Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen,

die hier auf dem Felde standen, und sowie

sie Don Quijote erblickte, sagte er zu seinem Edelknaben:

»Das Glück führt unsre Sache besser, als

wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund

Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr

ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu

halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu

nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den

Anfang unsers Reichtums machen, denn dies ist

ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst,

diese Brut vom Angesicht der Erde zu vertilgen.«

»Welche Riesen?« fragte Sancho Pansa.

»Die du dorten siehst,« antwortete sein Herr,

»mit den gewaltigen Armen, die zuweilen wohl zwei

Meilen lang sind.«

»Seht doch hin, gnädiger Herr,« sagte Sancho,

»daß das, was da steht, keine Riesen, sondern Windmühlen

sind, und was Ihr für die Arme haltet,

sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch

der Mühlenstein in Gang gebracht wird.«

»Es scheint wohl,« antwortete Don Quijote,

»daß du in Abenteuern nicht sonderlich bewandert

bist, es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so

gehe von hier und ergib dich in einiger Entfernung

dem Gebete, indes ich die schreckliche und ungleiche

Schlacht mit ihnen beginne.«

Mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rosinante

die Sporen, ohne auf die Stimme seines

Edelknaben Sancho zu achten, der ihm noch immer

nachrief, daß es ganz gewiß Windmühlen und nicht

Riesen wären, was er angreifen wollte. Aber er

war so fest von den Riesen überzeugt, daß er weder

nach der Stimme seines Stallmeisters Sancho hörte,

noch sich zu sehn bemühte, bis er dem Orte, wo sie

standen, nahe gekommen war, worauf er mit

lauter Stimme rief: »Entflieht nicht, ihr feigherzigen

und nieterträchtigen Kreaturen! ein einziger

Ritter ist es, der euch die Stirn bietet.« Zugleich

erhob sich ein kleiner Wind, der die großen Flügel

in Bewegung setzte; als Don Quijote dies gewahr

ward, fuhr er fort: »Strecktet ihr auch mehr Arme

aus als der Riese Briareus, so sollt ihr es dennoch

bezahlen!« Und indem er dies sagte und

sich mit ganzer Seele seiner Gebieterin Dulzinea

empfahl, die er flehte, ihm in dieser Gefährlichkeit

zu helfen, wohl von seinem Schilde bedeckt, in der

Rechten die Lanze, sprengte er mit dem Rosinante

im vollen Galopp auf die vorderste Windmühle los

und gab ihr einen Lanzenstich in den Flügel, den

der Wind so heftig herumdrehte, daß die Lanze

in Stücke sprang, Pferd und Reiter aber eine große

Strecke über das Feld weggeschleudert wurden.

Sancho Pansa trabte mit der größten Eilfertigkeit

seines Esels herbei, und als er hinzu kam,

fand er, daß Don Quijote sich nicht rühren konnte,

so gewaltig war der Sturz, den Rosinante getan

hatte. »Gott steh uns bei!« sagte Sancho, »sagte

ich's Euer Gnaden nicht, daß Ihr zusehn möchtet,

was Ihr tätet, und daß es nur Windmühlen wären,

die ja auch jeder kennen muß, wer nicht selber

welche im Kopfe hat!« -- »Gib dich zur Ruhe,

Freund Sancho,« antwortete Don Quijote, »das ist

Kriegesglück, das am meisten von allen Dingen

einem ewigen Wechsel unterworfen ist; um so mehr,

da ich glaube und es auch gewiß wahr ist, daß

eben der weise Freston, der mir mein Zimmer und

meine Bücher geraubt hat, mir auch jetzt diese

Riesen in Mühlen verwandelt, um mir den Ruhm

ihrer Besiegung zu entreißen. So groß ist die

Feindschaft, die er zu mir trägt! Aber endlich,

endlich wird er doch mit allen seinen bösen Künsten

nichts gegen die Tugend meines Schwertes vermögen!«

»Gott mag es so fügen,« antwortete Sancho

Pansa, indem er sich bemühte ihn aufzurichten; worauf

er ihn auf den Rosinante setzte, dessen Glieder

ausgerenkt waren, und so verfolgten sie, indem sie

sich von dem überstandenen Abenteuer unterhielten,

den Weg nach dem Hafen Lapice. Dort, meinte

Don Quijote, müsse es viele und mancherlei Abenteuer

geben, weil es ein so besuchter Ort sei; über

den Verlust seiner Lanze war er sehr betreten, und

indem er darüber mit seinem Edelknaben sprach,

sagte er: »Ich erinnere mich, gelesen zu haben,

daß ein spanischer Ritter, Diego Perez de Vargas

genannt, als in einer Schlacht sein Schwert zersprang,

er einen gewaltigen Zweig oder Ast von

einer Eiche riß und mit diesem an selbigem Tage

solche Taten verrichtete und so viele Mohren zerschlug,

daß er den Zunamen des Zerschlägers annahm,

von welcher Begebenheit sich auch späterhin

seine Nachkommen Vargas und Zerschläger nannten.

Dieses wird darum erzählt, weil auch ich von der

ersten Steineiche einen Zweig abzureißen gedenke,

der gerade so gewaltig ist wie jener, und mit welchem

ich mir solcherlei Taten zu tun in den Sinn

gesetzt, daß du dich glücklich preisen wirst, dazu

auserlesen zu sein, sie anzuschauen und ein Zeuge

von Dingen zu werden, die man kaum wird glauben

können.«

»Das gebe Gott!« sagte Sancho, »ich glaube

auch alles, wie es Euer Gnaden da erzählt, aber

setzt Euch doch ein bißchen gerade, denn mich dünkt,

Ihr hängt so auf der Seite; das ist gewiß noch ein

Malzeichen von dem Falle.«

»Es ist wahr,« antwortete Don Quijote, »und

wenn ich aus Schmerz nicht klage, so geschieht es

nur, weil es irrenden Rittern nicht ziemlich ist,

über irgendeine Wunde zu klagen, und wenn selbst

die Eingeweide hindurch kämen.«

»Wenn dem so ist, so läßt sich nichts dagegen

sagen,« antwortete Sancho, »aber das weiß Gott,

daß Ihr mir eine Liebe tätet, wenn Ihr klagtet,

falls es euch irgendwo weh tut; von mir kann ich

versichern, daß ich mich über den allerkleinsten

Schmerz beklage, wenn es sich nicht auf die Stallmeister

der irrenden Ritter ebenfalls erstreckt, daß sie

nicht klagen dürfen.«

Don Quijote mußte über die Einfalt seines

Stallmeisters lachen und antwortete, daß er sich

beklagen könne, wie und wie oft es ihm beliebe,

denn er habe bis dahin noch nichts vom Gegenteil

in den Vorschriften der Ritterschaft gelesen. Sancho

sagte, er bemerke, daß es Zeit sei, zu essen. Sein

Herr erwiderte, daß er es noch nicht bedürfe, daß

er aber essen könne so viel er wolle. Mit dieser

Erlaubnis richtete sich Sancho auf seinem Tiere so

bequem ein als er nur konnte; er nahm aus dem

Schnappsack was er hineingepackt hatte, und so

folgte er reitend und essend seinem Herrn eine

große Strecke, indem er von Zeit zu Zeit den

Schlauch mit so vielem Anstande an den Mund

setzte, daß ihn der ausgelernteste Gastwirt von Malaga

hätte beneiden können. Wie er nun so fortzog

und die Schlückchen immer schneller wiederholte,

gedachte er keines Versprechens mehr, das

ihm sein Herr getan hatte, hielt es auch für

keine Beschwerde, sondern für eine große Ergötzung,

herumzuirren und Abenteuer aufzusuchen,

wenn sie auch noch so gefährlich sein sollten.

Sie mußten endlich die Nacht unter einigen

Bäumen zubringen, und von dem einen Baume

brach Don Quijote einen trocknen Zweig ab, der

ihm zur Lanze dienen sollte, an den er auch das

Eisen befestigte, das ihm von der zerschlagenen

übrig geblieben war. Don Quijote schlief die ganze

Nacht hindurch nicht, sondern gedachte an seine Gebieterin

Dulzinea, um es nachzutun, was er in

seinen Büchern gelesen, wie die Ritter ohne Schlaf

viele Nächte in den Waldungen und Einöden zubrachten

und sich mit dem Andenken ihrer Herrscherinnen

unterhielten. Nicht also trieb es Sancho

Pansa, der, da er den Magen, und zwar mit

keinem Habersüppchen angefüllt hatte, die ganze

Nacht aus einem Stücke schlief und auch nachher

nicht erwacht wäre, wenn ihn sein Herr nicht

aufgeweckt hätte, denn die Strahlen der Sonne, die

ihm auf das Gesicht schienen, sowie der Gesang der

Vögel, die von allen Zweigen mit jubelndem Gesange

die Ankunft des neuen Tages feierten, vermochten

es nicht. Als er sich ermuntert hatte,

schenkte er seinem Schlauche eine Umarmung, wobei

er ihn viel eingefallner fand als den Abend

vorher und sich von Herzen darüber betrübte,

weil es nicht aussah, als wenn sie auf diesem Wege

seine Auszehrung würden heilen können. Don Quijote

begehrte nicht zu frühstücken, weil er sich, wie

schon gesagt, mit nahrhaften Vorstellungen unterhalten

hatte.

Sie ritten auf der Straße nach dem Hafen Lapize

zu, den sie auch drei Stunden nach Sonnenaufgang

entdeckten. »Hier,« rief Don Quijote, als

er ihn erblickte, »Bruder Sancho, hier können wir

die Hände bis an die Ellenbogen hinauf in das

tauchen, was man Abenteuer nennt; aber vernimm,

daß, wenn du mich auch in der allergrößten

Gefahr erblicken solltest, du doch niemalen die Hand

an den Degen legen sollst, um mich zu verteidigen,

außer du müßtest gewahr werden, daß ich vom

Pöbel oder gemeinem Volke beleidigt würde, in

einem solchen Falle ist es dir gestattet, mir beizustehn:

sind es aber Ritter, so ist es dir nach den

Rittergesetzen keineswegs erlaubt oder vergönnt,

mir zu helfen, bis du selbst zum Ritter geschlagen

bist.«

»Seid versichert, gnädiger Herr,« antwortete

Sancho, »daß ich Euch darinne pünktlich Gehorsam

leiste, vollends da ich sehr friedliebend bin und mich

nicht gern in Schlägereien und Händel einmenge;

aber freilich, wenn einer meine eigne Person angreifen

wollte, da würde ich nach Euren Gesetzen

nicht fragen, denn göttliche und menschliche Gesetze

erlauben, daß sich jedermann wehren darf, wenn

ihm was zuleide geschieht.«

»Das leugne ich auch gar nicht,« antwortete Don

Quijote, »nur in dem Umstande, daß du mir nicht

gegen Ritter beistehn darfst, sollst du deine natürliche

Hitze bändigen.«

»Ich sage ja auch, daß ich es tun will,« antwortete

Sancho, »und daß ich diese Vorschrift so

genau halten will wie den Sonntag.«

Als sie so redeten, zeigten sich auf dem Wege

zwei Brüder von dem Orden des heiligen Benedikt,

die auf zwei Dromedaren ritten, denn viel kleiner

waren die Maultiere nicht, auf denen sie saßen; sie

trugen Brillen und Sonnenschirme. Ihnen folgte eine

Kutsche, von vieren oder fünfen zu Pferde und zwei

Eseltreiberjungen zu Fuße begleitet. In der Kutsche

war, wie man nachher erfuhr, eine Biscajische

Dame, die nach Sevilla zu ihrem Gemahl reiste,

der in einem ehrenvollen Geschäfte nach Indien

ging. Die Patres reisten nicht mit ihr, ob sie gleich

dieselbe Straße zogen, aber kaum hatte sie Don

Quijote gesehen, als er zu seinem Stallmeister

sagte: »Wenn ich mich nicht trüge, so ist dieses das

berühmteste Abenteuer, das jemalen gesehen worden,

denn diese schwarzen Dinge, die dort kommen,

mögen wohl sein und sind auch gewiß zwei Zauberer,

die in jener Kutsche eine geraubte Prinzessin

fortführen, und es ist also vonnöten, diesem Ungebühr

nach meinem vollen Vermögen zu steuern.«

»Das wird noch schlimmer gehen wie mit den

Windmühlen,« sagte Sancho, »seht, gnädiger Herr,

das sind Brüder des heiligen Benedikt, und in der

Kutsche sind wohl andere reisende Leute. Hört, was

ich sage, und seht was es ist, daß Euch der Teufel

nicht einen Irrtum macht.«

»Ich habe dir, Sancho, schon gesagt,« antwortete

Don Quijote, »daß du wenig von der Natur der

Abenteuer verstehst, was ich sage, ist Wahrheit, wie

du sogleich gewahr werden sollst.«

Mit diesen Worten ritt er fort und stellte sich

in die Mitte des Weges, den die Patres kamen,

und als er so nahe war, daß sie seine Rede vernehmen

konnten, sagte er mit lauter Stimme:

»Teuflisches und heidnisches Gesindel! Sogleich gebt

die erhabnen Prinzessinnen frei, die ihr mit Gewalt

in jener Kutsche fortführt! Wo nicht, so seid

gefaßt, plötzlich den Tod als gerechte Strafe eurer

Übeltaten zu empfangen!«

Die Patres hielten an und verwunderten sich

sowohl über Don Quijotes Gestalt, als auch über

seine Rede, welche sie also beantworteten: »Herr

Ritter, wir sind weder teuflisch noch heidnisch, sondern

zwei Mönche von Sankt Benedikt, die ihre

Straße ziehen und nicht wissen, ob in jener Kutsche

mit Gewalt fortgeführte Prinzessinnen sind oder

nicht.«

»Ich achte nicht auf eure listigen Reden, denn

ich kenne euch Lügenbrut,« sprach Don Quijote;

und ohne eine andere Antwort zu erwarten, spornte

er den Rosinante und griff mit solcher Wut und

Keckheit den vordersten Mönch mit eingesenkter

Lanze an, daß, wenn sich der Pater nicht behende

vom Maultier geworfen, er ihn übel von seiner

Höhe heruntergestürzt, schwer verwundet oder gar

getötet hätte. Der zweite Mönch, da er inne ward,

wie man seinen Gefährten behandelte, stieß seine

Beine in das Gebäude seines trefflichen Maultiers

und fing an, leichter als der Wind, über das Feld

zu rennen. Als Sancho Pansa den Mönch auf der

Erde liegen sah, stieg er behende von seinem Esel

ab, machte sich über ihn und fing an, ihm die Kleider

auszuziehen. Die Jungen der beiden Mönche

kamen nun hinzu und fragten ihn, warum er diesen

auskleide? Sancho antwortete, daß ihm dieses

rechtmäßig zustehe, als die Beute der Schlacht, die

sein Herr Don Quijote gewonnen habe. Die Jungen,

die keinen Scherz verstanden, auch nicht wußten,

was er mit der Beute und der Schlacht sagen wolle,

und Don Quijote weit ab von sich erblickten, der

mit denen in der Kutsche sprach, nahmen Sancho,

schmissen ihn auf den Boden, rissen ihm die Haare

aus dem Barte und richteten ihn mit Fußtritten so

übel zu, daß er ohne Atem und Besinnung auf der

Erde liegenblieb. Ohne einen Augenblick zu warten,

stieg nun der zitternde Mönch, ganz blaß im Gesicht,

wieder auf sein Maultier und trabte, so wie

er sich beritten sah, seinem Gefährten nach, der in

einer weiten Entfernung stillhielt und den Ausschlag

dieses Überfalls abwartete; ohne aber weiter

den Verlauf der Begebenheit zu erwarten, setzten

sie ihren Weg fort und machten so viele Kreuze,

als wenn ihnen der Teufel auf den Schultern wäre.

Don Quijote befand sich, wie schon gemeldet,

bei der Dame in der Kutsche und sagte: »Eure

Schönheit, meine Gebieterin, mag nun wieder mit

ihrer Person nach ihrem Wohlgefallen schalten,

denn der Stolz Eurer Räuber liegt auf dem Boden

gestreckt, bezähmt durch die Stärke dieses meines

Armes. Und damit Ihr nicht in Sorgen steht, den

Namen Eures Befreiers zu erfahren, so wißt, daß

ich Don Quijote von la Mancha bin, irrender Ritter

und Abenteurer, Gefangener der unvergleichlichen

und schönen Donna Dulzinea von Toboso; zum

Lohn der Wohltat, die Ihr von mir empfangen,

begehre ich nichts weiteres, als daß Ihr nach Toboso

kehrt, Euch meinerseits dieser Dame präsentiert

und ihr sagt, was ich zu Eurer Befreiung

getan.«

Alles, was Don Quijote sagte, hörte ein Stallmeister,

der ebenfalls die Kutsche begleitete und ein

Biskayer war, mit an. Da dieser sah, daß er den

Wagen nicht wollte fort lassen, wenn er nicht den

Weg nach Toboso einlenkte, wie er forderte, so

machte er sich an Don Quijote, und indem er die

Lanze anfaßte, sagte er mit seiner schlechten kastilianischen

und noch schlechteren biskayischen Sprache:

»Weg Ritter, damit du dich wegscheren! Bei Gott,

an den ich bete, läßt du nicht den Kutsch, ich dich

so schlachten, als wärst du Biskayer!«

Don Quijote verstand seine Meinung wohl und

antwortete mit ungemeiner Ruhe: »Wärst du ein

Ritter, wie du es nicht bist, so hätte ich dich für

deinen Aberwitz und deine Frechheit schon gezüchtigt,

du dienender Sklave!«

Der Biskayer versetzte hierauf: »Ich kein Ritter?

Schwör zu Gott, du so lügst, wie ein Christ!

Schmeiß Lanz weg, greif Säbel und gleich sollst

sehn, wen die Mäus am besten gefangen kriegen;

Biskayer zu Land, Edelmann zu See, Edelmann

zum Teufel und lügst, sagst du's anders!«

»Du wirst es plötzlich schauen, wie Agrages

sagt,« antwortete Don Quijote und zugleich warf

er die Lanze auf die Erde, faßte sein Schwert,

legte den Schild vor und griff den Biskayer mit

dem Vorsatz an, ihm das Leben zu nehmen. Der

Biskayer, der ihn so ankommen sah, wollte von

dem Maultier absteigen, weil es ein schlechtes gedungenes

war, auf das er sich nicht verlassen

konnte, aber er mußte sich begnügen, seinen Degen

zu ergreifen. Er bedachte aber, daß er der Kutsche

nahe sei, er nahm also aus ihr ein Kissen, das ihm

zum Schilde diente und nun gingen die beiden gegen

einander, als wären sie die tödlichsten Feinde gewesen.

Die übrigen suchten Frieden zu stiften, aber

vergeblich, denn der Biskayer erklärte mit seinen

schlecht gesetzten Worten, wenn sie ihn seine Schlacht

nicht ausfechten ließen, er seine Herrschaft und alle

andern tot machen wollte, die ihn stören würden.

Die Dame in der Kutsche, von dem, was sie sah,

erschreckt und entsetzt, befahl dem Kutscher, etwas

beiseite zu fahren und so wollte sie von weitem

dem hartnäckigen Kampfe zuschauen.

Zum Anbeginn gab der Biskayer dem Don

Quijote über der Schulter und über dem Schilde

einen so gewaltigen Hieb, daß, wenn der Schild

nicht geschützt hätte, der Ritter davon bis auf den

Gürtel gespalten wäre. Don Quijote, der das Gewicht

dieses ungeheuerlichen Hiebes fühlte, rief mit

lauter Stimme: »O Gebieterin meiner Seele, Dulzinea!

Blume der Schönheit! Helft Eurem Ritter,

der Eurer hohen Trefflichkeit genug zu tun, sich

in diesem hartnäckigen Kampfe befindet!« Dies

sprechen, das Schwert schwingen, sich mit dem

Schild schirmen und auf den Biskayer zustürzen,

tat er in einem Augenblicke, entschlossen, alles auf

das Glück eines einzigen Hiebes ankommen zu

lassen. Der Biskayer, der ihn also auf sich zustürzen

sah, schloß aus seiner Keckheit seine Absicht und

war willens, es eben wie Don Quijote zu machen.

Er erwartete ihn also, von seinem Kissen beschirmt,

wobei er sein Maultier weder auf die eine noch

die andere Seite wenden konnte, denn vor Müdigkeit

und auch weil es an dergleichen Possen nicht

gewöhnt war, konnte es keinen Schritt tun.

Also, wie gemeldet, rannte Don Quijote gegen

den vorsichtigen Biskayer, das Schwert geschwungen

und mit dem Vorsatze, ihn mitten durchzuhauen.

Ebenso erwartete ihn der Biskayer, das Schwert

geschwungen, von seinem Kissen geschirmt, und alle

Umstehenden voll Furcht und Erwartung, was sich

aus diesen gräßlichen Hieben ergeben möchte, mit

denen sie sich beiderseits bedrohten; die Dame

in der Kutsche und ihre Bedienten taten allen

Heiligenbildern und Kapellen in Spanien tausend

Gelübde, daß Gott ihren Diener und sie selber aus

einer so großen Gefahr erretten möge. -- -- --

Schade aber ist es, daß gerade bei dieser Stelle

der Autor abbricht und diesen Zweikampf mit der

Entschuldigung unausgemacht läßt, daß er nichts

weiteres von Don Quijotes Taten vorgefunden, als

was er bereits erzählt habe. Der zweite Autor

dieses Werkes konnte aber unmöglich glauben, daß

eine so treffliche Geschichte so ganz der Vergessenheit

soll überliefert sein oder daß die herrlichen

Köpfe in la Mancha so wenig Wißbegier haben

sollten, daß sich nicht noch in den Archiven oder in

einigen Schreibpulten Papiere vorfinden dürften,

die von diesem berühmten Ritter Meldung tun.

Diesen Gedanken nährte ich und hoffte demnach,

den Schluß dieser anmutigen Historie anzutreffen,

welches mir auch, unter Begünstigung des Himmels,

auf folgende Weise gelungen ist, die ich im zweiten

Teil erzählen will. --

~Zweites Buch~

~Erstes Kapitel~

Beschließt und endigt den gräßlichen Zweikampf, den

der wackere Biskayer und der tapfere

Manchaner hielten

Im ersten Teil dieser Historie verließen wir den

tapfern Biskayer und den berühmten Don Quijote

mit aufgehobenen blanken Schwertern, beabsichtigend,

zwei mörderische Hiebe zu geben, die, wenn

sie vollwichtig fielen, sie gewiß bis auf den Sattelknopf

teilen und zerspalten, und sie wie Granatäpfel

entzweischneiden mußten. In diesem furchtbaren

Moment stand die treffliche Geschichte still

und brach ab, ohne daß uns der Autor einige Nachricht

gegeben hätte, wo man das Mangelnde antreffen

könne.

Dies verursachte mir großen Verdruß, denn das

Vergnügen, das mir das Wenige gemacht hatte, verwandelte

sich in Mißvergnügen, wenn ich an die

Unannehmlichkeiten dachte, die ich würde überwinden

müssen, ehe ich die übrigen Stücke der herrlichen

Geschichte aufgefunden hätte. Denn es schien

mir unmöglich und ein Verstoß gegen alle guten

Sitten, daß einem so wackern Ritter ein Weiser

sollte gemangelt haben, der es auf sich genommen,

seine unerhörten Taten zu beschreiben; etwas, woran

es keinem irrenden Ritter gefehlt hat, von

denen, von welchen die Leute sagen, daß sie ihre

Abenteuer suchen; denn jeder von ihnen hatte einen

oder zwei Weisen in Bereitschaft, die nicht nur seine

Taten beschrieben, sondern auch seine kleinsten Gedanken

und Kindereien ausmalten, wenn sie auch

noch so verborgen gewesen waren. Diesem wackern

Ritter hätte also das Unglück nicht zustoßen müssen,

daß ihm etwas mangle, was selbst Platir und

andere ähnliche gehabt hatten. Ich konnte mich daher

nicht zu dem Glauben verstehen, daß eine so

brave Geschichte unvollendet und verstümmelt geblieben,

sondern ich schob die ganze Schuld auf die

Bosheit der gierigen und gefräßigen Zeit, die sie

verborgen hielt, oder sie verzehrt hätte.

Auf der andern Seite glaubte ich, daß da sich

unter seinen Büchern so neue, als die Entwirrung

der Eifersucht und die Nymphen und Schäfer von

Henares befanden, so müsse auch die Historie selber

neu sein und daß, wenn sie auch nicht geschrieben

existiere, sie doch in dem Gedächtnis der Leute seines

Dorfes und seiner Nachbarschaft leben müsse. Dieser

Gedanke war so lebhaft, daß ich Lust bekam, die

ganze und wahrhaftige Geschichte von dem Leben

und den Wunderwerken unsers berühmten spanischen

Don Quijote von la Mancha zu erforschen, des

Lichtes und Spiegels der Manchanischen Ritterschaft,

des ersten, der in unserm Jahrhundert, zu dieser

bedrängten Zeit sich der Beschwer und Tragung

irrender Waffen unterzog, um Unrecht zu vernichten,

den Witwen beizustehen, Jungfrauen zu

beschützen, die mit ihren Reitpeitschen auf ihren

Zeltern umherirrten und als vollkommene Jungfrauen

über Hügel, von Berg zu Berg, von Tal zu

Tal schweiften; die in den verflossenen Zeiten, wenn

sie nicht von einem Bösewicht, oder einem schändlichen

Hirten, oder unsittlichen Riesen bezwungen

wurden, noch nach achtzig Jahren, in welcher Zeit

sie nicht ein einzigmal unter einem Dache geschlafen

hatten, so unbefleckt in das Grab gelegt wurden,

wie die Mutter, die sie geboren hatte. Ich behaupte,

daß aus dieser Rücksicht, wie aus vielen anderen

Ursachen unser wackrer Don Quijote ewige und unvergängliche

Lobpreisungen verdiene; die Arbeit

und der Fleiß, die ich anwandte, um den Schluß

dieser angenehmen Geschichte zu finden, wurden

mir also zur Pflicht. Ich weiß aber wohl, daß,

wenn Himmel, Zufall und Glück mir nicht beigestanden

hätten, die Welt diesen Beschluß noch entbehren

würde und mit ihm soviel Zeitvertreib und

Belustigung, um wohl zwei Stunden auszufüllen,

wenn man aufmerksam liest. Ich fand aber diese

Geschichte auf folgende Weise.

Eines Tages war ich auf der Alcana zu Toledo,

da kam ein Junge mit alten Schreibbüchern und

Papieren, die er einem Seidenhändler verkaufen

wollte. Da es nun meine Leidenschaft ist, alles zu

lesen und wenn es auch zerrissene Papiere von der

Straße wären, so folgte ich auch hier meiner natürlichen

Neigung, nahm einige Blätter von denen, die

der Junge verkaufte, sah sie an und erkannte die

arabischen Lettern. Ich kannte nun zwar die Buchstaben,

konnte sie aber nicht lesen und sah mich

also um, ob ich nicht einen Morisken fände, der sie

mir läse. Es war auch nicht schwierig, einen solchen

Dolmetscher anzutreffen, denn man hätte dort wohl

welche für unverständlichere und ältere Sprachen

finden können. Kurz, der Zufall führte einen herbei,

gegen den ich meinen Wunsch äußerte und ihm

das Buch in die Hand gab; er schlug es in der

Mitte auf und als er ein wenig gelesen hatte, fing

er an zu lachen. Ich fragte ihn, worüber er lache,

und er antwortete, über etwas, das in diesem Buche

als eine Bemerkung auf den Rand geschrieben sei.

Ich bat ihn, es mir zu sagen, und er, ohne sein

Lachen zu unterbrechen, sagte: »Hier steht, wie ich

gesagt habe, auf dem Rande geschrieben: Diese Dulzinea

von Toboso, die so oftmals in dieser Historie

genannt wird, hatte nach Berichten unter allen

Frauenzimmern in la Mancha die glücklichste Hand,

Schweinefleisch einzupökeln.«

Als ich Dulzinea von Toboso nennen hörte, war

ich erstaunt und überrascht, denn mir fiel sogleich

ein, daß dieses unnütze Papier wohl die Geschichte

des Don Quijote enthalten möchte. Mit diesen Gedanken

bat ich ihn, mir schnell den Anfang zu lesen,

er tat es, indem er sogleich das Arabische ins Kastilianische

übersetzte, folgendermaßen: Historia des

Don Quijote von la Mancha, geschrieben vom Cide

Hamete Benengeli, arabischem Historienschreiber. Es

war viel Verstand dazu nötig, um mein großes Vergnügen

zu verbergen, da ich den Titel des Buches

hörte; ich riß es dem Seidenhändler weg und kaufte

von dem Jungen alle die Blätter und alten Papiere

um einen halben Real, der, wenn er Verstand gehabt

hätte und gemerkt, wie lieb sie mir wären,

wohl sechs Realen dafür von mir hätte bekommen

können.

Sogleich ging ich mit dem Morisken durch das

Kloster der großen Kirche und trug ihm auf, die

ganze Makulatur zu übersetzen, was vom Don Quijote

handelte, in kastilianischer Sprache, ohne etwas

auszulassen noch hinzuzufügen, wobei ich fragte,

wieviel Bezahlung er dafür verlange. Er war mit

fünfzig Pfund Rosinen und zwei Scheffel Weizen

zufrieden und versprach alles gut, getreu und schnell

zu übersetzen. Um aber den Handel zu erleichtern

und meinen guten Fund nicht aus den Händen zu

geben, nahm ich den Mohren zu mir ins Haus, wo

er in ungefähr einem und einem halben Monat

alles so übersetzte, wie man es hier findet.

Auf dem ersten Blatte war Don Quijotes Schlacht

mit dem Biskayer ganz nach dem Leben abgemalt,

sie standen in derselben Stellung, wie sie die

Geschichte beschreibt, die Schwerter aufgehoben, dieser

mit seinem Schilde, jener mit seinem Kissen beschirmt;

zugleich war das Maultier des Biskayers

so täuschend abgebildet, daß man es auf einen

Steinwurf davon schon für ein gemietetes Tier erkannte.

Zu den Füßen des Biskayers stand geschrieben,

Don Sancho de Azpeytia, welches wahrscheinlich

sein Name war, unter Rosinantes Füßen

war ein anderes Blatt, worauf geschrieben war Don

Quijote. Dieser Rosinante war bewundernswürdig

abgeschildert, so lang und gedehnt, so dünn und eingefallen,

mit einem so hervorstehenden Rückgrad

und einem so anständigen Betragen, daß er beim

Beschauen bewies, wie passend und mit welcher

Schicklichkeit ihm der Name Rosinante gegeben sei.

Daneben stand Sancho Pansa, der seinen Esel am

Stricke hielt, zu seinen Füßen war wieder ein

Zettel mit der Inschrift: Sancho Breitfuß, und

wie das Gemälde zeigte, hatte er auch in der Tat

einen dicken Bauch, einen schlechten Wuchs und

sehr breite Füße, und deshalb hatte er auch den

Zunamen Pansa und Breitfuß, so wie auch beide

Namen abwechselnd in der Geschichte genannt werden.

Ich könnte noch einige andere Abweichungen

anführen, aber sie sind alle unwichtig und keine

tut der Wahrheit der Geschichtserzählung Eintrag,

sonst ist keine zu verachten, die die Wahrheit in

ein helleres Licht setzt.

Man könnte in Ansehung der Wahrhaftigkeit

nichts anderes einwerfen, als daß der Verfasser

ein Araber gewesen und daß es dieser Nation eigentümlich

sei, zu lügen, und da sie überdies so sehr

unsere Feinde sind, so habe der Autor auch gewiß

manches eher unterdrückt als vergrößert. Dies

scheint mir auch wirklich der Fall zu sein, denn

wenn er sich am weitläufigsten in Lobeserhebungen

des wackeren Ritters ergießen könnte und sollte,

geht er lieber geflissentlich mit Stillschweigen darüber

hinweg. Dies ist ein übler und tadelnswürdiger

Charakter, denn ein Geschichtschreiber sollte genau

sein, wahrhaft, ohne Leidenschaft, weder von Eigennutz

noch Furcht beherrscht, weder Haß noch Liebe

dürfte ihn vom Wege der Wahrheit verleiten,

deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin

der Zeit, das Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen,

Beispiel und Rat des Gegenwärtigen,

Warnerin der Zukunft. Alles dies und was man

nur wünschen kann, wird sich in diesem anmutigen

Werke finden, und wenn irgend etwas Gutes darin

mangelt, so liegt nach meiner Meinung die Schuld

an dem Esel von Autor, gewiß aber nicht an dem

Gegenstande. Kurz, der zweite Teil fing nach der

Übersetzung folgendermaßen an. -- -- --

Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter

der beiden tapferen und ergrimmten Kämpfer,

die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu

dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und

ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war

der hitzige Biskayer, der so kräftig und wütend

ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs

gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend

war, dem edlen Mute und allen künftigen

Abenteuern unseres Helden ein Ende zu machen;

aber das Glück, das ihn wichtigeren Dingen aufsparte,

drehte das Schwert seines Gegners, so daß

es auf die linke Schulter schlug und ihm weiter

keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze

Seite von der Rüstung entblößte und auf dem Wege

einen großen Teil des Helmes sowie die Hälfte des

Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem entsetzlichen

Gekrach auf die Erde stürzte und eine

Strecke weit wegflog.

Heiliger Gott! Wer wäre imstande, die Wut

genügend zu beschreiben, die das Herz unseres

Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah!

Ich will nicht mehr anführen, als daß sie von der

Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhob,

das Schwert mit beiden Händen faßte und

damit so rasend auf den Biskayer loshieb, daß, ohngeachtet

jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert

war, trotz diesem herrlichen Schirme der

Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus

der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und

er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen,

auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den

Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die

Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das

Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht,

lief übers Feld und warf seinen Herrn mit

wenigen Kapriolen auf den Boden.

Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quijote dies

alles, aber sowie er ihn liegen sah, stieg er vom

Pferde, ging schnell zu ihm hin und setzte ihm die

Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehle,

sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen

solle. Der Biskayer lag ohne Bewußtsein

da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre

ihm übel ergangen, denn Don Quijote war blind,

wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin

mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehn hatten,

herbeigeeilt wären und ihn so artig gebeten hätten,

ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und

ihrem Stallmeister das Leben zu schenken.

Don Quijote erwiderte hierauf mit sehr ernster

und feierlicher Stimme: »Unendlich, schöne Damen,

bin ich erfreut, Euer Begehr zu erfüllen, aber die

Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß

dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe

Toboso zu gehen und sich meinerseits vor der unvergleichlichen

Donna Dulzinea zu präsentieren,

damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten

möge.«

Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne

sich mit Don Quijote in Erörterungen einzulassen

oder sich weiter nach der Dulzinea zu erkundigen,

versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen

werde, was man ihm gebiete. -- »So sei es denn

im Vertrauen auf Euer Wort, daß ich ihm kein

Unheil weiter zufüge, wofür er mir sehr verbunden

sein kann.«

~Zweites Kapitel~

Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quijote und Sancho

Pansa, seinem Stallmeister

Indessen hatte sich Sancho Pansa aufgerichtet, den

die Burschen der Patres mißhandelt hatten; er

hatte der Schlacht seines Herrn Don Quijote aufmerksam

zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet,

daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen

lassen möge, über welche er ihn, seinem

Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne.

Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war

und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen

wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu

halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf

er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte

sie und sagte: »Erinnere sich mein gnädiger Herr

Don Quijote nunmehr, mir die Regierung der

Insel zu schenken, die in diesem hartnäckigen

Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß; ich

fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz

einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert

hat.«

Hierauf erwiderte Don Quijote: »Sei wissend,

Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche,

keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer

sind, in denen man nichts gewinnt, als zerschlagene

Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld,

es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht

nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr

eintragen sollen.«

Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die

Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen

Rosinante half, selbst den Esel bestieg und seinem

Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der

Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nahegelegenes

Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe

seines Tieres, aber Rosinante war so behende, daß

er sich weit entfernt sah und seinem Herrn laut

zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don

Quijote tat es, er hielt den Rosinante so lange an,

bis ihn sein Edelknabe eingeholt hatte, der darauf,

als er nahe gekommen, sagte: »Es wäre wohl gut,

Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn

da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen

habt, so ist er imstande, alles der heiligen

Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben

die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig

der Himmel darüber einfallen, ehe sie uns

wieder herauslassen.«

»Sei ohne Sorge,« sagte Don Quijote, »wann

hast du jemals gesehen oder gelesen, daß ein irrender

Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er

auch tausend Homizidien begangen hätte.«

»Von den Omezilien versteh ich nichts,« antwortete

Sancho, »habe mich auch zeitlebens auf

keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die

heilige Brüderschaft drum bekümmert, wer sich

auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich

nichts an.«

»Du darfst nicht zweifeln, Freund,« antwortete

Don Quijote, »daß ich dich aus den Händen der

Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten

wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl

einen so tapferen Ritter als ich bin auf der ganzen

bisher bekannten Erde gesehen? Hast du in den

Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen

hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr

Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit

zu verwunden und größere Behendigkeit niederzuwerfen?«

»Die Wahrheit ist,« antwortete Sancho, »daß

ich niemals keine Historie gelesen habe, denn ich

kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich

behaupten, daß ich einem so verwegenen Herrn als

Euer Gnaden in meinem ganzen Leben noch nicht

gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit

nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt

habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu

kurieren, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut,

ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im

Schnappsack.«

»Alles wäre besser,« sagte Don Quijote, »wenn

ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von

dem Balsame Fierabras zu machen, denn mit einem

einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin

ersparen.«

»Was für eine Flasche und was für ein Balsam

ist das?« fragte Sancho Pansa.

»Dieser Balsam,« erwiderte Don Quijote, »von

welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, ist so

beschaffen, daß ich mit ihm den Tod nicht zu

fürchten oder an irgendeiner Wunde zu sterben zu

besorgen brauche. Wann ich ihn also verfertige

und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu

tun, als wenn du mich in einer Schlacht mitten

durchgehauen siehst (wie dies denn oftmals begegnet),

die Hälfte des Körpers, die auf den Boden

gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende ehe

das Blut erkaltet auf die andere Hälfte, die im

Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und

gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei

Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und

du wirst sehen, daß ich dann so gesund bin wie ein

Fisch.«

»Wenn das so ist,« sagte Sancho, »so will ich

mich der Regierung der versprochenen Insel begeben,

und ich verlange zum Lohn meiner vielen

und tapferen Dienste nichts anderes, als daß Ihr

mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes

mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze

wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr

brauche ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und

lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen,

ob es ihn zu machen viel kosten wird.«

»Mit weniger als für drei Realen kannst du

drei Quart zubereiten,« antwortete Don Quijote.

»Meiner Seel!« rief Sancho aus, »warum macht

Ihr ihn denn nicht und lehrt es mich gleich?«

»Sei nur ruhig, Freund,« sagte Don Quijote,

»noch größere Geheimnisse will ich dich lehren, noch

größeren Lohn sollst du empfangen, aber jetzt

wollen wir auf die Kur denken, denn das Ohr

schmerzt mich mehr als ich es sage.«

Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und

Salbe, aber als Don Quijote sah, wie sein Helm

verdorben war, wollte er unsinnig werden; er

legte die Hand an das Schwert, erhob die Augen

zum Himmel und sagte: »Ich schwöre hier beim

Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien,

wo sie am umständlichsten geschrieben

stehen, eben das Leben zu führen, welches der

große Marquis von Mantua führte, als er schwur,

den Tod seines Neffen Balduin zu rächen: welches

darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit

seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst anderen

Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die

ich aber hier zugleich befasse, bis ich vollständige

Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf

erwiesen.«

Als Sancho dies hörte, sagte er: »Bedenkt,

mein gnädiger Herr Don Quijote, daß, wenn der

Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich

hinzugehen und sich der Dame Dulzinea von

Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan

hat, was ihm zukömmt, und also keine andere

Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen

begeht.«

»Du hast gut und trefflich gesprochen,« antwortete

Don Quijote, »ich vernichte also den Eid,

insofern ich eine neue Rache nehmen wollte: aber

ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte

Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem

Ritter einen so schätzbaren Helm erobere als dieser

ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses

vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich

das nach, was sich in Ansehung des Helmes

des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar

war.«

»Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese

Schwüre holen,« versetzte Sancho, »die der Seligkeit

zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen!

Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen

Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen

Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen

wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit

und Drückendes hat, wie in den Kleidern

zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren,

nebst tausend anderen Kasteiungen, die in dem

Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marquis

von Mantua vorkommen, den Ihr nun wieder in

Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr,

daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten

Männer reisen, die gar keine Helme tragen,

ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen

Helm haben nennen hören.«

»Du irrst in diesem,« antwortete Don Quijote,

»denn nicht zwei Stunden werden wir auf den

Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen,

als nach Albraca kamen, um Angelika,

die schöne, zu entsetzen.«

»Wenn's geschieht, so mag's sein,« sagte Sancho,

»und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge, und

daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen,

die mir so köstlich ist; dann will ich

sterben.«

»Ich habe es dir gesagt, Sancho, daß du desfalls

unbekümmert sein darfst, denn wenn uns

auch eine Insel fehlen sollte, so sind ja doch die

Reiche Dänemark und Sabradisa noch, die sich dir

wie ein Paar Handschuhe anpassen werden und

die sich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf

dem festen Lande liegen. Aber wir wollen dieses

der Zeit überlassen; jetzt schaue zu, ob du in deinem

Schnappsacke etwas Eßbares führst: dann wollen

wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir diese

Nacht herbergen und den Balsam machen können,

von dem ich dir gesagt, denn ich schwöre es dir

zu Gott, daß das Ohr mich heftiglich schmerzt.«

Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig

Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot und

sagte: »Dies sind aber keine Gerichte, die sich für

einen so tapfern Ritter als Eure Gnaden sind

schicken.«

»Übel verstehst du dieses,« antwortete Don

Quijote; »erfahre also, Sancho, daß die Ehre der

irrenden Ritter darin besteht, in einem Monate

nicht zu essen, und selbst wenn sie essen, das,

was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon

versichert sein, wenn du so viele Historien wie

ich gelesen hättest; denn trotz der großen Menge

habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden,

daß die irrenden Ritter gegessen hätten, wenn es

sich nicht etwa traf, daß sie ein prächtiges Bankett

anrichteten; sonst begnügten sie sich an den übrigen

Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich

wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne

die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten,

denn sie waren eben solche Menschen wie wir es

sind, so versteht sich doch auch von selbst, da sie die

meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden,

und zwar ohne einen Koch zubrachten, daß

ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen

Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben

anbietest. Also, Freund Sancho, sorge nicht, mir

etwas Schmackhaftes zu geben, wenn du nicht die

Welt neu schaffen und die irrende Ritterschaft aus

ihren Angeln heben willst.«

»Nehmt's nicht übel, gnädiger Herr,« sagte

Sancho, »da ich, wie ich schon oft gesagt, weder

lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum

keine Regeln vom Handwerk der Ritterei. Ich

will aber künftig den Schnappsack mit aller Art

von trockener Frucht versorgen für Euch, der Ihr

ein Ritter seid; für mich aber, der ich es nicht bin,

will ich ihn mit anderen Sachen versorgen, die

kernigter und gewichtiger sind.«

»Ich sage ja nicht, Sancho,« erwiderte Don

Quijote, »daß die irrenden Ritter gezwungen seien,

nichts als die Früchte zu essen, von denen du da

sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt

darin und in etlichen Kräutern bestand, die

sie im Felde fanden und kannten und welche ich

ebenfalls kenne.«

»Es ist ein Glück,« antwortete Sancho, »mit

solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir

vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen,

wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft

Nutzen zu ziehen.«

Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte

und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da

sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo

sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten

sie schnell ihre dürftige und trockene Mahlzeit.

Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um

noch vor der Nacht eine Ortschaft zu erreichen;

aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter,

das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei

einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden,

bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war

sehr verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht

hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter

freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte

durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht

mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine

Ritterschaft beweisen könne.

~Drittes Kapitel~

Was dem Don Quijote mit etlichen Ziegenhirten

begegnete

Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig

aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich

tun ließ, für den Rosinante und seinen Esel gesorgt

hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken

Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel

kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch

zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie

ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu

führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt,

daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf

der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald

ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die

beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig

war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich

ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden,

nachdem sie Don Quijote vorher mit ungeschickten

Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge

niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quijote

setzte sich, Sancho aber blieb stehen, um den Becher

herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als

ihn sein Herr stehen sah, sagte er: »Sancho, damit

du die Vorzüge erkennest, die die irrende Ritterschaft

mit sich führt und wie geehrt diejenigen sind,

die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen,

damit du merkst, wie solche von der Welt geachtet

und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite

und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzt,

daß du ein und eben das mit mir seist, der ich doch

dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus

meiner Schüssel ißt und trinkst, woraus ich trinke.

Denn der irrenden Ritterschaft kann man das nämliche

sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie

alle Dinge gleich macht.«

»Großen Dank!« sprach Sancho, »aber ich muß

Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich was

Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für

mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser

zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die

Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und

Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne

Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten,

wenn ich nur langsam kauen soll, wenig

trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen

muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die

Lust ankommt, oder andere Dinge tun, die sich mit

der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger

Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt,

da ich ein Diener und Zubehör der irrenden

Ritterschaft bin, ich meine, Euer Edelknabe, lieber

in was anderes verwandeln, das mir bequemer und

nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiermit für

empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in

Ewigkeit.«

»Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der

Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt,« und

zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit

Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen

von diesem Rotwelsch der Edelknaben und

irrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und

beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende

Stücke wie die Faust groß, herunterkauten.

Das Fleisch war verzehrt; als zweites Gericht

legten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln,

wobei sie einen Käse aufsetzten, der härter war,

als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn

war auch nicht müßig, denn es ging häufig

herum, bald voll, bald ausgeleert wie der Eimer

an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden

preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war.

Als Don Quijote satt war, nahm er eine Handvoll

Eicheln, betrachtete sie aufmerksam und eröffnete

hierauf seinen Mund zu folgenden Worten:

»O du beglückte Zeit! beglücktes Jahrhundert! dem

unsere Vorfahren den Namen des goldenen beilegten,

nicht weil man damals das Gold, welches

in unserm eisernen Zeitalter so geschätzt wird, in

jenen preiswürdigen Tagen ohne Beschwer gewann,

sondern weil unter denen, die damals lebten, die

beiden Wörter mein und dein unbekannt waren.

In diesem segenreichen Alter waren alle Dinge gemein,

keiner durfte für seinen gewöhnlichen

Unterhalt etwas Weiteres tun, als die Hand ausstrecken,

um sie von den starken Eichen zu pflücken,

die einladend und freigebig die süße und gesunde

Frucht jedermann hinreichten. Die klaren Gewässer

und die rollenden Ströme boten in ihrer herrlichen

Fülle die wohlschmeckende durchsichtige Welle zum

Trunke dar. In den Felsenritzen und Baumhöhlen

bauten die fleißigen und klugen Bienen ihren

Staat und luden ohne Eigennutz jedwede Hand zur

Einsammlung ihrer lieblichen Arbeit ein. Die festen

Korkbäume gaben freiwillig und ohne Berührung

des Beils die reichhaltige und leichte Rinde her,

womit man die Hütten, die auf unbehauenen Pfählen

ruhten, deckte, um sich gegen die Unfreundlichkeit

des Himmels zu schützen. Alles war Friede, Liebe,

Eintracht; noch hatte es das schneidende Eisen des

gekrümmten Pfluges nicht gewagt, die frommen

Eingeweide unserer ersten Mutter zu öffnen und

zu verletzen; denn ungezwungen verbreitete von

allen Seiten der fruchtbare große Schoß alles, was

zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung ihrer Kinder

diente. Damals schweiften die einfältigen und

schönen Hirtenmädchen von Tal zu Tal, von Hügel

zu Hügel, die Haare aufgeflochten und nicht weiter

bekleidet, als das anständig zu verhüllen, was die

Tugend damals und immer zu verhüllen geboten

hat; aber sie waren nicht geschmückt, wie es jetzt

geschieht, denn Tyrischen Purpur und die tausendfältig

zermarterte Seide kannten sie nicht. Grüne

Blätter mit Efeu verwebt war ihre Tracht, in der

sie wohl so herrlich und reizend erschienen, als jetzt

unsere Damen in ihren seltsamen und fremden Erfindungen,

die der sinnende Müßiggang erzeugt.

Einfalt und Treue waren damals der Schmuck der

werbenden Liebe, sie sprach wie sie dachte und

suchte keinen künstlichen Schwung der Worte, um

köstlich zu machen. Betrug, Täuschung und Bosheit

waren nicht mit Wahrheit und Aufrichtigkeit vermischt.

Auf eigenen Gesetzen ruhte die Gerechtigkeit,

weder Gunst noch Eigennutz wagten es, sie zu

irren, die sie jetzt schmälern, irren und verfolgen.

Willkürliche Aussprüche verunzierten keinen Richter,

denn keiner richtete damals und keiner wurde

gerichtet. Die Jungfrauen und Tugend gingen, wie

schon gesagt, wohin sie wollten, allein und sich

selbst genügend, denn sie hatten keinen Raub und

keinen schamlosen Feind zu fürchten, freiwillig und

aus eigener Liebe verschenkten sie ihre Gunst. Aber

in unsern verderblichen Zeiten ist keine Tugend

sicher, wenn sie auch ein neues Cretensisches Labyrinth

verborgen und verschlossen hielte: denn auch

dort dringt durch Ritzen und mit der Luft die ungebändigte,

listerfüllte Begier hinein und vereitelt

und vernichtet jegliche Vorsicht. Zur Sicherheit

wurde also im Fortlauf der Zeiten und mit der

anwachsenden Bosheit der Orden der irrenden Ritter

begründet, um Jungfrauen zu verteidigen,

Witwen zu schützen, Waisen und Hilfsbedürftigen

beizustehen. Desselben Ordens bin auch ich, ihr

Hirten, meine Brüder, denen ich für die Aufnahme

und den freundlichen Willkommen danke, welche sie

mir und meinem Edelknaben gegeben; denn obgleich

das Gesetz der Natur alle Lebendigen verpflichtet,

den irrenden Rittern freundlich zu sein, so

habt ihr mich doch, ohne diese Pflicht zu kennen,

aufgenommen und gespeist, und deshalb danke ich

Euch um so mehr.«

Diese ganze lange Rede, die er wohl hätte

unterlassen können, hielt unser Ritter, weil ihn

die aufgetragenen Eicheln an das goldene Zeitalter

erinnerten, dies machte ihm Lust, den Ziegenhirten

diese überflüssige Beschreibung zu machen, die ihm,

ohne eine Silbe zu antworten, mit Erstaunen und

Verwunderung zuhörten. Auch Sancho schwieg still,

aß Eicheln und besuchte wiederholt den zweiten

Schlauch, den sie, um den Wein frisch zu halten,

an einen Korkbaum gehängt hatten.

Don Quijote schwieg, die Abendmahlzeit war

vollbracht, und einer von den Ziegenhirten sagte

nunmehr: »Damit Ihr doch auch mit Recht sagen

könnt, mein Herr irrender Ritter, daß wir Euch

gern und ohne Umstände aufgenommen haben, so

wollen wir Euch noch damit Lust und Vergnügen

machen, daß einer von unseren Kameraden singen

soll, der bald kommen muß; der ist ein Schäfer,

klug und von Herzen verliebt, er kann nicht allein

lesen und schreiben, sondern er ist auch ein Musikant

auf der Fiedel, wie man ihn sich nicht herrlicher

wünschen kann.«

Indem der Ziegenhirt noch sprach, hörte man

den Ton einer Fiedel und gleich darauf kam auch

der, der sie spielte, ein Bursche von ungefähr

zweiundzwanzig Jahren mit einem einnehmenden

Gesichte. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon

zu Abend gegessen habe und er antwortete mit ja.

Derselbe, der vorher die Musik angeboten hatte,

sagte nun: »Du könntest uns ja also wohl, Antonio,

den Gefallen tun, ein bißchen zu singen, daß unser

Herr Gast dort sieht, daß es auch in Wäldern und

hinter den Bergen Leute gibt, die Musik verstehen.

Wir haben von deiner trefflichen Kunst erzählt,

und bitten dich also nun, sie zu zeigen, damit wir

als wahrhaftig bestehen; mach uns, um Himmelswillen

die Freude und spiele und singe die Romanze,

die dir dein Oheim gemacht hat und die

dem ganzen Dorfe so sehr gefällt.« -- »Sehr gern,«

sagte der Bursche, und ohne sich länger bitten zu

lassen, setzte er sich auf den Stamm einer abgehauenen

Eiche, stimmte seine Fiedel und sang sogleich

mit vieler Annehmlichkeit folgendes Lied:

~Antonio~.

Ich weiß, Olalla, daß du mich liebst,

Wenn du kein einziges Wörtchen sagst --

Mir nicht einmal ein Blickchen gibst,

Der Liebe stummredende Sprache.

Ich weiß, daß du ein verständiges Kind,

Daß du mich liebst, macht's wieder kund,

Der weiß, wie der andre ihm gesinnt

Macht ja immer den glücklichsten Bund.

Oft freilich, wollt' es sich weisen

Olalla, deutlich genug,

Daß wohl deine Seele von Eisen --

Von Stein deine milchweiße Brust.

Aber sie alle ja deine Reden,

Die Worte, womit du mich strafst,

Liehn immer noch Hoffnung dem Blöden,

Die lallten mir Trost zu im Schlaf.

Wie ein Vogel, du durftest nur pfeifen,

Kam meine Liebe dir immer zurück,

Sie verminderte niemals dein Keifen,

Sie vermehrte kein freundlicher Blick.

Wenn Liebe wohl immer ist artig,

Und artig bist du gewiß,

So tröst' ich mich, Monate wart' ich

Und endlich doch liebest du mich.

Wenn Dienste es können bezeugen

Daß man im Herzen gerührt,

So will ich nicht alle verschweigen,

Die ich für dich ausgeführt.

Denn, wenn du geachtet so weit,

So hast du mich oftmals gesehn

In meinem schön' Sonntagskleid

Am Montage selber noch gehn.

Es gehn ja das Putzen und Liebe

Wohl immer Hand in Hand,

Und daß ich dir angenehm bliebe

Drum habe so viel aufgewandt.

Dir zuliebe so laß ich das Tanzen,

Musizieren und auch Reimerei,

Da ich sonst immer gesungen

Schon vom ersten Hahnengeschrei.

Unerwähnt, wie die Lippen dich loben,

Wie schön und trefflich du bist,

Daß manch andre deshalben toben

Wenn alles auch Wahrheit ist.

So wollte Therese von Berrocal

Als ich dich lobte, mich strafen.

Sprach: liebt wohl mancher ein Englein zumal,

Er denkt's, ja er liebt einen Affen!

Das machen die Bänder, die bunten,

Die falschen Haar' auf dem Kopf,

Ist keine Schönheit dadrunten,

Sie machen die Liebe zum Tropf.

Sprach, sie löge und wurde sehr grimmig,

Da trat ihr Vetter ihr bei,

Gab ein Schlagen, es ist dir im Sinne,

Was er tat, was ich tat dabei.

Zum Spaße will ich nicht hofieren,

Ich diene dir nimmer darum

Daß ich dich möchte verführen,

Mein Will' ist beileib'! nicht so schlimm.

Ein Joch hat die heilige Kirche,

Für mich nur ein Faden von Seiden,

Gefällt dir's da drinne zu wallen,

So folg' ich mit zehntausend Freuden.

Tust du's nicht, so schwört es dir heilig

Dein treuster und herzlichster Diener,

Aus den Bergen entflieh ich hier eilig,

Werd' aus Bosheit gar Kapuziner!

Hiermit endigte der Hirt seinen Gesang und Don

Quijote bat ihn, noch mehr zu singen, aber Sancho

Pansa war nicht der Meinung, denn ihm lag mehr

daran zu schlafen, als Gesänge zu hören. Er sagte

also zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnten sich

nun auch wohl umsehen, wo Ihr die Nacht zubringen

wolltet, da auch die Arbeit, die diese guten

Leute des Tages haben, ihnen nicht erlaubt, die

Nacht mit Singen hinzubringen.«

»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don

Quijote, »es leuchtet mir ein, daß deine Besuche

beim Schlauch mehr eine Erquickung durch Schlaf

als durch Musik verlangen.«

»Es hat uns, Gott sei gedankt, allen gut geschmeckt,«

antwortete Sancho.

»Ich leugne es nicht,« erwiderte Don Quijote;

»suche du dir nur eine Schlafstelle, doch Leuten von

meinem Stande geziemt das Wachen besser. Bei

alledem, Sancho, wäre es aber wirklich gut, wenn

du mir das Ohr verbinden wolltest, denn es

schmerzt mich mehr als billig.«

Sancho tat, was er befahl, da aber einer von

den Ziegenhirten die Wunde besah, behauptete er,

es habe damit keine Not, er wolle sie bald heilen.

Er nahm sogleich einige Blätter von Rosmarien,

der dort herum wuchs, kaute sie, vermischte sie mit

etwas Salz und legte sie auf das Ohr, indem er

versicherte, daß es nun keiner andern Medizin

brauche, wie es sich auch befand.

~Viertes Kapitel~

Was ein Ziegenhirt Don Quijotes Gesellschaft

erzählte

Indem kam ein anderer Bursche, einer von denen,

die aus dem Dorfe die Nahrungsmittel holten, hinzu

und sagte: »Wißt ihr nicht, Kameraden, was im

Dorfe los ist?« -- »Wie sollen wir es wissen?«

sagte einer von den andern. -- »Nun, so will ich

euch sagen,« fuhr der junge Hirte fort, »daß heute

früh der berühmte studierte Schäfer Chrysostomus

gestorben ist und, wie man sich erzählt, ist er aus

Liebe zu dem Teufelsmädchen Marcella gestorben,

der Tochter des reichen Wilhelm, die auch in

Schäferkleidern hier durch die Wildnisse zieht.«

»Für die Marcella!« rief der eine aus.

»Was ich euch sage,« antwortete der Ziegenhirt,

»und das Lustige bei der Sache ist, daß er in seinem

Testament befohlen hat, daß man ihn auf freiem

Felde, wie einen Mohren, begraben soll, und zwar

am Fuße des Felsens, wo die Quelle zwischen den

Korkbäumen entspringt, weil er sie an dieser Stelle

zum ersten Male gesehen hat. Er hat noch mehr

dergleichen befohlen, aber die Gemeindevorsteher

sagen, sie gäben es nicht zu und dürften es nicht

zugeben, denn es sei heidnisch. Darauf hat sein

guter Freund, Ambrosius, der Student, gesagt, der

sich auch mit ihm zum Schäfer gemacht hat, sie

müßten alles zugeben, wie es Chrysostomus befohlen

habe und nichts dürfe fehlen, und darüber

ist nun das ganze Dorf in Alarm. Wie man aber

sagt, so wird das doch am Ende geschehen müssen,

was Ambrosius und die übrigen Schäfer, seine

Freunde, wollen, und morgen, wie gesagt, soll er

nun mit großer Pracht beerdigt werden. Und ich

glaube, daß es da viel zu sehen geben wird, ich

wenigstens gehe gewiß hin um alles zu sehen, wenn

ich nicht früh wieder ins Dorf muß.«

»Das wollen wir alle tun,« sagten die Ziegenhirten,

»und darum wollen wir losen, wer zurückbleiben

und alle Ziegen hüten soll.«

»Recht Pedro,« sagte ein anderer, »aber ihr

braucht nicht so viele Umstände zu machen, denn ich

will für euch alle hierbleiben; und das ist keine

Tugend von mir, oder daß ich nicht neugierig wäre,

sondern es geschieht wegen des Splitters, den ich

mir letzt in den Fuß getreten habe, womit ich nicht

laufen kann.«

»Wir danken dir darum doch sehr,« antwortete

Pedro. Diesen Pedro fragte Don Quijote, wer der

Tote und wer die Schäferin sei, worauf Pedro erwiderte:

»Soviel ich weiß, war der Gestorbene eines

reichen Mannes Kind in der Nachbarschaft von

unserm Dorfe hier in den Bergen; er hat viele

Jahre in Salamanca studiert und dann kam er in

sein Dorf zurück, worauf ihn die Leute für übermäßig

gelehrt hielten. Besonders, sagten sie, habe

er die Wissenschaft von den Sternen inne und was

dort am Himmel Sonne und Mond machten, und

buchstäblich sagte er uns auch jeden Knips von

Sonne und Mond vorher.«

»Es heißt Eklipsis, mein Freund, und nicht

Knips, wenn diese beiden größeren Gestirne verfinstert

werden,« sagte Don Quijote. Aber Pedro,

ohne auf dergleichen Nebensachen zu achten, fuhr so

in seiner Erzählung fort: »Er konnte auch wissen,

ob ein Jahr schlecht oder furchtbar sein würde.«

»Fruchtbar, mein Freund, müßt Ihr sagen,«

rief Don Quijote.

»Fruchtbar oder furchtbar,« sagte Pedro, »das

ist ja ein Ding. Ich sage also, daß, wie man sich's

erzählt, sein Vater und seine Freunde auch sehr

reich wurden, weil sie ihm glaubten, denn sie machten

alles so, wie er riet;« bald sagte er: »Dies Jahr

sät Gerste und keinen Weizen, nun müßt ihr Erbsen

säen und keine Gerste, diesmal wird's eine gute

Ölernte, aber in den drei folgenden Jahren gerät

kein Tropfen.«

»Diese Wissenschaft nennt man Astrologia,« sagte

Don Quijote.

»Ich weiß nicht, wie es genannt wird,« antwortete

Pedro, »aber ich weiß, daß er das innehatte

und noch mehr. Kurz, es waren kaum etliche Monate

vergangen, seit er von Salamanca zurückgekommen

war, als er eines Tages mit einem Male

als Schäfer auszog, mit seiner Herde und seinem

Kittel, der weite Rock, den er als Gelehrter trug,

war weg, und mit ihm ging auch als ein Schäfer

sein guter Freund Ambrosius, der auch im Studieren

sein Kamerad gewesen war. Ich habe vergessen,

Euch noch zu erzählen, wie der Gestorbene

ein erschrecklicher Mensch war, Verse zu machen,

so hatte er auch alle Gesänge für den heiligen

Weihnachtsabend geschrieben und die Gespräche für

die hohen Feste, die die Burschen in unserm Dorfe

hersagen mußten und wovon die Leute sagen daß

sie überaus herrlich wären. Als die Leute im Dorfe

die beiden Schüler so mit einem Male als Schäfer

angezogen sahen, verwunderten sie sich und konnten

es gar nicht begreifen, aus welcher Ursache sie auf

diese närrische Abänderung verfallen wären. Um

die Zeit war auch der Vater von unserm Chrysostomus

gestorben, und er erbte von ihm einen

Haufen Vermögen, bewegliche Güter und Grundstücke

und eine ziemliche Menge von großem und

kleinem Vieh und eine große Menge Geld; über

das alles war der Sohn nun völlig Herr. Aber er

verdiente es auch, denn er war ein guter Geselle,

mitleidig und freundschaftlich gegen alle guten

Leute, und ein Gesicht hatte er, wie es nur so sein

mußte. Endlich kam es denn heraus, warum er

seine Tracht verändert hatte, und es war nichts

anderes, als daß er in die Wüstenei der Schäferin

Marcella nachziehen wollte, die unser Hirt vorher

genannt hat und in die sich der arme gestorbene

Chrysostomus verliebt hatte. Nun muß ich Euch

auch erzählen, wer die Spitzbübin ist, weil Ihr es

wissen müßt, denn vielleicht, und nicht einmal vielleicht,

gewiß werdet Ihr dergleichen zeit Eures

Lebens nicht wieder hören, wenn Ihr auch mehr

als Ysop erleben solltet.«

»Sagt Hiob,« erwiderte Don Quijote, der es

nicht aushalten konnte, daß der Ziegenhirt so die

Namen verstümmelte.

»Ei so laßt mir doch den Ysop!« rief Pedro

aus, »denn wenn Ihr mir jedes Wort so umdrehn

wollt, so werden wir in einem Jahre nicht fertig.«

»Verzeiht mir, mein Freund,« antwortete Don

Quijote, »ich wollte Euch nur den großen Unterschied

zwischen Ysop und Hiob begreiflich machen;

aber Ihr habt mir sehr gut geantwortet, denn

Ihr könnt mehr Ysop als Hiobs finden: doch fahrt

nur in Eurer Geschichte fort, ich will Euch nun

nicht weiter unterbrechen.«

»Also, mein liebwertester Herr,« sagte der

Ziegenhirt, »da war in unserem Dorfe ein Bauer,

der noch reicher war als der Vater des Chrysostomus

und der Wilhelm hieß und dem Gott nebst

seinem vielen und großen Vermögen auch eine

Tochter schenkte, bei deren Geburt die Mutter

starb, die wohl das herrlichste Weib war hier

weit herum. Denn immer noch sehe ich ihr Gesicht

vor mir, in dem auf der einen Seite die Sonne

und auf der andern der Mond stand, und dabei

war sie so arbeitsam und gegen die Armen so

mitleidig, daß ich auch gewiß glaube, sie genießt

jetzt und immerdar im Himmel ihre Seligkeit. Aus

Gram über den Tod einer solchen braven Frau

starb auch der Mann Wilhelm und gab seine junge

und reiche Tochter Marzella unter die Aufsicht

eines Oheims, der Priester in unserem Dorfe ist.

Das Kind wuchs auf und wurde so schön, daß wir

immer dabei an die Mutter dachten, die ungemein

schön gewesen war, aber bald sagte man, daß die

Tochter sie noch übertreffen würde. So kam es

auch, denn als sie ohngefähr vierzehn oder fünfzehn

Jahr alt sein mochte, sah sie keiner, der nicht

Gott dafür segnete, daß er sie so schön erschaffen

hatte, und viele wurden in sie verliebt und wie

bezaubert. Der Oheim hielt sie sehr eingezogen

und unter strenger Aufsicht, aber das Gerücht von

ihrer herrlichen Schönheit verbreitete sich so, daß

deshalb, wie auch wegen ihres Reichtums, nicht

nur aus unserm Dorfe, sondern auch viele Meilen

in der Runde, angesehene Leute kamen, von denen

der Oheim gebeten, gequält und geängstigt wurde,

daß er sie ihnen zur Frau geben möchte. Er aber,

der in der Tat ein guter Christ ist, wenn er sie

auch gern bald verheiratet hätte, da sie die Jahre

hatte, wollte doch nichts ohne ihre Einwilligung

tun, ohne dabei den Gewinn und Vorteil vor

Augen zu haben, der ihm durch das Vermögen

des Mädchens erwüchse, wenn er ihre Heirat aufschöbe.

Und wahrlich, das wird zum Lobe des

braven Priesters in jedem Hause im Dorfe erzählt.

Denn Ihr müßt wissen, Herr Irrender, daß man

in kleinen Dörfern über alles spricht und über

alles zischelt; und Ihr werdet es einsehen, wie ich es

für meine Person einsehe, daß der Geistliche ganz

erstaunlich wacker sein muß, der seine Beichtkinder

dahin bringt, daß sie gut von ihm reden, vollends

auf dem Lande.«

»Das ist wahr genug,« sagte Don Quijote;

»aber fahrt fort, denn die Geschichte ist gut und

Ihr, guter Pedro, erzählt sie gut und artig.«

»Es wäre zu wünschen,« antwortete jener, »daß

alle Menschen artig wären, denn die Tugend ist

die Hauptsache. Ihr müßt also wissen, daß der

Oheim oft mit der Nichte sprach, ihr die Eigenschaften

eines jeden auseinandersetzte, der sie zur

Frau begehrte; er bat sie, sich zu verheiraten, und

daß sie nach ihrem Geschmacke wählen möchte.

Sie antwortete ihm nichts anderes, als daß sie noch

nicht ans Heiraten dächte, daß sie zu jung und

unfähig sei, die Last der Ehe zu tragen. Dies

schienen hinlängliche Entschuldigungen, und der

Oheim drang nicht weiter in sie, denn er wartete

darauf, daß sie noch etwas älter werden und sich

dann einen Gefährten nach ihrem Geschmacke auswählen

möchte. Denn er behauptete, und das mit

Recht, daß Eltern ihre Kinder nie gegen ihren

Willen verheiraten sollten. Aber eines Tages,

als man's gar nicht dachte, kam die hinterlistige

Marzella als Schäferin daher, und ohne sich an

ihren Oheim oder die übrigen Leute im Dorfe zu

kehren, die es ihr abrieten, zog sie mit den übrigen

Hirtenmädchen aufs Feld und hütete ihre

Herde. Wie sie nun den Leuten sichtbar wurde

und ihre Schönheit an den Tag kam, so läßt es

sich gar nicht beschreiben, wie viele reiche Knechte,

Studierte und Bauern die Tracht des Chrysostomus

anlegten und ihr durch die Felder nachzogen.

Einer von diesen, wie ich schon gesagt habe, war

unser Gestorbener, von dem sie sagen, daß er sie

nicht geliebt, sondern angebetet habe. Man muß

aber nicht glauben, daß, weil sich Marzella einer

so freien und ungebundenen Lebensart ergab, wobei

sie so wenig oder gar nicht unter Aufsicht

steht, daß sie deshalb nur den kleinsten Argwohn

erregt hätte, der ihrer Ehre und Tugend nur

etwas Abbruch täte. Denn sie denkt und wacht

so sehr über ihre Ehre, daß sie von allen, die ihr

dienen und sich um sie bewerben, sich noch keiner

gerühmt oder mit Wahrheit sich hat rühmen können,

daß sie ihm nur die kleinste Hoffnung gegeben

hätte, seinen Wunsch zu erfüllen. Deswegen

aber flieht sie nicht oder vermeidet die Gesellschaft

und Unterhaltung der Schäfer, sondern sie

geht höflich und freundlich mit ihnen um, bis

irgendeiner von ihnen seine Absichten entdeckt,

und wenn es denn auch die ehrlichsten und schönsten

sind und er eine Heirat wünscht, so schmeißt

sie ihn von sich weg wie einen Kieselstein. Und

mit dieser Lebensweise richtet sie hier im Lande

mehr Unheil an, als wenn die Pestilenz hereinbräche,

denn ihre Freundlichkeit und Schönheit

zieht alle Herzen ihr zu dienen und zur Liebe an,

und ihre Verschmähung und Härtigkeit bringt sie

in die Verzweiflung, und sie wissen dann nichts

weiter zu sagen, als daß sie sie mit lauter Stimme

die Grausame und Undankbare nennen, nebst

anderen ähnlichen Redensarten, die sich wohl für

ihre Eigenschaft und Denkungsart schicken. Wenn

Ihr Euch, gnädiger Herr, etliche Tage hier aufhalten

wollt, so könnt Ihr sehen, wie diese Berge

und Täler von den Klagen der Verworfenen ertönen,

die ihr folgen. Nicht weit von hier ist ein

Ort, an dem zwei Dutzend hohe Buchen stehen;

davon ist keine, in deren glatte Rinde nicht der

Name Marzella gegraben und geschrieben wäre;

zum Überfluß haben einige noch eine Krone in

denselben Baum eingeschnitten, als wenn der Liebhaber

ganz deutlich hätte ausdrücken wollen, daß

Marzella unter allen schönen Mädchen allein die

Krone der Schönheit verdiene. Dort seufzt ein

Schäfer, hier klagt ein anderer, dorten vernimmt

man verliebte Gesänge, hier verzweiflungsvolle

Liebesqual. Etliche bringen die ganze Nacht am

Fuße einer Eiche oder eines Felsen zu, und ohne

daß sie die nassen Augen geschlossen haben, in ihre

Gedanken vertieft und entzückt, findet sie noch am

Morgen die Sonne wieder. Andere, ohne ihre

Seufzer einzuhalten oder sich zu erholen, liegen

in der Sonnenhitze in den heißesten Mittagsstunden

auf dem brennenden Sande ausgestreckt und schicken

dem mitleidigen Himmel ihre Klagen zu. Und

über diesen und jenen sowie über jene und diese

triumphiert hohnlachend die schöne Marzella. Alle,

die wir sie kennen, haben schon darauf gewartet,

was aus ihrem Übermute werden soll und wer

der Glückliche sein wird, der diese fürchterliche

Kreatur bezähmen und ihre entzückende Schönheit

genießen wird. Alles das, was ich Euch hier erzählt

habe, ist die vollkommenste Wahrheit, so daß

ich deshalb auch das glaube, was unser Hirte vom

Tode des Chrysostomus erzählt hat. Ich rate Euch

auch dazu, gnädiger Herr, daß Ihr morgen ja der

Beerdigung beiwohnt, denn es ist gewiß viel zu

sehen, Chrysostomus hat viel Freunde, und der

Ort, wo er will begraben sein, ist nur eine halbe

Meile von hier.«

»Ich will es nicht versäumen,« antwortete Don

Quijote, »auch danke ich Euch für das Vergnügen,

welches Ihr mir durch Erzählung einer so angenehmen

Geschichte gemacht habt.«

»Oho!« rief der Ziegenhirt, »ich weiß nicht die

Hälfte von alledem, was den Liebhabern der

Marzella begegnet ist; vielleicht finden wir aber

morgen auf dem Wege einen Schäfer, der uns alles

sagen kann. Jetzt ist es aber wohl Zeit, daß Ihr

Euch unter einem Dache schlafen legt, denn die

freie Luft könnte Eurer Wunde schaden, obgleich

bei der Medizin, die ich aufgelegt habe, kein widriger

Zufall mehr zu befürchten ist.«

Sancho Pansa, der den Hirten mit seiner langen

Erzählung schon zum Satan gewünscht hatte, bat

seinerseits auch, daß sein Herr sich in Pedros Hütte

möchte schlafen legen. Er tat es auch und brachte

den größten Teil der Nacht mit dem Andenken an

seine Gebieterin Dulzinea zu, in Nachahmung jener

Liebhaber der Marzella. Sancho Pansa machte es

sich zwischen dem Rosinante und dem Esel bequem

und schlief nicht wie ein unbegünstigter Verliebter,

sondern wie ein Mann, der häufig Fußtritte

erlitten hatte.

~Fünftes Kapitel~

Hierin wird die Erzählung von der Schäferin Marzella

beschlossen, nebst anderen Begebenheiten

Kaum aber schien der Tag durch die Fenster des

Orients, als von den sechs Ziegenhirten fünf aufstanden,

Don Quijote ermunterten und ihm sagten,

daß er nun mit ihnen Gesellschaft machen könne,

wenn er noch gesonnen sei, das prächtige Begräbnis

des Chrysostomus mit anzusehen. Don Quijote, der

es sehr wünschte, erhob sich und gebot Sancho, sogleich

zu satteln und aufzuzäumen, der es auch mit

vieler Eilfertigkeit tat, worauf sich alle auf den

Weg machten. Sie waren noch keine Viertelmeile

fortgezogen, als sechs Schäfer in schwarzen Kleidern

zu ihnen stießen, indem sie einen andern Pfad

kreuzten, die auf den Köpfen Kränze von Zypressen

und Lorbeerrosen trugen. Jeder von ihnen hatte

in der Hand einen großen Stock von einer Stechpalme,

und mit ihnen kamen zwei Edelleute zu

Pferde in anständigen Reisekleidern, nebst drei

Burschen, die ihnen zu Fuß folgten. Indem sie

zusammentrafen, grüßten sie sich höflich und einer

fragte den andern, wo sie hingingen, woraus sich

erwies, daß alle nach dem Begräbnisorte wollten,

worauf dann alle denselben Weg fortsetzten. Einer

von denen zu Pferde, der mit seinem Begleiter

sprach, sagte: »Es scheint mir, Herr Vivaldo, daß

die Zeit unseres Aufhaltens gut angewendet sei,

um dies merkwürdige Begräbnis zu sehen, welches

wirklich nach dem, was uns diese Schäfer von den

Seltsamkeiten erzählt haben, in Ansehung des Gestorbenen

sowie der mörderischen Schäferin, merkwürdig

sein muß.«

»Ich bin auch der Meinung,« antwortete Vivaldo,

»und ich hätte nicht nur einen Tag, sondern

wohl vier Tage gewartet, um es anzusehen.«

Don Quijote fragte sie, was sie von der Marzella

und dem Chrysostomus gehört hätten, worauf

der Reisende sagte, daß er früh am Morgen einigen

Schäfern begegnet sei, die er nach der Ursache gefragt

habe, aus welcher sie in Trauerkleidern

gingen; einer von ihnen habe ihnen darauf von

der wunderbaren und schönen Schäferin Marzella

erzählt, von den vielen Liebhabern, die sich um sie

bewarben, wie auch von dem Tode eines Chrysostomus

nach dessen Begräbnisse sie jetzt gingen. Kurz,

er erzählte ihm alles, was Don Quijote schon von

Pedro gehört hatte.

Als dieses Gespräch geendigt war, fing ein

andres an, und der, welcher sich Vivaldo nannte,

fragte Don Quijote, aus welcher Ursache er auf

diese Weise bewaffnet durch ein so friedliches Land

zöge.

Hierauf erwiderte Don Quijote: »Das Gewerbe,

welches ich treibe, erlaubt mir nicht auf andere

Weise zu ziehen. Wohlbefinden, Fröhlichkeit und

Müßiggang trifft man bei den weichlichen Höflingen,

aber Beschwer, Unruhe und Waffenlast

werden bei denjenigen gefunden, die die Welt die

irrenden Ritter heißt, als zu welchen ich Unwürdiger

mich zu den niedrigsten zähle.«

Sowie sie diese Worte hörten, hielten sie ihn

auch für närrisch, aber um dessen gewisser zu

sein und zu sehen, von welcher Art seine Torheit

sei, fragte Vivaldo: »Was meint Ihr mit diesen

irrenden Rittern?«

»Habt Ihr niemals«, antwortete Don Quijote,

»die Annalen und Historien von England gelesen?,

in denen die berühmten Taten des Königs Arthurus

erzählt werden, den wir in unserer Sprache

gewöhnlich nur den König Artus nennen, von dem

eine alte Sage durch das ganze Königreich Groß-Britannien

geht, daß er nicht gestorben, sondern

durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt sei,

und daß er in künftigen Zeiten wieder regieren,

seinen Thron besteigen und den Zepter ergreifen

werde, weshalb es auch geschehen, daß seit jener

Zeit bis jetzund kein Engländer einen Raben getötet

hat? Zu den Zeiten dieses edlen Königs wurde

der berühmte Ritterorden der Ritter von der Tafelrunde

gestiftet; damals ereigneten sich die Liebeshändel,

die vom Don Lanzarote vom See mit der

Königin Ginevra erzählt werden, deren Mittlerin

und Mitwisserin die ehrenvolle Dame Quintannona

war, woraus die bekannte Romanze, die in unserm

Spanien so oft gesungen wird, entstanden ist:

Niemals ward ein edler Bote

So bedient von Damen süß,

Wie der große Lanzarote

Da er einst Bretagna ließ.

Und wie das Gedicht dann süß und anmutig von

seiner Liebe und Tapferkeit zu singen fortfährt.

Hierauf verbreitete sich dann der Orden der Ritterschaft

und erstreckte sich durch viele und verschiedene

Teile der Welt. So waren durch Taten berühmt

und gekannt Amadis von Gallia, nebst allen seinen

Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied, imgleichen

der tapfere Felixmarte von Hircania und

der niemals genug gepriesene Tirante der Weise,

und fast in unseren Tagen sahen und hörten wir

ihn und lebten mit ihm, dem unüberwindlichen und

wackeren Ritter Don Belianis aus Graecia. Diese,

meine Herren, sind irrende Ritter, und wie ich ihn

beschrieben, so ist der Orden dieser Ritterschaft, den

auch ich Unwürdiger ergriffen, und so wie jene Genannten

lebten, so gleichermaßen lebe auch ich. Deshalben

suche ich mir in diesen Wüsteneien und Einöden

Abenteuer, indem ich mit freiwilligem Entschluß

meinen Arm und meine Person der größten

Gefahr gewidmet habe, die das Verhängnis mir

nur in Errettung der Elenden und Hilfsbedürftigen

zuschicken kann.«

Diese Reden bestätigten es den Reisenden vollends,

daß es Don Quijote am Verstande fehle, so

wie sie nun auch wußten, von welcher Art Narrheit

er beherrscht werde, worüber sie sich ebenso verwunderten

wie alle diejenigen, die dies an ihm zum

ersten Male gewahr wurden. Vivaldo, der ein verständiger

Mann und von fröhlichem Temperament

war, suchte sich den übrigen kurzen Weg angenehm

zu machen, den sie noch bis zur Begräbnisstelle

hatten, er gab sich also Mühe, seine Tollheiten noch

mehr in den Gang zu bringen. Er sagte daher:

»Ihr, Herr irrender Ritter, habt also nach meiner

Meinung eins der mühseligsten Gewerbe ergriffen,

die es nur auf Erden geben kann, und ich glaube,

daß die Brüder Karthäuser keinen so strengen

Stand haben.«

»So strenge mag hingehen,« antwortete unser

Don Quijote, »allein wessen von diesen Ständen

die Welt am benötigsten sei, leidet wohl keinen

Zweifel. Denn wenn man die Wahrheit gestehen

soll, so tut der Soldat, der den Befehl seines Hauptmanns

ausrichtet, nicht weniger als dieser Hauptmann,

der ihm gebietet. Ich will nämlich sagen,

die Mönche erbitten in Ruhe und Frieden vom

Himmel das Glück der Erde, aber wir Soldaten und

Ritter richten aus, was sie bitten und verfechten

es mit der Stärke unseres Armes und mit den

Schneiden unserer Schwerter, nicht von einem Dache

bedeckt, sondern unter freiem Himmel, gänzlich den

fast unleidlichen Sonnenstrahlen im Sommer und

dem erstarrenden Winterfroste bloßgestellt. So sind

wir also Gottes Diener auf Erden, sein Arm, durch

den er sein Recht ausübt. Wie nun Krieg und

alles, was mit ihm zusammenhängt und ihn angeht,

nicht ohne Schweiß, Beschwer und Arbeit in Ausübung

gebracht werden kann, so folgt, daß denjenigen,

welche sich diesem unterziehen, gewiß mehr

Arbeit bevorsteht als jenen, die in Muße und friedlicher

Ruhe zu Gott beten. Ich will damit nicht

sagen, ja ich hege nicht einmal diesen Gedanken,

daß der Stand eines irrenden Ritters ebenso fromm

sei als der eines einsamen Mönches; sondern ich

will nur die Behauptung durchsetzen, daß er arbeitseliger

und beschwerlicher, hungriger und durstiger,

elend, zerschlagen und lausicht sei, denn ich

zweifle gar nicht, daß die irrenden Ritter nicht im

Verlaufe ihres Lebens mancherlei Unglück erfahren

haben sollten. Wenn es auch einigen gelang, sich

durch die Tapferkeit ihres Armes zu Kaisern

emporzuschwingen, so geschah es doch immer mit

Aufwand von Blut und Schweiß, und wenn denen,

die sich so hoch erhoben, nicht Zauberer und Weise

beigestanden hätten, so möchten wohl alle ihre

Wünsche unerfüllt geblieben, sowie ihre schönsten

Hoffnungen vereitelt sein.«

»Dieser Meinung bin ich auch,« erwiderte der

Reisende, »jedoch hat mir unter vielen andern ein

Ding an den irrenden Rittern immer vorzüglich

mißfallen. Wenn sie nämlich im Begriff sind, ein

großes und gefährliches Abenteuer zu unternehmen,

in welchem sie die augenscheinlichste Lebensgefahr

erwartet, so wenden sie den Augenblick vorher nicht

dazu an, sich Gott zu empfehlen, wie es doch jedem

guten Christen zusteht, ehe er dergleichen Gefahren

unternimmt, sondern sie empfehlen sich ihrer Dame

so ergeben und andächtig, als wenn diese ihr Gott

wäre. Dies, dünkt mich, schmeckt etwas nach dem

Heidentume.«

»Mein Herr,« antwortete Don Quijote, »dieses

darf durchaus nicht anders sein, und einem irrenden

Ritter, der es anders anfinge, würde dergleichen

übel ausgelegt werden, denn es ist einmal Gebrauch

und Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, daß der

irrende Ritter, wenn er eine große Waffentat

unternimmt, sich zu seiner Gebieterin kehrt, schmeichelnd

und liebevoll die Augen auf sie heftet, als

flehte er, daß sie ihn begünstigen, ihm helfen möge

in dem zweifelhaften Kampfrennen, das er beginnt;

ja, auch wenn er sie nicht vor sich sieht, ist es seine

Pflicht, einige Worte zwischen den Zähnen zu sagen

und sich ihr von ganzem Herzen zu empfehlen, wovon

auch unzählige Beispiele in den Historien aufgeführt

werden. Damit aber muß man nicht glauben,

daß eine Empfehlung an Gott gänzlich ausgeschlossen

sei, wenn Zeit und Umstände es vergönnen,

dürfen sie dergleichen immerhin im Verlaufe

des Werkes verrichten.«

»Demungeachtet«, versetzte der Reisende, »habe

ich darüber einen Skrupel. Denn ich habe oftmals

gelesen, wie zwei irrende Ritter sich besprechen, von

einer und der andern Seite der Zorn entbrennt,

sie mit den Pferden umkehren, ein gut Stück Feldes

zwischen sich nehmen und blitzschnell, hast du

nicht, siehst du nicht, im vollen Karrier aufeinander

losrennen und sich unterwegs ihren Damen empfehlen.

Was sich dann gewöhnlich ergibt, ist, daß

der eine hinter seinem Pferde niederstürzt, von der

Lanze seines Gegners durchbohrt und der andere

auch auf dem Boden hinstürzen würde, wenn er sich

nicht an den Mähnen festhielte. Nun begreife ich

nicht, wie der Gestorbene Gelegenheit finden soll,

sich im Verlaufe eines so übereilten Werkes Gott

zu empfehlen. Es wäre doch besser, wenn er die

Worte, mit denen er sich im Anrennen seiner Dame

empfiehlt, dazu gebrauchte, wozu er als Christ

eigentlich verpflichtet wäre. Da ich noch überdies

glaube, daß nicht alle irrenden Ritter Damen

haben, denen sie sich empfehlen können, denn nicht

alle sind verliebt.«

»Das ist unmöglich,« antwortete Don Quijote.

»Ich sage es ist unmöglich, daß es einen irrenden

Ritter ohne Dame geben könnte, denn ihnen ist es

so eigen und natürlich, verliebt zu sein, als dem

Himmel, Sterne zu haben; es ist zuverlässig, daß

es keine Historie gibt, in der ein irrender Ritter

ohne Liebe vorkäme, ja selbst, wenn es einen solchen

geben sollte, so ist er kein rechtmäßiger Ritter,

sondern für einen Bastard zu erkennen, der in die

Burg der genannten Ritterschaft nicht durch die

Tür eingegangen, sondern wie ein Straßenräuber

und Mörder durch das Fenster eingestiegen ist.«

»Aber dennoch«, fuhr der Reisende fort, »glaube

ich, wenn ich mich nicht irre, gelesen zu haben, daß

Don Galaor, der Bruder des tapferen Amadis von

Gallia, niemals eine besondere Dame hatte, der er

sich empfehlen konnte, und doch ward er darum

nicht geringer geachtet, denn er war ein überaus

mannhafter und berühmter Ritter.«

Hierauf antwortete unser Don Quijote: »Mein

Herr, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer,

um so mehr, da ich weiß, daß im Geheim dieser

Ritter sehr verliebt war; er schien zwar allen

Mädchen gut zu sein, wenn sie ihm gefielen, aber

dies war seine Natur, die er nicht ablegen konnte.

Aber es ist bei alledem für gewiß anzusehen, daß

er eine einzige zur Herrscherin seines Willens erkoren

hatte, der er sich auch jedesmal, aber heimlich,

empfahl, denn er setzte etwas darin, ein sehr

geheimnisvoller Ritter zu sein.«

»Wenn also Verliebtheit ein Hauptelement der

irrenden Ritterschaft ist,« sagte der Reisende, »so

kann man wohl denken, daß auch Ihr es seid, da

Ihr Euch zu diesem Stande bekennt. Setzt Ihr nun

also, mein gnädiger Herr, nicht auch etwas darin,

so geheimnisvoll wie Don Galaor zu sein, so bitte

ich demütig im Rahmen dieser ganzen Gesellschaft

und meiner, daß Ihr uns Namen, Vaterland, Eigenschaft

und Schönheit Eurer Dame nennt, denn sie

muß sich glücklich schätzen, wenn alle Welt es erfährt,

daß sie von einem so vorzüglichen Ritter,

wie Ihr es seid, geliebt und bedient wird.«

Hierauf holte Don Quijote einen tiefen Seufzer

und sagte: »Ich kann nicht bestimmen, ob es ihr,

der süßen Feindin, beliebt oder nicht, daß die Welt

erfahre, daß ich ihr Diener bin; ich kann nur soviel

sagen, in Antwort auf Euer höfliches Begehren,

daß ihr Name Dulzinea ist, ihr Vaterland Toboso,

ein Ort in la Mancha, ihre Würde sollte wenigstens

Prinzessin sein, da sie meine Königin und

Gebieterin ist; ihre Schönheit ist übermenschlich,

denn in ihr vereinigen sich wahrhaftig alle unmöglichen

und erträumten Schönheitsideale, die die

Poeten ihren Damen beilegen, denn ihr Haar ist

golden, ihre Stirn ist das Elysische Gefilde, ihre

Augenbrauen sind Himmelsbogen, ihre Augen Sonnen,

ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen,

Perlen ihre Zähne, Alabaster der Hals, Marmor

die Brust, Elfenbein die Hände, ihre Haut wie der

Schnee, und alles, was die Anständigkeit dem

menschlichen Auge entzieht, ist nach meiner Überzeugung

so beschaffen, daß es dem liebenden Herzen

köstlich, aber ohne alle Vergleichung ist.«

»Ihre Abstammung, Geschlecht und Verwandtschaft

wünschten wir zu erfahren,« sagte Vivaldo.

Hierauf antwortete Don Quijote: »Sie stammt

nicht von den alten Curtiern, Cajern, römischen

Scipionen ab, noch in der neuen Welt von den

Colonnas, Ursinos, noch Moncades oder den Requesenes

von Katalonien, ebensowenig von den

Rebellas, den Villanovas von Valenzia, den Palafoxas,

Nuzas, Rocabertis, Corellas, Lunas, Alagones,

Urreas, Foces und Gurreas von Arragon;

den Cerdas, Manriques, Mendozas und Guzmans

von Kastilien, den Alencastros, Pallas und Meneses

von Portugal: sondern sie ist eine von Toboso de

la Mancha, ein noch neuer Zweig, der aber den glorreichsten

Familien zukünftiger Jahrhunderte ihren

edlen Ursprung geben kann. Und hierauf erwidere

man nichts, wenn es nicht unter der Bedingung

geschieht, die Zerbiro unter die Trophäen

der Waffen des Orlando schrieb:

Keiner soll sie berühren,

Der sich nicht unterfängt

Mit Roldan Streit zu führen.«

»Mein Stamm ist von den Cachopines von

Laredo,« erwiderte der Reisende, »aber ich unterstehe

mich nicht, ihn mit dem Stamme Toboso von

la Mancha zu vergleichen; aber wenn ich die Wahrheit

gestehen soll, so ist mir dieser Name noch niemals

zu Ohren gekommen.«

»Das ist ganz erstaunlich,« erwiderte Don

Quijote.

Alle, die mitgingen, hörten dem Gespräche der

beiden mit der größten Aufmerksamkeit zu, und

selbst die Ziegenhirten und Schäfer bemerkten an

unserm Don Quijote den Mangel des Verstandes.

Nur Sancho Pansa hielt alles, was sein Herr sagte,

für Wahrheit, denn er hatte ihn von Jugend auf

gekannt, nur in Ansehung der zarten Dulzinea von

Toboso erlaubte er sich einige Zweifel, denn niemals

hatte er von diesem Namen und dieser Prinzessin

etwas gehört, so nahe er auch an Toboso

lebte. Sie waren unter diesen Gesprächen fortgezogen,

als sie zwischen dem Risse von zwei hohen

Felsen ungefähr zwanzig Schäfer sahen, alle in

Kittel von schwarzer Wolle gekleidet, mit Kränzen

von Taxus und Zypressen auf den Köpfen. Sechs

von ihnen gingen unter einer Trage, die mit

mannigfaltigen Blumen und Zweigen bestreut war.

Als sie einer von den Ziegenhirten bemerkte, sagte

er: »Da kommen sie, die die Leiche des Chrysostomus

tragen und am Fuße des Felsens, da ist die

Stelle, die er sich zum Begräbnisse erwählt hat.«

Sie eilten hierauf, die andern einzuholen und

sie kamen gerade hinzu, als die sechs Träger die

Bahre auf den Boden setzten und einige von ihnen

mit scharfen Hauen anfingen, das Grab in der Seite

eines harten Felsens zuzubereiten. Man begrüßte

sich gegenseitig höflich und Don Quijote sowie alle,

die mit ihm kamen, betrachteten sogleich die Bahre,

auf der ein Leichnam mit Blumen bestreut lag, wie

ein Schäfer gekleidet und von ungefähr dreißig

Jahren; noch im Tode sah man die Spuren eines

schönen Angesichts und eines edlen Ausdrucks. Um

ihn auf der Trage lagen verschiedene Bücher und

viele offene und zusammengerollte Papiere. Alle

Zuschauer, sowie diejenigen, die das Grab aushöhlten,

beobachteten eine feierliche Stille, bis einer von

den Trägern zu einem andern sagte: »Sieh zu, Ambrosius,

ob dies auch die rechte Stelle ist, die sich

Chrysostomus erwählt hat, da du willst, daß alles

buchstäblich so geschehen soll, wie er es in seinem

Testament verordnet hat.«

»Hier ist der Ort,« antwortete Ambrosius, »oh,

wie oft hat mir mein unglücklicher Freund hier

die Geschichte seiner Leiden erzählt. Hier, wie er

mir sagte, sah er zuerst die geschworene Feindin

des menschlichen Geschlechts, hier gestand er ihr zuerst

seine edle und heftige Liebe, und hier erlitt er

von Marzella die letzte Verschmähung und Verwerfung,

wodurch endlich das Trauerspiel seines trüben

Lebens beschlossen wurde, und hier wünschte er nun

als Denkmal so vieles Elends, in den Schoß der

ewigen Ruhe gesenkt zu werden.«

Er wandte sich hierauf gegen Don Quijote und

die Reisenden, indem er fortfuhr: »Dieser Leichnam,

edle Herren, den Ihr mit gerührten Augen

betrachtet, umschloß einst eine Seele, die der Himmel

mit seinen reichsten Geschenken geschmückt

hatte. Dieses ist der Leichnam des Chrysostomus,

der einzig war, in Ansehung seines Geistes, selten

im Edelmut, ungemein in der Liebenswürdigkeit,

ein Phönix in der Freundschaft, freigebig ohne

Grenzen, ernst ohne Bitterkeit, fröhlich ohne gemein

zu sein, kurz, der erste in allen Dingen, die

den Menschen zieren und wahrlich nicht der zweite

in dem, was man Unglück nennen kann. Er liebte

und ward verschmäht, er betete an und ward verhöhnt,

er flehte zu einer Unmenschlichen, seine

Tränen benetzten einen Marmorstein, er klagte den

tauben Winden, seine Worte verschlang die Öde, er

diente der Undankbarkeit, die ihm die Belohnung

gab, daß er kaum auf der Hälfte seines Lebens eine

Beute des Todes ward, des Todes, den ihm eine

Schäferin gab, der er die Unsterblichkeit erringen

wollte, damit sie ewig im Andenken der Menschen

leben möchte; dies könnten diese Schriften bezeugen,

die ihr hier seht, wenn er nicht befohlen hätte, sie

dem Feuer zu überliefern, so wie sein Leichnam der

Erde überliefert ist.«

»So würdet Ihr«, sagte Vivaldo, »strenger und

grausamer gegen sie verfahren, wie ihr eigener

Verfasser, denn es ist weder gerecht noch billig,

einen Befehl auszuführen, der so sehr gegen alle

Billigkeit streitet. Augustus Cäsar würde es niemals

gutgeheißen haben, wenn er seine Einwilligung

dazu gegeben hätte, das auszuführen, was der

göttliche Mantuaner in seinem Testamente befahl.

Wenn Ihr also, mein werter Ambrosius, den Leichnam

Eures Freundes der Erde überliefert, so müßt

Ihr darum nicht wünschen, seine Schriften der Vergessenheit

zu übergeben, wenn er es im Unwillen

so verordnete, so ist es darum nicht gut, wenn Ihr

es mit Grausamkeit so ausführt; sorgt vielmehr,

daß diese Papiere aufbewahrt werden, damit immer

das Andenken von Marzellas Grausamkeit bleibe,

damit sie denen, die in künftigen Zeiten leben, zur

Warnung dienen, um nicht ebenso in denselben Abgrund

zu stürzen. Ich sowie die, die mit mir gekommen

sind, wissen die Geschichte Eures liebenden und

unglücklichen Freundes, wir kennen Eure Freundschaft

zu ihm und die Ursache seines Todes, sowie

wir alles wissen, was er in seinen letzten Stunden

befohlen hat; aus dieser rührenden Geschichte läßt

sich lernen, wie unmenschlich die Grausamkeit der

Marzella war, wie groß des Chrysostomus Liebe

und Eure Freundschaft, so wie man hierin das Ziel

erblickt, welches diejenigen erreichen, die mit losgelassenen

Zügeln den Pfad hinunterrennen, zu dem

sie die sinnlose Liebe führt. In der Nacht erfuhren

wir den Tod des Chrysostomus und daß er hier begraben

werden sollte, aus Neugier und Mitleid verließen

wir unsere gerade Straße, um das mit Augen

zu sehen, was uns im Anhören so innig bewegt

hatte und zur Vergeltung dieser Teilnahme und

des herzlichsten Wunsches zu helfen, wenn es möglich

wäre, bitten wir dich, edler Ambrosius, wenigstens

bitte ich dich dringend darum, diese Papiere

nicht zu verbrennen, sondern mir einige davon zu

überlassen.«

Und ohne eine Antwort des Schäfers zu erwarten,

streckte er die Hand aus und faßte einige,

die ihm am nächsten lagen. Als dies Ambrosius

sah, antwortete er: »Aus Freundschaft mögt Ihr

die, edler Herr behalten, die Ihr genommen habt,

aber es ist vergeblich, wenn Ihr darauf besteht,

daß die übrigen nicht verbrannt werden sollen.«

Vivaldo, der gerne sehen wollte, was die Papiere

enthielten, schlug eins davon auf und sah die

Überschrift: Gedicht eines Hoffnungslosen. Als Ambrosius

das hörte, sagte er: »Dies ist das letzte,

was der Unglückselige geschrieben hat, und damit

Ihr, mein Herr, fühlt, wie elend er war, so leset

dies Gedicht laut, inzwischen können diese hier mit

dem Grabe fertig werden.«

»Ich will es gern tun,« sagte Vivaldo, und da

die Umstehenden denselben Wunsch hatten, so versammelten

sie sich um ihn und er las mit lauter

Stimme folgendes Gedicht ab.

~Sechstes Kapitel~

Enthält das Gedicht des hoffnungslosen Schäfers, nebst

anderen unverhofften Begebenheiten

Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quijote von la Mancha, Erster Band · 第 22 / 26 题