~Erstes Buch~
~Erstes Kapitel~
Handelt von dem Stande und der Lebensweise des
namhaften Edlen Don Quijote von la Mancha
In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen
ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein
Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß,
einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine
Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends
gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter
und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene
Tauben zur Zugabe, verzehrten drei Vierteile seiner
Einnahme. Das übrige ging auf für ein schönes
Kleid, samtene Schuh und Pantoffeln derselben Art,
ingleichen für ein sehr feines Tuch, mit dem er sich
in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine
Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine
Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich
ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt,
der sowohl den Klepper sattelte, als auch die Axt
zu führen wußte. Die Zeit hatte unsern Edlen mit
fünfzig Jahren beschenkt. Er war von starker Konstitution,
mager, von dürrem Gesichte, ein großer
Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige,
die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada
führte, denn es finden sich etwelche Abweichungen
unter den Schriftstellern, die von diesen Begebenheiten
Meldung getan; aber es läßt sich aus wahrscheinlichen
Vermutungen schließen, daß er sich Quixana
nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung
wenig Eintrag, insofern wir nur in keinem
Punkte derselben von der Wahrheit abweichen.
Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die
Zeit, die ihm zur Muße blieb (und dies betrug den
größten Teil des Jahres), dazu anwandte, Bücher
von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung
zu lesen, daß er darüber sowohl die Ausübung der
Jagd, als auch die Verwaltung seines Vermögens
vergaß; ja, seine Begier und Vertiefung ging so weit,
daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte,
um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in
denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein
Haus, als er deren habhaft werden konnte. Unter
allen schienen ihm keine so trefflich, als die Werke,
die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat,
die Klarheit seiner Prose und den Scharfsinn seiner
Perioden hielt er für Perlen, fürnämlich wenn er
auf Artigkeiten oder Ausforderungen stieß, als wenn
an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige
des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut,
erschüttert also meinen Sinn, daß ich über Eure
Schönheit eine vielsinnige Klage führe. Oder wenn
er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit
göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die
Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt
ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter
seinen Verstand und studierte die Meinung zu begreifen
und zu entwickeln, die Aristoteles selbst nicht
enthüllt und begriffen hätte, wenn er auch bloß
darum auferstanden wäre. Er war nicht sonderlich
mit den Wunden zufrieden, die Don Belianis austeilte
und empfing, denn er gedachte, daß, wenn ihn
auch die größten Meister geheilt hätten, ihm dennoch
kein Antlitz übrigbleiben und sein Körper nur aus
Narben und Malen bestehen könne. Doch gab er
darin dem Autor Beifall, daß er sein Buch mit dem
Versprechen eines ungeheuerlichen Abenteuers beschließt,
und oft kam ihm der Gedanke, die Feder
zu ergreifen und es wirklich, wie jener versprochen,
fortzuführen; auch hätte er es ohne Zweifel getan,
wenn ihn nicht größere und anhaltende Gedanken
abgehalten hätten. Es traf sich, daß er oft in Streit
mit dem Pfarrer seines Dorfes geriet (der ein gelehrter
Mann war und zu Siguenza graduiert), wer
von beiden ein größerer Ritter sei, ob Palmerin
von England oder Amadis von Gallia. Aber Meister
Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, meinte, daß
keiner dem Ritter des Phöbus gleich sei, oder wenn
sich einer mit ihm messen dürfe, so sei es Don Galaor,
der Bruder des Amadis von Gallia, dieser sei durchaus
edel und ritterlich, nicht geziert und weinerlich
wie sein Bruder, auch sei er in Ansehung der Tapferkeit
besser beschlagen.
Sein Lesen also verwickelte ihn so, daß er die
Nächte damit zubrachte weiter und weiter, und die
Tage sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam
es vom wenigen Schlafen und vielem Lesen, daß sein
Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand
verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit
solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand,
als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen,
Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen
und andern Unsinn. Er bildete sich dabei fest ein,
daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las,
wahr wären, daß es für ihn auf der Welt keine
zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid
Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen,
er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom
brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem
einzigen Hiebe zwei stolze und unhöfliche Riesen
mitten durchgehauen habe. Mehr hielt er vom
Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den
bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung
des Herkules nachgeahmt, der den Anteus,
den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel
Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er
gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle
stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und
artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von
Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem
Kastell ausfallen, rauben was er konnte, wenn er
dann sogar das Bild des Mahomet entführte, welches
ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er
sagte, um dem Verräter Galalon einige Tritte geben
zu können, er gern seine Haushälterin und als Zugabe
auch seine Nichte fortschenken wolle.
Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß
gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken,
den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat, denn
es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung
seiner Ehre als zum Besten seiner Republik,
ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung
und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen um Abenteuer
aufzusuchen und alles das auszuüben, was er
von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht
aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu
unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm
und Namen schmücken würden. Der Unglückliche
stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines
tapferen Armes zum Kaiser von Trapezunt würde
gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken,
angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte
er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen.
Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen,
die er von seinen Urgroßvätern geerbt und
die gänzlich mit Rost und Staub bedeckt vergessen
in einem Winkel standen. Er putzte und schmückte
sie, so gut er konnte, wobei er aber gleich einen
großen Mangel bemerkte, daß der Helm nämlich nicht
vollständig, sondern nur eine Pickelhaube sei; aber
seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte
aus Pappen die untere Hälfte und verband sie
mit der Haube, die dadurch den Anschein eines vollständigen
Helmes erhielt. Es ist wahr, daß, um zu
erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines
Kampfes auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei
Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das
wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet.
Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der
er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser
Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte
inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der
Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andere
Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß
dieser Helm der trefflichste sei.
Sogleich ging er seinen Klepper zu besuchen, ob
dieser nun gleich mehr Dreiecke am Körper hatte,
als ein Taler Dreier hat, und mehr Gebrechen als
das Pferd des Gonela, das nur Haut und Knochen
war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der
Bucephalus Alexanders, noch der Babieza des Cid
mit diesem messen dürfe. Drei Tage verstrichen, indem
er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle,
denn (wie er zu sich selber sagte) es sei unanständig,
wenn das Pferd eines so berühmten Ritters, und
das an sich so trefflich sei, keinen bekannten Namen
führe. Er suchte nämlich den Namen so einzurichten,
daß man daraus begriffe, was es vorher gewesen,
ehe es einem irrenden Ritter gedient, und was es
nun sei; indem es der Vernunft gemäß, daß, sowie
es einen andern Herrn bekomme, ihm auch ein
anderer Name zukommen müsse, der es ziere und
sich für das neue Amt und die neue Lebensweise
gezieme, in die es nun eingehe. Darauf, von den
vielen Namen, die er bildete, vernichtete und vertilgte,
umarbeitete, wegwarf und wieder annahm,
um den besten zu erfinden, wählte er endlich die
Benennung Rosinante, ein nach seinem Urteil erhabener,
volltönender und bedeutungsvoller Name,
bezeichnend, daß er ein Klepper gewesen, ehe er
seinen jetzigen Stand bekommen, auch daß er der
erste und fürnehmste von allen Kleppern auf der
Welt sei.
Da ihm dieser Name für sein Pferd so nach seinem
Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für
sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen
wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß
er sich Don Quijote nannte. Woher, wie gesagt wird,
die Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte Gelegenheit
genommen zu behaupten, daß er ganz ohne Zweifel
Quixada und nicht Quesada geheißen, wie andere
meinen wollen. Da er aber gedachte, daß der tapfre
Amadis sich nicht begnügt, sich bloß trocken Amadis
zu nennen, sondern noch den Namen seines Reiches
und Vaterlandes hinzugefügt, um es berühmt zu
machen, und sich daher Amadis von Gallia betitelt
habe: so stehe es ihm ebenfalls als einem wackern
Ritter zu, den Namen seines Landes beizufügen und
er benamte sich also Don Quijote von la Mancha.
Hiermit erklärte er nach seiner Meinung Vaterland
und Geburtsgegend genau und ehrte sie zugleich, indem
er den Zunamen von ihr entlehnte.
Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm
gemacht, dem Klepper ein Name gegeben, sein eigener
festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als
eine Dame zu suchen, in die er verliebt sei, denn ein
irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub
und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sprach: Wenn
ich nun zur Strafe meiner Sünden oder zu meinem
Glücke auf irgendeinen Riesen treffe (wie dies denn
gewöhnlich irrenden Rittern begegnet), und ich ihn
in einem Anlauf niederrenne oder ihn mitten durchhaue,
oder kurz ihn überwinde und bezwinge, wär'
es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schickte,
sich zu präsentieren? Wenn er dann hineinträte,
vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe
und mit demütiger und unterwürfiger Stimme
spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro,
Herr der Insel Malindrania, den im
Zweikampfe der mit Recht ewig gepriesene Ritter
Don Quijote von la Mancha überwand und mir
befahl, mich Eurer Gnaden zu präsentieren, damit
Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir
schalte. -- Oh, wie erfreut war unser wackrer Ritter,
als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er
wußte, wem er den Namen seiner Dame geben solle.
Es war, wie man glaubt, in einem benachbarten
Dorfe ein Bauernmädchen von gutem Ansehen, in
die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber
wie sich versteht, nie erfahren, er ihr auch niemals
gesagt hatte. Sie hieß Adonza Lorenzo und schien
ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken
zu geben. Er suchte nun einen Namen, der
dem seinigen entspräche, der eine Prinzessin und
Herrscherin bezeichnend und ihr geziemlich sei, und
er nannte sie daher Dulzinea von Toboso, denn sie
war von Toboso gebürtig; ein Name, nach seinem
Urteil musikalisch, fremdtönend und bezeichnend, wie
alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden
hatte.
~Zweites Kapitel~
Handelt von dem ersten Aufbruch des scharfsinnigen Don
Quijote aus seinem Besitztum
Da er diese Vorkehrungen getroffen, konnte er es
nicht länger aufschieben, seinen Vorsatz ins Werk
zu richten, denn ihn drängte der Nachteil, der nach
seiner Meinung der Welt durch seine Verzögerung
erwüchse; ihn rief das Unrecht, das er vertilgen,
die Ungebühr, die er einrichten, die Beschwer, die er
aufheben, Mißbräuche, die er bessern und Verschuldungen,
die er vergelten müsse. Ohne also irgend
jemand seinen Vorsatz mitzuteilen, ohne daß ihn einer
bemerkte, rüstete er sich eines Morgens vor dem
Tage (der einer der heißesten im Julius war) mit
allen Waffenstücken, bestieg den Rosinante, setzte den
übel gemachten Helm auf, faßte den Schild und ergriff
die Lanze und zog durch eine kleine Tür des
Hinterhofes aufs Feld hinaus, sehr zufrieden und
vergnügt, daß sein guter Vorsatz einen so leichten
Anfang gewann. Kaum aber sah er sich auf dem
Felde, als ihn ein furchtbarer Gedanke mit solcher
Gewalt befiel, daß er beinahe sein angefangenes
Unternehmen gänzlich aufgegeben hätte. Es kam ihm
nämlich ins Gedächtnis, daß er noch kein geschlagener
Ritter sei und daß er also nach den Gesetzen der
Ritterschaft mit keinem Ritter einen Waffenkampf
weder halten könne noch dürfe, daß er ferner als
neuer Ritter weiße Waffen führen müsse, ohne Sinnbild
auf dem Schilde, bis seine Tugend ihm eins gewinne.
Diese Vorstellungen erschütterten seinen Vorsatz
heftiglich, aber seine Torheit, mächtiger als jeder
andere Grund, gab ihm ein, daß er sich vom Ersten,
auf den er träfe, zum Ritter wolle schlagen lassen,
in Nachahmung vieler anderen, die ebenso verfahren,
wie er in den Büchern gelesen, die davon Meldung
getan. Was die Weiße der Waffen beträfe, so gedachte
er sie, wenn er einen Ort erreicht, so hell
zu schleifen, daß sie den gefallenen Schnee an Weiße
überträfen. Hiermit beruhigte er sich und setzte
seinen Weg fort, ohne einen andern zu suchen, als
den sein Pferd eingeschlagen, denn er meinte, daß
dies die Kunst sei, Abenteuer zu beginnen.
Indem nun unser frischer Abenteurer fortritt,
sprach er zu sich selber also: Es leidet keinen Zweifel,
daß in künftigen Zeiten, wenn die wahrhafte Geschichte
meiner Taten an das Licht tritt, der Weise,
der sie schreibt, gewiß nicht ermangelt, von meinem
ersten so frühen Auszuge also anzuheben: »Der feuerrote
Apoll hatte kaum über das Angesicht der
großen, weitstreckigen Erde die güldenen Fäden seines
schönen Haupthaares verbreitet; kaum hatten die
kleinen, buntgemalten Vögelein mit ihren Harfenzungen
die rosichte Aurora mit süßer, honiglieblicher
Harmonie begrüßt, die das weiche Bett des eifersüchtigen
Gemahls verließ und durch die Tore und Balkone
des Manchanischen Horizontes sich den Sterblichen
zeigte: als der berühmte Ritter Don Quijote
von la Mancha die müßigen Federn verließ, sein
berühmtes Roß Rosinante bestieg und begonn, über
das alte und wohlbekannte Feld Montiel zu reiten.«
Er ritt jetzt in der Tat durch diese Gegend und fuhr
weiter fort: O beglückte Zeit! beglücktes Menschenalter!
in dem meine preisvollen Taten ans Licht
treten werden, die verdienen, daß man sie in Erz
gießt, in Marmor haut und auf Tafeln zum
Gedächtnis der künftigen Zeit malt! O du weiser
Zauberer, wer du auch seist, dem es aufbehalten ist,
die Chronik dieser Wundergeschichte zu stellen, o vergiß,
ich flehe dich, den wackern Rosinante nicht,
meinen unzertrennlichen Gefährten auf jedem Wege
und in jeglicher Bahn. -- Darauf sprach er, als wäre
er in der Tat verliebt gewesen: O Prinzessin Dulzinea!
Herrin dieses gefangenen Herzens! wie quält
es mich, daß Ihr mich verbannt und mit grausamer
Härtigkeit mich verwerft, daß Ihr gebietet, ich solle
nicht vor Eurer Schönheit erscheinen. O gedenkt
Herrscherin dieses Euch unterworfenen Herzens, das
so Großes um Willen Eurer Liebe leidet.
An diese Ausrufungen fügte er noch andern Unsinn,
alles, wie er es in seinen Büchern gefunden
hatte, indem er sich bemühte, ihre Sprache, so viel
es ihm möglich war, nachzuahmen. Er zog dabei eine
große Strecke fort und die Sonne brannte so heftig
und heiß auf ihn hinunter, daß sie ihm leicht die
Sinne verrückt, wenn sie welche angetroffen hätte.
Er zog den ganzen Tag fort, ohne daß er auf etwas
stieß, das der Erzählung würdig war, worüber er
sich entrüstete, denn er wünschte nur Gelegenheit,
um sogleich, sogleich die Tapferkeit seines starken
Armes zu erproben.
Es sind Autoren der Meinung, daß das erste
Abenteuer, das ihm begegnete, das am Hafen Lapice
gewesen. Andere führen dasjenige mit den Windmühlen
auf, aber alles, was ich hierin erforschen
können, und was in den Jahrbüchern von la Mancha
geschrieben steht, ist, daß er den ganzen Tag fortzog,
und daß am Abend sein Roß und er vor Hunger beinahe
gestorben waren.
Er schaute nach allen Seiten um, ob er nicht ein
Kastell erspähen könne, oder eine Schäferhütte, um
sich zu erquicken und seiner Not abzuhelfen. Endlich
erblickte er unfern dem Wege, auf dem er ritt, eine
Schenke, die ihm wie ein Stern entgegenschien, der
ihn in das Tor oder die Freistätte seiner Leiden
winkte. Er eilte dorthin und erreichte sie mit dem
Anbruche des Abends. Unter der Tür standen von
ungefähr zwei Mädchen, von jenen, die man die gutwilligen
nennt, die mit einigen Maultiertreibern,
welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach
Sevilla gingen. Wie nun unserm Abenteurer alles,
was er dachte, sah oder sich einbildete so erschien
und sich zutrug, wie er es gelesen hatte, so kam es
ihm sogleich, als er die Schenke sah, vor, dies sei ein
Kastell mit seinen vier Türmen, mit Gesimsen von
glänzendem Silber, mit Zubehör der Zugbrücke und
des Burggrabens nebst allen übrigen Dingen, mit
denen dergleichen Kastelle geschildert werden. Er
näherte sich der Schenke, die ihm ein Kastell schien,
und da er nur noch wenig entfernt war, zog er
dem Rosinante den Zügel an, in der Erwartung, daß
ein Zwerg auf den Zinnen erscheinen würde, um
mit einer Trompete das Zeichen zu geben, daß sich
ein Ritter dem Kastell nahe. Da er aber sah, daß
er zögerte, Rosinante auch begierig war, sich dem
Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke
und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehen,
die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige
Damen schienen, die sich vor dem Tore des Schlosses
in der Frische ergingen. Es traf sich indes, daß ein
Schweinehirt, der von dem Stoppelfelde eine Herde
Schweine (die ohne Gnade diesen Namen führen) versammeln
wollte und also in ein Horn stieß, auf dessen
Schall sie alle zusammenkamen. Sogleich stellte sich
Don Quijote das vor, was er wünschte, daß nämlich
ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gegeben habe.
Mit großer Zufriedenheit also näherte er sich der
Schenke und den Damen, die, da sie einen Mann auf
diese Art gewaffnet, mit Schild und Lanze auf sich
zukommen sahen, aus Furcht in die Schenke hineinlaufen
wollten. Don Quijote aber, der ihre Furcht
aus ihrem Entfliehen schloß, erhub sein Visier aus
Pappen, zeigte sein mageres und bestäubtes Gesicht
und sagte mit zierlicher Weise und sanfter Stimme
diese Worte: »Fliehen Eure Gnaden nicht, und fürchten
dieselben keinen Unglimpf, denn es gebeut der
Orden der Ritterschaft, dem ich diene, keinen Raub
oder Gewalttätigkeit an irgend jemand zu verüben,
geschweige denn an so edlen Jungfrauen, mit denen
mich Eure Gegenwart beglückt.«
Die Mädchen sahen ihn an und suchten sein Gesicht
mit den Augen, welches das schlechte Visier verdeckte,
aber da sie sich Jungfern nennen hörten (etwas, das
ihrem Gewerbe so fern lag), konnten sie das Lachen
nicht zurückhalten, sondern sie lachten so laut, daß
sich Don Quijote entrüstete und sprach: »Es geziemt
Bescheidenheit den Schönen wohl und große Torheit
ist es überdies, mit schlechter Ursach lachen; doch
sage dies nicht zu Eurer Anhörung, noch daß ich
Übelwollen zeige, denn ich habe keinen andern Willen
als euer Diener zu sein.« Diese Sprache verstanden
die Damen nicht, und das üble Aussehen unsers Ritters
vermehrte ihr Gelächter sowie seinen Zorn; sie
hätten auch darin fortgefahren, wenn der Schenkwirt
nicht hinzugekommen wäre, ein Mann, der,
wie er sehr fett, auch überaus friedliebend war;
als dieser diese Gestalt scheußlich gerüstet mit so ungeziemlichen
Waffen, als der Zaum des Pferdes, die
Lanze, der Schild und der kleine Harnisch war, erblickte,
so fehlte wenig, daß er nicht das Vorbild
von Fröhlichkeit der beiden Mädchen nachgeahmt
hätte. Da er aber doch diese umbollwerkte Figur
fürchtete, so entschloß er sich, höflich zu reden und
sprach also: »Wenn Eure Gnaden, Herr Ritter, Ruhe
suchen, so finden Sie außer einem Bette, denn wir
haben keins in der Schenke, alles übrige im großen
Überflusse.« Als Don Quijote die Unterwürfigkeit
des Kommandanten der Festung sah, denn dafür hielt
er den Schenkwirt und die Schenke, antwortete er:
»Für mich, Herr Kastellan, ist alles Ding genug, denn
mein Schmuck sind die Waffen; meine Ruhe ist Streiten.«
-- Der Wirt dachte, da er sich Kastellan nennen
hörte, jener hielt ihn für einen Gauner, die man
wohl feine Kastilianer nennt; er war aber ein Andaluzier,
ein Eingeweihter in die falschen Künste der
Karten, ein Schelm wie Cacus, und ein Spottvogel
wie ein Student oder Page, er antwortete daher:
»So werden also Euer Gnaden Betten harte Steine
und Euer Schlaf ein beständiges Wachen sein, und
wenn es sich so befindet, so dürft Ihr nur kecklich
absteigen, denn Ihr trefft in diesem Hause Gelegenheit
und Anstalt, ein ganzes Jahr nicht zu schlafen,
geschweige denn eine Nacht.« Indem er dies sagte,
hielt er Don Quijote den Steigbügel, der mit vieler
Mühe und Beschwer abstieg, wie ein Mann, der noch
den ganzen Tag nüchtern geblieben war. Er sagte
sogleich dem Wirte, daß er für sein Pferd große
Sorgfalt tragen möge, denn es sei das schönste Tier
auf der ganzen Welt, das Brot äße. Der Wirt beschaute
es, aber es schien ihm nicht so trefflich, als es
Don Quijote beschrieb, ja nicht einmal auf die Hälfte
so gut. Er führte es in den Stall und kam dann
zurück, um zu sehen, was sein Gast befehle, den
indes die Jungfrauen entwaffneten, mit denen er
sich wieder versöhnt hatte. Sie lösten den Brust- und
Rückenharnisch ab, konnten es aber mit aller Arbeit
nicht dahin bringen, die Kehle freizumachen und den
nachgeahmten Helm abzunehmen, der mit grünen
Bändern unter dem Halse festgebunden war und von
denen sie die Knoten ohne Schnitt nicht aufzulösen
vermochten. Darin aber wollte er keineswegs einwilligen,
er blieb also den ganzen Abend in seinem
Helme und stellte die anmutigste, seltsamste Figur
dar, die man sich nur einbilden kann. Er meinte,
daß diejenigen, die ihn entwaffneten, vornehme
Damen und Gebieterinnen aus einem Schlosse wären
und sagte daher mit vielem Anstande:
»Niemals ward ein edler Bote
So bedient von Damen süß,
Wie der große Don Quijote
Als er seine Heimat ließ.
Zarte Mädchen pflegten ihn,
Prinzessin'n sein Rösselin.
O Rosinante! dies, meine Gebieterinnen, ist der
Name meines Pferdes und ich heiße Don Quijote von
la Mancha. Ich sollte mich nicht zu erkennen geben,
bis meine Tathandlungen in Eurem Dienste mich
kenntlich machten, aber diese alte Romanze von Lanzarote,
die sich auf meinen gegenwärtigen Zustand
schickt, hat mich bewogen, meinen Namen vor der
Zeit zu nennen; aber es wird die Zeit kommen, wann
Eure Hoheit mir gebieten und ich gehorchen soll,
wann die Tapferkeit meines Armes den Willen Euch
dienstbar zu sein, beurkunden wird.« Die Mädchen,
die solcher rhetorischen Figuren ungewohnt waren,
antworteten nicht darauf, sondern fragten ihn nur,
ob er nicht etwas zu essen begehre. »Wann ich etwas
zu genießen haben kann,« antwortete Don Quijote,
»denn soviel ich einsehe, bedarf ich dessen ungemein.«
Es war gerade Freitag, und in der ganzen Schenke
nichts als etwas Stockfisch, den die Leute in dieser
Gegend Föhr nannten. Man fragte ihn also, ob er
vielleicht beliebe, Förchen zu speisen, denn man könne
ihm keinen andern Fisch zu essen reichen. Don Quijote,
der an Forellen dachte, antwortete: »Wenn es
viele Forellchen sind, so können sie eine Forelle vorstellen,
denn es läuft auf eins hinaus, ob mir jemand
acht Realen einzeln gibt oder ein einziges Stück von
achten; es kann überdies wohl zutreffen, daß es sich
mit einem Forellchen verhält wie mit einem jungen
Kalbe, welches dem Rinde vorzuziehen, sowie auch
das Zicklein zarter ist als der Bock; aber es sei,
was es wolle, so erscheine es sogleich, denn die Beschwer
und Waffenlast können nur durch Erquickung
des Innern ertragen werden.« -- Sie setzten also
den Tisch der Frische wegen vor die Tür der Schenke,
und der Wirt führte ein Stück des schlecht geweichten
und übel gekochten Stockfisches auf, nebst einem Brot,
schwarz und schmutzig wie seine Waffen. Es war ungemein
lächerlich, ihn essen zu sehen, denn da ihn der
Helm und das Visier hinderten, konnte er mit den
Händen nichts zum Munde führen, wenn es ihm
nicht ein anderer gab und hineinsteckte. Eine der
Damen bediente ihn auf diese Weise. Ihm aber zu
trinken zu reichen war unmöglich, und wäre unmöglich
geblieben, wenn der Schenkwirt nicht ein Rohr
ausgehöhlt, ihm das eine Ende in den Mund gesteckt
und durch das andere den Wein eingegossen hätte.
Dies alles ertrug er geduldig, um nicht die Bänder
seines Helmes zerschneiden zu lassen.
Indem die Sachen so standen, geschah es, daß ein
Schweinschneider in die Nähe der Schenke kam und
indem er sich näherte, vier- oder fünfmal auf seiner
Pfeife blies. Dies bestätigte Don Quijote völlig
darin, daß er sich in einem berühmten Kastell befinde,
daß man ihn mit Musik bediene, der Stockfisch
Forelle sei, das Brot feine Semmel, die Huren
Damen und der Schenkwirt Kastellan des Kastells;
und somit hielt er den Anfang seines Auszuges für
glücklich genug. Was ihn nur quälte, war, daß er
noch nicht zum Ritter geschlagen und er sich mithin
nicht gesetzmäßig in ein Abenteuer einlassen dürfe,
ohne den Orden der Ritterschaft empfangen zu haben.
~Drittes Kapitel~
Wird erzählt die zierliche Weise, mit der Don Quixote
zum Ritter geschlagen wurde
Von diesen Gedanken beunruhigt, ließ er seine
magere und schlechte Abendmahlzeit nicht lange
währen; als er sie geendigt, rief er den Wirt, mit
dem er sich im Stalle verschloß, sich vor ihm auf die
Knie niederließ und sprach: »Niemalen werde ich
mich von hier aufheben, tapferer Ritter, bis Eure
Gütigkeit mir eine Gabe bewilligt hat, um die ich
flehe und die Euch zum Ruhme und der ganzen
Menschheit zum Nutzen gereichen wird.« Als der
Wirt seinen Gast zu seinen Füßen sah und dergleichen
Reden vernahm, betrachtete er ihn mit Verwunderung,
ohne zu wissen, was er tun oder sagen solle.
Er bat ihn, daß er aufstehen möchte, welches jener
aber versagte, bis der Wirt ihm die Gabe bewilligte,
um die er flehte. »Ich erwartete von Eurer Großmütigkeit
nichts anderes, mein gnädiger Herr,« antwortete
Don Quijote, »ich verkünde Euch also, daß
die Gabe, um die ich gefleht habe, und die mir Euer
liebreicher Sinn bewilligt, darin besteht, daß Ihr
mich früh, vor Tage, zum Ritter schlagen mögt, und
daß ich in dieser Nacht in der Kapelle Eures Kastells
die Waffen bewachen dürfe; mit der Frühe wird
dann mein höchster Wunsch erfüllt, damit ich, wie
es sich gebührt, in alle vier Teile der Welt ziehen
könne, Abenteuer aufzusuchen zum Nutzen der Hilfsbedürftigen,
wie es das Amt der Ritterschaft und
der irrenden Ritter ist, zu denen ich mich bekenne,
und dessen Sinn zu solchen Taten gerichtet ist.«
Der Wirt, der wie schon gesagt, ein Schelm
war, und wohl einigen Verdacht über die Verstandesabwesenheit
seines Gastes haben mochte, war
jetzt völlig davon überzeugt, da er diese Reden
hörte. Um sich für die Nacht eine Lust zu machen,
nahm er sich vor, seiner Laune zu folgen. Er sagte
also, daß er sehr gut das verstehe, was er wünsche
und flehe und daß dergleichen Begehren sehr natürlich
und schicklich für einen so trefflichen Ritter sei,
als er schiene und sein heldenmütiger Anstand verkünde;
er selbst habe sich in seinen Jugendjahren
einigen ehrenvollen Übungen ergeben, sei gleichfalls
verschiedene Teile der Welt durchzogen, seine
Abenteuer aufzusuchen, sei in den Herbergen von
Malaga bewandert, in den Inseln von Riaran, in
der Gegend von Sevilla, auf dem kleinen Markte
von Segovia, in dem Olivengarten von Valenzia,
imgleichen auf dem Platze von Grenada, am Ufer
von San Lucar, unter den Rittern von Cordova,
den Schenken von Toledo und andern verschiedenen
Gegenden, wo er die Gewandtheit seiner Füße und
die Geschicklichkeit seiner Hände sehen lassen, dort
sei ihm vieler Unglimpf geglückt, dort habe er
manche Witwen gewonnen, einige Jungfrauen berückt
und wenige Unmündige betrogen; kurz, er
habe sich tausend Menschen und vielen vornehmen
Gerichtshöfen durch ganz Spanien bekanntgemacht;
letztlich aber habe er sich entschlossen, sich in dieses
sein Kastell zurückzuziehen, wo er mit seinem Vermögen
und fremden Haushalte alle irrenden Ritter
aufnehme, von was Art und Stand sie auch sein
möchten, aus großer Liebe zu ihnen, und darum
auch seine Habe mit ihnen teile, um ihre guten
Absichten zu belohnen. Er fuhr fort, daß er in
seinem Kastell keine Kapelle habe, wo man die
Waffen bewachen könne, weil er sie niedergerissen,
um eine neue aufzuführen, daß er aber wisse, daß
man die Wache im Falle der Not an jedwedem
Orte halten dürfe, und daß er also in dieser Nacht
das Wachen in einem Hofe des Schlosses verrichten
könne; mit der Frühe wolle er unter Gottes Beistand
die nötigen Zeremonien so vornehmen, daß
er ihm auf eine Weise den Ritterschlag geben
wolle, wie ihn noch kein Ritter in der ganzen
Welt erhalten. Er fragte ihn ferner, ob er Geld
mit sich führe? -- Don Quijote antwortete, daß er
keinen Heller führe, weil er in den Geschichtbüchern
von fahrenden Rittern niemals gelesen,
daß irgendeiner Geld mit sich geführt habe. Hierauf
sagte der Schenkwirt, daß er sich irre, daß, wenn
es in den Geschichtbüchern nicht stehe, es den
Autoren geschienen, daß es nicht nötig sei, von der
Führung so unentbehrlicher Dinge zu schreiben, als
Geld und reine Hemden wären, daß sie aber darum
niemals gezweifelt, ob die Ritter dergleichen bei
sich gehabt; es sei auch zuverlässig und ausgemacht,
daß alle irrenden Ritter, von denen so viele Bücher
angefüllt sind, auf den Fall der Not immer eine
gute Börse bei sich hatten, ingleichen Hemden, wie
auch eine kleine Büchse mit Salben, um die Wunden
zu heilen, die sie empfangen möchten, denn in
den Feldern und Wüsten, wo sie kämpften und die
Wunden empfingen, war nicht immer jemand, der
sie heilte, wenn sie nicht irgendeinen weisen Zauberer
zum Freunde hatten, der sogleich zu Hilfe eilte
und durch die Luft in einer Wolke eine Jungfrau
oder einen Zwerg mit einem so köstlichen Balsam
schickte, daß man nur einen Tropfen davon zu
kosten brauchte, um von allen Schmerzen und Wunden
so völlig zu genesen, als wenn man gar keine
Unpäßlichkeit empfunden. Diejenigen aber, die dergleichen
Freunde nicht hatten, bei diesen wandernden
Rittern ist es als eine gewisse Sache anzunehmen,
daß ihre Edelknaben mit Geld und andern Notwendigkeiten
versehen gewesen, wozu besonders
Scharpie und Salben zum Verbinden gehören: wenn
es aber geschah, daß diese Ritter ohne Edelknaben
waren, welches aber in der Tat nur sehr selten
der Fall war, so hatten sie selber alles in sehr
subtilen Schnappsäcken, die sie hinten auf dem
Pferde hatten, daß es aussah, als wär' es ein
ander Ding von Wichtigkeit, denn aus obigen
Gründen war es unter den irrenden Rittern nicht
sonderlich üblich, selber Schnappsäcke zu führen.
Der Wirt riet ihm noch einmal, da er ihn schon
wie seinen angenommenen Sohn ansähe, welcher er
auch binnen kurzem würde, daß er nicht reisen
solle, ohne Geld und die vorerwähnten Notwendigkeiten
bei sich zu haben, er würde sehen, von welchem
Nutzen sie seien, wenn er es am wenigsten
gedächte.
Don Quijote versprach seinen Rat auf das
pünktlichste zu befolgen, und sogleich wurde ausgemacht,
daß er die Waffen in einem Hofe bewachen
solle, der zur Seite der Schenke lag. Don
Quijote nahm sie alle und legte sie auf einen Trog,
der neben einem Brunnen stand, dann nahm er
seinen Schild, faßte die Lanze und fing vor dem
Troge an, mit edlem Anstande auf und ab zu gehen;
indem er diesen Spaziergang anfing, fing die Nacht
an völlig hereinzubrechen.
Der Schenkwirt erzählte allen, die in der Schenke
waren, von der Torheit seines Gastes, wie er die
Waffen bewache und Hoffnung hege, zum Ritter
geschlagen zu werden. Alle verwunderten sich über
diese seltsame Art von Narrheit und betrachteten
ihn von weitem, wie er mit friedlichen Gebärden
einmal vorüberging, zurückschritt, sich auf die Lanze
stützte und seine Augen auf die Waffen heftete,
ohne sich weit von ihnen zu entfernen. Es war
völlig Nacht, aber so heller Mondschein, daß alles,
was der neue Ritter vornahm, ganz deutlich von
allen gesehen wurde.
Es fiel einem von den Maultiertreibern, die in
der Schenke waren, ein, seinen Tieren Wasser zu
geben. Er mußte dazu notwendig Don Quijotes
Waffen wegnehmen, die auf dem Troge standen,
aber als dieser ihn nahekommen sah, rief er mit
lauter Stimme: »O du, wer du auch seist, übermütiger
Ritter, der du dich nahst, die Waffen des
allertapfersten Irrenden anzurühren, den je ein
Schwert umgürtete, siehe wohl zu, was du tust,
berühre sie nicht, wenn du nicht dein Leben als
Strafe deines Übermutes verlieren willst.« -- Der
Eseltreiber kümmerte sich um diese Reden nicht,
aber für sein Wohlbefinden wäre es besser gewesen,
wenn er sich darum gekümmert hätte, sondern
nahm die Waffen herunter und warf sie eine
große Strecke weit von sich. Als Don Quijote dieses
erblickte, schlug er die Augen zum Himmel und
richtete darauf seine Gedanken wie es schien zu
seiner Gebieterin Dulzinea und sprach: »Helft mir,
Gebieterin, in dieser ersten Befährdung, die sich
dem Euch unterworfenen Herzen darbeut; entzieht
mir nicht in diesem ersten Wagestück Eure Gunst
und Hilfe.« Indem er dies und andere dergleichen
Dinge sprach, warf er den Schild weg, faßte mit
beiden Händen die Lanze und gab dem Eseltreiber
einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, mit welchem
er ihn so behende auf den Boden hinlegte,
daß, wenn noch ein zweiter Schlag gefolgt wäre,
jener keines Wundarztes zu seiner Heilung bedurft
hätte. Nachdem dies getan war, sammelte er die
Waffen wieder auf und fing wieder an, mit derselben
Gemütsruhe wie erst, auf und ab zu gehen.
Kurz nachher, ohne zu wissen, was sich zugetragen
(denn der erste Eseltreiber lag noch ohne Bewußtsein
auf dem Boden), kam ein anderer, in der nämlichen
Absicht, seinen Maultieren Wasser zu geben, er
machte Anstalt, die Waffen herabzuwerfen, um den
Trog freizumachen. Don Quijote, ohne ein Wort
zu sprechen und irgend jemand um seine Gunst zu
flehen, warf zum zweiten Male den Schild weg, ergriff
zum zweiten Male die Lanze und ohne weitere
Umstände schlug er dem zweiten Eseltreiber
mehr als dreimal auf den Kopf und eröffnete ihn
an vier unterschiedlichen Stellen. Auf das Geschrei
liefen alle aus der Schenke zusammen und unter
diesen war auch der Schenkwirt. Als Don Quijote
sie sah, faßte er seinen Schild, legte die Hand an
seinen Degen und sprach: »O Herrin der Schönheit!
Kraft und Stärke meines schwachen Herzens! Zu
dieser Frist wende die Augen deiner Größe auf
deinen gefangenen Ritter, dem ein furchtbares
Abenteuer bevorsteht!« -- Hiedurch wurde, nach
seinem Urteil, sein Gemüt so erfüllt, daß er nicht
einen Fußbreit gewichen wäre, wenn ihn auch alle
Eseltreiber in der Welt angegriffen hätten.
Als die Gefährten der Verwundeten dergleichen
sahen, fingen sie an, nach Don Quijote aus der
Ferne mit Steinen zu werfen, wogegen er sich, soviel
es ihm möglich war, mit seinem Schilde verwahrte,
es aber dabei nicht wagte, den Trog zu
verlassen, um seine Waffen nicht unbeschirmt zu
lassen. Der Schenkwirt rief, um sie abzuhalten,
dazwischen, er habe es ihnen vorher gesagt, daß er
närrisch sei, und daß ihn seine Narrheit freisprechen
würde, wenn er sie auch alle umbrächte. Don Quijote
aber schrie noch lauter und nannte sie alle
Verräter und Nichtswürdige, der Herr des Kastells
aber sei ein feiger und schlechtgearteter Ritter,
weil er es dulde, daß man also gegen irrende Ritter
verführe; sobald er den Orden der Ritterschaft
empfangen, wolle er auch über seine Verräterei
mit ihm Rücksprache nehmen. -- »Was aber euch
übrigen betrifft,« fuhr er fort, »so seid ihr gemeines
Gesindel, auf welches ich gar nicht weiter
achte; werft, nähert euch, kommt heran und beleidigt
mich, soviel ihr könnt, ihr sollt den Lohn
empfangen, der eurem Unsinn und Aberwitz gebührt.«
Diese Worte sprach er mit so vieler Kühnheit,
daß alle, die ihn angriffen, von Furcht befallen
wurden. Hiedurch und durch die Überredungen
des Schenkwirtes bewogen, hörten sie auf
zu werfen, er aber erlaubte den Verwundeten, sich
wegzubegeben und kehrte dann zur Bewachung
seiner Waffen mit eben der Ruhe und Friedlichkeit
zurück, mit welcher er sie begonnen hatte.
Dem Schenkwirt mißfielen die Possen seines
Gastes, er beschloß also, sie abzukürzen und ihm
lieber sogleich den fatalen Ritterorden zu erteilen,
ehe noch mehr Unheil daraus erwüchse. Er ging
also zu ihm und entschuldigte sich über die Beleidigung
einiger pöbelhaften Menschen, die sie ganz
ohne sein Mitwissen verübt, weshalb er sie auch
geziemlich ihres Übermutes halber bestraft habe.
Er wiederholte, was er ihm schon gesagt hatte, daß
er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, daß
aber zu dem, was noch zu tun, wenig vonnöten sei;
alles, was zur Feierlichkeit gehörig, bestehe hauptsächlich
im Nackenschlage mit der Hand und im
Schulterschlage mit dem Degen, soviel ihm von den
Zeremonien des Ordens mitwissend sei, und daß
dies mitten auf dem Felde vollbracht werden könne;
mehr als genug habe er in der Bewachung der
Waffen getan, zu der zwei Stunden hinreichend
wären, auf welche er aber mehr als vier aufgewandt
habe. Don Quijote glaubte dies alles und
antwortete, daß er sogleich bereit sei zu gehorchen
und daß er alles so schnell als möglich beendigen
möchte, denn wenn man ihn wieder angriffe und
er schon zum Ritter geschlagen sei, er keine Person
im ganzen Kastell lebendig zu lassen gedenke, diejenigen
ausgenommen, die er ihm nennen würde
und die er aus Achtung gegen ihn verschonen wolle.
Dieser kluge und vorsorgliche Kastellan nahm
sogleich ein Buch, in welchem er seinen Häcksel und
die Gerste für die Eseltreiber anschrieb und ging so
und mit einem Jungen, der ein Endchen Licht trug,
und mit den beiden obengenannten Jungfrauen zu
Don Quijote hin. Diesem gebot er, sich auf die
Knie niederzulassen, und indem er in seinem Manuale
las, als wenn er ein andächtiges Gebet hersagte,
erhub er unter dem Lesen die Hand und gab
ihm einen guten Schlag an den Hals, hierauf einen
zierlichen Rückenschlag mit seinem eigenen Schwert,
indem er immer zwischen den Zähnen murmelte,
als wenn er etwas hersagte. Dann befahl er der
einen Dame, ihm das Schwert umzugürten, die es
auch mit vieler Artigkeit und ziemlichem Anstand
tat, ob sie gleich große Mühe hatte, bei diesen Zeremonien
nicht in ihr erstes Lachen wieder zu verfallen;
doch hielten die Tapferkeiten, die sie den
neuen Ritter verüben gesehen, die Lachlust in ihren
Schranken zurück. Indem sie ihm das Schwert umgürtete,
sprach die wackere Dame: »Gott mache Eure
Gnaden zu einem glücklichen Ritter und gebe Euch
glückliche Kämpfe.« Don Quijote fragte nach ihrem
Namen, um zu wissen, wem er für die empfangene
Vergünstigung verbindlich, weil er gesonnen, ihr
einen Teil der Ehre, die ihm die Tapferkeit seines
Armes erwerben würde, abzutreten. Sie antwortete
mit vieler Demut, daß man sie Tolosa nenne, sie
sei die Tochter eines Pfandlehners zu Toledo gebürtig,
jetzt auf den Bleichen von Sanchobienaya
ansässig, und daß sie ihm in allen, worin er befehlen,
dienen, und ihn für ihren Herrn erkennen
wolle. Don Quijote antwortete, daß sie sich aus
Liebe zu ihm künftig Fräulein möge nennen lassen,
und das Lehn vor ihren Namen setzen, mithin sich
also Lehnfräulein zu Tolosa nennen solle. Sie versprach
es ihm, und die andere befestigte ihm die
Sporen, mit der dasselbe Gespräch, wie mit der
Schwertdame begann. Er fragte nach ihrem Namen
und sie sagte, daß man sie die Müllerin nenne, denn
ihr Vater sei ein angesehener Müller zu Antequera.
Don Quijote bat sie gleichfalls, das Don vorzusetzen,
und sich Donna Müllerin zu nennen, indem
er ihr Dienste und Dankbarkeit anbot.
Nachdem schnell und eilig diese unerhörten Zeremonien
beendigt waren, konnte Don Quijote die
Zeit nicht mehr erwarten, sich auf dem Pferde zu
sehen, um auszuziehen und Abenteuer aufzusuchen.
Er lief sogleich zum Rosinante, bestieg ihn und
umarmte seinen Wirt, indem er ihm so wunderliche
Dinge sagte und seine Verbindlichkeit, daß er
von ihm zum Ritter geschlagen, so erhöhte, daß es
sich nicht wiederholen und erzählen läßt. Der
Schenkwirt, um ihn nur bald aus seiner Schenke
zu wissen, antwortete ebenso rhetorisch, aber kürzer
und ließ ihn, ohne seine Zehrung zu verlangen, auf
gut Glück fortziehen.
~Viertes Kapitel~
Was unserm Ritter begegnete, als er
die Schenke verließ
Mit Tagesanbruch verließ Don Quijote die Schenke,
so zufrieden, vergnügt und hocherfreut, sich als
Ritter zu sehen, daß er fast vor Entzücken den
Sattelgurt seines Pferdes zerriß. Er erinnerte sich
aber des Rates seines Wirtes, in Ansehung der notwendigen
Erfordernisse, die er mit sich führen solle,
vorzüglich Geld und Hemden, und beschloß also nach
Hause zurückzugehen, um sich zugleich mit einem
Edelknaben zu versorgen, wozu er einen Bauern,
seinen Nachbar, bestimmte, der arm war und Kinder
hatte, ihm aber zum Dienste eines Edelknaben
der Ritterschaft vorzüglich tauglich schien.
Mit diesen Vorstellungen lenkte er den Rosinante
nach der Gegend seines Dorfes zu, der, als
wenn er diese Absicht verstünde, mit solcher Bereitwilligkeit
zu laufen anfing, daß es schien, als wenn
seine Beine den Boden nicht berührten. Er war
noch nicht weit geritten, als es ihm vorkam, als
wenn rechts aus einem Gebüsche die schwache Stimme
einer Person ertöne, die Klagen führe. Kaum hatte
er sie vernommen, als er sprach: »Ich danke dem
Himmel für die Gnade, die er mir widerfahren
läßt, indem er mir so schnell Gelegenheiten vorführt,
die Pflichten meines Standes zu erfüllen und
die Früchte meines edlen Entschlusses einzusammeln;
ohne Zweifel rühren diese Klagen von einem Genotdrängten
oder einer Notgeängsteten her, die
meiner Liebe und Hilfe benötigt sind.« -- Er lenkte
zugleich den Zügel und ritt mit dem Rosinante
dahin, woher ihm die Stimme zu kommen schien.
Als er im Gebüsche nur wenige Schritte gemacht
hatte, sah er eine Stute an einer Eiche, an einem
anderen Eichbaum aber einen Jungen gebunden,
der von den Schultern bis zu den Hüften nackt war,
ungefähr fünfzehn Jahre alt sein mochte und eben
derjenige war, der Klagen geführt hatte, und das
nicht ohne Grund, denn ein Bauer von starkem
Ansehen gab ihm mit einem ledernen Riemen häufige
Streiche und begleitete jeden Streich mit einer
Warnung und einem Rat, indem er sagte: »Die
Zunge laß stillbleiben, aber die Augen müssen munter
sein.« Der Junge antwortete: »Ich will es
nicht wieder tun, lieber Herr, um Gottes Barmherzigkeit,
ich will es nicht wieder tun, ich verspreche,
künftig auf das Vieh mehr acht zu geben.«
Als Don Quijote sah, was vorging, rief er mit
erhabener Stimme: »Ungezogener Ritter! Schlecht
geziemt es sich, diejenigen zu bekämpfen, die sich
nicht verteidigen können; besteigt schnell Euer Roß
und ergreift Eure Lanze (denn für eine Lanze sah
er das an, was er an der Eiche gelehnt fand, an
der die Stute festgebunden war), damit ich Euch
zeige, daß es Schändlichkeit sei, also zu verfahren.«
-- Der Bauer, der diese ganz geharnischte Gestalt
über sich erblickte, die ihm mit der Lanze vor dem
Gesicht focht, hielt sich schon für tot und antwortete
mit bittender Stimme: »Herr Ritter, der Junge,
den ich da abstrafe, ist mein Knecht, der eine Herde
Schafe hüten soll, die ich hier in der Gegend halte,
aber er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag ein
Stück fehlt, und darum bestrafe ich seine Unachtsamkeit
und Bosheit, denn er sagt, ich tue es aus
Geiz, um ihm den Lohn nicht zu bezahlen, den ich
ihm schuldig bin, aber bei Gott und meiner Seele,
er lügt es.«
»Lügen! in meiner Gegenwart, du gemeiner
Bube!« rief Don Quijote aus, »bei der Sonne, die
uns bescheint, ich renne dich durch und durch mit
dieser Lanze, wenn du ihn nicht ohne Widerspruch
bezahlst, oder bei dem Gotte, der uns schirmt und
schützt, ich vernichte dich augenblicklich; sogleich
binde ihn los!«
Der Bauer hing den Kopf und band ohne ein
Wort zu sagen, seinen Knecht los. Diesen fragte
Don Quijote, wieviel sein Herr ihm schuldig sei,
worauf dieser antwortete: »Neun Monate und
jeden Monat sieben Realen.« Don Quijote rechnete
es zusammen und fand, daß die Summe dreiundsechzig
Realen betrug, er befahl hierauf dem Bauer,
sie sogleich auszuzahlen, falls er nicht umkommen
wolle; der erschrockene Bauer antwortete, so gewiß
er dastehe und geschworen habe, ob er gleich
gar nicht geschworen hatte, es betrage nicht so viel,
denn man müsse die Kosten von drei Paar Schuhen
abrechnen, die er ihm gegeben, ebenso einen Real
für zwei Aderlässe, die er ausgelegt habe, als er
unpaß gewesen. »Dem mag also sein,« antwortete
Don Quijote, »aber was die Schuhe und die Aderlässe
betrifft, so magst du sie für die Streiche abrechnen,
die du ihm unverschuldet gegeben hast; hat
er das Leder deiner von dir bezahlten Schuhe zerrissen,
so hast du dafür dasjenige seines Körpers
zerrissen, hat der Barbier ihm Blut abgezapft, da
er krank war, so hast du es ihm in seiner Gesundheit
abgezapft, dafür ist er dir also nichts schuldig.«
»Das Unglück, Herr Ritter, ist nur, daß ich kein
Geld bei mir habe, will aber Andres nur mit mir
nach Hause kommen, so will ich ihm einen Real
auf dem andern bezahlen.«
»Mit ihm gehen!« rief der Junge, »schönen
Dank! Nein, mein Herr, daran ist nicht zu denken,
denn wenn er mich allein hätte, so würde er mich
schinden wie einen Sankt Bartholomäus.«
»Fürchte nichts,« antwortete Don Quijote, »genug,
daß ich es ihm bei seiner Ehrfurcht gegen mich gebiete,
er soll mir bei dem Orden der Ritterschaft,
den er empfangen, schwören, dich freizulassen und
den Lohn gewiß zu bezahlen.«
»Seht wohl zu, gnädiger Herr, was Ihr sprecht,«
antwortete der Bursche, »denn mein Herr ist kein
Ritter, und er hat auch gar keinen Orden der
Ritterschaft empfangen, denn er ist ja der reiche
Hans Dickbauch, der Nachbar vom Quintanar.«
»Das hindert wenig,« antwortete Don Quijote,
»auch Dickbäuche können Ritter sein, um so mehr,
da jedermann der Sohn seiner Taten ist.«
»Das ist wahr,« sagte Andres, »aber von was
für Taten ist mein Herr ein Sohn, der mir meinen
Lohn, meinen sauer verdienten Schweiß verweigert?«
»Ich verweigere dir ihn nicht, Freund Andres,«
antwortete der Bauer, »und wenn du nur mit mir
kommen willst, so schwöre ich dir bei allen Orden
der Ritterschaft in der Welt, ich will dir bezahlen
wie ich gesagt habe, einen Real auf dem andern,
und obenein lauter blankgeschliffene.«
»Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht,« sagte
Don Quijote, »wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so
bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es
vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre
ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder
aufsuche und züchtige, und daß ich Euch wiederfinden
werde, und wenn Ihr Euch auch besser als
eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber
wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr
Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen,
so erfahrt: Ich bin der tapfere Don Quijote von
la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und
Beschwer und somit Gott befohlen: vergiß nicht,
was du versprochen und geschworen, bei Strafe der
angekündigten Strafe.«
Mit diesen Worten gab er seinem Rosinante die
Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit
den Augen und da er bemerkte, daß er das Gehölz
verlassen und nicht mehr zu ersehen war, wandte
er sich zu seinem Knechte Andres und sagte: »Nun
komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir
schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr
geboten hat.« -- »Ich schwöre Euch,« sagte
Andres, »tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der
wackere Ritter Euch befohlen hat, der tausend
Jahre leben möge, und der ebenso tapfer und verständig
ist, beim Sankt Rochus schwöre ich Euch, bezahlt
Ihr nicht, so such' ich ihn wieder auf, damit
er das tut, was er gesagt hat.« -- »Ich schwöre dir
ebenfalls,« sagte der Bauer, »daß ich für das Gute,
das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern
wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.« Er
nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder
an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab,
daß er ihn halb tot schlug. »Nun, Freund Andres,«
sagte er dabei, »ruft doch nun den Vernichter jeglicher
Ungebühr und seht, wie er diese vernichten
wird, ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug,
denn ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehen,
wie Ihr sagtet.« Endlich band er ihn doch los und
gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen,
um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres
ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern
Don Quijote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles,
was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um
sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er
ging dennoch weinend fort und sein Herr lachte.
Also vernichtete der tapfere Don Quijote die
Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg
ungemein vergnügt, er glaubte seine Ritterschaft
auf die schönste und edelste Weise angetreten zu
haben, und indem er mit großer Selbstzufriedenheit
den Weg nach seinem Dorfe fortsetzte, sagte er mit
halblauter Stimme: »Glücklich kannst du dich vor
allen preisen, die auf der Erde leben, o du vor
allen Schönen schönste Dulzinea von Toboso, da dir
unterworfen und gänzlich zu Gebote ist ein so tapferer
und überaus berühmter Ritter, wie ist und
sein wird Don Quijote von la Mancha, der, wie
die Welt weiß, den Ritterorden erst empfangen und
schon das schwerste Unrecht und Ungebühr gemildert
hat, das jemals die Unvernunft ersann und
die Grausamkeit ausübte! Ich schlug die Geißel
aus der Hand dieses unmenschlichen Feindes, der
ganz ohne Ursache den zarten Knaben zerfleischte.«
Unter diesen Betrachtungen kam er auf eine
Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte und
sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis,
an denen die irrenden Ritter still hielten, um zu
überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; in
Nachahmung ihrer hielt er gedankenvoll still, und
nachdem er genug gesonnen, ließ er dem Rosinante
den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen
eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen
Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stalle zu
begeben. Als Don Quijote ohngefähr zwei Meilen
geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen,
die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo
waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen.
Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen
reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls
beritten und drei Burschen zu Fuß für die
Maulesel. Kaum hatte sie Don Quijote entdeckt,
so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer.
Er bestrebte sich, so viel ihm möglich, alle Denkwürdigkeiten,
die er in seinen Büchern gelesen,
nachzuahmen und endlich traf er auf ein Ding, das
ihm hier schicklich angebracht schien. Er setzte sich
also mit edlem und kühnen Anstande in den Steigbügeln
fest, hielt die Lanze bereit, bedeckte mit dem
Schilde die Brust und lagerte sich dann in der
Mitte des Weges, weil er glaubte, daß dort die
irrenden Ritter vorbeikommen müßten, denn daß
sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als
sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehn und hören
konnten, erhub Don Quijote die Stimme und sprach
mit kecker Gebärde: Alle Welt sei hier angehalten,
wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt
keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la
Mancha ist, die unvergleichbare Dulzinea von
Toboso.
Die Kaufleute hielten still, um diese Worte zu
hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die
sie hersagte und aus dieser Gestalt und den Worten
merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides
angehörte. Sie wollten aber gern erfahren,
warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert
werde und einer von ihnen, der gern spottete
und dabei witzig war, sagte: »Herr Ritter, wir alle
kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht,
zeigt sie uns und ist sie so schön wie Ihr behauptet,
so wollen wir freiwillig und ohne allen
Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns
fordert.«
»Wenn ich sie Euch zeigte«,« antwortete Don
Quijote, »was hättet Ihr dann getan, eine so bekannte
Wahrheit zu gestehn? Es ist vonnöten, daß
Ihr es ohne zu sehn glaubt, gesteht, behauptet,
beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt
der Streit, ungezogenes und stolzes Volk, einen
nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach
den Rittergesetzen ziemt, oder Euch alle zugleich bekämpfen,
wie es Sitte und übler Gebrauch unter
Gesindel von Eurem Gelichter ist, als wofür ich
Euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache
vertraue, die auf meiner Seite ist.«
»Herr Ritter,« antwortete der Kaufmann, »ich
flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen an, welches
wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren
mögt und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie
hörten, bekennen laßt, die so sehr zum Nachteil
aller Kaiserinnen und Königinnen vom platten
Land und Estremadura ausfallen dürfte; aber
Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis
dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so
groß als ein Weizenkorn, denn wenn man dem
Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel,
und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen,
und auch Euch Genüge leisten; ich glaube selbst, daß
wir alle schon für sie sind, und wenn man auch
auf dem Bildnisse sähe, daß das eine Auge schief
sei und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein
triefe, so wollen wir demungeachtet, um
Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen,
was Ihr nur verlangen werdet.«
»Nichts fließt! niederträchtige Bestie,« rief Don
Quijote im Zorne entbrannt, »nichts fließt, sag'
ich dir, was du behauptest, außer Ambra und
Zibeth zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig,
sondern sie ist gerader als eine Spindel von
Guadarrama; aber Ihr sollt die schreckliche Lästerung
bezahlen, die Ihr gegen die große Schönheit
meiner Dame ausgestoßen habt.«
Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen
den, der gesprochen hatte ein und rannte mit
solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, daß, wenn
es sich nicht so glücklich getroffen hätte, daß Rosinante
mitten im Wege gestolpert und gefallen
wäre, es wohl dem übermütigen Kaufmanne übel
ergangen sein möchte. Rosinante stürzte und rollte
seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein.
Dieser gab sich Mühe aufzustehn, aber er vermochte
es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die
Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung.
Indem er sich bestrebte aufzustehen und es
doch nicht konnte, rief er: »Flieht nicht, feiges Gesindel,
elendes Gesindel! Vernehmt, daß ich nicht
durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines
Pferdes hier liege.« Als einer von den Maultierjungen,
der nicht sonderlich aufgeräumt war, den
armen Umgefallnen diese Schmähungen sagen hörte,
konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort
auf die Schultern zu geben. Er ging zu ihm
hin, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere
Stücke und mit dem einen davon fing er an, unserm
Don Quijote so viele Schläge zu geben, daß
er ihn unter der Last und dem Drucke seiner
Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen
ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte,
aber der Junge war einmal erbittert und wollte
das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Forcen
rein auszuspielen; er nahm also auch die übrigen
Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem
elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters
von Schlägen, das auf ihn niederfiel, nicht
das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde,
und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt.
Der Junge wurde müde und die Kaufleute
setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von
dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich
allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben,
aber da es ihm unmöglich fiel, als er gesund
und wacker war, wie konnte er es jetzt, so
zermahlen und zerprügelt, ausrichten? Dabei aber
pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für
ein Unglück, das nur den fahrenden Rittern eigentümlich
sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd
schob. Er konnte sich aber durchaus nicht aufheben,
denn er war am ganzen Körper zerschlagen.
~Fünftes Kapitel~
Fährt fort von dem Unfalle unseres Ritters
zu erzählen
Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so
verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel,
nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern
zu denken. Sein Zorn brachte ihm eine vom
Balduin ins Gedächtnis und vom Marchese von
Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im
Gebirge ließ. Diese Geschichte kennen die Kinder,
die Jugend weiß sie, die Alten rühmen und glauben
sie und sie ist auch außerdem so wahrhaftig, als
die Wunderwerke Mahomets es sind. Dieser Umstand
schien ihm auf seine Lage am meisten passend
zu sein, er wälzte sich daher mit dem Ausdrucke
eines großen Schmerzes auf der Erde herum und
sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete
Ritter im Walde sagt:
Wie kömmt es doch, Gebiet'rin mein,
Daß dich mein Leid nicht schmerzt?
Du magst wohl ohne Kunde sein,
O'r hast die Treu verscherzt.
So fuhr er in der Romanze bis zu den Versen fort:
O du Marchese von Mantua fein,
Mein Ohm, verwandtes Herz!
Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer
aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging,
der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte.
Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah,
ging er zu ihm hin und fragte ihn, wer er sei
und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt
anstelle. Don Quijote glaubte fest, daß dieser
der Marques von Mantua, sein Ohm sei und antwortete
also nichts weiteres, als daß er in der
Romanze fortfuhr, in der er sein Unglück und die
Liebe des Kaisersohns zu seinem Gemahl vortrug,
ganz so, wie es die Romanze besingt. Der Bauer
stand verwundert da als er dergleichen Unsinn
hörte; er machte das Visier los, das von den
Schlägen in Stücken gegangen war und reinigte
ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte
ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und
rief: »Ei Herr Quixada! (dies war also sein Name
als er bei Verstande war und sich aus einem friedliebenden
Edelmanne noch nicht in einen irrenden
Ritter verwandelt hatte), wer hat Euer Gnaden
denn so zugerichtet?« -- Jener aber fuhr immer
fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten.
Da dies der gute Mann sah, machte er ihm,
so gut er es konnte, Brust und Rücken frei, um
nachzusehn, ob er verwundet sei, aber er fand
weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich,
ihn vom Boden aufzuheben und mit vieler Mühe
brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für
die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen
suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen
und band sie auf den Rosinante, den er beim Zügel
faßte, seinen Esel aber an einem Stricke
führte und so den Weg nach seinem Dorfe antrat,
sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don
Quijote sagen hörte. Übler noch befand sich Don
Quijote, der sich zerschlagen und gequetscht kaum
auf dem Lasttiere halten konnte und dann und
wann einige Seufzer zum Himmel schickte, so daß
der Bauer dadurch von neuem bewogen wurde, ihn
zu fragen, was ihm fehle. Es schien, daß der Satan
ihm alle Geschichten ins Gedächtnis brachte, die sich
auf seinen Zustand paßten, denn nun vergaß er den
Balduin und erinnerte sich des Mohren Abindarraez,
den der Kommandant von Antequera,
Rodrigo de Narvaez fing und als Gefangenen nach
seiner Festung führte. Als ihn der Bauer also von
neuem fragte, was ihm sei und wo es ihm weh
tue, antwortete er ihm mit den nämlichen Redensarten,
die der gefangene Abencerraje gegen Rodrigo
de Narvaez führte, geradeso, wie er die Geschichte
in der Diana des Georg de Montemayor
gelesen hatte, wo sie erzählt wird; er gebrauchte
sie so zu seinem Besten, daß der Bauer des Teufels
werden wollte, so ein Gewebe von Albernheiten anhören
zu müssen. Er merkte aber daraus, daß sein
Nachbar närrisch sei und eilte behende nach dem
Dorfe zu, um nur des Verdrusses los zu werden,
den ihm Don Quijote mit seiner weitläufigen Geschichte
erregte. Am Schluß derselben sagte dieser:
»Wissen demnach mein gnädiger Herr Don Rodrigo
de Narvaez, daß diese oft erwähnte schöne Xarifa
zur Stund die süße Dulzinea von Toboso genannt
wird, um derentwillen ich tue, getan und tun will
die berühmtesten Rittertaten, die die Welt je gesehn,
sieht und sehen wird!« Der Bauer antwortete
hierauf: »Sehn doch nur der gnädige Herr, daß ich,
bei meiner armen Seele! nicht Don Rodrigo de
Narvaez bin, auch nicht der Marques von Mantua,
sondern Pedro Alonzo, Euer Nachbar, so seid
Ihr auch nicht Balduin und Abindarraez, sondern
der ehrenfeste Herr Quixada.« -- »Ich weiß, wer
ich bin,« antwortete Don Quijote, »und weiß auch,
daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern
auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch
dazu alle neun Helden, denn alle ihre Taten, die
sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan
haben, vergleichen sich nicht den meinigen.«
Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen
sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer
wartete, bis es finster würde, damit man nicht
den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter
sehn möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte,
zog er in das Dorf hinein und nach Don Quijotes
Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der
Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quijotes
gute Freunde waren, befanden sich dort und
die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme:
»Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat
Pedro Perez (so hieß der Pfarrer), zu meines Herrn
Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen,
nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht
die Waffen! Ich will nicht gesund hier stehn, wenn
ich es nicht weiß, und es ist ebenso wahr, wie geboren
werden um zu sterben, daß ihm seine verfluchten
Ritterbücher, die er immer las, den Verstand
verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß
ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich
sprach, daß er irrender Ritter werden möchte und
ausziehn, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen.
Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen
Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf
in der ganzen la Mancha um seinen Verstand gebracht.«
Die Nichte sagte das nämliche und fügte noch
hinzu: »Wißt, Meister Nicolas (denn so hieß der
Barbier), daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal
in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei
Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf,
den Degen nahm und auf die Mauer losschlug,
wenn er dann ermüdet war, sagte er, er
habe vier Riesen, so groß wie die Türme umgebracht,
der Schweiß, den er von der Anstrengung
vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden,
die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank
er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus
und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß
das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der
weise Esquife, ein großer Zauberer und sein Freund
gebracht habe. Ich gebe mir aber von allem die
Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines
Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher
dazu getan hätten, ehe er das geworden ist,
was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen
Bücher verbrannt, die es wahrhaftig ebensowohl
als die Ketzer verdienen.«
»Das sag' ich auch,« sagte der Pfarrer, »und
wahrlich morgen soll die Sonne nicht untergehn,
ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt
haben, damit sie nicht jemand anders verführen, sie
zu lesen und es ihm dann so ergeht, wie es meinem
guten Freunde ergangen sein muß.«
Alles dieses hörten der Bauer und Don Quijote
mit an und der Bauer begriff daraus völlig die
Krankheit seines Nachbarn, er rief nun mit lauter
Stimme: »Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen
und dem Herrn Marques von Mantua, der
schwer verwundet ankömmt, ebenso dem Herrn
Mohren Abindarraez, den der Kommandant von
Antequera, der tapfre Rodrigo de Narvaez gefangen
führt.«
Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus und
wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren
Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von
seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte,
wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: »Bleibt
alle zurück, denn ich komme durch Schuld meines
Pferdes schwer verwundet an; bringt mich zu Bett
und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda,
daß sie meine Wunden heile und untersuche.«
»Nun da haben wir's ja,« sagte die Haushälterin,
»mein Herz sagt es mir wohl, wo meinem
Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit
Gottes Hilfe, gnädiger Herr, selber schon heilen,
ohne daß die Urganda dazu komme. Verflucht und
noch hundertmal und noch tausendmal verflucht
mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so
zugerichtet haben.«
Sie brachten ihn zugleich zu Bette, um seine
Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden,
sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit
seinem Rosse Rosinante einen schweren Fall getan,
in Bekämpfung von zehn Riesen, den ungeheuersten
und wildesten, die man wohl auf einem
großen Teile der Erde finden könne. »Ha ha!«
sagte der Pfarrer, »müssen die Riesen an den Tanz?
Bei meiner Seele, morgen vor Abend sollt ihr
alle verbrannt sein.«
Sie taten tausend Fragen an Don Quijote,
aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man
möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen,
welches ihm das Nötigste sei. Dies geschah auch und
der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher,
auf welche Art er Don Quijote gefunden
habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die
jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen
habe, welches den Lizentiaten in seinem
Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich
seinen Freund, Meister Nicolas den Barbier abrief,
mit dem er sich nach der Wohnung Don Quijotes
begab.
~Sechstes Kapitel~
Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und
Barbier im Büchersaale unseres scharfsinnigen Edlen
hielten
Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer
sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer
geben ließ, in welchem sich die verurteilten Bücher
befanden. Sie gab ihn sehr gern und alle gingen
hinein, auch die Haushälterin. Im Zimmer standen
mehr als hundert Autoren in Folio, die gut eingebunden
waren und außerdem noch mehrere in
kleinerer Figur. Sowie die Haushälterin sie erblickte,
ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich
mit einer Schale Weihwasser und einer Rute
zurück, indem sie sagte: »Da, nehmt hin, Herr Lizentiat,
besprengt die Stube, damit nicht einer von
den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken,
uns bezaubern möge, weil wir ihnen jetzt zu nahe
tun und sie aus der Welt schaffen wollen.«
Der Lizentiat lachte über die Einfalt der Haushälterin
und befahl dem Barbier, daß er ihm ein
Buch nach dem andern reichen solle, um sie anzusehn,
weil sich vielleicht einige finden möchten, die
die Feuerstrafe nicht verdienten. »Nein,« sagte die
Nichte, »es muß nicht einem einzigen vergeben werden,
denn sie sind alle Verbrecher; es wäre am
besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen,
sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer
dran zu legen, oder man könnte sie auch in den
Hinterhof bringen und da den Scheiterhaufen errichten,
weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich
fiele.«
Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile
hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen,
aber der Pfarrer gab ihnen nicht nach, sondern
er bestand darauf, vorerst die Titel zu lesen.
Das erste, was ihm Meister Nicolas reichte,
waren die vier Bücher des Amadis von Gallia. Der
Pfarrer sagte: »Hierin scheint das Geheimnis zu
liegen, denn so, wie man mir gesagt hat, war
dieses Buch das erste von Ritterschaftssachen, das
in Spanien gedruckt wurde und daß alle übrigen
ihm ihren Ursprung und ihre Entstehung zu danken
haben, darum muß man es auch als den Stifter
einer so verderblichen Sekte ansehen und ohne
Gnade zum Feuer verdammen!«
»Nein, mein Herr,« sagte der Barbier, »denn
man hat mir auch gesagt, daß dies Buch das beste
von allen in dieser Gattung sei und darum könnte
man ihm wohl als dem einzigen seiner Gilde vergeben.«
»Das ist wahr,« sagte der Pfarrer, »und aus
diesem Grunde sei ihm das Leben für jetzt geschenkt.
Wir wollen das andere sehen, das danebensteht.«
»Dieses«, sagte der Barbier, »heißt die Taten
des Esplandian, rechtmäßigen Sohnes des Amadis
von Gallia.«
»Man muß offenbar«, sagte der Pfarrer, »das
Gute des Vaters nicht auf die Rechnung des Sohnes
setzen und darum, Frau Haushälterin, nehmt ihn,
macht das Fenster auf und schmeißt ihn auf den
Hof, er soll die Grundlage des Scheiterhaufens sein.«
Die Haushälterin ergriff ihn mit vielen Freuden
und der wackere Esplandian flog in den Hof hinunter,
wo er das Feuer, das ihm drohte, mit großer
Geduld erwartete.
»Weiter!« sagte der Pfarrer. -- »Der nun
kommt«, sagte der Barbier, »ist Amadis von
Graecia und alle auf dieser Reihe sind, wie ich
glaube, von der Familie des Amadis.«
»So können sie alle in den Hof reisen,« sagte
der Pfarrer, »denn um nur die Königin Pintiquiniestra
verbrennen zu können und den Schäfer
Darinel samt seinen Eklogen, mit den verteufelten
und verruchten Bemerkungen des Verfassers, würd'
ich meinen leiblichen Vater zum Verbrennen hergeben,
wenn er sich in Gestalt eines irrenden Ritters
ertappen ließe.«
»Der Meinung bin ich auch,« sagte der Barbier.
-- »Ich ebenfalls,« rief die Nichte. -- »Wenn es
so ist,« sagte die Haushälterin, »wohl, mit allen in
den Hof hinunter!« -- Da es so viele waren und
ihr die Treppe zu umständlich schien, so warf sie sie
alle aus dem Fenster in den Hof hinab.
»Was ist das da für eine Tonne?« fuhr der
Pfarrer fort. -- »Dieser«, antwortete der Barbier,
»ist Don Olivante de Laura.« -- »Der Verfasser
dieses Buches,« sprach der Pfarrer, »ist derselbe,
der den Blumengarten geschrieben hat, und es läßt
sich wirklich schwer entscheiden, in welchem von
beiden Büchern er wahrhaftiger oder, um mich
richtiger auszudrücken, weniger Lügner ist. Das ist
aber zuverlässig, daß er wegen seiner Tollheit und
Albernheit in den Hof wandern soll.«
»Was nun folgt«, sagte der Barbier, »ist der
Florismarte von Hircania.« -- »Ist der Herr Florismarte
da?« versetzte der Pfarrer; »er muß wahrlich
eiligst in den Hof hinunter, trotz seiner sonderbaren
Geburt und seinen schimärischen Abenteuern,
zu nichts anderem ist auch sein harter und trockener
Stil zu brauchen. In den Hof mit ihm zu den
andern, Frau Haushälterin.«
»Von Herzen, mein lieber Herr!« antwortete sie,
und sehr behende richtete sie den Auftrag aus. --
»Dies ist der Ritter Platir,« sagte der Barbier. --
»Dies ist ein altes Buch,« sagte der Pfarrer, »und
ich weiß keine Ursache, aus der es Verzeihung verdiente,
also bringt es, ohne Gnaden, zu den übrigen.«
-- Es geschah sogleich.
Sie schlugen ein anderes Buch auf und fanden
den Titel: der Ritter des Kreuzes. Wegen des heiligen
Namens, den dieses Buch führte, könnte man
ihm wohl seine Dummheit verzeihen, aber man
sagt im Sprichworte, hinter dem Kreuze steckt der
Teufel und darum wandere er auch zum Feuer.
Der Barbier nahm ein anderes Buch und sagte:
»Hier ist der Spiegel der Ritterschaft.« -- »Ich
kenne ihre Herrlichkeit wohl,« sagte der Pfarrer;
»da findet sich der Herr Reinald von Montalban
mit seinen Freunden und Spießgesellen, größerer
Spitzbuben als Cacus, samt den zwölf Pairs
und dem wahrhaftigen Geschichtschreiber Turpin;
eigentlich verdienen diese nicht mehr als eine ewige
Landesverweisung, denn sie sind zum Teil eine Erfindung
des berühmten Mateo Boyardo, aus dem
auch der tugendliebende Poet Lodovico Ariosto sein
Gewebe anknüpfte: wenn ich diesen antreffe und
er redet nicht seine Landessprache, so werde ich
nicht die mindeste Achtung gegen ihn behalten, redet
er aber seine eigentümliche Mundart, so sei ihm
alle Hochschätzung.« -- »Ich habe ihn italienisch,«
sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« --
»Es wäre auch nicht gut, wenn Ihr ihn verständet,«
antwortete der Pfarrer, »und wir hätten es gern
dem Herrn Kapitän erlassen, ihn ins Spanische zu
übersetzen und ihn zum Kastilianer zu machen; er
hat dabei auch viel von seiner eigentlichen Trefflichkeit
nicht ausgedrückt und eben das wird allen
begegnen, die Poesien in eine andere Sprache übersetzen
wollen, denn bei allem Fleiße und Geschicklichkeit,
die sie anwenden und besitzen, wird der
Dichter nie so wie in seiner ersten Gestalt erscheinen
können. Ich meine, daß man dieses Buch und alle,
die sich noch von Begebenheiten Frankreichs vorfinden
sollten, in einen trockenen Brunnen legen
müßte, bis man besser überlegt, was man mit ihnen
anfangen könne, wobei ich aber den Bernardo del
Carpio und ein anderes Buch, Roncesvalles genannt,
ausnehme, wenn mir diese in die Hände
fallen, so werden sie sogleich der Haushälterin übergeben,
die sie stracks ohne Barmherzigkeit dem
Feuer überliefern soll.«
Alles dieses bestätigte der Barbier, er fand alles
gut und unwidersprechlich, denn er wußte, daß der
Pfarrer ein so guter Christ und ein so großer
Freund der Wahrheit sei, daß er um die ganze
Welt nicht anders sprechen würde. Er machte ein
anderes Buch auf und sah, daß es der Palmerin de
Oliva war, daneben stand ein anderes Buch, das
Palmerin von England hieß; als diese der Lizentiat
erblickte, sagte er: »Dieser eine Oliva muß sogleich
verbrannt und seine Asche in alle Lüfte zerstreut
werden, aber die Palme von England bewahre man
gut und hebe dies als ein einziges Werk auf in
einer ähnlichen Schachtel wie Alexander eine unter
der Beute des Darius fand, die er brauchte, um
die Werke des Poeten Homerus aufzubewahren.
Dieses Buch, Herr Gevatter, ist aus zweierlei Ursachen
merkwürdig, erstlich, weil es an sich gut ist,
zweitens, weil es von einem geistreichen Könige
von Portugal geschrieben sein soll. Alle Abenteuer
im Schlosse Miraguarda sind sehr schön und kunstreich
ausgeführt, alle Reden sind zierlich und klar,
zugleich ist immer mit Schicklichkeit und Verstande
das Eigentümliche jedes Sprechenden beibehalten.
Ich bin der Meinung, mein lieber Meister Nicolas,
wenn Ihr nichts dagegen habt, daß dieses Buch und
der Amadis von Gallia vom Feuer befreit sein,
alle übrigen aber ohne Richtung und Sichtung umkommen
sollen.«
»Nein, Herr Gevatter,« sagte der Barbier, »denn
hier ist gleich der ruhmvolle Don Belianis.«
»Von diesem«, antwortete der Pfarrer, »wäre
dem zweiten, dritten und vierten Teil etwas Rhabarber
vonnöten, um den überflüssigen Zorn abzuführen,
dann müsse man alles wegstreichen, was
sich auf das Kastell des Ruhms bezieht, nebst anderen
noch größeren Narrheiten, dann möchte man
ihm aber wohl eine Appellationsfrist vergönnen
und wie er sich dann besserte, Recht oder Gnade
gegen ihn ausüben; nehmt ihn indessen mit nach
Hause, Gevatter, aber laßt niemand darin lesen.«
-- »Sehr gern,« antwortete der Barbier, und ohne
sich weiter damit abzugeben, die Ritterbücher anzusehen,
befahl er der Haushälterin, alle die großen
zu nehmen und sie in den Hof hinunterzuführen.
Dies wurde keiner gesagt, die taub war oder langsam
begriff, denn sie hatte mehr Freude daran sie
alle zu verbrennen, als wenn man ihr ein großes
und feines Stück Leinen geschenkt hätte; sie nahm
also wohl acht auf einmal und schmiß sie zum Fenster
hinaus. Da sie aber zu viele auf einmal gefaßt,
fiel eins davon dem Barbier auf die Füße
nieder, der es schnell aufhob um den Titel zu sehen,
der so lautete: Historia von dem berühmten Ritter
Tirante dem Weisen.
»Gelobt sei Gott!« rief der Pfarrer mit lauter
Stimme aus, »daß wir diesen Tirante den Weisen
haben! Gebt ihn her, Gevatter, denn ich versichere
Euch, er ist ein Schatz von Vergnügen, eine Fundgrube
von Zeitvertreib. Hierin befindet sich Don
Kyrieeleison von Montalban samt seinem Bruder
Thomas von Montalban und dem Ritter Trockenbrunn,
imgleichen der Zweikampf, den der tapfere
Dreierlei mit einem Hunde hielt, die Artigkeiten
der Jungfrau Lebensfreude, mit den Liebeshändeln
und Intrigen der Witwe Besänftigt, auch eine
Frau Kaiserin, die in ihren Edelknaben Hipolito
verliebt ist. Ich versichere Euch, Gevatter, daß in
Ansehung des Stils dies das beste Buch von der
Welt ist, denn hier essen die Ritter, schlafen und
sterben auf ihren Betten, machen ein Testament vor
ihrem Tode, nebst andern Dingen, von denen alle
übrigen Bücher dieser Art gar nichts erwähnen.
Dabei glaub' ich aber doch, daß der Verfasser, ohne
so viel Fleiß und Arbeit auf alles dies verwandt
zu haben, verdient hätte, Zeit seines Lebens auf
die Galeeren zu kommen. Nehmt es mit nach Hause
und leset es und Ihr werdet finden, daß ich die
Wahrheit gesagt habe.«
»Ich will es tun,« antwortete der Barbier,
»aber was machen wir mit den übrigen kleinen
Büchern?«
»Diese«, sagte der Pfarrer, »werden keine Ritterbücher,
sondern Poesien sein.« Er schlug eins auf,
welches die Diana des Georg de Montemayor war
und sagte, weil er alle übrigen für ähnliche Werke
hielt: »Diese verdienen nicht, wie jene, verbrannt
zu werden, denn sie stiften und werden niemals
solch Unheil stiften als die Ritterbücher gestiftet
haben; diese Bücher sind zu verstehen, ohne daß sie
dem Leser Nachteil bringen.«
»Ach, mein Herr!« sagte die Nichte, »Ihr solltet
doch lieber so gut sein und sie wie die andern verbrennen
lassen, denn wenn wir den Herrn Oheim
von seiner Ritterschaft geheilt haben, so liest er
diese Bücher und verfällt vielleicht darauf, ein
Schäfer zu werden und singend und musizierend
durch Wälder und Wiesen zu ziehen, oder er wird
wohl gar ein Poet, welches doch die unheilbarste
und allerhartnäckigste Krankheit sein soll.«
»Die Jungfer hat sehr recht,« sagte der Pfarrer,
»wir sollten also unserm Freunde lieber auch diesen
Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen. Wir
wollen also mit der Diana des Montemayor den
Anfang machen; ich glaube, sie muß nicht verbrannt
werden, sondern man müßte nur alles das wegschneiden,
was von der weisen Felicia und dem bezauberten
Wasser handelt, ebenso alle die altväterischen
Verse und dem Werke in Gottes Namen die
Prose und Ehre lassen, unter solchen Büchern das
erste zu sein.«
»Was hier folgt«, sagte der Barbier, »ist die
Diana, die man die zweite vom Salamantiner
nennt und ist hier noch ein anderes Buch mit demselben
Titel, vom Gil Polo verfaßt.«
»Die des Salamantiners«, antwortete der Pfarrer,
»mag jene zum Hofe verdammten begleiten und
ihre Zahl vermehren, die aber vom Gil Polo müssen
wir bewahren, als wenn sie vom Apollo wäre. --
Aber weiter, Herr Gevatter, und macht hurtig, denn
es wird schon spät.«
»Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein
anderes aufschlug, »führt den Titel: Zehn Bücher
vom Glück der Liebe, verfaßt von Antonio de Lafraso,
einem sardinischen Poeten.«
»Bei meinem heiligen Amte,« sagte der Pfarrer,
»seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und
Poeten Poeten, ist kein so anmutiges und tolles
Buch als dieses geschrieben, es ist das trefflichste,
ja das einzige unter allen, die in dieser Gattung
jemals an das Licht der Welt getreten sind, und
wer es nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß
er noch nichts vollkommen Schönes gelesen hat.
Gebt es gleich her, Gevatter, dieser Fund ist mir
mehr wert, als wenn mir einer ein Priesterkleid
von dem groben florentinischen Tuche geschenkt
hätte.«
Er legte es mit der größten Freude beiseite und
der Barbier fuhr fort, indem er sagte: »Nun folgt
der Schäfer von Iberia, die Nymphen von Henares
und die Entwirrung der Eifersucht.«
»Bei diesen ist nichts weiter zu beobachten,«
sagte der Pfarrer, »als daß man sie dem weltlichen
Arme der Haushälterin überliefere und zwar ohne
mich zu fragen, warum, weil wir sonst niemals
fertig würden.«
»Der nun folgt ist der Schäfer der Filida.«
»Dieser ist kein Schäfer,« sagte der Pfarrer,
»sondern ein sehr gebildeter Hofmann, bewahrt ihn
wie ein kostbares Kleinod.«
»Dies große Buch hier«, sagte der Barbier,
»heißt Schatz mannigfaltiger Gedichte.«
»Wären es nicht so viele,« sagte der Pfarrer,
»so hätten sie mehr Wert, dieses Buch müßte von
manchen Gemeinheiten gesiebt und gereinigt werden,
die sich unter seinen Schönheiten befinden;
hebt es auf, denn der Autor ist mein Freund, den
ich wegen der von ihm geschriebenen erhabenen und
heroischen Gedichte sehr hochschätze.«
»Dieses«, fuhr der Barbier fort, »sind die Gedichte
des Lopez Maldonado.«
»Auch der Verfasser dieses Buches«, antwortete
der Pfarrer, »ist mein guter Freund und in seinem
Munde entzücken seine Verse, wenn man sie hört,
denn seine Stimme ist so süß, daß sein Gesang ein
Zauberklang zu nennen ist. In seinen Eklogen ist
er etwas weitläuftig, doch war des Guten niemals
zu viel, bewahrt dies Buch mit den auserwählten.
Was steht denn aber daneben?«
»Die Galatea des Miguel de Cervantes,« antwortete
der Barbier.
»Dieser Cervantes ist seit vielen Jahren mein
guter Freund und ich weiß, daß er gewandter im
Leiden als im Reimen ist. In seinem Buche ist
manches gut erfunden, manches wird vorbereitet
und nichts zu Ende geführt; man muß den versprochenen
zweiten Teil erwarten, vielleicht verdient
er sich durch diesen die Gnade für das Ganze,
die man ihm jetzt noch verweigern muß, bis dahin,
Herr Gevatter, hebt das Buch in Eurem Hause auf.«
»Das will ich,« antwortete der Barbier, »und
nun folgen hier drei in eins gebundene: die Araucana
des Don Alonzo di Ercilla, die Austriada des
Juan Rufo, Juraden von Cordova und der Monserrate
des Cristoval de Virues, des Valenzischen
Poeten.«
»Diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind
die besten heroischen Gedichte, die in kastilianischer
Sprache geschrieben sind, sie können sich mit den
berühmtesten der Italiener messen, hebt sie als die
köstlichsten Stücke der Poesie auf, die Spanien
besitzt.«
Der Pfarrer war nun müde, mehr Bücher anzusehen,
er endigte also damit, daß er befahl, alle
übrigen zu verbrennen, aber der Barbier hielt
schon eins aufgeschlagen, welches den Titel führte:
die Tränen der Angelica.
»Ich hätte selbst Tränen vergossen,« sagte der
Pfarrer, als er diesen Namen hörte, »wenn ich dieses
Buch hätte mit verbrennen lassen, denn der
Verfasser war einer der berühmtesten Poeten nicht
allein in Spanien, sondern in der ganzen Welt, der
auch einige Fabeln des Ovidius überaus glücklich
übersetzt hat.«
~Siebentes Kapitel~
Von dem zweiten Auszuge unseres wackeren Ritters Don
Quijote von la Mancha
In diesem Augenblick fing Don Quijote an mit
lauter Stimme zu schreien: »Wohlauf! wohlauf! ihr
tapfern Ritter! Wohlauf, es ist vonnöten, die
Stärke eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die
Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!«
Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und
brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher
ab und so ist es wahrscheinlich, daß die Carolea
und der Löwe von Spanien mit allen Taten des
Kaisers, von Don Luis de Avila verfaßt, ungesehen
und ungehört dem Feuer übergeben sind, die wohl
hätten verschont bleiben können, die auch vielleicht
kein so grausames Schicksal erfahren, wenn sie vom
Pfarrer angetroffen wären.
Als sie zu Don Quijote kamen, war er schon
aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte
und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so
wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte.
Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt
auf sein Bett, als er darauf ein wenig beruhigt
war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte:
»Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande
ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt
werden, so mir nichts dir nichts den Hofrittern den
Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen
Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage
gewonnen haben.« -- »Beruhigt Euch, Herr Gevatter,«
antwortete der Pfarrer, »Gott wird es
fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß
das, was heute verloren ist, morgen wieder gewonnen
wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfart
Sorge, denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet
sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.«
-- »Verwundet nicht,« sagte Don Quijote, »aber
gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der
Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem
Stamme einer alten Eiche zerprügelt und bloß aus
Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger
Nebenbuhle in der Tapferkeit bin, aber ich will
nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir
nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe,
trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen
soll; jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise,
denn dieser bedarf ich am meisten und nachher will
ich schon auf Rache denken.«
Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen
ihn dann dem Schlaf zum zweiten Male, indem
alle seine Torheit bewunderten. In dieser
Nacht verbrannte die Haushälterin alle Bücher, die
sie im Hofe und Hause antraf und so sind wohl
manche umgekommen, die verdient hätten, in ewigen
Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal
und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen
nicht und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort,
daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen
müssen.
Ein Mittel, das der Pfarrer und der Barbier
gegen die Krankheit des Freundes ersonnen, war,
das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen,
damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände,
weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung
aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß
ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt
habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit
ins Werk gesetzt. Nach zwei Tagen erhob sich auch
Don Quijote und sein erster Gang war, nach seinen
Büchern zu sehen und da er das Zimmer nicht da
fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend
von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die
Tür gewesen war und tastete mit den Händen und
blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges
Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume
Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin,
wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die
Haushälterin, die schon auf die Antwort abgerichtet
war, sagte: »Was für ein Zimmer oder was sucht
Ihr denn irgend da, gnädiger Herr? Wir haben im
Hause weder das Zimmer, noch die Bücher mehr,
denn alles hat der leibhafte Teufel mitgenommen.«
»Nicht der Teufel,« sagte die Nichte, »sondern
ein Zauberer, der auf einer Wolke in derselben
Nacht kam, nachdem Euer Gnaden Tags vorher abgereist
waren; er stieg von einer Schlange ab, auf
der er wie ein Ritter saß, ging in das Zimmer,
und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht,
aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum
Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und
als wir zusehn wollten, was er gemacht hatte,
fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur
das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin,
daß im Augenblicke, als der alte Kerl fortfliegen
wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher
Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und
des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man
nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte
sich den weisen Munnaton.«
»Freston wird er gesagt haben,« sprach Don
Quijote.
»Ich weiß nicht,« antwortete die Haushälterin,
»ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name
endigte sich auf ton.« »Dieser,« antwortete Don
Quijote, »ist ein weiser Zauberer und mein großer
Feind, denn er ist mir grämlich, weil er durch seine
Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß
ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit
einem Ritter bestehn werde, den er begünstigt, und
ich soll ihn überwinden, ohne daß er es zu hindern
vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele
Unart, als er nur kann. Aber ich verkünde ihm,
daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen
kann, was der Himmel einmal verhängt hat.«
»Das ist gewißlich wahr,« sagte die Nichte,
»aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen
Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer,
ruhig zu Hause zu bleiben, als in der Welt
herumzuziehn, um das Brot der Betrübnis zu
kosten? Gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher
nach Wolle geht und geschoren nach Hause
kömmt.«
»O Nichte!« rief Don Quijote aus, »welche ungereimten
Dinge sprichst du da! Bevor mich einer
scheren sollte, müßte der eher so Haut und Bart
dran strecken, der sich nur unterfinge, ein einziges
meiner Haare zu berühren.« Sie antworteten ihm
nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet.
Er hielt sich noch ferner vierzehn Tage ganz
friedlich im Hause, ohne den Argwohn zu veranlassen,
daß er in seinen vorigen Tollheiten fortfahren
werde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige
Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem
Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete,
daß das, was der Welt am meisten vonnöten,
irrende Ritter wären, und daß in ihm die irrende
Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach
ihm einmal, ein andermal gab er ihm Recht,
denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr,
konnte er nicht mit ihm fertig werden.
In dieser Zeit handelte Don Quijote mit einem
Bauer, seinem Nachbar, einem für wacker geltenden
Manne (wenn man nämlich den so nennen
kann, der gar kein Geld hat), der aber nicht sonderlichen
Witz im Kopfe hatte. In diesen drang er so
sehr, redete ihm zu und versprach ihm so viel, daß
der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehn
und als sein Edelknabe zu dienen. Unter
andern Dingen sagte ihm Don Quijote, daß es für
ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehn, denn
es könne ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen,
in dem statt der Streu, die er jetzt verließe, eine
Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter
setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen
verließ Sancho Pansa (so hieß der
Bauer) Frau und Kinder und ward der Edelknabe
seines Nachbars. Don Quijote sorgte ferner dafür,
Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete
ein andres, alles aber in eiliger Unordnung
und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen.
Er versah sich auch mit einem Schilde,
den er von einem Freunde borgte, verfestigte, so
gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm und bestimmte
seinem Edelknaben Sancho Tag und Stunde,
wann er sich auf den Weg machen wolle, damit
dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor
allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack
mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu
vergessen, und daß er selbst einen Esel mitnehmen
wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht
die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem
Esel verschnupfte Don Quijote ein wenig, denn er
überlegte sogleich, ob er sich eines irrenden Ritters
entsinnen könne, der seinen Edelknaben eselweise
beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger
kam ihm in die Gedanken: doch bewilligte er demohngeachtet,
ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze,
ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er
Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter,
der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte
sich auch mit Hemden und andern Dingen,
dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben
hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen
sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und
Kindern oder Don Quijote von Haushälterin und
Nichte Abschied genommen aus dem Dorfe aus, wobei
sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten,
daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt
zu werden, wenn man sie auch aufsuchen
sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit
Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher,
indem er sich schon in seinen Gedanken als den
Statthalter der Insel sah, die ihm sein Herr versprochen
hatte.
Don Quijote war bemüht, dieselben Wege
wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten
Reise genommen hatte, und diese gingen über das
Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort, und
mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal
denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die
Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten
ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem
Herrn: »Schaut auch, Herr irrender Ritter wohl zu,
daß Ihr das nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen
der Insel versprochen habt, ich will sie gewiß statthaltern
und wäre sie noch so groß.« Hierauf erwiderte
Don Quijote: »Du mußt verstehn, Freund
Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte
der alten irrenden Ritter war, ihre Edelknaben zu
Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen,
die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß
durch mich ein so edler Gebrauch nicht erlöschen
soll, lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern,
denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie bis
ihre Edelknaben alt waren, schon müde im Dienst
und der bösen Tage und der noch bösern Nächte
überdrüssig, dann gaben sie ihnen die Würde eines
Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von
irgendeiner Mark oder einer Provinz, nachdem sie
groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich
leben bleibe, so kann es wohl geschehn, daß ich
innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andre,
daran hängende in sich begreift, und es mag denn
zutreffen, daß du in dem einen von diesen als
König gekrönt wirst: dieses ist auch nichts Sonderliches,
denn nach dem, was und wie alles den irrenden
Rittern begegnet, das man weder je gesehn
noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht
fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.«
»Auf die Art,« antwortete Sancho Pansa, »wenn
ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer
Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne
Gutierrez, meine Alte, Königin und meine Kinder
Infanten?«
»Wer zweifelt denn daran?« antwortete Don
Quijote.
»Ich zweifle,« sagte Sancho Pansa, »denn wie
es mir vorkömmt, wenn Gott auch Königreiche auf
die Erde herunter regnen ließe, so paßte doch keins
davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein,
Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin,
Gräfin mag eher gehn, und auch das nur
mit Gottes Beistand.«
»Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho,« antwortete
Don Quijote, »der wird dir geben, was dir
am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht
so sehr, daß du dich mit etwas Geringerem als der
Stelle eines Gouverneurs zufrieden stelltest.«
»Das soll nicht geschehn, mein gnädiger Herr,«
antwortete Sancho, »da ich vollends einen so trefflichen
Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß,
was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich
ist.«
~Achtes Kapitel~
Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quijote
in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den
Windmühlen hatte, nebst anderen Glücksfällen, die der
Aufbewahrung würdig