DAS URTEIL SEINER EMINENZ.

Erstes Kapitel.

Sehr jung, fast noch ein Kind, trat ich in den Staatsdienst und wurde in

Kiev der Finanzdirektion zugeteilt, welcher Alexander Kirylovič

Klučarev als leitender Direktor vorstand.

Klučarev war im wahren Sinne des Wortes ein »eifriger Beamter, ein

Streber« vom Scheitel bis zur Zehe, welcher von allen ihm Untergebenen

nicht nur gefürchtet, sondern auch gehaßt wurde, sowohl in Kiev, wie

auch in seinem früheren Dienstorte Žitomir; in Petersburg aber, wohin

derselbe als Departements-Vorstand versetzt worden ist, empfand vor ihm

Niemand Furcht, im Gegenteile, man gab diesem außergewöhnlich strengen,

rücksichtslosen, trockenen Formalisten bald deutlich zu verstehen, daß

man seiner Dienste nicht bedürfe, da ja auch andere, jüngere, eben

dasselbe leisten können, wie er, Klučarev.

Er wurde in den Ruhestand versetzt, starb jedoch bald darauf, und es gab

Niemanden, der ihm eine Träne nachgeweint hätte.

Klučarev stammte aus einer Popenfamilie und wurde in einem

geistlichen Seminar erzogen und ausgebildet.

Er war außergewöhnlich kräftig gebaut, unermüdlich tätig, trocken und

kurz im Verkehr, liebte in allem Genauigkeit und Pünktlichkeit und war

— harten Herzens.

Es ist wahr, er liebte seinen Schoßhund mit den braunen hängenden Ohren,

küßte denselben aufs Maul, konnte sehr besorgt und unruhig sein, wenn er

meinte, daß sich derselbe unwohl fühle und vielleicht traurig aussehe;

dann machte er eigenhändig diejenigen nötigen Operationen und

Waschungen, die man dem Tierarzt oder sonst irgend einem Diener

überläßt; aber ich habe selbst gesehen, wie in seinem Gesichte auch

nicht eine Muskel zuckte, in seinen Augen auch nicht ein einziger Strahl

des Mitgefühls sichtbar wurde, wenn er einen altgedienten Beamten mit

zahlreicher Familie — oft ohne jeden Grund und Ursache — aus dem

Dienste jagte oder ein jüdisches Kind unter die Soldaten aufnehmen und

ihm das Haar schneiden ließ.

Das Einstellen jüdischer Kinder in den Militärdienst war eine höchst

grausame gesetzliche Bestimmung.

Das Gesetz bestimmte, daß Kinder unter zwölf Jahren keine Aufnahme

finden sollten; meistenteils wurden doch Kinder unter diesem Alter »dem

äußeren Ansehen nach« aufgenommen, und zwar mit Vorliebe, einmal litt ja

der Dienst nicht darunter, dann zeigte es sich, daß je jünger die Kinder

waren, sie sich desto leichter einlebten, ihre Eltern vergaßen und keine

Schwierigkeiten beim darauffolgenden Taufen machten.

Diesen Umstand benutzten die Juden, welche die Kinder wie jede andere

Ware lieferten; die kleinen Kinder wurden den Müttern aus den Armen

gerissen oder geradezu in der Nacht aus dem Bett gestohlen, geraubt, in

die kleinen Krakauer Britschken gesetzt und zur Stellung geschleppt.

Wie herzzerreißend, wie widerwärtig alles dieses war, ist schwer, ja

geradezu gesagt, unmöglich zu beschreiben.

In allen jüdischen Städten, Städtchen und Dörfern erneuerte sich

tatsächlich das Weinen in Rama: »Rachel weinte bitter um ihre Kinder und

war trostlos.«

War das Gesetz, welches, Gott sei Dank! bereits aufgehoben ist, an und

für sich selbst grausam, es wurde dasselbe für die jüdische Bevölkerung

noch unerträglicher und drückender durch die Niederträchtigkeit und

Gewissenlosigkeit eigener Stammesgenossen.

Dem Gesetze zufolge mußte eine gewisse bestimmte Zahl jüdischer Rekruten

zur Stellung kommen, man war jedoch nie im Stande diese Zahl

aufzustellen unter den gewöhnlichen Verhältnissen; die Rekrutierungen

folgten sich viel zu rasch eine nach der anderen, weshalb jedesmal bei

der Stellung mit außerordentlicher Strenge verfahren werden mußte, um

keinen Ausfall eintreten zu lassen.

Es wurden deshalb stets mehr junge Leute eingestellt, als eigentlich

bestimmt war, wobei stets die Bemerkung gemacht wurde, daß dieses Mehr

bei der nächsten Stellung in Abrechnung komme; doch fand diese

Zusicherung keine weitere Beachtung, wurde einfach — vergessen.

Angenommen, eingeschrieben und von der Hand weg!

Das eingestellte Kind wurde sofort einem Regimente zugeteilt, das sich

weit, weit ab von dem Geburtsorte des Knaben in Garnison befand; die

armen beklagenswerten Judeneltern wußten und erfuhren nie mehr, wo sich

ihre Kinder befinden, oder wo man sie suchen könnte, die Kinder blieben

für die Eltern verloren, waren für sie tot; außerdem wurden fast alle,

ehe sie ihren Bestimmungsort erreichten, getauft.

Nicht wenige taufte man bereits in Kiev, wofür sich besonders die

Gemahlin des damaligen General-Gouverneurs Fürstin Katharina Aleksejevna

Vasilčikov geborene Fürstin Ščerbakov interessierte.

Die schreiendste Ungerechtigkeit bei diesem Rekrutierungsvorgange

bestand darin, daß bei fast allen Geburtsscheine aus den Matriken der

Rabbiner fehlten und daß das Alter, wie ich schon früher erwähnte, nur

nach dem äußeren Ansehen, nach Abschätzung, bestimmt wurde, wobei

Täuschungen und Irrtümer nicht ausgeschlossen waren.

Zumeist wurden »beschworene Aussagen« vorgelegt von sechs oder zwölf

Juden, welche unter Eid bestätigten, ihnen sei sehr genau bekannt, daß

dieser oder jener Schmule, Mordechai oder Wolf bereits zwanzig Jahre alt

sei; auf Grund _solcher_ Dokumente wurden sieben- bis achtjährige Kinder

für zwölf- bis vierzehnjährige ausgegeben.

Solcher Fälle gab es unendlich viele!

Ja, es kam nicht selten vor, daß das eine Dutzend Söhne Israels,

angeworben von dem Lieferanten der lebenden Ware, schworen, Jakob sei

zwölf Jahre alt; ein zweites, von den Eltern des Kindes gemietetes

Dutzend ebenfalls unter Eid aussagten, Jakob zähle nicht mehr wie

höchstens sieben Jahre.

Ja, ein und dasselbe Dutzend Juden schworen sogar sowohl zu Gunsten des

Lieferanten wie gleichzeitig zu Gunsten der Eltern desselben Kindes.

Es bildete sich, geradezu gesagt, eine Zunft, ein Klüngel von

»Schwörern«, bestehend aus dem Abschaum des jüdischen Proletariates und

Pöbels, wie solche sehr eingehend und wahrheitsgetreu der zur

katholischen Kirche übergetretene ehemalige Rabbiner Bravmann

schilderte.

Es waren das Banden ehrloser, gewissensloser, demoralisierter Juden, die

stets einen Haufen von mehreren Mann bildend, die Straßen unsicher

machten, herumvagierten unter dem Vorwande nach »Arbeit« zu suchen, d.

h. Leute zu finden, welche einen falschen Eid, falsche Zeugenschaft oder

ähnliches benötigten.

Und dort, wo es was zu beschwören gab, sei es beim Pristav oder dem

Rabbiner, welche sehr leicht bestochen werden konnten, wurde ohne Furcht

und ohne Zagen der Name Jehovas ungestraft angerufen, mit seinem Namen

manche Untat, manche Lüge und Unrecht zugedeckt.

Dieser Mißbrauch mit dem Namen Gottes war allgemein bekannt, aber …

die einmal von formaler Seite nicht anfechtbare Angelegenheit konnte den

Lauf der Sache nicht aufhalten.

Es hatte Niemand Zeit, Lust noch Mittel sich des Schwachen vor dem

Stärkeren anzunehmen, ihm zu raten, ihn zu verteidigen oder das Urteil

darüber zu fällen, ob das, was vorlag, auch tatsächlich wahr, recht oder

falsch sei.

Ja, ich sage offen: ich spürte in mir keine Lust etwas zu tun, weil ich

in diesem Meere von Tränen und Seufzern, in welchem ich meine jungen

Jahre zu verleben gezwungen war, alles bessere Gefühl verlor.

Wenn sich dann und wann ein schwaches Zeichen von Mitgefühl in meinem

Herzen regte, so wurde dieses Gefühl sofort unterdrückt durch die

Erkenntnis, diesem gräßlichen, herzzerreißenden Jammer der weinenden

Mütter und Väter nicht abhelfen zu können.

Die sich täglich, ja stündlich wiederholenden unbeschreiblichen Szenen

des menschlichen Jammers machten keinen Eindruck mehr auch auf das

feinstfühlige Herz.

Die Gewohnheit ist ein großes Ungeheuer!

Und wie es keine Regel ohne Ausnahme gibt, so erscheint vor meinem

geistigen Auge eine solche Ausnahme, weshalb ich den Fall erzählen will,

welcher meiner Ansicht nach einen weichen und warmen Strahl von Licht

auf eine Persönlichkeit wirft, die sich besonders durch ihre

Weichherzigkeit, Mildtätigkeit Religiosität von allen anderen hohen

Kirchenfürsten der russischen Kirche abhob und zwar den Mitropoliten in

Kiev Filaret Amfiteatrov.

Möglicherweise werdet ihr Euch darüber wundern, was gemeinschaftliches

der Mitropolit mit der Rekrutierung jüdischer Kinder hätte? — Für

gewöhnlich wäre dieses auch leicht der Fall, aber hier liegt ein

Ausnahmsfall vor, und dann ist das, was ich Euch erzählen werde, so

wunderbar, so merkwürdig und bietet soviel Interesse, daß ich annehmen

kann, ihr werdet mir bis zum Ende dieser nicht langen, aber wahren

Geschichte aufmerksame Hörer bleiben.

Zweites Kapitel.

Ohne Rücksicht darauf, daß ich noch sehr jung war, hat mich Klučarev

der Stellungskommission zugeteilt, wobei keine große Gesetzkenntnis noch

allgemeine Bildung, aber eine große Arbeitskraft nötig waren.

Von Früh bis Abends, solange es das Tageslicht erlaubte (bei Licht

wurden die Stellungspflichtigen nicht untersucht) zog sich die

Rekrutierung hin und es war absolut unmöglich während dieser Zeit das

Gebäude auch nur für ganz kurze Zeit zu verlassen oder die Klagen und

Proteste gegen die Vorführung entgegen zu nehmen, die vorgeführten Leute

zu klassifizieren, Erläuterungen oder Aufklärungen zu geben und Urteile

zu fällen.

War die Tagesarbeit beendet, dann mußte an die noch weit wichtigere,

dringendere und viel Zeit in Anspruch nehmende Arbeit geschritten

werden, welche darin bestand, die Schriften und Dokumente für den

folgenden Tag vorzubereiten.

Nicht genug daran, es mußten eingelangte Klagen und Beschwerden

durchgesehen, Rechnungen mit den Aufträgen kontrolliert, Anweisungen auf

Montierungen, auf Geld für Provisionen gegeben werden, abgesehen von

unzähligen Quittungen und Bestätigungen auf oft ganz minimale Beträge.

Im höchsten Grade widerwärtig war das Lesen der ganze Berge bildenden

Denuntiationen, Zuträgereien und der nicht selten höchst verwickelten

Beschwerdeschriften.

Das Kanzleipersonal bestand aus Beamten, welche aus den verschiedenen

Abteilungen hierher abkommandiert, nichts weiter, als die mechanische

Arbeit des Abschreibens zu besorgen hatten.

Der Hauptanteil an der ganzen Arbeit, welche eine gewisse Fassungs- und

Beurteilungsgabe verlangte, fiel mir zu als dem bestellten —

Kanzleivorstande.

Für gewöhnlich wurde auf diesen verantwortlichen, schweren und

nervenerschütternden Posten stets eine Person bestimmt, welche bereits

jahrelang im Dienste stand, aber Klučarev wählte, ich weiß nicht aus

welchem Grunde und welcher Berechnung, gerade mich aus, der ich doch

erst einige Monate diente und — 21 Jahre alt war.

Es ist leicht einzusetzen und zu begreifen, welche Mühe es mir machte

ein derartiges Amt in Ordnung zu halten, besonders unter einem viel

verlangenden, strengen, ja sogar harten, rücksichtslosen Vorgesetzten,

wie es eben Klučarev war.

Sein Nachfolger, der seelen- und herzensgute _N. M. Kobilin_, welcher

den Klučarev ablöste, bestätigte mich in meinem Amte.

Schon anderthalb Monate vor Anfang der Rekrutierung fing das hastige und

eilige Arbeiten an, da die Rekrutierungsbezirke und deren Reihenfolge

bestimmt werden mußten; die eigentliche Stellung nahm mehr Zeit weg als

die Vorarbeiten zu derselben, und erst nach Beendigung derselben, der

Abgabe des Schlußberichtes und der Rechnungslegung konnte ich ein wenig

freier aufatmen.

Während dieser Zeit lebte ich eigentlich kein menschliches Dasein; hatte

keinen Augenblick freie Zeit mit alleiniger Ausnahme von anderthalb

Stunden zum Mittagessen und es blieben mir kaum vier Stunden zum

Schlafen, die übrige Zeit verschlang der Dienst.

Es ist daher einleuchtend, daß bei einem solchen Leben wenig Zeit übrig

geblieben ist, um sich für fremdes Leid interessieren zu können und mit

fremden Leuten fremdes Leid zu beweinen. —

Zu jener Zeit an einem Tage, welcher mir nichts Angenehmes brachte, saß

ich Abends hinter dem Schreibtisch in meiner Kanzlei und las die

eingegangenen Aktenstücke, Beschwerden und Klagen.

Es waren ihrer keine geringe Zahl; fast alle enthielten eines und

dasselbe: Klagen und Bitten, ja sie waren fast alle nach einer und

derselben Schablone, fast mit denselben gleichen Worten verfaßt.

Mit einemmale fällt in meine Hand ein Blatt außergewöhnlich schlechten

Papiers, zerknüllt, weshalb ich auf dasselbe aufmerksam wurde.

Von diesem Blatte Papier und dem, was auf demselben geschrieben stand,

wehte eine so große Angst, Qual und Herzensleid, soviel Kummer und

Sorge, daß man dasselbe nicht achtlos aus den Händen legen konnte.

Der Blick auf dieses Papier erinnerte an jene Bettler, bei welchen die

Not und das Elend aus jedem Flicken, jedem Riß an den Kleidern, ja sogar

aus den Augen blickt.

Obzwar ich — aufrichtig gesagt — den Klagen keine große Aufmerksamkeit

für gewöhnlich zu schenken pflegte, fühlte ich hier eine nicht zu

überwindende Notwendigkeit auf den Inhalt des Geschriebenen näher

einzugehen und denselben aufmerksam durchzulesen; ich fand jedoch, daß

dies fast unmöglich sei.

Vorerst war es schwierig zu bestimmen, in welcher Sprache das Bittgesuch

eigentlich geschrieben sei; ja sogar die Buchstaben gehörten nicht einem

und demselben Alphabet an.

Es standen hier russische und polnische Wörter in den betreffenden

Schriftzeichen geschrieben nebeneinander, hie und da stand ein Wort,

nicht selten sogar ganze Sätze in hebräischen Buchstaben unter den

anderen.

Die Bittschrift war etwa in der Art und Weise verfaßt, wie jene der

Gogol'schen Kaufleute an den »Herrn Finanzew Chlestakov«; es fanden sich

hier einzelne Wörter aus dem allerhöchsten Titel, der Name des

Präsidenten, der Bart des General-Gouverneurs, Ober-Hochehrwürden und

»Flügertorčakov«[4] und »wenn Gott errette« — mit einem Worte, aus

dem ganzen war zu ersehen, der Bittsteller klage bei allen weltlichen

und geistlichen Gerichten der ganzen Welt, doch war die Bittschrift

derartig verfaßt, daß man dieselbe, unter anderen Verhältnissen, als

eine Scherz- oder Spotteingabe angesehen und einfach in den Papierkorb

geworfen hätte.

Und dennoch blickte aus allem diesen soviel Elend, Kummer, Sorge,

Herzensleid, Angst heraus, daß der Bittsteller einem leid tat.

Statt dieses Bittgesuch, wie es sich gebührt hätte, wegen

Nichteinhaltung der vorgeschriebenen Form einfach in den Papierkorb zu

werfen, unternahm ich nochmals den Versuch dasselbe aufmerksam zu lesen.

Der Unsinn in der Aufschrift war nichts im Vergleiche zum Unsinn im

Texte, dafür wehte aus diesem Unsinn erkennbar ein Weheruf, ein Schrei

der Verzweiflung.

[Fußnote 4: Flügertorčakov sollte andeuten »Flügeladjutant

_Čertkov_«.]

In schwer begreiflichen Ausdrücken, aus welchen sich der Sinn äußerst

schwierig herauslesen ließ, brachte Bittsteller folgendes zur Anzeige:

Er sei Introligator, d. h. Buchbinder; sein Handwerk bringe es mit sich,

sich mit verschiedenartigen Büchern beschäftigen zu müssen, in folge

dessen habe er verschiedene Lehren und Weisheiten über Gott und Religion

sich angeeignet.

Diese Aneignung, dieses Wissen habe ihn nicht nur bei seinen

Glaubensgenossen, sondern auch bei den »Kahal« selbst in Ungnade und

Mißkredit gebracht, weshalb letztere in einer Nacht in seine Hütte

eindrangen, seinen zehnjährigen Sohn aus dem Bette rissen, ihn raubten,

um ihn auf den Stellungsplatz nach Kiev zu bringen.

Der Introligator war tatsächlich von der Stellungspflicht befreit, sein

Sohn besaß noch nicht das vorgeschriebene Alter; außerdem lag dem

Bittgesuche eine eidlich abgegebene Aussage bei, in welcher bestätigt

wurde, daß der vom »Kahal« geraubte Knabe erst sieben Jahre alt sei.

Andererseits legte der »Kahal« ebenfalls eine unter Eid abgegebene

Aussage vor, in welcher der Knabe des Buchbinders als bereits

zwölfjährig angegeben wurde.

Der Introligator fühlte augenscheinlich, daß die Wahrheit durch die Lüge

erdrückt wird, daß er sich auf Erfolg in diesem ungleichen Kampfe keine

Hoffnung machen könne, weshalb er in zu Herzen gehenden, ergreifenden

Worten bat, wenigstens einen Tag noch zu warten, ehe man seinen Sohn zur

Stellung vorführe, da er einen Ersatzmann, einen zwanzig Jahre alten

Juden, an Stelle seines Knaben stellen werde; er schicke seine

Bittschrift mittels Post voraus, fahre aber mit dem Ersatzmann nach.

Drittes Kapitel.

Nach der bei uns bestehenden Gepflogenheit bedeutete diese Eingabe gar

nichts, um so mehr, als der Introligator mit seinem Ersatzmann noch gar

nicht in Kiev war, während der Knabe sich bereits an Ort und Stelle

befand und für morgen schon zur Stellung bestimmt war.

War derselbe gesund und kräftig gebaut, zeigte er sich dem äußeren

Ansehen nach zwölfjährig, so war sein Schicksal besiegelt und klar: er

wurde assentiert, geschoren und in ein Regiment, welches weit, weit im

Norden vielleicht gar in Sibirien garnisoniert, gesteckt.

Deshalb legte ich die Bittschrift des Introligators, nachdem ich an

derselben die nötige Bemerkung machte, bei Seite.

Mehr konnte ich nicht tun.

So verging in voller Tätigkeit eine Stunde, eine zweite, dritte; — mir

ging der arme, belesene Introligator nicht aus dem Sinn.

Ich stellte mir vor: wie er morgen Früh hier anstürmt, sein Kind jedoch

bereits als assentiert in der Kaserne findet, wohin man sehr leicht

hinein-, schwer aber herausgelassen wird.

Mir tat der arme Jude mehr und mehr leid, denn seine Bittschrift zeigte

trotz ihrer Eigentümlichkeit, daß der Buchbinder für die damalige Zeit

eine ziemlich große allgemeine Bildung besitzen müsse, hinter welcher

sich zwar die alte — doch stets neu bleibende — Geschichte von der

Judenverfolgung offenbarte.

Man konnte daraus sehen, daß ein, von der Natur mit klarem Verstande

begabter Mensch, der sich bemühte ein wenig sich zu bilden und seinen

Gesichtskreis zu erweitern, ohne sich seinem Glauben zu entfremden oder

ihn zu verleugnen, sobald er sich seine eigene Ansichten über den Geist

der Gesetze mache und nicht nach dem Buchstaben desselben lebe, von den

Stammesgenossen sofort zu den »gefährlichen Freigeistern«, den

»Abtrünnigen, Neuerern« gezählt und von den phariseischen Talmudisten zu

Grunde gerichtet wird, die sich vornehmen ihn von der Erde verschwinden

zu lassen.

Wäre der Introligator reich, würde er Schweinebraten und Würste essen,

würde er vollständig vergessen, daß es überhaupt einen Jehova und dessen

Gesetze gäbe, aber würde er die Kreise der Talmudisten und deren

Lügenmoral nicht stören — so hätte dieses gar nichts zu bedeuten — man

würde ihn in der Gemeinde nach wie vor dulden, möglicherweise ehren und

verteidigen; aber da zeigt sich auf einmal etwas kleines, unbedeutendes,

eine Art Geistesfreiheit, ein Freisinn, welchen die orthodoxe

Judenschaft nicht dulden will, noch vertragen kann.

Achtzehn Jahrhunderte konnten an dieser Geschichte nichts ändern.

Einem oder dem andern kann es möglicherweise eigentümlich vorkommen,

warum ich den Worten des Introligators eine solche Bedeutung beilege,

der durch das ihn betroffene Unglück leicht den Glauben erwecken konnte,

er werde seiner religiösen Ansichten wegen von den anderen Juden

verfolgt.

Ich sehe dies ein; wenn dieser Fall zu jetziger Zeit sich ereignen

würde, so möchte ich selbst einen derartigen Vorfall für sehr verdächtig

halten und ansehen; aber zu jener Zeit, in welcher meine Geschichte

ihren Anfang und ihr Ende nahm, war an so etwas, als »Freiheit des

Geistes, oder der Meinungen« gar nicht zu denken; darüber hatten sich

damals selbst solche Leute keine Ansichten gemacht, welche in weit

günstigeren und besseren Verhältnissen standen als der Jude, dessen

Knaben man aus dem Bette raubte.

Dem Juden konnte es gar nicht in den Kopf kommen, mit Liberalismus und

Freigeisterei glänzen zu wollen, da ihm diese mehr Schaden wie Nutzen

bringen konnten, was doch seinen Berechnungen nicht entsprechen konnte.

Ich mußte deshalb aus den über Religion im Bittgesuche gebrauchten

Worten und Sätzen den Schluß ziehen, daß dieselben tatsächlich wahrer

und tiefer, überzeugungsvoller Religiosität entstammen und aus reinem

Herzen kommen.

Ich wiederhole: mir tat der arme Jude leid!

Ich fasste den Gedanken, demselben, so weit es in meiner Macht stand und

es meine Kräfte erlaubten, behilflich zu sein.

Ich nahm mir vor, noch spät Abends, nach beendigten täglichen

Geschäften, im »Englischen Hof«, wo der zur Rekrutierung kommandierte

Flügeladjutant wohnte, vorzufahren und ihn zu bitten, dem Juden seine

Hilfe angedeihen zu lassen und die für morgen bestimmte Stellung auf

übermorgen zu verschieben, wodurch ein Tag zu Gunsten des Juden gewonnen

worden wäre.

Obzwar sich die zur Stellungskommission kommandierten Flügeladjutanten

in die Anordnungen der Kommission nicht einzumischen pflegten, so wurden

doch ihre Wünsche stets mehr oder weniger beachtet.

Meine Absicht kam jedoch nicht zur Ausführung, denn früher, ehe es dazu

kam, hatte die unglückselige Angelegenheit eine solche Wendung genommen

und wurde mit einemmale so schwierig, daß der Knabe nur durch ein Wunder

gerettet und seinem Vater zurückgegeben werden konnte.

Und dieses Wunder ereignete sich, es fand statt!

Die scheinbar aufsteigenden Schwierigkeiten wurden auf eine einfache und

leichte Art überwunden, Dank einem »Engel im Menschenkleide«, für

welchen die Mehrzahl der Einwohnerschaft in Kiev den damaligen

Mitropoliten _Filaret_ hielt.

Er wurde in diese Judenangelegenheit ohne seinen Willen einbezogen und

stürzte die ganze jüdische List und Falschheit sowie die ungerechte

buchstäbliche Anwendung des Gesetzes um, einzig und allein durch das

ebenso geistvolle wie menschenfreundliche »Urteil Seiner Eminenz«!

Viertes Kapitel.

Es war bereits nahe an Mitternacht, als mich ein ziemlich großes

Geräusch und lautes Gerede in meiner Arbeit zu stören begann; es schien

mir, als wenn in dem neben meinem Arbeitszimmer gelegenen Saale irgend

ein heftiger Streit zwischen den dort befindlichen Beamten entstanden

wäre.

Derartige Ungehörigkeiten waren nichts seltenes; ich als junger Anfänger

in der Beamtenlaufbahn, obzwar Kanzleivorstand, genoß nicht jene Achtung

und besaß nicht das Ansehen wie bereits älter gediente Leute; meine

Untergebenen fürchteten mich nicht und schenkten mir auch wenig

Beachtung und nahmen auf mich keine Rücksichten.

Was die Subordination anbelangt, so konnte man nach dieser Richtung hin

mit den altgedienten, mit Medaillen, Schnallen oder dem Stanislaus-Orden

dekorierten Titularräten besser auskommen, wie mit den jungen Beamten.

Obzwar mich, beziehungsweise meine Kenntnisse, die Altgedienten nicht

gerade sehr hoch schätzten und mir keine große Achtung als einem noch

nicht »flügge gewordenen Jungen«, welchen, ihrer Ansicht nach, der

Präsident ihnen zum Ärger, ohne Rücksicht auf ihr Alter, Dienstzeit,

Solidität auf den Hals hetzte, entgegenbrachten, so machten sie dennoch

die ihnen zugewiesene Arbeit ohne Lärm und Geschrei, Zank und Hader

fertig, während die Jungen ebenfalls ihre Aufgabe fertig brachten, wobei

es jedoch nicht ohne Lärm abging.

Es kam fast täglich vor, daß sie einen oder den anderen der Titularräte

hänselten und sich über ihn lustig machten.

Als fast tägliche Zielscheibe ihres Spottes und fauler Witze diente ein

Titularrat Namens _Gregor Ivanovič Salko_, ein großer Sonderling, der

seine erste Ausbildung von einem Diakon erhielt und seine

Beamtenlaufbahn unter einem ehemaligen Diakon begann, worauf er

außerordentlich stolz war.

Er war für das frühere Kanzleiregiment eingenommen und konnte sich mit

Neuerungen nicht befreunden.

Er gab gewöhnlich ganz seltsame, originelle Ratschläge, welche sehr

stark an des Diakons Weisheit erinnerten.

So z. B. erinnere ich mich, daß als ich einmal vor Müdigkeit und

schlaflosen Nächten meine Augen kaum mehr offen halten konnte, er mir

sagte:

»Machen Sie es so, wie es mich mein alter Diakon lehrte; nehmen Sie aus

meiner Dose eine Prise Tabak, der wird ihre Augen öffnen und den Schlaf

verjagen. — Zu jener Zeit, als noch wirklich Dienst gemacht wurde …

Sie waren noch lange nicht auf der Welt … haben wir dieses Mittel

stets alle benützt.«

Dieser und auch die anderen älteren Herren wurden von der übermütigen

Jugend sehr oft geneckt und nicht selten aus ihrer Ruhe und Geduld

gebracht, wobei mitunter aus dem Spaß großer Ernst wurde, der sehr oft

bis zum Handgemenge überging.

Die Zeit, wo derartiges vorkommen konnte, ist noch nicht so ferne, aber

scheint der jetzigen Nachfolge fast unglaublich.

Das Geräusch vernehmend, glaubte ich annehmen zu können, daß die Jugend

wieder einmal einen der Titularräte hänsele und daß es schließlich zu

einem kleinen Handgemenge gekommen, welches gewöhnlich zu allgemeiner

Zufriedenheit unter heftigem, weit schallenden Lachausbruche endete.

Doch diesesmal schien etwas Außergewöhnliches vorgefallen zu sein, denn

ich hörte, daß meine ganze »Bande« auf einmal aus der Kanzlei

verschwand; es wurde darin ganz stille.

Ich stand auf, um nachzusehen, was vorgehe.

Der große Saal war leer; Kerzen brannten auf den Tischen; nur in einer

Ecke saß unbeweglich hinter seinem Tische, wie eine Mumie, der

Senior meiner Titularräte, der Nestor der Kiever Kanzleien —

_Platon Ivanovič Dolinskij_, welcher den Vladimirorden für

fünfunddreißigjährige tadellose Dienstzeit besaß.

Dieser unser Senior war außergewöhnlich groß, mager, weißhaarig, ein

Kleinrusse (Chochol), sehr unnahbar, sich für eine wichtige

Persönlichkeit haltend.

Er stand nie ohne besondere Notwendigkeit oder Veranlassung von seinem

Sitze auf, sprach mit Niemanden und wenn ja — dann nur um diesen

auszuschimpfen, wobei er sich ausschließlich des Chochol-Dialektes

bediente.

Sowie er mich erblickte, sah er über seine in Kupferdraht gefaßten

Augengläser hinweg auf mich, zog seine Stirne kraus und fing an zu

schelten:

»Wie kommt es, daß Sie nicht bemerken, was hier vorgeht? — Sie sehen,

alle sind fortgelaufen, um einen ruppigen Juden in Augenschein zu

nehmen. — Sie wollen Kanzleivorstand sein? Schämen Sie sich! — Gehen

Sie doch hinaus auf den Korridor und jagen Sie alle hierher zu ihrer

Arbeit.«

»Was für ein Jude hat sich hierher verirrt?« frug ich.

»Der Teufel weiß, von wo er gekommen! Er ist noch immer hier und wälzt

sich auf dem Korridor herum.«

Ich nahm den Leuchter von einem Tisch und ging in den Gang.

Hier in dem breiten, nur schwach beleuchteten Gange standen alle meine

Beamten, einen dichten Kreis bildend, und betrachteten, einer dem

anderen über die Achsel schauend, einen in der Mitte des Kreises

stehenden Menschen, der mit verzweiflungsvoller, klagender Stimme im

gemeinsten jüdischen Jargon sich hören ließ:

»Ai! wai! — Lassen sie mich, lassen sie … Ui! ai, ai, ai, wai, lassen

sie! … Ai, lassen sie mich, ich habe keine Zeit, denn, dort — dort

bei der Kirche … lief er weg … Ai! Herr Metropolit, Herr Metropolit

… ai, ai, wai, Herr Metropolit … wann werdet ihr alter Mann … ai,

wai! … wann werdet ihr an Gott glauben … ai! … was wird das

werden! … ai! lassen sie mich … ai! ai!«

»Wohin sollen wir Dich, krätziger Jude, lassen?« unterbrach der

diensttuende Soldat _Aleksejev_ den Jammernden.

»Dorthin … Gewalt … ich weiß nicht, wohin … wer an Gott glaubt …

Lassen sie mich … Oh! ich armer unglücklicher Jude … Was macht es

ihnen für ein Vergnügen mich zu quälen … mich zu ängstigen … ich bin

so genug bereits abgeplagt und abgehetzt … um Gotteswillen, lassen sie

mich …«

»Wohin führt Dich der Teufel, zu wem willst Du denn hin? … wohin

willst Du?«

»Ai! … lassen sie mich bloß … ich gehe … bei Gott! ich gehe …

doch weiß ich nicht, wohin ich gehe … mir ist nötig zum Herrn

Metropoliten selbst …«

»Ach! Du dummer Jude, Du! sitzt denn ein solcher Herr hier!« räsonierte

der Soldat.

»Ach! … wo … wo … ich weiß nicht, wo der Herr Metropolit sitzt, wo

bei ihm anzuklopfen … Mir ist er sehr nötig, mir ist er gewaltig

nötig!« schrie verzweiflungsvoll und dabei sich krümmend der Jude.

»Wenig ist dir 'was nötig; glaubst Du, Du krätziger Jude, daß sie Dich

beim Mitropoliten vorlassen?«

Der Jude heulte noch mehr auf.

»Ach! … mir ist der Metropolit nötig … mich … mich lassen sie

nicht zum Metropoliten … Verfallen, verloren ist mein Kind, mein

armes, unglückliches Kind!«

Er ließ plötzlich einen so herzbrechend traurig-wehmütigen Klagelaut

ertönen, daß alle plötzlich stumm zurückwichen. Der Soldat drückte ihm

mit der Hand den Mund zu, aber der Jude befreite sein Gesicht

von derselben und fing von neuem in der üblichen jüdischen

Synagogenvibration zu flehen an:

»Oi Jeschu! Jeschu Hanozri! Sie wollen dich betrügen … nehme nicht den

Laidak, den Mischiginer, den Lumpen … Oi, Jeschu, zu was ist Dir ein

solcher Heide …«

Sowie ich hörte, daß der Jude den Namen unseres Heilandes anrufe,

zerteilte ich mit der Hand den vor mir stehenden Haufen.

Vor mir sah ich eine Gruppe, welche mich lebhaft an jene mit dem Teufel

des Rafael'schen Gemäldes »Verklärung Christi«, allgemein bekannt durch

den Jordan'schen Stich, erinnerte.

Ein nicht mehr junger Jude, jedoch unbestimmbaren Alters, ganz naß, in

angefrorenen Lumpen, aber mit vom Schweiße feuchtem Gesicht, mit an die

Stirne angeklebten schwarzen Haaren, unstet rollenden Augen, in welchen

Schreck, hoffnungslose Verzweiflung, Schmerz, neben unbegrenzter

leidenschaftlicher Liebe und Selbstentsagung, die keine Grenzen kennt,

zu lesen waren.

Am Kragen seines zerlumpten Rockes und an den Armen wurde er von zwei

kräftigen Soldaten gehalten, unter deren Händen er sich krampfhaft wand,

sich bald wie ein Igel zusammenziehend oder gleich einer Schlange sich

windend, doch immer sich bemühend, sich frei zu machen von den ihn

festhaltenden Eisenfäusten der Soldaten.

Dieser Ausbruch der fürchterlichen Verzweiflung, das stätig sich

wiederholende »wer an Gott glaubt«, das ich einige Minuten vorher in der

Bittschrift las, schienen mir in einigem Zusammenhange zu stehen.

Mir kam in den Sinn, ob ich nicht den Introligator vor mir zu stehen

habe?

Aber wie konnte derselbe so rasch hinter seiner Bittschrift nachkommen

und nicht erfroren sein in diesem schauderhaft zerlumpten leichten

Röckchen; und schließlich, was wünschte er? was ist ihm nötig, daß er in

seiner verzweiflungsvollen Art ohne Unterlaß den Mitropoliten und

Jehoschua Hanozri anruft?

Vielleicht hat er den Verstand verloren?

Um dem häßlichen Auftritte ein Ende zu machen, gab ich den Soldaten mit

der Hand ein Zeichen und bemerkte: »Laßt ihn los!«

Kaum hatten diese ihre Hände von ihm zurückgezogen, als der »närrische

Jude« einen Sprung nach vorwärts machte, wie eine Katze, welche in einem

dunklen Schranke eingesperrt, plötzlich, durch Aufmachen der Türe,

freigelassen wird.

Die Beamten, einige lachend, andere erschrocken, stoben auseinander,

gleich Erbsen, welche man aus einem Sacke auf die Erde schüttet; während

der Jude wie ein junges Zicklein herumsprang.

Er lief von einer Tür zur anderen, wollte in ein verschlossenes Zimmer

eindringen, das zu einer anderen Abteilung gehörte, und alles dieses tat

er unter Wehklagen, Heulen, Seufzen, Schreien ai! ai! und alles mit

einer solchen Geschwindigkeit, daß man ihm gar nicht folgen konnte.

Wie er in unsere Abteilung gelangen und sich in einem Winkel verstecken

konnte, war fast unbegreiflich.

Man sah ihn nicht, doch hörte man sein unregelmäßiges heftiges schweres

Atmen, das Klappern seiner Zähne; ihn selbst sah man nicht; es schien,

als wenn ihn die Erde verschlungen hätte; er zittert, klappert, atmet

unter dem Boden, wie der Schatten Hamlets.

Fünftes Kapitel.

Einige Minuten später entdeckte ich ihn; er saß zusammengekauert auf dem

Boden unter meinem Tisch; klammerte sich fest mit den Händen an den Fuß

desselben und zwischen den Zähnen hielt er den Rand des roten Tuches,

mit welchem derselbe bedeckt war, fest.

Er fühlte sich jedenfalls so sicher hier, wie im Schoße Abrahams.

Er war entschlossen unter allen Umständen hier zu bleiben, und er hätte

sich gewiß lieber seine halberfrorenen Finger abhauen lassen, ehe er den

Tischfuß, den dieselben umklammerten, freigegeben hätte.

Der Soldat mühte sich ab ihn unter dem Tische wegzuziehen, umsonst: der

große schwere Tisch zitterte und wurde gehoben, aber der Jude ließ nicht

nach und war nicht wegzubringen, wobei er ohne Unterlaß schrie und

klagte.

Mir war dieses alles höchst widerwärtig und ich befahl schließlich den

Juden in Ruhe zu lassen, schickte jedoch nach einem Arzte, dessen Hilfe

sich indes als unnötig erwies.

Sowie Ruhe eingetreten und ich mich mit ihm allein im Zimmer befand,

wurde der Jude still, fing an sich zu rühren und seine Taschen

durchzusuchen; eine Minute später schlich er sich langsam, wie ein Wolf

im Käfig, zu meinem Tische und legte auf denselben einen Stoß von

Papieren, eingewickelt in starkes weiches Umschlagpapier, das von einer,

abscheulich nach Nelken riechenden eiterartigen Flüssigkeit durchtränkt

war.

Ich muß zu meinem Leidwesen eingestehen, daß ich mich ekelte, diese

Papiere in die Hand zu nehmen und sie aufzumachen.

Dieselben enthielten, wie es sich später ergab, nichts anderes als

Verträge, welche der Introligator für Rechnung seines Sohnes gemacht

hat.

Sohin blieb kein Zweifel übrig, daß dieser Mann Niemand anderer sei, als

jener Jude, dessen Bittschrift noch einige Stunden vorher ein so großes

Interesse bei mir erregte, daß ich sogar entschlossen war, für denselben

einzutreten.

Wir waren uns also bereits näher bekannt.

Ich schickte den Juden nicht weg, sondern ließ ihn ruhig in der Stube

sitzen in einer Lage, die ihm die bequemste schien und die er sich

selbst gewählt hatte; mit gewohntem Blick überlas ich schnell die

übelriechenden Papiere und fand, daß sie alle formgemäß in Ordnung

seien, so daß der gemietete Ersatzmann, ein zweiundzwanzig Jahre alter

Jude, an Stelle seines Sohnes ohne Anstand zur Stellung zugelassen

werden kann, um so eher, als der bedungene Betrag von ein hundert Rubel

demselben bereits voll und ganz zugezählt worden war.

Alle Dokumente waren in Ordnung; worin bestand dann das Unglück dieses

Menschen? weswegen diese fürchterliche, qualvolle Aufregung, Angst und

Verzweiflung, welche ihn fast zum Wahnsinn brachte?

Doch die Not war da, sie war fürchterlich, nicht abwehrbar; der

Introligator begriff sie in ihrer ganzen verhängnisvollen Bedeutung.

Der vom Introligator angeworbene Ersatzmann war ein junger, noch nicht

großjähriger Jude — gesetzmäßig konnten nur großjährige angeworben

werden — aber ein sehr großer Spitzbube.

Er führte mit dem armen Stammesgenossen eine ganz niederträchtig

listige, jedoch den Introligator zu Grunde richtende Geschichte auf, so

genau berechnet und auf den Buchstaben des Gesetzes aufgebaut, daß gegen

dieselbe in formeller Hinsicht nichts gemacht werden konnte.

Weder mir noch dem Introligator kam es in den Sinn eine Persönlichkeit

für diese Angelegenheit zu interessieren, welche in der Lage gewesen

wäre, durch einen Machtspruch den gordischen Knoten dieser Geschichte

durchzuhauen.

Auch ist es mir nicht eingefallen, mich an jene wahrhaft fromme,

herzensgute Persönlichkeit zu wenden, welche einen Rechtsspruch fällen

konnte, »nicht von dieser Welt« — eine Entscheidung, nach welcher den

weltlichen Richtern nichts anderes übrig blieb, als nur das Urteil des

barmherzigen Richters in Ausführung zu bringen, welches derselbe fällte

behufs Beseitigung jener jüdischen ränkevollen Ungerechtigkeit, die

sanktioniert werden sollte durch den Übertritt zum katholischen Glauben.

Sechstes Kapitel.

Nach dem Gesetze konnte ein stellungspflichtiger Jude nur wieder durch

einen Juden ersetzt werden; Christen waren in diesen Fällen völlig

ausgeschlossen.

Dadurch erklärt es sich, daß es außerordentlich schwierig war einen

Juden als Ersatzmann zu finden, ja es war fast ausgeschlossen, daß sich

überhaupt ein Jude zu diesem Zwecke selbst angeboten hätte.

Liebten die Rechtgläubigen den Soldatenstand nicht und trachteten sie,

den Dienst nicht ableisten zu müssen, so lief überhaupt der Jude

demselben aus dem Wege und durch gute Worte oder einfaches Mieten lockte

man ihn schon überhaupt gar nicht.

Im übrigen waren die Vorteile, welche der angeworbene Jude für die ihm

angebotene Summe von drei bis vier hundert Rubel gewann, gar zu

unbedeutend, da jedes Jüdchen, wenn es von Natur aus nicht gar zu

stiefmütterlich behandelt ist, einen solchen Betrag leicht und ohne jede

Gefahr und große Mühe auf leichtere Art erwerben kann.

Und die von der Natur stiefmütterlich behandelten eigneten sich

überhaupt zum Militärdienst nicht.

Derjenige, welcher einen Ersatzmann suchte, konnte denselben nur in

jenen Sphären finden, und unter Leuten, welche heimatlos waren, einen

liederlichen Lebenswandel führten und durch ihre Aufnahme beim Militär

einer schweren Strafe entgehen wollten.

Derartige Leute fanden sich unter den Juden äußerst selten, sie waren

geradezu — weiße Raben.

Dem Introligator gelang es jedoch — zu seinem Glück, oder besser sei es

gesagt, Unglück — einen solchen »weißen Raben«, eine Seltenheit zu

finden.

Was war das für ein Mensch?

Es war dies in seiner Art ein großer traditioneller jüdischer

Geschäftsmacher, welcher im Mietsvertrage die Angelegenheit so zu drehen

verstand, daß er nicht nur seinen Nächsten — die ihn mietenden Juden —

vollständig zu Grunde richtete, sondern auch den Glauben profanierte und

dem Gesetze selbst eine Nase drehte.

Und was die Angelegenheit noch interessanter machte war, daß er dieses

alles unter den Augen und Mithilfe einer hochstehenden Persönlichkeit

durchführen und eine neue, bis dahin nicht bekannte, aber

außerordentlich günstige Art, sich über den katholischen Glauben und das

Gesetz lustig zu machen, einführen wollte.

Dieser Lump war ein Damenschneider-Gehilfe des Meisters _Davidek_,

welcher zu jener Zeit für Kiev das war, was Worth für Paris, ein

Schneider für die »elegante Welt«.

Wegen Ungehörigkeiten jagte Davidek den Gesellen davon und die Polizei

wies ihn aus.

Ohne Beschäftigung strolchte und bettelte der Geselle aus einer Stadt

der »goldenen Ukraina« in die andere, fiel schließlich in die Hände des

Introligators zu jener Zeit, als dieser den heftigsten Kampf um sein

geraubtes Kind kämpfte; der Vertrag wurde beschlossen, nicht aber

einfach geschlossen, wie dies bei getauften Leuten der Fall zu sein

pflegt, sondern mit in voraus berechneter böser Absicht, mit

Hintergedanken, welche jedoch der Schneider solange für sich geheim

hielt, bis sich ihm Gelegenheit bot offen zu handeln.

Das Nichteinhalten derartiger Verträge, war nichts seltenes, da diese

gewöhnlich ohne Mitwirkung der Gerichte errichtet, deshalb meistenteils

Formfehler besaßen, die im vorkommenden Falle das Dokument ungültig

machten — derartige Umgehung der Gesetze lag im Blute der Juden, welche

ohne sie nicht leben konnten.

Der Introligator, welcher sich in höchster Aufregung befand, um so mehr

als die Angelegenheit keinen Aufschub erlaubte, sondern ein rasches

Handeln forderte, mußte in alle Forderungen seines Mietlings

einwilligen.

Er verkaufte sofort um zwei hundert Rubel sein Häuschen mit allem

Zubehör und für drei hundert Rubel verpflichtete er sich bei einem

reichen Juden jahrelang zu arbeiten.

Mit einem Wort, er war gebunden an Händen und Füßen, nach allen Seiten

hin, während der angeworbene Schneider drei hundert Rubel in die Hand

ausgezahlt erhielt, ohne einen Gegendienst geleistet zu haben.

In aller Eile wurden die nötigen Dokumente aufgeschrieben und der

Introligator schickte mittels Post jenes Bittgesuch ab, dessen ich

bereits früher erwähnte; er selbst folgte mit dem angeworbenen Manne und

den übrigen Dokumenten nach.

Nun aber brach erst das Unglück über den Mieter herein.

Nur bis zur Unterschrift und Annahme des Geldes konnte es der

Angeworbene kommen lassen, weiter gehen konnte und durfte er nicht, wenn

er seine Freiheit bewahren wollte; er durfte deshalb seine Karten nicht

aufdecken.

In der unmittelbarsten Nähe von Kiev verschwand er plötzlich aus der

jüdischen Herberge.

Als der Jude bis zu dieser Stelle in seiner Erzählung kam, da heulte er

auf und verlor fast völlig die Sprache, so daß er nur mit schwerer

Anstrengung das Ende der Geschichte erzählen konnte.

Während der Zeit, als der Introligator über den Ankauf von Lebensmitteln

handelte, was überhaupt nur wenige Minuten in Anspruch nahm, verlor er

den angeworbenen Ersatzmann aus dem Gesichte, während dem lief der

Schneider zu dem gegenüber der Herberge wohnenden Balagul,[5] mietete,

ohne zu handeln, einen Viererzug junger, leichter Pferde und und fuhr

mit aller Geschwindigkeit nach Kiev um — _sich taufen zu lassen_.

Ein fürchterlicherer Schlag konnte den Introligator nicht treffen, als

das Verschwinden des angeworbenen Schneiders, denn durch dessen Flucht

wurden nicht allein seine Hoffnung, sondern auch seine Pläne zerstört;

er war bestohlen, betrogen, und wie man zu sagen pflegt, ihm wurde die

Gurgel ohne Messer durchgeschnitten.

Sein Kind ging ihm verloren, ebenso wie ihm sein geringes Hab und Gut

verloren gegangen, denn schon die Äußerung des Wunsches sich taufen zu

lassen, hob alle mit dem Introligator abgeschlossenen Verträge auf; der

Schneider wurde seiner übernommenen Verpflichtung, sich an Stelle des

Knaben anwerben zu lassen los und ledig; der Wunsch sich taufen zu

lassen, setzte jeden Juden, so auch den Schneider, unter den besonderen

Schutz orthodoxer Gesetze.

Es war mir klar, daß in dieser Angelegenheit jeder Versuch einer

Einmischung vollständig aussichtslos ist; ich konnte sehr leicht den

grenzlosen Schmerz und die Qualen des Erzählers dieser traurigen

Geschichte begreifen, aber ich sah auch weiter ein, daß hier, wer es

auch sein mag, keine Hilfe bringen und keine Änderung zu Gunsten des

Juden hervorzurufen vermag.

[Fußnote 5: Besitzer von Mietswagen.]

In dieser Angelegenheit gab es noch andere Schwierigkeiten und

Hindernisse zu überwinden und zu entfernen, welche nur jener begreifen

konnte, der den höheren gesellschaftlichen Kreisen nicht ganz ferne

stand.

Der Introligator teilte mir weinend mit — wobei er seinen Lapserdack[6]

zerriß — daß er den Schneider lange in »Weißkirchen« gesucht habe.

In Begleitung von verschiedenen Mischurisamen eine jüdische Herberge

nach der anderen nach seinem Flüchtling absuchend, wobei ihm absichtlich

falsche Angaben gemacht wurden, verlor er unnütz in dieser Weise einen

ganzen Tag.

Erst als der Introligator Kiev erreichte, verfiel er auf die mit dem

Fuchsschwanze weggefegte Wolfspur des Chabar, welcher gemütlich hinter

den Klostermauern saß und sich zur Taufe vorbereitete.

Es lag klar zu Tage, der Spitzbube hatte die Absicht seinen Kontrahenten

ungestraft zu betrügen und zu Grunde zu richten, das Mittel zur

Erreichung des Zweckes sollte die Taufe sein.

Um dem Schneider gegenüber den Beweis zu führen, daß durch den Übertritt

zum Katholizismus der Taufakt der Kirche nur mißbraucht und profaniert

werde, dafür hatte man keine Beweise an der Hand.

[Fußnote 6: Lapserdack ist ein kurzer Rock mit einer genau bestimmten

Anzahl von Bändchen und Fransen benäht. Die Talmudisten tragen diese

»jüdische Montur« unter dem oberen langen Rock.]

Außerdem war Recht und Gesetz an der Seite dieses »Katechumen«, der noch

weiter unterstützt wurde durch mächtige Personen, welche zu jener Zeit

mehr galten als das Gesetz selbst.

Der schlaue Jude, welcher ein Jahr lang bei dem Kiever Wirt arbeitete,

eignete sich einige Kenntnisse über den Einfluß und die Schwächen

einiger hochgestellten Personen in Kiev an, welche in Folge ihrer

amtlichen oder gesellschaftlichen Stellung große Macht besaßen.

Eine solche mächtige und einflußreiche Persönlichkeit war die Gemahlin

des damaligen General-Gouverneurs Fürsten Hilarion Hilarionovič

Vasilčikov, Fürstin Katharina Aleksejevna (geborene Fürstin

Ščerbakov), derer ich bereits früher erwähnte.

Sie war zu jener Zeit für die Ausbreitung des Christentums so sehr

eingenommen daß sie sich viele Mühe gab, dasselbe durch den Übertritt

Andersgläubiger zu mehren.

Wie es aber in der Mehrzahl derartiger Fälle, Vorsätze und Einrichtungen

vorzukommen pflegt, namentlich wenn sie von Damen der hohen Aristokratie

und sonstigen Damen der eleganten Welt begonnen und poussiert werden,

ist das Resultat ein außerordentlich klägliches; es fehlt an dem nötigen

Ernst, praktischer Erfahrung, andauernder Tätigkeit, ohne welche alle

derartigen Unternehmungen stets mehr Schaden als Nutzen bringen.

Es ist dies etwas Verhängnisvolles, eine Art Ironie des Schicksals!

Die Religiosität der Fürstin äußerte sich in anderer Weise als bei den

jetzt lebenden Damen der höheren Gesellschaftskreise, welche den inneren

Glauben nach außen sichtbar machen wollen ohne viel Opfer, Einschränkung

und sonstige Änderungen ihrer Gewohnheiten bringen zu müssen; die

Religiosität der Fürstin Katharina Aleksejevna war anderer Art, sie war

kennbar an ihren Taten, so daß eigentlich der Verfasser des sehr

lehrreichen und interessanten Buches »Versuch über Einkommen und

Eigentum unserer Klöster« jedenfalls verpflichtet gewesen wäre, der

Fürstin, als Förderin des Wohlstandes der Klöster und ihrer Vermehrung,

die erste Stelle anzuweisen.

Es ist Tatsache, daß die Fürstin Vasilčikov mehr Klöster errichtet

und gegründet hat als die Fürstin Anna Aleksejevna Orlov und andere

adelige Damen.

So gründete sie unter anderen ein sehr bekanntes Kloster in der Nähe von

Kiev, welches, Dank der Freigebigkeit und Sorge der Fürstin, über

sechsunddreißig Werst Land außer sonstigen Renten verfügt, worüber

jedoch in dem Buche von Rostislav, dessen ich vorerwähnte, nichts zu

finden ist.

Aber schon früher, vor der Zeit, ehe sich die Fürstin mit der Errichtung

neuer Klöster zu beschäftigen anfing, namentlich noch vor der

Rekonstruierung des Klosters des »alten Jonii«, machte sie sich in Kiev

als große Philanthropin bekannt.

Unter ihrem Protektorate wurden Wohltätigkeits-Bälle, Soiréen, Theater,

Maskeraden, Concerte u. dgl. mehr oder minder angenehme Unternehmungen

veranstaltet; nach dieser Richtung hin entwickelte sie einen

außergewöhnlichen Eifer, dem man jetziger Zeit nicht solche Bedeutung

mehr zuschreibt als dies ehemals der Fall war.

Gleichzeitig mit dem Streben, Sorge, Not und Elend aus den Einkünften

der verschiedenen Lustbarkeiten und Unterhaltungen zu lindern, bemühte

sich auch die Frau Fürstin um Sittenverbesserung und Verbreitung des

Christentums.

Im letzteren Falle war die Fürstin, wie ich anzunehmen guten Grund habe,

origineller und kühner, unternehmender, als der übrige gesamte hohe Adel

in Petersburg, weil sie in Folge der Stellung ihres Gemahls, als

General-Gouverneur, schon an und für sich ein gewisses Ansehen und Macht

besaß, vor welchem sich sehr viele beugten, ja sogar sich fürchteten,

die meisten aber verfolgten das Gebaren »ihrer Fürstin« sehr aufmerksam,

hatten aber oft Ursache über das Treiben derselben und ihres Anhanges

den Kopf zu schütteln.

Nach dem Coelibat, welches zur Zeit des Bibikov'schen Regimentes im

General-Gouvernements Hause herrschte, war der Einfluß einer Frau,

welche sich nach keiner Richtung hin etwas zu versagen brauchte, ein

ganz bedeutender, namentlich unterwarfen sich demselben fast alle Damen

der höheren Stände.

In der ersten Zeit besaß alles einen Anschein und Anstrich von Frische

und Lebhaftigkeit, es schien, daß dadurch wirklich etwas nutzbringendes

erzielt wird, doch diese Ansicht dauerte nicht lange, und man fing alles

dieses von anderer Seite zu betrachten an und darüber sich zu äußern.

Die Fürstin selbst aber war so sehr von der Nützlichkeit und

Wohltätigkeit ihrer Mission überzeugt, daß sie sogar, um die Leute

sittlich zu bessern, die Bewohnerinnen der »Zufluchtstätte der heiligen

Maria Magdalena zur Bekehrung gefallener Mädchen« an Soldaten —

verheiratete.

Dadurch sollte diesen Frauenzimmern die Rückkehr zum unmoralischen

Lebenswandel abgeschnitten werden.

Die Fürstin nahm tätigen Anteil an dem Zustandekommen derartiger Ehen

und interessierte sich sehr für dieselben; die Bräute wurden von ihr so

reichlich ausgestattet, daß eine solche Heirat auf Soldaten eine

besonders große Anziehungskraft besaß, und sie sich beeilten eine

»Magdalenerin« zu ehelichen.

Ein solches Mädchen erhielt nicht nur für ihre Verhältnisse reichlich

Kleider und Wäsche, sondern auch ein hundert Rubeln, welches letztere

für den Soldaten mehr Wert hatte, als die Rückkehr auf die Bahnen der

Tugend seiner Braut und nachmaligen Frau.

Hatten die Neuvermählten die Fürstin durch ihre Hochzeit erfreut,

teilten sie sich gewöhnlich um das erhaltene Heiratsgut, dann schieden

sie in Frieden und Einigkeit von einander und jeder ging danach seines

eigenen Weges.

Darüber kursierten in Kiev verschiedene höchst pikante Anekdoten.

Die »Hunde« suchten ihre früheren Hütten auf, die Sittenlosigkeit und

Liederlichkeit wurde jedoch nicht mehr aus eigenem freien Willen

ausgeübt, sondern im Einverständnis und mit Bewilligung des ehelichen

Gemahles.

Es sind Fälle vorgekommen, daß der Soldat sofort nach der Trauung, noch

vor dem Hochzeitsmahle, seine junge Frau dem Brautführer verkaufte.

Als Brautführer figurierten nicht selten »hochgeborene Herren« und zwar

aus dem Grunde, um von der Fürstin »gesehen« zu werden.

Man konnte eigentlich dem in dieser Art und Weise verheirateten Soldaten

es nicht übel nehmen, daß er seiner angetrauten Gattin los und ledig zu

werden trachtete.

Was sollte dem Soldaten eine Frau, welche zu arbeiten nicht verstand und

zu hungern nicht gewohnt war?

Gewöhnlich heiratete der Soldat eine »Magdalenerin« geradezu auf Befehl

seiner Vorgesetzten, namentlich dann, wenn es der Frau Fürstin beliebte,

wieder einmal eine »Magdalenen-Hochzeit« in Szene zu setzen; der dazu

bestimmte Soldat unterwarf sich ohne Murren, stillschweigend und in sein

Schicksal ergeben diesem Wunsche.

Man konnte es deshalb nicht dem Soldaten verargen, wenn er sich sofort

von einem Weibe lossagte, welches gewohnt war auf den Knien eines

reichen Offiziers sitzend, »Butterbrot zu essen und süßen Wein zu

trinken«, diese aber wählte wiederum einen Weg, welcher ihr am besten

gefiel, ein Leben, welches sie früher schon führte und wo sie am

leichtesten und raschesten jene Summe Geldes verdienen konnte, welche

sie vertragsmäßig ihrem Manne zu entrichten hatte dafür, daß er ihr die

Bewilligung gab, so und dort zu leben, wo sie wollte.

Das waren die Resultate der Sittenverbesserungs-Spielerei; schließlich

fand man auch dieses langweilig und abgeschmackt und bekümmerte sich

nicht weiter um dieselbe.

Etwas länger dauerte die Proselytenmacherei behufs Bekehrung der Juden

zum Christentum, obzwar auch hier verschiedene Seltsamkeiten

unterliefen.

Den Eifer der Fürstin nutzte am meisten der Auswurf der jüdischen

Gesellschaft aus, charakterlose, böse und bösartige, nach jeder Richtung

hin verdorbene, verderbte Leute, Diebe und ähnliches Gesindel, welches

sich taufen ließ, um manche Missetat, von ihnen angestellt, dadurch zu

decken und in Vergessenheit zu bringen.

Leute, welche unter ihren eigenen Stammesgenossen keinen Schutz mehr

fanden, waren so demoralisiert, daß sie eine Religion wechselten, wie

man einen Rock zu wechseln pflegt.

Zu diesen Leuten gehörte auch der von dem Introligator angeworbene

Ersatzmann, der sich ebenfalls die von anderen angewendete Praxis zu

eigen machte, die Fürstin dadurch auszubeuten, daß er sich zur Taufe

meldete; einmal getauft, konnte ihm Niemand mehr etwas anhaben, selbst

dann nicht, wenn er früher schon — als Jude — in irgendeiner Weise das

Gesetz überschritten und verletzt hätte.

Diese Ansicht hatte ihre volle Berechtigung.

Man war zu jener Zeit allgemein (und nicht allein unter den Juden,

sondern unter den Rechtgläubigen und der »hohen« Gesellschaft in Kiev)

davon überzeugt, daß nicht _das_ geschieht, was der Fürst _befiehlt_,

sondern _das_, was die Fürstin _wünscht_.

Siebentes Kapitel.

Der jüdische Schneidergeselle, welcher sich anwerben ließ, um Soldat zu

werden, war ziemlich gut über die in Kiev herrschenden Verhältnisse

unterrichtet.

Diese Kenntnis wollte er nicht nur für seine eigenen Zwecke ausnützen,

sondern auch dabei gleichzeitig den Introligator ungestraft zu Grunde

richten.

Sein Plan war vorzüglich ausgedacht.

Während der Introligator die bekannte Bittschrift verfasste, in welcher

er bat, mit der Einstellung seines Sohnes solange warten zu wollen, bis

er mit dem Ersatzmanne ankomme, schrieb der Schneider einen

herzbrechenden Klagebrief an die in Kiev allgemein bekannte Baronesse

B., welche — nach außen hin — eine außergewöhnliche Frömmigkeit zur

Schau trug.

Der listige Jude schilderte in lebhaften Farben, wie er von seinen

Stammesgenossen verfolgt werde, was er leiden müsse, daß seine Geduld

bereits erschöpft sei und er sich entschloß unter die Soldaten zu gehen;

wie er aber plötzlich erleuchtet wurde, wie ihm jene Wohltaten, welche

nur hochgeborene Christen auszuüben pflegen, namentlich jenen, die sich

entschlossen haben, den wahren Weg des Christentums zu wandeln in

Erinnerung gekommen seien; er habe deshalb beschlossen, sich — taufen

zu lassen.

Er rechnete weiter, daß, wenn es ihm gelingt dem Introligator noch vor

seiner Ankunft in Kiev zu entlaufen, er bei seiner Ankunft dort Gönner

finden wird, die ihn vor dem Verfolger schützen werden dadurch, daß sie

ihm einen Aufenthalt in irgend einem Kloster vermitteln, so lange, bis

er die heilige Taufe empfangen habe.

Sollte ihm sein Fluchtplan nicht gelingen, so hatte er schon auch nach

dieser Richtung hin Vorkehrungen getroffen, indem er in dem Briefe die

Baronesse bat, ihn schützen zu wollen, und dahin ihm behilflich zu sein,

daß er so rasch wie tunlich getauft werde und so Aufnahme finde in der

christlichen Gemeinschaft, nach welcher er sich so sehr sehne.

Der Jude bat weiter die Frau Fürstin Katharina Aleksejevna mit seinem

Wunsche bekannt zu machen, auf deren religiösen Eifer er alle seine

Hoffnungen baue.

Dieser Brief gab der Baronin Vorwand bei vielen gewichtigen und

einflußreichen Persönlichkeiten vorzusprechen, wobei sie Gelegenheit

fand ihre Religiosität und ihren Eifer für die Ausbreitung des

Christentums ins hellste Licht bringen zu können und leuchten zu lassen;

namentlich fand sie bei der Fürstin sofort die tatkräftigste

Unterstützung und die Erlaubnis in diesem Falle im Namen der Fürstin bei

allen jenen Personen dasjenige zu erwirken, was sich als nötig erweist.

Dieser Auftrag bezog sich hauptsächlich auf jene, denen die Fürstin

keine Befehle erteilen konnte; diejenigen, welchen sie befehlen konnte,

kamen gar nicht in Betracht.

Mit einem Wort, ehe der Tag zu Ende ging, hatte die Baronin alles, was

ihr zum Schutze des Juden nötig erschien, vorbereitet, so daß derselbe

nach seiner Ankunft in Kiev es nur nötig fand, bei dieser oder jener

Person, welche von dessen Ankunft und Plänen unterrichtet war,

vorzusprechen, um — geschützt und gerettet zu sein.

Besseres konnte sich der Jude auch gar nicht wünschen; außerdem haben

auch andere Umstände zu seinen Gunsten gewirkt, daß er nicht nur den

ersten, sondern auch den zweiten Teil seines Programmes in Ausführung

bringen konnte, d. h. es gelang ihm, seinem Kontrahenten entlaufen zu

können, während dieser einen Tag durch nutzloses Suchen und Nachfragen

in den berüchtigten jüdischen Herbergen Weißkirchens verlor, in diesem

nach Berdičev größten, von Juden bevölkerten Orte mit seinen

zahlreichen berüchtigten und gefürchteten Jüdenschenken.

Ehe der durch furchtbare Schicksalsschläge zerschmetterte und fast

sinnlos gewordene Introligator in Kiev ankommen konnte, in einer Stadt,

wo er zu seinem Unglück überhaupt niemanden kannte und auch nicht wußte,

an wen er sich wenden sollte und könnte, saß sein Flüchtling, geschützt

von hochgestellten Persönlichkeiten, hinter Klostermauern, ließ sich

schmackhaft zubereiteten Fisch schmecken und ruhte in der warmen Zelle

eines Mönches von der während seiner Flucht erlebten Aufregung aus.

Dieser Mönch war beauftragt, den Juden in so kurzer Zeit als möglich zur

Taufe vorzubereiten.

Der Introligator, welcher mir unter Weinen und Wehklagen diese ganz

eigentümliche Geschichte erzählte, teilte mir auch mit, wie er es

erfuhr, wo sich der Lump gegenwärtig aufhalte.

Er erzählte, wie viele Groschen und wo er sowohl an geistliche wie

weltliche Personen gezahlt habe, wie er in einer aufgelassenen Lehmgrube

bald ertrunken und in einer Ziegelei fast verbrannt wäre, wie er auf

eine unerklärbare Art und Weise in eine Klosterbäckerei geriet; er

erzählte dies alles lebhaft, plastisch und doch bei allem dem

gleichzeitig außerordentlich rührend und gleichzeitig lächerlich; man

war sich überhaupt darüber nicht klar, sollte man über seine Erzählung

lachen oder weinen.

Während dieser Zeit, als der Introligator, vor meinem Tische stehend,

seine Geschichte erzählte, dabei weinte, ächzte, seinen zerlumpten Rock

zerriß, fühlte weder ich noch irgend einer von meinen Beamten Lust über

den Juden zu lachen oder sich über denselben lustig zu machen.

Wir alle — bei unserer unglückseligen Angewohnheit und Abhärtung gegen

ähnliche Ausbrüche von Gram, Klage und Marter — waren, wie es schien,

völlig niedergeschmettert durch den Ausbruch des grenzenlosen Leidens

und Schmerzes des Juden, welcher tatsächlich _blutigen Schweiß_ bei

diesem Armen hervorrief.

Ja, diese schlechtriechende Flüssigkeit, mit welcher die vor mir

liegenden Papiere durchfeuchtet waren, war nichts anderes als der

»_blutige Schweiß_«, welchen ich in meinem Leben nur ein _einzigesmal_,

und zwar nur in diesem Falle mit eigenen Augen zu sehen Gelegenheit

hatte.

In dem Maße, als dieser lebend nicht erfrorene und lebend nicht

verbrannte Jude in der Stubenwärme auftaute, schien seine Stirne mit den

an diese angefrorenen Haaren, seine krampfhaft zusammengeballten Hände,

seine unter dem Lapserdack offen liegende Brust — wie mit feinen Wunden

bedeckt, aus welchen eine rote Feuchtigkeit austrat, wie jene ersten

Tropfen der Flüssigkeit von roten Beeren, welche man beim Auspressen aus

den Poren eines Leinwandstückchens heraustreten sieht.

Doch die feinen rosigen Tropfen auf der Menschenhaut zu sehen, war

fürchterlich!

Wer niemals Gelegenheit gehabt »_blutigen Schweiß_« zu sehen und derer

dürfte es gewiß außergewöhnlich viel geben, um so mehr, als die

Möglichkeit des Vorkommens eines solchen Schweißes geleugnet und in

Abrede gestellt wird — diesen allen kann ich sagen, daß _ich selbst_,

_mit eigenen_ Augen solchen blutigen Schweiß tatsächlich gesehen, und

daß dieser Anblick unbeschreiblich fürchterlich ist.

Diese rötlichen, moosbeerensaftfarbigen Tröpfchen und Flecke an der

Brust dieses Juden stehen noch heutigen Tages unverwischbar, deutlich

und klar vor meinen Augen, und mir kommt es vor, als wenn ich durch

dieselben das offene Herz dieses zermarterten Mannes gesehen hätte —

das Herz eines Vaters, welches für sein eigenes Blut, seinen Sohn, die

größten Qualen und Marter aushält, nur um diesen, seinen Sohn, retten zu

können.

Ich behaupte nochmals, das, was ich gesehen, war fürchterlich!

Die üppigen blonden Haare der letzten Königin Schottlands, gebleicht in

der kurzen Spanne Zeit, in welcher die »Gentlemen« die letzte Toilette

derselben machten und sie an den Richtblock banden, diese Minuten der

Angst der unglücklichen Königin konnten für diese nicht schrecklicher

sein, als jene Stunden eines Vaters, der seinen Sohn retten kann und

dabei blutigen Schweiß schwitzte.

Unwillkürlich erinnerte ich mich des blutigen Schweißes jenes großen

Lehrers, welcher für die Sünden unserer Väter und für unsere eigenen

sein Blut auf dem Kreuze vergoß und mein eigenes Blut flutete in vollem

aufgeregtem Strome vom Herzen durch die sämtlichen Gefäße meines

Körpers, es rief in meinen Ohren ein so heftiges Sausen und Brausen

hervor, wie ich solches weder vor noch nach je empfunden habe.

Alle meine Gedanken, all' mein Fühlen erlitt geradezu etwas

ungewöhnliches, eigenartiges, noch nie dagewesenes, neben dem traurigen,

schmerzlichen, drückenden gab es zu gleicher Zeit etwas angenehmes,

liebliches.

Es schien mir, als wenn ich keinen gewöhnlichen Menschen, sondern ein

blutiges historisches Symbol vor mir sehen würde.

Aufrichtig gestanden, ich war zu jener Zeit nicht ganz fremd einem

gewissen Mystizismus, den ich auch jetzt nicht in Abrede stelle, da ich

mir (die Herren Theologen um Verzeihung bittend) den Glauben ohne

Mystizismus nicht vorstellen kann.

Unter dem Eindrucke des eben Erlebten und auch geradezu unter Einwirkung

des sich stärker fühlbar machenden Mystizismus fing sich etwas

eigenartiges, etwas geheimnisvolles, unbegreifliches in meinem Kopf und

Herzen zu regen, etwas, was mit meiner gegenwärtigen Beschäftigung sich

gar nicht in Einklang bringen ließ.

Die Geschichte, in welcher sich das Böse mit dem Guten, das Tragische

der väterlichen Liebe und Sorge um seinen Sohn, sein liebes Kind und

religiöse Fragen durch- und zwischeneinander mischten; die rohe

Einrichtung in dem großen, halb dunklen, schlecht beleuchteten Saale,

dessen Wände Meere von Tränen über für immer verloren gegangene Kinder

gesehen haben; diese zwei Kerzen, welche das durch seelische Qualen,

Angst und Sorge schmerzlich und krampfhaft verzerrte Gesicht des

altbiblischen semitischen Individuums beleuchteten; dieser Ruf nach:

»Jeschu! Jeschu Hanozri!« — nach seinem Sohne — »oh! gibt ihn mir,

meinen Sohn, zurück« — »gebet ihn mir!« — …: alles dieses

erschütterte tief meine Seele und entriß mich geradezu der Gegenwart und

der Wirklichkeit!

Ich empfand ein ganz unbestimmtes, eigentümliches Gefühl, eigenartige

Gedanken durchschwirrten meinen Kopf, in gleicher Weise, wie solche

Bischof Theofan mit großer Meisterschaft in seinen Briefen über »das

geistige Leben« beschrieben hat.

Von jetzt ab hat das Herz Übergewicht gefunden über den Verstand.

Er tat es mir an, dieser verzweifelnde Vater, mit dem blutigen Schweiße

und dem offenen Herzen — ein Mensch aus jenem Stamme, der auf sich nahm

das Blut jenes großen Erlösers, dessen Namen »Jeschu!« er in seiner

Angst anrief und den er um Rettung aus dieser schweren Lage bat! … wer

kann es erklären, welche geheimnisvolle Kraft ihn dazu trieb den

»Hanozri« um Hilfe in der Not zu bitten?

Meine überspannten Nerven arbeiteten so, daß es mir schien, in diesen

dem Staate gehörenden Räumen gehe etwas vor, was gegen den Staat

gerichtet ist.

Hörte vielleicht Er die Klagerufe eines Vaters nach seinem Sohne und des

Sohnes nach dem Vater? — Sah' Er bereits das zerrissene Herz des

aufgeregten Juden? — geht Er ihm bereits schon mit ausgebreiteten

Händen entgegen, um ihn in diese zu schließen und ihm Hoffnung, Trost

und Erlösung zu bringen? —

Darüber vergaß ich dem armen Juden den einzigen zum gewünschten Ziele

führenden Rat zu geben, sich und seinen Sohn — taufen zu lassen!

Und in der Tat! wer und was hinderte ihn dieses zu tun, um so mehr, als

er, der Vater »Jeschu Hanozri« zur Hilfe rief, in diesem Augenblicke

auch dem Erlöser näher stand, als jener Aussätzige, jener Lump, welcher

sich vornahm über die Religion durch die Taufe sich lustig zu machen,

sie zu profanieren und solche in den Augen seiner Stammesgenossen

lächerlich zu machen.

Was würde daraus entstanden sein, wenn der Jude meine Gedanken erkannt

und in Ausführung gebracht hätte?

Ein ungewöhnlicher, noch nie dagewesener Fall in der administrativen

Gerichtspraxis, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach den Anstoß zur

gründlichen Revision des bestehenden Gesetzes Anlaß gegeben hätte.

Einen anderen Ausweg zu seiner und seines Sohnes Rettung sah ich nicht

…

Aber ich vergaß Den, ohne dessen Willen kein Haar fällt vom Kopfe eines

Menschen, ich vergaß Jenen, dessen Macht größer ist und herrlicher als

jene sämtlicher Herrscher der Welt, die sich vor Ihm beugen müssen.

Mir ist gar nicht eingefallen, daran zu denken, daß dieser Jude, welcher

den Namen »Hanozri« so angstvoll und aus voller Seele anrief, diesen

Namen beschimpfen und das Geheimnisvolle des heiligen Taufaktes

lächerlich finden könnte, wie sich sein Ersatzmann zu tun vornahm.

Alles dieses und vieles andere durchschwirrte mein Kopf, um aufzutreten

und auch sofort zu verschwinden.

Es wurde mir im Kopfe so schwer, es drückte wie Blei auf mein Gehirn;

meine Gedanken wollten nicht in Weite fliegen, sondern sie trachteten,

ähnlich einem naßgewordenen Vogel, sich unter dichtes Gebüsch und tiefen

Schatten zu verbergen — ich sprach kein Wort — und tat wohl daran!

Möglicherweise wäre mein Rat nicht an die richtige Stelle zur richtigen

Zeit gerichtet gewesen und ich wäre dadurch der Möglichkeit beraubt

worden, einen Vorfall sehen und miterleben zu können, welcher die

Machtlosigkeit der Menschen und die Erscheinung der göttlichen Vorsehung

zu deutlicher, sichtbaren Äußerung brachte.

Achtes Kapitel.

Nicht mein Herz, aber mein Verstand riet mir zu schweigen und nicht

selbst tätig einzugreifen in eine Sache, welche nur der Herr des Lebens

regeln und zum glücklichen Ausgang führen konnte.

Ebenso war es nicht meine Sache zum Leben rufen zu wollen einen Stamm,

den das Schicksal niedergeschmettert hatte.

Wie das Glied dieses Stammes zum neuen Leben erweckt wurde … das

geschah später … viel später, und unter Verhältnissen, die niemand

vorhersehen konnte zu jener Zeit, von welcher ich jetzt erzählen werde.

Instinktiv fühlte ich, daß das, worüber wir uns so sehr aufregten, ein

gutes Ende nehmen werde.

Mein Verstand lispelte mir zu nur ruhig zu sein, sich nicht aufzuregen

über etwas, dessen Ausgang im voraus bestimmt ist; denn was geschehen

soll und werde, sei voraus bereits bestimmt, weshalb ich nichts

unternehmen soll, damit das Bestimmte nicht gestört werde und erfolge.

Vor allem sei Ruhe! — Ruhe! — nötig!

Um diese Ruhe zu erzielen, welche durch fortgesetztes Weinen, Seufzen,

Wehklagen, Heulen des Juden gestört wurde, zu finden, stand ich, ohne

ein Wort zu sprechen, auf, ging in den Vorsaal, zog meinen Pelz an und

fuhr nach Hause, ohne mich um den Juden weiter zu kümmern.

Dieser mein Entschluß dürfte manchem ganz unbegreiflich vorkommen —

möglicherweise wollte ich dem Schauspiele entgehen, das sich meine

Beamten früher oder später mit dem Juden erlauben werden — doch dem war

nicht so.

Warum ich in dieser Art vorging, ist mir selbst unbegreiflich und kann

ich es mir auch heutigen Tages nicht erklären, aber mein Herz und auch

mein Verstand sagten, daß dieses das beste sei, was ich tun könne.

Wie heute sehe ich noch in meinem Gedächtnisse jene klare frostige

Mitternacht mit dem hoch am Himmel das schöne Kiev beleuchtenden

Vollmond.

Zu jener Zeit war Kiev eine patriarchalische Stadt, denn »Chateau des

Fleurs« und andere Lokale ähnlichen Genres tauchten erst zu jener Zeit

auf, als Anenkov das Palais des General-Gouvernements bewohnte.

Zu der Zeit, als ich vom Amte nach Hause fuhr, war bereits Ruhe und

Stille eingetreten in Kiev; sie schliefen bereits, die Einwohner dieser

großen historisch merkwürdigen Stadt; von hohem Turme des Klosters

vernahm man die in langen Zwischenräumen zum Frühgottesdienste

einladenden Glockenlaute.

Mein kleines, durch langes Stehen in dieser frostigen Nacht hart

mitgenommenes Pferdchen, lief so rasch, daß der kleine Kutscher Mathias,

Leibeigener von meinem Gute im Orlover Gouvernement, dasselbe kaum zu

zügeln vermochte.

An der Straßenbiegung beim »Kaisergarten« huschte auf einmal etwas an

uns vorüber — ein Mensch und doch kein Mensch, Hund und doch kein Hund

oder ein ähnliches Tier — worüber mein etwas scheues Pferdchen erschrak

und auf die Seite sprang, daß sowohl ich wie mein Kutscher nahe daran

waren, aus dem Schlitten herausgeschleudert zu werden.

Dieses etwas verfolgte uns den ganzen Weg, bald huschte es vor, bald

hinter dem Schlitten, bald verschwand es im Schatten oder sprang und

lief vollbeleuchtet vom Monde neben uns; plötzlich läuft es bei einer

Biegung über die im vollen Mondeslichte hell erleuchtete Straße, so nahe

an dem Pferde vorüber, daß dieses wiederum scheute und uns bald aus dem

Schlitten geworfen hätte.

Ich konnte mir nicht erklären wer? oder was? dieses etwas sei, nur sah

ich, daß dasselbe auch hier sei, als das Pferdchen vor meiner Wohnung

stehen blieb …

Was war dieses etwas?

Das war wieder er, mein Introligator, mit denselben krampfhaft

verzerrten Gesichtszügen, demselben deutlich sichtbaren blutigen Schweiß

auf der offenen Brust … ihn fror es nicht, das Herz brannte und wärmte

ihn!

Er weinte und jammerte nicht; aber er verließ mich auch keinen

Augenblick, gleich meinem Schatten hing er sich an meine Fersen; er lief

nicht weniger rasch als mein Pferdchen.

Novellen · 第 9 / 14 题