XVII.

Die Nacht am Grabe.

Die Landschaft ruht in tiefem Schlummer,

Der _Mond_ nur und ein _Jüngling_ wacht;

In Frieden _jener_, _der_ in Kummer,

Doch Beide wandeln durch die Nacht.

Und _Heil_, am _Grabe_, Mond-beschienen,

Verklagt in süsser Melodie,

Sein _Glück_, auf dessen Prachtruinen;

Und _also_ klang die _Elegie_:

»Bist Du so früh emporgeschieden,

Nach kurzem Traum von Erdenglück?

Und führt, von Deinem Gottesfrieden;

Kein Weg in Freundes Arm zurück?

Kann Liebe Dir nicht wiedergeben,

Was Erdentod dem Leben nahm?

Kann keine Thräne mehr beleben

Den Leib, der von der Erde kam? --

Vergebens! -- In die Nacht der Zeiten

Verliert sich meiner Klage Ruf!

Nur _Einer_ kann mir _Trost_ bereiten:

Wer Licht aus Nacht der Nächte schuf.

Nur _Du_, von _Dem_, seit Welten kreisen,

Die Phantasie kein Bild entwarf!

Nur _Du_, Den wir »_Allvater_« preisen,

Der Alles gab, und Nichts bedarf!

* * *

Nun weihet mich, ihr _Todtenhügel_!

Ein Erdsohn will sein _Fest_ begeh'n;

Komm', _Seraph_, leih' mir deine Flügel,

Ich will die _Braut_ im _Lichte_ seh'n.

Die Erde soll wie Nebel schwinden;

Die Sonne lass' ich weit zurück!

Will sich der _Geist_ zum _Geiste_ finden,

Verlangt es nur den Augenblick. --

* * *

_Geliebte Du_, in fernen Räumen!

Wann sich die Geisterstunde neigt:

Umfangen wir Dein Bild in Träumen;

Dein Bild, das uns die _Palme_ zeigt.

Dein treu bewährtes Tugendleben,

So lang es hier auf Erden ging:

War eine _Landschaft_, mild und eben,

Gefasst in einen Blumenring.

Da war kein Berg mit Silberminen,

Kein Alpenstrom, der Gold verhiess;

Kein Schloss der Vorzeit in Ruinen,

Kein Thurm mit seinem Burgverliess.

Es war die reichste Blumenwiese;

Durch die sich, wie ein Ordenband,

Ein Perlenquell vom Paradiese,

Vorbei an Frucht-Alleen wand.

Nur Unschuld, Ehre, Treue gingen

Einher, bei frohem Lerchensang;

Und _Engel_ nur mit Rosaschwingen.

Umflogen sie auf jedem Gang.

Ein _Hüttchen_ stand, im Sonnenglanze:

Da flocht, bei stillem Heitersinn,

Ein _Gärtner_ an dem Bürgerkranze,

Für seines Glückes _Königin_.

Doch -- neidisch brachten dunkle Mächte,

Dem Glück', des Todes Richterspruch!

Der Sonne folgten Schauernächte;

Da war die _Flur_ ein _Leichentuch_!

Mein Himmel schwand! -- Wie dort in Flammen

So mancher Weltenbau verging:

_So_ fiel mein _Paradies_ zusammen;

Und -- _Grab_ nur blieb, was ich umfing!

_Du_ aber konntest nicht verlieren --

Den _Schmuck_, der auch den _Engel_ ziert!

Das Schicksal wollte Dich verführen,

_Du_ aber hast den _Tod_ verführt.

_Charakter_ -- porenloser Wille,

Der gold'ne Saat für Welten trägt:

Hat Dir, in Deiner Sabbathstille,

Gedankengold zu _That_ geprägt.

Nur _so_ gelang es Deinem Muthe:

Bei frech bestürmender Gefahr,

Zu _siegen_ noch in Deinem Blute;

Zu _retten_, was Dir heilig war. --

* * *

Dich nennt zwar keine Weltgeschichte,

Sie schreibt ja nur bei Dämmerlicht!

Es gingen Völker zum Gerichte,

Und die Geschichte kennt sie nicht!

Oft hat der _Unschuld_ Gottvertrauen

Den Sieg der Feinde schnell besiegt;

Tyrannengrimm ein Blick der _Frauen_,

Am Thränenquell, in Schlaf gewiegt;

An unsichtbarem Spinngewebe

Hing oft der Staaten Weltgeschick:

Doch _selten_ lebt, wer uns beschriebe

Der Webzeit Ersten Augenblick! --

Ein _Saemann_ schrieb die Erste Rolle,

Die Segen auf die Völker trug;

Sein Jahrbuch war die Erdenscholle,

Sein Zaubergriffel war -- sein _Pflug_.

Mit _solchem_ Griffel schrieb er _Thaten_,

Kein Prahlwort, in der Zeiten Buch;

Mit _solchem_ Schriftwerk hob er Staaten:

Und seine _Saaten_ trifft kein Fluch!

Kann aber uns _Geschichte melden_:

Wer solch ein Götterwerk erdacht? --

Ihr Labsal ist nur Mark der Helden;

Ihr Nektar, Blut der Völkerschlacht!

* * *

So grabe denn der Helden Leben,

_Geschichte_, deinem Marmor ein!

Doch -- _Ihr_ auch wird ein Tag sich heben,

Und _Rosa_ nicht vergessen sein!

Es kommen Söhne ferner Zeiten,

An die noch keine Zeit gedacht:

_Die_ werden Dir ein _Fest_ bereiten,

Zum Jahrtag Deiner Todesnacht. --

Die Hand der _Liebe_ sä't in Grüfte

Den Keim zu manchem Wunderbaum;

Die Krone spielt im Reich' der Lüfte,

Die Wurzel fand im Grabe Raum':

Da grünt ein Stamm aus Deinem Staube;

Aus Thränen wird ein Wasserfall;

Und in der _Linde_ Mai-Gelaube

Besingt Dein Lob die Nachtigall.

* * *

Der Vollmond hebt die Augenlieder;

Ein Pilger eilt dem Hügel zu;

Und neigt sich auf Dein Grabmal nieder,

Zu schlafen süssen Schlaf, wie _Du_!

* * *

O _Du_, verklärt, in lichten _Sphären_:

Gieb _Segen_ meinem Pilgerlauf!

Und nimm _hinab_, des _Dankes_ Zähren,

Und meinen _Kuss_, zu Dir _hinauf_!

Mein Glaube wohnt auf Deinem _Hügel_,

Die Hoffnung reicht den Wanderstab;

Bis mich zu _Dir_ der _Liebe_ Flügel,

Emporhebt, über Zeit und Grab.

Dein _Rosatuch_ -- sei mir _Geleite_,

_Wohin_ auch mein _Verhängniss_ ruft!

Es folge mir im Erdenstreite,

Und dann zum Frieden, meiner Gruft!

_Du_ aber, _Staub_ der _Gräber_-Auen:

Lass hier bei Mond- und Sonnenschein.

Das _Leben_ sich am _Tod_ erbauen,

Dann wird kein _Tod_ im _Leben_ sein!«

Die Jungfrau von Treiden · 第 25 / 27 题