An einem heißen Julisonntage fuhren wir, Dimitrij Petrovič und ich,
aus Langweile, in das nahe gelegene Dorf Klušino, um dort einige
Einkäufe zu machen, und namentlich etwas Eßbares zum Abendbrote
mitzubringen.
Während wir in den verschiedenen Läden Einkäufe machten, wurde es
bereits Abend, ein Abend, dessen ich, so lange ich lebe, nicht vergessen
werde.
Nachdem wir einen seifenähnlichen Käse, eine versteinerte, nach Teer
riechende Wurst gekauft hatten, gingen wir ins Wirtshaus, um nach Bier
zu fragen.
Unterdessen fuhr unser Kutscher zum Schmied, um die Pferde beschlagen zu
lassen; wir sagten ihm, daß wir ihn bei der Kirche erwarten werden.
Wir gingen erst hin und her, sprachen über Verschiedenes, lachten über
die gemachten Einkäufe, während hinter uns, einem Detektiv ähnlich ein
Mann folgte, welcher in der Umgebung unter dem eigentümlichen Namen
»vierzig Märtyrer« bekannt war.
Dieser Mann, mit dem ganz eigentümlichen Rufnamen, war niemand anderer
als Gabriel Severov, oder einfach Gavruša, welcher bei mir einige
Zeit als Diener angestellt war, aber wegen Trunksucht entlassen wurde.
Er diente dann bei Dimitrij Petrovič in gleicher Eigenschaft und
wurde aus gleicher Ursache entlassen.
Gavruša war ein böser Säufer, wie ja sein ganzes Leben zwecklos war,
wie er selbst.
Sein Vater war Geistlicher gewesen, seine Mutter eine Adelige; er
gehörte deshalb zu der privilegierten Klasse, so wie ich, aber wenn man
sein versoffenes, doch dabei ehrwürdiges, stets feuchtes Gesicht mit der
großen roten Nase, seinen ungepflegten rötlich grauen Bart, seinen
abgetragenen, fadenscheinigen, zerrissenen Anzug, das über diesem
herabhängende rote Hemd ansah, da konnte man wahrlich in dieser Gestalt
nichts von jenen Eigentümlichkeiten finden, welche die privilegierte
Klasse von dem übrigen Volke äußerlich trennt.
Er selbst zählte sich zu den Studierten, den Gebildeten, der
Intelligenz, und war stolz darauf, daß er in einem geistlichen Seminar
erzogen wurde, von wo man ihn, seiner Angabe nach, wegen seiner
Leidenschaft zum Tabakrauchen wegjagte, ehe er den Kursus vollendet
hatte; darauf wurde er Sänger im Domchor; lebte hierauf zwei Jahre im
Kloster, aus welchem man ihn nicht wegen Tabakrauchen, wohl aber wegen
seiner »Schwäche« für geistige Flüssigkeiten entfernte.
Er durchkreuzte, auf des Schusters Rappen zwei benachbarte Gouvernements
nach allen Richtungen, richtete unzählige Mengen von Bittschriften an
die Konsistorien und andere geistliche und weltliche Behörden, saß
zweimal auf der Bank der Angeklagten, bis er sich schließlich in unserem
Bezirke ansässig machte, die Stellungen eines Dieners, Jägers, Hegers,
Schreibers, Kirchenwächters einnehmend und heiratete schließlich die
vazirende Witwe nach einem Koch.
Mit den Jahren verfiel er immer tiefer und tiefer in den Schmutz und das
Elend, lebte sich jedoch in dieses Ungemach so ein, daß er mit der Zeit
sogar selbst an seinem privilegierten Stand zu zweifeln begann.
Zu der Zeit, als das, was ich erzähle, vor sich ging, strich er
beschäftigungslos herum; gab sich bei den Bauern, welche ihn persönlich
nicht kannten, bald für einen Tierarzt, bald für einen Jäger aus.
Seine Frau verschwand bald nach der Hochzeit ohne eine Spur zu
hinterlassen.
Nachdem wir das Wirtshaus verlassen hatten, richteten wir unsere
Schritte zur Kirche, wo wir uns auf die Stufen setzten, um den Kutscher
mit dem Wagen abzuwarten.
Vierzig Heilige oder Gavruša blieb einige Schritte seitwärts vor uns
stehen, hielt die eine Hand vor den Mund, um in dieselbe, wenn es ihm
nötig erscheinen sollte, leise husten zu können.
Es wurde dunkel; der Mond begann aufzugehen; in der Luft machte sich der
Geruch nach feuchter Erde bemerkbar.
Auf dem klaren, mit Sternen besäeten Himmel, gerade über uns, bemerkte
man zwei Wolken, eine größere und eine kleinere, die einzigen am ganzen
Horizont, einsam und langsam, eine hinter der anderen, gleich Mutter und
Kind, gegen den Westen segelnd.
»Das war einmal wieder ein schöner Tag,« meinte Dimitrij Petrovič.
»Ein prachtvoller Tag,« stimmte Gavruša bei, nachdem er vorher in die
vorgehaltene Hand gehustet hatte. »Wie kommt es, Dimitrij Petrovič,
daß Sie sich entschlossen haben, selbst hierher zu fahren?« frug er mit
einschmeichelnder Stimme, jedenfalls mit der Absicht ein Gespräch
anzufangen.
Dimitrij Petrovič gab darauf keine Antwort.
Gavruša seufzte tief auf und sprach, leise, ohne uns anzusehen:
»Ich leide aus einem Grunde, von welchem ich doch nur Gott allein
Rechenschaft geben muß. — Ich weiß es selbst, daß ich zu nichts tauge,
daß ich ein verlorener Mann bin, aber seien Sie doch nicht so herzlos,
seien Sie barmherzig, erbarmen Sie sich meiner: ich bin brotlos, ohne
Dach und Fach, ärger daran wie ein Hund … Entschuldigen Sie, Dimitrij
Petrovič.« Silin ließ diese Rede unbeachtet, ja hörte sie vielleicht
gar nicht, denn er saß, nach vorne gebeugt, seinen Kopf zwischen die
beiden Hände drückend, über etwas nachdenkend.
Die Kirche stand an einer Biegung der Straße, auf einer hohen
Uferböschung; durch die freien Stellen in der Einfriedung sahen wir den
Fluß, die Wiesen und weit hinaus einen brennenden Scheiterhaufen, um
welchen sich schwarze Gestalten, Menschen und Pferde, bewegten.
Noch weiter hinaus bemerkte man Lichter, die aus den Hütten eines Dorfes
leuchteten.
Lauter Gesang unterbrach die Stille des Abends.
Über dem Flusse und an einzelnen Stellen der Wiesen fingen sich an
Wolken von Nebel zu erheben, lange, enge Streifen, dicht, weiß wie
Milch; sie schwebten über dem Fluß und hinderten die Sterne sich im
Flusse zu spiegeln.
Der Nebel änderte alle Augenblicke seine Form; es schien, als ob sich
die einen Streifen umarmen, die anderen verbeugen würden, die dritten
hoben ihre langen Hände, mit breiten herabhängenden Ärmeln bekleidet,
zum Himmel, als wenn sie beteten …
Möglicherweise brachten diese wechselnden phantastischen Formen einen
gewissen Eindruck auf Dimitrij Petrovič hervor, als wenn er Geister
oder Erscheinungen vor sich sehen würde, denn sein Gesicht nahm einen
eigentümlich traurigen Ausdruck an, als er, sich an mich wendend, frug:
»Erklären Sie es mir, teuerster Freund, warum, wenn wir etwas
Geheimnisvolles, Phantastisches, Schreckliches sagen wollen, wir nie aus
dem Leben schöpfen, sondern stets auf die Geisterwelt zurückgreifen?«
»Das ist zwar fürchterlich, aber rätselhaft, unbegreiflich.«
»Und begreifen Sie das Leben? — Sagen Sie: begreifen Sie das jetzige
Leben besser, als jenes nach dem Tode?«
Dimitrij Petrovič rückte ganz nahe an mich heran, so nahe, daß ich
seinen Atem auf meinen Wangen fühlte.
In dem Abenddunkel erschien mir sein sonst so bleiches mageres Gesicht
noch bleicher und eingefallener; sein dunkler Bart schwarz wie Ruß.
Seine Augen schauten mich traurig, schwermütig, ängstlich, fieberhaft
glänzend an, es schien, als wenn er mir etwas Fürchterliches,
Schreckliches erzählen wollte.
Er sah mir voll ins Gesicht und fuhr in seiner Rede mit seiner
gewöhnlichen, leisen, wie flehenden Stimme fort:
»Unser jetziges Leben wie jenes nach dem Tode sind beide unbegreiflich,
unfaßbar, schrecklich. Wer die Geister fürchtet, muß auch sich fürchten;
er muß fürchten diese Feuer, diesen Himmel, ja alles, was er sieht, weil
alles das, wenn man darüber ruhig nachdenkt, ebenso unbegreiflich,
phantastisch ist, wie jene es sind, die die Welt vor uns verlassen haben
— Prinz Hamlet hat sich nicht deshalb getötet, weil er vor den Geistern
Furcht empfand, welche ihm im Traume erschienen; dieser sein darauf
bezüglicher Monolog gefällt mir, aber hat mich, aufrichtig gestanden,
ganz kalt gelassen. — Als meinem einzigen, teueren Freunde bekenne ich,
daß nicht selten in trüben Stunden meine Todesstunde vor meinem
geistigen Auge sichtbar wird; meine Phantasie zaubert aus nichts
tausende dunkler unklarer Erscheinungen hervor, ja es werden daraus
marternde Exaltationen, welche an einen Hexensabbath erinnern, ohne daß
alles dieses mir Furcht einjagen könnte. — Doch warum umsonst ins Leere
reden. — Fürchterlich sind die Visionen, noch schrecklicher aber das
Leben. — Ich, mein lieber Freund, begreife das Leben nicht und empfinde
Furcht vor ihm. — Ich weiß es nicht, aber es kann möglich sein, daß ich
ein kranker, moralisch verderbter, verlorener Mensch bin. — Dem
normalen Menschen kommt es vor, daß er alles, was er sieht und hört,
begreift, ich habe aber diese Eigenschaft, diese Gabe verloren, und
jeder Tag wird mir durch die Furcht vergiftet. — Die Furcht ist eine
Krankheit — viele fürchten sich vor einem großen Räume und sehen Sie,
ich leide an dieser Krankheit — an der Furcht vor dem Leben. — Wenn
ich manchmal im Grase liege und eine Blattlaus betrachte, welche,
gestern geboren, keinen Begriff von dem, was sie umgibt zu haben
scheint, dann stelle ich mir vor, daß das kurze Leben dieses Tierchens
aus einer unendlich langen Kette von Angst, Furcht, Schrecken und
Entsetzen bestehen müsse; und in diesem Tierchen sehe ich mich selbst
…«
»Vor was fürchten Sie sich?« frug ich.
»Ich fürchte mich vor allem. — Ich bin doch von Natur kein Dummkopf und
mich interessieren Fragen: wie das Leben nach dem Tode sein werde oder
wie die Geschicke der Menschheit verlaufen werden, nicht, auch erhebe
ich mich nicht in die Himmelshöhen. — Aber ich fürchte mich vor der
Alltäglichkeit, der niemand entgehen kann. — Ich bin unfähig zu
entscheiden, was gut und was schlecht, was in meinem Tun und Lassen
Recht und was Lüge ist — und dieses beunruhigt mich. — Ich gebe zu,
daß die Erziehung und die Verhältnisse und Umstände des Lebens mich
geradezu in einen eisernen Ring von Lüge und Falschheit eingezwängt
haben, aus welchem ich mich nicht befreien kann; ich gebe zu, daß mein
bisheriges Leben nichts anderes war, als die Sorge darum, wie ich mich
selbst und andere Leute betrügen solle, ohne daß ich es selbst noch die
anderen bemerken sollen; ich habe Furcht vor dem Gedanken, daß ich mich
bis zu meinem Tode von dieser Lüge nicht werde befreien können. — Heute
tue ich etwas und morgen ist es mir unbegreiflich, warum ich es getan.
— Ich trat in Petersburg in den Staatsdienst und erschrak darüber; ich
übernahm mein Gut, um es selbst zu bewirtschaften und erschrak wiederum.
— Ich sehe, fühle es und bin davon überzeugt, daß wir eigentlich wenig
wissen und deshalb täglich Fehler begehen, daß wir ungerecht sind,
verleumden, fremdes Leben untergraben, unsere besten Kräfte auf
Ungereimtheiten, leeres Geschwätz vergeuden, auf Vorfälle, die wir nicht
nötig finden sollen und die uns nur hindern ruhig zu leben und deshalb
fürchte ich mich vor allem, weil ich nicht begreifen kann, warum?
weshalb? weswegen? und wem? alles dieses nötig ist. — Ich, lieber
Freund, begreife die Leute nicht, ich fürchte mich vor ihnen. — Ohne
Furcht kann ich den Bauer nicht ansehen, weil ich nicht begreife, aus
welcher Ursache und zu welchem Zwecke er lebt und leidet. — — Wenn das
Leben Genuß bedeutet, so sind ja diese Leute überflüssig, unnötig; wenn
das Ziel und der Zweck des Lebens in der Not und dem Elend, sowie in der
undurchdringlichen, hoffnungslosen Unwissenheit und Dummheit liegt, so
ist es mir unbegreiflich, warum der Mensch derartigen Martern
unterworfen wird. — — Begreifen Sie vielleicht irgend ein uns
nahestehendes Individuum? — — Denken Sie ein wenig darüber nach.«
Gavruša bemerkte, daß wir ihn beobachteten, hustete wiederum
ehrerbietig in die Hand und sagte:
»Guten Herrschaften war ich stets ein treuer Diener, — doch der
Branntwein! Wenn Sie sich meiner erbarmen und mich wieder in Dienst
nehmen würden, möchte ich eine Kerze meinem Heiligen anzünden — auf
Ehrenwort.«
Der Nachtwächter ging an uns vorüber und sah uns mißtrauisch an. Er fing
an am Strick zu ziehen; langsam und dröhnend ertönten zehn
Glockenschläge, welche die uns umgebende Stille unangenehm störten.
»Schon zehn Uhr,« meinte Dimitrij Petrovič. »Es ist Zeit, daß wir
nach Hause fahren. Ja, mein teuerer Freund,« seufzte er, »ich fürchte
mich vor meinen eigenen Gedanken, die doch nichts Fürchterliches für den
Menschen haben sollten. — Um nicht denken zu müssen, arbeitete ich;
durch vieles und anhaltendes Arbeiten sorge ich dafür, daß ich müde
werde und traumlos schlafe. — Kinder, Frau — sind anderen Leuten etwas
selbstverständliches, gewöhnliches, mir aber sind sie eine schwere
Last.«
Er drückte sein Gesicht in die Hände, ächzte laut auf, um dann mit einem
eigentümlich klingenden Lachen seine Rede fortzusetzen.
»Ich kann Ihnen nicht sagen, wie dumm ich mich in meinem Leben benahm.
— Alle sagen: was für eine schöne Frau und liebe Kinder Sie haben, was
sind Sie für ein glücklicher, beneidenswerter Mensch und prächtiger
Familienvater! — Alle sind der Ansicht, daß ich sehr glücklich bin, und
— beneiden mich. — Ich aber sage Ihnen offen: mein glückliches
Familienleben ist ein trübes Mißverständnis — ich habe Furcht vor
demselben.«
Sein bleiches Gesicht wurde von dem nervösen Lachen unschön. Er legte
seinen Arm um mich und sprach halblaut weiter:
»Sie sind mein einziger, wahrer, treuester, aufrichtigster Freund, Ihnen
vertraue ich und schätze Sie hoch. — Der Himmel schickt uns derartige
Freunde, damit wir uns aussprechen und befreien können von Geheimnissen,
welche uns schwer bedrücken und uns zur Last werden. — Von dieser
Freundschaft erlauben Sie mir Gebrauch zu machen und gestatten Sie mir
Ihnen die volle Wahrheit zu sagen: — Mein Familienleben, allen so
beneidenswert, ist mein größtes Unglück, und ich fürchte mich vor
demselben. Meine Heirat erfolgte unter Verhältnissen, in denen ich nicht
gerade die vorteilhafteste Figur spielte. Ich muß Ihnen gestehen, daß
ich Maša bis zum Hochzeitstage wahnsinnig liebte und zwei volle Jahre
um sie freite. — Fünfmal habe ich ihr den Heiratsantrag gemacht,
fünfmal bekam ich einen Korb, denn ich war ihr ganz gleichgültig, sie
fühlte keine Neigung zu mir. — Als ich zum sechstenmale, sinnlos vor
Liebe, mich zu ihren Füßen warf, als ich sie um Erhörung bat, da gab sie
schließlich ihre Einwilligung, ihre Zustimmung, ihr Ja-Wort … Sie
sagte: »Ich liebe Sie nicht, aber ich werde Ihnen eine treue Frau
bleiben …« Diesen Vertrag nahm ich mit Freuden, mit Entzücken an …
Ich begriff damals nicht, was dies bedeuten sollte, aber auch jetzt noch
— ich schwöre bei Gott! — begreife ich es nicht … »ich liebe Sie
nicht, aber ich werde Ihnen eine treue Frau bleiben …« was bedeutet
das? … Es ist das etwas Nebelhaftes, Dunkles, Rätselhaftes … Ich
liebe heute meine Frau noch so stark, noch so herzlich, innig, wie vor
der Hochzeit, und sie, … sie scheint mir immer noch so gleichgültig
gegen mich zu sein, wie sie es früher war, ja, es kommt mir vor, als
wenn sie froh ist, wenn ich nicht zu Hause bin und abreise … Ich weiß
nicht, liebt sie mich oder nicht, darüber bin ich mir nicht im Klaren
… das kenne ich nicht … aber wir leben unter einem Dache, schlafen
in einem und demselben Zimmer, haben Kinder, besitzen gemeinschaftliches
Eigentum … Was bedeutet das? … Zu was ist das? … Begreifen Sie in
dieser Sache etwas? … Alles das ist für mich eine schreckliche Folter
… Und deswegen, weil ich in unseren Verhältnissen nichts begreife,
hasse ich bald sie, bald mich, bald uns beide; in meinem Kopfe hat sich
alles verwirrt, ich martere mich, werde jeden Tag stumpfer — während
sie zu meinem größten Ärger und Qual jeden Tag schöner,
bewunderungswerter wird … Mir dünkt, ihr Haar ist prachtvoll, ihr
Lächeln ein so wunderbares, wie man es bei keinem zweiten Weibe sehen
kann … Ich liebe sie, trotzdem ich überzeugt bin, daß ich hoffnungslos
liebe … Eine hoffnungslose Liebe eines Mannes zu seiner Frau, aus
deren Ehe bereits zwei Kinder entsprossen sind? … Ist es begreiflich?
… Ist es nicht, um einem Furcht einzujagen? … Ist es nicht
schrecklicher als Geister zu sehen? …«
Dimitrij Petrovič beherrschte eine derartige Stimmung, daß er noch
weiter gesprochen hätte, wenn nicht der Wagen — glücklicherweise —
vorgefahren wäre und sich die Stimme des Kutschers hörbar gemacht hätte.
Wir stiegen in den Wagen, wobei uns Gavruša mit abgenommener Mütze in
der Hand behilflich war, mit einer Miene und Gesichtsausdruck, als wenn
er schon lange auf die Gelegenheit und den Zufall gewartet hätte, unsere
kostbaren Kleider berühren zu dürfen.
»Dimitrij Petrovič, erlauben Sie mir zu Ihnen kommen zu dürfen,«
sprach er, stark mit den Augen zwinkernd und den Kopf auf die eine Seite
neigend, »seien Sie barmherzig! … ich sterbe Hungers!«
»Schon gut,« gab Silin zur Antwort, »kannst kommen und drei Tage im Hofe
leben, dann wollen wir weiter sehen.«
»Zu Befehl!« antwortete Gavruša mit freudestrahlendem Gesichte. »Ich
komme noch heute.«
Das Dorf war vom Gute nur sechs Werst entfernt.
Dimitrij Petrovič, zufrieden, daß er sich gegen einen Freund
aussprechen konnte, hielt mich den ganzen Weg mit seinem Arm umschlossen
und plauderte während der Fahrt, ohne irgend einen Anschein von
Aufregung, Furcht oder Angst, lustig weiter, bemerkend, daß, wenn seine
Familienverhältnisse eine günstige Wendung nehmen sollten, er sofort
nach Petersburg übersiedeln und sich ausschließlich den Wissenschaften
widmen würde.
»Die Strömung,« sprach er, »welche so viele hochbegabte junge Männer
nach dem Dorfe trieb, war eine unglückselige, bedauernswerte. Korn und
Weizen gibt es bei uns in Rußland genug, mehr als zu viel, nicht aber
unterrichtete, gebildete Leute. — Es ist nötig, daß die begabte,
gesunde und kräftige Jugend sich den Wissenschaften, der Kunst und der
Politik widmet, anders vorzugehen bedeutet unberechenbaren Verlust und
Schaden für das Reich.«
Und so philosophierte er mit vielem Behagen weiter und drückte sein
Bedauern darüber aus, daß er morgen früh zur Holzauktion fahren müsse,
und wir uns so früh trennen müßten.
Ich fühlte mich dagegen recht unbehaglich, da es mir schien, ich betrüge
einen arglosen Menschen.
Gleichzeitig fühlte ich eine freudige Behaglichkeit, ein ganz
eigentümliches angenehmes Gefühl.
Ich betrachtete den wie eine große rotglühende Scheibe aufgehenden Mond;
in meiner Vorstellung sah ich eine hohe, schlanke und doch volle
Blondine, bleichwangig, stets einfach und doch geschmackvoll gekleidet,
einen eigentümlichen angenehmen Duft, weit entfernt an Rosen erinnernd,
um sich verbreitend, wobei mir ganz besonders angenehm war zu wissen,
daß sie ihren Mann nicht liebe.
Zu Hause angekommen, setzten wir uns zum Abendbrot.
Maria Sergievna beköstigte uns mit den von uns selbst gemachten
Einkäufen, wobei ich die Bemerkung machte, daß sie tatsächlich ein
prachtvolles Haar besitzt und ganz eigenartig lächelt, nicht so, wie
andere Frauen.
Mit meinen Augen verfolgte ich ihr Tun und Lassen und mir schien es aus
allen ihren Bewegungen, ihren Blicken, daß sie ihren Mann nicht liebt
und daß er ihr mehr als gleichgültig ist.
Dimitrij Petrovič fing bald an mit der Schläfrigkeit zu kämpfen.
Nach dem Abendbrote saß er etwa zehn Minuten in unserer Gesellschaft,
erhob sich dann und sprach:
»Wie Sie wollen, meine Herrschaften, ich kann nicht weiter hier bleiben;
ich muß morgen schon um drei Uhr früh aufstehen und deshalb erlauben Sie
mir Ihnen gute Nacht zu wünschen.«
Er küßte zärtlich seine Frau, drückte mir kräftig die Hand und nahm mir
das Versprechen ab, ihn längstens in einer Woche wieder zu besuchen.
Damit er nicht verschlafe und auch nicht andere störe, ging er in das
Nebenhaus schlafen.
Maria Sergievna pflegte nach Petersburger Art spät schlafen zu gehen,
ich aber war darüber, ich weiß nicht warum, außerordentlich glücklich.
»Und so,« fing ich an, nachdem wir zu zweien geblieben, »und so werden
Sie die Güte haben, mir etwas vorzuspielen.«
Ich sehnte mich nach keiner Musik, aber ich war in Verlegenheit, wie ich
ein Gespräch einleiten soll.
Sie setzte sich an den Flügel und spielte, was? — daran erinnere ich
mich nicht mehr.
Ich saß neben ihr; ich betrachtete ihre weißen, zarten, langen Finger,
ich bemühte mich in ihrem kalten, unbeweglichen, gleichgültigen Gesichte
etwas zu lesen.
Plötzlich fing sie an zu lächeln und mich anzusehen.
»Sie langweilen sich wohl in meiner Gesellschaft?« frug sie.
Ich lachte laut auf.
»Der Freundschaft wegen würde es genug sein einmal im Monate einen
kurzen Besuch hier abzustatten; aber ich komme sehr oft, fast jede Woche
hieher.«
Dies sagend stand ich auf und ging, aufgeregt, aus der einen Ecke des
Zimmers in die andere.
Sie stand ebenfalls auf und stellte sich vor den Kamin.
»Was wollen Sie damit sagen?« frug sie ihre hellen, klaren, großen Augen
auf mich richtend.
Ich erwiderte nichts.
»Sie sagten eine Unwahrheit,« setzte sie nach minutenlangem Schweigen
fort, »denn Sie kommen doch nur dem Dimitrij Petrovič zu Liebe
hierher. — Schließlich bin ich auch damit zufrieden. — Man findet
selten in unserem Zeitalter eine solche Freundschaft, wie sie zwischen
Ihnen und meinem Manne herrscht.«
»Ah!« dachte ich; — doch wußte ich nicht, was ich darauf antworten
soll; deshalb frug ich:
»Wollen Sie nicht in den Garten mitgehen?«
»Nein!«
Ich ging auf die Terrasse.
In meinem Kopfe hämmerte und schwirrte es; mir wurde kalt und heiß vor
Aufregung.
Ich setzte voraus, daß sich unsere Unterhaltung in den üblichen
gesellschaftlichen nichts sagenden und nichts bedeutenden Phrasen
bewegen wird, aber es hatte den Anschein, daß in dieser Nacht etwas vor
sich gehen dürfte und könnte, worüber zu denken ich gar nicht wagte.
Entweder diese Nacht oder nie!
»Was für eine herrliche Nacht,« sprach ich laut, auf der Terrasse
stehend.
»Mir ganz gleichgültig,« war die Gegenantwort.
Ich kehrte wieder in das Zimmer zurück.
Maria Sergievna stand wie vorher am Kamin, die Hände auf dem Rücken
gekreuzt, nachdenkend, nach der Seite schauend.
»Weshalb ist diese herrliche Nacht für Sie gleichgültig?« frug ich.
»Weil ich mich langweile. — Sie pflegen sich auch stets ohne Ihren
Freund zu langweilen; ich aber langweile mich ohne Unterlaß … ohne
Ende … übrigens, das hat für Sie kein Interesse …«
Ich setzte mich an den Flügel und nahm einige Akkorde, erwartend, was
Maria Sergievna noch weiters sagen wird.
»Meinetwegen tun Sie sich keinen Zwang an,« sprach sie ärgerlich und
aufgebracht, in einem Tone, der dem Weinen näher als dem Lachen lag.
»Sind Sie schläfrig, so gehen Sie schlafen. — Glauben Sie ja nicht,
daß, wenn Sie ein Freund des Dimitrij Petrovič sind, Sie auch die
Verpflichtung haben, mit seiner Frau sich langweilen zu müssen. — Ich
wünsche und verlange keine Opfer. Gehen Sie gefälligst.«
Ich aber ging nicht.
Sie trat hinaus auf die Terrasse; ich blieb im Zimmer zurück, wo ich
mich etwa fünf Minuten lang mit dem Durchblättern von Notenheften
beschäftigte.
Dann ging auch ich hinaus.
Wir standen nebeneinander, im Schatten der Vorhänge an den
Terrassefenstern, während unter uns die breite, in den Garten führende
Treppe vom Mondeslichte übergossen war.
Über die Blumenbeete und den gelben Sand der Gartenwege legten sich die
tiefschwarzen Schatten der Bäume.
»Ich muß morgen früh auch wegfahren,« sagte ich.
»Das ist ja selbstverständlich; denn wenn der Mann nicht zu Hause ist,
dürfen Sie auch nicht hier bleiben,« gab sie spöttisch zur Antwort. »Ich
stelle mir lebhaft vor, wie Sie sich unglücklich fühlen würden, wenn Sie
sich in mich verlieben sollten! — Doch warten Sie, ich werfe mich Ihnen
gelegentlich selber auf den Hals … ich werde dann sehen, mit welchem
Schrecken und Entsetzen Sie weglaufen werden. — Das wird sehr
ergötzlich sein.«
Ihre Stimme klang ärgerlich, ebenso zeigten ihre Mienen einen
großen Verdruß; aber ihre Augen leuchteten voll begehrlicher,
leidenschaftlicher Liebe.
Ich betrachtete dieses wunderbare Wesen bereits als mein Eigentum und
zum erstenmale bemerkte ich, daß sie Augenbrauen von einer solchen
eigenartigen Schönheit besitze, wie ich sie noch nie bei irgend einer
anderen Frau gesehen habe.
Der Gedanke, daß ich dieses wunderschöne Weib an mich ziehen, es
liebkosen, ihr prachtvolles Haar berühren und küssen könne, machte mich
unendlich glücklich, mir schien, als wäre dies alles ein schöner Traum,
ein Phantom, eine Erscheinung der Einbildungskraft, so daß ich die Augen
schloß und lächelte.
»Übrigens, es ist schon spät! … Angenehme Ruh' …« sprach sie.
»Ich will aber keine angenehme Ruh' haben …« sagte ich, lachend hinter
ihr in das Zimmer tretend. — »Ich verfluche diese Nacht, wenn sie ruhig
verlaufen sollte.«
Ihre Hand drückend und sie zur Tür begleitend, sah ich in ihrem
Gesichte, daß sie mich begriff und froh ist, daß ich sie ebenfalls
begriffen habe.
Ich ging in mein Zimmer; auf meinem Tische neben den Büchern und
Zeitungen lag die Mütze des Dimitrij Petrovič, und diese erinnerte
mich an seine Freundschaft.
Ich ergriff meinen Stock und ging in den Garten.
Die Nacht begann sich ihrem Ende zuzuneigen; um die Bäume und Sträuche
herum bewegten sich und wogten dieselben großen und kleinen Phantome und
Erscheinungen, welche ich über dem Flusse schweben sah.
Wie Schade! daß ich mit ihnen nicht reden konnte.
In der ungewöhnlich klaren, durchsichtigen Atmosphäre der Nacht hob sich
deutlich jedes Blatt, jedes Ästchen, jeder Tautropfen ab — alles lachte
mich an wie im Halbschlummer!
An den grün angestrichenen Bänken vorübergehend, erinnerte ich mich an
eine Stelle aus einer Shakespear'schen Komödie: »wie süß schläft hier
auf der Bank des Mondes Licht …«
Im Garten war ein kleiner Hügel aufgeworfen.
Ich bestieg denselben und setzte mich dort auf die Bank.
Mich quälte ein eigenartiges wohliges Gefühl!
Ich war im voraus davon überzeugt, daß ich sie umarmen, ihren duftenden
Leib an mich drücken, ihre goldigen Augenbrauen küssen werde, und
dennoch schien es mir, als wenn dies alles bloß ein Traumgebilde sei,
ein Schatten, eine Einbildung, die mich nur necken will und verfliegt;
dann war es mir wieder leid, daß sie mich zu wenig quält und sich mir so
bald gibt.
Plötzlich ließen sich schwere Schritte vernehmen.
In der Allee zeigte sich eine männliche Gestalt mittlerer Größe, in
welcher ich sofort den Gavruša erkannte.
Er setzte sich auf eine Bank und seufzte hörbar tief auf, dann bekreuzte
er sich dreimal und streckte sich auf derselben aus.
Nach wenigen Augenblicken stand er wieder auf und legte sich auf die
andere Seite; Mücken und die Feuchtigkeit der Nacht hinderten ihn
einzuschlafen.
»Ist das ein Leben,« sprach er. »Unglückliches, bitteres, schweres
Leben!«
Seine abgemagerte, gebeugte Gestalt, seine tiefen Seufzer erinnerten
mich an ein anderes, nicht minder unglückseliges bitteres Leben, an
einen Mann, der mir erst vor wenigen Stunden seinen Kummer beichtete,
und ich wurde traurig über mein Glück.
Ich stieg vom Hügel herunter und ging dem Hause zu.
Das Leben ist nach Ansicht dieses Mannes fürchterlich — dachte ich —
also, warum sich mit demselben quälen, besser ist es mit demselben zu
brechen, ehe es dich selbst erdrosselt; nimm von ihm deshalb alles, was
es dir bietet und was du ihm wegnehmen kannst.
Maria Sergievna stand auf der Terrasse.
Ich eilte auf sie zu, umschlang sie mit meinen Armen, ich küßte ihren
Mund, ihre Augen, Haare, ihren Nacken glühend … heftig …
In meinem Zimmer gestand sie mir, daß sie mich schon lange, sehr lange,
mehr als ein Jahr lang, liebe; sie beschwor mir ihre Liebe, sie weinte,
sie bat sie von ihrem Manne zu befreien und zu mir zu nehmen.
Von Zeit zu Zeit trat ich mit ihr zum Fenster, um ihr Gesicht von
Mondeslicht beschienen betrachten zu können; sie erschien mir wie ein
schöner Traum, und um mich von der Wirklichkeit zu überzeugen, beeilte
ich mich, sie an mich zu drücken, sie zu umarmen, zu küssen …
Aber weit drinnen, tief im Herzen, stellte sich eine gewisse Unruhe,
eine Verzagtheit, eine Unsicherheit ein; ihre Liebe zu mir ist mir denn
doch unbequem geworden, sie drückte mich in gleicher Weise und belastete
mich wie die Freundschaft Dimitrij Petrovičs.
Maria Sergievna liebte mich wahr, tief, ernst, sie beschwor es unter
Lachen und Weinen, aber ich wünschte mir diese Liebe anders … ich
wünschte keine Tränen, keine Schwüre, keine Gespräche über die Zukunft;
ich wünschte, daß diese Liebe ebenso vergehe und verfliege wie diese
Mondnacht, wie ein lichtes Meteor und damit — basta!
Es war drei Uhr früh, als Maria Sergievna mein Zimmer verließ. Als ich,
in der Türöffnung stehend, ihr nachschaute, da erschien auf einmal
Dimitrij Petrovič im Gange.
Als sie ihm begegnete, zuckte sie vor Schrecken und wich ihm aus, um ihm
den Weg frei zu geben; man bemerkte, daß alles dieses mit einer Art
Abscheu geschah.
Er lächelte ganz eigenartig, hustete leise, trat in mein Zimmer und
sprach, ohne mich anzusehen:
»Ich vergaß gestern meine Mütze hier.«
Er fand sie, setzte sie mit beiden Händen auf den Kopf auf, dann
betrachtete er mein Gesicht, in welchem deutlich Verlegenheit zu lesen
war, dann betrachtete er meine Nachtschuhe und sagte mit einer rauhen,
fremdartig klingenden Stimme:
»Mir ist jedenfalls von Geburt aus beschieden worden nichts zu begreifen
… Wenn Sie etwas begreifen, dann … beglückwünsche ich Sie … In
meinen Augen wird es Nacht …«