IX.

Der 6. August.

»Junker _Victor_ lässt Euch grüssen,

Mit dem _Wunsch'_ an Euer Herz:

Ihm noch, tröstlich, zu versüssen

Bald'ger _Trennung_-Stunde Schmerz!

Hat am Abend noch zu sorgen,

Im Geschäfte für den _Herrn_:

Aber schon der nächste Morgen

Findet ihn -- dem Hause _fern_.

Fräulein möge sich bequemen:

Von dem _Treuen_ noch ein Wort,

Vor der Reise zu vernehmen,

Dort, am ihr bewussten Ort'!

Heute, nach vollbrachtem Mahle,

Bei der _Mittagsonne_ Strahl',

Harret _Victor Heil_ im Thale;

Und -- vielleicht -- zum _letzten_ Mal!«

Diese trauervolle Kunde,

Nicht der Liebe Träumen hold:

Kam der _Braut_ aus _Boten-Munde_,

Nach dem _Schein_, von _Segewold_.

* * *

Sinnend ob des Wort's Bedeuten,

Sprach sie dennoch schnell gefasst:

»Wenn sie heut' zu _Mittag_ läuten,

Bin ich meines Trauten Gast.« --

* * *

Und der Bote zieht von dannen,

Eilig wie Verhängnissflug:

Seinem Orte zu, von wannen

Ihn der Hölle Dämon trug.

* * * * *

Todeskälte, Fieberbeben,

Namenloses Weh' und Leid:

Ueberzog Dein Rosenleben,

_Rosa_, wundersüsse Maid!

* * *

»Heute, nach vollbrachtem Mahle.

Bei der _Mittagsonne_ Strahl,

Harret _Victor Heil_ im Thale;

Und -- vielleicht -- zum _letzten_ Mal?«

»Welch Gebot ist dir geworden?

Welche Sendung trägt dich fort? --

Wer, um unser Glück zu morden,

Sprach dir solches Unheilwort? --

_Dich_, mein _Leben_, soll ich meiden,

Noch im _Frühling_ deiner Bahn?

Von dem _Himmel_ soll ich scheiden,

Der sich kaum mir aufgethan? --

Träger Morgen, nimm dir Schwingen!

Mittagstunde, komm herbei!

Sich're Kunde mir zu bringen,

Ob mein Traum zu Ende sei. --

_Kommen will_ ich, zu dir eilen:

Einer flücht'gen Stunde Frist,

Glücklich noch, bei _Dem_ zu weilen,

Dessen Glück mein Himmel ist.« --

* * * * *

_Also_ tönt der Jungfrau Klage;

Und sie eilt im Flügelschritt';

Und den Pflegern ihrer Tage

Theilt sie schnell die _Kunde_ mit.

Bergend in der Brust die Wunde,

Ruhig scheinend, ohne Ruh',

Sprach sie; -- und der bösen Kunde

Hören _bang_ die _Lieben_ zu.

Inn're _Warnerstimmen_ sprechen,

_Zweifel_ stürmt die alte Brust:

_Rosa_ weiss den Sturm zu brechen,

Sich nur _frommer_ That bewusst.

Weich, wie Flötenklänge wehen,

Zärtlich, wie das Auge sprach,

Sendet sie der Blicke Flehen

Noch einmal die _Worte_ nach:

»Möge Vaterhuld gestatten,

Was die Mutter nie versagt!

Jener Gang im Abendschatten,

Sei zu _Mittag_ heut' gewagt!« --

* * *

Und die _Lieben_? -- Sie gewähren

Ihr, zu Tages heller Zeit,

Neu, den alten Gang in Ehren,

Und die _Schwester_ zum Geleit'.

* * *

Dann enteilt sie; wählt zum Kleide,

Aus dem hellgebohnten Schrein,

Ihren Festtagschmuck von Seide,

Perlen auch und Edelstein.

Alles muss den Reiz erheben,

Was die schöne Welt entzückt;

Was da ziert der _Liebe_ Leben,

Und -- die _Braut_ im _Sarge_ schmückt.

Dann der _Liebe_ zu genügen,

Wählt sie noch ein _Busentuch_,

Dessen _Rand_, in gold'nen Zügen,

Darbot diesen _Römerspruch_:

»Lass' des _Muthes_ Fahne wehen.

Wenn den Stab dein Schicksal bricht!

Lass' dein _Leben_ untergehen,

Aber deine _Ehre_ nicht!«

* * *

»Ja,« so sprach sie, »diese Gabe,

Seiner Liebe Brautgeschenk:

Soll mich finden bis zum Grabe,

Treu, des Treuen eingedenk!« --

* * * * *

Rosenroth, wie _Rosen's_ Wangen,

Malet sich des Tuches Grund;

Zarte, gold'ne Sterne prangen,

Mitten d'rauf, im Zirkelrund.

_Also_, wie zum Hochzeittage,

Schmuckreich, glänzend angethan:

Eilt sie, mit dem Glockenschlage;

Und die Schwester geht voran.

_Leutha_ hüpft im Jubelreigen,

Durch den Hain, ihr Königreich;

_Rosa_ folgt, in düst'rem Schweigen,

Ihrem Todesengel gleich!

Oft noch, wie von _Ahnung_ bange,

Wendet sie den feuchten Blick,

Auf des Lebens letztem Gange,

Nach dem _Vaterhaus_ zurück!

Und mit Augen, deren Milde

Nur von Glück und Segen sprach:

Schauen ihrem Engelbilde,

Lange noch, die _Lieben_ nach.

* * *

Sinnend geht sie weit und weiter,

Näher doch dem frühen Grab'!

_Engel_, auf der Himmelsleiter,

Steigen ihrem Traum' herab.

Doch, die guten Engel _weinen_!

Schmerz umflort ihr Angesicht!

Und -- die _Zeichen_, die erscheinen,

Melden Glück der Liebe nicht.

* * *

Raben, Krähen, Dohlen kreisen,

Wie zu wehren diesem Gang';

Und es tönt, in Schauerweisen,

Um sie her wie Grabgesang!

* * *

Durch des Thales grüne Matten,

Sucht und wählt sie neue Bahn;

Sieh, da starrt ein bleicher _Schatten_

Sie mit Todes-Augen an!

_Horch_! und _Geisterworte_ schallen,

Wie aus Gräbern, hohl und tief:

»_Weh'_, der Würfel ist gefallen!

_Todesbraut_ -- dein Schicksal rief!«

* * *

Doch, von Schrecken ungeblendet,

Muthbewehrt am Schauerort,

Ruft, dem _Schatten_ zugewendet,

_Rosa Mai_ -- des _Bannes_ Wort:

»Bist du _Gottes_: lass' mich wandern!

Hab' in deinem Grabe _Ruh'_!

Aber dienest du dem _Andern_,

Weiche -- deiner Hölle zu!«

* * *

Und sie sah das Bild entschwinden,

Wesenlos, in blauer Luft;

Doch, von seiner _Heimath_ künden

Schwefeldampf und Moderduft.

* * *

_Rosa_ weilt nun, an den Stufen,

Deren Weg zur _Grotte_ führt;

Aber -- _and're_ Stimmen rufen,

Deren »_Ach_« die _Felsen_ rührt:

»Nah' ist, _Jungfrau_, dein Verderben!

Nah' der Rose Blüthenfall!« --

Doch die Geistertöne sterben,

Ohne Frucht, im Widerhall.

Muth und Kraft der Liebe _siegen_;

Das Phantom der Schrecken weicht;

Und sie hat den Fels erstiegen,

Und der Grotte Ziel erreicht.

Ringsum, nach dem Stern des Lebens,

Wendet sie den Blick umher:

Doch ihr Auge sucht vergebens!

_Rosa_ fand -- die Grotte _leer_.

* * *

Bleich und kalt, in _Weh'_ begraben.

Schaut sie nach dem Thalgefild;

Einsam, schweigend und erhaben,

Wie am Grab' ein Marmorbild!

_So_ ermass, am Felsenhügel,

_Ariadne_ den Betrug:

Der ihr Glück, mit Windesflügel,

Flüchtig, in die _Ferne_ trug. --

* * *

Endlich naht es, -- auf den Zehen!

Doch der Ton der Tritte gleicht --

_Wolfesgang'_, der ungesehen,

Leise nach dem _Raube_ schleicht.

Wie ein Tiger gräbt die Zähne

Tief dem Opfer in die Brust;

Wie bei Nacht die Grabhyäne

Nährt an Leichen Würgerlust:

_Also_ naht in Gluht und Feuer,

Ungezähmter _Gierde_ Raub,

_Rosa_, Dir, das _Ungeheuer_!

Tränkt mit Blut der Höhle Staub!

* * *

_Fremdling_! soll ich _Mehr_ Dir sagen?

Heute, _Fremdling_, frage nicht!

Aber, wird ein _Morgen_ tagen:

Folge mir -- zum _Weltgericht_!

Die Jungfrau von Treiden · 第 17 / 27 题