DIE FURCHT.

Nachdem Dimitrij Petrovič Silin die Universitätsstudien beendet

hatte, diente er in St. Petersburg, verließ nach Vollendung seines

dreißigsten Jahres den Dienst und widmete sich ganz der Landwirtschaft.

Seine Wirtschaft ging zwar nicht schlecht, aber mir schien es, daß er

nicht an der richtigen Stelle sei, so daß er besser tun würde, wenn er

wiederum in den Staatsdienst eintreten möchte.

Wenn er, von der Sonne gebräunt, bestaubt, ermüdet mich am Hauseingange

erwartete und empfing, während des Nachtmahles mit dem Schlafe kämpfte

und seine Frau ihn in das Schlafzimmer gleich einem Kinde bringen mußte;

oder wenn er, seine Schläfrigkeit gewaltsam überwindend, mit seiner

weichen melodischen, einschmeichelnden, fast bittenden Stimme schöne und

geistreiche Gedanken entwickelte: dann sah ich in ihm nicht den

Landwirt, nicht den Gutsbesitzer, sondern einen abgemüdeten, abgehetzten

Menschen und mir war es klar, daß ihm die Landwirtschaft nicht nötig,

sondern nur dazu gut sei, daß der Tag vergehe und dann — Gott sei Dank!

Mir gefiel es, ihn oft zu besuchen und es geschah nicht selten, daß ich

zwei, ja auch mehrere Tage bei ihm zu Gaste blieb.

Ich liebte sein Haus, seinen Park, seinen großen Obstgarten, das kleine

Flüßchen, seine ein wenig hausbackene, beredte und klare Philosophie.

Ob ich ihn selbst liebte, darüber bin ich nie mit mir selbst im Klaren

gewesen.

Übrigens war Dimitrij Petrovič kein dummer Mensch, sondern herzensgut

und gar nicht langweilig, und ich erinnere mich, daß, als er mir eines

Tages seine geheimsten Geheimnisse mitteilte, mich dabei seinen

einzigen, wahren, liebsten und teuersten Freund nannte, mich dieses

recht unangenehm berührte und ich mich dabei höchst unbehaglich fühlte.

In seiner Freundschaft zu mir lag etwas unbequemes, beschwerliches,

drückendes, und ich hätte unter allen Umständen dieser Freundschaft die

üblichen gesellschaftlich-freundschaftlichen Verhältnisse vorgezogen.

Der Grund lag darin, daß mir seine Frau Maria Sergievna außerordentlich

gefiel.

Verliebt in sie war ich nicht, aber mir gefiel ihr Gesicht, ihre Augen,

ihr Haar, Stimme, Gang, mit einem Wort, ich sehnte mich nach ihrer

Gesellschaft, wenn ich sie längere Zeit nicht sah und in dieser sah ich

nur diese schöne, geschmeidige, junge Gestalt vor meinem geistigen Auge,

in meiner Einbildung schweben.

In Bezug auf sie hatte ich keine bestimmten Absichten und machte mir

auch keine Gedanken darüber, aber ich weiß nicht warum, so bald wir zu

zweien uns gegenüber saßen, da erinnerte ich mich allemal dessen, daß

mich der Mann seinen einzigen, wahren und treuesten Freund nannte und

ich fühlte mich höchst unbehaglich.

Wenn sie meine Lieblingsstücke auf dem Flügel vortrug, so hörte ich mit

dem größten Vergnügen zu; wenn sie mit ihrer melodischen Stimme vorlas,

so durchzogen mein Gehirn verschiedene Gedanken, welche darin gipfelten,

daß sie wohl ihren Mann nicht liebt, daß dieser mein größter Feind ist

und sie selbst in mir einen solchen sieht; dann wurde meine Stimmung

dadurch verdorben, ich wurde langweilig, träge, unfreundlich.

Sie pflegte diese Veränderungen zu bemerken und sagte dann gewöhnlich:

»Sie scheinen sich in meiner Gesellschaft recht zu langweilen; ich werde

gleich nach ihrem Freunde schicken und ihn bitten lassen, hierher zu

kommen.«

Und als dann Dimitrij Petrovič ankam, da meinte sie:

»Nun freuen Sie sich, Ihr Freund ist angekommen.«

Novellen · 第 11 / 14 题