Ich soll, du willst es, Schreckliche, verkünden,
Wie groß die Macht von deinem wilden Grimme,
Von Land zu Land, zu aller Menschen Zungen,
Zur Hölle selbst will ich die Wege finden,
Das Mitleid tönt von dort in meine Stimme,
Im Abgrund Trost zu suchen ist gelungen.
Mein wilder Wunsch hat mir es abgedrungen,
Mein Leiden, deine Taten zu besingen,
Die Töne sollen laut die Luft durchschneiden,
Zu tiefrer Qual in allen Eingeweiden,
Im armen Busen seufzend widerklingen.
So höre denn, und lausche meinen Tönen,
Kein sanftes Lied, ein Schmettern soll erdröhnen,
So wie die Qual mir wühlt im innern Herzen,
Ein rascher Wahnsinn treibt heraus den Jammer,
Mir soll es Freude bringen, dir nur Schmerzen. --
Des wilden Wolfes schreckenvolles Ächzen,
Gebrüll des Löwen, giftiger Schuppenschlangen
Entsetzliches Gezisch, du gräßlich Sausen
Von tausend Ungetüm, prophetisch Krächzen
Der Krähe, Sturm, wenn du die nassen Wangen
Der Fluten geißelst unter dumpfem Brausen:
Gegirr der Witwentauben in den Klausen,
Des Stiers Geröchel, den die Todeswunde
Zu eitlem Wüten ängstet, dumpf Gestöhne
Der gattenlosen Eule, Klagetöne
Von jeder Schar im unterird'schen Schlunde.
O klingt, und helft mir meine Klagen weinen,
Daß alle sich zu einem Ton vereinen,
In wilder Freundschaft durch die Lüfte brechen,
Ein würd'ger Ausdruck meines Schmerzes werden,
Denn er darf nur in neuen Weisen sprechen. --
Nie schallten noch so laute Klagen wider
Am weiten Strand, bespült von Tagus Wogen,
Wo Betis Wellen zwischen Blumen gleiten:
Doch tönten dort so viele Jammerlieder
Durch tiefe Höhlen, über Felsenbogen,
In unsrer Zeit, in längst entflohnen Zeiten:
Einsame, sichre Tale, o ihr weiten
Einöden, die kein Menschenfuß versehret;
Ihr, unbesucht vom hellen Sonnenglanze,
Wo unter Unkraut nur die gift'ge Pflanze,
Die Natter sich im feuchten Schatten nähret:
Du Widerhall in diesen Wüsteneien,
Sollst auch mit mir in meinen Jammer schreien,
Von ihrem unerhörten harten Sinne,
Daß ihn die ganze weite Welt erkundet,
Wird mir statt längerm Leben zum Gewinne. --
Verachtung tötet, durch des Argwohns herben
Heimtück'schen Frost muß die Geduld erstarren;
Und scharfe Schwerter sind Verdacht und Höhnen:
Der Liebende muß an der Trennung sterben:
Nie wird die Hoffnung seiner jemals harren,
Wenn er sich einmal muß vergessen wähnen.
Hierin sind stets gespannt des Todes Sehnen;
Doch ich -- o seltnes Wunder! -- bleibe leben,
Verschmäht, verhöhnt, voll Argwohn, überführet
Von dem, wo sonst Verdacht wie Tod berühret:
Und im Vergessensein, des Flammen um mich weben.
Und unter allen Martern läßt das Hoffen
Mir nach dem Lichte keine Spalte offen:
Verzweifelnd will ich nie die Hoffnung hören;
Und wenn mich nicht der Gram ermordet, will ich
Stets ohne ihren Trost zu leben schwören. --
Wer kann zugleich in einem Augenblicke
Doch hoffen und auch fürchten? o des Toren!
Wenn alles nur gerechte Furcht begründet!
Tritt nun die Eifersucht von mir zurücke,
Soll ich die Augen schließen? ist sie mir verloren,
Wenn sie in jedem Schmerz den Eingang findet?
Wie wehr' ich, daß nicht jedes Gut verschwindet,
Wenn ich Verachtung unverhüllt muß sehen?
Wenn ich den Argwohn muß bestätigt schauen,
Daß ich ihm muß wie fester Wahrheit trauen?
Soll ich als Lügnerin die Wahrheit schmähen?
Mit Tyrannei sonst Eifersucht gebietet:
Ha! Dolche reich' der Hand, die unnütz wütet;
Gib mir das Seil, Verachtung! in die Hände.
Ich Unglückseliger! fürchterlich besieget
Verbittert dein Andenken auch mein Ende. --
Ja sterben will ich, alle Hoffnung fliehen,
Nicht Trost im Tode suchen, nicht im Leben,
Und meinen festen Glauben fester fassen.
Ich sehe dich für einen andern glühen,
Du hast dein freies Herz dem Gott ergeben,
Der niemals noch sein altes Reich verlassen:
Ich sage, ja, du magst mich immer hassen,
So wie dein Körper schön, ist deine Seele,
Daß du mich schmähst, ist ach! nur mein Verschulden,
Daß ich der Liebe Schmerzen muß erdulden,
Mein Herz in ewig wachen Martern quäle.
Ein scharfer Dolch und dieser feste Glauben
Wird endlich mir dies läst'ge Leben rauben
So weit hat deine Schmach mich lassen flüchten,
Das Grab empfange Körper dann und Seele,
Ich will auch jedes künft'ge Glück vernichten. --
O du, die wortelos in dem Verachten
Mich Worte lehrst, mich zwingst, so zu beginnen,
Daß ich im Blute meines Herzens wüte:
Ich richte jetzt dahin mein letztes Trachten,
Zu zeigen dir mit Herz und allen Sinnen,
Wie fröhlich ich mich deiner Härte biete:
Rührt dich mein früher Tod, o so behüte
Den hellen Himmel deiner süßen Blicke,
Daß keine Träne ihren Schimmer trübe,
Ich will von dir kein Zeichen einer Liebe,
Ich weise jedes Mitleid nur zurücke.
Nein, lache, wenn die Botschaft du vernommen,
Daß jeder sieht, wie froh sie dir gekommen.
Doch wahrlich braucht's kein Lachen kundzugeben,
Es weiß ein jeglicher von deinem Ruhme,
Daß du so früh geendiget mein Leben. --
So kommt, die Zeit ist da, aus tiefen Gründen,
Du Tantalus verschmachtend, von dem Pfade,
O Sisyphus mit deiner Felsenmasse,
Bring Tithypus deinen Geier, dich soll finden
Mein Blick, Ixion, mit dem schnellen Rade,
Die Schwestern emsig bei dem leeren Fasse.
Verbunden dann mit den Verdammten lasse
Ich meine Klagen aus, mit stillem Leide
Vereinen sie sich all mit mir im Singen,
Dem Körper Totenopfer darzubringen,
Dem Unbegrabnen, ohne Totenkleide.
Der Wächter, der die finstre Hölle schirmet,
Und tausend andre Larven aufgetürmet,
Sie heulen dann die trauervollen Chöre,
Genug dem Liebenden, im Gram gestorben,
Denn er verdient nicht größre Totenehre. --
Beklagt euch nicht, verzweifelnde Gedichte,
Daß ich euch auch mit mir zugleich vernichte,
Denn ihr vergrößert wie mein Tod das Glücke
Von der, die nur beseligt wird durch Jammer,
Drum ohne Klagen geht in's Nichts zurücke. --
Allen Zuhörern gefiel das Gedicht des Chrysostomus,
worauf der, welcher es vorgelesen, sagte,
daß ihm das nicht mit dem Gerücht von Marzellas
Tugend und Vortrefflichkeit übereinzukommen
schiene, wenn Chrysostomus über seine Eifersucht,
Trennung und seinen Argwohn klagt, ganz gegen
den guten Ruf, den Marzella sonst genösse.
Hierauf antwortete Ambrosius, dem die geheimsten
Gedanken seines Freundes bekannt waren:
»Edler Herr, damit ich Euch diesen Zweifel beantworte,
müßt Ihr wissen, daß der Unglückliche
dieses Gedicht schrieb, als er von der Marzella entfernt
war; er hatte diese Trennung freiwillig erwählt,
um zu erfahren, ob sie auf ihn die gewöhnliche
Wirkung tun würde: und da entfernte Liebende
von tausend Gedanken beunruhigt, von unzähligen
Zweifeln erschüttert werden, so wurde
auch Chrysostomus von falscher Eifersucht und ungegründetem
Argwohn gequält, die er nicht für
Traum und Erdichtung hielt. So wich er von der
Wahrheit und dem allgemeinen Rufe ab, der die
Tugend der Marzella verkündigt: nach diesem ist
sie grausam, eigensinnig und unerbittlich, wobei
ihr aber der Neid selbst keinen Fehler aufbürden
kann.«
»Ihr habt recht,« antwortete Vivaldo, indem
er sich bereitete, ein anderes Papier vorzulesen, das
er dem Feuer entrissen hatte, als er durch eine
seltsame Erscheinung daran gehindert wurde (denn
wie eine Erscheinung kam sie allen vor), die sich unvermutet
ihren Blicken zeigte; denn auf der Spitze
des Felsen, in welchem das Grab ausgehauen wurde,
erschien die Schäferin Marzella so schön, daß die
Beschreibung von ihrer Schönheit übertroffen wurde.
Die sie noch niemals gesehen hatten, betrachteten
sie mit stiller Bewunderung, und die an ihren
Anblick gewöhnt waren, hefteten nicht minder hingerissen
die Augen auf sie, wie diejenigen, denen
der Anblick neu war. Kaum aber hatte sie Ambrosius
erblickt, als er mit dem Ausdrucke des Unwillens
ausrief: »Ha! du kömmst wohl, schrecklicher
Basiliske dieser Gebirge, um zu sehen, ob
deine Gegenwart das Blut aus den Wunden dieses
Unglückseligen wieder hervorruft, dem deine Grausamkeit
das Leben raubte? Oder kömmst du, um
über deine grausamen Taten zu triumphieren?
Wie ein zweiter frevelnder Nero den Brand deines
angezündeten Roms zu sehen? Oder willst du höhnend
den Fuß auf diese jammervolle Leiche setzen,
wie es die undankbare Tochter ihrem Vater Tarquinius
tat? Sage nur schnell, was du willst oder
welches dir die liebste Freude ist, denn ich weiß,
wie jeder Gedanke des lebenden Chrysostomus dir
dienstbar war; auch im Tode soll er dir gehorchen,
und wir alle, seine Freunde, wollen dir ohne Widerspruch
willfahren.«
»Keine von deinen angeführten Ursachen, Ambrosius,
führt mich her,« antwortete Marzella,
»sondern ich bin entschlossen, allen denen, die mir
die Leiden und den Tod des Chrysostomus zuschreiben,
zu zeigen, wie weit sie von der Wahrheit
entfernt sind. Ich bitte also alle, die zugegen sind,
aufmerksam zu bleiben, denn ich werde weder viel
Zeit brauchen noch viele Worte verschwenden, um
meinen Beweis den Verständigen deutlich zu machen.
Der Himmel hat mich, wie ihr sagt, schön geschaffen[
und so, daß ihr, ohne weitere bewegende
Ursache, mich meiner Schönheit wegen
liebt, und die Liebe, die ihr mir zeigt, soll, wie
ihr sagt, ja fordert, mich zwingen, euch wieder zu
lieben. Durch den natürlichen Verstand, den Gott
mir lieh, begreife ich, daß alles Schöne liebenswürdig
ist; aber das ist mir unverständlich, wie die,
weil man sie liebt, gezwungen sei, den zu lieben,
der sie als eine Schönheit liebt: da es sich gar
fügen kann, daß der die Schönheit liebt, häßlich
ist und alles Häßliche gehaßt werden muß, so reimt
es sich übel, zu sagen: ich verehre dich, weil du
schön bist, du mußt mich also lieben, bin ich gleich
häßlich. Wenn es sich aber auch trifft, daß gleiche
Schöne sich entgegenkommt, so macht dies nicht die
Folge, daß sich die Wünsche begegnen müssen, denn
nicht alle Schönen wirken Liebe, manche erfreuen
das Auge, lassen aber den Willen frei: denn
machten alle Reizenden verliebt und fesselten sie
den Willen, so würden sich alle Willen in verworrener
Richtung fortbewegen, ohne Ursache zu
finden, irgendwo stillzustehen, denn wie unzählig
die Gegenstände der Schönheit sind, so unzählig
müßten auch die Wünsche sein: und doch hat man
mir gesagt, wie die wahre Liebe unteilbar ist, so
sei sie auch freiwillig und ohne Zwang. Wenn
dem so ist, wie ich es glaube, warum wollt ihr
meinen Willen durch Gewalt bezwingen, und aus
keiner anderen Ursache, als weil ihr, wie ihr es
sagt, mich liebt? Wo nicht, so sagt, ob es, wenn der
Himmel, der mich schön geschaffen, mich häßlich gebildet
hätte, recht wäre, wenn ich mich über euch
beklagte, daß ihr mich nicht liebtet? Wobei ihr überdies
erwägen müßt, daß ihr mir meine Schönheit
nicht erwählt habt, daß sie mir der Himmel ohne
Bitte und Wahl nach seiner eigenen Gnade verliehen
hat: wie nun die Natter ohne Schuld ist,
daß ihr Gift tötet, weil die Natur sie so eingerichtet
hat, so verdiene auch ich nicht, daß man mir
aus meiner Schönheit einen Vorwurf macht, denn
die Schönheit der tugendvollen Frauen gleicht dem
Feuer oder dem scharfen Schwerte, weil jenes
keinen brennt, dieses keinen verwundet, der ihnen
fern bleibt. Die Ehre und die Tugend sind Schmuck
der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei,
niemals schön erscheinen kann. Ist die Ehre nun
von so hoher Tugend, daß sie Leib und Seele
schmücken und verschönen kann: warum soll die,
welche ihr der Schöne wegen liebt, sie verlieren,
dem Willen desjenigen zu gefallen, den einzig seine
Leidenschaft treibt, ihren Verlust mit Gewalt und
List zu suchen? Frei bin ich geboren, um frei zu
leben, wählte ich die Einsamkeit des Gefildes. Die
Bäume dieser Berge sind meine Gesellschaft, die
hellen Wasser dieser Ströme meine Spiegel; diesen
Bäumen, diesen Wassern mitteile ich meine Gedanken
und Schönheit. Ein Feuer bin ich aus der
Ferne, ein Schwert, weit weg gestellt. Wen mein
Anblick zur Liebe lockte, den enttäuschten meine
Worte. Wenn Wünsche sich von Hoffnungen
nähren, so habe ich nicht die kleinste Hoffnung
weder dem Chrysostomus noch einem anderen gegeben,
so daß man sagen kann, er sei an seinem
Wahnsinne, nicht an meiner Grausamkeit gestorben.
Auf den Vorwurf, daß seine Absichten redlich
waren und daß ich sie deshalb hätte erwidern
müssen, antworte ich, daß, wenn er an diesem
Orte, an welchem jetzt sein Grab ausgehöhlt wird,
mir die Redlichkeit seiner Gesinnung entdeckte, ich
ihm bekennen würde, daß meine Gesinnung ist,
in ewiger Einsamkeit zu leben und wie nur die
Erde das Kleinod meiner Schönheit und die Blume
meiner Keuschheit genießen solle. Wenn er nun
auch nach dieser Enttäuschung gegen alle Hoffnung
seinen Sinn behalten und gegen den Wind segeln
wollte, wie bin ich schuld, wenn er mitten auf dem
Meere seines Unsinns Schiffbruch leidet? Kam ich
ihm entgegen, so war ich falsch: hätte ich seine
Neigung erwidert, so hätte ich gegen meinen besseren
Willen und Vorsatz gehandelt. Er kannte
meine Gesinnung und blieb in seinem Wahne, er
verzweifelte, ohne daß er von mir gehaßt ward:
wo ist nun der Grund, daß ihr die Schuld seines
Todes mir beimessen könnt? Der Getäuschte klage,
der wüte, den ich mit falscher Hoffnung hinterging,
der rede laut, um den ich klagte, der höhne
mich, dem ich erwiderte, aber keiner nenne mich
grausam oder Mörderin, dem ich nichts verspreche,
ihn täusche, um ihn klage oder ihm Liebe erwidere.
Bisher hat es der Himmel über mich noch
nicht verhängt, daß ich gezwungen lieben muß: der
Glaube aber, daß ich aus Wahl lieben werde, ist
Torheit. Diese allgemeine Enttäuschung sei für jeglichen
von denen, die sich zu ihrem Vorteil um mich
bewerben; jeder begreife in Zukunft, daß, wenn
einer für mich stirbt, er nicht an Eifersucht und
Unglück stirbt, denn wer keinen liebt, darf keinem
Eifersucht geben: wie es auch Unrecht wäre, diese
Enttäuschungen für Verschmähungen anzusehen. Wer
mich wild und Basilisk nennt, fliehe vor mir, wie
vor einer schädlichen Pflanze: wer mich undankbar
nennt, diene mir nicht, wer mich unerkenntlich
heißt, bleibe mir unbekannt, grausam, der folge
mir nicht: denn diese Wilde, der Basilisk, die Undankbare,
Grausame, diese Unerkenntliche wird
keinen suchen, ihm dienen, seine Bekanntschaft
wünschen und auf keine Weise keinem folgen.
Wenn Unvernunft und törichte Wünsche den Chrysostomus
töteten, warum wird meine Ehre und
Tugend angeklagt? Wenn ich meine Reinheit in
Gesellschaft der Bäume bewahre, warum soll ich
wünschen, daß sie der verletzt, der doch wünscht,
daß ich sie unter den Menschen bewahre? Wie ihr
wißt, besitze ich eigenes Vermögen und begehre
nach keinem fremden: ich bin frei und es gefällt
mir, nicht untertan zu werden; ich liebe und hasse
keinen, ich täusche nicht den einen, bewerbe mich
nicht um den andern, scherze nicht mit diesem,
lache nicht mit jenem. Meine unbescholtene Gesellschaft
sind die Hirtenmädchen dieser Gegend,
meine Beschäftigung ist die Sorgfalt für meine
Herde; meine Wünsche werden von diesen Bergen
beschränkt, übersteigen sie diese, so geschieht es
nur, die Schönheit des Himmels mir vorzustellen,
den Aufenthalt, zu dem unsere Seele wie zu ihrer
ersten Heimat zurückkehrt.«
Mit diesen letzten Worten wandte sie sich um,
ohne eine Antwort abzuwarten und verlor sich
in einem nahen Hohlweg des Gebirges, indem sie
alle über ihren Verstand wie über ihre Schönheit
entzückt zurückließ. Einige von denen, die von den
Strahlen ihrer schönen Augen wie von scharfen
Pfeilen verwundet waren, wollten sich anschicken,
ihr zu folgen, ohne die ausgesprochene Enttäuschung
auf sich zu beziehen. Als Don Quijote dies
bemerkte, schien es ihm, daß seine Ritterschaft hier
trefflich anzuwenden sei in Hilfe der genotdrängten
Jungfrauen; er legte also die Hand an den Degen
und sagte mit lauter und verständlicher Stimme:
»Niemand, von was Stand und Würden er auch
sei, unterfange sich, der schönen Marzella nachzufolgen,
bei Strafe, meinen wütendsten Unwillen zu
erfahren. Sie hat mit deutlichen und hinreichenden
Gründen bewiesen, wie sie wenige oder keine
Schuld am Tode des Chrysostomus habe, und wie
fern es ihr sei, in die Wünsche irgendeines ihrer
Liebhaber einzustimmen: deshalb ist es gerecht,
daß statt gefolgt und verfolgt zu werden, man sie
als das Edelste in der Welt schätze und verehre,
denn sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die
mit so edlen Vorsätzen lebt.«
Ob es nun die Drohungen Don Quijotes oder
des Ambrosius Bitten bewirkten, daß sie alles,
was er seinem wackeren Freunde schuldig sei,
noch mit ihm vollbringen möchten, genug, alle
gegenwärtigen Schäfer blieben ruhig und keiner
entfernte sich; so ward das Grab bald fertig gemacht,
die Papiere des Chrysostomus wurden verbrannt,
sein Leichnam in die Erde gelegt, wobei alle
Umstehenden häufige Tränen vergossen. Mit einem
großen Steine verschlossen sie das Begräbnis, auf
dem sie Raum für eine Platte ließen, auf welche Ambrosius
folgende Inschrift wollte eingraben lassen:
Hier liegt ein Opfer der Liebe;
Ein Schäfer vom Gefilde,
Der Grausamkeit zu milde,
Ihn tötete Mißliebe.
Er starb dem mächt'gen Triebe
Zur undankbaren Schönen,
Die durch Verschmähen, Verhöhnen
Ihn tötete mit Liebe.
Über das Grab wurden dann viele Blumen und
Blätter gestreut, dann trennten sich alle vom Ambrosius,
indem sie ihm wegen seines Freundes einen
Trost über seinen Verlust sagten. Ebendies taten
Vivaldo und seine Gefährten, und Don Quijote
trennte sich von seinen Wirten und den Reisenden,
die ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu ziehen,
einem Orte, der, um Abenteuer zu finden, sehr bequem
sei, denn in jedem Winkel und jeder Gasse
stieße eins auf, mehr als irgendwo. Don Quijote
bedankte sich für ihren Rat und ihre freundliche
Gesinnung, sagte aber zugleich, daß er für jetzt
noch nicht nach Sevilla gehen dürfe, bis er alle
diese Berge von den verborgenen schwarzen Mordbrennern
gereinigt habe, mit denen sie angefüllt
sein sollten. Da die Reisenden diesen edlen Entschluß
hörten, drangen sie nicht weiter in ihn, sondern
nahmen zum zweiten Male Abschied, verließen
ihn und setzten ihren Weg fort, auf dem es
ihnen nicht an Unterhaltung fehlte, sowohl über
die Geschichte der Marzella und des Chrysostomus,
als auch über die Narrheit des Don Quijote. Dieser
war entschlossen, die Schäferin Marzella aufzusuchen
und ihr seine Dienste und Gewalt anzubieten.
Es kam aber nicht so, wie er es dachte,
wie wir im weiteren Verfolg dieser wahrhaften
Historie hören werden, deren zweiter Teil hier beschlossen
wird. --
~Drittes Buch~
~Erstes Kapitel~
Enthält ein unglückliches Abenteuer, auf welches
Don Quijote traf, indem er auf etwelche unmenschliche
Yangueser traf
Der weise Cide Hamete Benengeli erzählt, daß Don
Quijote, nachdem er von seinen Wirten und allen
übrigen, die bei dem Begräbnisse des Schäfers Chrysostomus
gegenwärtig waren, Abschied genommen,
sich mit seinem Stallmeister in dasselbe Gebüsch
wandte, in welchem sich die Schäferin Marzella verloren
hatte. Als er länger als zwei Stunden suchend
nach allen Seiten herumgestreift war, ohne sie zu
finden, hielten sie auf einer Wiese an, die frisches
Gras bedeckte und durch die ein frischer, angenehmer
Bach floß; teils eingeladen, teils gezwungen beschlossen
sie hier in der Hitze der Mittagsstunde
auszuruhen, die eben heftig zu brennen anfing. Don
Quijote und Sancho stiegen also ab und ließen den
Esel und Rosinante nach ihrem Gelüste von dem
schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den
Schnappsack und Herr und Knecht verzehrten friedlich
und ohne Zeremonien miteinander, was sie
darin antrafen.
Sancho hatte Rosinantes Füße nicht gebunden,
denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen
Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten
von der Weide von Cordova nicht von dem Wege
Rechtens ablenken könnten. Das Schicksal und der
Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß
ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch
das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln
Mittags gern an Orten still liegen, wo sie Gras und
Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don
Quijote ruhte, war auch den Yanguesern sehr
willkommen.
In Rosinante stieg bald der Wunsch auf, sich
mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er
witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine
sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem
Herrn Erlaubnis zu bitten, sich in einen eiligen
Trab setzte, um jenen Stuten seine Wünsche mitzuteilen.
Diesen aber war mehr an der Weide als an
anderen Dingen gelegen, sie empfingen ihn also
mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den
Gurt zersprengten und er nackt ohne Sattel dastand.
Was ihm aber noch weniger gefiel, war, daß
die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren
Stuten geschah, mit Knüttel herbeieilten und ihn
mit Prügeln so bedeckten, daß er kraftlos auf den
Boden stürzte.
Don Quijote und Sancho, die die Abprügelung
des Rosinante mit angesehen hatten, liefen eiligst
herbei und Don Quijote sagte zu Sancho: »Wie ich
gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine
Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes
Volk. Dieses wird gesagt, weil du mir deshalb
wohl in der gerechten Sache beistehen darfst, die ich
wegen der Gefährdung Rosinantes nehmen will, die
er unter unsern Augen erlitten hat.«
»Was Teufel können wir für Rache nehmen?«
antwortete Sancho, »sie sind über zwanzig Mann,
und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur
anderthalb.«
»Ich bin für hundert!« versetzte Don Quijote,
zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den
Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat
Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt
und angefeuert. Zum Anfange gab Don Quijote
dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter
drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die
vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen
gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren
Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte
hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und
Berührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon
mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem
Boden, und ebendies begegnete dem Don Quijote,
ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten
konnten, sondern er sank zu den Füßen des Rosinante
nieder, der sich noch nicht hatte aufheben
können, woraus man abnehmen kann, wie gewaltig
die Wirkung von Krippenstangen in den Händen
erzürnter Bauern ist. Als sie nun glaubten genug
und zuviel getan zu haben, trieben sie eiligst die
Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer
in schlechtem Zustande und noch schlechterem
Humore liegen.
Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa,
der, da er sich so nahe bei seinem Herrn fand,
mit schwacher und kranker Stimme sagte: »Herr
Don Quijote, ach, Herr Don Quijote!«
»Was begehrst du, Bruder Sancho?« erwiderte Don
Quijote ebenso schwach und erschöpft wie Sancho.
»Ich begehre, wenn's möglich wäre,« antwortete
Sancho Pansa, »daß Euer Gnaden mir nur zwei
Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten,
wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht
ist er für zerschlagene Knochen nicht minder
als für Wunden nützlich.«
»Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße,
was ginge uns dann ab?« sagte Don Quijote; »aber
ich schwöre dir auf die Ehre eines irrenden Ritters,
Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen,
wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will
ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.«
»Wie viele Tage werden dann«, fragte Sancho
Pansa, »nach Eurer Meinung verlaufen, in denen
wir weder gehen noch stehen können?«
»In Ansehung meiner muß ich bekennen,« sagte
der zerprügelte Ritter Don Quijote, »daß ich die
Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber
ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht
gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen,
die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind, ich
glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die
Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der
Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalben gezüchtigt
würde. Darum, Bruder Sancho, laß dir dieses
für jetzt und immerdar gesagt sein, weil es für
unsere beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist, daß du
nämlich, wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns
eine Ungebühr erzeigt, nicht darauf wartest, bis
ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keineswegs
wieder tun, sondern greife du sogleich nach
deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust;
kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe, dann werde ich
dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen,
denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen,
wie weit sich die Kraft dieses meines tapfern
Armes erstrecke.«
So eingebildet war der arme Mann auf die
Besiegung des wackern Biskayers. Dem Sancho
Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht
so durchaus trefflich, er antwortete daher: »Gnädiger
Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger
Mann, ich bin eingelernt, Leiden zu tragen, denn
ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen
muß; lasse es sich der gnädige Herr also
ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht,
daß ich auch keineswegs mein Schwert ziehen werde,
so wenig gegen gemeine Leute wie gegen Ritter,
indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit
verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist,
oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte,
erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann
von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder
Knecht, ohne irgendeinen Stand von dieser Vergebung
auszuschließen.«
Als dies sein Herr hörte, antwortete er: »Ich
wünschte nur etwas mehr Atem zu haben, um ohne
große Beschwer reden zu können, und daß sich der
Schmerz in den Seiten nur so lange legte, bis ich
dir, Pansa, bewiesen hätte, in welchem Irrtum du
dich befindest. So antworte mir doch darauf, du
feiger Knecht: wenn sich der Glückswind, der uns
bisher entgegenwehte, nun zu unserm Vorteile
dreht, die Segel unserer Entwürfe anschwellt, daß
wir sicher und ohne Gefahr in den Hafen von einer
der Inseln einlaufen, die ich dir versprochen habe?
Wie würdest du fahren, wenn ich sie gewönne, und
dich zum Herrn einsetzte? Denn du machst es zur
Unmöglichkeit, daß du jemals ein Ritter werdest,
du wünschest es auch nicht zu sein, dir würde auch
so wenig Mut als Willen zu Gebote stehen, erlittenes
Unrecht zu rächen und dein Besitztum zu
verteidigen, denn du mußt wissen, daß in neueroberten
Reichen und Provinzen die Gemüter der
Eingeborenen nie so ganz beruhigt oder gänzlich
auf der Seite ihres neuen Herrn sind, daß, wenn
sie nicht von Furcht gezügelt werden, sie nicht etwas
unternehmen sollten, um die Lage der Sachen zu verändern
und, wie man zu sagen pflegt, ihr Heil
zu versuchen; es ist also notwendig, daß der neue
Herrscher Verstand habe, um die Regierung zu verstehen
und Tapferkeit, um jeglichem Unfall zuvorzukommen
oder sich dagegen zu beschützen.«
»In dem, was uns jetzt zugefallen ist,« antwortete
Sancho, »hätte ich gewünscht, den Verstand
und die Tapferkeit, wovon Ihr sprecht, zu besitzen,
aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich
bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre.
Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehen könnt,
so wollen wir dem Rosinante aufhelfen, der es
freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste
Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte
so was nie vom Rosinante geglaubt, denn ich hielt
ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl
wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht
lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein
Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das
denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr dem verfluchten
Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß so
bald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln
folgen sollte, die unsere armen Schultern haben erleiden
müssen?«
»Doch sind die deinigen, Sancho,« antwortete
Don Quijote, »wahrscheinlich noch zu dergleichen
Vorfällen abgehärtet, aber ich bin in ungewalktem
Zeuge erwachsen, es ist also deutlich, daß ich die
Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse,
und wäre es nicht, daß ich meinte, und nicht bloß
meinte, sondern fest versichert wäre, daß dergleichen
Unannehmlichkeit notwendig mit Tragung der Waffen
verbunden ist, so würde ich vor bloßem Zorn
augenblicklich sterben.«
Hierauf antwortete der Edelknabe: »Gnädiger
Herr, wenn solche Unfälle die Ernte der Ritterschaft
ausmachen, so sagt mir doch, ob sie selten
oder oft eintreffen, oder ob sie nur in gewissen
Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube,
daß wir nach zwei solchen Ernten vergeblich auf die
dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach
seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hilfe käme.«
»Wißt, Freund Sancho,« sagte Don Quijote,
»daß das Leben der irrenden Ritter tausend Gefahren
und Unglücksfällen unterworfen ist, und
durch nichts anderes werden die irrenden Ritter zu
Königen und Kaisern eingeweiht, wie es die Erfahrung
an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen
hat, deren Geschichte ich umständlich weiß,
wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte,
wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß
durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe
emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher
oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal
gesehen hatten. Denn der tapfere Amadis von
Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des
Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit
erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert
Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben
habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe
festgebunden. Ein geheimer, aber glaubwürdiger
Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phöbus
in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse
Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet
habe, er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen
Abgrund an Händen und Füßen gefesselt
worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier
nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches
ihm übel bekam, und wäre ihm nicht in dieser
großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund
zu Hilfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter
schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl
mit diesen wackeren Leuten trösten, denn der Unglimpf,
den sie erduldeten, war noch härter, als
den wir heute haben aushalten müssen; überdies,
Sancho, mußt du mitwissend sein, daß die Wunden
nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten
erhält, die ein anderer zufällig in den Händen hat,
auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen
Worten: schlägt ein Schuster einen andern
mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann
von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt
sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz
erwachsen. Ich sage dieses, damit du nicht auf den
Gedanken verfällst, daß, weil wir in diesem Kampfe
zerschlagen sind, wir darum auch verunglimpft
wären, denn die Waffen, die jene Menschen führten
und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts
weiteres als ihre Krippenstangen, und kein einziger
von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte
eine Lanzenstange oder Schwert und Dolch.«
»Mir ließen sie gar nicht Zeit,« antwortete
Sancho, »dies alles zu beschauen, denn kaum hatte
ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten
sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch
schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und
mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß
mir kein Gedanken um zu denken übrig blieb, ob
mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind
oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von
den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse
wie meinen Schultern eingedrückt haben.«
»Du mußt demungeachtet erfahren, Freund Pansa,
daß es kein Andenken gibt, welches die Zeit nicht
verlöscht und keinen Schmerz, den der Tod nicht
vertilgt.«
»Ich weiß nicht, wie es noch ein größeres Unglück
geben könnte, als solches, wobei man warten
muß, daß es die Zeit vertilgt oder der Tod verlöscht.
Wäre unser Unglück doch lieber von der Art,
daß wir es mit etlichen Pflastern bessern könnten,
das käme erwünschter; aber ich sehe wohl ein, daß
alle Salben in einem Hospitale nicht hinreichen
würden, um uns wieder zurechtzubringen.«
»Höre auf damit und nimm die Kraft deiner
Schwäche zusammen, Sancho,« antwortete Don Quijote,
»und so will ich ebenfalls tun, damit wir
nach dem Rosinante sehen können, ich glaube, daß
der Arme nicht den schlechtesten Teil unseres Unglücks
genossen hat.«
»Darüber muß man sich nicht verwundern,« antwortete
Sancho, »denn er ist ebenfalls irrender
Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß
der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen
ist, da unsere Hände und Füße es so haben entgelten
müssen.«
»Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine
Tür offen, durch welche man sich retten kann,« erwiderte
Don Quijote; »hiermit mein' ich, daß dieses
Tierlein uns nunmehr den Rosinante ersetzen kann,
damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem
ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese
Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere
mich gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus,
Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes
des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert
Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen
Esel ritt und saß.«
»Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da
erzählt,« antwortete Sancho, »aber es ist doch ein
großer Unterschied, ob einer so ritt und saß, oder
wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.«
Hierauf erwiderte Don Quijote: »Die Wunden,
die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre,
aber nehmen sie nicht; also Freund Pansa, trachte
nichts weiteres zu erwidern, sondern wie schon gesagt,
erhebe dich lieber so gut du vermagst und lege
mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen
Esel, damit wir fortziehen, ehe die Nacht beginnt
und wir aus diesem einsamen Walde kommen
mögen.«
»Ich habe aber von dem gnädigen Herrn sagen
hören,« antwortete Sancho, »daß es für die irrenden
Ritter ganz was besonderes ist, in Einöden und
Wüsteneien zu schlafen im größten Teil des Jahres,
daß sie sich das zum trefflichen Glücke rechnen.«
»Dieses geschieht«, sagte Don Quijote, »wann
sie nicht weiterkönnen oder wann sie verliebt sind;
und wahr ist es, daß mancher Ritter sich auf einem
Felsen der Sonne und dem Schatten, sowie allen
Unfreundlichkeiten der Witterung zwei Jahre hindurch
aussetzte, ohne daß es seine Dame wußte,
und einer von diesen war Amadis als er sich Schöndunkel
nannte und auf dem Felsen Armut wohnte,
ich weiß nicht, ob acht Jahr oder acht Monate hindurch,
denn hierin ist die Erzählung nicht genau,
weil er dort, über ich weiß nicht welche Betrübnis
Buße tat, die ihm die Dame Orania erzeigt hatte.
Aber lassen wir dieses, Sancho, und vollbringe, ehe
dem Esel ein ähnlicher Unfall, wie dem Rosinante
zustößt.«
»Das wäre gar der Teufel!« sagte Sancho, und
mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen
und hundertzwanzig Flüchen und Verwünschungen
über den, der ihn dort hingebracht habe, machte er
Anstalt und stand auf dem halben Wege wie ein
Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich
war, sich gerade aufzurichten; mit solcher Mühseligkeit
zäumte er seinen Esel auf, der sich ebenfalls,
bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages,
ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie
zum Rosinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen
können, gewiß nicht hinter Sancho oder
seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho
packte Don Quijote über den Esel, an dessen
Schweif er den Rosinante band; er selber führte den
Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den
Marsch nach der Gegend an, wo er die ordentliche
Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus
dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer
kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem
sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach
Don Quijotes Gedanken ein Kastell war. Sancho
bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quijote
nein, es sei ein Kastell; ihr Streit bestand solange,
bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn
Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner Koppel
hineinzog.
~Zweites Kapitel~
Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete,
die er für ein Kastell hielt
Der Schenkwirt, der Don Quijote quer über dem
Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle.
Sancho antwortete, ihm fehle nichts, als daß er
von einem Felsen herunter einen Fall getan habe,
wodurch ihm die Rippen ein wenig zerschlagen
wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so
wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie
war von Natur mitleidig und es dauerte sie das
Unglück ihres Nächsten: sie nahm es also sogleich
über sich, Don Quijote wieder herzustellen, und
ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem
Aussehen stand ihr darin bei, ihren Gast zu verpflegen.
In derselben Schenke diente eine asturianische
Magd mit breitem Munde, großem Hinterkopf,
platter Nase, einem schiefen und einem nicht
ganz gesunden Auge, aber alle Fehler wurden
durch die Anmut des Körpers ersetzt. Ihre Höhe
von den Füßen bis zu dem Kopfe betrug nicht
ganz drei Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern
zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den
Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte
wieder die Tochter, und beide besorgten dem
Don Quijote ein elendes Bett in einer Scheune, die,
wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen
Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren;
hier wohnte zugleich ein Eseltreiber,
dessen Bett von dem unseres Don Quijote etwas
entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln
und Decken seiner Maultiere bestand, doch das
Lager des Don Quijote bei weitem übertraf, welches
auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über
welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf
diese wurde eine Matratze, nicht dicker wie eine
Decke, ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man
nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehen hätte, daß
sie Wolle waren, man sie dem Gefühle nach wohl für
Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher
aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden
man, ohne sich um einen zu verrechnen, hätte
zählen können, wenn man sich die Mühe hätte
geben wollen.
In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don
Quijote niederlegen, worauf ihn die Wirtin mit
ihrer Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterten,
indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die
Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die
Wirtin, wie Don Quijote allenthalben blutrünstig
war und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von
Schlägen als einem Falle zu sein. »Schläge waren
es nicht,« sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte
viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen
Flecken zurückgelassen hat;« er fuhr fort: »seid
doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch
einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie
werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch
ziemlich weh tut.«
»Ihr müßt also«, antwortete die Wirtin, »wohl
auch einen Fall getan haben?«
»Das nicht,« sagte Sancho Pansa, »sondern von
dem Schrecken als ich meinen Herrn herunterfallen
sah, tut mir der ganze Körper so weh, als
wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.«
»Das ist wohl möglich,« sagte die Tochter, »denn
mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme
herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen
könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume
erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wäre
ich wirklich heruntergefallen.«
»Da liegt der Hund begraben,« antwortete
Sancho, »daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern
wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau
wurde als mein Herr Don Quijote.«
»Wie heißt der Ritter?« fragte die asturische
Maritorne.
»Don Quijote von la Mancha,« antwortete
Sancho Pansa; »er ist ein abenteuernder Ritter,
und der beste und kräftigste, den man wohl seit
lange in der Welt gesehen hat.«
»Was ist ein abenteuernder Ritter?« fragte die
Magd.
»Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr
das nicht wißt?« versetzte Sancho Pansa. »So
wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder
Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken
geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist
er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur
auf Erden und morgen hat er zwei oder drei
Kronen von Königreichen zu verschenken, die er
seinem Stallmeister geben kann.«
»Wie kömmt es denn aber, da Ihr einem so
gewaltigen Herrn dient,« sagte die Wirtin, »daß
Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft
im Besitz habt?«
»Das ist noch zu früh,« antwortete Sancho,
»denn es ist noch nicht länger als einen Monat,
daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis
jetzt haben wir noch kein rechtliches getroffen, auch
geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und
ein ganz anderes findet. Das ist aber wahr, daß,
wenn mein Herr Don Quijote von der Verwundung
oder dem Falle wieder aufkömmt und ich nicht
davon einen Schaden zurück behalte, ich meine
Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien
vertausche.«
Dieses ganze Gespräch hörte Don Quijote sehr
aufmerksam mit an; so gut er konnte richtete er
sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und
sagte: »Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch
glücklich preisen könnt, in diesem Eurem Kastell
meine Person beherbergt zu haben, der, wenn ich
mich nicht selber lobe, ich es darum unterlasse, weil
Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister
erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich
sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen,
ewiglich in meinem Gedächtnisse leben wird, solange
ich lebe, werde ich Eurer Unterstützung gedenken
und hätten die hohen Himmelsmächte es
doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren
Gesetzen unterworfen und den Augen der schönen
Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne,
untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener
schönen Jungfrau die Gebieterinnen meines Willens
sein dürften.«
Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und
die edle Maritorne da, da sie diese Redensarten
des irrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig
verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen
hätte; so viel merkten sie aber, daß sie alle
als Höflichkeit und Komplimente eingerichtet sein
sollten: da sie aber an dergleichen Sprache nicht
gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten
sich, und da er ihnen ein anderes Wesen schien als
die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten
sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten
und gingen dann fort; die asturische Maritorne
sorgte aber erst für Sancho, der dieser Aufmerksamkeit
ebensosehr bedurfte als sein Herr.
Der Eseltreiber war mit dieser einig geworden,
daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen
wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, daß,
sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft
eingeschlafen wäre, sie ihn aufsuchen wollte
und ihm so viel er nur wollte zu Willen sein. Es
war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein
so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch
ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn
sie war auf ihr Herkommen stolz und hielt es
sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke
zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes
Schicksal haben sie so weit heruntergebracht.
Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige
Bett des Don Quijote stand voran in der Mitte
des sternbeschienenen Stalles, dicht daneben machte
sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine
schilfene Matte war und eine Decke, die eher das
Ansehen von grobem geschorenen Tuche, als von
Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers,
wie schon gesagt, aus den Sätteln und
dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet,
deren er zwölf hatte, die spiegelblank,
dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer
der reichsten Eseltreiber von Arevalo, wie der Autor
dieser Historie sagt, der dieses Treibers besonders
erwähnt, weil er ihn kannte und, wie einige sagen
wollen, gar verwandt mit ihm war. Dieses beweist,
daß Cide Hamete Benengeli ein forschbegieriger
und in allen Dingen überaus gründlicher
Geschichtschreiber war, weil aus dem Angeführten
erhellt, daß er selbst die unbedeutendsten und gemeinsten
Umstände nicht mit Stillschweigen übergeht.
Hieran sollten ernsthafte Geschichtschreiber ein
Beispiel nehmen, die uns die Begebenheiten immer
so kurz und so zusammengezogen vortragen, daß
sie uns kaum die Lippen berühren, indem sie aus
Unbedacht, Bosheit oder Einfalt die wichtigsten
Dinge im Tintenfasse zurück lassen. Tausendmal
sei der Verfasser des Tablante de Ricamonte sowie
der Herausgeber des Buches gepriesen, in welchem
die Begebenheiten des Grafen Tomillas erzählt
werden, denn diese haben gründlich und ausführlich
geschrieben.
Nachdem also der Eseltreiber noch einmal sein
Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben
hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und
erwartete seine gewissenhafte Maritorne. Schon
war Sancho bepflastert und im Bett, aber der
Schmerz seiner Seiten erlaubte ihm noch nicht,
einzuschlafen, und Don Quijote hielt vor Schmerz
die Augen weit offen, wie ein Hase. In der
ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch
kein anderes Licht weiter, als eine Lampe, die in
der Mitte des Einganges aufgehängt war. Diese
nächtliche Einsamkeit sowie die Bilder, die unser
Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern
seines Unglückes, in den Gedanken hatte,
bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten,
auf die nur eine Einbildung verfallen
kann. Er bildete sich nämlich vor, in ein sehr
berühmtes Kastell geraten zu sein (denn, wie schon
gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein,
in denen er herbergte), und daß die Tochter des
Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle
sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt
und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen
ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu
schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen.
Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgesuchteste
Wahrheit hielt, fing er an sich zu ängstigen
und über den gefährlichen Kampf zu sinnen,
den seine Keuschheit zu bestehen haben würde,
doch gelobte er in seinem Herzen, keine Falschheit
gegen seine Dame Dulzinea von Toboso zu begehen,
wenn sich ihm auch selbst die Königin Ginevra
mit ihrer Dame Quintannona darbieten
sollten.
Indem er noch über diesen Gedanken brütete,
kam die Zeit und Stunde (für ihn eine Unglücksstunde),
die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie
schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter
einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte,
wo die drei lagen und suchte leise und mit bedächtigem
Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum
zur Tür herein, als sie auch Don Quijote bemerkte,
sich im Bette, trotz seiner Pflaster und
den Schmerzen seiner Rippen aufrichtete und die
Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau
zu empfangen, die leise und schüchtern mit
den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand
zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quijote,
der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und
sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang,
sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald
das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch
der feinste und zarteste Zindel schien. Um die
Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz
köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die
Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren
ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren
Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem,
der nach verdorbenem abgestandenem Salate roch,
war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem
Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit
allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern
die Schilderungen von anderen Prinzessinnen gefunden
hatte, die kommen, um nach dem schwerverwundeten
Ritter ihrer Liebe zu sehen, mit allem
übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der
arme Mann war auch so verblendet, daß weder
die Berührung, noch der Atem, noch andere Dinge,
die die edle Jungfrau an sich hatte und die
jedem anderen als einem Eseltreiber Übelkeit erregt
hätten, enttäuschen konnten, sondern er hielt
sie für eine Göttin der Schönheit, faßte sie zart
bei den Händen und sagte mit lieblicher und leiser
Stimme folgendes: »Ich möchte Ausdrücke finden
können, schöne und erhabene Dame, um für eine
so große Gnade zu danken, wie Ihr mir durch den
Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen
wollen: aber das Glück, welches nie müde wird,
die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager
geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert
liege, so daß, wenn ich auch gesonnen
wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir
unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit
kömmt eine andere, größere hinzu, nämlich die
versprochene Treue, die ich der unvergleichlichen
Dulzinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen
Beherrscherin meiner innigsten Gedanken.
Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet ihr mich
als keinen so trägen Ritter schauen, der ungenutzt
ein so großes Glück aus den Händen läßt, welches
Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen
wollen.«
Maritorne war voller Verdruß und schwitzte,
sich von Don Quijote festgehalten zu sehen und
ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden
acht zu geben, bemühte sie sich stillschweigend, sich
von ihm los zu machen. Der edle Eseltreiber, den
seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine
Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten
war, er hatte auch allem, was Don Quijote sagte,
aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die
Asturierin für einen anderen verfehlt habe, ging
er dem Bette des Don Quijote näher, um zu sehen,
auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren,
hinaus wollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht
war, sich loszumachen und daß Don Quijote
arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß
sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ
einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere
Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er
ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit
noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und
trat ihn von einem Ende zum anderen in schneller
Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach
war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die
hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten,
sondern stürzte in sich zusammen, auf welches Poltern
der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte,
daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie
ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben.
In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht
an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch
vernommen hatte. Als die Magd ihren
Herrn kommen sah, dessen Zorn sie sehr fürchtete,
kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho
Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte
und in ein Knäuel drückte.
Der Wirt trat herein und sagte: »Wo bist du,
Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.«
Indem ward Sancho munter und da er die Last auf
sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke und
schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei
er Maritornen nicht selten traf. Als diese den
Schmerz fühlte, ließ sie die Schamhaftigkeit fahren
und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück,
daß er völlig aus seinem Schlafe wach wurde.
Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu
wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich
nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen und
die beiden begannen nun die wütendste und lächerliche
Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom
Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung
seiner Dame, er ließ Don Quijote und eilte
dahin, wo seine Hilfe vonnöten war. Dasselbe tat
der Wirt, aber in anderer Absicht, um nämlich die
Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein
den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun
im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die
Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug
der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die
Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt,
und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander,
daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem
kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des
Wirtes ausging; in der Finsternis schlugen sie so
unbarmherzig aufeinander los, daß, wo ein Arm
hinfiel, keine gesunde Stelle blieb.
Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke
ein Häscher schlief, einer von der sogenannten heiligen
alten Brüderschaft von Toledo; als dieser das
ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete
er sich mit seinem Stabe und der Amtsbüchse, trat
im Dunkeln in das Gemach und sagte: »Friede im
Namen der Gerechtigkeit! Friede im Namen der
heiligen Brüderschaft!« Der erste, auf den er traf,
war der gemaulschellte Don Quijote, der in seinem
zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und
ohne Bewußtsein lag; er fühlte mit der Hand
seinen Bart und rief: »Respekt vor der Gerechtigkeit!«
Da er aber sah, daß der, den er festhielt,
nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für
tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder;
in dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme:
»Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt,
denn hier ist ein Mensch umgebracht!«
Dieser Ausruf erschreckte alle und jeder ließ
den Kampf in ebendem Augenblicke fahren, als
er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach
seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln,
die Magd nach ihrem Verschlage zurück; nur
die beiden Unglücklichen Don Quijote und Sancho
konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie
lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don
Quijote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher
zu fangen, aber er fand keins, denn der Wirt hatte
die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht als er in sein
Zimmer zurückging; er war also genötigt, nach
dem Feuerherde zu gehen, wo er nach vieler Arbeit
und langer Zeit ein anderes Licht anzündete.
~Drittes Kapitel~
Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten,
die den braven Don Quijote und seinen wackern
Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem
Unglück für ein Kastell ansah
Um diese Zeit hatte sich Don Quijote von seiner
Betäubung erholt und mit demselben Ton der
Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen
Stallmeister angerufen hatte, als er von den
Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er
auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du?
Schläfst du, Freund Sancho?«
»Wie, zum Henker, soll ich denn schlafen?« antwortete
Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es
ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich
alle Teufel über mich hergemacht hätten.«
»Du kannst gewißlich versichert sein,« antwortete
Don Quijote, »daß ich entweder ohne alle
Kentnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein
verzaubertes ist, denn du mußt erfahren -- -- --
Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen
werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode
aufbewahren willst.«
»Ich schwöre,« antwortete Sancho.
»Ich sage dieses nur,« fuhr Don Quijote fort,
»weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand
zu kränken.«
»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre,« entgegnete
Sancho, »ich will's ja verschweigen bis Euer Gnaden
tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es
morgen schon entdecken dürfte.«
»Und du bist mir so zuwider, Sancho,« antwortete
Don Quijote, »daß dein Wunsch meinem
Leben eine so nahe Grenze steckt?«
»Das ist nicht deswegen,« versetzte Sancho, »sondern
es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben,
und es ist immer mein Wunsch, daß sie
von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.«
»Es sei also denn,« sagte Don Quijote, »daß
ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du
mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eines
der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich
wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit
wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die
Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die
zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen
Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von
den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen
Verstande? Was von anderen verborgenen
Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen
vergraben lasse, um die Treue nicht zu
brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von
Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen,
daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches
das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder
vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil,
wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es
geschah, daß eben da ich in den süßesten und liebevollsten
Gesprächen begriffen war, ohne daß ich
sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine
Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen
angehörte und mir einen solchen Schlag auf den
Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf
ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich
weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber
der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die
Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst.
Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz
dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten
Mohren bewacht und mir nicht zugedacht
ist.«
»Und mir auch nicht,« antwortete Sancho, »denn
über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt,
daß das mit den Krippenstangen
nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt
mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches
Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen
haben, was man uns gereicht hat? Euer
Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt
doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in
den Armen gehabt, aber ich? nichts als die kräftigsten
Püffe, die ich noch Zeit meines Lebens gefühlt
habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglück
auf die Welt gekommen! ich bin kein irrender
Ritter und denke es auch niemals zu sein, und
doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!«
»Also du bist ebenfalls geprügelt?« fragte Don
Quijote.
»Hab' ich's denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?«
rief Sancho.
»Gib dich zur Ruhe, mein Freund,« antwortete
Don Quijote, »denn ich will alsbald den köstlichen
Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen
ganz gesund machen soll.«
Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet
und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen
Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho
hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um
den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich
widerwärtigen Angesicht, fragte er seinen Herrn:
»Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte
Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen
will, weil er noch im Fasse was behalten hat?«
»Der Mohr kann er nicht sein,« antwortete
Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich
vor niemand blicken.«
»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich
fühlen,« sagte Sancho, »das können meine Schultern
bezeugen.«
»Das können die meinigen ebensowohl,« erwiderte
Don Quijote, »aber dieses ist dennoch kein
hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten
Mohren zu halten.«
Der Häscher kam näher, und da er die beiden in
einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll
Erstaunen still. Don Quijote lag aber immer noch
mit aufgerecktem Gesicht da, weil er sich, so zerschlagen
er war, nicht regen oder bewegen konnte.
Der Häscher ging also zu ihm und sagte: »Nun, wie
steht's, mein guter Kerl?«
»Ich würde mich anständiger ausdrücken,« erwiderte
Don Quijote, »wenn ich an Eurer Stelle
wäre. Spricht man hier zu Lande so mit irrenden
Rittern, Ihr Lümmel?«
Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden
Menschen so schlecht behandeln sah, verlor
die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an
Don Quijotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem
Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich
wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: »Ganz gewiß,
gnädiger Herr, ist dieses der verzauberte
Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für
uns aber Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.«
»So ist es,« antwortete Don Quijote, »und es
ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu
tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu
ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare
Phantome, so daß wir an ihnen durchaus
keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch
schaffen wollten; besser ist es, Sancho, du stehst auf,
wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten
dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein,
Salz und Rosmarien, um den heiligen Balsam zu
verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt
gut tun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die
mir das Gespenst geschlagen hat.«
Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich
Sancho und ging im Finstern hinaus, er begegnete
dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit
seinem Feinde ablaufen würde, zu diesem sagte
Sancho: »Wer Ihr auch seid, mein Herr, seid so gut
und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarien,
Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der
besten irrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund
zu machen, der dort im Bette schwer verwundet
liegt, von den Händen des verzauberten Mohren,
der in dieser Schenke umgeht.«
Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen
Unsinnigen, da es aber schon anfing, Tag zu werden,
machte er die Tür der Schenke auf und rief
den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen
Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das
Verlangte und Sancho ging zu Don Quijote zurück,
der den Kopf auf den Händen stützte und sich über
den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein
anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt
hatte, denn was er für Blut hielt, war nur
Schweiß, den er dieses Vorfalls halber und wegen
des überstandenen Leidens vergoß. Er nahm nun
sogleich die Simpla, aus denen er ein Kompositum
machte, indem er sie zusammentat und eine gute
Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die
gehörige Tüchtigkeit erreicht hatten. Er forderte
alsbald eine Flasche, um den Trank hineinzugießen,
da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß
er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu
tun, mit welchem ihm der Wirt großmütig ein
Geschenk machte. Hierauf betete er über das Behältnis
wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave
Marias, Salves und Credos und bei jedem Worte
machte er ein Kreuz, als wenn er sie einsegnete;
bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der
Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber
war stillschweigend fortgegangen, um seine
Tiere abzufüttern.
Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er
gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen
Balsams probieren, er trank also das übriggebliebene
aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen
können und es war wohl ein Viertel Quart in dem
Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum
getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel,
daß er nichts im Magen behielt, und durch
diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in
einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man
ihn zudecken und alleinlassen solle. Sie taten es
und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte
und sich so stark fühlte und seine Schmerzen
so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und
wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des
Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht
alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch
noch so gefährlich, bestehen könne.
Sancho Pansa, der seinen Herrn auch zum Erstaunen
besser fand, bat um das, was noch im
Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war.
Don Quijote bewilligte ihm dieses und er ergriff
mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den
Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel
als sein Herr hinunter. Der Magen des armen
Sancho mußte aber von schwächerer Reizbarkeit
sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen,
wobei er schwitzte und sich quälte,
daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte
Stunde sei, worüber er ebenso böse als traurig
wurde und den Balsam und den Totschläger, der
ihn ihm gegeben hatte, verwünschte. Da Don Quijote
dies sah, sagte er: »Ich glaube, Sancho, daß
dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum
Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung,
daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes
bedienen dürfe.«
»Wenn Ihr das wußtet,« versetzte Sancho, »warum
in Satans Namen habt Ihr es mich denn kosten
lassen?« Indem fing der Balsam an zu wirken und
der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde
aus beiden Kanälen mit solcher Eile, daß weder die
Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit
dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht
werden konnten. Er schwitzte unter solchen Beklemmungen
und Martern, daß nicht bloß er, sondern
alle übrigen dachten, sein Leben ginge zu
Ende. Dieses Ungewitter und Übelbefinden dauerte
ungefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie
sein Herr befand, sondern so erschöpft und ermattet
war, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte.
Don Quijote aber, der sich wie gesagt, gesund und
kräftig fühlte, wünschte gleich abzureisen, um Abenteuer
aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er
zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und
die Unglücklichen, die seiner Hilfe und seines Beistandes
bedürften, vorzüglich da er nun, auf seinen
Balsam vertrauend, um so sicherer zum Werke
schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben,
sattelte er also selbst den Rosinante und zäumte
das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf
anziehen half und ihn dann auf den Esel setzte.
Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff eine
Stange, die in einem Winkel des Hofes stand, die
ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen,
die in der Schenke waren, standen umher
und sahen ihm zu; unter diesen befand sich auch die
Tochter des Wirtes, von der er auch wieder kein
Auge verwandte und von Zeit zu Zeit einen Seufzer,
schwer wie aus dem Innersten seines Leibes
heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb,
weil ihm die Rippen sehr weh täten, wenigstens
dachten so diejenigen, die ihn am vorigen
Abend hatten bepflastern sehen.
Als sie nun beide beritten waren, rief er am
Tor der Schenke den Wirt herbei und sagte mit
feierlicher und ernster Stimme: »Viel und groß
sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich
in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine
Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar
zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich
an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr
erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit
sich führt, den Schwachen beizustehen, die zu rächen,
die Unrecht erleiden und den Übermut zu züchtigen.
Sammelt Euer Gedächtnis und wenn Ihr ein Ding
der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt,
so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft,
den ich empfangen habe, Euch genug zu tun und
Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.«
Mit ebender Feierlichkeit antwortete der Wirt:
»Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß
Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn
ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die
Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer
Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu
und den Hafer für die beiden Bestien, sowie das
Abendessen und die Betten.«
»Dieses ist also eine Schenke?« antwortete Don
Quijote.
»Und eine sehr vorzügliche,« antwortete der
Wirt.
»So habe ich mich also bisher getäuscht,« erwiderte
Don Quijote, »denn wahrlich, ich dachte,
es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Weil
es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so
kann hier nichts Weiteres geschehen, als daß Ihr
die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann
unmöglich dem Orden der irrenden Ritter zuwiderhandeln,
von denen ich gewiß weiß (denn bisher
habe ich noch nirgends das Gegenteil gelesen), daß
sie niemals ihre Herberge oder andere Dinge in den
Schenken bezahlten, denn freiwillig und ohne Eigennutz
wurde ihnen allerwege gute Aufnahme bereitet
zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten,
denen sie sich unterzogen, indem sie Nacht und Tag
Abenteuer suchten, im Winter und Sommer, zu
Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und
Kälte erlitten und allen Unfreundlichkeiten des
Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen
waren.«
»Alles das kümmert mich nicht,« versetzte der
Wirt, »bezahlt, was Ihr schuldig seid und geht mir
mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem
Krame gar nichts, sondern ich will das meinige
haben.«
»Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!«
antwortete Don Quijote und gab dem Rosinante
die Sporen, schwang die Lanze und ritt zur Schenke
hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber,
ohne zurückzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge,
entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt,
der ihn ohne bezahlt zu haben, wegreiten sah,
wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen,
der aber die Antwort gab, daß, da sein
Herr nicht habe bezahlen wollen, er solches auch
nicht zu tun begehre, er sei der Stallmeister eines
irrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn
derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in
den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu
bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm,
daß, falls er nicht bezahle, er ihn so mahnen
wolle, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte,
daß kraft der Ritterschaft, der sein Herr
zugetan sei, er nicht einen Heller bezahlen würde,
wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn
durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche
Gebrauch der irrenden Ritter verlorengehen,
und die Stallmeister zukünftiger Zeiten sollten sich
niemals über ihn beklagen oder ihm einen so gerechten
Vorwurf machen dürfen.
Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho
fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in
der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia,
drei Nadelhändler vom Markte von Cordova und
zwei Landstreicher aus Sevilla befanden, lustiges,
aufgewecktes und ebenso boshaftes und schadenfrohes
Volk, die, wie von einem Geiste zugleich
angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel
hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte,
sie ihn darauflegten und dann die Augen in
die Höhe richteten; sie bemerkten aber, daß die
Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten,
zu niedrig sei, sie entschlossen sich also, in den Hof
zu gehen, der nur vom Himmel beschränkt wurde.
Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen
ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf, wie
man es wohl mit den Hunden als ein Fastnachtsspiel
zu machen pflegt. Der arme Geprellte erhub
ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines
Herrn drang, der sogleich still hielt um aufmerksam
hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm
ein neues Abenteuer bevorstehen, bis er bemerkte,
daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister
sei. Sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen
Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen
fand; er umkreiste sie also, um einen Eingang zu
finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam,
die nicht sonderlich hoch waren, sah er das üble
Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen
wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut
und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen,
daß er gewiß darüber gelacht hätte, wenn
sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er
machte also den Versuch, vom Pferde auf die
Mauer zu steigen, aber er war so schwach und
steif, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen
konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die
Sancho prellten, so schreckliche Schmähungen und
Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich
niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im
Lachen und ihrer Beschäftigung nicht stören, auch
ließ der flüchtige Sancho seine Klagen nicht, die er
bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte;
alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie
aus Müdigkeit ihr Werk ließen. Sie führten also
seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten
ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige
Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich,
ihm mit einem Becher Wasser zu Hilfe zu kommen,
das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit
es umso frischer sei. Sancho nahm den Becher und
führte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen
seines Herrn inne, welcher schrie: »Sohn Sancho,
trink kein Wasser, mein Sohn, trink's nicht, es
bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam
(wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte), mit
zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund
und frisch!«
Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die
Schulter an und sagte unter andern härteren
Redensarten: »Ihr habt wohl schon wieder vergessen,
daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt
wohl, daß ich die Eingeweide noch vollends herausspeien
soll, die mir etwa noch übrig geblieben sind?
Behaltet Euren Trank in Teufels Namen und laßt
mich!« -- Und indem er diese Worte noch sprach,
fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim
ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte
er keine Lust, fortzufahren, sondern er bat Maritorne,
ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem
Willen tat und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte,
denn man kann mit Recht von ihr sagen,
daß sie in ihrem Stande immer noch einige Spuren
und Schatten vom Christentum behalten hatte.
Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen
Esel in die Seite und sowie das Tor der Schenke
aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden,
daß er noch nichts bezahlt und seinen
Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten
seiner gewöhnlichen Bürgen, nämlich seiner Schultern
geschehen war. Der Wirt behielt freilich als
Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück,
aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt.
Der Wirt wollte, als er hinaus war, das
Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht
zu, denn diese waren Leute, die den Don Quijote,
wenn er auch wirklich ein irrender Ritter von der
Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei
Dreier achteten.
~Viertes Kapitel~
Hier wird das Gespräch erzählt, welches Sancho Pansa
mit seinem Gebieter Don Quijote führte, nebst anderen
Abenteuern, die der Erzählung würdig sind
Sancho kam so zermalmt und ermattet zu seinem
Herrn, daß er sich kaum auf seinem Tiere erhalten
konnte. Als ihn Don Quijote sah, sagte er: »Jetzt
bin ich völlig überzeugt, mein getreuer Sancho, daß
jenes Kastell oder Schenke verzaubert sein muß,
denn jene, die sich ein so unmenschliches Spielwerk
mit dir machten, was können sie wohl sein als Gespenster
und Wesen aus einer andern Welt! Was
mich hierin bestätigt, ist dieses, daß, da ich außerhalb
der Mauer des Hofes deiner kläglichen Tragödie
zusah, es mir nicht möglich war, die Mauer
zu besteigen oder mich nur vom Rosinante herunterzuheben,
weil sie mich gleichfalls bezaubert
hatten. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre,
hätte ich nur hinaufsteigen oder mich herunterheben
können, so wollte ich dich so gerächt haben, daß
diese Spitzbuben und Mörder ewig ihres Spaßes
gedenken sollen, wenn ich auch hierin die Gesetze
der Ritterschaft hätte übertreten müssen, die, wie
ich dir schon oft gesagt habe, nicht erlauben, daß
ein Ritter gegen einen, der es nicht ist, das Schwert
ziehe, wenn er es nicht zur Verteidigung seines
Lebens und seiner Person oder im dringendsten
Falle der Not tut.«
»Ich hätte mich gerächt, ich mochte nun Ritter
oder nicht Ritter sein, aber ich war nicht im
Stande: dabei aber glaube ich immer noch, daß
die, welche den Spaß mit mir trieben, keine Gespenster
oder verzauberte Menschen waren, wie
Euer Gnaden sagten, sondern Menschen von Fleisch
und Bein wie wir, denn ich habe sie auch alle
als sie mich in die Luft schmissen bei ihrem Namen
nennen hören; so hieß der eine Peter Martin, der
andere Tenario Hernandez und der Wirt Hans Palomeque
der Linksche: so, gnädiger Herr, seid Ihr
auch gewiß nicht verzaubert gewesen, als Ihr nicht
auf die Hofmauer kommen oder nicht vom Pferde
heruntersteigen konntet, sondern was ich davon
halte, ist, daß wenn wir weiter so nach Abenteuern
herumsuchen, es bald mit uns Abend und gute
Nacht werden wird, so daß wir am Ende nicht
wissen, was an uns Kopf oder Bein ist. Das
Klügste und Beste wäre nach meinem Verstande,
jetzt gleich, da die Erntezeit ist, nach unserem
Dorfe zurückzugehen und nicht so von Hinz nach
Kunz, von Brot in Not und Tod herumzuziehen.«
»Wie wenig verstehst du, Sancho,« antwortete
Don Quijote, »von den Elementen der Ritterschaft!
Fasse dich in Geduld, denn die Zeit, in welcher du
es mit Augen siehst, wird kommen, wie ehrenvoll
es sei, dieses Gewerbe zu treiben. Wenn nicht, so
sprich, gibt es auf der Welt ein größeres Vergnügen,
läßt sich der Freude irgend etwas anderes
vergleichen, wie wenn man eine Schlacht gewinnt
oder über seinen Feind triumphiert? Wahrlich,
nichts anderes kommt diesem bei.«
»Das mag wohl sein,« antwortete Sancho, »doch
kann ich's nicht begreifen; ich begreife nur das,
daß seit wir irrende Ritter sind oder vielmehr
Ihr es seid, denn ich darf mich nicht zu so trefflichen
Herren rechnen, wir noch keine einzige
Schlacht gewonnen haben, außer die mit dem Biskayer,
und da kamt Ihr nur mit halbem Ohre
und zerschlagenem Helme durch: seitdem aber hat
es nichts als Prügel und Prügel, Püffe und Püffe
gegeben; ich bin zum Überschuß noch geprellt und
obendrein von verzauberten Personen, an denen
ich keine Rache nehmen kann, um das Vergnügen,
über einen überwundenen Feind zu schmecken, wie
Ihr es nennt.«
»Dieses ist es, was mich verdrießt und was
dich ebenfalls verdrießen muß, Sancho,« antwortete
Don Quijote; »aber ich will von nun an streben,
mir ein Schwert von solcher Eigenschaft zu erwerben,
daß derjenige, der es führt, keiner Art
von Verzauberung unterworfen ist; das gute Glück
kann mir wohl gar das des Amadis in die Hände
spielen, als er sich den Ritter des brennenden
Schwertes nannte. Dieses Schwert war eines der
trefflichsten, das ein Ritter in der Welt nur führen
kann, denn außer obengenannter Tugend schnitt es
so scharf wie ein Schermesser, und keine Rüstung,
so stark und verzaubert sie auch sein mochte, konnte
ihm Widerstand leisten.«
»Ich bin ein Glückskind,« sagte Sancho, »daß,
wenn sich's nun auch so schickt und Eure Gnaden
ein solches Schwert antrifft, es doch nur wieder
wie der Balsam für einen geschlagenen Ritter was
taugen wird, der Schildknapp aber nur seine Qual
daran erlebt.«
»Fürchte dieses nicht, Sancho,« antwortete Don
Quijote, »der Himmel wird es besser mit dir
meinen.«
Unter diesen Gesprächen zog Don Quijote mit
seinem Schildknappen fort, als Don Quijote mit
einem Male eine große und dichte Staubwolke bemerkte,
die ihm auf seinem Wege entgegenzog;
sowie er sie bemerkte, wandte er sich zu Sancho
und sagte: »Dieses ist der Tag, o mein Sancho, an
welchem sich zeigen wird, was mir das Schicksal
aufbewahrt hat; dieses ist der Tag, sage ich dir, an
dem sich mehr als an irgendeinem andern die
Tapferkeit meines Armes kund geben wird, an
welchem ich Taten zu tun gesonnen bin, die in den
Büchern des Ruhmes für alle künftigen Jahrhunderte
eingeschrieben werden sollen. Siehst du
jene Staubwolke, Sancho, die sich dort erhebt?
Ein unzähliges Heer erregt sie, welches aus verschiedenen
und zahlreichen Völkern geworben, uns
von dort entgegenzieht.«
»So müssen es zwei sein,« sagte Sancho, »denn
von der anderen Seite steigt eben ein solcher großer
Staub auf.«
Don Quijote drehte sich um und sah, daß es
wahr sei, worüber er sich sehr erfreute, denn er
war überzeugt, daß es zwei Armeen wären, die
hier zusammenkämen, um sich in der Mitte der
großen Ebene eine Schlacht zu liefern, denn in
jedem Augenblicke war seine Phantasie mit Streit,
Bezauberungen, Siegen, Unglücksfällen, Liebe und
Zwiespalt angefüllt, so wie er es in seinen Büchern
gelesen hatte, und alles, was er sprach, dachte und
tat, schloß sich diesen Dingen an: die Staubwolken,
die er sah, erregten zwei große Herden von Schafen
und Hammeln, die auf demselben Wege von zwei
verschiedenen Seiten kamen, die aber der Staub so
bedeckte, daß man sie nur ganz nahe sehen konnte;
Don Quijote aber behauptete so kräftig, daß es
Armeen wären, daß Sancho sie ebenfalls zu sehen
glaubte und nur fragte: »Was sollen wir aber
dabei tun? gnädiger Herr!«
»Was?« rief Don Quijote aus, »den Unterdrückten
und Hilfsbedürftigen Beistand leisten! Du
mußt wissen, Sancho, daß diejenigen, die uns von
dort entgegenziehen, unter Anführung und Kommando
des großen Kaisers Alifanfaron stehen,
Herrn der großen Insel Taprobana; jener aber,
der hinter mir kömmt, ist sein Feind, der König der
Garamanten, Pentapolin mit dem aufgekrempten
Ärmel, so genannt, weil er mit entblößtem Arm
in die Schlachten zu ziehen gewohnt ist.«
»Warum sind sich aber diese Herren so böse?«
fragte Sancho.
»Sie sind sich deshalb böse,« antwortete Don
Quijote, »jener Alifanfaron ist ein verstockter Heide,
dabei aber in die Tochter des Pentapolin verliebt,
die eine sehr schöne und überaus liebenswürdige
Dame und eine Christin ist; ihr Vater will sie
aber dem Heidenkönige nicht überliefern, wenn er
nicht vorher dem Glauben seines falschen Propheten
Mahomed entsagt und den unsrigen annimmt.«
»Bei meinem Vater,« sagte Sancho, »Pentapolin
tut recht und ich will ihm dazu helfen, soviel in
meinen Kräften steht.«
»So sprichst du, wie du sollst, Sancho,« sagte Don
Quijote, »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen,
braucht man den Ritterschlag nicht erhalten
zu haben.«
»Das trifft sich ja gut,« antwortete Sancho,
»aber wo lassen wir den Esel solange, wo wir ihn
wiederfinden, wenn die Schlägerei aus ist, denn
so auf ihm als Reiter in die Schlacht zu ziehen,
ist doch bisher wohl noch nicht gebräuchlich gewesen?«
»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »was du
mit ihm vornehmen kannst, ist, ihn auf gut Glück
laufen zu lassen, er mag sich nun verlieren oder
nicht, denn sobald wir nun Überwinder sind,
werden wir eine solche Menge von Pferden erbeuten,
daß selbst Rosinante Gefahr läuft, gegen
ein anderes Roß vertauscht zu werden. Nun sei
aber aufmerksam, denn ich will dir die vornehmsten
Ritter kenntlich machen, die sich in diesen
beiden Heeren befinden; damit du sie aber besser
sehen und bemerken kannst, so wollen wir uns
auf diese Anhöhe zurückziehen, von wo aus wir
beide Heere genau beobachten können.«
Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen
Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don
Quijote eine Armee waren, gut genug hätte sehen
können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben,
sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten.
Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles,
was er nicht wirklich sehen konnte und fing nun
mit erhabener Stimme also an: »Jener Ritter, den
du in gelber Rüstung siehst und der in seinem
Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den
Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfere
Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke.
Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen
bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne
Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog
von Quiraloia. Jener Riese dort, der ihm zur
Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran
von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien,
der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und
als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt,
von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß,
als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen
Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal
auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe
jenes Heeres den stets siegenden und niemals besiegten
Timonel von Carcajona, Herrn des neuen
Biskayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen
Farben prangt, mit Blau, Grün, Weiß und Gelb;
in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im
hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift,
nämlich Miau, als den Anfang des Namens
seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die
Tochter des Herzogs Alfenriquen von Algarbien.
Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren
Rosses belastet und dessen Rüstung so
weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter von
französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr
der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen
Fersen in die Seiten des bunten und gewandten
Zebras stößt und ganz blaue Waffen führt, ist der
ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom
Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde ein
Spargelfeld führt mit der Unterschrift: mein Glück
wächst nach.« --
So nannte er noch viele Ritter von einer wie
von der andern Schwadron, die er sich einbildete;
allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen,
Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus
dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte, er
fuhr daher auch, ohne einzuhalten, so fort: »Jenes
mächtige Geschwader vor uns ist aus verschiedenen
Nationen gebildet und zusammengesetzt. Dort sind
die, welche die süßen Gewässer des berühmten
Xantus kosten, die Montuasen, die die Masilischen
Gefilde bewohnen, diejenigen, die das feine und
reichhaltige Gold des glücklichen Arabiens sichten,
die, welche die berühmten und frischen Wasser des
klaren Thermodon trinken, jene, die in Kanälen
nach verschiedenen und fernen Gegenden den goldführenden
Pactolus zu sich leiten, die Numidier
dort, die in ihren Versprechungen unzuverlässig, die
Perser, in Bogen und Pfeilen berühmt, die Parther
und Medier, die im Fliehen streiten, die Araber,
deren Wohnung veränderlich, die Skythen, die
eben so weiß als grausam, die Äthiopier, deren
Lippen durchlöchert sind, nebst andern unzähligen
Nationen, deren Antlitz ich sehe und erkenne, deren
Namen ich mich aber nicht erinnere. -- In jener
Schar dort ziehen diejenigen, die die kristallenen
Gewässer des ölbekränzten Betis trinken, Männer,
die ihr Angesicht in den Wellen des prächtigen,
goldführenden Tago waschen, andere, die die heilsamen
Wasser des göttlichen Genil genießen, die
die tartesischen Fluren, an Triften reich, bewohnen,
diejenigen, die sich auf den himmlischen
Xeronyschen Wiesen ergötzen, die reichen Manchaner
dort mit roten Ähren gekrönt, mit Erz bekleidet,
Nachkommen aus dem Blute der alten Goten, diejenigen,
die sich im Pisuenga baden, berühmt
wegen seines anmutigen Stromes, andere, die ihre
Herden auf den ausgebreiteten Fluren des gekrümmten
Guadiana weiden, dessen verborgener
Lauf so oft gefeiert wird; jene, die im Frost der
beschneiten Pyrenäen, andere, die auf den weißen
Gipfeln der hocherhabenen Apenninen zittern: kurz,
alle Völkerschaften, die nur das ganze Europa in
sich faßt und begreift.«
Hilf Himmel! wie viele Provinzen nannte er
noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er
jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden
Attribute erteilte, trunken und entzückt
von dem, was er in seinen lügenhaften
Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über
diese Reden verwundert, ohne ein Wart zu sagen;
er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und
her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr
aufzählte, nicht erblicken möchte; da er aber durchaus
keinen entdeckte, sagte er: »Gnädiger Herr, hol
mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder
Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist,
wenigstens kann ich sie nicht sehen, und es muß
wohl wieder alles Verzauberung sein wie mit den
Gespenstern vorige Nacht.«
»Wie sprichst du also?« antwortete Don Quijote,
»hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der
Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?«
»Ich höre nichts weiter,« antwortete Sancho,
»als Blöken von Schafen und Hammeln.« -- Und
dies war es auch, denn die beiden Herden waren
nun ziemlich nahe gekommen.
»Deine Furchtsamkeit«, sagte Don Quijote,
»macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch
hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht
besteht eben darin, die Sinne zu verwirren und
dadurch die Dinge anders erscheinen zu lassen als
sie in der Tat sind: trägst du also so große Bangigkeit,
so abseitige dich und laß mich allein, denn
allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu
verschaffen, zu welcher ich mich schlage.« Und mit
diesen Worten gab er dem Rosinante die Sporen,
faßte in der Rechten die Lanze und somit schoß er
wie ein Sonnenstrahl von dem Erdhügel herunter.
Sancho schrie laut auf und rief: »Haltet doch, mein
gnädiger Herr Don Quijote, ich schwör's zu Gott,
Hammel und Schafe sind das, was Ihr angreifen
wollt! haltet! Oh, um Gottes Barmherzigkeit
willen, was sind das für Tollheiten! da ist ja
kein Riese, ein Ritter, keine Katze, keine Rüstung,
weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue
Felder, noch der Teufel und seine Großmutter.
Was, um's Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge
vor?«
Aber Don Quijote hielt deshalb nicht an, sondern
rief vielmehr mit lauter Stimme: »Auf, ihr
Ritter, die ihr unter den Fahnen des tapferen
Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel
streitet, folgt mir alle und ihr sollt sehen, wie
leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von
Trapobana rächen wollen!« Sowie er dieses sprach,
stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein
und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen,
als wenn er wirklich mit Todfeinden zu
kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die
Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also
verfahren möchte; da sie aber sahen, daß sie damit
nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern
und begannen seine Ohren mit Steinen wie die
Faust so groß anzureden. Don Quijote kümmerte
sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er
sich von allen Seiten herumtummelte: »Wo bist du,
stolzer Alifanfaron, hierher zu mir, der ich ein
einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann
deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen
kann als vergeltende Schmach, die du dem tapferen
Pentapolin Garamanta beweisest.« Indem führte
eine Schleuder ein Korn herbei, das ihn in die
Seite traf und zwei Rippen hineinschlug. Wie er
diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot
oder schwerverwundet, gedachte seines Getränkes,
nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und
fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er
hatte noch nicht so viel hinuntergetrunken als ihm
nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und
traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß
sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier
Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei
Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So
heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite,
daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom
Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei
und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten;
sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden
die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben
beliefen und so entfernten sie sich, ohne etwas
anderes abzuwarten.
In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem
Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu und riß
sich den Bart aus, indem er die Stunde und den
Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft
gemacht hatte. Da er nun sah, daß er
auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen,
stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand
ihn in einem sehr schlimmen Zustande, obgleich er
noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: »Sagte
ich's Euch nicht, mein Herr Don Quijote, daß Ihr
halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet,
keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?«
»So hat sie der Schelm von Weisen, mein
Feind, verwandelt und entstellt, und du mußt wissen,
Sancho, daß es diesen Wesen etwas Leichtes ist,
alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser
Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den
Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht
erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine
Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dieses nicht,
so tue Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit
du deines Irrtums los werdest und merkest, wie
ich die Wahrheit rede: besteige deinen Esel und
reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, daß,
sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, sie
ihre erste Gestalt wieder annehmen, keine Hammel
mehr sind, sondern Menschen, so recht und gerecht,
wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne
dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hilfe und
Liebe: komme her und sieh, wie viele Backen- und
Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte
ich keinen einzigen im Munde behalten.«
Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die
Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah,
indem der Balsam schon im Magen Don
Quijotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an
ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß
er heftiger wie eine Büchse das von sich, was er
in sich führte und alles in den Bart des mitleidigen
Stallmeisters hinein. »Heilige Mutter
Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da zugestoßen?
Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet,
denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.«
Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe,
Geschmack und Geruch merkte, daß es kein Blut,
sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er
ihn hatte trinken sehen, ergriff ihn ein so heftiger
Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte und er
seinen Gebieter bespie, worauf sie sich beide wie
Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem
Esel, um aus dem Schnappsacke etwas zu holen,
sich abzutrocknen und seinen Herrn zu heilen; da
er diesen nicht fand, war er im Begriff den Verstand
zu verlieren. Er fluchte von neuem und nahm
sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und
nach Hause zu gehen, wenn er auch selber seinen
Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der
versprochenen Insel verlieren sollte.
Jetzt erhob sich Don Quijote, steckte die linke
Hand in den Mund, weil ihm die Zähne immer
noch weh taten, mit der anderen faßte er die
Zügel des Rosinante, der sich nicht von der Seite
seines Herrn gerührt hatte (so redlich und schön
war sein Gemüt) und ging zu seinem Stallmeister,
der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und
die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie
ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken
ist. Als Don Quijote diese Zeichen einer so
gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: »Wisse,
Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein
anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer;
alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise,
daß sich das Wetter bald aufheitern muß und
daß unsere Sachen zum Glück ausschlagen müssen,
denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück
immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück
überstanden, das Glück uns nahe sein muß.
Darum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten,
die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.«
»Also nicht?« antwortete Sancho, »war denn
der, den sie gestern prellten, ein anderer als ich
in eigener Person? Und der Schnappsack, der heute
mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört
wohl einem anderen als mir?«
»Also der Schnappsack ist weg?« fragte Don
Quijote.
»Freilich ist er weg,« antwortete Sancho.
»Auf die Weise haben wir heute nichts zu
essen,« erwiderte Don Quijote.
»Es wäre übel,« versetzte Sancho, »wenn hier
auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg
wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt,
mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche
irrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.«
»Mit alledem,« antwortete Don Quijote, »wäre
mir jetzt ein Laib Brot und ein Stückchen Hering
viel erwünschter als alle Kräuter, die Dioscorides
beschreibt, selbst mit den Erläuterungen des Doktor
Laguna. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier,
Sancho, mein Getreuer und folge mir: denn Gott,
der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen,
da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem
Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der
Luft, die Gewürme der Erde und die kleinen Kreaturen
der Flut; seine Güte läßt die Sonne über
Böse und Gute aufgehen, er regnet auf die Gerechten
und Ungerechten.«
»Euer Gnaden«, sagte Sancho, »taugt besser zum
Prediger als zum irrenden Ritter.«
»Die irrenden Ritter, Sancho, verstehen alles
und müssen alles verstehen,« antwortete Don Quijote,
»denn ein irrender Ritter aus den verflossenen
Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit
gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem
Felde halten können, so gut, als wenn er auf der
Universität Paris den Gradus empfangen hätte:
woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die
Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.«
»Es gehe so, wie Euer Gnaden sagt,« antwortete
Sancho, »wir wollen weiter und für die
Nacht ein Unterkommen suchen und Gott möge
uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher
und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte
Mohren, denn wenn das wieder kömmt,
so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.«
»Bitte du Gott, mein Sohn«, sagte Don Quijote,
»und nimm du selbst den Weg, welchen du
willst, denn dieses Mal soll es auf deine Wahl in
Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir
aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie
viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der
Kinnlade fehlen, denn dorten fühle ich den Schmerz.«
Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam
und fragte: »Wie viele Backenzähne hatten
Euer Gnaden denn sonst auf dieser Seite?«
»Vom Augenzahne vier,« antwortete Don Quijote,
»alle vollständig und gesund.«
»Bedenkt wohl, was Ihr sagt,« antwortete
Sancho.
»Viere sage ich, oder gar fünf,« erwiderte Don
Quijote, »denn weder Vorder- noch Backenzahn
habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen
lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder
Flüssen ausgefallen.«
»Hier auf der unteren Kinnlade,« sagte Sancho,
»habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in
der oberen aber keinen halben und keinen ganzen,
denn alles ist so platt wie meine flache Hand.«
»O ich Elender!« rief Don Quijote aus, als ihm
sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte,
»ich hätte lieber einen Arm hingegeben,
nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du
mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne
ist wie eine Bäckerei ohne Backofen und ein Zahn
ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber
allem diesen sind die unterworfen, die wir uns
zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen; also
steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich
will dem Wege folgen, den du aussuchst.«
Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er
eine Herberge erwartete, ohne den Weg zu verlassen,
auf dem er sich eben befand. So zogen sie
langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte
Don Quijote nicht, still zu sein oder sehr zu
eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung
und Ergötzung zu verursachen, und unter
anderen Dingen, die er vortrug, war auch das, was
man im folgenden Kapitel erzählen wird.
~Fünftes Kapitel~
Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn
führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichnam
begegnete und andere preiswürdige Begebenheiten
«Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle,
die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß
eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen
den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn
Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt,
auf keinem Tischtuch zu essen und nicht mit
der Königin Euch zu ergötzen nebst allen übrigen
Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun
geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem
Schandriem oder wie der Mohr sonst heißen mag,
denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.«
»Sehr hast du recht, Sancho,« antwortete Don
Quijote, »aber die Wahrheit zu sagen, es war
meinem Gedächtnisse entfallen und du kannst ebenfalls
vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du
mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen
hat. Aber ich will es wieder gut machen,
denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle
Dinge Mittel.«
»Aber hab' ich denn, um Gotteswillen, geschworen?«
fragte Sancho.
»Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen
hast,« antwortete Don Quijote, »denn soviel ich
einsehen kann, bist du nicht völlig vor aller Teilnehmung
gesichert, es mag nun aber sein oder
nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu
denken.«
»Wenn die Sachen so stehen,« sagte Sancho, »so
trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso
wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster
wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß
zu machen und vielleicht verfallen sie auch auf Euch,
wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.«
Unter diesen und anderen Gesprächen überfiel
sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen
Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht zubringen
möchten; das Schlimmste aber war, daß sie fast vor
Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war
ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden
und um ihr Unglück vollständig zu
machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der
Tat und ohne künstliche Nachhilfe eins war, die
Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis
herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg
fort, denn Sancho glaubte in zwei oder drei
Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie
sich auf dem großen Wege befanden.
Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der
Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise
lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf ihrer Straße
eine Menge von Lichtern entgegen kamen, die
Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak,
indem er es bemerkte und dem Don Quijote
war es nicht ganz unheimlich; jener zog den
Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes
an und so standen sie beide und schauten aufmerksam
hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen,
wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie
immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen.
Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie
Espenlaub zu zittern und dem Don Quijote richteten
sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe;
er ermannte sich aber ein wenig und sagte: »Ohne
Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und
furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein
wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.«
»Ach ich Unglückskind!« antwortete Sancho,
»wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht,
wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen,
um alles auszuhalten?«
»Seien es immerhin Gespenster,« sagte Don
Quijote, »so werde ich dennoch nicht zugeben, daß
sie dir nur ein einziges Haar krümmen, trieben sie
jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sie's, weil
ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber
jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich,
soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte
ausholen kann.«
»Wenn sie nun das Schwert bezaubern und
kraftlos machen, wie sie schon so oft getan haben,«
sagte Sancho, »was hilft's da, das Feld mag frei
sein oder nicht?«
»Sei es wie es will,« versetzte Don Quijote,
»so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu
fassen, denn die Erfahrung wird dir zeigen, wie
ich dieses Unternehmen anfassen will.«
»Gott gebe, daß es so verfaßt werde,« sagte
Sancho und zugleich stellten sie sich auf die Seite
des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen,
was das doch mit den wandernden Lichtern
sein möchte und so entdeckten sie nach und nach
viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren
fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den
letzten Mut verlor und so mit den Zähnen klapperte,
als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein
Zittern und Zähneklappen sich in dem Maße vermehrte,
in welchem sie die Gegenstände genauer
erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl
zwanzig in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden
Fackeln in den Händen, hinter denen eine
Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andere
Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören
bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt,
denn daß es keine Pferde waren, sah
man an dem langsamen Gange; die in den weißen
Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher
Stimme.
Diese wunderbare Erscheinung in der Stunde
und an diesem einsamen Orte war gewiß vermögend,
das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen,
auch selbst das seines Gebieters und Don Quijote
gab auch der Furcht ein wenig Raum als Sancho
schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen
war: der Gebieter aber ermunterte sich bald,
der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete,
wie dieses eines von den Abenteuern aus
seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken
die Trage zu einer Totenbahre, auf welcher
sich ein schwer verwundeter oder toter Ritter befände,
den zu rächen ihm allein vorbehalten sei:
er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein,
setzte sich dann im Sattel fest und lagerte sich dann
mit edlem Anstande und Bezeigen in der Mitte des
Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbei
mußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe
genug befand, also anredete: »Haltet an, Ritter,
wer ihr auch sein mögt, Rechenschaft zu geben, wer
ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr geht, wer
derjenige ist, den ihr auf der Bahre mit euch führt,
denn nach dem äußeren Anscheine habt ihr Unrecht
entweder verübt oder erlitten und es geziemt
sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um euch
für das Unheil, welches ihr gestiftet, zu züchtigen
oder euch für die Ungebühr zu rächen, die man an
euch verübt.«