Die Nacht am Grabe.
Die Landschaft ruht in tiefem Schlummer,
Der _Mond_ nur und ein _Jüngling_ wacht;
In Frieden _jener_, _der_ in Kummer,
Doch Beide wandeln durch die Nacht.
Und _Heil_, am _Grabe_, Mond-beschienen,
Verklagt in süsser Melodie,
Sein _Glück_, auf dessen Prachtruinen;
Und _also_ klang die _Elegie_:
»Bist Du so früh emporgeschieden,
Nach kurzem Traum von Erdenglück?
Und führt, von Deinem Gottesfrieden;
Kein Weg in Freundes Arm zurück?
Kann Liebe Dir nicht wiedergeben,
Was Erdentod dem Leben nahm?
Kann keine Thräne mehr beleben
Den Leib, der von der Erde kam? --
Vergebens! -- In die Nacht der Zeiten
Verliert sich meiner Klage Ruf!
Nur _Einer_ kann mir _Trost_ bereiten:
Wer Licht aus Nacht der Nächte schuf.
Nur _Du_, von _Dem_, seit Welten kreisen,
Die Phantasie kein Bild entwarf!
Nur _Du_, Den wir »_Allvater_« preisen,
Der Alles gab, und Nichts bedarf!
* * *
Nun weihet mich, ihr _Todtenhügel_!
Ein Erdsohn will sein _Fest_ begeh'n;
Komm', _Seraph_, leih' mir deine Flügel,
Ich will die _Braut_ im _Lichte_ seh'n.
Die Erde soll wie Nebel schwinden;
Die Sonne lass' ich weit zurück!
Will sich der _Geist_ zum _Geiste_ finden,
Verlangt es nur den Augenblick. --
* * *
_Geliebte Du_, in fernen Räumen!
Wann sich die Geisterstunde neigt:
Umfangen wir Dein Bild in Träumen;
Dein Bild, das uns die _Palme_ zeigt.
Dein treu bewährtes Tugendleben,
So lang es hier auf Erden ging:
War eine _Landschaft_, mild und eben,
Gefasst in einen Blumenring.
Da war kein Berg mit Silberminen,
Kein Alpenstrom, der Gold verhiess;
Kein Schloss der Vorzeit in Ruinen,
Kein Thurm mit seinem Burgverliess.
Es war die reichste Blumenwiese;
Durch die sich, wie ein Ordenband,
Ein Perlenquell vom Paradiese,
Vorbei an Frucht-Alleen wand.
Nur Unschuld, Ehre, Treue gingen
Einher, bei frohem Lerchensang;
Und _Engel_ nur mit Rosaschwingen.
Umflogen sie auf jedem Gang.
Ein _Hüttchen_ stand, im Sonnenglanze:
Da flocht, bei stillem Heitersinn,
Ein _Gärtner_ an dem Bürgerkranze,
Für seines Glückes _Königin_.
Doch -- neidisch brachten dunkle Mächte,
Dem Glück', des Todes Richterspruch!
Der Sonne folgten Schauernächte;
Da war die _Flur_ ein _Leichentuch_!
Mein Himmel schwand! -- Wie dort in Flammen
So mancher Weltenbau verging:
_So_ fiel mein _Paradies_ zusammen;
Und -- _Grab_ nur blieb, was ich umfing!
_Du_ aber konntest nicht verlieren --
Den _Schmuck_, der auch den _Engel_ ziert!
Das Schicksal wollte Dich verführen,
_Du_ aber hast den _Tod_ verführt.
_Charakter_ -- porenloser Wille,
Der gold'ne Saat für Welten trägt:
Hat Dir, in Deiner Sabbathstille,
Gedankengold zu _That_ geprägt.
Nur _so_ gelang es Deinem Muthe:
Bei frech bestürmender Gefahr,
Zu _siegen_ noch in Deinem Blute;
Zu _retten_, was Dir heilig war. --
* * *
Dich nennt zwar keine Weltgeschichte,
Sie schreibt ja nur bei Dämmerlicht!
Es gingen Völker zum Gerichte,
Und die Geschichte kennt sie nicht!
Oft hat der _Unschuld_ Gottvertrauen
Den Sieg der Feinde schnell besiegt;
Tyrannengrimm ein Blick der _Frauen_,
Am Thränenquell, in Schlaf gewiegt;
An unsichtbarem Spinngewebe
Hing oft der Staaten Weltgeschick:
Doch _selten_ lebt, wer uns beschriebe
Der Webzeit Ersten Augenblick! --
Ein _Saemann_ schrieb die Erste Rolle,
Die Segen auf die Völker trug;
Sein Jahrbuch war die Erdenscholle,
Sein Zaubergriffel war -- sein _Pflug_.
Mit _solchem_ Griffel schrieb er _Thaten_,
Kein Prahlwort, in der Zeiten Buch;
Mit _solchem_ Schriftwerk hob er Staaten:
Und seine _Saaten_ trifft kein Fluch!
Kann aber uns _Geschichte melden_:
Wer solch ein Götterwerk erdacht? --
Ihr Labsal ist nur Mark der Helden;
Ihr Nektar, Blut der Völkerschlacht!
* * *
So grabe denn der Helden Leben,
_Geschichte_, deinem Marmor ein!
Doch -- _Ihr_ auch wird ein Tag sich heben,
Und _Rosa_ nicht vergessen sein!
Es kommen Söhne ferner Zeiten,
An die noch keine Zeit gedacht:
_Die_ werden Dir ein _Fest_ bereiten,
Zum Jahrtag Deiner Todesnacht. --
Die Hand der _Liebe_ sä't in Grüfte
Den Keim zu manchem Wunderbaum;
Die Krone spielt im Reich' der Lüfte,
Die Wurzel fand im Grabe Raum':
Da grünt ein Stamm aus Deinem Staube;
Aus Thränen wird ein Wasserfall;
Und in der _Linde_ Mai-Gelaube
Besingt Dein Lob die Nachtigall.
* * *
Der Vollmond hebt die Augenlieder;
Ein Pilger eilt dem Hügel zu;
Und neigt sich auf Dein Grabmal nieder,
Zu schlafen süssen Schlaf, wie _Du_!
* * *
O _Du_, verklärt, in lichten _Sphären_:
Gieb _Segen_ meinem Pilgerlauf!
Und nimm _hinab_, des _Dankes_ Zähren,
Und meinen _Kuss_, zu Dir _hinauf_!
Mein Glaube wohnt auf Deinem _Hügel_,
Die Hoffnung reicht den Wanderstab;
Bis mich zu _Dir_ der _Liebe_ Flügel,
Emporhebt, über Zeit und Grab.
Dein _Rosatuch_ -- sei mir _Geleite_,
_Wohin_ auch mein _Verhängniss_ ruft!
Es folge mir im Erdenstreite,
Und dann zum Frieden, meiner Gruft!
_Du_ aber, _Staub_ der _Gräber_-Auen:
Lass hier bei Mond- und Sonnenschein.
Das _Leben_ sich am _Tod_ erbauen,
Dann wird kein _Tod_ im _Leben_ sein!«