Wohin mit ihm? …

Wegjagen? … das wäre zu grausam; ihn in die Wohnung lassen? … wohin

soll das führen? … was soll daraus werden? …

Ich sagte schon früher, daß ich für ihn nichts tun konnte; er wurde mir

bloß lästig … und dabei — zu meiner Schande sei es gesagt — ich

ekelte mich vor ihm … er roch so höchst widerlich nach diesem blutigen

Schweiße!

Ich konnte mich weder zu dem einen noch zu dem anderen entschließen …

und er — mir immer nach, gleich dem eigenen Schatten … immer nach …

ging ich ins andere Zimmer, er hinter mir …

Jedenfalls war ihm von der Vorsehung der Weg vorgeschrieben, und ich

beschloß, um diese Kreise nicht zu stören, ihn mit Tee warm zu machen

und dann in der Küche schlafen zu lassen.

Ehe ich jedoch meinem Diener die nötigen Befehle geben konnte, meldete

mir derselbe, daß Andrej Ivanovič Drukart da gewesen sei und einen

Brief zurückgelassen habe.

_Drukart_ war Beamter für besondere Aufträge, dem Fürsten

_Vasilčikov_ zugeteilt; eine allgemein beliebte und hochgeschätzte,

sehr tätige und beim General-Gouverneur sehr einflußreiche

Persönlichkeit.

Außerhalb seiner Tätigkeit als Beamter, war _Drukart_ ein vorzüglicher

Vorleser und ein großer dramatischer Künstler.

Ich habe nie Jemanden gesehen und gehört, der so meisterhaft Hamlet oder

den Polizeimeister in Gogols Revisor gelesen oder gespielt hätte wie

Drukart, nicht einmal der zu jener Zeit in diesen Rollen so sehr

berühmte Sosnickij konnte sich mit Drukart messen.

Dank seinem Talente führte der nun verstorbene Drukart nicht nur die

Aufträge des Fürsten, sondern nicht selten auch jene der Fürstin aus.

Gerade zu jener Zeit brauchte die Fürstin Geld zu irgend einem

wohltätigen Zwecke und beauftragte deshalb den Drukart eine

Wohltätigkeits-Vorstellung im Stadttheater zu arrangieren.

Auch ich war, wie es alle sagten, kein schlechter Vorleser und

Schauspieler, weshalb ich bei allen derartigen Fällen mit in Rechnung

gezogen wurde.

Drukart schrieb, daß, da ich sowie der zu jener Zeit in Kiev lebende

Rechtsanwalt Jurov ziemlich gleich groß und uns auch sonst äußerlich

ähnlich seien, wir beide in dem zur Aufführung kommenden »Revisor« die

Rollen des Dobčinskij und Bobčinskij übernehmen müßten.

Bei meiner damaligen geistigen und körperlichen Abgespanntheit und

Müdigkeit, sowie sonstiger Nervosität, bedeutete diese Mitteilung

geradezu einen Überfall.

Ich warf mißmutig das Schreiben meines Freundes auf den Tisch und

beschloß anderen Tages so zeitlich wie möglich Drukart aufzusuchen und

ihm klar zu machen, daß ich durchaus nicht entschlossen sei, seinem

Wunsche zu entsprechen.

Während ich nun über diese Angelegenheit nachdachte und Tee trank,

erinnerte ich mich plötzlich an den unglücklichen Juden, und war sehr

erstaunt, ihn nicht zu sehen.

Und er, der Arme, schlief zusammengekauert wie ein Igel auf einem

zwischen der Türe und einem Kasten liegenden Ziegenfelle, welches als

Schlafstelle meinem Jagdhunde diente.

Sie lagen friedlich nebeneinander, der Mensch und der Hund, etwas

bösartiger Natur, der überhaupt Juden nicht leiden konnte, so friedlich,

als ob der Hund instinktmäßig begriffen hätte, daß er in diesem

Augenblicke eine Ausnahme machen müsse, denn der, welcher neben ihm

liegt, sucht Zuflucht und trage das größte Herzleid, welches nur ein

Menschenherz zu ertragen im Stande ist, weshalb es nicht angeht, ihn zu

verjagen oder zu stören in lange nicht gehabter und ihm doch so sehr

nötiger Ruhe.

Ich war zufrieden mit dem Juden und dem Hund und ließ beide ungestört

das Lager teilen; ich selbst suchte mein Bett auf, abgespannt von den

Eindrücken der letzten Stunden, deren es unbarmherzig viele gab: Ich sah

im Traume den gemieteten Ersatzmann, die Judenschenke in Weißkirchen,

das Kloster, den Metropoliten, ich hörte das Jammern und Klagen des

Juden, den Namen »Jeschu«, sah den ruhigen, bedächtigen Fürsten und die

eigenwillige Fürstin mit ihrer allzu gewaltigen Bedeutung; meinen

Zwillingsbruder Jurov, Bobčinskij, Dobčinskij Drukart; die

Unmöglichkeit diesem allem zu entlaufen; dann auf einmal … stilles

traumhaftes Erinnern an meine alte Kindsfrau, die Bulgarin Marina,

welche von allen — ich weiß nicht warum — nur die Türkin genannt wurde

— alles dieses jagte sich in mehr oder minder deutlichen Szenen in

meinem Kopfe und Schlafe herum.

Ich sah — im Traume — meine alte liebe Marina über mein Bett geneigt,

sie richtete ihr altes rotes Kopftuch und leise höre ich sie mein

Lieblingslied: »Schlaf, Kindchen, schlaf … Christus tritt heran und

stellt die Hüter bei« … singen.

Und stellt euch vor, alles dieses kam zur gelegenen Zeit!

Dieser bunte verworrene Haufe, im Traume anscheinend unzusammenhängend

und doch im Zusammenhange stehend — in allem diesen Chaos fanden sich

alle unumgänglich nötigen Elemente um einen feierlichen Zufall

gruppiert, aus welchem unerwartet und ungeahnt, kaum glaubwürdig etwas

erwuchs, was mit dem Namen »_Wunder_« bezeichnet zu werden verdient.

Ich und der Introligator schliefen uns aus wie Soldaten vor einer

ungleichen und gefährlichen Schlacht, vor welcher sich jeder berechnende

und abwägende Mensch zurückgezogen hätte, da der Sieg mehr wie

aussichtslos erschien.

Neuntes Kapitel.

Der andere Morgen, welcher weiser sein sollte als der gestrige Abend,

ist zur gewohnten Zeit, wie von der Natur vorgeschrieben, eingetroffen,

licht und hell, würdig eines großen, merkwürdigen Vorfalles.

Es war dies einer jener prachtvollen Morgen, wie man sie nur in der

Ukraina findet; an solchen Tagen äußert die Sonne mit wunderbarer, im

Norden völlig unbekannter Kraft ihre Macht über den Frost, mag derselbe

noch so heftig sein.

In der Nacht friert es; gegen Früh nimmt die Kälte noch zu; der Tag

droht rauh zu werden; mit einemmale nimmt die aufsteigende Sonne ihre

Rechte in Anspruch: der Himmel glüht in rosigen Tönen; die Luft wird

weich; der Schnee auf den Dächern und den von der Sonne beleuchteten

Stellen der Plätze und Gassen schmilzt unter der Gewalt der wärmenden

Sonnenstrahlen.

Das Ganze erinnert an einen im Anblick wechselnden Stoff, gewebt aus

einem hellen und einem dunklen Faden.

Zu derselben Zeit, als die Schattenseite der Gassen und Gäßchen mit Eis

und Schnee bedeckt ist, taut die von der Sonne beschienene Seite auf,

die Dächer glänzen und dampfen von der entweichenden Feuchtigkeit; hell

klingen die von den Dächern fallenden Tropfen auf die Erde, wo sie

wiederum sofort fest werden und gefrieren.

Und die Spatzen, diese Vagabunden der Vogelwelt, hurtig, lebhaft,

gewandt, leidenschaftlich, stets bereit und aufgelegt zum Streit und

Hader, wie zum ausgelassensten Spiele und zur Ausführung allerlei

Unsinnes und Schabernacks, erscheinen plötzlich in solcher Menge auf den

von der Sonne beschienenen Stellen, daß man darüber staunt und nicht zu

enträtseln vermag, von wo dieselben gekommen sein mögen.

Noch gestern waren sie nicht da, waren nicht bemerkbar und heute beleben

sie die warme Luft wie ein Mückenschwarm.

Sie erfüllen die Luft mit ihrem lustigen, durchdringenden Gezwitscher,

sie fliegen hin und her, jagen einander von den Ästen der bereiften

Bäume und überschütten die unterhalb gehenden Menschen mit

silberglänzendem, schimmernden winterlichen Putz.

Wo nur ein schneefreies, von der Sonne beschienenes Plätzchen sichtbar

wird, ist auch er da, der Haufe der kleinen, schreienden, lärmenden

Vagabunden, aber die größte Menge derselben ist stets dort, wo es eine

besonders von der Sonne beleuchtete und deshalb warme Stelle gibt, hoch

oben auf den Kirchentürmen oder den Dächern der höchsten Häuser, denn

dort glänzt und glitzert alles vom Sonnenstrahl.

An solchen Stellen findet man eine ganze internationale Gesellschaft

aller Art von Vögeln; auf den Karnisen machen sich die Tauben im süßen

far niente breit und putzen ihr Federkleid; hin und her gehen die

schwatzhaften Staare und zwischen ihnen die hin und her springenden und

fliegenden Spatzen.

Mit einem Wort, überall, in der ganzen Natur lebt jetzt alles auf;

Mensch und Tier werden lebendiger, lebenslustiger, freudiger,

beweglicher unter dem Einflusse der wärmenden Sonnenstrahlen; alles

atmet leichter auf und freut sich des Augenblickes und des Lebens.

_Josef Hall_ sagt ganz richtig: die Welt ist ein wunderbares Ding, eine

Sache, der menschlichen Seele nahestehend; in ihr nimmt alles neues

Leben an und wir selbst verändern uns in ihr selbst zum Besseren.

Die warmen Sonnenstrahlen beleuchten und erwärmen die Körper, als wenn

sie die Rauhheiten der Seele wegschmelzen wollten, sie geben dem Geiste

eine größere Klarheit und jene Wärme dem Herzen, welche die Menschen zur

Ausübung des Guten tauglicher und bereitwilliger macht.

Der Geist des Menschen wird erleuchtet, er fürchtet sich nicht mehr vor

der Dunkelheit, der Finsternis, der Kälte des Herzens, er selbst ist

bereitwillig zu erwärmen, zu erleuchten, den noch im kühlen, dämmerigen

Schatten wandelnden Bruder …

Solche bezaubernd schöne, warme Tage, welche ungeahnt die winterliche

Kälte verjagen, habe ich außer in der Ukraina und namentlich in Kiev,

nirgends gefunden.

Nördlicher, an der Oka, und in dem schwarzerdigen Keile des russischen

Reiches pflegt das Frühjahr erst um jene Zeit einzutreten, zu welcher

die russische Kirche das Fest Mariä Verkündigung feiert, — aber dieses

Frühjahr ist doch etwas anderes, als das Frühjahr der Ukraina.

Es ist diese Erscheinung geradezu gesagt eine Kaprice der Natur, ein

mutwilliges Spiel, ein atmosphärischer Scherz mit der Erde, etwas

Phänomenales — und die Erde freut sich, lächelt zu alle dem, denn unter

deren Bewohnern herrscht dann bloß Frieden und Freundschaft! — —

Aufgestanden an einem solchen prachtvollen Morgen, hatte ich mich vor

allem bei meinem Diener nach dem Juden erkundigt und erfuhr zu meinem

größten Erstaunen, daß derselbe bereits meine Wohnung verlassen habe.

Er sei, als es noch ziemlich dunkel war, aufgestanden, habe sich leise

nach der Küche, wo mein Diener den Samovar herrichtete, getappt, dort

ein Glas heißes Wasser getrunken und dazu ein Stückchen Zucker, den er

in seiner Tasche fand, gegessen; dann sei er weggelaufen … Wohin? …

darüber konnte mir der Diener keine Auskunft geben, und auf meine

weitere Frage, in welcher Stimmung sich der Jude befand, erhielt ich zur

Antwort:

»Ruhiger, doch hatte er immer etwas leise vor sich gebrummt und gesummt

wie eine Drohne.«

Nach dem Frühstück fuhr ich, um keine Zeit zu verlieren, zu Drukart,

welcher zu jener Zeit in dem niedrigen Entresol wohnte, das über dem

Tore der Kanzlei des General-Gouverneurs liegt.

Ich nahm mir vor, dem Drukart von der Angelegenheit des Introligators

nichts mitzuteilen, da ich der Ansicht war, daß alles, was in dieser

Sache vorgenommen wird, zu nichts führen werde, um so mehr, als ich

überzeugt war, daß Andreas Ivanovič, trotz seiner großen Herzensgüte,

aber außerordentlicher Vorsichtigkeit in allem seinen Tun und Lassen,

sich kaum entschließen dürfte, in dieser ihm völlig fremden

Angelegenheit etwas zu unternehmen.

Zu meiner Schande sei es gesagt, ich habe überhaupt gänzlich des Juden

vergessen, als ich vom Hause wegfuhr und dachte nur an mich selbst.

Doch das Geschick hat es übernommen, diese meine egoistische

Zerstreutheit und Vergeßlichkeit richtig zu stellen und dasjenige in

Ausführung zu bringen, woran ich vor allem anderen hätte denken und

dessen ich mich vorzugsweise hätte annehmen sollen.

Zehntes Kapitel.

Ich mußte durch jene Gasse Kievs fahren, welche von dem Stadt- oder

sogenannten Kaisergarten zum Hause des General-Gouverneurs führt.

An einer Stelle stand ein altes, stark verfallenes Haus, welches einem

Grafen Branicki gehörte.

Das Haus war niedrig, sehr lang, glich mehr einem großen Fabriksgebäude

als einem Palais, und so an den Straßenabhang gebaut, daß die eine Seite

des Hauses fast die Erde berührte, während die andere, weil in der

Horizontalen gelegen, sehr hoch war und das Ansehen eines Walles hatte

mit einem, etwa einem Karnis ähnlichen Aufputze.

Diese genaue Beschreibung ist unbedingt nötig, um das folgende verstehen

zu können.

Graf Branicki wohnte in dem Hause nicht, auch Niemand von seinen

Angehörigen oder Verwandten.

Es kann möglich sein, daß ein Teil des Hauses eingerichtet war um bei

Bedarf benützt werden zu können, aber bekannt war, daß in einem Flügel

der Bevollmächtige des Grafen Branicki wohne, ein Pole,

selbstverständlich ein »Herr«, welchem ein außergewöhnlich großer Hund

gehörte.

Dieser Hund besaß ein eigenartig getigertes Fell und liebte es an warmen

Tagen sich an jenem Teile des Hauses zu sonnen, welcher an dem steilen

Abhange lag; möglicherweise, war es die tatsächlich prachtvolle Aussicht

auf die Umgebung, welche man von hier genoß, die ihn zu diesem

veranlasste.

Die meisten Stadtbewohner kannten diesen Beobachter und hüteten sich ihn

in seinen Betrachtungen zu stören; sie wichen ihm vorsichtig aus und

zogen es vor, die gegenüber liegende Seite der Gasse aufzusuchen; ein

Fremder jedoch, der mit der Lage und Bauart des Hauses nicht bekannt

war, der ging gewöhnlich nichts böses ahnend ruhig seinen Weg an dem

Hause vorüber, bis er zu seinem großen Schrecken und Überraschung

erkannte, daß gerade über seinem Kopf ein groß mächtiger Hund liege;

mehr oder weniger freundliche Worte an die Adresse des Eigentümers des

Hundes waren das Endresultat dieser nichts weniger als erwünschten

Begegnung. — —

An jenem von mir bereits beschriebenen Tage sonnte sich der Hund wieder

an seiner Lieblingsstelle und freute sich wahrscheinlich nicht nur der

schönen Aussicht, die sich ihm bot, sondern auch und möglicherweise

hauptsächlich der Sonnenstrahlen, welche sein Fell wärmten.

Ich kannte den Hund, nahm deshalb keine Rücksicht auf dessen Gegenwart;

auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse sah ich Drukart gehen,

verließ deshalb rasch den Schlitten, um mit ihm zu sprechen und ihm jene

Schwierigkeiten klar zu machen, die sich meiner Teilnahme an der

projektierten Theatervorstellung entgegenstellen.

Andreas Ivanovič war an diesem Tage außergewöhnlich gut gelaunt, ja

fast ausgelassen lustig, und meinte, daß sein gegenwärtiger, wohliger

Zustand die Folge des prachtvollen Wetters sei, das ihn im Herzen

erhelle.

»Ich,« sprach er, »eile eine Untersuchung zu Ende zu führen. Ich habe

mir einen Mörder zum Verhöre vorführen lassen, frug ihn über die

verschiedenen Gründe, Ursachen, Vorfälle aus, dabei rasierte ich mich

ruhig; ich frug ihn scherzweise, weshalb er soviele Menschen umgebracht

und mich nicht, da wir ja allein in der Stube seien; da gab er mir zur

Antwort, daß er es selbst nicht wisse, aber er hätte auch sonst an einem

so herrlichen Tage wie heute seine Hände mit Blut nicht besudelt.«

Während wir in unserem Gespräch, fortfuhren, entstand plötzlich ein

fürchterliches Geschrei: »Ai! wai! … Karkadil! …« und in demselben

Augenblick sprang zwischen uns wieder er … mein Introligator, der sich

um uns herumdrehte.

Von wo er gekommen, wohin er wollte, wie er am Wege unter das »Karkadil«

geriet, wußte ich damals nicht, aber sein Ansehen, seine Furcht, machte

ihn noch bemitleidenswerter, noch lächerlicher, wie Tags vorher.

Trotz der großen Ehrfurcht, welche die Juden vor den Beamten zu haben

pflegen, kroch er vor Schrecken und Angst unter den alten abgetragenen

Pelz des Drukart, welcher diesen Pelz — als aus Schuppenbären —

Flicken zusammengeflickt zu nennen pflegte und wand sich in diesem so

hin und her, als wenn er »Katze und Maus« spielen würde.

Wir fingen beide hell laut zu lachen an, während der Jude, sich hin und

her drehend, ohne Unterlaß schrie: »Das Karkadil, das Karkadil!« und

erschrockene wie furchtsame Blicke auf den Hund warf, der sich jedoch

nicht stören ließ, ruhig auf seinem Platze liegen blieb und auf uns

herunter blickte.

Den Juden zu beruhigen gelang uns nicht, aber dieser Vorfall gab mir

Gelegenheit dem Drukart die Geschichte dieses unglücklichen Menschen

mitzuteilen.

Ich wiederhole nochmals: Drukart war ein herzensguter, weich- und

feinfühlender Mensch, was vielen jedoch nicht einleuchten wollte und

unmöglich erschien, weil er »rote Haare« besaß, von deren Besitzer man

zu sagen pflegt »Gott bewahre«, was ebenso beweisend ist als der Glaube,

daß Rasiermesser in weißer Einfassung schärfer seien als solche in

schwarzer; aber in den meisten solchen Fällen hilft alles Reden und

Überzeugen gegen derartigen Unsinn — nichts!

Drukart war heute besonders gut aufgelegt und froher Laune und so kam

es, daß meine Erzählung auf ihn einen günstigen Eindruck machte, und er

sich für den Juden zu interessieren begann.

Über seine sonstige Art sich in fremde Angelegenheiten nicht

einzumischen, blieb diesesmal das Herz Sieger, er bemitleidete den Juden

und sagte leise:

»Wie nichtswürdig und gemein wurde dieses ›Karkadil‹ betrogen.«

»Gewiß,« gab ich zur Antwort, »eine solche Lumperei und Nichtswürdigkeit

ist noch nicht dagewesen; doch läßt sich in der Sache nichts machen und

dem Mann kann nicht geholfen werden.«

Drukart zog seine mächtige Stirne in Falten und meinte:

»Versuchen wir es!«

»Ja, was ließe sich tun?«

»Versuchen wir es! … Komm mit, Du ›Karkadil‹.«

Den Introligator zum Mitgehen zu bewegen, war nicht nötig, denn er

verließ uns auch nicht einen Augenblick; er lief immer vor uns, sich

stets nach uns scheu umsehend in der Angst, ob das »Karkadil« nicht

nachlaufe und ihn zu verschlingen drohe, wovor er große Angst zu haben

schien; ich weiß nicht, ob er sich um sein Leben oder um das Leben

seines Sohnes, welches in diesem Falle unzweifelhaft verloren war,

fürchtete.

Man sagt: »Wie die Leute sich zeigen während eines Schreckens, das sind

oder waren sie auch tatsächlich im Leben« — sei dem nun wie es wolle,

in dem Augenblicke, als die Gewohnheiten eines Menschen eine plötzliche

Änderung durch Schrecken erfahren, zeigen sie ihre _wahre_ Natur!

Nach diesem zu urteilen, müßte man annehmen, daß der Jude mehr um sein

eigenes Leben besorgt war, als um das seines Sohnes; aber so lange wir

nicht die Eigenschaft besitzen, mit eigenen geistigen Augen das Innere

unserer Mitmenschen durchdringen und beobachten zu können, müssen wir

derartige Annahmen als irrig, nichts beweisend und nichts Positives

bringend ansehen. —

Andreas Ivanovič beschloß den Fürsten Hilarion Hilarionovič für

den Juden zu interessieren — ein Plan, welcher meiner Ansicht nach

weder Nutzen noch Schaden dem Juden bringen konnte, so daß ich mich für

diesen nicht erwärmen konnte.

Elftes Kapitel.

Der Fürst war von Natur aus ein guter und edler Mensch, sehr

phlegmatischen und schläfrigen Charakters, mit nur wenig Energie, die er

auch dort selten zu zeigen pflegte, wo sie am notwendigsten gewesen

wäre.

Doch Drukart kannte den Charakter des Fürsten besser wie wir alle

anderen.

»Glauben Sie ja nicht,« meinte er, »der Fürst besäße wenig Charakter-

und Willensstärke; er ist ein sehr lieber, herzensguter Mensch, nur muß

man ihm stets die Sache, um die es sich handelt, klar und deutlich

vorstellen. — Er ist zwar weder Falke noch Adler, das ist gewiß, mit

seinen Augen bringt er auch nicht gleich alles in Brand und schlägt auch

niemanden mit seinen Flügeln tot; aber was er einmal sich in den Kopf

genommen, was sich in seinem Hirn und Herzen festgesetzt, das spinnt er

von hier aus weiter und sein ›guter Junge‹ äußert sich dann bald.«

Hier muß ich die Bemerkung machen, aus welchem Grunde man diesem

Fürsten, dem gütigsten unter den guten und dem mildesten unter den

milden, den Beinamen »guter Junge« gab.

Der Fürst war hochgewachsen und besaß ein imponierendes Auftreten.

Die hervorragendste Eigenschaft seines Charakters war seine Herzensgüte,

die sich jedoch mehr passiv als aktiv äußerte.

Es schien, als wünsche und wolle er, daß es allen gut gehe, nur war er

sich darüber nicht klar, in welcher Art und Weise er dieses erreichen

könnte und deshalb überließ er alles dem — Zufall.

Sein Gesicht zeigte die ruhige Zufriedenheit eines guten Gewissens, es

war unbeweglich und diese Unbeweglichkeit der Gesichtszüge blieb auch

dann unverändert, wenn er böse wurde oder ihn etwas bewegte, oder wenn

er sich über etwas aufregte, in letzteren Fällen bemerkte man an ihm

eine eigentümliche Erscheinung, seine Oberlippe und sein Schnurrbart

gerieten in eine zitternde krampfhafte Bewegung.

Diesen Zustand nannte seine Umgebung und seine Bekannten — »den guten

Jungen« — da er sich dann zeige, wenn der Fürst am meisten erregt ist;

dieser »gute Junge« enthob den Fürsten vom vielen Reden und unnötigen

Gesten.

Der Fürst sprach wenig, langsam, in abgerissenen kurzen Sätzen, mitunter

lakonisch, sarkastisch.

In seinen Reden fehlte zumeist der Schluß; der Aufbau seiner Sätze war

ganz eigenartig.

Sie erinnerten in ihrer Anlage und Bildung an die Gespräche des

Unbekannten in Dickens' »Der Pickwickier-Klub«, den originellen

Begleiter des jungen, zartfühlenden Tormein, der, wie bekannt, etwa in

dieser Weise sich ausdrückte:

»Es geschah … fünf Kinder … Mutter … hohe Person … stets aß die

Häringe … Vergaß … drei … Kinder … schauen … sie ohne Kopf …

verwaist … sehr leid.«

Um die eigentümliche Ausdrucksweise des Fürsten zu verstehen, dazu

gehörte ein großes Anpassungsvermögen und langjähriges Zusammenleben mit

dem Fürsten und auch mußte man seine Gewohnheiten kennen; es war

außerordentlich schwierig den mündlichen Auseinandersetzungen und

Weisungen zu folgen, da er, wie schon erwähnt, den Schluß gewöhnlich

nicht sagte.

Doch aus dem Charakter des Heroen in Dickens' Romane konnte man

schließen, daß, obzwar er in kurzen abgebrochenen Sätzen und Wörtern

seine Ansicht zum Ausdruck brachte, er jedenfalls rasch redete, aber

unser herzensguter Fürst hatte es nie eilig, er redete sehr langsam, mit

großen Zwischenpausen, so daß der »gute Junge« stets Zeit hatte, wenn es

sich notwendig zeigte, unter seiner Nase in seinem flotten Schnurrbarte

sich festsetzen zu können.

Sprach der Fürst russisch, so pflegte er, wie es sich einem hohen Herrn

des neunzehnten Jahrhundertes gebührte, ein nichts sagendes,

gewöhnliches Wort einzufügen — ob am rechten oder unrechten Orte, blieb

sich gleich; man findet diese Eigentümlichkeit dann nur noch unter dem

Volke.

Dieses Wort, welches der Fürst einzuschalten pflegte, war: »scheint es«.

Auf diesem »scheint es« blieb oft die ganze Resolution stecken und

jedermann zog aus diesem »scheint es« den Schluß, daß seine

Angelegenheit nicht schlecht stehe.

Dieses »scheint es« gleicht jenem abgerissenen Akkord in der Oper: »Die

Makabäer« — welcher mehr andeutet, als eine große Schlußkadenz nach

allen Regeln der Kunst komponiert.

»Machen Sie … scheint es …« sprach der Fürst, mit der Hand leicht

winkend; seine Umgebung begriff ihn und alle wußten, was getan werden

sollte; es kam alles schön heraus, deshalb, weil alle wußten und

kannten, was der Fürst dachte und wollte.

In der Mehrzahl der Fälle endete alles sehr günstig und zu aller

Zufriedenheit; ich aber konnte es mir trotz alledem nicht vorstellen,

wie diese Angelegenheit einen günstigen Abschluß finden könnte.

_Gegen_ den Introligator und _für_ seinen Schädiger sprach das Gesetz,

für den letzteren auch noch die Fürstin — deren Einfluß, Ansehen,

Bedeutung zum Leidwesen größer waren als die des Fürsten; das war

unbestreitbar.

Was konnte man dem fürstlichen »scheint es« gegenüberstellen und wie es

begreifen?

Bekanntlich muß man, wenn man etwas erreichen will, sich erst darüber

klar sein, was man zu erreichen wünscht und auf welchem Wege man dies

erreichen könnte, und erst dann schreitet man zur Ausführung des

gefaßten Planes.

Aber weder Drukart noch ich haben uns irgend einen Plan gemacht, wie wir

vorzugehen willens wären, um etwas günstiges für unseren Juden zu

erreichen.

In uns beiden war nur der Wunsch — zu helfen, rasch zu helfen; und

einer von uns meinte, daß es nur notwendig sei, den Fürsten milde zu

stimmen, ihn für die Angelegenheit des Introligators zu interessieren,

das übrige werde sich dann von selbst ergeben.

Drukart war von dem guten Ausgange gleich von Anfang an überzeugt, ich

aber zweifelte sehr daran; dafür hatte ich später Gelegenheit gehabt

ausrufen zu dürfen: Selig sind die Gläubigen, denn deren wird das

Himmelreich.

Zwölftes Kapitel.

Indem ich meinen armen bedauernswerten Juden dem Schutze und der

Vormundschaft meines Freundes befahl, begab ich mich auf meinen

Dienstposten, um meine tägliche Aufgabe fertig zu bringen.

Es dürfte wohl nicht überflüssig sein zu bemerken, daß unter den in

dieser wahren Geschichte erwähnten handelnden Personen es keine gab,

welche sich indifferent gegen den Glauben und Religion (den Juden

vielleicht ausgenommen) verhalten hätte.

Was den Fürsten Hilarion Hilarionovič anbelangt, so kannte ich zwar

dessen religiöse Anschauungen nicht, mußte aber annehmen, daß er ebenso

rechtgläubig war, wie alle übrigen russischen Beamten es zu sein pflegen

— möglicherweise sogar mehr als die anderen.

Die große, einfache, warme Seele suchte Halt und Stütze an der

Nationalkirche, welche für den Russen die allein seligmachende ist, und

die er in aller ihrer ursprünglichen Reinheit zu erhalten sucht.

Drukart war ein geborener Russe, ein Litauer und außerordentlich

religiös; für ihn bedeutete die rechtgläubige Kirche nicht nur den

Glauben, sondern auch das geistige Zeichen der russischen Nationalität.

Ich selbst wuchs in einer Familie auf, in welcher der Vater

ausgebreitete theologische Kenntnisse besaß und die Mutter

gottesfürchtig war.

Ich erhielt den Religionsunterricht von einem weit und breit bekannten

Priester und Lehrer, dem Jefim Andrejevič Ostromislenskij, dem ich

auch jetzt noch, als alter Mann, das beste Angedenken bewahre und für

dessen Lehren dankbar bin.

In den Kreisen, in denen ich mich in Kiev bewegte, gab es keine

Freigeister; ich blieb deshalb derselbe, der ich früher war und wie man

mich lehrte; ich dachte über den Glauben wie mein Vater, meine gute

Mutter und mein bester Lehrer.

Kurz sei es gesagt, niemandem konnte ein Vorwurf gemacht werden, daß wir

unseren Glauben, zu dem wir unserer Geburt, unserer Erziehung, ja der

vollen Überzeugung nach gehörten, nicht verleugnen oder mißachten,

jedenfalls hätte keiner von uns es unternommen, jemandem von einem

Übertritt zu unserem Glauben abzuraten, wenn dieser den Wunsch demselben

anzugehören geäußert hätte und dennoch verbanden wir uns alle dazu, es

zu verhindern, daß jemand unserer Kirche beitrete, der den Wunsch

geäußert hat, dies tun zu wollen; wir alle taten es in vollem Bewußtsein

und aller Ruhe, weil wir uns dessen bewußt waren, daß wir dafür belobt

werden von einer Person, deren Autorität in dieser Angelegenheit

unfehlbar war.

Ich will nun erzählen von einer Person, welche vor uns übrigen die

großen Vorzüge hatte, daß sie nicht nur durch ihr Alter, ihre

Erfahrungen, Kenntnisse, Stellung, sondern auch durch ihre Religiosität,

Mut und Überzeugung uns weit überragte.

Dreizehntes Kapitel.

Das, was weiter geschah, kann ich nicht aus eigener Anschauung

mitteilen, sondern nach Worten und Angaben eines Augenzeugen.

Dank Drukarts Einfluß wurde der Jude im Empfangzimmer des

General-Gouverneurs so aufgestellt, daß ihn der Fürst beim Eintritt

sofort bemerken mußte.

»Was? … wer? … was ist das für ein Mensch … warum weint er …

fragen …« wendete sich der Fürst an Drukart, welcher diesesmal beim

Empfange dem Fürsten assistieren mußte.

Drukart nahm die Bittschrift aus der Hand des Juden und schaute pro

forma in dieselbe, da er in der Angelegenheit bereits vordem eingehend

unterrichtet war.

Aus derselben hätte Drukart nichts herauslesen können, da diese einfache

Angelegenheit in der weitschweifigen Beschreibung aller seiner Gefühle,

Leiden, Ängsten, Verfolgungen, Elemente, Karkadil und allem möglichen

unnötigen Zeuge verloren ging.

Es blieb also Drukart nichts anderes übrig, als die Bittschrift einfach

zusammenzufalten und dem Fürsten den Fall in wenigen Worten mitzuteilen.

Drukart tat es in wenigen warmen, schönen, zum Herzen gehenden Worten,

so daß der Fürst gerührt wurde, seine Augenbrauen zogen sich in die

Höhe, die Stirne wurde kraus, der »gute Junge« machte sich auf seinem

Platze im Barte bemerkbar und rührte sich.

»Was ist das … scheint mir … Lumperei …« äußerte sich der Fürst,

»das … so … kann nicht zugelassen werden.«

Drukart wies auf das Gesetz hin.

Der Fürst wurde mürrisch, aufgeregt, der »gute Junge« war im Begriffe zu

verschwinden, verließ aber seinen Posten nicht.

»Ja … Gesetz … scheint es … nicht sein …«

Drukart gab keine Antwort — der Fürst setzte seinen Empfang fort, nahm

Bittschriften entgegen — der Jude heulte und wimmerte und hörte nur für

einen Augenblick auf, wenn derselbe durch allgemeines: Tss! zum

Stillschweigen aufgefordert wurde, erhob jedoch nach einigen

Augenblicken wiederum sein Geschrei, dabei auf- und abschnellend, wie

eine auf einer Gummischnur aufgehängte Puppe.

Dieses schien dem Fürsten zu Herzen zu gehen.

»Befehlen … scheint es … still sein … hinausführen …« sagte er

im Tone, als wenn er sich stark ärgern würde; seine Umgebung jedoch, die

ihn sehr wohl kannte, wußte, daß dies kein Ärger sei, sondern ein

Deckmantel für das in ihm aufsteigende Mitgefühl.

Die Reaktion in seinem Inneren war eingetreten, obzwar er befahl …

still sein … hinausführen …, dieser Befehl war mehr als das Zeichen

des Verdrusses, als des Ärgers, da er augenblicklich nicht wußte, wie er

diese Angelegenheit behandeln soll.

Es war bekannt, daß in solchen Fällen der Fürst solange unruhig blieb,

bis er das Richtige gefunden hat, was ihm die Möglichkeit bot, dieser

Sache den gewünschten Ausgang und Erfolg zu geben; dies war auch hier

anzunehmen und man war überzeugt, daß sich der Fürst eine Zeitlang mit

der Angelegenheit des Juden in Gedanken beschäftigen wird und zwar

solange, bis er das Richtige herausfindet.

Diese Annahme bestätigte sich wirklich.

Kaum daß den eingeschüchterten und still gewordenen Juden zwei Gendarmen

unter den Arm nahmen und hinausführen wollten, rührte sich auch der

»gute Junge« im Barte und der Fürst meinte:

»Ruhig … sagen sie … das … nicht nötig …«

Auf was sich dieses »nicht nötig« bezog, blieb unklar, aber begreiflich:

den Juden haben die Gendarmen zwar aus dem Zimmer hinausgeführt, doch

nicht aus dem Hause gejagt, sondern am Korridor stehen gelassen, wo sich

derselbe auf den Fußboden setzte und fortfuhr krampfhaft nach allen

Richtungen zu zucken, als wenn ihn jemand an einer inneren Gummischnur

gezogen hätte.

Der Fürst beeilte sich den Empfang rasch zu beenden; während der ganzen

Zeit war derselbe unruhig, unzufrieden, ärgerlich.

Nachdem alle Bittsteller den Saal verlassen hatten, ging der Fürst nicht

in sein Arbeitszimmer, sondern in ein kleines Kabinet, welches rechts

vom Eingange lag auf den Hof hinaus führende Fenster hatte und in

welchem er jene zu empfangen pflegte, mit welchen derselbe längere

private oder sekrete Besprechungen zu machen hatte und in welches er

sich stets zurückzuziehen pflegte, sobald er allein sein wollte.

»Traurig …« sagte der Fürst, als Drukart in das Kabinet trat.

»Sehr traurig, Excellenz …« gab derselbe zur Antwort in seiner ruhigen

Art und Weise, welche ihn nie verließ und wodurch er sich vor allen

anderen auszeichnete.

»Tfu! … was für ein Lump … ein ganz gemeiner Spitzbube …«

»Gewiß, ein Lump …« war die Antwort eines Mannes, welcher begriff, auf

was sich alles dieses bezieht und daß darunter der gemietete Ersatzmann

des Juden gemeint ist, der den Wunsch äußerte sich taufen zu lassen.

»Im Gesetze … scheint es … nichts?«

»Nein, dort gibt es keine Angabe … wieviel Zeit vergehen muß, ehe der

betreffende getauft werden kann …«

»Nahm Geld … Lump … Es ist … scheint es … was für … Glaube!«

»Glaube, nur Vorwand.«

»Einleuchtend … nur ich … nichts … scheint es … kann tun …

gehen Sie …«

Der Fürst entließ den Drukart in augenscheinlich höchst unangenehmen

quälenden Gedanken; doch hatte Drukart das Vorzimmer noch nicht

erreicht, als der Fürst das gefunden hatte, was ihm als das richtige

schien und die Türe aufreißend, rief er mit fast nach Freude klingender

Stimme:

»Ah! Ah! Drukart!«

Dieser kehrte sich um.

»Jetzt … diesen … wie er … also: den Juden nehmen … in Schlitten

… fahren … mit ihm … sofort … gerade … zum Mitropoliten … Er

… guter Alter … soll schauen … alles erzählen … von mir

Empfehlung … sagen … Leid … nichts tun kann … Gesetz …

ausführlich … Sie verstehen …«

»Vollkommen!«

»Ja … kann nicht … möchte … scheint es … sehr gerne … kann

nicht … er, sehr gut … verstehen Sie …«

»Ja wohl, Excellenz!«

»Also … überlasse … mische mich nicht … aber … ich bitte …

weil … wenn ihm ebenfalls leid … sowie er meint … kann sein …

bitten Sie … berichten …«

Der Fürst beendete seine Rede in weit lebhafterem Tempo, als dies sonst

der Fall zu sein pflegte, machte eine entschiedene Bewegung mit der

Hand, drehte sich um und ging dann mit hellerem, freudigerem

Gesichtsausdruck in seine Privaträume, doch nicht, etwa um der Fürstin

die Geschichte des Juden zu erzählen, sondern um auszuruhen.

Der vom Fürsten mit diesem Auftrage bestimmte Beamte fuhr mit dem Juden

zur Residenz des Mitropoliten, welche im Kloster sich befindet; mir aber

schickte er durch einen Kurier ein Stückchen zusammengefaltetes Papier,

auf welchem in eiligen Schriftzügen geschrieben stand: »Die Stellung

sofort unterbrechen — wir fahren zum Mitropoliten.«

Vierzehntes Kapitel.

Auf zwei bis drei Stunden die Rekrutierung zu unterbrechen, bot keine

Schwierigkeit, auch war dies weder auffallend noch unmöglich; ich tat

es; doch welchen Erfolg dieses haben soll, war mir unerklärlich.

Unsere geistliche Hierarchie, »unsere geistlichen Herren« oder Leute

»geistlichen Standes«, wie sie der verstorbene Kiever Mitropolit Eugen

Volchovnikov in seinem vorzüglichen encyklopädischen Sammelwerke nennt,

ist zum großen Unglück für sie der Gesellschaft und dem Volke von ihrer

besseren Seite wenig bekannt, die Intelligenz steht ihr vollständig

fremd gegenüber.

Nur während der Ausübung der kirchlichen Funktionen sichtbar, treten sie

sofort nach Beendigung derselben in den Schatten und Hintergrund zurück;

ihre außerdienstliche Tätigkeit, ihr privates Leben ist niemandem

bekannt, sie bewegen sich fast ausschließlich in ihrem geschlossenen

Kreise, stets unter ihres gleichen und entfernen sich dadurch dem

wirklichen Leben.

Selbst wenn ein hervorragender geistlicher Fürst, ein Mitropolit,

Erzbischof oder Bischof stirbt, pflegt sein Nekrolog nichts anderes zu

enthalten als die Angaben seines Geburtsjahres und seiner dienstlichen

Qualifikationsliste; eine recht traurige Zusammensetzung in oft noch

traurigerem Stile geschrieben.

Kein Wort über seine Ausbildung, seine Kenntnisse, sein geistiges und

weltliches Wirken, nichts über seinen Charakter, Geist, seine Ansichten,

Gedanken, es wird nichts erwähnt über sein Wesen, sein Wirken, sondern

nur gewöhnliche landläufige Phrasen, oft in unlogischer,

ungrammatikalischer Zusammenstellung vorgebracht.

Um wie viel sind uns in dieser Beziehung hin die Katholiken und

Protestanten voraus; schon während der Lebenszeit sind dieselben mit den

Eigenschaften ihres Priesters, der ihnen ja nicht fremd, weil mit ihnen

verkehrend, völlig vertraut, und alles, was dieser getan, gedacht,

erzielt, alles findet man gesammelt in Werken, die jedermann zugänglich

sind und für die sich nicht nur die Intelligenz, sondern auch das Volk

interessiert.

Uns ist alles derartige unbekannt.

Es kann möglich sein, daß man absichtlich, aus Berechnung alles

derartige unterläßt — darüber will ich weder streiten noch mich für

oder gegen aussprechen.

Es scheint, man wünsche es, daß der Schäfer sich nicht unter die Schafe

mische, weil man annimmt, daß dieses weder Vorteil noch Nutzen der

Kirche bringen würde.

Der Priester soll das Volk nur mit dem Leben, Leiden, den Lehren unseres

Heilandes Jesus Christus bekannt machen, alles übrige soll ihm ein Buch

mit sieben Siegeln sein; das Volk soll mit der höheren Hierarchie in

keine geistige noch weltliche Berührung kommen, sie soll demselben

unnahbar, unerreichbar, fremd sein und bleiben, doch würden diese hohen

Kirchenfürsten und ihre Untergebenen größere Wohltäter des Volkes

werden, wenn sie demselben näher treten, Anteil nehmen würden an dessen

Wohl und Wehe.

Ein geistlicher Schriftsteller äußerte sich über die Scheidung des

geistlichen Standes von dem weltlichen, vom Volke und der Intelligenz

dahin, daß die wenigsten Personen der niederen Geistlichkeit in der Lage

sind, logisch und zusammenhängend zu sprechen und zu schreiben.

Ich stimme dem vollkommen zu und kann es nur beklagen; man findet

außerordentlich wenige Personen geistlichen Standes, welche sich

literarisch beschäftigen würden; das ist ein großes Hindernis für die

gegenseitige Annäherung und bedeutet einen großen Verlust für beide

Teile.

Diese Abschweifung, zur Sache eigentlich nicht gehörig, bedauere ich

nicht gemacht zu haben, auch darf sie nicht in dem Sinne gedeutet

werden, als würde ich durch dieselbe das ergänzen wollen, was später

geschah und zwar zur richtigen Zeit und im richtigen Augenblicke.

Auch sonst fällt mir gar nicht in den Sinn, noch habe ich Lust Beweise

für das von mir Gesagte zu erbringen.

Ich habe überhaupt in der Erzählung fortzufahren, kann jedoch nicht

unterlassen, einiges Charakteristische aus dem Leben des an dem

günstigen Ausfall der Geschichte beteiligten Mitropoliten Filaret

Amfiteatrov mitzuteilen, wodurch seine Leutseligkeit und Herzensgüte

mehr zum Ausdruck kommt.

Fünfzehntes Kapitel.

Der Mitropolit war mehr oder weniger mein Landsmann, denn er war

ebenfalls im Orlover Gouvernement geboren.

Schon als Kind hörte ich vieles von dessen Gutherzigkeit und

Menschenliebe erzählen.

Ebenso waren mir die verschiedenen Verfolgungen bekannt, denen er

ausgesetzt war, ehe er den hohen Posten eines Mitropoliten erreichte.

Es ist schade, daß sich niemand findet, das Leben dieses seltenen Mannes

einem speziellen Studium zu unterwerfen, dasselbe würde ein höchst

interessantes Buch über den Charakter und Tätigkeit vieler

hochstehender, zu jener Zeit lebenden Personen und über die Zeit selbst

ergeben.

In den verschiedenen Geschichten, welche noch heutigen Tages unter dem

Volke verstreut sind und nacherzählt werden, wird der Mitropolit Filaret

als ein bescheidener, sanfter, geduldiger, friedfertiger, einfacher

Mensch und Priester geschildert — von seiner sonstigen Tätigkeit wird

jedoch keine Erwähnung getan.

Seine Menschenliebe kam täglich, ja stündlich zum Ausdruck.

Man erzählte sich Verschiedenes über den Moskauer Mitropoliten, welcher

es soweit brachte, daß Mitropolit Filaret nicht mehr auf seinen früheren

Posten nach Petersburg zurückkam — ich finde es nicht notwendig auf

diese Angelegenheit näher einzugehen, da dieselbe auch sonst in keiner

Beziehung zu meiner Geschichte steht.

In Kiev tadelte man und sprach sehr viel über seine persönlichen

Beziehungen zu dem verstorbenen Gerasim Pavskij — ich selbst stand eine

Zeit auf Seite der Tadler.

Zum erstenmale begegnete ich dem Mitropoliten im Hause des Präsidenten

der Finanz-Landes-Direktion in Kiev und zwar unter Umständen, welche

mich in Erstaunen brachten.

Als der Mitropolit in den Salon trat, segnete er zuerst den Hausherrn

und seine Angehörigen, dann die übrigen Gäste, welche an ihn

herantraten, um seinen Segen zu empfangen.

Mit einemmale bemerkte er ein junges Mädchen, die Erzieherin der Kinder

des Hausherrn, welche an den Tisch sich anlehnend ruhig stand; der

Mitropolit sah sie an und ohne seine Stelle zu verlassen, fragte er:

»Und Sie?«

Das Mädchen verbeugte sich tief vor ihm, ohne jedoch zu ihm näher zu

treten.

»Nu, was ist … treten Sie doch näher! …«

Der Hausherr trat an den Mitropoliten heran und sagte ihm leise:

»Eminenz! — sie ist eine Protestantin.«

»Was liegt daran, daß sie eine Protestantin ist — sie ist doch keine

Jüdin.«

»Nein, Eminenz, Protestantin.«

»Nu, Protestantin, komm zu mir, komm, komm … so; segne Dich Gott! …

im Namen Gottes des Vaters, Sohnes und des heiligen Geistes …«

Er segnete das sichtlich stark aufgeregte und verwirrte Mädchen, und als

sie, unserem Beispiele folgend, seine Hand küssen wollte, ließ er es

nicht zu, sondern strich ihr mit derselben liebevoll über ihren Kopf,

und sagte:

»Ein kluger, verständiger Kopf!«

Das Mädchen war von diesem ungewöhnlichen Vorfalle, von der zum Ausdruck

kommenden Menschenliebe so sehr ergriffen, daß sie zu weinen anfing und

sich für eine Zeit in die anderen Zimmer der Wohnung zurückziehen mußte,

um wieder die gewohnte Ruhe zu finden.

In der Folge ging sie jedesmal unaufgefordert zum Mitropoliten, um sich

von ihm segnen zu lassen, er schenkte ihr Bücher, Bilder, sie trat dann

zur rechtgläubigen Kirche über und soll, wie man mir erzählte, sehr

religiös gelebt und den Mitropoliten Filaret äußerst hoch geschätzt und

geliebt haben.

Während dieses seines Besuches zeigte sich uns der Mitropolit auch in

anderem Lichte.

Er hatte kaum die Ehrenstelle am Divan eingenommen, als die Schwester

der Hausfrau sich beeilte, neben ihn sich zu setzen und ihn zu

unterhalten.

Die Dame dachte wohl vor ihm mit ihrer Eleganz einer Weltdame glänzen zu

sollen, denn sie frug süß lächelnd:

»Euere Excellenz dürften sich wohl hier in Kiev nach Petersburg sehnen?«

Der Mitropolit sah sie an — und — Gott weiß es — hat er diese Frage

mit seiner Entfernung aus Petersburg in Verbindung gebracht oder

dieselbe nicht richtig verstanden, denn er antwortete:

»Was soll das? … Was geht mich Petersburg an?« und sich abwendend

sprach er in einem ganz eigentümlichen Tonfall und Ausdrucksweise: »…

dumm … sehr dumm …«

Die Stimme, mit welcher er dies sagte, klang so alt, so schwach, während

später, als er sich beruhigte, dieselbe wieder weich, wenn auch tief,

klangvoll wurde.

Der Eindruck, den der Mitropolit beim ersten Begegnen auf mich machte,

war ein eigentümlicher, mir schien derselbe gutmütig, zu gleicher Zeit

aber — sehr grob zu sein.

Ich erinnere mich noch eines Vorfalles mit einem Maurer, welcher vom

Turme herabstürzte und sich schwer verletzte.

Der Mitropolit trat an ihn heran, betrachtete ihn längere Zeit, seufzte

tief auf und sprach:

»Ei, ei! Du dummer Mensch! …« segnete ihn und ging weiter. —

In Kiev wohnte ein Priester, Namens Botvinovskij ein Mensch nicht ohne

verschiedene Schwächen dabei aber von ungewöhnlicher Herzensgüte.

Er stellte, beispielsweise, eine solche Geschichte an: Dem Kassier T.

fehlten etwa 3000 Rubel in der Kassa und ihm drohte nicht nur völliger

Untergang, Entlassung, sondern auch Gefängnis, wenn nicht noch etwas

Ärgeres.

Viele reiche Leute haben ihn zwar bemitleidet, aber niemand entschloß

sich etwas zu tun, um ihm zu helfen und ihn zu retten.

Botvinovskij jedoch, ohne je den T. gesehen, oder gekannt zu haben,

verkaufte alles Wertvolle, was er besaß, belastete sein Haus und lief

ruhelos so lange bei allen seinen Bekannten und auch Unbekannten in der

Stadt herum, bis er die noch fehlende Summe geradezu gesagt

zusammengebettelt hat, die er dann dem T. einhändigte.

Sowie man dem Mitropoliten diesen Fall erzählte, meinte er:

»Siehe da! ein selten braver Mann!«

Statt des Dankes erntete Botvinovskij später den schwärzesten Undank, er

wurde beim Mitropoliten verklagt, welcher ihn vor sich laden ließ und

ihn fragte, ob es alles wahr sei, was die Leute über ihn reden.

»Verzeihen, Euere Excellenz, nur Unvorsichtigkeiten,« gab Botvinovskij

zur Antwort.

»Ah! … Warum rauchst Du aus einer Pfeife mit langem Rohr? Ah!«

»Verzeihen, Euere Eminenz!«

»Was soll ich verzeihen? — Ah! — Ist das auch eine Unvorsichtigkeit?

Ah? — Wie kannst Du, als Pop, eine Pfeife rauchen mit langem Rohr? —

Ah!« — schrie ihn der Mitropolit an, in einem Tone, als wenn er ihn

ausschelten möchte.

»Ich verbiete Dir ein für allemal …« sprach der Mitropolit weiter,

»aus einer Pfeife mit einem langen Rohre zu rauchen oder eine solche zu

besitzen … jetzt gehst Du geraden Weges nach Hause und brichst das

lange Pfeifenrohr in zwei Stücke …«

Vom kurzen Rohr wurde weiter nicht gesprochen und auch der anderen

Klagen nicht erwähnt; von der Zeit an blieb Botvinovskij unbelästigt.

Ich erinnere mich ferner einer altadeligen Familie, Mutter und Töchter,

welche mir persönlich bekannt waren.

Sie war eine brave, tüchtige Frau, die Mutter dieser sechs Töchter, die

nach damaligen Begriffen wohlerzogen waren und nicht häßlich genannt

werden konnten; auch reich waren sie, konnten aber trotz ihres

Reichtumes keinen Mann finden, was der Mutter höchst unangenehm war.

Nach Ansicht derselben war niemand schuld daran — als die Männer

selbst, welche nichts weiter sind als Egoisten, Schmeichler,

Speichellecker, welche reiche Häuser besuchen, nicht um die Töchter zu

heiraten, sondern um sich gut anzuessen.

Eines schönen Tages erschien sie mit allen ihren sechs Töchtern ganz

unerwartet in Kiev, um einen in der Nähe der Stadt einsam wohnenden

Mönch aufzusuchen, welcher im Rufe großer Frömmigkeit stand; diesen

wollte sie bitten, für ihre Töchter zu beten, damit sich Freier für

diese einfinden möchten.

Die Frau nahm Wohnung im Klosterhof; ich selbst bekam von meinen Eltern

den Auftrag, sie aufzusuchen und ihr nach jeder Richtung hin behilflich

zu sein.

Sie bat mich, mit ihr nach Kitaev, dem Wohnorte des Mönches zu fahren

und zwar sobald als möglich, da sie vor Ungeduld brenne, den Einsiedler

zu sprechen und dessen »Schicksalsspruch« zu hören.

Diesem Wunsche konnte ich mich nicht gut entziehen, obzwar ich für meine

Person keine große Lust spürte mit dem Einsiedler bekannt zu werden oder

ihn in seiner Ruhe zu stören und zu beunruhigen; mir war von seiner

Sehergabe nur soviel bekannt, daß er dem Begegnenden auf sein: »Sei

gegrüßt, Väterchen«, gewöhnlich zur Antwort gab »auch Du, Sünder«.

Auf meine Bemerkung, ob es denn unbedingt nötig sei, wegen einer solchen

Angelegenheit den guten Alten zu beunruhigen, gab mir die Mutter zur

Antwort:

»Wie können Sie eine derartige Angelegenheit beurteilen? … Es wäre

eine unverzeihliche große Sünde, eine solche Gelegenheit unbenutzt

vorübergehen zu lassen … Ihr alle in Kiev seid Freigeister … nach

neuer Art … ihr glaubt an nichts, während wir immer noch gläubig sind

… Aufrichtig gestanden, ich bin ja mit meinen Töchtern nur deshalb

hierher gekommen, um den frommen Mann aufzusuchen … Beten können wir

zu Hause auch, ebenso wallfahrten wohin wir wollen — nach Mcensk zum

heiligen Nikolaus, nach Orel zur heiligen Mutter Gottes im Frauenkloster

… aber man sagte uns, der Einsiedler besitze die Gabe, alles

vorauszusehen, und er soll mir deshalb das Schicksal meiner Töchter

voraussagen.«

»Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Sie von ihm nichts anderes

hören werden, als etwa: ›Guten Tag, ihr Sünderinnen‹«, erwiderte ich.

»Möglich … aber es kann sein … daß er mir zu Liebe sonst noch etwas

sagen wird.«

»Jedenfalls wird er noch was anderes euch sagen,« dachte ich mir.

Die Mutter hatte recht, gesagt hat er schon etwas.

So fuhren wir denn eines schönen Tages nach dem Wald von Kitaevsk und

Golosjevsk, nahmen den unvermeidlichen Samovar, verschiedenes Gebäck,

Delikatessen, Weine, Melonen und noch aller Art Proviant mit; dort

angekommen erholten wir uns erst von der Fahrt, besuchten die Kirchen

und machten uns schließlich auf den Weg den Einsiedler zu suchen.

In Kitaevsk haben wir ihn nicht gefunden, man wollte ihn auf dem Wege

nach Golosjevsk gesehen haben, wo während des Sommers der Mitropolit zu

wohnen pflegte.

Wir gingen und gingen, frugen jeden, der uns begegnete, und kamen

schließlich in einen Garten, wo man uns sagte, daß sich der Mönch dort

befinden dürfte.

Endlich fanden wir ihn.

»Guten Tag, Väterchen!«

»Guten Tag, ihr Sünderinnen!«

Die Damen stutzten über diese Antwort; die Mutter aber, welche bemerkte,

der Alte wolle einen ganz entgegengesetzten Weg einschlagen, ermutigte

sich und sagte:

»Sagen Sie uns noch etwas, Väterchen!«

»Gut,« sagt er, »lebt wohl, ihr Sünderinnen!«

Damit ließ er uns stehen; aber mit einemmal erschien an seiner Stelle

ein anderer Greis — nicht so groß vom Wuchse, wie der Mönch, aber mit

hellem, klarem, freundlichem Gesichtsausdruck und frug:

»Was wollt Ihr, Närrchen? — Ach! … Ihr dummen, dummen … geht doch

lieber nach Hause …«

Dieser Greis entfernte sich ebenfalls.

»Wer war dieser zweite, der eben mit uns gesprochen?« frugen die Damen.

»Das war der Mitropolit,« gab ich zur Antwort.

»Das kann doch wohl nicht sein!«

»Ist aber schon, er selbst.«

»Ach! mein Gott! … welches Glück … jetzt werden wir zu Hause allen

erzählen, daß der Metropolit mit uns gesprochen hat … Die Leute werden

es gar nicht glauben wollen! … Und wie freundlich, zuvorkommend und

herablassend er ist …«

»Er ist unser Orlover Landsmann,« sprach ich.

»Gewiß hat er nach dem Dialekt erkannt, daß wir Orlover sind und ist

deshalb so freundlich mit uns gewesen.«

Über diese Begegnung waren sie so glücklich, daß sie zu weinen anfingen.

Ja, dieser Greis war tatsächlich der Mitropolit selbst, welcher sofort

erkannte, wess' Geistes Kinder er vor sich zu stehen habe; Sünderinnen

konnte man meine Landmänninnen weniger nennen, wohl aber beschränkt …

dumm!

Alles dieses erzähle ich nur deshalb, um Gelegenheit zu geben, den

Charakter des Mitropoliten richtiger beurteilen und um daraus den Schluß

ziehen zu können, wie sich derselbe in der Angelegenheit des Juden

benehmen wird, in einer Angelegenheit, in welcher wir alle, die Juden

bemitleidend, nichts machen konnten, ja selbst die höchste,

einflußreichste und machtbesitzende Persönlichkeit machtlos und ohne

Einfluß blieb.

Wir gingen alle um das Feuer herum, in welchem die Kastanien lagen, aber

niemand traute sich dieselben herauszuholen, da er fürchtete sich zu

verbrennen; diese Mühe blieb dem Mitropoliten vorbehalten, einer Person,

welche der ganzen Angelegenheit völlig fremd gegenüberstand.

Sechzehntes Kapitel.

Was wird er tun?

Ehe ich jedoch in meiner Erzählung fortfahre, in welcher Art er die

Angelegenheit des Introligators zu Ende führte und ein gerechtes Urteil

fällte in einem Falle, welcher gesetzmäßig dem weltlichen Richter und

nicht dem geistlichen vorbehalten war, will ich noch eines Falles

erwähnen, der in Kiev vorfiel und in welchem der Mitropolit einen

besonderen Beweis seines Mitleidens und seiner Herzensgüte zur Äußerung

brachte.

In der Familie des T. ereignete sich großes Unglück; die hochgebildete,

hochherzige, sehr religiöse Dame K. F. endete durch Selbstmord,

hinterließ aber derartige Anordnungen, daß man diesen Selbstmord nicht

als die Folge einer Geistesverwirrung ansehen konnte; ebenso wenig lag

irgend ein Grund vor, an eine Gehirnanomalie zu glauben.

Der Arzt gab sein Zeugnis dahin ab, daß eine krankhafte Änderung im

Gehirn nicht vorgefunden worden ist, worauf die Polizei eine Beerdigung

auf dem Kirchhofe nicht gestatten wollte.

Alles dieses hat die durch den unverhofften und unerklärlichen

Selbstmord eines Familiengliedes in die tiefste Trauer versetzten

Angehörigen der Toten tief niedergebeugt und trostlos gemacht, aber

gegen die Anordnung der Polizei, weil im Gesetze begründet, konnte

nichts gemacht werden.

Der Verwandte der Familie, Redakteur des »Kiever Telegraf«, Alfred Jung,

eilte zum Mitropoliten und bat ihn zu gestatten, daß die Selbstmörderin

in üblicher Weise durch die Geistlichkeit auf dem Kirchhofe in geweihter

Erde beerdigt werde, ohne Rücksicht auf das ärztliche Zeugnis und Verbot

der Polizei.

Der Mitropolit empfing den Bittsteller trotz vorgerückter Stunde sehr

freundlich, dieser teilte ihm das Unglück und die Bitte der Familie mit,

worauf sich der Mitropolit, mit dem Kopfe schüttelnd, seufzend dahin

äußerte, daß er die Selbstmörderin persönlich sehr wohl kannte und sie

bedauere.

»Die Arme; Arme … ich kannte sie sehr wohl … kannte sie, die Arme

…«

»Eminenz! man will nicht erlauben, sie nach kirchlichem Gebrauche in

geweihter Erde beizusetzen … für die Familie ist dieses schrecklich,

fürchterlich!«

»Warum nicht begraben? … Wer erlaubt sich dieses zu verbieten? …«

»Die Polizei …«

»Was geht das die Polizei an,« unterbrach der Mitropolit den Redakteur

Jung … »Ei, ei! was die sich ausgedacht …«

»Es ist deshalb, Eminenz, weil der Arzt gefunden, sie hätte den

Selbstmord bei vollem Bewußtsein ausgeführt!«

»Was hat der Arzt für Schlüsse zu ziehen? … was versteht der vom

Verstande! … Das kenne ich besser … Frauenzimmer … schwaches …

ohnmächtiges … Gefäß … — hinfällig … _ich befehle_, daß sie nach

kirchlichem Brauche in geweihter Erde beerdigt werde … ja, _ich

befehle es_ … _befehle_ es …«

Und wie er befahl, so geschah es!

Und etwas ähnliches konnte auch heute in Sache des Introligators

vorfallen.

Nach einer Richtung hin war unser Fall dem eben erzählten ähnlich; der

Mitropolit war heute noch derselbe wie damals, und heute konnte er eine

Sache wiederum besser beurteilen, als wir übrigen; er konnte dort Gnade

für Recht ergehen lassen, dort, wo man das Recht tatsächlich mit Füßen

trat.

Gewiß wird er auch in unserem Falle sagen: ich kenne das besser … und

damit diesen Fall beendigen.

Obzwar ich vordem Zweifel hegte, ja eine Möglichkeit, daß dem

Introligator sein Recht werde, völlig ausschloß, fing ich nun an zu

hoffen und erwartete, daß sich etwas ungewöhnliches, unvorhergesehenes,

unerwartetes ereignen werde, besonders jetzt, seitdem Fürst

Vasilčikov die ganze Sache zur Urteilsschöpfung einem Richter

überließ, der am besten und klarsten das Recht vom Unrecht zu

unterscheiden verstand.

Damals hatte ich noch nicht die Schriften des heiligen Augustinus[7]

gelesen, auch waren mir die geistreichen Ansichten Laurent Sterns[8]

noch nicht bekannt, aber mein einfacher Sinn setzte voraus, der

Mitropolit könne es gar nicht zulassen, daß ein Mensch in den Schoß der

allein seligmachenden Kirche aufgenommen werde, welcher nach der Ansicht

Sterns dieser Kirche einen Besuch im Schlafrocke abstatte.

[Fußnote 7: »De fide et operibus« und »De catechisandis rudibus«.]

[Fußnote 8: Bekannter englischer Humorist, Pastor der Kirche in Sutton,

bekannt durch seinen satyrischen Scharfsinn und sanftes Gefühl. Derselbe

sagt: »Umsonst glauben jene gute Christen zu sein, welche nicht dafür

Sorge tragen auch gute Menschen zu sein! — Sich zu Christus bekennen,

und gegen seinen Nächsten böse Absichten tragen, ist ungehöriger und

unverzeihlicher, als einen Besuch im Schlafrock zu machen.«]

Welche Vorteile für die Kirche aus solchen Proselyten erwachsen, ist mir

unbegreiflich; diese Leute bringen dem wahren Christentum mehr Schaden

als Nutzen, denn sie vermehren die Zahl jener Personen ohne Glauben,

ohne Ehre, ohne Überzeugung, welche nur den Namen Gottes lästern.

»Nein,« sagte ich zu mir selbst, »nein! der Mitropolit wird gewiß das

richtige Urteil fällen.«

Und ich irrte mich nicht!

Ich kehre nun zu meiner eigentlichen Erzählung zurück, um sie zu

beendigen.

Ich unterbrach dieselbe in jenem Augenblicke als Drukart mit dem Juden

zum Mitropoliten fuhr.

Siebzehntes Kapitel.

Diesen erwähnten Tag war der Jude bedeutend ruhiger, seine Verzweiflung

und Mutlosigkeit war eine schwächere, geringere, als am vorhergehenden

Tage; er heulte, jammerte und ächzte auch heute noch, jedoch viel

seltener, auch heute warf er sich hin und her und zuckte krampfhaft auf,

aber alles dieses war, im Vergleiche zum vorhergehenden Tage, doch

bedeutend mäßiger.

Diese Beruhigung konnte man dem Umstande zuschreiben, daß er seinen

Sohn, wenn auch aus ziemlicher Entfernung, gesehen hat, da derselbe in

demselben Wirtshause interniert war, wo die anderen Rekruten bewacht

wurden.

Sowie Drukart den Introligator neben sich in den Schlitten setzte,

fingen die früheren Erscheinungen der Verzweiflung und Mutlosigkeit, des

Jammers und der Angst in stärkerem Maße aufzutreten.

Wie man mir später erzählte, soll sich der Jude wie ein Wahnsinniger,

überhaupt wie einer, der den Verstand verloren hat, gebärdet haben, er

griff mit beiden Händen an den Kopf, sprang auf, schrie, schwenkte mit

den Händen in der Luft, ja soll während der Fahrt einigemal versucht

haben, aus dem Schlitten herauszuspringen und wegzulaufen.

Wohin? — Warum und weswegen? — darüber dürfte er sich selbst nicht

klar gewesen sein; aber als sie durch das Festungstor fuhren, da gelang

es ihm doch aus dem Schlitten herauszuspringen, dabei fiel er jedoch auf

einen Schneehaufen, sprang jedoch rasch auf, lief gegen die Mauer, und

die Hände ringend schrie er helllaut:

»Oi! Jeschu! Jeschu! … Was wird der Pop mit mir machen?«

Zwei diensteifrige Soldaten, welche in diesem Augenblicke vorübergingen,

griffen den Juden auf, jagten ihm Furcht ein und setzten ihn wieder in

den Schlitten.

In wenigen Minuten hielt dieser vor der sogenannten »goldenen Pforte«

an.

Das Gebaren des Juden in der Zeit, während seine Angelegenheit dem

Mitropoliten zur Entscheidung vorgetragen worden ist, soll

unbeschreiblich gewesen sein; er verbeugte sich und machte tiefe

Bücklinge und Reverenzen nicht nur vor allen ihm begegnenden Mönchen und

dienenden Brüdern, sondern auch vor den Bildern, welche einen

außergewöhnlich großen Eindruck auf ihn geübt hatten.

Dabei hörte er aber nicht auf zu seufzen und zu jammern.

Ein halbblinder alter, dienender Bruder, der stets mit einer Büchse und

geheiligtem Wasser unter dem Tore saß, besprengte den Juden mit

demselben; der Jude jedoch beeilte sich die wenigen Tropfen Wasser,

welche auf ihn fielen, so rasch wie tunlich abzuwischen.

Jetzt erst war der Schlitten so weit, um bald vor der Residenz des

Mitropoliten anzuhalten; es handelte sich nun darum, ob der Mitropolit

den Drukart mit dem Juden überhaupt empfangen wird, oder ob gewartet

werden müsse.

Drukart hat alles während der Fahrt wohlweislich nochmals bedacht,

namentlich in welcher Art und Weise er den Auftrag des Fürsten an den

Mitropoliten ausführen soll.

Zuerst war er der Ansicht den Juden im Schlitten zurückzulassen, selbst

um Audienz beim Mitropoliten zu bitten, diesem die Angelegenheit kurz,

in wenigen Worten, mitzuteilen, dabei gleichzeitig seine Rede so zu

halten, daß beim Mitropoliten Mitleid und Interesse für den Juden erregt

werde; was dann sein wird — das wird sein!

Wenn alles so sich ereignet hätte, wie es gedacht worden, wer weiß, ob

das Ende so ausgefallen wäre, wie dies später der Fall gewesen.

Ich habe schon erwähnt, was für ein herrlicher, schöner, warmer Tag

gewesen.

Der Mitropolit stand zu jener Zeit bereits hoch in Jahren, fast an der

Neige des Lebens, war fast fortwährend kränklich, mitunter litt er

schwere Schmerzen und mußte längere Zeit das Bett hüten.

Sein Leibarzt war Professor Vl. Af. Karavaev, der eigentliche

behandelnde Arzt jedoch dessen Gehilfe Zaslavskij, welchen der

Metropolit »Vater Zaslavskij« zu nennen pflegte.

In der Zwischenzeit, wo er den Zaslavskij nicht nötig hatte, unternahm

er nicht selten sogar kleine Spaziergänge in freier Luft.

Drukart und der Jude kamen gerade zu einer Zeit, die nicht besser und

erwünschter sein konnte.

Der Schlitten bog um den Glockenturm, um vor die Residenz vorzufahren,

als Drukart eine kleine Gruppe von Mönchen entdeckte, welche vor dem

Eingangstore des Klosters standen; unter ihnen befand sich der

Mitropolit.

Derselbe entschloß sich an diesem wunderschönen Tage frische warme Luft

zu atmen und ist ohne Kopfbedeckung, ohne alle Zeichen seiner hohen

Würde — im einfachen Hauskleide, einem kurzen warmen Pelzrock vor das

Haus gegangen.

Drukart erkannte den Mitropoliten schon von weitem, stieg aus, und an

den Mitropoliten tretend, fing er an ihm die Ursache seines Kommens und

seines Auftrages mitzuteilen.

Der Mitropolit hörte anscheinend ohne jede Aufmerksamkeit die Erzählung

an, und mit den Augen blinzelnd, hörte er nicht auf, eine der Kuppeln

auf dem Dome zu betrachten, auf welcher im Sonnenscheine Tauben, Dohlen,

Krähen, Raben, Spatzen sich durcheinander tummelten oder ruhig saßen.

Es schien, als wenn der Mitropolit für gar nichts anderes Interesse

hätte, als für die auf der Kuppel sitzende, huschende, springende,

streitende Vogelschar; doch als Drukart im Laufe der Erzählung zu jener

Tatsache kam, wo der Gemietete den Mieter betrog, da lächelte der

Mitropolit stille vor sich hin und sprach:

»Sieh! der Dieb stahl dem Dieb den Stock!« und mit dem Kopfe schüttelnd,

setzte er seine Betrachtungen der Vogelwelt weiter fort.

»Euere Eminenz!« fuhr Drukart fort, »die Angelegenheit befindet sich nun

in folgendem Stadium …« er machte die Folgen des Ausganges dem

Mitropoliten klar …

Dieser schwieg nach wie vor, atmete mit großen Zügen tief die milde

frische Luft ein und betrachtete die Vogelwelt.

Die Stellung des Abgesandten des Fürsten fing recht unbequem zu werden

— er fügte noch einiges nebensächliche hinzu und unterbrach dann seine

Rede.

Der Mitropolit schwieg und vertiefte sich in seine Betrachtungen.

»Was befehlen, Euere Eminenz, daß ich dem Fürsten mitteile,« frug

endlich Drukart, »Seine Excellenz bittet, da ihm das Gesetz die

Möglichkeit benimmt …«

»Gesetz … Möglichkeit … mich bittet? …« sprach der Mitropolit in

einer Weise, als wenn er laut denken und etwas erwägen würde, dann

schaute er plötzlich den Introligator, der in großer Angst in einiger

Entfernung von den anderen stand, scharf an.

Die Augenlider des Mitropoliten hoben und senkten sich rasch und langsam

sprechend meinte er:

»Ach! — was soll ich mit Dir, Jude, anfangen?« jedoch später zufügend:

»Wie bist Du aber dumm!«

Der sich krampfhaft windende Jude hörte die an ihn gerichtete Rede an,

fiel zur Erde, krümmte sich, weinte, jammerte:

»Jeschu! Jeschu! Hanozri!«

»Warum schreist Du, dummer Jude!«

»Oi! Euere … oi! … Euere Eminenz … wenn … wenn … wenn sich

niemand … wie Sie …«

»Nein, nicht ich, sondern Gott allein … Du Dummkopf!«

»Oi Gott! … oi Gott! … oi Jeschu! Jeschu! …«

»Warum rufst Du immer Jeschu an? — sage einfach Herr Jesus Christus!«

»Oi … wenn … Herr oi … Sus Chrischt! … oi … oi … gib mir …

gib mir … Herr … Herr … gib mir mein Kind!«

»Nun also, Dummkopf!«

»Er ist bereits halb wahnsinnig,« meinte Drukart — »aufrichtig

gestanden, es ist sogar höchst merkwürdig, daß er es noch nicht geworden

ist, und daß er sich überhaupt bei allem dem Unglück, das ihn betroffen,

noch so weit erhalten kann.«

Der Mitropolit atmete tief auf, sprach leise und langsam:

»Die Liebe macht nie schwach!« und die Augen wiederum der Vogelschar auf

dem Dache zuwendend, sprach er plötzlich, wie zu sich selbst sprechend:

»Ist unwürdig die heilige Taufe zu empfangen … wegschicken … unter

die Soldaten …« damit drehte er sich um und ging ohne weiteres zu

sagen in seine Wohnung zurück.

Eine Berufung gegen dieses »Urteil Seiner Eminenz« gab es nicht; alle

waren mit demselben — den Schneider ausgenommen — zufrieden, alle

gleichzeitig darin einig, daß der friedfertigste aller Priester, über

den Parteien stehend, das Richtige gefunden und den stark verwickelten

Knoten in einfacher Weise gelöst habe.

Den der Taufe unwürdig befundenen Schlaukopf führte man sofort zur

Stellung, schnitt ihm das Haar ab, und dem überglücklichen Vater übergab

man das Kind, seinen Sohn.

An ihrem gegenseitigen Glücke sich zu freuen gab es keine Zeit.

Der geschorene Mietling ließ sich aber, wie mir später mitgeteilt wurde,

dennoch taufen, mehr jedoch wegen der 30 Rubeln, welche zu jener Zeit

jeder Jude erhielt (wohl als Prämie), der sich taufen ließ.

Es scheint also, daß keine Seite einen Verlust zu verzeichnen hatte.

Mit diesem könnte ich zwar meine Erzählung beschließen, wenn ich nicht

eine merkwürdige Begegnung gehabt hätte, welche teilweise in einer

gewissen Verbindung mit dem Erzählten steht.

Achtzehntes Kapitel.

(An Stelle eines Epilogs.)

Der Krieg in der Krim war beendet, der Friede geschlossen worden.

In der Litteratur zeigte sich eine neue Strömung; eine nicht geringe

Zahl junger Leute verließ den Staatsdienst und widmete sich ganz der

Litteratur; oder sie suchten und fanden Beschäftigung in verschiedenen

Privatunternehmungen, welche wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden

schossen.

Ich selbst bin Teilhaber eines englischen Handlungshauses geworden, in

dessen Interesse ich fast das ganze Jahr ununterbrochen reisen mußte.

Sobald es das Geschäft verlangte, mußte ich mich dann und wann in irgend

einer Stadt längere Zeit aufhalten, und da ich in solchen Fällen viel

freie Zeit hatte, las ich viel und schaffte mir ältere und neuere Werke

über jene Gegenstände an, welche gerade mein Interesse in Anspruch

nahmen.

Gelegentlich eines Aufenthaltes in dem berühmten und bekannten

Wallfahrtsorte Sergiev-Troica kaufte ich zufällig auf dem dortigen

Markte die Schriften Voltaires, in welchen mich besonders jene Stellen

interessierten, welche Bezug auf die Bibel hatten.

Was die Bibel sei, wie und warum von Moses die fünf Bücher geschrieben,

in welcher Art das goldne Kalb zu Pulver gestoßen werden konnte, da sich

das Gold nicht pulverisieren lasse … alles dieses und ähnliches ließen

mich darauf bezügliche befriedigende Antwort suchen.

Ich wollte um jeden Preis die schon damals äußerst seltene russische

Ausgabe der »Jüdischen Briefe an Herrn Voltaire« kaufen und wendete mich

an eine Buchhandlung in Moskau, die jedoch das Buch nicht besaß.

Mir wurde eine zweite Buchhandlung empfohlen, welche sich speziell mit

dem Handel mit seltenen Büchern befaßt; hier versprach man mir das

erwähnte Buch zu verschaffen, da man dort wußte, in wessen Besitz sich

ein Exemplar der »Jüdischen Briefe« befinde.

Ich wartete längere Zeit; auf meine Anfragen, wann ich in den Besitz des

Buches kommen kann, bekam ich die stereotype Antwort, der Besitzer

desselben, ein Buchbinder, sei abgereist, müsse aber bald zurückkommen.

In dieser Weise zog sich die Angelegenheit in die Länge und ich war nahe

daran abzureisen, als ich, nochmals die Buchhandlung aufsuchend, die

Auskunft erhielt, der Buchbinder sei zurückgekehrt, ich soll nur einige

Augenblicke warten, er werde selbst kommen und das Gewünschte bringen.

Ich setzte mich, durchblätterte die aufliegenden alten und neuen Bücher,

als man mit einemmale ausrief:

»Er kommt!«

Ich blicke auf und sehe in den Laden einen alten Mann eintreten, mit

mildem, ruhigen Gesichtsausdruck, ausgesprochen jüdischen Typus, mit

schneeweißem Haare, gekleidet nach üblicher kleinbürgerlich russischer

Art, weiter langer Rock, eine Mütze mit breitem Boden und großem Schirm;

in der Hand trug derselbe in ein blaugefärbtes Baumwolltuch eingebunden

einige Bücher.

»Ei! Gregor Ivanič, wie lang ist es schon, daß sie sich bei uns nicht

sehen ließen?«

»Hatte keine Zeit gehabt,« gab er ruhig zur Antwort, das Bücherpaket auf

den Ladentisch legend.

Ein weiteres Gespräch wurde nicht geführt; er erhielt Geld, während man

mir zusagte die Bücher nebst Rechnung in meine Wohnung zu schicken.

Das war selbstverständlich ein kaufmännischer Vorfall — doch damit war

die Sache nicht beendet.

Mich interessierte die Person des Buchbinders und ich leitete ein

Gespräch mit ihm an, anknüpfend an den Inhalt der gelieferten Bücher

»Jüdische Briefe an Herrn Voltaire.«

»Der Inhalt der Bücher ist wohl sehr interessant?« frug ich.

»Nun … ja …« gab er zur Antwort, »gewiß — interessant für den, der

sie nicht gelesen …«

»Meinen Sie nicht, daß diese Briefe von Rabbinern wirklich geschrieben

seien?«

»Nn … nn … Gott allein weiß es,« gab er sichtlich ungern zur

Antwort, doch setzte er dann mit einigem Lächeln hinzu: »sie dürften

wohl einiges über die Bibel gelesen haben (in seiner Rede gab es eine

große Zahl spezifisch jüdischer Ausdrücke), sie ist still und stumm, wie

die Wüste Sahara über Einzelnes, über Anderes aber weitschweifig, laut,

ausführlich wie Moses … Wer kann daraus klug werden? … Fu! aus dem

alten Testament kann man gar nichts herauslesen! … das neue Testament

dagegen! die Evangelien! … das ist etwas ganz Anderes … in diesem

ist alles klar, einfach, deutlich ausgedrückt … begreiflich … die

Bibel …« und er machte mit der Hand eine abweisende, abwehrende

Bewegung und schloß mit den Worten:

»Gott weiß, wer und was damals und auf was geschrieben worden ist …

darüber könnte man _ja_ den Verstand verlieren!«

Ich äußerte mein Erstaunen darüber, daß er die Evangelien und das neue

Testament kenne.

»Und was ist merkwürdiges daran? bin ich ja doch ein Christ.«

»Und ist es schon lange her, daß Sie sich taufen ließen? …«

»Nein, nicht sehr lange …«

»Und wer hat Sie von der Wahrheit unseres Glaubens überzeugt?«

»Das kann man klar aus dem alten Testamente herauslesen, denn dort steht

geschrieben, daß ein neuer Erlöser kommen und eine neue Kirche gründen

werde, und diesen Messias habe ich selbst, mit eigenen Augen gesehen …

Warum soll man noch warten, wenn er schon unter uns sich befindet?«

Ȇbrigens haben andere Juden dasselbe gelesen wie Sie, glauben es aber

doch nicht?«

»Nein, sie glauben es nicht, weil Verschiedenes im Talmud geschrieben

steht, und sie die Stellen, weiß Gott, in welcher Art auslegen: was es

für einen Messias geben wird, wo und wie er erscheinen und in der Welt

wandern wird und vieles Andere … doch das alles ist leeres Geschwätz

… der Messias ist gekommen, gekleidet in unser sklavisches Äußere und

wir haben nichts anderes zu tun, als seine Lehren zu befolgen … Leben

Sie wohl … Auf Wiedersehen …«

Er verbeugte sich und ging.

Ich unterhielt mich mit dem Buchhändler über diesen Mann, welcher mir

sagte, daß der Buchbinder sehr gebildet und geistreich sei.

»Ja,« frug ich, »sagen Sie mir, welchem Glauben gehört er eigentlich

an?«

»Er ist ein getaufter Jude, einzelne halten ihn für einen Missionär.«

»Er scheint viel gelesen zu haben?«

»Das ist sicher und wahr, nur spricht er sich nicht gerne aus und selten

werden Sie ihn namentlich über alte und seltene Bücher ein Urteil fällen

hören, höchstens einzelne Worte oder kurze Sätze, dann eine abwehrende

Handbewegung, das ist alles; aber seinen Juden, denen erklärt er das

neue Testament, die Evangelien, sucht sie zur neuen Kirche zu bekehren,

wofür er von ihnen vieles zu leiden hat. Nicht selten haben sie ihn

geschlagen, ja erdrosseln wollten sie ihn sogar, ohne daß er Zeichen

irgend einer Gegenwehr, Ungeduld von sich gegeben hätte … Christus ist

gekommen … predigt er … und einen zweiten wartet nicht ab … er

kommt nicht mehr und wird nicht mehr sein.«

»Und sie? die Juden?«

»Gestikulieren, werfen mit den Händen hin und her, schreien wie wilde

Tiere, als hu! hu! … und schließlich ist nichts … sie nehmen

Verstand an.«

»Und seine Familie? … sind sie auch getauft?«

Der Buchhändler lachte laut auf:

»Was ist für ihn Familie, da er ja großer Ungläubiger ist!«

»Wie so ungläubig?«

»Wie kann man ihn anders nennen, er hält sich an keine Regel und Geld?«

»Das Geld liebt er wohl?«

»Besitzt für ihn gar keinen Wert, was er in die eine Hand erhält,

verteilt er mit der anderen.«

»An wen?«

»An wen immer.«

»An Juden bloß oder auch an Christen?«

»Ich sagte doch: an wen immer … Man hält ihn für geistesschwach.«

»Was Sie sagen!«

»Man erzählt, es wäre mit ihm etwas eigenartiges vorgefallen?«

»Was denn?«

Da machte der Buchhändler eine eigenartige Geste mit der Hand.

»Es ist schon lange her, da haben sie seinen Sohn in der Nacht geraubt

und wollten ihn unter die Soldaten stecken. — Da soll ihm etwas

eigenartiges zugestoßen sein; ein Krokodil soll ihn gebissen haben, auch

soll etwas mit dem Ersatzmann vorgefallen sein, so daß sie diesen nicht

unter die Soldaten nehmen wollten, bis ihn der damalige Mitropolit

Filaret in Kiev segnete und ihm dann das Haar schneiden ließ. Der Sohn

des Buchbinders ist kurze Zeit darauf gestorben; gemartert haben sie

ihn, sagt er, die Lieferanten; auch seine Frau ist gestorben und er

selbst — dieser Mann — ist stark in seinen Vermögensverhältnissen

heruntergekommen; er kam zu der Einsicht, daß es nötig sei, nicht nur

auf das, was auf der Erde vorgeht, zu achten, sondern auch das zu

glauben, was im Himmel geschieht und fand, daß es wohl das beste sei,

sich taufen zu lassen.« Und diese Mitteilung brachte mir plötzlich jenen

Vorfall in Erinnerung, wo ich diesem Manne, unter ganz anderen

Verhältnissen, zum erstenmale begegnete.

Und abermals bestätigte sich das Wahrwort: »Die Berge wohl nicht, aber

die Menschen begegnen sich!«

Er war selig und zufrieden und reich im Glauben!

Novellen · 第 10 / 14 题