leider auch manch' trübe und traurige, manch' herzerschütternde

Scene zu beobachten. Und aus dem Arzte mußte der Rathgeber, aus dem

Arzte mußte der Fürsprecher werden, zuweilen sah er sich selbst zu

Zurechtweisungen veranlaßt, wenn es auch oft allen Muth erforderte--mehr

Muth als im Kampfe mit einem wilden Thiere, an ein in Jahren

vorgeschrittenes, an ein graues Haupt mahnende, warnende Worte richten

zu müssen.--Was ich während meines Aufenthaltes in den Diamantenfeldern

erlebt und beobachtet, hätte mir die reichste Praxis in dem

hundertthürmigen Prag nicht im vierfachen Zeitraume bieten können.

Ein eigentümlicher Fall verhalf mir wieder zum großen Theile zu meiner

ehemaligen Praxis. Eines Morgens, etwa um 5 Uhr wurde ich--wie es sich

später herausstellte irriger Weise statt eines anderen Arztes--zu einem

Unglücklichen gerufen, der sich im Delirium tremens die Kehle

durchschnitten hatte. Meine Verlegenheit in diesem Falle war keine

geringe, da der größte Theil meiner chirurgischen Instrumente auf der

Reise in Folge ihrer Verwendung zu nichts weniger denn chirurgischen

Operationen, zerbrochen oder unbrauchbar war. Doch zum Ueberlegen war

keine Zeit, der Mann drohte zu verbluten, und so lief ich mit dem Boten

um die Wette.

Ich fand einen ältlichen Mann in seinem Blute liegend mit einer

klaffenden, 13 Zentimeter langen Halswunde, die er sich mit einem

Rasirmesser beigebracht hatte. Nach den zwei Schnitten hatte der Mann

noch dreimal in die so entstandene klaffende Wunde das Messer angesetzt,

so daß der Kehlkopf im Ganzen fünf Schnitte zeigte.[1] Meinen

aufopfernden Bemühungen und meiner Pflege gelang es aber zu meiner

größten Befriedigung den Mann dennoch zu retten, trotzdem er nach den

ersten drei Tagen in einem Deliriumsanfalle sich den Nothverband

herabgerissen hatte.

1: Siehe Anhang 10.

Da sich meine Patienten englischer Nationalität mehrten, sah ich mich

nun genöthigt, mich mit Eifer auf das Studium der englischen Sprache zu

werfen. Ein Drittel meiner Kunden waren Deutsche, ein Drittel machten

die Holländer aus, ein Viertel der Patienten waren Engländer und den

Rest bildeten Eingeborne, Halfcasts aus der Colonie, Koranna's Fingo's,

Basuto's und Zulu's. Die Medicamente für meine Kranken bezog ich aus der

Apotheke eines Engländers, mit Namen Anthony Davison, dem ich auch

seiner prompten Bedienung wegen, während meines Gesammtaufenthaltes in

den Diamantenfeldern treu geblieben bin.

Die Basuto-, die Zulu- und die Transvaal-Betschuanastämme stellten

damals das größte Kontingent zu den Tausenden der in den

Diamantenfeldern sich als Diener verdingenden Schwarzen. Sie bekamen 7

Sh. 6 P. bis 10 Sh. per Woche und die meisten blieben nur sechs Monate

in den Feldern, um, nachdem sie um 3 Sh. bis 4 £ St. ein Gewehr, dann um

15 Sh. fünf Pfund Schießpulver, etwas Blei und Kapseln, sowie eine oder

zwei Wolldecken, oder einen Hut etc. erstanden hatten, heimzukehren und

sich daheim eine Lebensgefährtin zu kaufen. Jeder der Diener war seinem

Herrn durch einen, von einem eigens dazu angestellten Beamten

ausgefüllten Schein zum Dienste verpflichtet, den er bei jedesmaligem

Platzwechsel erneuern mußte, und ohne den angetroffen, er einer Strafe

verfallen war. Hatte er sich gut betragen und wollte er heimgehen, so

gab ihm sein Herr auf Ansuchen einen Zettel an die Magistratsbehörde,

von der dann für den Diener ein Waffenschein ausgestellt, d.h. ihm die

Erlaubniß ertheilt wurde, sich ein Gewehr zu kaufen. Auf diese Weise

hatten sich Tausende von den sowohl in der Kolonie als in ihren eigenen,

unabhängigen Staaten wohnenden Eingebornen Schießwaffen verschafft.

Ich erwähnte der Basuto's unter den obigen Stämmen. In den Jahren 1872

und 1873 bildeten sie wohl als Diener das größte Contingent unter ihren

dunkelhäutigen Stammesverwandten. Es sei mir gestattet, ihnen hier

einige Worte zu widmen, um so das allgemeine Bild der Bantufamilie zu

vervollständigen. Ich unterscheide in Süd-Afrika drei Eingebornenracen,

die Buschmänner, die Hottentotten und die Bantu's. Zu der ersteren

gehören die eigentlichen Buschmänner, zu der zweiten die eigentlichen

Hottentotten, die Griqua's und die Koranna's, zu der dritten die

Colonial-Kaffern, die Zulu's, Basuto's, Betschuana's, Makalaka's etc.,

mehr als 40 Stämme, doch kennen wir auch Uebergangsformen, wie zwischen

den Buschmännern und den Bantu etc. Obgleich es dieser Stoff verdienen

würde, gründlich behandelt zu werden, habe ich weder Raum noch Zeit, es

hier zu thun.[1] Von den obgenannten Familien hatten wir bisher

theilweise die Koranna und zwei Stämme der Batlapinen kennen gelernt.

Die Basuto's (ihre Sprache heißt »Sesuto«) wohnen zum größten Theile an

dem Cornetspruit und am Caledon-River, zwischen diesen und den

Dracken-Bergen, also auf einem Gebiete, das vom Freistaat, vom Capland,

Normansland und Natal begrenzt wird. Sie leben unter englischer

Oberhoheit und dies seit ihrem Kriege mit dem Oranje-Freistaat, während

ein zweites Bantuvolk, die südlichen Barolongen, als ihre westlichen

Nachbarn, Unterthanen der Oranje-Republik sind.

1: Während meines Aufenthaltes in London im Jänner bis März 1880 von

der Anthropological Institute of Great Britain and Ireland

aufgefordert, über diesen Gegenstand zu sprechen, behandelte ich

dieses Thema in einem speciellen Vortrage.

Unter allen Bantustämmen haben es die Basuto's in Bezug auf den Ackerbau

am weitesten gebracht. Ihnen zunächst stehen die Baharutse im

Maricodistrict der Transvaal-Colonie, deren ich auf meiner zweiten Reise

gedenken werde. Hunderttausende Centner Getreide werden in dem kleinen

Ländchen in guten Jahren producirt und man muß zugeben, daß diese Stämme

jährlich an Wohlhabenheit zunehmen. Sie besitzen auch große Heerden von

Pferden und Rindern.

Als sich letzthin der südlichste der Basutohäuptlinge, der allerlei

unruhige Elemente, weggelaufene Diener, Diebe, aus dem letzten

Kaffernkriege flüchtige Gaika's und Galeka's etc. bei sich aufnahm,

gegen die Engländer erhob und den Krieg mit Diebstahl eröffnete, waren

es die übrigen Basuto's, die freiwillig 2000 bewaffnete Reiter in's Feld

stellten, um den Engländern beizustehen. In der Bauart ihrer Hütten und

in den übrigen Arbeiten kommen sie bis auf wenige unbedeutende

Abweichungen den Betschuana's gleich, und nehmen in der eigenen

Industrie etwa die Mittelrolle unter den Bantuvölkern ein. Eines der

wichtigsten Unterscheidungsmerkmale ihrer Industrie von jener der

übrigen Bantustämme ist, daß sie aus Holz geschnitzte Fetische

(Götzenbilder) verfertigen und diese meist roth und schwarz tünchen.

Thaba Bosigo ist der bedeutendste Kraal (Stadt) des Landes und Thaba

Unschu jener des von den Barolongen im Freistaate bewohnten Striches.

Gegen Norden sind die Basuto's bis an die Vereinigung des Tschobe und

Zambesi vorgedrungen.

[Illustration]

_Zweite Reise in das Innere von Süd-Afrika_

Nach Musemanjana--Moschaneng--Molopolole--Schoschong--und Rückkehr über

Linokana nach den Diamantenfeldern.

[Illustration]

Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster Band. Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879). · 第 21 / 37 题