IV.

Von Dutoitspan nach Lekatlong.

Meine Reisebegleiter.--Schwierigkeit der Beschaffung geeigneter

Zugthiere.--Aufbruch aus den Diamantenfeldern.--Trostloser Zustand der

Wege.--Südafrikanischer Vorspann.--Old de boers-Farm.--Bismark's

Retreat.--Der Vaal-River und sein Thal.--Ein Besuch im Korannadorfe

bei Pniel.--Bauart der Korannahütten.--Sociale Zustände

unter den Koranna's.--Vorschläge und Mittel zur Besserung

derselben.--Freimaurerthum unter den Koranna's.--Ein gefährlicher

Nachtmarsch zum Vaal-River.--Klipdrift.--Racenunterschiede zwischen

Koranna's und Betschuana's.--Das Innere der Korannahütten.--Die

River-Diggings am Vaal.--Die Fauna des Vaal-Thales.--Eine

Krankenordination in Klipdrift.--Gong-Gong, Waldeks-Plant und der

Fly-Diamond.--Eine desolate Strasse.--Die Holitzer Schlucht.--Die _Cobra

capella_ und ihre Gefährlichkeit.--Ringhalsschlangen.--Im Schlamme des

Vaal River Versunken.--Ankunft in Lekatlong.

Meine Vorbereitungen waren beendet, die Ausrüstung besorgt; es blieb mir

nur noch die für Reisen in Afrika wichtige und folgenschwere Wahl meiner

Begleitung zu treffen. Von der Idee, mich blos mit eingebornen Dienern

zu umgeben, kam ich bald ab und entschied mich in Begleitung von Weißen

zu reisen. Meine Wahl fiel auf jene beiden jungen Männer, deren ich eben

vorher auf meinem Ausflüge nach dem Freistaate erwähnte und als dritten

Gefährten lud ich Herrn Friedrich Eberwald aus Thüringen ein, einen

biederen Charakter, der später einer meiner herzlichsten Freunde wurde

und mir auch auf der zweiten Reise treu zur Seite stand. Ein

unwiderstehlicher Drang, fremde Länder mit eigenen Augen zu schauen,

hatte ihn, nachdem er einen großen Theil von Europa, Kleinasien, Nord-

und Südamerika gesehen, nach den Diamantenfeldern geführt, um hier sein

Glück als Diamantengräber zu versuchen, doch war ihm dieses nicht

besonders günstig. (Ich kam auch nach meiner letzten Reise mit ihm

zusammen und bat ihn, mit mir nach Europa zurückzukehren, doch

vergebens.)

Vor meiner Abreise galt es noch, jedem meiner Begleiter sein specielles

Arbeitsressort zu bestimmen; mein Freund Eberwald legte sich die

freiwillige Pflicht auf, uns, so weit es mit dem Schrotgewehr anging,

mit Wildgeflügel zu versorgen und über den Wagen zu wachen. K., der

zweite meiner Gefährten nahm die Küche auf sich, während der dritte, F.,

mir im Jagen und Sammeln behilflich sein sollte. Diesen letzteren hoffte

ich mir zu einem steten Begleiter für künftige Reisen heranzubilden.

Meine Mühe scheiterte jedoch an seinem ganzen Wesen; nicht nur, daß er

sich gänzlich unfähig zeigte, er war auch böswillig und blieb

verstockt--und obwohl ich mich von seinem Charakter bereits auf der

ersten Reise überzeugt hatte, ließ ich mich verleiten, ihn auf der

zweiten Reise mit mir zu nehmen, auf welcher er alle meine Geduld mit

schwärzestem Undank lohnen sollte.

Der Zweck der ersten Reise war, mich durch einen mehrwöchentlichen

Aufenthalt im Freien dem afrikanischen Klima anzupassen, einen Begriff

vom Reisen im Innern zu gewinnen und namentlich durch eine solche

Versuchsreise den Umfang der Ausrüstung für eine größere Forschungsreise

nach dem Innern kennen zu lernen. Die endlich zur Abreise anberaumte

Frist war schon verflossen, allein mein Wagen konnte sich noch immer

nicht von der Stelle rühren. Man rieth mir, Ochsen als Gespann zu

wählen, ich jedoch dachte einen Versuch mit jenen stillen,

selbstzufriedenen Geschöpfen zu wagen, welche schon im grauen Alterthume

durch mehrere ihres Gleichen, wie jenen, der durch Bileam's

»Dressursinn« sprechen lernte, hochgeehrt waren und in dieser Absicht

durch die Behauptung der Eingebornen bestärkt, daß die südafrikanische

Race »tsetsefest« sei. Ich fand unter meinen Patienten einen im Besitze

von zwölf solchen Stilldenkern und schloß den Kauf ab, 3 £ St. per

Stück. Als jedoch der Tag der Abreise kam und wir auf den Farmer

warteten, erschien er nicht, auch nicht den folgenden, sondern erst den

dritten Tag und nun erst mit der traurigen Nachricht, daß sich seine

zwölf »Grubh« in ihrem Wissensdrang nach neuen (newe d.h. frisch)

Kräutern und Gras verlaufen hätten. »Vergebens habe ich sie überall

gesucht und, heute heimgekehrt vernommen, daß sie etwa 30 Meilen von

hier in der »Pound« seien.« To keep in Pound heißt das Recht,

aufsichtslose Hausthiere, vom Pferde bis zur Ziege, wenn diese von dem

Besitzer einer Farm auf seinem Grund und Boden angetroffen und von

diesem an dazu gesetzlich bestimmte Stellen, d.h. Farmen, abgeliefert

wurden--auf einen Monat zu behalten und zu überwachen. Eine solche Farm

heißt eine Pound, der dazu gesetzlich bestimmte Farmer ist ein

Poundmaster. Werden die so eingebrachten Thiere, die in den

Districtsblättern genau beschrieben werden, nicht binnen vier Wochen

(vom Tage des Einfangens) von ihrem rechtmäßigen Besitzer gegen

Entrichtung eines verhältnißmäßig geringen Betrages ausgelöst und

abgeholt, so werden sie in einer öffentlichen Auktion, die vom

Poundmaster gehalten und in den Districtsblättern annoncirt wird,

feilgeboten. Der Ertrag kommt dem Staatssäckel zu Gute.

[Illustration: Vorspann in Süd-Afrika.]

Es blieb mir nun nichts übrig, als mich nach einem behörnten Gespann

umzusehen, machte hierbei jedoch die Erfahrung, daß es unmöglich war,

sofort gute Zugthiere zu erlangen und ich hätte einige Wochen auf solche

warten müssen. Dies war noch schlechter, es blieb mir also keine andere

Wahl, als mich mit Pferden zu versehen, trotzdem der Preis eines

Pferdegespanns das Zweifache eines Ochsengespanns betrug und es

angesichts des herannahenden ersten Reifes, zu welcher Zeit eine

bösartige Pneumonie in Süd-Afrika alljährlich Hunderte von Pferden

vernichtet, sehr gewagt war, Pferde zu nehmen. Da F. prahlte, ein

geübter Rosselenker zu sein, nahm ich mir vor, ihm nicht allein das

Lenken des Gespanns, sondern auch dessen Ankauf zu übergeben. Allein der

Preis, den man für die Pferde forderte, überstieg meine Berechnungen und

ich wäre gezwungen gewesen, meine Reise doch noch aufzugeben, wenn mir

nicht mein Gefährte K. mit der nöthigen Summe ausgeholfen hätte.

[Illustration: Korannagehöfte im Hart-Riverthale.]

So schieden wir denn--vier Weiße mit fünf Pferden und fünf Hunden auf

einige Wochen aus der staubigen Atmosphäre der Diamantenfelder. Ich

wollte mich direct nach Klipdrift begeben und im Thale des Vaalflusses

abwärts bis zu der Mündung des Hart-River, sodann im Thale des

Hart-Rivers nach Nordost vordringen, um einige der Batlapinenstämme

kennen zu lernen und nachdem ich diesen Zweck erreicht, in mein neues

Heim zurückkehren. Der mir berichtete schlechte Zustand der einzigen

Straße nach Klipdrift und mein Sammeleifer bewogen mich, querfeldein

über die bebuschte Ebene zu reisen. Wir schlugen daher eine nordöstliche

Richtung nach der Riet-Farm, einer der von allen Seiten die

Diamantenfelder umgebenden Pounds, ein. Diese ist wie die meisten der

übrigen, ein höchst unbeholfen aussehendes, viereckiges Farmhaus, an das

ein ebenso einfacher Wagenschuppen angebaut war; ein aus Dornbüschen

gebildeter Kraal für die eigenen und eingefangenen Thiere zur Linken war

Alles, was von der einst blühenden und durch die Entdeckung der

Diamantenfelder im Werthe so hoch gestiegenen Farm übrig geblieben war.

Nicht ein Stückchen Garten war zu sehen; unsere Aufmerksamkeit erregten

nur zwölf gezähmte, junge Strauße, welche den sie beaufsichtigenden

Korannajungen willig folgten.[1]

1: In den letzten Jahren hat sich die Straußenzucht in Süd-Afrika so

bedeutend gehoben, daß man gegenwärtig wohl über 100.000 Strauße in

den Colonien hält.

Auch in der eben eingeschlagenen Richtung zeigte sich der Boden derart

aufgeweicht, daß kaum an ein Fortkommen zu denken war; wir schlugen

deshalb die Richtung nach Westen gegen die Old de boers-Farm zu, ein.

Neues Mißgeschick! Auch hier stand das Land unter Wasser, nur ein

schmaler Streifen am Fuße eines, einen künstlichen Teich umsäumenden

Dammes schien passirbar; nahe gekommen, fanden wir selbst diesen Engpaß

morastig. Mit vereinten Kräften gelang es, das Gefährt bis zur Mitte des

Weges zu bringen, hier aber versanken die Räder bis zur Achse im

morastigen Grunde und alle weiteren Anstrengungen waren nutzlos. Selbst

als eine diese Strecke passirende Frau uns das Gespann ihres Karrens zur

Hilfeleistung überließ, konnten wir keinen Erfolg erzielen. Ermüdet

gaben wir jeden weiteren Versuch auf.

Auf einer etwa 50 Schritte vom Wagen entfernten freieren, aber leider

nassen Sandstelle, breiteten wir unsere Decken aus und schlugen unser

Nachtlager auf. Von Schlaf war keine Rede, ein leiser Regen, ein kalter

durchdringender Wind und unzählige Mosquito's hielten uns die ganze

Nacht wach. Wie es aber so oft geschieht, daß man über das Unglück eines

Armen, trotz der eigenen erlittenen Unfälle noch lacht und spöttelt, so

geschah es am Morgen des nächsten Tages dem armen F., als wir sein

Antlitz von vielen Insectenstichen verunstaltet sahen. Das Gesicht

stellte eine einzige dunkelrothe mit zwei feuerrothen Wülsten (den

Lippen) geschmückte Kugelfläche vor, an der man von der Nase nicht viel,

statt der Augen blos zwei Spalten bemerkte.

Eine sehr schwache Lösung von Salmiakgeist brachte Linderung und zu

Mittag war er bereits wohlauf. Vier prächtige Ochsen und zwei Diener aus

der nahen Farm, deren Besitzer uns schon tagsvorher Hilfe zugesagt

hatte, stellten sich gegen Mittag beim Wagen ein und bald war derselbe

aus dem »Modder« befreit. Kaum dieser Misère glücklich entronnen, fing

der Himmel durch ein von Westen heranziehendes Gewitter sich zu

verdunkeln an und wir mußten eilen, um noch vor dem Sturme die nahe Old

de boers-Farm zu erreichen. Als wir eben die steinige Farmhöhe

hinanfuhren, da brach das Ungewitter über uns herein und bald darauf

begegnete uns schon ein gelblicher Strom, der von der Ebene

herabfließend, den Weg als Abflußgraben benützte, und uns zum Stillstand

nöthigte. Der kaum halbstündige, heftige Gewitterregen hatte den Weg so

tief versandet, daß wir nun wieder verurtheilt waren, den Wagen aus dem

Sande förmlich herauszugraben. In der Farm endlich angelangt, waren wir

froh, für die kommende Nacht Ruhe und ein schützendes Dach finden zu

können. Ich gewann jedoch auch die Ueberzeugung, daß wir von der

Fortsetzung des bisher eingeschlagenen Weges absehen mußten und

beschloß, die Pferde nach Kimberley zurückzusenden und sie gegen

kräftige Maulesel umzutauschen. Der Tausch kam indessen nicht zu Stande

und so waren wir genöthigt, auf dem morastigen Wege nach Klipdrift

weiter zu reisen. Die Abwesenheit des Farmers, von dem ich zwei

Ochsengespanne zu erhalten hoffte, nöthigte uns noch zu weiterem

Aufenthalte, den wir durch einen Jagdausflug ausfüllten.

Unter der Beute dieses Jagdausfluges fanden sich auch zwei Exemplare

jenes schon von Livingstone beschriebenen, südafrikanischen

Riesenfrosches »Motla metlo«, die ich meiner Sammlung einverleibte.

Diese Thiere verbringen die Zeit der Dürre in einer Art Halbschlummer

unter der Erde, meist in verlassenen Erdlöchern, und kommen nur nach

heftigen Regengüssen zum Vorschein.

Nachdem wir noch unsere Vorräthe auf der Farm ergänzt, brachen wir auf;

es war dunkle Nacht geworden, als wir die einige Meilen nordwärts

gelegene Bredekam's Farm und das in der Nähe derselben befindliche Hotel

erreichten. Auch diese Farm, obwohl sie einem Manne angehörte, der in

den Diamantenfeldern reich geworden, war blos ein dürftiger, zur Noth

seiner Bestimmung entsprechender Bau. Das Hotel bestand aus zwei mit

Eisenblech gedeckten Segeltuchhäusern; es war von einem Deutschen

gehalten, von dem es »Bismarck's Retreat« (Erholungsplätzchen) genannt

wurde. Trotzdem, daß derselbe dieser Stelle Berühmtheit und sich selbst

ein gutes Stück Geld erwerben wollte, und deshalb mit Wort und Inserat

einige der vielen, Süd-Afrika charakterisirenden, salzhaltigen Quellen

als eminente Heilquellen ausposaunte, war es ihm nicht vergönnt, aus

Bismarck's Retreat ein Eldorado zu schaffen.

Nach mancherlei unangenehmen Zwischenfällen erreichten wir endlich die

Höhen, welche von Hebron ab das Ufer des Vaal-River säumen, und

begrüßten hocherfreut und aufathmend das uns entgegenschimmernde Grün

des Thales; bald weidete sich unser Auge am Anblicke des in ziemlicher

Fülle hingleitenden Stromes, an dessen südlichem Ufer wir die

zerstreuten Häuschen der Berliner Missionsstation Pniel und ein kleines

Korannadorf erblickten.

Von den Pnielhöhen herabfahrend, passirten wir am Wege die Ruinen eines

Missionsgebäudes, in dem ein Korannaschmied mit seinem aus Schafhäuten

verfertigten Blasebalg den zahlreichen hier nistenden grauen

Fledermäusen Gesellschaft leistete. Wir machten nahe am Vaalflusse Halt,

und während meine Begleiter Anstalten zur Bereitung des Mittagsmahles

trafen, nahm ich das Gewehr, um die Gegend zu durchstreifen. Im Bette

einer ausgetrockneten Regenschlucht, die hier in den Vaalfluß

einmündete, beobachtete ich zahlreiche Spuren von Wasserleguanen und

Fischottern, und erlegte nebst mehreren Mäusevögeln und Turteltauben

einige große Regenpfeifer, welche mich mit ihrem lauten Tip-Tip

angelockt hatten. Der Vaal, der bedeutendste Nebenfluß des Oranje, ist

an dieser Stelle, wo ihn der von Kimberley nach Klipdrift Reisende

zuerst trifft, etwa 100 Schritte breit, sehr schlammig und durch seine

unzähligen Stromschnellen charakterisirt, welche von einander durch

tiefe schlammige Stellen geschieden sind und an welch' letzteren der

Fluß eine fast gleichmäßige bis 200 Schritt messende Breite zeigt. Seine

Ufer sind gleichfalls auf weite Strecken hin schlammig, und dadurch

unnahbar; Hausthiere können nur an den in den Fluß reichenden

Felsenbänken oder an den Stromschnellen zur Tränke geführt werden;

durstige fremde Thiere, die hier ausgespannt und nicht gut bewacht zum

Wasser hinabeilen, büßen einen solchen Versuch meist mit dem Leben.

Ein Besuch im Korannadorfe bot uns einen trostlosen Anblick und gab mir

die Ueberzeugung, daß bei keinem anderen Eingebornenstamm, etwa mit

Ausnahme der Matabele, die Missionsthätigkeit so geringe Erfolge

aufzuweisen hat, als bei den Koranna's. Ihre socialen Zustände und

Verhältnisse, ihre Bildungsstufe, bewiesen mir, daß sie nur die Laster

der Civilisation angenommen, für die Lichtseiten derselben aber wie

vorher unempfindlich geblieben waren. Krankheiten und Trunksucht mit

ihren verderblichen Folgen herrschen auch hier unter den Koranna's.[1]

1: Zu Anfang des Jahres 1877, habe ich in einer Brochüre die

Eingebornenfrage in Süd-Afrika zu besprechen mir erlaubt und der

englischen Regierung angerathen, diesen Koranna's gegenüber, welche

zum Theile im Vaalthale von Fourteen-Stream bis zur

Hart-Rivermündung als englische Unterthanen wohnen, ferner am

mittleren Hart-River um die Stadt Mamusa ein kleines selbstständiges

Reich bilden, und auch unter den nördlicher wohnenden Barolongen in

der Stadt Koranna leben, den Verkauf spirituoser Getränke zu

sistiren, um sie zum Ackerbau anzuhalten, sowie durch wöchentliche

Inspicirung durch Polizisten sie zur Reinlichkeit und Instandhaltung

ihrer Dörfer und Gehöfte zu gewöhnen. Man kann sich keinen

widerlicheren Anblick denken, als diese in europäische Fetzen

gekleideten, von Schmutz und Unreinlichkeit im höchsten Grade

strotzenden Gestalten. Es freut mich, in der letzten Zeit vernommen

zu haben, daß der gegenwärtige Gouverneur Colonel Warren von

Griqualand-West, die Ausfuhr von Spirituosen in die nachbarlichen

Eingebornenreiche verboten und auf seine Provinz beschränkt hat. Ein

voller Erfolg, eine gründliche Verbesserung in den socialen

Verhältnissen der Koranna's, wird aber erst dann eintreten, wenn das

Gesetz noch bis zur vollkommenen Verweigerung der genannten Getränke

verschärft sein wird.

Unter allen Stämmen Süd-Afrika's verwendet dieses Volk die geringste

Mühe auf den Aufbau und die Instandhaltung ihrer Wohnungen. In der wohl

auch durch das Klima beförderten Indolenz und Energielosigkeit

übertreffen die Koranna's und Griqua's diese beiden Bruderstämme der

Hottentottenrace, selbst die übel beleumundeten Buschmänner, welche die

Felswände ihrer früher bewohnten natürlichen Höhlen mit einfachen mit

Ocker übertünchten Zeichnungen bedeckt und die Gipfel der von ihnen

bewohnten Höhen, d.h. die diese bedeckenden dunkeln Felsenblöcke mit

Ausmeißelungen von thierischen und menschlichen Gestalten und anderen

Objecten geschmückt hatten. Wenn der Koranna sich aus der ihm

eigenthümlichen Trägheit, dem Mangel an Streben und Ausdauer

herausreißt, um als Diener Anderer zur Arbeit zu greifen, so geschieht

dies nur, weil ihm dadurch die Möglichkeit geboten ist, sich dem

heißersehnten Branntweingenusse hinzugeben.

Hier am Abhange eines kahlen Höhenzuges, dort am Flußufer oder am Rande

einer Salzpfanne, hie und da auch in den Felsenschluchten des

Vaalflusses, finden wir eine oder mehrere, etwa 1½ Meter Höhe und 3-3½

Meter im Durchmesser haltende halbkugelige, jeder Umzäunung bare Hütten,

die augenscheinlich nur dem Nothbehelf dienen, weder geräumig, noch

symmetrisch gehalten, mehr thierischen Strohbauten gleichen. Die

Herstellung ist denn auch, dem Aussehen entsprechend, eine höchst

primitive. Wenn die Frauen, denen die Herstellung der Wohnung obliegt,

die oberen Enden etwa zwei Meter langer, dünner, im Kreise aneinander

gereihter und gesteckter Baumzweige in einem Mittelpunkte

zusammengebunden und das Gerippe mit Binsenmatten überdeckt haben, ist

auch schon das Wohnhaus in der Hauptsache hergestellt. Eine Oeffnung,

hinreichend groß, um einem Menschen in kriechender Stellung Einlaß zu

gewähren, bildet die einzige Verbindung mit der Außenwelt, die im

Nothfalle durch eine von innen vorgeschobene Matte abgesperrt wird. Das

Innere der Hütte entspricht dem Aeußern, es läßt sich kaum etwas

Trostloseres und zugleich Unreinlicheres denken als das Innere einer

Korannahütte. In der Mitte eine schüsselförmige Vertiefung als

Feuerherd, einige niedrige mit Querhölzern verbundene Holzgabeln,

behangen mit den Ueberbleibseln einstiger europäischer Kleidungsstücke,

einige Ziegen- oder Schaffelle, weiters einige Töpfe, und die Einrichtung

ist damit fertig. Eine von dürren Mimosenzweigen nothdürftig umzäunte

Stelle zwischen oder vor den Hütten, beherbergt die Rinder- oder

Ziegenheerde, und wo nicht die Hyäne und der Leopard oder andere

Raubthiere auf ihren nächtlichen Schleichwegen zu fürchten sind,

bezeichnet blos ein Düngerhaufen den Sammelplatz des Vieh's.

Bezeichnende Stille herrscht über dieser trostlosen Scenerie, nur

nachdem Branntwein die Gemüther erhitzt, den einer der Insassen von der

Stadt gebracht, oder den ein vorüberfahrender Händler ihnen überlassen,

geht es lärmend zu, sonst aber unterbricht nur des Morgens und Abends,

wenn die nackten Kinder die Heerden auf die Weide treiben, einige

Bewegung die Monotonie im trägen Leben der Hütteninsassen.

Nur hie und da, wo wohlhabende Koranna's sich den Luxus einiger

Makalahari und Masarwa, Diener und Sklaven, gönnen können, wurde im

beschränktesten Maße Ackerbau versucht, für dessen Entwickelung an

vielen Stellen des Landes die natürlichen Bedingungen vorhanden sind,

und welche Versuche selbst bei der genannten Beschränktheit den

günstigsten Erfolg hätten, wenn man Dämme aufzuwerfen oder hie und da

den Hart-River oder Vaal-River abzuleiten versuchen würde.

[Illustration: Koranna.]

Wie die Hottentottenrace überhaupt, die eigentlichen, die Cap-Colonie

bewohnenden Hottentotten, die Griqualand-West an der Einmündung des

Vaals in den Oranje und jene, Neu- oder Ost-Griqualand oder das

sogenannte Nomansland um Kockstadt herum bevölkernden Griqua's, sind

auch die Koranna im Aussterben begriffen, ihre Zahl hat sich beinahe um

50 Percent, ihr Besitz um 25-75 Percent verringert. Arbeitsscheu und

unrein, hinterlistig und in der Mehrzahl der Fälle untreu, rachsüchtig

und nur für den Moment lebend, ohne auf das Morgen zu denken etc., sowie

fähig, alle möglichen Verbrechen zu begehen, um sich nur den Branntwein

zu sichern, boten sie mir ein abschreckendes Bild. Da sie jedoch als

Rosselenker und Gespanntreiber im nüchternen Zustande (nur in der

Wildniß, wo ihnen kein Europäer das Feuerwasser reichen kann) besser als

die Kaffern etc. zu verwenden sind, so versuchte ich es auch mit ihnen

und trachtete nach Möglichkeit, sie nüchtern zu erhalten--vergebliche

Mühe, ich mußte den Versuch sehr bald aufgeben.

In England herrschen gegenwärtig unter den Gebildetsten bezüglich der

Eingebornenfrage irrige Ansichten; dieses Mißverständniß beruht

hauptsächlich darauf, daß die betreffenden Persönlichkeiten sich nicht

selbst von dem Stand der Dinge überzeugt haben. Wenn einzelne

Menschenfreunde oder ganze Gesellschaften etwas für die Eingebornen

Süd-Afrika's thun wollten, wenn sie sich selbst ein Denkmal setzen und

den Farbigen die größte Wohlthat erweisen wollten, so wäre es nöthig

gewesen, daß sie die gegenwärtige Bewegung in Süd-Afrika, jene der

Good-Templers in re unter den Eingebornen unterstützt hätten, welche auf

Grund von namentlich in den Diamantenfeldern gesammelten, sehr bitteren

Erfahrungen den Verkauf von Spirituosen an die Schwarzen zu hemmen

suchten. Kriege mit den Eingebornen können denselben nicht so viel

materiellen Schaden an Körper und Habe (die Habe des Einzelnen

schmälernd) verursachen, als ein jahrelanger ungestörter Genuß des

Feuerwassers und dies namentlich bei Stämmen, die schwach in ihren

geistigen Anlagen, sich leicht durch alles Glänzende, kleinen Kindern

gleich, bethören lassen. Ja, ich bin dessen vollkommen sicher, daß viele

meiner hohen Gönner in England, denen die Eingebornenfrage Süd-Afrika's

am Herzen liegt, nie einen solchen Anblick vergessen würden, wie er sich

den Bewohnern vieler Capland-Städte noch darbietet, in den

Diamantenfeldern jedoch ein alltäglicher war: daß der weiße Mann

betrunkene Korannafrauen, wild fluchend, von Schmutz halb verzehrt, in

den staubigen Straßen herumwanken sah, bis sich ihrer ein Wachmann

erbarmte. Der Anblick eines unreinen, im Schlamm sich wälzenden Thieres

könnte nicht mehr anwidern als jener. Wenn ich aber hinzufügen darf, daß

in den Diamantenfeldern, in der Provinz Griqualand-West selbst, in

dieser Beziehung ein lobenswerther, ein bedeutender Fortschritt geschah,

daß die Regierung, um die materielle Lage ihrer farbigen Bevölkerung zu

verbessern, die Summe von 3000 £ St. in Kantinenlicenzen

(Kantinensteuern) aufopferte und sonst bemüht ist--obgleich gegen eine

starke Opposition ankämpfend--den Verkauf des Brandy an Eingeborne zu

beschränken, wird dies jeden einsichtsvollen Mann gewiß befriedigen.

Unstreitig wird sich die materielle Lage der Eingebornen bessern, und

sie als kleine Steuerzahler, den der Regierung durch jene Maßregel

verursachten Schaden wieder gut machen.

Es ist zu hoffen, daß die in den letzten Jahren so vollkommen

zerrütteten Verhältnisse, das über alle Begriffe demoralisirte

Familienleben der Koranna's sich verbessern und sie namentlich als

Viehzüchter und Ackerbauer etwas Bedeutendes leisten können. Einen

kleinen Preis müßte die Regierung ausschreiben für jene, welche an ihren

Hütten den einfachen europäischen Styl nachahmend, ihre Wohnungen sich

selbst errichten, welche das meiste Feld bebauen, welche die schönsten

Feldfrüchte gewinnen oder das beste Vieh aufziehen; so aufmunternd,

edlere Gefühle in der bis jetzt nur noch von blinden thierischen

Regungen erfüllten Brust zu wecken trachten. Die Koranna's könnten in

der Holzschnitzerei und Steinschneiderei manches Gute leisten, wären

also auch hier zu unterstützen.

Durch den moralischen Verfall der Koranna's im letzten Jahrzehnte haben

dieselben die meisten ihrer früheren erwähnenswerthen Gebräuche außer

Acht gelassen, ja ich möchte sagen; vollkommen vergessen; was sich

jedoch noch bei ihnen erhalten hat, das ist eine Art Freimaurerthum. Die

Mitglieder dieser Gesellschaft erkennen sich an einem äußeren Abzeichen,

in der Regel drei auf der Brust ausgeführte 1-1½ Zoll lange (vernarbte)

Schnitte. Ein Mitglied dieses Bundes findet überall, wo er zu

Seinesgleichen hinkommt, die freundlichste Aufnahme, sowie er dem

Hausherrn die Narben auf der Brust gewiesen, oder dieser, dem Besucher

das Hemd an der Brust öffnend, das Zeichen erblickt hat. Solch' ein

Freimaurer wird nun von dem Bruderhausherrn auf das Freundlichste

aufgenommen, bewirthet, und einem Verwandten oder Familiengliede

gleichgehalten. Will ein Koranna diesem geheimen Bunde beitreten, so

macht er, da das Erkennungszeichen ziemlich bekannt unter dem Stamme

ist, einem seiner Nachbarn, an welchem er ein solches beobachtet, seinen

Entschluß bekannt, daß er beitreten wolle. Hat sich der Angesprochene

überzeugt, daß der Antragsteller im Stande ist, die Kosten der

Einweihungs-Ceremonie zu tragen, so meldet er es den in demselben Dorfe

oder ringsherum Wohnenden, und wenn sich keine in der Nähe aufhalten,

sondern weitab wohnen, so wird um diese gesendet und nachdem sie sich

versammelt, die Einweihungs-Ceremonie vorgenommen, welche darin besteht,

daß man dem neuen Bruder die gegenseitigen Unterstützungspflichten

bekannt macht, und wobei er, von dem Aeltesten der Anwesenden mit den

drei Schnitten gekennzeichnet, das Gelübde, jenen Verpflichtungen

nachzukommen, abgibt und dies mit dem gewöhnlichen Schwure »so wahr als

ich eine Mutter habe« bekräftigt. Eine Orgie beschließt diese Ceremonie,

wobei einige Stück Rindvieh, Schafe und Ziegen geschlachtet werden und

die Gesellschaft nicht eher scheidet, als bis alles consumirt ist.

Ich werde noch mehrfach Gelegenheit finden, diese in allgemeinen Zügen

gehaltene Charakteristik dieses Stammes zu vervollständigen.

Nach einem fast dreistündigen Aufenthalte verließen wir Pniel, der Weg

führte nun über bebuschte Hochebenen, welche von zahllosen rothen

Flugsanddünen durchzogen waren, die unseren Zugthieren die größten

Schwierigkeiten bereiteten. Wir mochten etwa zwei Drittel des

Dünengürtels durchmessen haben, als unsere Thiere, erschöpft, nicht mehr

von der Stelle zu bringen waren, und wir hier auf vorbeiziehende

Batlapinen warten mußten, welche nach den Diamantenfeldern Holzhandel

treiben. Wir waren schon mit der Herstellung unseres primitiven

Nachtlagers beschäftigt, als uns der bekannte gedehnte Knall der

Ochsenpeitsche (eines Monstrums in seiner Art) auf ein ankommendes

Gefährte aufmerksam machte. Es waren, wie ich vermuthet, von Klipdrift

kommende Holzfuhrleute; die Unterhandlungen über die geforderte

Entlohnung waren bald beendigt, und der Wagen in kürzester Zeit aus der

mit Dünen besäeten Ebene auf festem Boden in Sicherheit. Eine neue bange

Sorge verursachte uns die Beischaffung des nöthigen Trinkwassers für

unseren persönlichen Bedarf und zum Tränken der durstigen Thiere. Die

Nacht war sehr dunkel, ein kalter Nordwind durchdrang unsere Kleider,

nur ein ungewöhnliches Wetterleuchten am westlichen Horizonte erhellte

zuweilen die tiefe Finsterniß.

Die Wegrichtung zum Strom war uns wohl bekannt, allein in der

Dunkelheit, die uns kaum erlaubte, auf 40 Schritte hin deutlich zu

sehen, war es uns unmöglich, uns über die Stelle zu orientiren, auf

welche wir lossteuerten; es konnte ein steiler Abhang oder eine

schlammige Uferpartie sein, beides gleich gefährlich.

Ich mein Reitpferd, meine weißen Gefährten je ein Paar der Zugthiere

führend, steuerten wir, unseren zurückbleibenden Wagen allen Göttern

empfehlend, in die Dunkelheit hinaus, von »Nigr« begleitet, der sich um

die Dunkelheit wenig zu kümmern schien und vorwärtseilend durch lautes

Bellen seine Befriedigung über den nächtlichen Ausflug kundgab. Anfangs

ging es über eine kurz begraste Ebene, die nach dem öfteren Ausgleiten

zu urtheilen, mit vielen breitblättrigen Liliaceen bedeckt zu sein

schien, dann kamen wir an zahllose vom Regenwasser aufgewühlte Rinnsale,

deren erstes uns ein Schrei meines Begleiters F. ankündigte, der bis zu

den Hüften darin versank. Wir brachen von den unseren Weg säumenden

Gebüschen Aeste ab, um damit das Terrain vor uns zu sondiren, doch half

dies nicht viel, namentlich als wir uns dem Flusse nähernd, den Abhang

heruntergingen. An den zahlreichen Mimosenzweigen blieb so manches

wollene Wahrzeichen unseres kühnen Nachtmarsches zurück, der den Koranna

unwillkürlich Achtung abringen mußte.

Am Flusse angelangt, war eine sichere Tränkstelle nicht anders zu

entdecken, als daß wir selbst mit Stöcken den schlammigen Ufergrund

sondirend, nach einer solchen suchten. Unsere Bemühungen waren über

alles Erwarten glücklich, nur wenige Schritte unterhalb unserer

Haltstelle stieß mein Begleiter F. auf einen vorzüglichen Tränkplatz.

Nachdem die Pferde mit aller Vorsicht einzeln getränkt waren, hieß es,

den Rückweg zum Lagerplatze auf der Hochebene antreten. Dies war nichts

Leichtes, denn wir hatten uns bald überzeugt, daß wir beim Abstieg zu

sehr vom directen Wege abgekommen waren. In der herrschenden

undurchdringlichen Finsterniß war unser Beginnen nicht ohne Gefahr, nach

wenigen Schritten, die wir vom Ufer ab zurückgelegt hatten, versperrte

uns eine dichte Gebüschbarriere den Weg, wir mußten also versuchen,

stromaufwärts freieres Feld zu gewinnen, ein in den letzten Zügen

flackerndes Feuer in der Entfernung von etwa 600 Schritten wies uns auf

die richtige Fährte. Vor Kälte zitternd (das Thermometer zeigte blos 7

Grad Reaumur) langten wir endlich am Wagen an, der heftige Wind und ein

vom Blitz und Donner begleiteter Regenschauer machten alle Versuche, ein

tüchtiges Feuer zu entzünden, zu Schanden. Obwohl auf das Aeußerste

ermüdet, wollte dennoch kein Schlaf unsere Glieder stärken, die durch

das Unwetter unruhig gewordenen Pferde zerrten ununterbrochen an unserer

»Arche« und vereitelten dadurch jeden Versuch, Morpheus an uns zu

fesseln, mit Gewalt. Da sich die Pferde durchaus nicht beruhigen ließen,

vermutheten wir, daß sie durch herumschleichende Hyänen beängstigt wären

und durchstreiften die nächste Umgebung, indeß ohne etwas Verdächtiges

wahrzunehmen.

Gegen Morgengrauen des nächsten Tages brachen wir weiter gegen Klipdrift

auf. Kleine in unsern Weg mündende Thälchen und mit hohem Busch

bestandene Ebenen brachten in die bisherige Monotonie einige Abwechslung

und waren durch Deuker und Steinbockgazellen belebt, auch die graue

Zwergtrappe tummelte sich zwischen den in kleinen, dichten Gruppen

stehenden, 6-12 Fuß hohen Büschen. Beide Gazellen halten sich tagsüber

in dem niedrigen und dichten Gebüsch im Versteck, die Steinbockgazelle

(_Tragalus rupestris_) verläßt dieses nur zur Nachtzeit oder bei

annähernder Gefahr. Ich glaube auch darin, daß sie des Tageslichtes

entwöhnt ist, den Grund des Erblindens der in der Gefangenschaft

gehaltenen Thiere (zu 90 Percent) zu finden. Im minderen Grade ist das

bei dem Deuker (_Cephalolophus mergens_) der Fall, da er auch zuweilen

tagsüber der Nahrung nachgeht. Geübte Schützen jagen beide Thiere mit

dem Riflestutzen; unter allen Umständen erfordert das Erlegen der

zierlichen, kaum 20 Zoll hohen Gazelle auf 200-400 Schritte Entfernung

eine meisterhafte Handhabung der Waffe.

»Sportsmänner« jagen die schönen Thiere mit Windhunden; ähnliche

Thierquälerei, einem der unschuldigsten Thiere gegenüber, hat der Weiße

auch in allen anderen Welttheilen eingeführt. In Süd-Afrika war es

bisher nur unter den Eingebornen im Gebrauch, _schädliche_ und

namentlich des _Pelzwerkes halber nützliche Thiere_ mit Hunden zu jagen

und selbst bei diesen verkürzte man thunlichst die Dauer der Verfolgung.

Dazu gehören die südafrikanischen Schakale (_Canis mesomelas_ und

_cinereus_), der Kamafuchs, sowie der Erdwolf (_Proteles Lalandii_), die

Genettkatzen und das Scharrthier.

Der Steinbock, von den Boers »Steenbuck« genannt, sowie der Deuker oder

Ducker sind in den dichtbebuschten und bewaldeten Partien am Abfalle des

süd- und centralafrikanischen Hochplateau's nach der Küste zu durch den

Grysbock (_Tragalus melanotis_) und den kleinen Blaubock (_Cephalolophus

coerula_), nach Norden hin durch den auf den Ebenen des

Salzpfannengebietes paarweise, jenseits des Zambesi in kleinen Heerden

lebenden Orbecki vertreten.

Die Fahrt über die bebuschten Hügelpartien nahm unsere ganze

Aufmerksamkeit in Anspruch, denn der Weg glich dem trockenen Bette eines

mit Geröll übersäeten Wildbaches, der Wagen kam in die bedenklichste

Situation, seine Schwankungen kosteten einem unserer Hunde, der sich

unvorsichtiger Weise zu nahe gewagt, das Leben. Endlich war die

Vaal-Fähre erreicht und wir alle gegen zehn Shillinge Entlohnung über

das Wasser gesetzt.[1]

1: Zur Trockenzeit benützen die Wägen eine unterhalb der Fähre

befindliche Furth.

Am rechten Ufer des Vaal angelangt, schlugen wir in unmittelbarer Nähe

von Klipdrift, am Fuße einer Anhöhe unser Lager auf. Mit anderen

südafrikanischen Orten verglichen, verdient Klipdrift ein hübsches

Städtchen genannt zu werden. Aus etwa 150 theils steinernen, theils

Eisenblechhäusern (die Ueberreste des früher 5000 Einwohner zählenden

Hauptortes der River-Diggings) bestehend, liegt es am Abhange niedriger,

kaum 80 Fuß das Niveau des Flußbettes überragender, mit unzähligen

dunkelbraunen Felsblöcken (Trapdykes) bedeckter Höhen; der aus Südsüdost

kommende Fluß macht hier eine Biegung nach West. Kleine, theils kahle,

theils begraste, hie und da mit Bäumen bedeckte Inseln in dem ober- und

unterhalb Klipdrift über Felsenblöcke rauschenden Strome verleihen

dieser Ansiedlung einen nicht geringen Reiz. Zur Zeit meines Besuches

schmückten hohe Bäume beide Ufer des Flusses, von denen das linke höher

als das rechte ist.

Lange Zeit besaß Klipdrift eine architektonische Merkwürdigkeit, nämlich

das einzige aus Steinen erbaute einstöckige Haus, das Kanzleigebäude der

»Standardbank«, eines Institutes, dessen Noten vollen Goldwerth haben.

Am Ostende von Klipdrift schließt sich die _native location_ (die

Niederlassung) der farbigen Eingebornen an, damals von Koranna's

Batlapinen und Barolongen bewohnt, von welchen gegenwärtig nur noch die

beiden ersten Stämme vertreten sind. Das Aeußere dieser

Eingebornen-Niederlassung erhält durch ein buntes Gemisch verschiedener

Baustyle (Korannahütten, Basutohütten und in europäischem Style

aufgeführte Holz- und Lehmhäuschen) einen eigentümlichen Charakter.

[Illustration: Inneres einer Korannahütte.]

Die Bewohner, Männer sowohl als Frauen, entwickeln regen Arbeitssinn,

während sich die ersteren im Taglohn oder zu anderen Arbeiten (Jobs)

verdingen, steuern auch die Frauen (besonders die Kaffern- und

Betschuanafrauen) durch ihren Verdienst als Wäscherinnen zu den Kosten

der Haushaltung bei. Ihre Thätigkeit belebt die Scenerie am Flusse.

Ein flüchtiger Blick genügt, um die beiden Racen zu unterscheiden, und

ohne Zaudern werden wir den Vertretern der Betschuanarace, den

Batlapinen und Barolongen den Vorzug angenehmerer Gesichts- und

Körperbildung einräumen. Von mattschwarzem bis dunkelbraunem Teint, sind

ihre Gesichtszüge weder schön noch häßlich, während das gelblich-braune

Gesicht des Koranna direct häßlich zu nennen ist. Die kleinen Augen

liegen in tiefen Höhlen, das kurze und schmale Gesicht zeigt kaum einen

deutlichen Nasenansatz, die unnatürlich vorgehenden Kinnbacken und

wulstigen Lippen sind die Hauptmerkmale der vorderen, ein kleiner,

länglicher Schädel jener der hinteren Kopfbildung. Der Körper der Frauen

wird durch jene bekannte Sattelbildung der unteren Wirbelsäule, welche

ihren Gang schwerfällig erscheinen läßt, nicht wenig verunstaltet. Viele

Korannafrauen hatten Wange und Stirne mit rothem Ocker überschmiert,

oder blau bemalt, und zwar mit vom Ohre zu den Augen, Nase, Mund und

Kinn laufenden geraden oder nach oben zu concaven Linien. Häufig fand

ich die Wangen und Stirne auch braun und schwarz bestrichen, was ihnen

das Aussehen von gekleideten Affen verlieh.

[Illustration: Kranken-Ordination in Klipdrift.]

Bei einem meiner Besuche im Eingebornenviertel trat ich in eine der

Korannahütten. Es bot sich mir da ein eigentümliches Bild dar. In einer

schüsselförmigen Vertiefung in der Mitte der Hütte lag in glühender

Asche ein wolliger Gegenstand; bei näherer Besichtigung erkannte ich,

daß es ein Lämmchen war, das gebraten wurde. Zwei Frauen, den Oberkörper

vollkommen entblößt, beide gemüthlich rauchend, saßen auf Matten,

während einige nackte Kinder, deren gelblich-graue, lichte Körperfarbe

durch Unreinlichkeit schwarz übertüncht war, herumspielten. Das

Familien-Oberhaupt, in abgetragene europäische Lappen gekleidet, saß

unmittelbar am Heerde und verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit das

Garwerden des Bratens, das ein lautes Schnalzen mit der Zunge

anzukündigen schien. Dies betätigte mir auch die Entfernung des

Stückchens Kautabak, das der Koranna nur während des Mahles weglegt. Es

währte nicht lange, so war der Lammsbraten von der glühenden Asche

befreit, der verkohlten Wolle entledigt, in Stücke geschnitten und

zertheilt. Während die Kinder fest und gierig darauf losbissen,

schnitten sich der Mann und die Frauen, indem sie das eine Ende eines

Fleischstückes mit den Zähnen, das andere mit der Hand festhielten,

jeden Bissen mit dem Messer unmittelbar an den Lippen ab. Außer Fleisch,

wobei sie namentlich die Eingeweide und das Hirn der Thiere vorziehen,

genießen die Koranna's häufig Mehlbrei, gekochte Kürbisse und Milch, nur

Fische, Krebse, Muscheln und Aehnliches verabscheuen sie wie die meisten

afrikanischen Völker im Innern des Erdtheils, während wir überall längs

der Seeküste Spuren von Menschen finden, welche sich durch eine sehr

lange Periode nur von Fischen genährt haben mußten.

In geringer Entfernung von dem Eingebornenviertel in Klipdrift liegen

die in früheren Jahren bearbeiteten River-Diggings. Welcher

Unterschied--wie unscheinbar gegen die Dry- (Central) Diggings. Eine

Unzahl zwei bis acht Quadratmeter großer, bis zwei Meter tiefer,

theilweise mit Gerölle, namentlich calcedonartigen Steinen und

kopfgroßen Grünsteinblöcken gefüllter Gruben, einem durchstöberten

Friedhof nicht unähnlich, war Alles, was von den einst von Tausenden

emsiger und mit Fieberhast arbeitender Menschen belebten

Diamanten-Fundstätten übrig geblieben, seit Dutoitspan entdeckt worden

war. Obwohl die Gruben keine besondere Tiefe hatten, mußte trotzdem das

Diamantensuchen in diesem steinigen Boden sehr beschwerlich gewesen

sein; ich traf jetzt nur zwei Digger, welche im Schweiße ihres

Angesichts nach den kleinen, glänzenden Kieseln und allem Anscheine nach

mit wenig Erfolg fahndeten; ein Engländer, der mit zwei Batlapinen

arbeitete, und eine abgemagerte, etwa dreißigjährige weiße Frau, in

deren Zügen Krankheit und Noth nur zu deutlich zu lesen waren; in ihrer

Gesellschaft ein kleines Kind, welches mit farbigen Steinen spielte.

Ihre sorgenschweren Mienen flößten mir Mitleid ein und ich konnte die

Frage nach dem Erfolge ihrer Bemühungen nicht unterdrücken; ihre Antwort

entrollte mir eines jener traurigen Bilder, an denen das Diggerleben in

den Diamantenfeldern trotz der kurzen Zeit, die seit ihrer Entdeckung

verflossen, überreich ist. Vor mir stand eine junge Frau, welche ihrem

diamantensuchenden Gemahle nachgereist war, um ihn in sterbendem

Zustande wiederzufinden und nun selbst allen tückischen Wechselfällen

des aufregenden und aufreibenden Diggerlebens preisgegeben zu sein.--Ich

werde später noch Gelegenheit finden, die Geschichte manches Opfers der

Diamantenfelder zu erzählen.

Die mit üppiger, durch einige tropische Species charakterisirte

Vegetation bewachsenen, kleinen Bergthäler, sowie einige morastige

Wiesen in der Nähe des Flusses, hauptsächlich aber seine dichtbebuschten

und belaubten Ufer und sein bald felsiges, bald schlammiges Bett,

beherbergen als vorzüglich geeignete Schlupfwinkel, eine artenreiche

Thierwelt. Ich bedauere, daß ich Klipdrift und seine nächste Umgebung

stets nur flüchtig, meist auf dem Durchmarsche berühren konnte; bei

längerem Aufenthalte winkt hier dem naturwissenschaftlichen Sammler

reichliche Ernte, wie denn überhaupt der Ort wie eine Oase aus der

eintönigen Oede des südafrikanischen Hochlandes hervorsticht. Doch

selbst während meines kurzen Aufenthaltes fand ich von Falken und

Sperbern manche interessante Art, graue Uhu's, Berg-, Baum-, Sumpf-,

sowie auch Zwergeulen ziemlich vertreten; mehrere Krähenarten und

namentlich in den Buschdickdichten der Ufer, sowie in der Nähe der

Gehöfte fünf Staararten, von denen ich den kleinen, und den schönen

großen, langschwänzigen Glanzstaar besonders hervorheben will. Zahlreich

sind die Würger, doch noch zahlreicher die körnerfressenden Singvögel

vertreten, von den letzteren fielen mir mehrere langschwänzige

Finkenarten auf, doch fehlen auch Drosseln und andere Insecten fressende

Singvögel nicht, namentlich Bachstelzen, Schnapper, Rohrfänger etc. Von

spechtartigen Vögeln traf ich nur zwei, dagegen mehrere Arten Colibri's

und eine Art des Bienenfängers, sowie zwei Eisvögel- und Kukuksarten an.

Auch der schon erwähnte langschwänzige kleine Mäusevogel, mehrere

Schwalben und eine Ziegenmelker-Species gehören zu den häufigeren

Erscheinungen, in entsprechendem Verhältnisse sind auch die übrigen die

Fauna Süd-Afrika's charakterisirenden Vogelarten vertreten, vor Allem

aber Tauben, Zwergtrappenarten, Stelzenvögel, Enten und Taucher. Unter

den Reptilien waren namentlich drei Species von Landschildkröten, neben

einer im Wasser lebenden, häufig zwischen den Felsenblöcken an den Höhen

anzutreffen. Die gewöhnliche Schildkröte, die gemeine südafrikanische

Landschildkröte, und eine flache Art mit viereckigen grünlichen

Zeichnungen in den Centren der oberen Schilder. Von Fischen beobachtete

ich fünf Species, von welchen ich eine nordwärts bis über den Zambesi

hinaus in allen Gewässern sowohl im Süßwasser, als auch in den

Salzpfannen und Salzflüssen vorfand. Es ist der südafrikanische Wels mit

schildförmigem Kopfe.

Erst hier, in der unmittelbaren Nähe von Klipdrift, gelang es mir, meine

vier Pferde gegen die tauglicheren Zugochsen einzutauschen; obgleich ich

dabei in pecuniärer Beziehung Einbuße erlitt, ging ich hocherfreut auf

den Tausch ein, denn schon war in der Umgegend die alljährlich

grassirende Pferdekrankheit ausgebrochen und in unserer Nähe sonnten

sich bereits mehrere Pferdecadaver. Mein Gespann bestand nun aus sechs

Zugochsen, von welchen leider zwei äußerst störrisch und unlenksam

waren, während der Verkäufer mir alle als äußerst zahm, gefügig und

Thiere par excellence anpries. Hätte nicht die grassirende

Pferdekrankheit bereits so deutliche Beweise ihres mörderischen

Auftretens in unserer Nähe gegeben, so wäre ich beim Tausche wohl besser

weggekommen; so aber schien der Mann nur zögernd das Geschäft

abschließen zu wollen. Mit der Vermehrung meines Gespanns erwuchs mir

auch die Sorge, wenigstens zwei farbige Diener zu miethen; einen als

»Leader«, um das vorderste Paar der hintereinander gespannten Zugthiere

zu leiten und einen »Driver«, der das Gespann mit der Peitsche anzujagen

hatte. Auch dieser Bedarf war bald gedeckt; bei einem Besuche des

Korannadörfchens hatte Freund F. einen hier lebenden Deutschen

angetroffen, den ich nun ersuchen ließ, uns unter seinen Nachbarn zwei

rüstige, junge Männer auszusuchen und auf einige Wochen als Diener zu

miethen. Noch am selben Tage brachte uns dieser einen echten

Korannajüngling von ungefähr 16 Jahren und einen Korannabastard mit

Namen Gert, welche sich beide geneigt zeigten, gegen einen wöchentlichen

Lohn von 8 Shillingen und 6 Pence in meine Dienste zu treten.

Zu meiner nicht geringen Ueberraschung erbat sich der deutsche Ansiedler

als einzigen Gegendienst einen Besuch bei seiner kranken Frau. Gern

folgte ich ihm und fand mich bald darauf in einem kleinen, halb in

europäischem, halb im Style der Korannahütten ausgeführten kleinen

Gebäude, wo der Mann in Gesellschaft einer Bastardfamilie wohnte. Auch

seine Frau gehörte zu diesen Mischlingen. Sie war in elende, doch

reinliche Lappen gekleidet und der erste Blick belehrte mich über die

Natur ihrer Krankheit; die Aermste war in Folge drückendster

Nahrungssorgen gänzlich entkräftet; ich fand leider erst später

Gelegenheit, ihr stärkende Arzneien senden zu können. Während ich noch

mit der Frau sprach, hatte sich uns ein kleines, etwa sechsjähriges

Mädchen mit wahrhaft feinen und schönen Gesichtszügen und kurzgelocktem,

dunkelblondem Haare genähert. Es trug keine Spuren des dunklen Teints

seiner Mutter an sich. Ueber meine Frage: wie es der Mann über sich

bringen konnte, sich hier unter den Farbigen niederzulassen, erhielt ich

die Antwort: »Wohne nicht lange hier, habe über 300 £ St., die ich mir

durch langjährige Arbeit in der Colonie erworben, in jenen verlassenen

Diamantengruben dort drüben eingebüßt; nun muß ich Taglöhnerarbeit

verrichten, und in allen diesen Mühen, Sorgen und Enttäuschungen fand

ich an diesem farbigen Weibe ein so treues, aufopferndes und

mitfühlendes Wesen, daß ich mich nicht leicht von ihr trennen könnte.«

Trotz häufiger Regenschauer, welche sich während unseres Aufenthaltes in

Klipdrift eingestellt hatten, dachten wir nicht daran, unser bisher

gewohntes Nachtlager unter dem Wagen aufzugeben; unser Erfindungsgeist

fand bald eine entsprechende Abhilfe. Dem Nachtlager war aber auch nicht

ein gewisser origineller und phantastischer Zug abzusprechen. Unsere

Diener schienen nicht nur in der Mythologie Süd-Afrika's wohl bewandert

zu sein, sondern auch unter den Göttern des Alterthums so manchen Gönner

zu haben, vor Allem schien Bacchus ihr Schutzpatron und Morpheus ihr

Liebling zu sein. Wenn wir sie nicht zur Arbeit angehalten hätten, wären

sie im Stande gewesen, sechs Stunden des Tages dem Dienste des ersteren,

und den Rest des Tages dem Letzteren zu widmen. Ja, Gert trieb es so

weit, daß er oft während des Mahles einschlief.

Nachdem wir uns mit etwas Provision, namentlich Mehl, Thee und Zucker

versorgt, verließen wir Klipdrift und brachen nach Norden zu, gegen die

Vereinigung des Hart-River mit dem Vaal-River, in die von den westlichen

Batlapinen bewohnten Landstriche auf, wobei ich noch einige der

flußabwärts liegenden, verlassenen River-Diggings und zunächst das auf

halbem Wege liegende Gong-Gong berühren wollte. Die durchreiste Gegend

war ein mäßig hügeliges, nach Westen zu dem Vaalfluß' steil abfallendes,

nur stellenweise dichter bebuschtes Hochplateau, auf welchem einige

Niederlassungen der Koranna's und Batlapinen zerstreut lagen.

Für den Jäger wie Naturforscher hat das Land zwischen dem unteren Hart-

und Vaal-River insoferne besonderes Interesse, als man von Süden her

hier zuerst das von den holländischen Farmern »blaues Wildebeest«, von

den Betschuana's »Kokon« genannte, gestreifte graue Gnu (Catoblepas

Gorgon) rudelweise antrifft. Es breitet sich von hier und von den

nördlichen Gegenden des Oranje-Freistaates nach Norden zu bis über den

Zambesi aus und ist größer als das schwarze oder gemeine Gnu, dabei auch

minder wild. Seine Hörner unterscheiden sich auch wesentlich von jenen

des gemeinen Gnu, sie sind nämlich nach vorne und innen gebogen und

ähneln denen mancher unserer kurzhörnigen Rindviehracen.

Die Jäger unterscheiden beide Arten nach der Farbe der Schwanzhaare,

indem das schwarze durch einen weißen, das auf bläulich-grauem Grunde,

namentlich am Vorder- und Oberkörper schwarz gestreifte Gnu durch einen

schwarzen Schwanz schon aus großer Ferne erkennbar ist. In den baumlosen

Ebenen von den westlichen Theilen der Cap-Colonie bis zum 23. Grad

nördlicher Breite ist es neben den Springbock- und den Bläßbockgazellen

das häufigste Wild.

In später Nachmittagsstunde bogen wir in eine kleine Schlucht ein, an

derem Ausgange im Vaalthale einige Segeltuchhäuschen und Zelte sichtbar

wurden; es waren die Reste des einst so blühenden Gong-Gong, das

anmuthig aus dem dunklen Grün üppiger Laubbäume hervorlugte. Auch

fehlten einige Koranna- und Betschuanahütten nicht, die auf dem felsigen

und niedrigen Abhange des Plateau's zwischen den Steinblöcken erbaut

waren. Gegenüber von Gong-Gong liegt das noch ärmlicher aussehende

Waldeks-Plant.

Wir schlugen im Dörfchen selbst auf einer einladenden Rasenstelle unser

Lager auf. Ein Wagen war für Gong-Gong und Waldeks-Plant etwas nicht

Alltägliches und so waren wir bald Gegenstand der allgemeinsten

Aufmerksamkeit geworden.

Die Diamantengruben von Gong-Gong lagen auf dem Abhange; jene im Thale,

unmittelbar am Flusse und im alten Flußbette waren schon seit Langem

verlassen. Mehr Leben fand ich in Waldeks-Plant, welches sich auch durch

den Fund zweier schönen Steine in einer und derselben Grube einen Namen

errang. Es war ein gelblicher Stein, der 288¼ Karat wog und ein zweiter

weißlicher, der in seiner Mitte einen schwärzlichen Fleck zeigte, einer

Fliege nicht unähnlich und deshalb auch der »Fly-(Fliegen-)Diamond«

genannt wurde. Ihr Finder wollte einst nach langer fruchtloser Arbeit

seinen Claim verkaufen, doch Niemand fand sich, der auf seine Forderung

eingegangen wäre; um nicht müßig zu sein, entschloß er sich allein, ohne

Beihilfe schwarzer Diener, das Graben und Suchen fortzusetzen. Das

bishin treulose Glück lächelte ihm nun zu und er fand zuerst den großen,

kurze Zeit darauf den Fly-Diamond und ward über Nacht ein »gemachter

Mann«. Der Werth des großen Steines wurde damals mit 10.000 £ St.

angegeben und ich erinnere mich, daß er nach meiner Rückkehr von der

ersten Reise in den Central-Diggings längere Zeit hindurch gegen 1

Shilling Entrée ausgestellt war.

[Illustration: Batlapinenknaben den Kiri werfend.]

Von Gong-Gong schlugen wir eine nördliche Richtung nach dem Hart-River

ein; einige weiße, aus der Ferne entgegenschimmernde Punkte an den zum

Vaal sich steil herabsenkenden Felsenhügeln bezeichneten uns die

Stellen, wo noch vor wenigen Jahren die blühenden River-Diggings

New-Kierke-Rush u.a. lagen. Die Strecke von Gong-Gong bis Delportshope

(dieses nicht ganz eine Meile von der Hart-Rivermündung entfernt) gehört

gewiß zu den unbequemsten, die ich je mit einem Wagen passirte. Ich

konnte es nicht fassen, wie zur Zeit der Blüthe der River-Diggings auf

solchen Verkehrspfaden die Bedürfnisse von Tausenden von Menschen

mittelst der Achse herbeigeschafft wurden. Auf der ganzen

zurückzulegenden Strecke glich der als Fahrweg benützte Erdstreifen

einem von Wasserfluthen ausgewaschenen Geröllboden. Die Fahrt über diese

Chaussee war, wie leicht denkbar, eine martervolle; kaum war das eine

Hinterrad aus einem der zahllosen wassergefüllten Löcher durch die

vereinten Anstrengungen der Thiere und die virtuose Handhabung der

riesigen Peitsche von Seite des Korannatreibers herausgefördert, als

schon wieder eines der Vorderräder über einen fast fußhohen Block

hinaufgezerrt wurde. Um das Maß voll zu machen, begannen die des Joches

ungewohnten Zugthiere in störrischester Weise ihre Dienste zu versagen.

Kein Wunder, wenn diese Fahrt die dreifache Zeit in Anspruch nahm. Ein

Blick auf die zu beiden Seiten des Weges zerstreut umherliegenden

Wagentrümmer gewährte uns einen, wenn auch schwachen Trost; wir waren

nicht die einzigen, die unter diesen Qualen zu leiden hatten. Leider

waren dieser Fahrt alle meine Thermo- und Barometer zum Opfer gefallen.

Die Begegnung mit einem Batlapinen, der an einem Kiri, einer bei den

Zulu und Betschuana beliebten Waffe, ein Häschen trug, nahm mein ganzes

Interesse in Anspruch. Die Waffe ist aus Holz (bei den nördlichen

Bamanquato auch aus dem Horne des Rhinoceros) gearbeitet, 20-90

Centimeter lang und läuft an einem Ende in eine hühnerei- bis

faustgroße, einfache oder geschnitzte Kugel aus. Im Handgemenge ist der

Kiri eine sehr wirksame Waffe, auch findet er auf der Jagd Verwendung

und einige Stämme werfen ihn mit wahrhafter Virtuosität. Bei den

Matabele ist der Kiri jene furchtbare Waffe, mit welcher diese Zulu's

die Schädel der männlichen, erwachsenen Bevölkerung der rebellirenden

Makalakadörfer einschlugen.

[Illustration: Batlapine.]

Nebst dem Hasen trug der Mann auch ein Paar aus gegerbtem Leder

gearbeitete, mit Thiersehnen sauber zusammengenähte Unaussprechliche,

welche ich ihm sammt der Jagdbeute und der Waffe abkaufen wollte.

»Nein,« antwortete er, im gebrochenen Holländisch, »det brüke« (die

Betschuana's haben in ihrer Sechuana[1] keine Benennung für viele der

von den Europäern eingeführten Artikel, darum nehmen sie das dafür im

Holländischen oder Englischen gebräuchliche Wort, es natürlich

verunstaltend, oder sie umschreiben es durch mehrere ihrer eigenen

Sprache), »bring' ich zu meinem »Bas« (Herrn) nach Klipdrift,« den

Hasen, meinte er, könne er selbst gut brauchen und den Kiri könne er uns

schon gar nicht überlassen, da er seiner zum Schutze gegen die Phyci

(Hyäne) bedürfe. Wie der in der Colonie wohnende Kaffer auf seinen

Wanderungen stets seine beiden, in der Regel aus Eisen oder Assagaiholz

gearbeiteten Stöcke mit sich führt, so nimmt auch der Betschuana und

Zulu seinen Kiri mit. Hat er auf der Weide oder im hohen Grase eine

Zwergtrappe bemerkt, so sucht er sich so nah' als möglich

anzuschleichen, erhebt sich dann plötzlich, um den Vogel zum Auffliegen

zu bringen und in diesem Momente saust sein kleiner, am Ende verdickter

Stock durch die Lüfte. Er thut dies ebenso geschickt, wie er sich als

Schütze ungeschickt benimmt. Das Wild auf den unabsehbaren Ebenen

zwischen dem mittleren Hart-River und dem oberen Molapolaufe ist durch

diese Ungeschicklichkeit äußerst scheu geworden.

1: Die Sprache der Betschuana's.

Nach und nach senkte sich das Land gegen den Hart-River, dessen Thal

breit und offen erschien, und im Norden aus der Ferne durch den

»N'Kaap«, den bebuschten und felsigen Abfall des Hochlandes begrenzt

wird. Die Vereinigung des Hart- und Vaal-Rivers wurde mir immer als ein

besonders schönes Landschaftsbild geschildert, ich fand dies blos als

Gegensatz zu dem an schönen Naturscenerien so armen Gebiete

Griaqualand-West bestätigt.

Von Süden kommend, breiten sich hier die vorher über Stromschnellen

dahin rauschenden Gewässer des Vaalflusses in einem geräumigen

schlammigen Bett aus, wo sie ruhig dahinfließend sich gleichsam etwas

Rast gönnen um unmittelbar vor der Mündung des aus Nordost kommenden

Hartflusses eine plötzliche Wendung nach West zu machen, und nachdem sie

diese Richtung für eine kurze Strecke verfolgt, eine entschieden

südsüdwestliche zu nehmen. Das linke Vaalufer an der Biegung ist

sumpfig, mit hohen Bäumen bestanden und birgt so manche Wildkatze,

Luchse und ähnliches Raubgethier, sowie einige Heerden verwilderter

Schweine.

Die südliche Partie des rechten Ufers, in den oberen Schichten aus

Humus, in den unteren aus Lehm gebildet, ist eine fruchtbare, nur

unmittelbar an der Flußmündung mit hochstämmigen Bäumen bewachsene

Ebene. Das jenseitige Ufer des Hartflusses ist viel höher, steigt auch

zu einer Felsenhöhe empor, die von Schieferlagern gebildet und von

petrefactenarmem Kalk überlagert, jene oben erwähnte nach dem N'Kaap

hinziehende Hochebene bildet. Diese Höhe fällt unmittelbar am Vaalflusse

oberhalb der Biegung steil ab, und wird von einer hier einmündenden

Schlucht getheilt, welche ich manches interessanten Fundes halber

(meiner Vaterstadt zu Ehren) die Holitzer Schlucht nannte und die kaum

300 Schritt von der Hart-Rivermündung entfernt liegend, mit der von

Hübner entdeckten Klippdachsgrotte nicht zu verwechseln ist. Beide Ufer

des unteren Hart-River gehörten früher zum Besitze des 3 englische

Meilen entfernt am rechten Ufer in der »Stadt« Lekatlong wohnenden

Batlapinenfürsten Jantsche, der gegenwärtig als englischer Unterthan

eine jährliche Subvention von 200 £ St. erhält.

Der Abstieg von der hohen Ebene von Gong-Gong in das Hart-Riverthal

führte uns an dem im bereits bekannten südafrikanischen Styl erbauten

Gehöfte eines Store-Keepers (Kaufmannes) vorüber. Der freundliche

Empfang, den wir bei diesem fanden, brachte uns bald näher und so erfuhr

ich, daß er ein Deutscher sei, der an eine holländische Frau

verheirathet, im nahen Delportshope sein Glück im Diggen versuchte,

dabei aber noch ein kleines Tauschgeschäft mit den Batlapinen des

unteren Hart-Riverthales betrieb und das Holz der Kameeldornbäume, die

hier das jenseitige Ufer des Vaal dicht bedeckten, auf dem Markte in

Kimberley verkaufte.

Seine uns bewiesene Gastfreundschaft und das Bestreben, sich uns

gefällig und nützlich zu erweisen, hätte bald ein Menschenleben

gefordert. Als er meine naturhistorischen Sammlungen, all' die von ihm

so verabscheuten Reptilien und das giftige Gewürm in theurem Spirit of

wine (Spiritus) präparirt sah, war sein Erstaunen nicht gering, da er

aber bemerkte, welchen Werth ich auf die Acquisition schöner Exemplare

dieses »Gut« (spr. Chut) legte, war er bemüht, mir solches zu

verschaffen. Besondere Freude glaubte er mir durch den Fang einer

Fischotter[1] zu bereiten. Da es schwer hielt, die scheuen Thiere

lebendig zu fangen, wollten er und seine Freunde mir mindestens zu

einigen Bälgen verhelfen. Ein junger Holländer hatte deshalb sein altes

Schrotgewehr geladen, jedoch zu stark, beim Schusse barst das

Gewehr--glücklicherweise ohne den Schützen oder Jemanden seiner Umgebung

zu verletzen.

1: Ich beobachtete drei Fischotterarten in Süd-Afrika, eine in den

Strömen der südlicheren Partien und zwei im Limpopo- und

Zambesi-Gebiete. Wenn die eine auch größer als die unsrige ist, hat

doch keine der drei Arten einen gleich werthvollen Pelz.

In der durch Jahrtausende hindurch thätige Erosion ausgewaschenen

Felsenmulde der Holitzer Schlucht, machte ich bei näherer Besichtigung

derselben die interessante Entdeckung, daß dieselbe ein wahres

schützendes Asyl für die artenreiche niedere Thierwelt und ein

natürliches Treibhaus für die Vegetation sei. Während ich an den offenen

Ufern des Vaal körner- und insectenfressende Singvögel nur in kleinen,

mehrere Pärchen zählenden Colonien vorfand, wiederhallten hier die

dichtbebuschten, bald terrassenförmig, bald steil abfallenden Wände der

Schlucht von dem tausendstimmigen Gezwitscher der verschiedenartigsten

Sänger. Die Bezeichnung »schützendes Asyl« ist eine um so zutreffendere,

wenn wir die Lage und Umgebung der Schlucht näher in's Auge fassen. Die

Schlucht--offenbar nur die Fortsetzung, d.h. das durch das Wasser

muldenartig ausgewaschene Ende eines seichten Wiesenthales der

Hochebene--ist an ihrem oberen Rande derart von dichten und dornigen

Büschen eingerahmt, daß nur sehr kleine Thiere ungehindert Zu- und

Ausgang finden; nach unten ist sie vom Flusse aus begrenzt, dessen

steiles und hohes Felsufer, eine wirksame Schutzwehr gegen mordlustige

Eindringlinge bildet.

Am Grunde der Schlucht, unter dem Schatten breitstämmiger,

dichtbelaubter Bäume, erfreut uns das dunkle, saftige Grün eines üppigen

Rasens; hier konnten wir das muntere Treiben der Springhasen, kleiner

Gazellen, des Klippdachses und der Wildenten belauschen, während aus dem

dichten Laube der Bäume das Geschnatter einer hier in Ruhe nistenden

Chenalopex (Gansart) heraustönte. Den Reiz dieses verborgenen

Erdenwinkels erhöhte das Rauschen eines von den dichten beerenbehangenen

Büschen fast völlig verdeckten Wasserfalles im oberen Theile der

Schlucht, dessen Ufer (von einer Kalksteinlage überdeckter Sandstein)

grottenähnlich ausgehöhlt sind. Zur Trockenzeit versiegt nun allerdings

das die ganze Scenerie belebende Rauschen des Bächleins. Mein Entzücken

über dieses aus der anmuthslosen Umgebung edengleich hervorstechende

Plätzchen war vollständig, als ich am Boden der Schlucht eine dichte

Lage von Fossilien der letzten Alluvial Periode, darunter auch eine

Tigerschneckenart entdeckt hatte.

An einem der zahlreichen, sein Geäste über die Schlucht ausbreitenden

Bäume entdeckte ich einen mächtigen Nestbau, den ich für den eines Affen

hielt, jedoch später erkannte, daß er einem der größten befiederten

Nestkünstler, dem Hammerkopf angehöre. Dieser etwa 18 Zoll hohe, durch

ein schön braunes Gefieder und einen langen Schopf am Hinterkopfe

ausgezeichnete Vogel baut zwischen den Gabeln starker Aeste meist

solcher Bäume, welche Abgründe und Flüsse überhängen, oder zwischen

steilen Felsenklüften sein 18 Zoll bis 3 Fuß hohes im oberen Umfange 6-8

Fuß haltendes, nach unten spitzig zulaufendes Nest, das einem

abgestutzten, oben umgekehrten Kegelkörper nicht unähnlich ist. Das

Ganze stellt einen soliden, oben gedeckten und eine geräumige Kammer

enthaltenden Bau dar; in die Kammer führt eine viereckige 8-10 Zoll im

Quadrat messende Oeffnung. Der Bau, in dem eine Menge von Knochen

anzutreffen sind, ist meist aus Reisig aufgeführt.

Doch auch dieses Eden, vielleicht nicht unrichtig mit einem im tauben

Flußgerölle verborgenen Diamanten zu vergleichen, hatte seine Schlangen.

Ich fand in der Holitzer Schlucht nicht weniger als sieben Arten, unter

diesen zwei Species der in ganz Süd-Afrika wohl bekannten Cobra. Das

erste Thier erblickte ich in dem Momente, als ich Insecten suchend,

einen schweren Stein aufhob. Anfangs bemerkte ich nur, daß sich unter

demselben in einer mäßigen Vertiefung die Reste eines Mausnestes

befanden; der durch das Laubdickdicht dringende Sonnenstrahl ließ mich

aber sofort die glitzernde Haut einer Schlange erkennen. Da ich keine

geeignete Angriffswaffe bei mir hatte, blieb ich unbeweglich stehen, um

nach der Flucht der Schlange das Nest nach kleinen Insecten durchstöbern

zu können. Ich hatte auch nicht lange zu warten; durch die warmen

Sonnenstrahlen geweckt, löste sich aus dem weichen Wollbettchen ein über

vier Fuß langer Knäuel auf. Beim Emporrichten erblickte mich die

Schlange sofort und schon fauchte sie, wie es die Cobras[1] thun, mit

dem vorderen Drittel ihres Körpers aufgerichtet, nach mir herüber. Dabei

blähte sie den dunkelgefärbten, ringförmigen, etwa zwei Zoll breiten

Halstheil auf und züngelte lebhaft mit der gespaltenen dunklen Zunge.

Meine Haltung mußte in ihr die Besorgniß einer drohenden Gefahr erweckt

haben, denn sie verschwand bald darauf im dichten Gebüsch.

1: Obgleich ich während meines siebenjährigen Aufenthaltes mehr als

200 Schlangen erlegte, beobachtete ich in Süd-Afrika außer den drei

Mambaarten keine Schlange, die ungereizt den Menschen angreifen

würde.

[Illustration: Nest des Hammerkopf (Scopus Umbretta).]

Bevor ich mich auf diese erste Versuchsreise begab, hatte ich eines

Tages, als ich mit meinem Gefährten F. zwischen den Gesteinen auf den

Ebenen zwischen Dutoitspan und Kimberley nach Insecten und Echsen

fahndete, eine über 5 Fuß lange Cobra angetroffen; es war ein Exemplar

von seltener Schönheit, und da ich keine bessere Waffe zur Hand hatte,

griff ich schnell entschlossen nach einem der zahlreich umherliegenden

Ochsenskelette, brach eine Rippe davon ab und verfolgte das Reptil. In

die Enge getrieben, wendet sie sich plötzlich um und richtete sich fast

hart vor mir hoch auf; ich war aber schon zu weit vorgebeugt, um

zurückweichen zu können, ein minutenlanges Zagen und ich war verloren,

doch meine Geistesgegenwart verließ mich nicht, ein kräftig und sicher

geführter Hieb in den Nacken und das schöne aber gefährliche Thier war

mein; mit triumphirender Miene trugen wir das um die Rippe gewickelte

Reptil heim.

Unter allen südafrikanischen Giftschlangen halte ich die Mambaarten,

eine grüne, eine schwarze und eine gelbliche Species für die

gefährlichsten. Mir sind Fälle bekannt, daß Mamba's (von den beiden

ersten Arten, welche die wärmeren Buschpartien an der Küste bewohnen)

nach dem Erblicken eines Menschen sofort zum Angriffe übergingen. Ich

will hier nur eines solchen gedenken. Einige Kaffernkinder, die sich in

den nur einige hundert Schritte vom Hause entfernten Büschen spielend

ergötzten, wurden einer aus diesen hervorschleichenden Mamba gewahr; die

Gefährlichkeit des Thieres kennend, wandten sie sich sofort auf der

nahebei vorüberführenden Straße zur Flucht; nach einer Weile im Laufe

innehaltend, blickten sie hinter sich und mäßigten nun, nachdem sie das

Thier nicht mehr erblickten, ihre Schritte. Wenige Minuten darauf aber

schrie plötzlich eines der Kinder laut auf, die Schlange hatte

ihrerseits deren Verfolgung nicht aufgegeben und nun eines derselben in

die Ferse gebissen. Eine Viertelstunde später war das Kind eine Leiche.

Die schmutzig-ockergelbe Mamba der wärmeren, nördlichen Partien des

centralen Süd-Afrika, gibt auf eine andere, in den Mapaniwäldern der

Sibanani-Ebene häufig zu beobachtende Weise den Rach- und Mordsinn[1]

ihrer Familie zu erkennen. Auf Wildpfaden, da wo diese zum Wasser führen

und wo sich zwei brüchige und hohle Mapanibäume einander

gegenüberstehend mit ihren dichten, doch nicht breiten, unscheinbaren

Kronen berühren, wird man diese Mamba finden. Sie liegt in dem Geäste

und zwischen dem dichten ölhaltigen Laube der Bäume auf der Lauer;

nähert sich ein Geschöpf, so rollt sie sich mit dem Schwanze um einen

Ast und läßt sich mit dem Vorderkörper nach abwärts, hier aus dem

Gezweige zwischen den zwei Stämmen nach dem Pfade zu wie ein Assagai

herunterhängend. Da sie keine auffallende Farbe besitzt, wie ihre grüne

und schwarze Schwester, so wird sie namentlich von dem Europäer gar

nicht bemerkt und kann so bei der Heftigkeit ihres Giftes leicht sehr

gefährlich werden.

1: Ich schreibe ihr ausdrücklich Mordlust zu, denn sie ist nie im

Stande, die von ihr getödteten Thiere zu verschlingen.

Am selben Tage als ich in der Holitzer Schlucht jener Cobra

gegenüberstand, wurde auch einer meiner farbigen Diener nicht wenig

durch eine ähnliche Schlange erschreckt. Eben damit beschäftigt, ein

angeschossenes Täubchen aus dem Dickicht des Uferabhanges

herauszusuchen, sprang er plötzlich mit einem lauten Schrei aus den

Gebüschen und eilte mit dem Rufe »Sir a Slang« zu mir. Alle Eingebornen,

mit Ausnahme der unter den Zulus als Zauberer bekannten Medicinmänner,

fürchten sich ähnlich wie die Affen, ungemein vor diesen Reptilien. Zwei

Tage später erschoß ich am Grunde der Schlucht eine jener kurzen,

schwarzen, von den holländischen Farmern ob ihres weißen, die untere

Halspartie kennzeichnenden Fleckens Ringhals benannten Schlangen. Der

früher erwähnte Kaufmann, dem ich mein Zusammentreffen mit dieser

Schlange mittheilte, wußte mir etwas mehr über diese Schlangenart zu

erzählen; eines Vorfalls, von dessen Wahrheit ich mich nur zu sehr durch

andere ähnliche in der Folgezeit beobachtete Thatsachen überzeugen

konnte, sei hier gedacht. Einige Monate vor meiner Ankunft fiel es dem

Farmer auf, daß eine seiner täglich am jenseitigen Ufer weidenden Kühe

regelmäßig durch mehr denn zwei Wochen um ein bis zwei Stunden später

als die übrigen Thiere der Heerde in's Gehöfte zurückkehrte. Da es in

der Nähe keine gefährlichen Raubthiere gab, ließ man die Thiere ohne

Hirten auf die Weide gehen. Als nun dem Besitzer das eigenthümliche,

tägliche Ausbleiben des einen Thieres auffiel, sandte er einen seiner

Diener aus, um die Ursache dieser auffälligen Verspätung zu erforschen.

Schon nach kurzer Zeit hörte der Farmer den Ruf des Dieners: »Bas, Bas,

fat det rur[1] (Herr, fasse das Gewehr) und komm, schnell herüber, ein

Ringhals säugt an Deiner Kuh.« Aeußerst begierig den Vorfall zu sehen,

rief der Farmer seine Freunde zusammen und eilte nach dem Flusse. Unweit

des Flusses sah er die Kuh gemächlich niedergekauert grasen, und um ihre

Hinterfüße zur Hälfte geschlungen hielt sich ein Ringhals aufrecht an

einem der Euter begierig saugend. Er war schon vollgesogen und hatte

ganz das Aussehen eines riesigen Blutegels; der schwer angeschwollene

Leib glitt fortwährend ab. Bevor die erstaunten Zuseher noch in die Nähe

gelangt waren, verschwand die Schlange spurlos in den Büschen. Am

folgenden Tage gelang es den Farmerleuten, sich ganz leise dem Busche zu

nähern und das vollgesogene Reptil gefahrlos zu erlegen.

1: Geschrieben wie es ausgesprochen wird.

[Illustration: Mamba auf der Lauer.]

Etwas Aehnliches ereignete sich einige Jahre vor meinem Besuche

Süd-Afrika's in dem Freistaat-Städtchen Philipolis. Einer meiner

Freunde, Mr. K., den ich in den Diamantenfeldern kennen lernte, war

daselbst in dem Geschäfte eines Herrn H. thätig und wohnte in dessen

nächster Nähe, in einem etwas höher als das Niveau der Straße stehenden,

aus Backsteinen solid erbauten Hause. Er war eines Nachmittags mit

einigen Boers beschäftigt, als ihn seine Magd mit der Nachricht abrief,

daß sein kleines Kind in Lebensgefahr schwebe. Ohne Ahnung, was diese

Nachricht zu bedeuten habe, ließ der Mann Waare und Käufer im Stich und

eilte nach Hause. Heimgekommen findet er seine Frau vor Schrecken

wortlos im Vorhause, während ihm sein Töchterchen in kindlicher

Harmlosigkeit erzählte, daß eine lange schwarze Katze aus Baby's Flasche

die Milch trinke. Mr. K. eilte in die Kinderstube und findet sein

kleines Kind schlafend, auf der Erde die halbgeleerte, mit einem

Gummisauger versehene Milchflasche. Unterdessen hatte sich die Frau

einigermaßen von dem tödtlichen Schrecken erholt und begann den Vorfall

zu erzählen. Als ihr das kleine Töchterchen von einer schwarzen, langen

Katze erzählte, da war sie sofort zum Baby geeilt; ein ihr Mutterherz

mit Entsetzen erfüllender Anblick bot sich ihr; eine schwarze Schlange,

die neben dem Säugling zusammengerollt lag und aus der halbliegenden

Flasche, die dem schlafenden Kinde aus dem Munde entschlüpft war, Milch

sog. »Mit einem Schrei stürzte ich heraus und das mußte wohl das Reptil

so erschreckt haben, daß es herunterfiel, oder sich irgendwo im Bettzeug

versteckte, ich hörte auch die Flasche fallen, dann fühlte ich ein

solches Zittern, daß ich nicht mehr das Zimmer betreten konnte.« Mr. K.

sah sich erst im Zimmer nach der Schlange um, und der erste Blick, den

er unter das Bett warf, überzeugte ihn, welchen gefährlichen Gast das

Zimmer beherberge. Um die Schlange anzulocken und sie sicher zu treffen,

schob er die Flasche mit dem Sauger nach dem Reptil zu unter den Rand

des Bettes, während ihm seine Frau einen Kiri brachte. Die Schlange

konnte dieser Lockung nicht widerstehen, doch im nächsten Augenblicke

zerschmetterte ein einziger Schlag Schlange und Flasche. Nach Jahren

erst erfuhr Baby[1] in welcher Gefahr sie geschwebt und welch'

wunderliche, schwarze Katzen es früher in Philipolis gab.

1: Baby nennt man ein kleines, unmündiges Kind, und zwar stets das

Jüngste.

In geographischer Hinsicht war es mir von großem Interesse, die Tiefen

der von mir überschrittenen und besuchten Flüsse kennen zu lernen, und

ich war, wo dies nur immer anging, und nicht Krokodile ein solches

Beginnen vereitelten, bemüht, diesbezügliche Messungen anzustellen; in

Ermanglung eines Bootes und anderer Apparate mußte ich die Tiefe an

meiner Person selbst erproben. Ein Unfall im Harts-River, der mich näher

als ich ahnte, an den Rand des Grabes brachte, verleidete mir für die

Folge solch' gewagte Experimente immer mehr, bis ich sie schließlich

ganz aufgab.

Es sei mir hier gestattet, diesem Unfall einige Worte zu widmen. Um eine

passende Uebergangsstelle für meinen Wagen zu finden, mußte ich die

Tiefe des nahe unserem Lagerplatze 6-8 Meter breiten Harts-Rivers

untersuchen. Ich fand endlich eine mir günstig scheinende Stelle, die

hohen und trockenen Ufer, die geringe Wassertiefe von 14-16 Zoll in

dessen Nähe, bestärkten mich in der Hoffnung, die richtige Furth

gefunden zu haben. Nachdem ich mit einem kühnen Wurfe den nothwendigsten

Theil meiner Garderobe an das jenseitige Ufer befördert, ging ich daran,

den Fluß zu übersetzen; schon nach dem ersten Schritt versanken meine

Füße in tiefem Schlamm, langsam und vorsichtig den Grund prüfend, hatte

ich etwa die Mitte der Flußbreite erreicht, ich stand in zwei Fuß tiefem

Schlamm und ebenso tiefem Wasser. Jeder weitere Schritt zeigte mir, daß

die Schlammschichte an Tiefe zunehme, ich wollte nur noch einen Schritt

nach vorwärts versuchen und wenn die Tiefe nicht abnahm, umkehren, doch

dazu kam es nicht mehr; ich sank immer tiefer und tiefer. Dabei fühlte

ich, wie der Schlamm immer zäher und consistenter wurde.

Ein Hilferuf hätte kaum Erfolg gehabt, denn der Wagen war zu weit

entfernt. Meine Lage war, ich muß gestehen, eine mich im höchsten Grade

beängstigende. Schon umspülte das Wasser mein Kinn, und ich schien

rettungslos verloren, als ich im Bewußtsein der eminenten Gefahr,

vielleicht instinctmäßig den Oberkörper mit einem gewaltsamen Ruck nach

vorwärts bog und mit den Händen die Bewegungen des Schwimmens versuchte.

Ich kam so, nachdem die Brust die dünne oberste Schlammlage zertheilt

hatte, mit Gesicht und Brust unter das Wasser, flach auf den Schlamm zu

liegen; ein mit aller Kraft unternommener Versuch, den einen Fuß aus dem

zähen Schlamm zu befreien, glückte. Doch nun drohte mir der

Erstickungstod im Wasser und ich mußte wieder den Kopf über Wasser

halten, um Athem zu schöpfen. Es war indeß kein Moment zu verlieren,

wollte ich nicht den errungenen Vortheil opfern; ich wiederholte den

vorerwähnten Versuch und endlich fühlte ich den zweiten Fuß aus seiner

Umklammerung befreit. Ein zweiter Ruck nach vorwärts und es gelingt mir,

meine Hände in den festen Schlamm des jenseitigen Ufers einzugraben. Ich

war gerettet. Es bedarf wohl keiner weiteren Worte um meine Stimmung,

meinen Körperzustand zu schildern, als ich wieder festen Boden unter mir

fühlte.

Ich hatte mich kaum von der natürlichen Aufregung in Folge des mir

zugestoßenen Unfalls erholt, als mir schon am folgenden Tage eine

andere, höchst empfindliche Ueberraschung erwuchs und ich den bei vielen

afrikanischen Stämmen so hoch entwickelten Diebssinn kennen lernte. Mein

Reitpferd war plötzlich verschwunden, vergeblich alle unsere vereinten

Bemühungen, eine Spur der Diebe zu entdecken. Erst nach sieben Jahren,

gelegentlich eines Ausfluges, den ich aus den Diamantenfeldern nach dem

Vaal machte, erfuhr ich von dem bereits mehrfach erwähnten Kaufmann, daß

Jantsche's Leute das Pferd gestohlen hatten.

Nach mehrtägigem Aufenthalte an dieser mir in lebhafter Erinnerung

bleibenden Stelle setzten wir unsere Reise im Thale des Hart-Rivers

aufwärts fort.

Ab und zu verengt oder erweitert sich das Thal, je nachdem die es zu

beiden Seiten begrenzenden, zumeist parallel laufenden Felsenhöhen näher

aneinander oder weiter auseinander rücken, und behält diesen Charakter

bis in die Nähe des Hauptortes des freien Batlapinenreiches, Taung. Von

der Fruchtbarkeit des Bodens gaben die durchschnittlich ¼-½ Aere

Flächeninhalt messenden und gut bebauten Felder Zeugniß, deren

Gesammtausdehnung ich zu 1000 Schritt Länge und 2-400 Schritt Breite

schätzte. Etwa hundert einzeln oder in kleinen Gruppen die Parzellen

dieser bebauten Fläche bearbeitende Frauen belebten diese Strecke. Hier

war eine Gruppe damit beschäftigt, die reifen Maiskolben abzubrechen,

dort wieder das Feld auszujäten, andere wieder bearbeiteten mit äußerst

primitiven Hauen den Ackerboden. Manche der Maispflanzen standen noch

sehr niedrig, dagegen waren bereits Kürbisse und Wassermelonen in der

Reife so weit vorgeschritten, daß den arbeitenden Frauen das Vergnügen

vom Gesichte abzulesen war. Unter den Frauen bemerkten wir auch Mädchen

und Greisinnen, denen die leichten Arbeiten, namentlich das Grasjäten

und das Zusammentragen der Maiskolben oblag. Mehrere der Frauen trugen

einen Säugling in einem Ledersacke am Rücken befestigt, oder hatten ihn

auf einer auf der Erde liegenden kleinen Carosse gebettet, umgeben von

mehreren bereits den Kinderschuhen entwachsenen Vertretern der

hoffnungsvollen Jugend von Lekatlong, welche sichtlich bemüht waren, den

kleinen Schreihälsen die Zeit und die quälenden Fliegen zu vertreiben,

welches letztere sie theils mit Blättern, theils mit aus Thierschwänzen

verfertigten und auf Holzstäbchen befestigten Wedeln mit wechselndem

Erfolge zu Stande brachten. Manche der Frauen hatten blos einige Lappen

(meist die Mädchen), andere eine kurze bis zu den Knieen reichende,

glatt gegerbte Carosse um die Hüften geschlungen, andere wieder ein

kurzes, viereckiges Fell als Vorder- und ein größeres, mit eingenähten

schwarzen Lederringen geschmücktes als Rückenschürze benützt. Von der

Stirn perlender Schweiß gab Zeugniß, daß sie wacker zur Arbeit hielten.

Als Schmuck trugen die meisten Schnüre von großen blauen Glasperlen am

Halse, aus Messingdraht geflochtene Ringe an den Armen und aus einem

ähnlichen Material gearbeiteten Ohrschmuck, der jedoch bei den ärmeren

nur aus rundlichen Holzpflöckchen bestand. Den Kopf hatten beinahe alle

mit einem kegelförmigen aus Stroh oder aus Binsen und Gras geflochtenen,

tief in's Gesicht fallenden Hute bedeckt, der ihnen unter ein »pund« (£

St.) nicht feil war.

[Illustration: Im Schlamme des Harts-River versunken.]

[Illustration: Ackerbau bei den Batlapinen.]

Das heitere und spöttische Lachen der schwarzen Schönen galt besonders

unserem Begleiter F., dessen herausforderndes Benehmen das Hauptziel

ihrer Witze bildete,--diese fröhliche Stimmung der Batlapinen

erleichterte auch den lebhaften Tauschhandel, der sich an unserem

Reisewagen entwickelte und bei welchem wir gegen einige Stückchen

Transvaaltabak und einige färbige Taschentücher unseren Bedarf an

Melonen und Kürbissen einhandelten.

Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster Band. Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879). · 第 18 / 37 题