Die Diamantenfelder.
Leiden und Freuden in meiner ärztlichen Praxis.--Ein nächtlicher
Ueberfall.--Dutoitspan und Kimberley.--Diggerverfahren.--Panorama der
Kopje.--Morgenmarkt.--Meine erste Pavianjagd.--Vorbereitungen zur ersten
Reise.
Es war nicht allein die trostlose Gegend, der höchst unfreundliche
Anblick der Städte (Diamanten-Fundorte) und das rauhe stürmische Wetter,
welches täglich in den verschiedensten, aber immer gleich unangenehmen
Variationen uns seine Wuth fühlen ließ, was mich so niedergeschlagen
machte. Meine Verhältnisse waren auch trostlose. Im Vertrauen auf die
Versprechungen des Kaufmannes in Fauresmith hatte ich es versäumt, mir
von Herrn Adler in Port Elizabeth Empfehlungsbriefe für die
Diamantenfelder zu erbitten und meine Baarschaft war auf fünf Shillinge
reducirt, ein Betrag, kaum hinreichend, um die Kosten einer Mahlzeit zu
decken. Ich sollte hier entweder »diggen«, d.h. nach Diamanten graben,
oder unter der aus aller Herren Ländern zusammengewürfelten, theilweise
mehr als zweifelhaften Gesellschaft ärztliche Praxis ausüben, um meine
Existenz fristen, sowie um mir die Mittel zur Weiterreise verschaffen zu
können. Meine Lage war um so schlimmer, als ich weder der englischen,
noch der holländischen Sprache mächtig war, die wenigen Redephrasen, die
ich mir früher aneignen konnte, reichten kaum hin, um mich nothdürftig
über die allereinfachsten Dinge zu verständigen, geschweige denn mit
einem Kranken zu verkehren. Die Wahl zwischen dem »Diggen« und
»Prakticiren« war bald entschieden, zu dem ersteren brauchte ich ein
Capital--das ich nicht besaß--zum letzteren blos eine mitleidige Seele,
welche mir auf einige Wochen ein Zelthäuschen und einige Möbelstücke
lieh. Der Zufall war mir hold.
Ich hatte nämlich einen Brief in der Tasche, der mir als
Empfehlungsbrief dienen, zugleich aber auch dem Adressaten mehr als ein
solcher sein sollte. Dieser war nämlich kränklich und wollte, da er in
den Diamantenfeldern keine Besserung erreichen konnte, nach Europa
reisen, um hier von den Aerzten Heilung seiner Krankheit zu suchen.
Glücklicherweise war dieser Mann der deutschen Sprache mächtig, und als
ich ihm meinen Empfehlungsbrief übergab, aus welchem er entnahm, daß er
einen Arzt vor sich habe, wollte er es noch mit mir versuchen, ehe er
die beabsichtigte Fahrt nach Europa antrat, ein Entschluß, der
angesichts der hohen Kosten einer solchen Reise dem praktisch angelegten
und sparsamen Mann nicht schwer fiel. Es gelang mir denn auch, denselben
in acht Tagen so weit herzustellen, daß er seine Reise definitiv aufgab,
und sich meiner Behandlung vollends anvertraute. In dem Maße aber als
mein Patient praktisch war, fehlte mir diese Tugend, ich unterließ es,
meine Forderungen zu fixiren, und nahm mit Dank gleichsam als
Abschlagszahlung für meine Dienste das an, was er mir bot. Er stellte
mir nämlich ein altes, morsches Zelthäuschen zur Verfügung, lieh mir
großmüthig 5 £ St., eine Gefälligkeit, um welche er von dem Kaufmanne in
Fauresmith ersucht worden war, und einige der nothwendigsten, allein
nichts weniger als comfortablen Möbelstücke. In meiner Lage sah ich
jedoch all' dieses als eine sehr große Gefälligkeit an, und hatte meine
herzliche Freude, den »Herrn Gönner« unter meinen Augen genesen zu
sehen.
Dieses etwa 3½ Meter breite, ungefähr 3 Meter lange und 2 Meter hohe
Zelthäuschen bestand aus Fichtenlatten, die mit einfacher Segelleinwand
überzogen waren. Die Leinwand war durch Staub und Regen so morsch
geworden, daß sie weder vor Wind noch vor den eindringenden Staubmassen
schützte, die Latten knarrten bei jedem Windstoß und wäre nicht ein
hölzernes Waarenhaus zur Seite gestanden, das dem Zelthause einigen
Schutz verlieh, ich glaube die heftigen Südwinde, welche ihm oft eine
völlig windschiefe Form gaben, hätten diese Ruine schon längst von der
Erde gefegt. Auch der Zugang war recht bequem. Die Hütte stand nämlich
knapp an der nach Kimberley (dem Hauptorte der Diamanten-Fundstätten)
führenden Straße, und es kostete immer einen beherzten Sprung über den
Straßengraben, wenn man den Eingang erreichen wollte. Die Thüre stellte
ein beweglicher, mit Segeltuch überzogener Holzrahmen dar; um halbwegs
sicher zu sein, stemmte ich Nachts von Innen eine Eisenstange vor, die
ich in meinem »Grund und Boden«, den natürlichen Parquetten meines
luftigen Palastes, gefunden. Statt des Fensters war eine bewegliche
Leinwandklappe angebracht, welche bei dem geringsten Windstoße auf- und
zuflog. Ein grüner Tuchlappen theilte den Innenraum in zwei Gemächer.
Das erste Gemach war mein Consultations-, mein Arbeitszimmer und die
Apotheke; sein Meublement bestand aus einem alten, unangestrichenen
Tische, zwei gleichen Stühlen und zwei Kisten, von welchen die eine zur
Aufbewahrung meiner Medicamente, die zweite als Bücherschrank diente;
war der Krankenbesuch zahlreich, und dies geschah, wenn eine ganze
holländische Farmerfamilie mir in's Haus fiel, so stellten diese Kisten
so etwas wie Fauteuils im Ordinationszimmer meiner etwas comfortabler
eingerichteten europäischen Collegen vor. Die zweite und etwas kleinere
Hälfte meines Zelthauses war meine Küche, meine Speisekammer und
Schlafzimmer, sowie das für die Arbeiten meines Dieners bestimmte
Local--Arbeiten, die ich mir vorderhand, bevor sich noch ergiebigere
Einnahmen eingestellt hatten, nolens volens selbst verrichten mußte.
Eine ähnliche splendide Ausstattung hatte mein Lager, auf welchem ich
mich ohnehin meistens schlaflos vor Kälte zitternd, zusammenkauerte. Das
eleganteste europäische Möbelstück war noch mein von der Reise arg
hergenommenes Kofferchen.
Um die zu einer Reise in's Innere nöthigen Mittel möglichst bald zu
erwerben und den Verpflichtungen, unter denen namentlich die Holitzer
Sparcasse mit 300 fl., Herr Hermann Michaelis mit 16 £ St. etc.
figurirten, gerecht zu werden, nahm ich mir vor, mich auf das Möglichste
einzuschränken und so lebte ich auf Monate hin--als ich auch später eine
Wohnung nehmen mußte, in der größten Einfachheit und Zurückgezogenheit;
da mich die Theuerung in den Diamantenfeldern sehr erschreckte und mir
der geringe Werth des Geldes--denn damals herrschten noch gute Zeiten in
jenen Districten--auffiel, besorgte ich mir selbst die Küche. Sobald es
dunkel geworden war und die Straßen menschenleer erschienen, besorgte
ich meine Einkäufe und versah mich mit dem nöthigen Wasservorrath für
den nächsten Tag, theilweise zur Herstellung der Arzneien, größtentheils
aber, um allen gewöhnlichen Ansprüchen--und diese waren, wie sich leicht
denken läßt, ziemlich mannigfaltige--zu genügen; mußte ich doch das Amt
der Waschfrau und Köchin versehen--daß ich mein eigener Leibschneider
war, brauche ich nicht weiter hervorzuheben.
Ich will die geehrten Leser nicht weiter in die Details meiner
Wirthschaft einführen, sondern nur bemerken, daß ich all' dies sehr
geheim halten mußte, da das Bekanntwerden dieser Details mir in meinem
Ansehen als Arzt sehr geschadet hätte. Mit der Zeit hatte ich nach und
nach eine ganz respectable Praxis erworben, deren Ertrag mich schon zu
Beginn des Monats October 1872 (ich war am 26. August in den
Diamantenfeldern angelangt) in den Stand setzte, meine Verpflichtungen
in der Heimat zu tilgen.
Allmälich konnte ich mich auch aus meiner Zurückgezogenheit hervorwagen,
mir eine kräftigere Kost gönnen, wenn auch meine Wohnung noch für lange
hin ein Zelthäuschen verblieb, was wohl etwas unbequem war und manches
Ungemach im Gefolge hatte, allein mir in meinem »öffentlichen« Auftreten
zu jener Zeit keinen Abbruch that. Meine Praxis war mir dadurch
bedeutend erleichtert worden, daß viele Deutsche, die von dem neu
angekommenen, deutschsprechenden Arzte hörten, zu mir pilgerten. Damit
war auch beiden Parteien geholfen, ich hatte aber noch den Vortheil,
meine Kenntnisse in der holländischen Sprache in überraschend kurzer
Zeit zu erweitern.
Zu der Zeit meines ersten Besuches waren die Diamanten-Fundorte noch
nicht von allen den unreinen Elementen so gesäubert, wie es gegenwärtig
der Fall ist; viele Abenteurer hatten sich da eingefunden und da die
Engländer in dem erst kürzlich zuvor erworbenen Lande noch nicht alle
Reformen durchzuführen Gelegenheit gehabt hatten, war die Sicherheit des
Eigenthums und selbst des Lebens noch ziemlich problematisch. Den
Uebelthätern konnte man aber um so weniger beikommen, als die meisten
nach vollbrachter That das Weite suchten und in einer halben Stunde, von
den Central-Diamantenfeldern (Dutoitspan, wo ich mich niedergelassen,
bildet den östlichen Theil derselben) aus, den Oranje-Freistaat
erreichten, wo sie vollständig geborgen waren, da die Regierung des
Freistaates den Engländern noch immer ob der Annexion von
West-Griqua-Land (d.h. eben der Diamantenfelder) grollte und sich
deshalb auch nicht bemüssigt hielt, der englischen Polizei hilfreich die
Hand zu bieten. Seitdem aber England die Ansprüche des Freistaates auf
diese Provinz mit 90.000 £ entschädigte, haben sich diese Verhältnis
selbstverständlich zum Besseren verändert. Unter jenen Abenteurern gab
es viele, die sich darin getäuscht sahen, ohne jede Anstrengung in dem
Diamanten-Eldorado Reichthümer zu erwerben, und da sie schwere Arbeit
scheuten, bildete sich aus ihnen eine lichtscheue Bande, die auch unter
der schwarzen Bevölkerung Rekruten und Helfershelfer fand. Gelang es nun
auch, einen oder den anderen dieser Wegelagerer dingfest zu machen, so
bot die nichts weniger als solide Bauart der Gefängnisse keine
Sicherheit gegen Fluchtversuche; die Loslösung einer oder mehrerer
Platten der Blechbedachung war keine schwierige Leistung, auf dem Camp
gab es genug frei grasende Pferde, nichts leichter daher, als eine
Flucht, die nach einem viertelstündigen scharfen Ritte in ein
schützendes Asyl führte.
[Illustration: Nächtlicher Ueberfall.]
Wie sehr Vorsicht im Umgange mit den Bewohnern der Diamantenfelder am
Platze war, erfuhr ich leider selbst an einem im nahen (zwei englische
Meilen entfernten) Kimberley wohnenden Landsmann, in dem ich einen
Freund zu finden glaubte. Gleich vielen seiner Genossen hatte auch er
gehofft, hier in kurzer Zeit Schätze zu sammeln, und war Digger
geworden. So freundlich er sich mir aber im Verkehr zeigte, so
hinterlistig und ehrlos manövrirte er hinter meinem Rücken und trieb
länger denn zwei Jahre dieses Doppelspiel, bis mir Briefe aus der Heimat
die Augen öffneten.
Es mag vielleicht unglaublich erscheinen, aber thatsächlich war Neid die
Triebfeder seines ganzen Benehmens; er, der sich dazu ausersehen wähnte,
Afrika als Vertreter Oesterreichs zu erforschen, suchte mich, seinen
Nebenbuhler, zu verdächtigen.
Mit den Leistungen der vorerwähnten Strauchritterbande sollte ich früher
als mir lieb war, bekanntwerden. Von einem Besuche in Kimberley eines
Abends heimgekehrt, bemerkte ich, als ich eben mein primitives Lager
aufsuchen wollte, daß die Zeltwand in der hinteren rechten Ecke gerade
oberhalb der Stelle, wo mein Bettgestell stand, von oben bis unten
zerschnitten war. Ich hielt sofort unter meinen Mobilien und Schätzen
gründliche Nachschau, überzeugte mich aber, daß alles auf seinem Platze
stand, woraus ich schloß, daß der freundliche Besucher, welcher in
meiner Abwesenheit durch die Zeltwand hindurch bei mir vorsprechen
wollte, an der Ausführung seines Vorhabens durch irgend einen Zufall
gehindert worden war. Ich muß gestehen, daß ich diese Nacht nicht zu den
angenehmsten zählen konnte, da ich sie im Dunkeln mit dem Revolver in
der Hand durchwachen mußte. Bei reiflichem Nachdenken über den mir
zugedachten Besuch hielt ich es für das Beste, meine Visiten nach
Kimberley vorläufig einzustellen, um abzuwarten, ob sich derselbe nicht
vielleicht wiederholen würde. Ich sollte darüber nicht lange im Zweifel
bleiben; schon in der nächsten Nacht wurde ich darüber belehrt. Um den
nächtlichen Besucher an meiner Wachsamkeit irre zu führen, hatte ich
absichtlich den am Zelthäuschen verursachten Schaden nicht ausgebessert.
Ich löschte rechtzeitig mein Lieht aus, warf mich mit meinem
sechsläufigen Freunde auf meine Lagerstätte und wartete der Dinge, die
da kommen sollten. Es ist begreiflich, daß ich jedem, auch dem
unbedeutendsten und leisesten Geräusche in der Nähe meiner luftigen
Residenz meine volle Aufmerksamkeit schenkte. Als es in den Straßen
stille geworden war, glaubte ich Jemanden sich meinem Zelte von
rückwärts nähern zu hören, geräuschloser, als es ein Vorübergehender
thun würde, und was mir auffiel, nach der Stelle zu, wo Nachts zuvor der
Einbruch versucht worden war; ich erhob mich so sachte als möglich von
meinem Lager, und da der Lehmboden meine Tritte dämpfte, war es mir
möglich, dem von außen das Zelt Umgehenden Schritt für Schritt zu
folgen, bis wir beide an der Thüre angelangt waren. Bald vernahm ich den
Versuch, die Thüre aufzudrücken, ein Augenblick genügte, um die
vorgeschobene Eisenstange geräuschlos zu beseitigen und so dem
Ankommenden den Versuch, die Thüre zu öffnen, zu erleichtern. Im
nächsten Augenblicke riß ich die Thüre auf und der Eindringling, der
sich gegen dieselbe gestemmt, wäre fast in das Zelt hineingetaumelt. Den
Strolch bei der Kehle fassen und ihm den Revolver an die Brust zu
setzen, war das Werk eines Augenblickes. Nun sah ich bei dem schwachen
Schimmer des halb von Wolken bedeckten Mondes, daß ich einen halbnackten
Kaffer, der so schwarz wie ein Bewohner der Hölle war, gefaßt hatte. Der
Eindringling war durch das plötzliche Nachgeben der Thüre und durch den
Zusammenstoß, jedoch noch mehr durch die unsanfte Berührung seiner Kehle
und den Anblick der Waffe derart verwirrt, daß er an keinen Widerstand
dachte, kaum einige Worte, wahrscheinlich eine Entschuldigung, lallen
konnte, und dann flehentlich bat, ihn freizulassen. Wir waren in dieser
Weise über den Straßengraben in die Mitte der für ihn glücklicherweise
menschenleeren Straße gekommen, ein Allarm hätte wohl den Kerl um sein
süßes, schwarzes Dasein gebracht; ich schüttelte ihn weidlich durch,
ließ meinen Revolver noch etwas vor seinen Augen verheißungsvoll blitzen
und warf ihn dann in den Straßengraben zurück, aus dem er sich
blizschnell aufraffte und eiligst die Flucht ergriff. Als ich am
folgenden Tage meinen Patienten von dem nächtlichen Besuche erzählte,
bedauerten sie allgemein, daß ich den Strolch nicht niedergeschossen
hatte. Mein energisches und kluges Abwehren dieses Einbruchversuches
hatte den gewünschten Erfolg, ich wurde später nicht weiter belästigt,
und habe wiederholt die Erfahrung gemacht, daß dieses Diebsgelichter es
scheut, einen mißglückten Versuch zu wiederholen.
Daß mein Heim nichts weniger als einbruchsicher war, ist damit wohl zur
Evidenz erwiesen, daß es dem Regen und Winde freies Spiel ließ, habe ich
bereits erwähnt; ich sollte aber noch erfahren, daß der ganze Bau sich
der Elementargewalt des Windes gegenüber mehr als nachgiebig bewies.
Bevor noch die Katastrophe mit meinem Zelte eintrat, die ich in
Folgendem schildern will, sei es mir erlaubt, einer Episode aus meiner
Praxis zu erwähnen. Eben mit einem Patienten beschäftigt, sah ich einen
Fremden in meinen Ordinationssalon eintreten, und gedachte ihn zu
ersuchen, noch einige Augenblicke sich auf der Straße zu gedulden, als
ich an seiner Stimme einen meiner ersten Kunden erkannte. Es war ein
Deutscher, Namens Oppermann, ein Mann, den ich an einer Lungenentzündung
behandelt, und der durch einige Tage in Lebensgefahr geschwebt hatte.
Während wir unter der gegenwärtigen Behandlung gewöhnliche, meist durch
Verkühlung verursachte Fälle der Pneumonie (Lungenentzündung) in den
gemäßigten Strichen des europäischen Continentes meist in kurzer Zeit
gebessert und auch bald geheilt sehen, gehörten die Pneumonien in den
Diamantenfeldern, namentlich als noch die Zelthäuschen und die Zelte
überwogen und die Erkrankten gegen die Unbill des Wetters nicht den
geringsten Schutz fanden, zu den gefährlichsten Krankheiten. Auch diesen
meinen Klienten hatten dessen Freunde aufgegeben und erklärten mir, so
oft ich ihn besuchte, daß alle meine Mühe vergebens sei, der Mann müsse
doch sterben. Ich that dennoch mein Möglichstes, ihn gegen den
eindringenden Staub und die Kälte zu schützen, denn daß mein Erfolg in
diesem Falle für mich und die Zukunft meiner ärztlichen Praxis von
größter Tragweite sein mußte, ist wohl selbstverständlich.
Zu einem Ausgange in die freie Luft hätte ich den Mann noch nicht fähig
gehalten und war daher überrascht und erstaunt, ihn bei mir zu sehen.
Ohne auf meine Widerrede zu achten, bestand er, der hier in den
Diamantenfeldern Schiffbruch an seiner ganzen Habe gelitten, darauf,
mich für meine Mühewaltung zu entschädigen, und schloß seine Ansprache
mit den Worten: »Nun, Doctor, nur noch einige Worte: Sie wissen wohl
selbst, daß Sie mir das Leben gerettet haben, und da ich Ihnen wirklich
mit dem kleinen Geldbetrage nie meine Dankbarkeit hinreichend darthun
kann, erlaube ich mir, mich Ihnen zur Verfügung zu stellen, wenn Sie
mich als Begleiter auf Ihren Reisen brauchen könnten; ich werde gewiß
Alles thun, um mir Ihre Zufriedenheit zu erringen.« So hatte ich meinen
ersten Begleiter auf meine Reisen in das Innere gewonnen.
Und nun zum seligen Ende meines Zelthäuschens. Von einem Krankenbesuche
zurückkehrend, war ich nicht wenig erstaunt, trotz alles Suchens mein
afrikanisches Heim nicht mehr wiederzufinden; verblüfft blieb ich
stehen, sah mich nach allen Seiten um, die Staffage war dieselbe
geblieben wie immer, von einem Zelte aber keine Spur; während ich jedoch
noch darüber nachgrübelte, was da vorgefallen sein mochte, trat einer
meiner nächsten Nachbarn, ein Kaufmann, an mich heran und sagte
lächelnd: »Sie suchen wohl Ihr Haus, der Wind hat es weggeblasen; sehen
Sie, dort liegt es.« Und damit wies er auf einen etwa 150 Schritte
weiter liegenden Haufen von Leinwandstücken, zwischen denen einige
meiner Karten lustig im Winde flatterten. Ehe ich mich noch recht
besinnen konnte, führte mich der Kaufmann zu den Ruinen und dann in sein
Verkaufslocale und zeigte mir in einer Kiste die Ueberreste meiner Habe,
die er freundlichst gerettet hatte. Mir blieb keine lange Zeit zum
Nachdenken übrig, nachdem ich noch Manches aus den Trümmern gerettet,
was dem Kaufmann vielleicht überflüssiger Ballast scheinen mochte,
beeilte ich mich, da der Abend bereits angebrochen war, ein neues Zelt
zu suchen. Nach langem Suchen und Fragen war ich so glücklich, dem
Magistratsgebäude gerade gegenüber ein kleines Zelthäuschen vermiethet
zu erhalten. Dasselbe war von gleicher Beschaffenheit wie das eben vom
Wirbelwinde dagegen nicht so sehr vom Wind und Regen mitgenommen, auch
befand es sich in der Reihe der übrigen Segeltuch- und Eisenhäuschen,
welche die Hauptstraße von Dutoitspan bildeten, und war dadurch vor der
Wuth des Sturmwindes etwas geschützt. Als Miethe mußte ich monatlich 3½
£. St. bezahlen, und da der Besitzer desselben die Wissenschaft der
Hauseigenthümer gründlich studirt hatte, wurde mir diese Miethe im Laufe
eines Jahres auf 5 £. St. erhöht.
Ich hatte mich bald davon überzeugt, daß ich mit meiner neuen
Acquisition aus dem Regen in die Traufe gekommen war. Während der heißen
Jahreszeit mußte ich stets im Innern meines Hauses den Schirm
aufgespannt erhalten, um mich der durchdringenden Sonnengluth zu
erwehren, bei Regenwetter war ohne Schirm noch weit weniger zu bestehen,
denn das Wasser rann in feinen Fäden herab, dazu war der Raum so
beschränkt, daß ich namentlich bei meinen Kochversuchen in die ärgsten
Verlegenheiten gerieth.
Die Situation wurde aber eine in hohem Grade komische, wenn mich meine
Patienten consultirten, denn dann wurde ihnen das Vergnügen zu Theil,
den Schirm über uns beide emporzuhalten; glücklicherweise nahmen es
dieselben nicht so genau, waren an die rauhe Witterung und das rauhe
Leben in den Diamantenfeldern gewöhnt und so konnte ich auf
Entschuldigung der vielfachen Gebrechen meines Empfangssalons rechnen.
Eine der unangenehmsten Seiten meiner, sowie aller der Wohnungen mit
ungedielten Fußböden war, daß sie von allem möglichen Ungeziefer
strotzten. Mir wurde dieses in meiner neuen Wohnung zu einer wahren
Tortur und erst als ich sie nach etwa zehn Monaten mit einer anderen
vertauscht hatte, welche von dem Straßengetümmel abseits lag, fühlte
ich, was ich in der Mainstraße ausgestanden und war um eine Centnerlast
erleichtert.
Das ganze Arsenal von Vertilgungsmitteln, das mir zu Gebote stand,
Pulver, Carbolsäure, brachte nicht die mindeste Besserung zu Stande;
ergötzlich waren oft die Scenen, die sich unwillkürlich bei dieser
Sachlage während meiner ärztlichen Ordinationsstunden abspielten. Da
eines Tages wurde ich mitten in der Berathung mit den Worten
unterbrochen: »Please pardon, my Doctor, but you have a large flea
sitting on your left cheek.« Ja, mein aufmerksamer Patient ging noch so
weit, daß er, über diese Landplage der Diamantenfelder losziehend, den
Unverschämten von meiner Wange entfernte. Doch damit waren die
nächtlichen Ruhestörungen nicht erschöpft, es gehörte nicht zu den
außerordentlichsten Seltenheiten, des Morgens sich von einigen Kröten
angestaunt zu sehen, oder gar durch ein eigenthümliches Rascheln am
Boden aus dem Schlafe gerissen zu werden, und mit dem Licht in der Hand
im tiefen Negligé sich plötzlich entsetzt einer Cobra capella gegenüber
zu finden, die hochaufgerichtet, mit breit aufgeblähtem Halse den
Zelt-Insassen laut anzischte. Gewiß eine erfreuliche Bescheerung!
Werfen wir nun einen Blick in das Straßenleben der
Diamantenfelder-Städte. Es ist Mittag, die belebteste Stunde; von allen
Seiten strömen die durch den grauen Staub der Diamantengruben fast zur
Unkenntlichkeit entstellten Digger von der Arbeitsstätte nach ihren
Wohnungen, um hier für kurze Zeit Ruhe und Erholung zu suchen. Diese
Digger (Diamantengräber) sind--dies verräth ihr ganzes Benehmen und
Auftreten--theils selbstständige Besitzer kleiner Claims (Gruben),
welche die Arbeit in diesen selbst beaufsichtigen, oder Aufseher
(Overseer), welche im Dienste einer Gesellschaft oder eines reichen
Claimbesitzers stehen.
Ein Troß von Eingebornen aller Farben-Nuancen, bald schreiend und
lärmend oder sogar tanzend, bald stille wie eine gedrillte Truppe, folgt
den Diggern, ihren Herren; die verschiedenen Hautschattirungen
verschwinden für den flüchtigen Blick unter der monotonen grauen
Staubkruste, die alle gleichmäßig bedeckt, nur das äußere Costüm läßt
hie und da auf die innern Neigungen des Einzelnen schließen.
In das Gewühl der bunten Menge von Passanten mischt sich ein Troß von
Fuhrwerken aller Art, hier zwei- und mehrspännige, zweirädrige
Scotchkarren mit der diamantenhältigen Grubenerde beladen, dort die von
8-10 Ochsenpaaren gezogenen Ungeheuer von Capwägen--alle diese Vehikel,
zwischen welchen die leichten zweirädrigen Kaleschkarren mit
bewunderungswürdiger Geschicklichkeit sich durchwinden, bilden oft einen
dichten Knäuel, dessen Entwirrung kaum möglich scheint. In das Gejohle
der Grubenarbeiter mischen sich dann die gegenseitigen höflichen
Complimente der Fuhrleute in allen europäischen und südafrikanischen
Sprachen.
Dieses rege Leben erklärt sich aber nicht nur aus der Natur und dem
leitenden Motiv der Beschäftigung in den Diamantenfeldern, sondern auch
aus der Zahl der Beschäftigten. In den auf einer verhältnißmäßig
engbegrenzten Fläche sich ausbreitenden vier wichtigsten Fundorten
Kimberley, Old de Beers, Dutoitspan und Bultfontein finden außer den
häuslich und in Waarengeschäften bediensteten Eingebornen sechs- bis
zwanzigtausend Schwarze, Hottentotten, Griqua, Koranna, Betschuana und
Zulu lohnende und dauernde Beschäftigung.
Verlassen wir nun die Straßen der luftigen Zelt- und Eisenstadt und
folgen wir den nach den Gruben zurückkehrenden Diggern und ihrem
schwarzen Arbeiterheere, es erwartet uns ein für den ersten Augenblick
sinnverwirrender Anblick. Bevor wir uns jedoch mit dem bunten,
aufregenden Treiben in den Diamanten-Fundstätten vertraut machen, sei es
mir erlaubt, in Kürze eine geographisch-historische Skizze der
Diamantenfelder zu entwerfen.
Die Diamantenfelder Süd-Afrika's liegen zum überwiegenden Theile in der
englischen Provinz Griqualand-West,[1] ein Landstrich, der mit der
Entdeckung seiner unterirdischen Schätze zum Zankapfel aller eingebornen
Fürsten wurde. Der Griquakönig Waterboer, die Batlapinenhäuptlinge
Jantje und Gassibone, sie alle stritten sieh um den Alleinbesitz,
obschon jeder von ihnen nur einen Theil des Gebietes sein Eigen nannte;
Waterboer besaß die Hauptmasse des Landes, zu beiden Seiten des unteren
Vaal- und Modder-Rivers, Jantje den nördlichen Theil an der
Hart-Rivermündung, Gassibone den nordöstlichen zwischen dem Vaal- und
Hart-River und die Koranna das Thal des Vaalflusses von Fourteen stream
bis zur Einmündung des Hart-Rivers.
1: Die gegenwärtige Provinz Griqualand-West ist in drei Districte
getheilt; einen nördlichen, am mittleren Vaal und am unteren
Hart-River, das frühere Gebiet der westlichen Koranna's und jenes
des Batlapinenfürsten Jantje in sich begreifend und »the Division of
Barkly« (zu Ehren des früheren Gouverneurs der Cap-Colonie Sir Henry
Barkly) genannt, einen mittleren District am linken Vaalufer
zwischen dem südwestlichen und dem obengenannten gelegen, »the
Division of Kimberley« (zu Ehren des gewesenen englischen
Colonial-Ministers) genannt und einen südwestlichen an der
Vereinigung des Vaal- und Oranje-Rivers gelegen »the Division of
Hay« (zu Ehren des Generals gleichen Namens). Dieser war Waterboer's
Stammland. Sein Hauptort, in welchen die Hauptmacht der westlichen
Griqua's concentrirt ist, hieß früher Griqua-Town, nun Hay; in der
mittleren Provinz ist Kimberley (früher New-Rush genannt) und im
nördlichen Districte ist Barkly, früher Klipdrift, am rechten
Vaalufer, der Berliner Missionsstation Pniel gegenüberliegend, der
Hauptort. Im Süden bildet der Oranjefluß die Grenze gegen die
Cap-Colonie, im Osten verläuft die Grenze zwischen der Provinz und
dem Oranje-Freistaat nach einer von Colonel Warren und einer
Freistaat-Commission bestimmten Linie, welche in ihrer nördlichen
Fortsetzung die Provinz von der Transvaalprovinz (dem früheren
Gebiete Gassibone's) trennt, nach Westen ist die Grenze noch nicht
festgestellt--tief in's Kalahari-Bushveldt greifend--und nach Norden
zu wurde die früher gezogene Scheidelinie durch den Krieg mit den
Botlaros bis zu den südlichsten Viehposten der westlichen Barolongen
vorgeschoben. Früher wurde dieser Landstrich von der Cap-Colonie aus
verwaltet, seit den letzten sieben Jahren hat die Provinz ihre
eigene Regierung, einen Gouverneur, dem ein »executive Council« zur
Seite steht.
[Illustration: Platz in Dutoitspan.]
Die Auffindung der ersten »Kieselsteine«, wie die Diamanten anfänglich
von den Boers spöttisch genannt wurden, erregte in ihnen allen die
Ländergier und als später die Annexion der Diamantenfelder durch die
Engländer eine erbitterte Streitfrage zwischen diesen und der Regierung
des Oranje-Freistaates hervorrief, hielten sich beide Theile als die
allein berechtigten Besitzer kraft der ihnen von den vorerwähnten
Eingebornenfürsten eingeräumten Concessionen.
Wie überall mußte auch hier nach kurzem Besitze der schwächere Theil,
der Oranje-Freistaat, aus dem Felde weichen; er erklärte sich dennoch
für den allein rechtmäßigen Besitzer, und alle Versuche Englands,
zwischen der neuen Provinz und der Republik, die, civilisirten
Grenzstaaten zum gemeinschaftlichen Wohle gereichenden Gesetze anerkannt
zu sehen, blieben fruchtlos, bis das mächtige England, ob als
»großmüthiger« Nachbar oder dem »Gerechtigkeitsgefühl« folgend, jedweden
Anspruch des Freistaates auf den Landstrich Griqualand-West mit 90.000 £
St. ablöste, und sich nebenbei verpflichtete, weitere 15.000 £ St. zum
Ausbau einer Bahn beizusteuern, welche den Anschluß des Freistaates an
eine der Eisenbahnen in der östlichen Cap-Colonie herstellen sollte.
Die gesammten Diamantenfelder, sowie die Diamanten-Fundorte im engeren
Sinne des Wortes lassen sich in drei Districte eintheilen. Die ältesten
sind die am Vaalflusse, von dem Transvaal-Städtchen Bloemhof bis zur
Vereinigung des Hart- und Vaalflusses sich erstreckenden »River (Fluß)
Diggings«; ihnen folgen die in der Division Kimberley im engsten
Umkreise um diese Stadt gelegenen »Dry-Diggings« (so genannt, weil man
früher hier die Diamanten ohne die Erde zu waschen durch Sieben und
Sortiren der diamanthaltigen Erde auf trockenem Wege gewann) und endlich
die außerhalb der englischen Colonie Griqualand-West im
Oranje-Freistaate gelegenen Fundorte bei Sagers- und Coffeefontein als
dritten District.
Die Niederlassungen der »River-Diggings« wuchsen--wie es leicht
begreiflich und wie wir es ähnlich in Californien beobachten können--wie
aus der Erde empor. Das der Missionsstation Pniel gegenüberliegende
Klipdrift, welches sich ungemein rasch entwickelte, wurde der Hauptort
dieser Diamanten-Fundorte, ja zu ihrem Centralpunkte; seit den letzten
neun Jahren hat Kimberley (das früher New-Rush hieß) ihm diesen Vorrang
abgerungen.
Im Thale des Vaalflusses, wo vor der Entdeckung der »wasserhellen
Steinchen« nur der eitle und müßige Koranna sein Dasein zu verträumen
gewohnt war, reihten sich schon ein Jahr nach dem Bekanntwerden der
Entdeckung ganze Colonnen von luftigen Zelten aneinander. Ganz
Süd-Afrika schien wie vom Fieber befallen, Jung und Alt, Gesunde und
Kranke, Lords und Diener, Landleute und Städter, entlaufene Matrosen und
Soldaten, Boers mit ihren ganzen Familien wanderten nach dem gepriesenen
und gelobten Lande. In überraschend kurzer Zeit verwandelten sich diese
Zeltlager in Städte von drei- bis fünftausend Einwohnern, denn nach
Bekanntwerden der aufregenden Nachrichten aus Süd-Afrika, namentlich
seitdem der »Stern von Süd-Afrika«, ein 83½ Karat schwerer,
wasserheller Diamant gefunden war, brachte jeder Dampfer aus Europa
hunderte und wieder hunderte von Glücksjägern aus aller Herren Länder.
So entstanden neben Klipdrift die Städte Hebron, River-Town, Gong-Gong,
Blue-Jacket, New-Kierks-Rush, Delpoortshope, Waldecks-Plant und andere.
Doch ihr Wachsthum, ihre Blüthezeit, war ebenso schnell verflossen, als
es begonnen, denn kaum war die Nachricht von der Entdeckung der
Diamanten auf der Ebene der Farm Dutoitspan unter den River-Diggers am
Vaalflusse verbreitet, und die Fama ließ die Diamanten hier in Massen
auf der Erdoberfläche zu Tage treten, als Alles diese Orte verließ und
nach den viel reicheren Dry-Diggings eilte.
Groß war die Zahl derer, die, durch das Glück begünstigt, sich in kurzer
Frist Vermögen erwarben, groß aber auch die Zahl jener, welche es ebenso
schnell entschwinden sahen und weitaus die Mehrzahl verkamen hier, denn
die Fundstätten waren sehr bald Lasterhöhlen jeglicher Art.
Im Vaalflusse werden die Diamanten in dem _angeschwemmten_ Geröll
(Partien im Flußbette wie im Thale oder im Geröll an den höheren
Thalpartien) gefunden. Dieses Geröll besteht aus Grünsteinblöcken,
welche schöne mandelartige Chalcedons und Achate, bald bis faustgroß und
milchquarzartig, bald rosa- oder carminroth und zahlreich und klein,
bald bläuliche und gelbliche, kleine und größere einschließen, und
welches Gestein als »Vaalgestein« namentlich die Strecken von Bloemhof
bis Hebron bedeckt, ferner aus Bruchstücken der die Gegend von Hebron
bis zur Hart-River-Mündung, doch auch die meisten Höhen in der östlichen
Cap-Colonie, dem Oranje-Freistaat und Griqualand-West charakterisirenden
Trap-Dykes, aus ausgewaschenen mannigfarbigen größeren und kleineren
Achatstücken, Milchquarz- und Thonschieferfragmenten, titaneisenhaltigem
Sand und zahlreichen, früher für Rubin und Granaten gehaltenen Pyropen
(letztere in kleinen, Hirse- bis Maiskorn großen Stückchen vorhanden),
auch Bruchstücke des die Gegend zu beiden Seiten des Vaalflusses, doch
nicht im unmittelbaren Thale, bedeckenden Kalkgesteins, in dem ich
jedoch keine Fossilien nachweisen konnte.
Die Diamantengräber holten das diamantenhaltige Gerölle aus den ihnen
von der Behörde oder nach Uebereinkunft abgesteckten Gruben »Claims«,
fuhren bis zum Flusse herab, um es durch Sieben von den gröberen
Steinstücken zu befreien, und dann in einfachen, 2-4 Fuß lange, 1-1½
Fuß breite Wiegen »Craddles« zu waschen, worauf dann im feinen und von
dem Lehmgrund befreiten Rückstand nach den Brillanten gesucht wurde. Man
fand kleine Steine, selten einen größeren, doch die meisten waren
schöne, weiße und reine, sogenannte Glassteine, so daß man seither
die schönsten und werthvollsten der in den beiden anderen
Diamanten-Districten vorgefundenen Brillanten als »wahre
River-(Fluß-)Stones« bezeichnet.
Von den genannten Städten und Städtchen der River-Diggings hat sich nur
Klipdrift als der Sitz der Obrigkeit und kleine unbedeutende
Handelsstation--das jedoch als solche Hoffnung hat, wieder zu
gewinnen--als nennenswerth erhalten, mehrere massive, zur Zeit seiner
Blüthe aufgeführte Gebäude weisen noch auf seine frühere Bedeutung hin.
Der zweite und bis jetzt der wichtigste Diamanten-District ist der von
mir »The Central-Diggings« oder früher die Dry-Diggings benannte; es ist
Kimberley mit seiner Umgebung aus vier Fundorten in zwei Gruppen
bestehend, die nordwestliche Gruppe, die Kimberley und das damit an
seiner Ostseite zusammenhängende Old de Beers, und die östliche, welche
Dutoitspan und das sich südlich und westlich daran schließende
Bultfontein in sich begreift. Die letztere Gruppe liegt von Kimberley
zwei, von Old de Beers etwas über eine englische Meile, und Kimberley
selbst circa 22 englische Meilen von dem oberwähnten Klipdrift in
südöstlicher Richtung entfernt. Der wichtigste der vier genannten
Diamanten-Fundorte ist Kimberley; hier werden die meisten Diamanten in
allen Qualitäten, sowie reiner Krystallbildung gefunden, Dutoitspan ist
durch seine zahlreichen großen, hell und bis in's weingelbe spielenden
gelblichen und Bultfontein durch seine kleinen, aber schönen den
Riverstones ebenbürtigen Brillanten bekannt.
Diese vier, die Central-Diggings bildenden Niederlassungen stellen aus
Segelleinwand, aus Brettern, aus galvanisirtem Eisenblech, auch (in der
Minderzahl) aus gebrannten und ungebrannten Backsteinen und einige
wenige aus Trapdykes (Gebirgsformation) errichtete Städte dar, in deren
Mitte sich Krater und muldenförmige Vertiefungen befinden--die
jeweiligen Diamantengruben. Diese Niederlassungen liegen auf einer schon
von Osten und Süden in einer Entfernung von etwa neun englischen Meilen
von Höhenzügen begrenzten und durch eine unmerkliche Bodenerhöhung in
zwei Abschnitte gesonderten Ebene. Diese steinige Erhebung »the rise«
scheidet auch die beiden oberwähnten Gruppen von einander.
Die Diamantengruben haben 45-200 Fuß Tiefe, 200-760 Schritte im
Durchmesser; sie heißen »Diggings« oder »Kopjes« und jede ist in eine
Anzahl Quadrate oder Parallelogramme, 10 Fuß breit und 30 Fuß lang, oder
30 Fuß lang und 30 Fuß breit (dies war die ursprüngliche übliche Größe
derselben) in »Claims« eingeteilt. Ein Digger (Gräber) kann einen oder
mehr, bis zu 20 solcher Claims besitzen, allein er muß sie bearbeiten
und monatlich eine gewisse, in der Regel 20 fl. übersteigende Grund- und
Wassersteuer (für das Herauspumpen des Wassers) an die Regierung und den
Mining-Board (ein Ausschuß von Diamantengräbern, der über die Interessen
derselben wacht) entrichten; in Dutoitspan und Bultfontein gesellt sich
hierzu noch die Abgabe an den Proprietär, d.h. die Eigenthümer der
Farmen, während in der anderen Gruppe Kimberley und Old de Beers die
Regierung dieses Eigenthumsrecht von der Firma Ebden & Co. erstanden
hat.
Ich halte diese Gruben für Oeffnungen von Schlammkratern, glaube aber
nicht, daß diese vier Diggings sich von einem gemeinschaftlichen
Kraterkanale abzweigen, nur die in Old de Beers und Kimberley zu Tage
geförderten Steine zeigen eine gewisse Aehnlichkeit und geben der
Vermuthung Raum, daß diese beiden Diggings unterirdisch communicirende
Kraterbecken sind. Was die River-Diggings anbetrifft, so glaube ich, daß
irgendwo in der Nähe des Flußbettes oder vielleicht an seinem Rande,
doch oberhalb Bloemhof, sich eine oder mehrere Kratermündungen befanden.
[Illustration: Die Kimberley-Kopje im Jahre 1871.]
Die Jahre 1870 und 1871 waren die Glanzperiode der Diamanten-Diggings,
waren jene Zeit, wo es vorgekommen ist, daß sich zuweilen ein
übermüthiger Digger mit einer Fünfpfund-Note seine kurze thönerne
Tabakspfeife anzündete, und wo es einem ärztlichen Gehilfen möglich war,
1100 £ in sieben Monaten zu verdienen. Man kann nicht sagen, daß die
Ausbeute gegenwärtig geringer sei, allein die Steine sind seit 1871
stetig im Werthe gesunken, und so werden die Einnahmen die gleichen
geblieben sein; dagegen haben sich die Auslagen mehr denn verzehnfacht
und trotz des Sinkens der Preise hat sich der Werth der Gruben bedeutend
erhöht. Bei der Entdeckung der Kimberley-Kopje konnte man für 10 £ einen
Voll-Claim von 900 Quadrat-Fuß Fläche erlangen, freilich hatte man die
bloße Oberfläche der Kopje vor sich, gegenwärtig ist man bis 200 Fuß
tief gegangen und der Werth mancher der reicheren Gruben ist 12- bis
15.000 £ Sterling. Diese Thatsache beweist zur Genüge, daß sich die
Verhältnisse in den Diamantenfeldern nicht so verschlechtert haben, als
man es vielleicht erwartet hätte, weil, wie an ähnlichen stabilen
Goldgruben, das zügellose, gierige Rennen und Jagen nach plötzlichem
Reichthum einem besonnenen und erfolgreichen Streben nach Erwerb Raum
gemacht hat.
Man erkennt dies an Allem und überall. Die Regierungsorgane handhaben
mit Strenge und Unparteilichkeit die Gesetze, die socialen Verhältnisse
haben sich gebessert. Ein flüchtiger Blick auf die Wohnhäuser belehrt
uns darüber. An Stelle der windschiefen, jeden Augenblick dem
Zusammensturz nahen Bretterbuden und Hartebeest-Häuschen, nothdürftig
aus einigen mit Schilfrohr belegten, mit rother Thonerde und
eisenhaltigem Sand angeworfenen Pfählen bestehend, finden wir jetzt
solide Eisen- und Ziegelhäuser erbaut, deren innere Einrichtung den
verfeinerten Bedürfnissen ihrer Bewohner entspricht, während die
früheren Hausgeräthe des Diamantengräbers von ehemals sich kaum noch in
einer Rumpelkammer vorfinden oder höchstens als Curiosität auf den
»Morning Market« erscheinen dürften; die Zelte, die häufigste Behausung
des Diggers in früheren Jahren, werden jetzt zu 95 Percent nur noch von
den schwarzen, gemietheten Grubenarbeitern bewohnt.
Wie ich schon erwähnt, haben sich die Verhältnisse im Allgemeinen,
sowohl jene für die Sicherheit der Person und des Eigenthums, als auch
die gesellschaftlichen und endlich die Beziehungen zu anderen Staaten
bedeutend und wesentlich zum Vortheile der Colonisten gebessert. Es
besteht jetzt dort, wo früher ziemliche Willkür herrschte, wo man sich
nicht viel um behördliche Verfügungen und Anordnungen gekümmert und die
wenigen bestehenden respectirt hatte, eine feste, zielbewußte Regierung.
Ihre Aufgabe ist keine leichte; denn auf der kleinen Fläche, welche die
Central-Diggings bedecken, sind die verschiedensten Elemente, Vertreter
aller Eingebornenstämme Süd-Afrika's zusammengewürfelt. Die
gesellschaftlichen Verhältnisse gleichen jenen in einem civilisirten
Staate, trotzdem daß hier die Eingebornenfrage Schwierigkeiten bereitet,
die ein europäischer Staat nicht kennt und alle Industrie-Erzeugnisse,
deren sich die Civilisation nicht entschlagen kann, hunderte von Meilen
weit hergeschafft werden müssen.
Im Laufe der Jahre nahm der Betrieb des Diamantensuchens immer
complicirtere Formen an; in den Jahren 1870 und 1871 schafften die
Digger die Erde aus den in Parzellen getheilten Gruben mit Hilfe der als
Arbeiter verwendeten Eingebornen, meist Kaffern, Hottentotten und
Betschuanen heraus, ein oben am Rande der Grube in die Erde
eingelassener Pfahl, an welchen eine Holz- oder Eisenrolle befestigt
war, womit der diamantenhaltige Grund in Eimern mit den Händen
herausgezogen wurde, war der ganze Apparat und galt für Gruben mit
senkrechter Wand; da, wo sie mehr oder weniger geneigt, oder wo man etwa
100 Schritte weit her, über andere Arbeitende hin den Grund herausheben
mußte, schlug man unten in der Grube einen, oben drei Pfähle ein,
zwischen zweien bewegte sich ein Holzcylinder von 2-3 Fuß Durchmesser
oder ein großes Rad; ein oder zwei Eingeborne setzten dieses auf beiden
Seiten mit Drehkurbeln in Bewegung, so daß sich an demselben das Seil
»ab-« und von demselben »aufrollte«, und die mit Grund gefüllten oder
leer nach abwärts laufenden Eimer befördert wurden. Von dem dritten
Pfahle lief ein Hanfstrick, ein starker Eisendraht oder ein schwaches
Drahtseil zu dem in der Grube eingeschlagenen Pfahle und an diesem
bewegten sich zwei eiserne mit einer Rinne versehene Stäbchen, welche
ein mit einem Haken zur Aufnahme des Eimers versehenes Eisengestell
trugen. Später als die Gruben etwas tiefer wurden und namentlich die
Digger ihren Besitz auf mehrere Claims erweiternd, größere Mengen der
diamantenhaltigen Erde, und weil sie mit größeren Kosten arbeiteten,
auch in kürzerer Zeit herausholen wollten, wandte man zur Erleichterung
dieser Arbeit hölzerne Fördermaschinen an, welche mittelst Pferdekraft
in Bewegung gesetzt wurden. Von diesen sind gegenwärtig noch viele gang
und gäbe, allein die reichen Grubenbesitzer, sowie die in neuerer Zeit
gebildeten Gesellschaften haben bereits zu Dampfmaschinen ihre Zuflucht
genommen.
[Illustration: Fördermaschinen in den Diamantengruben.]
Am besten konnte man dies an der Kopje zu Kimberley bemerken. Da diese
den kleinsten Rauminhalt hat, allein, weil die reichste, die meisten
Diamantengräber zählt, war es diesen nicht möglich, ihre in der ersten
Zeit mit Handarbeit betriebenen Aufzüge nebeneinander aufzustellen.
Deshalb wurden riesige Gestelle aus schwedischen Fichtendielen
errichtet, diese in drei Stockwerke getheilt, und so drei Aufzüge
übereinander auf einer Fläche von etwa 2 Quadrat-Meter errichtet. Diese
Gestelle standen in Gruppen, von welchen jede 18-30 Diggern das
Heraufholen der Diamantenerde ermöglichte. Gegenwärtig ist der
dammartige Rand der Grube von großen durch Pferdekraft betriebenen
Fördermaschinen und aus England eingeführten Dampfmaschinen bedeckt;
auch ist es jetzt nicht mehr gestattet, den diamantenhaltigen Grund nahe
an der Ausholungsstelle zu sortiren, wie es früher geschah, und viele
Unannehmlichkeiten zur Folge hatte. Der Besitzer muß ihn auf seinen
Grund und Boden oder auf eine dazu außerhalb der Stadt gemietete Stelle
verführen, um ihn zu durchsuchen. Die letztere Prozedur ist gegenwärtig
auch viel schwierigerer Natur.
[Illustration: Kimberley.]
Früher wurde die diamantenhaltige Erde mit Hilfe verschiedener Siebe von
den gröbsten Bestandtheilen befreit, dann der feinere Rückstand auf
einen flachen Tisch ausgeschüttet und mit Hilfe eines Eisenblechstückes
oder eines kleinen Holzbrettchens sortirt. Bei einem solchen Verfahren
konnte man aber viele, namentlich kleine Steine übersehen, so daß der
früher schon durchsuchte Boden um die Kimberley-Kopje als
diamantenhaltig verkauft wurde und als solcher die Mühe des Käufers
reichlich lohnte. Man bedient sich (unbemittelte Diamantengräber durch
Handarbeit in Bewegung gesetzter, wohlhabendere mit Pferdekraft
getriebener, von den bedeutenderen Claimbesitzern auch mit Dampfkraft
bewegter) complicirter Waschmaschinen, in denen die diamantenhaltige
Erde von ihren lehmigen Bestandtheilen befreit, blos die körnerartigen
Steinchen zurückläßt, welcher Rückstand, nochmals in Wasserfässer
geworfen, die letzten ihm noch anhaftenden erdigen Bestandtheile
verliert, gewöhnlich allabendlich mit Sieben herausgeschöpft, etwas
durchgeschüttelt und dem Aufseher oder Claimbesitzer zur Ansicht auf
eine Tafel vorgelegt wird. Finden sich Diamanten in der Lage, so sinken
sie bekanntlich unter dem körnigen kleinen Gestein der diamantenhaltigen
Erde als die schwereren Körper bis an das dichte Drahtnetz des Siebes,
so daß sie beim Umstürzen des Inhaltes des letzteren obenauf zu liegen
kommen, und gleich in's Auge fallen.
Im selben Maße aber als das Betriebsverfahren und die hierbei
verwendeten Maschinen verbessert wurden, stiegen auch die Kosten
desselben. Zur Zeit erfordert das Diamantengraben schon eine ziemlich
ansehnliche Capitalsanlage, dadurch ist auch der Betrieb ein ruhiger und
geschäftsmäßiger, das Heer der Glücksjäger bedeutend gelichtet worden,
auch die Gesetze, welche das Diamantengraben behandeln und die Rechte
der Digger sowie jene der Diamantenhändler schützen, sind geregelter
geworden.
Unter der Bevölkerung der Diamantenfelder sind namentlich die
Diamantengräber, die Diamantenkäufer, »The Diamond-buyers oder
merchants« und die Kaufleute im allgemeinen stark, die Kanteenkeeper
(Besitzer von Localen, in denen blos Spirituosen verkauft werden)
zahlreich vertreten. Bei der großen Menge der schwarzen Diener und dem
Werthe des gesuchten Artikels ist es leicht erklärlich, daß
Veruntreuungen, namentlich von Seite der Eingebornen häufig vorkommen
und in raffinirtester Weise ausgeführt werden, zur Steuer derselben
wurden sowohl gegen die Verkäufer als auch Käufer verheimlichter und
veruntreuter Steine drakonische Gesetze erlassen. Nebstdem wurde ein
eigenes Detectiv-Korps errichtet, welches zur Säuberung der
Diamanten-Districte von den diese Gesetze noch umgehenden Elementen
beitragen soll. Die dagegen Handelnden werden mit Gefängnißstrafe
(verbunden mit hard labour, d.h. schwerer Arbeit auf öffentlichen Orten)
mit Geldstrafen bis zu 300 und 500 £ St. und in manchen Fällen mit
körperlichen Strafen (der neunschwänzigen Katze) belegt.
Der Anblick, der sich uns bietet, wenn wir eine der größeren
Diamantengruben von dem Kamme der ringsherum aufgetürmten Thonwälle aus
betrachten, ist ein so seltsamer, daß Worte kaum hinreichen, ihn
naturgetreu zu beschreiben. Die Kopje läßt sich zutreffend mit einem
großen Kraterkessel vergleichen, der vor der Abarbeitung bis zum Rande,
an dem wir stehen, mit vulcanischen Auswurfstoffen, hier der grünen, aus
zerfetztem Tuff begehenden, bröckligen, diamantenführenden Erde
ausgefüllt war, nunmehr aber tief ausgehöhlt ist. Die zu ungleicher
Tiefe abgebauten viereckigen Claims füllen nun diesen großen
Kraterkessel mit einer chaotischen Menge von Erdmassen, die hier als
Pfeiler, Thürme, Plateaus, dort als Schächte, Wälle, Gräben, Treppen
erscheinen, und es bedarf keiner erregten Phantasie, um in diesem
Labyrinth sich das Bild einer vor Jahrhunderten versunkenen, nunmehr
aber an das sonnige Tageslicht hervorgezauberten Stadt zu
vergegenwärtigen, namentlich aber in der Abenddämmerung oder gar wenn
des Vollmonds fahles Licht die Tiefen durchfluthet.
Die Illusion wird jedoch zerstört, wenn unser Auge das lebhaft
pulsirende Leben, die geräuschvollste, emsigste Thätigkeit am Grunde
dieses tiefen, dunklen Kessels erblickt, und sich uns der Vergleich mit
einem zerstörten Ameisenhaufen unwillkürlich aufdrängt. Die unabsehbare
Menge von Drahtseilen, die den Raum über dem dunklen Grunde wie mit
einem riesigen Spinngewebe überzieht, an denen, glänzenden Knoten
gleich, die zahllosen Fördereimer auf- und abrollen, verwirren die
Sinne, dazu vermag das Ohr des Fremden das Geräusch der zahlreichen
knarrenden Winden, das Summen der Drahtseile, das Getöse fallender
Massen, alles noch übertönt von dem Rufen, Singen und Schreien der
Arbeiter und von dem Klappern der das Wasser aus den Gruben entfernenden
Saugpumpen auf die Dauer nicht zu ertragen. Fast betäubt verlassen wir
diese, ein neues Weltwunder bergende Stätte.
Bevor ich diese in allgemeinen Zügen gehaltene Skizze der
Diamantenfelder beschließe, will ich noch einiger eigentümlicher
Scenerien des Straßenlebens in den Städten der Diamantenfelder gedenken.
Vor Allem sind es die täglich mit Ausnahme Sonntags auf dem Markte zu
Dutoitspan und Kimberley abgehaltenen _Morning-markets_ (öffentliche
Auctionen). Ein von der Regierung angestellter _Morning-master_
(Auctionär), der jedoch auch Privatauctionen abhalten kann, versieht
dieses, wenn auch die Lunge über die Zuträglichkeit anstrengende, dafür
aber sehr lucrative Amt. Dieser alltägliche Morgenmarkt bietet ein
höchst interessantes Schauspiel. Der ganze, von eisernen und leinenen
Häusern umgebene, ungepflasterte Marktplatz ist in den Morgenstunden von
6-8 Uhr mit einer fast unabsehbaren Masse der bekannten Ochsenwagen
förmlich bedeckt, die Mehl, Früchte, Gemüse, Kartoffeln, Mais, Schlacht-
und Federvieh aller Art, aber auch Brennholz, Fourage, Schilfrohr zur
Bedachung u.s.w. zuführen. Der Verkauf geschieht ausschließlich durch
Auction. Von dem Markterlös erhält der Staat 5 Percent, der Marktmeister
2 Percent. Die Preise der Waaren sind ungemein schwankend und hängen
ganz von der Größe der Zufuhr ab, der Preis eines Sackes Kartoffeln
schwankte auf dem Markte in Kimberley zwischen 15 Shillingen und 3 bis 4
£ St.
Außer diesen _Morning-markets_ werden noch an allen Orten und Ecken mit
Ausnahme der Feiertage, in dazu errichteten Hallen, sowie Abends in den
Cantinen öffentliche Versteigerungen von Privatsachen sowie anderer
sonst unverkäuflicher Geschäftsartikel abgehalten. Um die Kauflust
anzufachen, wird auf riesigen Plakaten nebst den zur Veräußerung
gelangenden Artikeln hervorgehoben, daß während der Versteigerung
liquors gratis an das kauflustige Publicum abgegeben werden.
Die Mehrzahl der Cantinen waren die ersten Jahre hindurch zumeist nur
wahre Lasterhöhlen und bildeten eine der traurigsten Schattenseiten der
Diamantenfelder; in letzterer Zeit macht sich indessen eine starke
Abnahme dieser Locale bemerkbar. Die hie und da in den Straßen oder am
Rande der Niederlassungen errichteten hohen Ziehbrunnen mit dem sie
umkreisenden bunten Gewirre sind eine andere Specialität. Das
Heraufziehen der Wasserkübel wird von Kaffern oder Pferden besorgt, das
Wasser aber verkauft. Hunderttausende von Gulden werden jährlich in den
Central-Diggings für dieses so notwendige, namentlich auf den
Sortirplätzen unentbehrliche Element verausgabt.[1]
1: Zum Betriebe der Waschmaschinen und weil der diamantenhaltige
Grund aus den Kimberley-Gruben erst längere Zeit der Atmosphäre
ausgesetzt und mit Wasser benetzt werden muß, bevor er
waschungsfähig ist. Gegenwärtig ist man darauf bedacht, die
Grubenstädte aus dem etwa 15 Meilen entfernten Vaalflusse mit Wasser
zu versorgen.
An Vergnügungen und Belustigungen fehlt es in den Diamantenfeldern
keineswegs, dem Freunde lärmender Schauspiele bieten sie sich im
Theater, auf Bällen u.s.w., wenn auch die Kosten solcher Vergnügungen
exorbitante sind; wer zurückgezogen bleiben will und hier nur die
Gelegenheit sucht, sein angelegtes Capital rasch zu verdoppeln oder
überhaupt Ersparnisse zu machen, findet in den zwischen Kimberley und
Old de Beers angelegten öffentlichen Gärten manche Zerstreuung. Wie
indeß in den californischen Goldgruben ist auch hier Alles, selbst die
luxuriösesten Dinge--allerdings zu fabelhaften Preisen--zu haben. Die
hohe Fracht von der Küste bis hierher vertheuert eben alle Artikel
europäischer Industrie in ungewöhnlichem Maße, besonders gilt dies von
Metallartikeln, Maschinenbestandtheilen, Holzarbeiten u.s.w.
Unter den Unannehmlichkeiten, welche der Aufenthalt in den
Diamantenfeldern mit sich bringt, sind die Unbilden des Wetters
hervorzuheben, namentlich die in der trockenen (Winters-) Jahreszeit
täglich daherbrausenden Staubstürme, welche eine den Athmungsorganen,
Augen und Ohren wenig zusagende, mit allem möglichen Unrath gemischte
Atmosphäre erzeugen, in die Häuser dringen und hier in kurzer Zeit Alles
verderben. An meisten jedoch leiden jene unter dieser Unbill des
Wetters, welche den Tag über unausgesetzt in den Diamantengruben
arbeiten, oder sich als Karrentreiber etc. in den Straßen bewegen
müssen.--Wird dann das Land im Sommer, während der Regenzeit, von
heftigen Regengüssen überfluthet, wo sich die am Südende von Dutoitspan
in einer 1/8 englischen Meile im Durchmesser haltenden Bodenvertiefung
befindliche große aber seichte Brackpfanne (einer der bekannten,
seichten, jährlich austrocknenden Salzseen) oft in einem Tage füllt, so
werden die Straßen so sehr aufgeweicht, daß es namentlich bei dem regen
Verkehr in Kimberley kaum für den Fußgänger möglich ist, sie zu
passiren. Die neue Munizipalität war jedoch bemüht, diesem Uebelstande
abzuhelfen, indem sie Abzugscanäle herstellen und die Straßen schottern
ließ.
Wir nehmen nun vorläufig von den Diamantenfeldern Abschied, ich werde
jedoch noch wiederholt Gelegenheit finden, manch' interessante Episoden
und Scenen aus dem socialen Leben daselbst zu schildern.
Ich will nun noch eines dreitägigen Jagdausfluges gedenken, den ich in
Gesellschaft von Pavianjägern zur Weihnachtszeit des Jahres 1872 von den
Diamantenfeldern aus nach den nahen Höhen im westlichen Theile des
Oranje-Freistaates unternahm.
Nachdem ich meine Patienten besucht und ihren Zustand derart gefunden
hatte, daß ich sie auf einige Tage verlassen durfte, brach ich am ersten
Weihnachtstage in den ersten Stunden des Nachmittags bei einer wahrhaft
tropischen Hitze von Dutoitspan auf, um mich mit der Thierwelt der den
Horizont im Osten begrenzenden Höhen im Oranje-Freistaat bekannt zu
machen. Welch' großer Contrast zwischen jetzt und einst! Unwillkürlich
stieg die Erinnerung an die in der Heimat verlebten Abende der
Weihnachtszeit vor meiner Seele auf; anstatt in der gemütlichen, warmen
Stube die Feier des Tages zu begehen, schritt ich jetzt unter
afrikanischer Sonnengluth dahin, ohne durch irgend etwas an die Weihe
des Tages gemahnt zu werden. In meiner Gesellschaft befanden sich ein
junger deutscher Kaufmann, der hier mehr als in der Heimat zu Ausflügen
Muße fand, ein junger Pole aus Posen, den sein Hang zum Abenteuerlichen
nach den Diamantenfeldern verschlagen hatte, und ein Fingo, der mit den
Reise-Utensilien beladen, die Wohlthat eines Dampfbades im Freien zu
genießen verurtheilt war. Ich und der junge Pole waren jagdgerecht
bewaffnet.
Wir zogen anfänglich über eine mit niedrigen, kaum 12-18 Zoll hohen
Zwergbüschen (Scapbusch) bewachsene Ebene, auf welcher nur hie und da
die tiefer liegenden Einsenkungen das saftige Grün eines Rasens, die
höheren mit Felsblöcken besäeten Partien hohes Gras zeigten, die weite
Fläche war von einem ungezählten Heere von Insecten bevölkert,
unter welchen uns verschiedene, schön gefärbte Species von
Heuschrecken--manche mit hervorgehenden stacheligen Schildern wie
gewappnet--in dichten Schaaren die Milkbüsche (Euphorbiacea) occupirend,
besonders auffielen.
Die 2-3 Zoll langen Thiere mit ihrem walzenförmigen Körper, hell bis
dunkelgrün gefärbten und roth umsäumten Flügeldecken saßen in großer
Menge träge an den Büschen und fielen bei der Berührung anscheinend todt
zur Erde nieder. Bei dem großen Heere ihrer Feinde aus der gefiederten
Welt (vom Adler bis zur Wildgans herab) fiel mir ihre Menge und
Verwegenheit, sich auf die exponirtesten Stellen der Büsche zu wagend
schon auf meiner Reise von Port Elizabeth nach den Diamantenfeldern auf,
hier wurde mir das Räthsel durch mein Geruchsorgan gelöst. Diese
Heuschrecken sondern nämlich einen äußerst penetranten und
übelriechenden Saft aus, von dessen »Parfüm« wir uns nur mit Mühe nach
längerem Reiben der Hände mit Sand befreien konnten. Außer diesen
Heuschrecken fanden wir mehrere Käferarten--einige Sandkäfer, zwei große
Laufkäfer und an den Büschen in schönen metallisch schillernden Farben
prunkende Blattkäfer. Die artenarme und von der Sonnengluth gedörrte
Vegetation erklärte uns den Mangel an Tagfaltern, deren Stelle
zahlreiche Mottenarten einnahmen.
Von Vierfüßlern beobachteten wir nur ein hellrothes Scharrthier
(Rhyzaena) und ein Erdeichhörnchen mit seinen Gesellschaftern, den
großen Spitzmäusen, am Rande ihrer unterirdischen Bauten hoch auf ihren
Hinterfüßen aufgerichtet und neugierig die Ankommenden anblickend. Das
Scharrthier leise knurrend, die Eichhörnchen mit einem schrillen Pfiff,
verschwanden bei unserer Annäherung.
Von Vögeln fiel uns der bekannte, kleine südafrikanische
dunkelgefiederte Steppenstaar auf, der sich auf die zahlreichen
Termitenhaufen schwingt oder die Spitzen vereinzelt stehender
Dornenbüsche aufsucht und neugierig den Fremden zu mustern scheint. Er
ist ein dreistes und munteres Thierchen, welches oft die verlassenen
Höhlen der Scharrthiere und Erdeichhörnchen bewohnt, und sich, wenn
verfolgt, namentlich aber wenn verwundet, dahin flüchtet.
[Illustration: Kaffer, Schafe hütend.]
Nach etwa 1½stündigem Marsche befanden wir uns am Rande einer jener
kleinen viereckigen »Pfannen«, welche den Charakter der größeren,
Süd-Afrika namentlich in seiner Längsachse charakterisirenden, seichten
Salzseen zeigten. Nahe dabei befand sich (die Salzpfanne war trocken)
eine kleine mit grünlichen. Wasser gefüllte Regenlache, deren Inhalt mit
einem Löffel »Brandy« gemischt, genießbar war. Wir trafen hier auch
einen Schafe hirtenden Kaffer, der, nachdem wir durch ein Stückchen
Tabak seine Zuneigung gewonnen, uns über die weiter nach Osten liegenden
Farmen belehrte; die sogenannte Krichofarm (auch _Kuudu-place_ genannt)
war die Stelle, die wir uns zu unserem Feldlager ausersehen hatten. Von
hier wollten wir dann unsere Ausflüge nach den Höhen unternehmen.
Gegen Abend erreichten wir die ersten von Süden nach Norden sich
erstreckenden Ausläufer der Freistaathöhen. Die Vegetation war hier
schon üppig, wir fanden zahlreiche Büsche und die von den
Diamantenfeldern als dunkle Punkte sichtbaren Stellen entpuppten sich
uns als Kameeldornbäume, deren breite niedere Kronen und große, flache,
graubewollte Samenschoten ihren Mimosen-Charakter verriethen. Seit der
Zeit sind schon die meisten der Axt zum Opfer gefallen und in den
Diggings zu Asche verwandelt worden. Was uns an diesen Bäumen, die bis
zu zwei Schuh stark, den knorrigen Stamm mit dunkelgrauer zerrissener
Rinde bedeckt, ein sehr hartes Holz liefern, auffiel, waren ihre bis
drei Zoll langen und oft an ihrer Basis fingerstarken, je paarweise
sitzenden, doch mit den Spitzen divergirenden Dornen und die an ihnen
hängenden Vogelnester, von denen wieder zwei besonders erwähnenswerth
waren. Es waren dies die Nester einer kleinen Kolonie von
Siedelsperlingen (_Philetaerus socius_). Die Bauart dieser Nester ist
eine höchst merkwürdige; haben diese Bienenfleiß entwickelnde Thierchen
ein geeignetes Stämmchen gefunden und den Bau ihrer Nester begonnen, so
verfertigen sie gemeinschaftlich das allen dienende Dach. Jedes Pärchen
baut sein eigenes Nest aus trockenem Gras und bedacht es, aber eines so
dicht neben dem andern, daß man nur ein einziges von einem großen, 2-5
Fuß Durchmesser und 1-3 Fuß Höhe haltenden Dache bedecktes Nest
erblickt, zu dem von unten unzählige kreisrunde Löcher führen. Oft
brechen die unter der Last dieser Nester sich biegenden Aeste, deren
Kronen über das kegelförmige und steil abschüssige Dach herausragen.
Obgleich die Eingänge zu diesen Nestern sich an der unteren Seite
befinden und man doch denken würde, daß die munteren Thierchen durch ihr
abschüssiges Dach nicht nur gegen Regenschauer, sondern auch gegen ihre
Feinde geschützt wären, ist dies doch nicht der Fall; ich beobachtete,
daß sich namentlich größere Schlangen, wie die Cobras, daran wagen, und
habe selbst einige Jahre später einen solchen Räuber an einem Baume auf
der Oliphantfontein-Farm erlegt, als er sich in einem Nestbau dieser
Siedelsperlinge verkrochen und Verderben unter seinen Bewohnern
angerichtet hatte. Die Vögel, welche die Schlange im Neste überraschte,
waren von ihr gebissen und die Leichen herausgeworfen, die Jungen und
die Eier verschluckt und die aufliegenden Eltern durch Fauchen
verscheucht, die Muthigeren durch Bisse getödtet worden. Da ich durch
einen Schuß nicht die vielleicht noch lebenden Jungen in den Nestern
tödten wollte und auch nur den Schwanz der Schlange sah, brachte ich sie
durch einen wohlgezielten Steinwurf zur Erde, um dann der davon Eilenden
mit einem Doppelschusse den Garaus zu machen.
Am Abend nachdem wir die Ausläufer der felsigen Höhen erreicht hatten,
befanden wir uns auf einer bis zu den gegenüberliegenden, etwa drei
englische Meilen entfernten Höhen reichenden Grasebene. Unter einer
nahen felsigen Erhebung standen zwei Zelttuchhäuschen, in denen ein
Eingeborner eine kleine Cantine hielt, ein Beweis, daß wir auf den von
den Diamantenfeldern nach dem Freistaate führenden Weg gestoßen waren.
Aus einer nahen umfriedeten und bebuschten Stelle schlug das Meckern
einiger Ziegen an unser Ohr.--Ein Geschenk von einigen österreichischen
Zigarren billiger Sorte zauberte auf das Gesicht des Cantinenwirthes ein
freundliches Lächeln und rief in seiner Seele eine wohl seltene
Anwandlung von Freigebigkeit wach, denn als Gegendienst bewirthete uns
der krausköpfige Schwarze mit Brandy, denselben vorsichtig in kleinen
Gläschen credenzend. Ein befriedigendes Schmunzeln, mit dem er wieder
in's Häuschen zurücktrat, überzeugte uns, daß er sich nicht zu viel
zugemuthet und sein Vorrath an Brandy durch die eben bewiesene
Gastfreundschaft nicht sehr gelitten hatte. Die Freigebigkeit unseres
Wirthes brachte auch das Gespräch etwas in Fluß und bald zeigte er sich
noch freigebiger, als er erfuhr, daß ein Farmer, den ich in den
Diamantenfeldern behandelt hatte, und den er kannte, auf der Krichofarm
wohne. Er glaubte wohl sich seinem Freunde erkenntlich zu zeigen, wenn
er dessen Arzt in seinem kleinen Heim bewirthete. Seinen uns
anstaunenden, im tiefen Negligé und barfuß erschienenen Kindern
bedeutete er, den Fremden eine Christmaßboox zu bieten. Wir alle
verstanden jedoch nicht, was er damit meine, bis die beiden größeren
Knaben, mit drei Tassen schwarzen, duftenden Kaffee's und einem Teller
Kuchen erschienen, eine Gabe, die von uns dankbar angenommen wurde. Nach
dem Kaffee lud uns unser Wirth ein, die Nacht in seinem Häuschen
zuzubringen, doch ich wollte noch desselben Tages an Ort und Stelle sein
und so dankten wir herzlich für die Christmaßboox und die Bewirthung und
setzten durch tiefen Flugsand watend, unsern Weg fort. Es war dunkel und
deshalb gewagt, quer durch das hier dicht bebuschte Thal zu schreiten,
das viele Schlangen zu beherbergen schien.
[Illustration: Trunk aus einer Sumpflache.]
Spät Abends langten wir bei der Krikofarm an, ich entschloß mich im
Freien zu übernachten, und da wir auch sehr durstig geworden waren,
folgten wir dem Schimmer eines kleines Wassers, der uns zu einem halb
ausgetrockneten Teich brachte, und wählten uns nahe an demselben eine
ebene Uferstelle zu unserem Nachtlager aus. Unser Nachtimbiß war bald
fertig, die tagsüber erlegten rothfüßigen Kibitze, sowie einige kleinere
Trappen (eine von den Boers Patluperken genannte Art) mundeten nicht
minder wie eine Tasse Thee, zu welcher wir das Wasser aus dem Teiche
genommen hatten; bei Tage hätte uns wohl nur der peinlichste Durst dazu
gebracht, dieses Wasser zum Munde zu führen, denn es schillerte im
Feuerschein in allen Farben des Regenbogens und wurde selbst von den
Rindern der Farm verschmäht.
Während wir um das Feuer sitzend die Erlebnisse des Tages besprachen,
wurden wir durch den Besuch dreier Korannas beehrt. Vom Feuer angelockt,
waren sie von dem etwa 100 Schritte entfernten Farmhause herangekommen
und mochten uns wohl für arbeitsuchende Basutos (ein im Westen vom
Oranje-Freistaat wohnender Eingebornenstamm) halten, die sich hier ein
Nachtlager ausgesucht. Sie wunderten sich nicht wenig Weiße hier
campiren zu sehen. Bald nachdem uns die neugierigen Besucher verlassen
und das Gekläffe der Farmhunde verstummt, herrschte in unserer Umgebung
tiefe Stille, nur durch das monotone Zirpen einer kleinen Grillenart
unterbrochen. Nach so vielen in der Staubatmosphäre von Dutoitspan
verlebten Tagen waren wir froh, hier in frischer, gesunder Luft zu
athmen, und waren bald in tiefen Schlaf versunken.
Zeitlich des Morgens durchstöberten wir die nächste Umgebung der Farm.
Dieselbe liegt in einem breiten Thale, in welches, nahe der Farm, einige
Querthäler münden, die von den isolirten Hügelketten gebildet sind.
Diese Höhen fallen ziemlich steil, oft sogar perpendiculär ab und zeigen
Riesenblöcke der Trapdykes. Es that unserem Auge wohl, an den Abhängen
dieser Hohen eine ziemlich reiche Vegetation zu finden, selbst die
flachen Kuppen waren mit kleinen, baumartigen Mimosen bewaldet. Außer
einer Menge gestreifter Mäuse fanden wir keine Säugethiere, dagegen eine
Menge Turteltauben, Kibitze, Wiedehopfe, langschwänzige, weiß und
schwarz gescheckte Würger, die gemeinen braunen Aasgeier oben auf den
Felsen hockend, die von ihrem Unrath so weiß getüncht waren, daß man
diese Stellen 15 englische Meilen weit erblicken konnte, ferner kleine
Rothfalken und schöne braune Gabelweihen, uns die günstigste Gelegenheit
bietend, unsere Jagdtasche zu füllen und den Mittagstisch mit manch'
leckerem Bissen zu versorgen. Auch unsere Spiritusflaschen füllten sich
mit Fröschen, Chamäleons, Eidechsen, riesigen Spinnen und zahlreichen
Insecten. Zu unserem Lagerplatz zurückgekehrt, trafen wir den Farmer.
Meine Frage, wie wohl den die Höhen bevölkernden Pavianen beizukommen
sei, ließ ihn sehr gesprächig werden.
»Hier,« meinte er, »hausen in der Nachbarschaft zwei Pavianheerden, eine
kleinere und scheuere geht in der Regel Vormittags in der nahen
Bergschlucht zur Tränke, die große Heerde wagt sich täglich an den
zweiten Teich in unserer Nähe.« Der Farmer klagte nun sein Leid über die
Frechheit dieser Affen; sie waren eine große Plage, denn kaum, daß sie
durch ihre auf den Felsen ausgestellten Wachen entdeckten, daß Feld und
Garten verlassen waren, so war die Heerde auch schon bald über den Zaun
eingebrochen und der Garten verwüstet, besonders schädlich aber wurden
sie den weidenden Schafen. Geschah es, daß der hütende Hirt auch nur für
kurze Zeit eingeschlafen, oder die Thiere aus einem anderen Grunde
unbewacht blieben, so konnte der Farmer gewiß sein, einige Lämmer mit
zerrissenem Körper zu finden. Die Paviane folgen den Thieren auf den
Höhen, während die Schafe im Thale weiden und stürzen, sobald sie selbe
unbeschützt sehen, auf sie herunter und reißen mit ihrem furchtbaren
Gebiß den Thieren den Bauch auf, um zu dem Milchinhalt des Magens zu
gelangen; haben sie diesen entleert, so lassen sie die zuckenden Körper
liegen, um dasselbe an anderen der blöde hin- und herrennenden Lämmer zu
versuchen. (Ich fand dies später oft bestätigt.) Nun begriffen wir wohl
des Farmers zufriedenes Schmunzeln, als er unser Vorhaben, einige der
Thiere zu erlegen, erfuhr. Des Farmers Redseligkeit bewog mich, ihn über
die weiteren Absichten bei dieser Jagd zu unterrichten, daß ich gerne
einige schöne Bälge zum Ausstopfen und einige Kopfskelette erlangen
wollte. Diese Mittheilung machte ihn stutzen. Etwas ähnliches hatte er
doch noch nicht vernommen »_Allmachtag_ (Allmächtiger) _wat will ye
dun_?«[1] und kopfschüttelnd ging er zu seiner Frau, um ihr das
»_wonderlijke_« Vorhaben des »albernen« Doctors mitzutheilen, der einen
»_Babuin_« todtschießen und das Fell, ja sogar das Kopfskelett nach
»_Duitsland_« schicken wollte.
1: Das in der Regel von den Farmern gesprochene Holländisch in
Süd-Afrika ist nicht das reine Holländisch, wie wir es in Europa
hören, sondern ein Gemisch von vielen Sprachen, englisch,
plattdeutsch, französisch etc., dagegen sprechen die gebildeten
Holländer der Capstadt, in Bloemfontein und in der Nachbarschaft
anderer Städte ein sehr reines Holländisch.
Viele der Freistaatfarmer sind einfache, gute, oft wahrhaft herzensgute
Leute, denen nur die nöthige Bildung fehlt, um sie als beständige
Gesellschafter zu wünschen. Ich habe nie dankbarere Patienten gekannt
als sie.
Gegen die Mittagsstunde verließen wir die Farm und brachen nach den
Felsenhöhen im Osten derselben auf, um noch zur Tränkezeit der kleinen
Heerde auf dem Platze zu sein. Wir passirten einige von Korannas und
Basutos, Dienern des Farmers bewohnte Hütten. Die Basutos kommen von
ihrem im Osten gelegenen Lande und verdingen sich mit ihren Frauen an
die Farmer, sie werden jährlich mit einer bestimmten Anzahl von Schafen,
ein oder zwei Kühen und Ochsen, hie und da auch noch mit einer Mähre
oder einem Fohlen bezahlt und bekommen nebstdem die nöthige Nahrung;
außerdem wird ihnen gestattet, sich nach einem fruchtbaren Stück Land
umzusehen, wo sie sich Korn (Sorghum-Art), Mais, Kürbisse, Tabak etc.
anbauen können. Auf meinen späteren Reisen beobachtete ich, daß
namentlich wohlhabende Farmer, wie Mynheer Wessels, auf dessem Gebiet
auch jene auf unserem Marsche berührte Cantine lag und dessen Farmen
einen Umfang von mehreren Meilen hatten, von welcher Fläche aber nur
etwa 1/36 angebaut war, mehrere kleine Basutodörfer ihr eigen nennen,
deren Bevölkerung sich in der obbeschriebenen Weise auf mehrere Jahre
verdingt. Es sind meist mittellose Leute aus dem dicht bevölkerten
Basutolande am Caledon-River, welche durch jahrelange Trockenheit um
alle ihre Ernte-Erwartungen gebracht, genöthigt waren, aus der Heimat
auszuwandern und günstigere Gebiete aufzusuchen.
An der Bauart der Hütten konnten wir sofort den ethnographischen
Unterschied zwischen beiden Stämmen deutlich wahrnehmen; während die
Hütten der Basuto's, aus Baumästen in cylindrischer Form (circa 3 Meter
im Durchmesser haltend) gebaut und von einem kegelförmigen Dache
bedeckt, das auf dünnen Pfählen ruhte und mit dürrem Grase überdeckt
war, hatten die Koranna's halbkugelförmige Hütten, welche aus dürren
Aesten erbaut und mit Matten lose überdeckt waren.
Wir hatten die Ehre, von einer der schwarzen Damen gemustert zu werden;
sie war vor den Zaun getreten und blos mit einem grauen kurzen Kaliko
(Unterrocke) bekleidet. Stirn, Wangen und die Brüste waren mit einem
bläulich-schwarzen Ocker mit Wellenstrichen bemalt; an einer der
Korannahütten stand ein europäisch gekleideter Mann, dem eben ein
ältliches Weib, ebenfalls in schmutzige europäische Fetzen gekleidet,
aus der Hütte einen mächtigen Feuerbrand brachte. Ich war neugierig, was
sie wohl damit thun wolle, und siehe, er blieb ohne eine Miene zu
verziehen, gleichgiltig vor sich hinstarrend stehen, die ältliche Frau
jedoch hob das brennende Holz, von dem eine wahre Rauchsäule
emporwirbelte, auf, legte die glühende Spitze desselben sachte an ihres
Mannes kurze Pfeife, der nun mit seiner Rechten nachzuhelfen sich
bemühte. Hervortretend fragte ich nach dem besten Aufgang auf die Höhe
und erhielt von dem braungelben Phlegmatiker eine artige, meinem
Ansuchen entsprechende Antwort. Eine halbe Stunde später erreichten wir
die Kuppe der Höhe, die eine mit Busch bewachsene, wellenförmige, mit
Steinblöcken besäete Ebene bildete. Nachdem wir sie in ihrer Länge von
Süden nach Norden durchschritten und uns der vom Farmer erwähnten
Schlucht genähert hatten, vernahmen wir von dem gegenüber liegenden
Abhange derselben, etwa 300 Schritte vor uns, ein heiseres,
mehrstimmiges Gebelle. Hinblickend sahen wir sieben, darunter vier
erwachsene Paviane mit Sprüngen die Höhe erreichen, auf der kleinen
Tafelebene noch einmal nach uns umsehen und dann wieder in einer weiter
rechts liegenden Schlucht verschwinden. Wir folgten ihnen rasch,
erkannten auch an den frischen Spuren am Boden der Schlucht, daß sie
erst vor kurzem die Tränkstelle verlassen haben mußten. Um nicht die
größere Heerde zu versäumen, folgten wir der Schlucht, die in unser Thal
mündete, füllten auch unsere Waidmannstaschen mit einigen Taubenpaaren,
die am Feuer geröstet, uns einen guten Imbiß lieferten.
[Illustration: Pavianjagd.]
Während wir beim Mahle saßen, ließen wir alle unwillkürlich die Blicke
auf die zu beiden Seiten und vor uns liegenden Abhänge schweifen, um
vielleicht einen der gesuchten Vierfüßer zu erspähen, allein vergebens.
Da erscholl plötzlich ein lautes Geschrei von der Farm her, welches sich
uns zu nähern schien, allein bald verstummte. Gegen diese hin standen
hohe Mimosenbäume, zwischen denen nur durch eine schmale Lichtung ein
Theil des Hauses sichtbar wurde, rechts von uns erhob sich der etwa 12
Fuß hohe steinerne Damm des Teiches, an dessen Ufer wir campirt hatten,
so daß uns von unserem Standpunkte aus der Blick über die Ursache des
Geschrei's nicht belehren konnte. Scherzweise warf ich hin, daß, während
wir uns hier gütlich thaten die Paviane wohl die Mittagszeit benützend,
dem Farmer einen Besuch abgestattet haben konnten. Ich hatte kaum
ausgesprochen, als ich aufbringend auf die etwa 250 Schritte von uns
entfernte Höhe zur Linken wies. »Seht, ist das nicht ein Affe?«--und
richtig ein Pavian, ein zweiter--eine ganze Heerde lief den Abhang
hinan, allein nicht sehr eilig und von Zeit zu Zeit auf einem Felsblock
hocken bleibend; am Fuße der Höhe erschienen schon die Leute, der Farmer
und die farbigen Diener mit Knütteln und Stocken bewaffnet und laut
schreiend. In einem Nu waren wir unter der Höhe, bogen etwas nach
rechts, wohin sich auch die Affen, den höheren Partien zustrebend, zu
wenden schienen und meine Gefährten zur Vorsicht mahnend, stiegen wir
empor. Ich schlug vor, in stille wie möglich uns aufwärts zu bewegen,
damit die Aufmerksamkeit der Thiere sich auf die übrigen, ungefähr 200
Schritte mehr zur Linken langsam emporklimmenden, laut schreienden
Verfolger richten möge.
Da der eine meiner Gefährten nur mit einem Schrotgewehr, der andere nur
mit einem Stock bewaffnet war, hieß ich beide, in meiner Nähe bleiben,
um ihnen, im Nothfalle beistehen zu können, denn ein erzürnter,
erwachsener Pavian ist als Feind gefährlicher als ein Leopard. Wir
hatten bereits den Abhang zur Hälfte erstiegen und noch immer war keiner
der Flüchtigen zum Schuß gekommen. Endlich erschien einer über mir, doch
hoch oben von Block zu Block springend, bald deckte ihn ein Busch, bald
ein Felsen, so daß kein Schuß mit Erfolg anzubringen war. Das Thier
verschwand als es die Höhe erreicht hatte und wir mußten, höher
klimmend, trachten, es noch auf der flachen Kuppe zu treffen, oder
vielleicht einen seiner Genossen zu erspähen. Meine Hoffnung wurde nicht
getäuscht, denn schon 40 Fuß höher entdeckte ich ein erwachsenes
Weibchen. Doch alle Mühe, zum Schuß zu kommen, war vergebens, einmal
stand der schwarze Diener des Farmers mir in der Schußlinie, und die
zweite günstige Gelegenheit verdarb mein Gefährte, der, als sich das
Weibchen uns bis auf fünf Schritte genähert hatte, mit lautem Schrei in
die Höhe sprang und damit das Thier in die Flucht jagte. Obwohl wir
athemlos die steile Höhe emporklommen, um das Thier nicht gänzlich aus
dem Auge zu verlieren, war es zu spät. Auf der Kuppe angelangt, war
nirgends mehr eine Spur von den Affen zu entdecken.
Wir stiegen herab, gewiß nicht in der rosigsten Laune und gaben nicht
allein jeden Gedanken auf, noch am selben Tage einen Pavian zu sehen,
sondern hatten auch nicht die geringste Ahnung, daß uns mit derselben
Heerde noch ein ähnliches Mißgeschick begegnen würde. Unten angelangt,
hörten wir nun von den Koranna's, daß die Paviane einen Versuch gemacht
hatten, in den Schafkraal (Umzäunung) zu gelangen, zu dem einige
blökende Lämmer die Affen hingezogen hatten. Sie wurden jedoch zeitig
bemerkt und damit sie ihren Raubzug nicht zu bald wiederholten, nicht
nur verscheucht, sondern auch verfolgt. Man versicherte uns jedoch, daß
sie gewiß noch einmal zur Tränke an den andern, uns schon früher
bezeichneten nahen Teich kommen würden; alle Müdigkeit war bei dieser
Nachricht vergessen und wir begaben uns sofort auf die bezeichnete
Stelle. Ein kleiner von Regenwasser gefüllter Teich lag im Thale, zur
Linken, etwa 300 Schritte entfernt zogen sich die Höhen hin, die wir
eben verlassen hatten, zur Rechten, ihnen gegenüber, in der Entfernung
einer Meile eine zweite Reihe von Höhen. Der Teich war an drei Seiten
eingedämmt, nach dem Hause zu war der Damm aus Steinen errichtet und lag
der freien Einflußstelle des Wassers gegenüber. Diese Stelle war sandig,
zur Linken bildete das trübe, gelbliche Wasser eine kleine Bucht, zur
Rechten fiel dem Beschauer ein dichtes, niederes von der schon erwähnten
strauchartigen Euphorbia gebildetes Gebüsch auf. An der Sandseite des
Dammes wuchsen aus den Steinspalten einige Sträucher hervor. Hinter
einem derselben, ihn als Deckung für den Kopf benützend, hatte ich
Stellung genommen.
Wir hatten kaum unsere Stellungen bezogen, als uns der Knabe des Farmers
auf zwei dunkle auf dem Abhange des Hügels zur Rechten sichtbar werdende
Punkte aufmerksam machte; in der That konnten wir eine größere Anzahl
beweglicher dunkler Körper wahrnehmen. Sie bewegten sich bergab und als
sie auf etwa 900 Schritte nahe gekommen waren, erkannten wir die
Pavianheerde. »Sie kommen zum Wasser!« meinte der Knabe. Zu unserer
Verwunderung schienen sich die Affen nicht von der Stelle rühren zu
wollen, es verging eine Viertel-, eine halbe Stunde und noch immer war
der Haufen auf derselben Stelle--da auf einmal, wie aus der Erde
herausgezaubert, erschienen uns gegenüber an dem freien Ende des
seichten, kaum 60 Schritt langen Teiches zwei riesige Männchen, keiner
unserer Gesellschaft hatte ihre Annäherung beobachtet, ob sie in einem
Bogen quer über das Thal oder durch das Gras geraden Weges von der
Heerde zu uns gekommen waren, konnten wir uns nicht aufklären. Da ich
die Thiere beobachten und mich dessen vergewissern wollte, ob sie zu
jener Heerde, die unter den niedrigen Mimosenbäumen spielte, gehörten,
kam ich von dem Entschlusse, sofort eines der Thiere zu erlegen, ab und
wartete mit Spannung der weiteren Dinge. Nun sprangen sie vom Damme zum
Wasser, beugten sich nieder und tranken; sich wieder emporrichtend,
verließen sie recht gravitätisch auf allen Vieren einherschreitend das
Wasser und schlugen die Richtung nach der Heerde ein; sie gehörten ihr
also thatsächlich an und waren die ausgesandten Kundschafter. Zu den
Ihren gekommen, setzte sich die ganze Truppe sofort in Bewegung; kurze
Zeit darauf waren schon alle am Teiche. Da gab es Mütter mit Säuglingen
und halb erwachsenen Thieren, der erwachsenen Männchen nur drei oder
vier. Die Thiere kamen einzeln heran, tranken und kehrten unverweilt
zurück; nachdem etwa zehn in dieser Weise ihren Durst gelöscht hatten,
kamen mehrere auf einmal, während die übrigen sich auf dem Sande ringsum
mit Sprüngen und Herumrollen ergötzten. Bald wären wir jedoch um alle
weiteren Betrachtungen gekommen, denn vom Hause her näherten sich zwei
Korannafrauen, Töpfe auf den Köpfen tragend, um Wasser aus dem Teiche zu
holen, an dem wir lagen. Durch Gesticulationen hielten wir glücklicher
Weise die Frauen ab, näher zu kommen, allein es war auch die höchste
Zeit, zum Schusse zu kommen. Eben waren, wie ich mir einbildete,
dieselben Männchen, welche so geschickt das jenseitige Ufer
ausgekundschaftet, zum zweiten Mal an's Wasser getreten, sie setzten
sich auf jede Seite der kaum zwei Fuß hohen Einbuchtung und beugten sich
mit dem Vorderkörper zum Saufen nieder. Diesen Moment wollte ich
benützen, um mein Glück zu versuchen. Wie wir später an den Spuren
ersahen, hatten sich die beiden Thiere so gegeneinander vorgebeugt, daß
blos ein Raum von nicht ganz vier Zoll zwischen den gesenkten Köpfen
frei blieb. Da donnerte meine Büchse--wie wir uns später überzeugten,
hatte die Kugel, zwischen den Köpfen der Thiere durchfliegend, etwa drei
Fuß hinter denselben eingeschlagen. Hoch sprangen sie beide auf, wie auf
ein Tempo mit den Händen nach der Schnauze greifend, und unmittelbar
darauf eilte die ganze Heerde bellend, die größeren Thiere etwas
zurückbleibend und sich oft umdrehend, von dannen.----Obgleich wir bis
zum Abend liegen blieben und sogar unser Nachtlager hierher verlegten,
sahen wir nichts mehr von den Affen, deren heiseres Gebell wir noch die
halbe Nacht hindurch von den Bergen herab deutlich vernahmen. Wir
blieben noch einen Tag, allein die Thiere, die uns von den Höhen
bemerken konnten, behielten uns im Auge, und wollten sich von den
Felsenhängen, wo sie Herren der Situation waren, nicht herabwagen.
Meine Begleiter waren in der dem mißglückten Jagdtage folgenden Nacht in
tiefen Schlaf versunken, während mich das Gebell der Paviane in steter
Spannung erhielt. Allein außer ihren heiseren Tönen konnte ich auch
nichts Anderes vernehmen. Selbst der leise Wind war eingelullt und ließ
von seinem Spiele mit den zarten Blüthen der Mimosen ab. Solch' stille
Nächte--unter südafrikanischem Himmel--üben auf den Fremden einen
mächtigen, lange hin nachklingenden Reiz aus. Die Atmosphäre war rein,
der Himmel so dunkel und zwischen ihm und der Erde unzählige Wölkchen in
solch' lebendigen Schattirungen zwischen milchfarben und grau, daß ich
mich nicht entsinnen konnte, je etwas Aehnliches zuvor beobachtet zu
haben.
[Illustration: Die Kimberley-Kopje im Jahre 1872.]
Nach den Diamantenfeldern zurückgekehrt, nahm ich wieder meine
Berufsthätigkeit auf, die immer ausgebreiteter wurde, und es mir
erlaubte, zur Verwirklichung meiner weitgehenden Pläne manches Pfund
Sterling bei Seite zu legen. Nachdem ich schon im Laufe des Jänner mir
einen der bekannten Wagen angeschafft hatte, also im Besitze des
wichtigen Reisemittels war, hielt ich zu Beginn des Februar 1873 die
Zeit für gekommen, um meine erste größere Reise, gewissermaßen eine
Recognoscirung, zu unternehmen.
Meine erste Reise in das Innere von Süd-Afrika.