Dukač erschrak, warf das Gewehr weit von sich fort, lief ins Dorf,
weckte Leute auf — und erzählte allen, was er gesehen und getan, er
beichtete vor der ganzen Gemeinde und schloß seine Rede mit den Worten:
»Gott ist gerecht, er straft mich — geht — schaufelt sie aus dem
Schnee heraus, mich aber bindet und überliefert dem Gerichte.«
Die Bitte des Dukač wurde erfüllt; ihn banden sie und bewachten in
einer fremden Stube; draußen aber, hinter den Scheunen, da schaufelten
sie den Agap, die Kerasivna und das Kind aus dem Schnee heraus.
Fünfzehntes Kapitel.
Unter einer Schneewehe, welche den Schlitten vollständig zudeckte, fand
man den schwer verwundeten Agap, die fast erfrorene Kerasivna, an deren
Brust, unter dem Pelze völlig unbeschädigt, das Kind ruhig schlief.
Die Pferde standen bis über den Bauch im Schnee, die Köpfe über den Zaun
hängend.
Sowie man sie vom Schnee befreite, zogen sie freiwillig an und fuhren
den Schlitten mit der erstarrten Patin, dem schwerverwundeten Agap und
dem schlafenden Kinde auf ihren Bauernhof.
Die Dukačin wußte nicht, was sie machen solle, weinen vor Freude über
die Rettung ihres Kindes, oder vor Schmerz über das Unglück ihres
Mannes.
Das Kind in die Hand nehmend, bemerkte sie um dessen Hals ein Kreuzchen
an einer Kette, worüber sie aus Freude wiederum zu weinen begann, da sie
davon überzeugt war, daß dasselbe tatsächlich getauft sei; sie hob
dasselbe vor dem heiligen Bilde hoch auf und rief mit freudiger Stimme
und heißem, innigen Entzücken:
»Herr! dafür, daß Du mein Kind von dem Tode errettet, ihn in Deine
Gemeinde und unter Dein Kreuz aufgenommen, werde ich Deine Güte und
Gnade solange ich lebe nie vergessen, ihn aber werde ich erziehen zu
Deinem Diener, damit er verkündige Dein Wort und mehre Dein Reich,
Deinen Glauben!«
So wurde ein Gelöbnis geleistet, welches den Grundstein meiner wahren
Geschichte bildet, denn in dem, was ich Euch bis jetzt erzählte, fandet
ihr nichts, was auf den »ungetauften Popen« Bezug hätte, und dennoch ist
derselbe bereits in der Geschichte vorhanden, jedoch so versteckt, wie
Agaps Mütze in der Rechnung, sie war hier, aber darinnen stand sie
nicht.
Doch ich fahre fort Euch mit der Geschichte bekannt zu machen.
Das Kind blieb gesund, mit den nicht gerade sehr gescheiten Mitteln,
welche die Weiber an der Kerasivna probierten, wurde dieselbe zum
Bewußtsein gebracht; sie war jedoch so leidend, daß sie das, was um sie
vorging, nicht zu bemerken schien, sondern nur stets ein und dasselbe
wiederholte:
»Das Kind ist auf den Namen Sava getauft.«
Das genügte vollkommen und alle waren damit zufrieden und einverstanden,
selbst der alte Dukač, den man davon unterrichtete, nickte zustimmend
und sagte:
»Den Popen in Peregudi saget von mir besten Dank, daß er den Knaben
nicht unglücklich machte und ihn nicht Nikolai taufte.«
Als sich die Kerasivna erholte, erzählte sie: »Der Pope von Peregudi
hätte das Kind auf den Namen Nikolaus taufen wollen, was, wie er sagte,
in der heiligen Schrift vorgeschrieben stehe, sie hätte jedoch dagegen
protestiert und mit ihm lange gestritten, wobei sie ihm schließlich
sagte: Gott mit Dir und Deiner Bibel, Väterchen! später hätte er klein
wenig beigegeben, und schließlich auf den Namen Sava das Kind getauft,
nachdem sie ihm deutlich und klar bewies, das Kind eines Kasaken könne
nie auf den Namen Nikolaus getauft werden.«
»Du bist in der Tat eine echte rechte Kasakin,« sagte der Dukač und
befahl ihr eine Kuh zum Geschenk zu geben, er versprach ihr noch, sobald
er wiederum nach Hause zurückkehre, sich ihr noch anderweitig dankbar zu
bezeugen; vergessen werde er die Dienste, die sie ihm erwiesen, nie.
Mit diesem Unglücksfalle endete die Taufe des Kindes; darauf folgte das
Begräbnis des Agap und eine lange, lange Trauerzeit.
Denn Agap ist nicht mehr zum Bewußtsein gekommen, trotz aller Eis- und
Schneeumschläge konnte die durch eine starke Ladung mit grobem Schrott
erzeugte Wunde am Kopfe nicht geheilt werden, und gegen Abend des
anderen Tages hauchte der Unglückliche seine Seele aus. Denselben Abend
brachten drei mit großen dicken Stöcken bewaffnete Dorfinsassen den
Dukač in die Stadt und übergaben ihn dem Gerichtsprokuror, welcher
ihn gleich einem Verbrecher in das Gefängnis überführen ließ.
Den Agap beerdigte man; der Dukač befand sich in der
Untersuchungshaft, das Kind wuchs zur Freude seiner Mutter, doch die
Kerasivna, obzwar sie nicht zu Bette lag, kränkelte und was noch
auffallender war, sie änderte vollständig ihren Charakter — es war
nicht mehr jene Christy, jene energische, eigenwillige Kerasivna; im
Gegenteil, sie wurde still, nachgiebig, schwermütig, fast einsilbig; sie
zankte nie mehr mit ihrem Manne, noch mit den Nachbaren, so daß
Kerasenko es sich gar nicht zu enträtseln vermochte, was denn eigentlich
mit seiner Frau vorgefallen sei.
Sein Leben, sonst so stark beeinflußt von dem Starrsinn und Eigenwillen
und der Herrschsucht seines Weibes, verlief jetzt auffallend still und
ruhig: er hörte kein böses Wort mehr von seiner Frau, keinen
Widerspruch, keine Vorwürfe, es gab keine Szenen mehr weder bei Tag noch
bei Nacht, auch der Rogačever Adelige verschwand unbekannt wohin, so
daß Kerasenko gar nicht wußte, wie er sich über sein häusliches Glück
freuen und gegen wen und wodurch er diese Freude äußern könnte.
Diese merkwürdige Charakteränderung der Kerasivna bildete lange Zeit das
Tagesgespräch im Orte und wurde von allen Frauen nach allen Seiten
besprochen, ja selbst ihre größten Feindinnen, die Marktweiber, denen
sie früher empfindliche und starke Konkurrenz bereitete, sind darüber
einig geworden, daß die Kerasivna eine brave Frau sei.
Und wenn sie ihr jetzt nicht einen, sondern sogar zwei Käufer von ihrem
Stand, auf welchem sie Kuchen und Brot verkaufte, weglockten, so ließ
sie es ruhig geschehen, ohne jede Äußerung, während sie früher alle
Teufel auf ihren Hals gehetzt hätte.
Was den Rogačever Adeligen anbelangt, so erzählte man sich, er wäre
zweimal in Paripsami gewesen, doch die Kerasivna weigerte sich mit ihm
zu sprechen.
Selbst ihre größte Feindin und Konkurrentin, die Pidnebesnaja, erzählte
und wollte es sogar beeiden, sie hätte mit eigenen Ohren gehört, daß als
einmal der Rogačever Adelige an den Stand der Kerasivna trat, um
Kuchen zu kaufen, die Christy zu ihm sagte:
»Geh' weg von mir, damit Dich meine Augen nie mehr sehen, für Dich ist
bei mir nichts zu haben, weder zum Kaufen noch zum Schenken.«
Und als er sie frug, was vorgefallen sei? da gab sie ihm zur Antwort:
»Ein großes Geheimnis liegt schwer auf meiner Seele und drückt mich und
macht mich unglücklich.«
Nicht allein an der Kerasivna, auch am alten Dukač machte sich eine
Änderung des Charakters auffallend bemerkbar.
Nach der Gewohnheit der so sehr von allen Seiten gelobten »alten Zeit«
zog sich die Untersuchungshaft des Dukač drei Jahre lang, während
welcher Zeit man ihn unter dem Verdachte des vorbedachten Mordes an
seinem Verwandten Agap in Haft behielt; aber nicht genug daran, er
konnte sogar von seiner Gemeinde nach Sibirien geschickt werden.
Die unglückselige Angelegenheit endete im allgemeinen noch ganz günstig
für Dukač; die Gemeinde erklärte, sie sei einverstanden, daß er
wieder im Orte lebe, sobald er die ihm von Gerichtswegen zugesprochene
Kirchenstrafe in einem Kloster abgebüßt habe.
Die fürchterlichste und erniedrigendste Strafe für Dukač war die
Erlaubnis der Dorfinsassen, daß er wieder im Orte leben könne, denn
diese Erlaubnis war geradezu eine Gefälligkeit, eine Gnade, erteilt von
Leuten, welche Dukač in früherer Zeit völlig übersah und —
verachtete.
Fünf Jahre waren verflossen seit der Zeit, als das Kind getauft und Agap
begraben wurde; Dukač büßte die Kirchenstrafe ab und kam aus dem
Kloster heim, völlig verändert, äußerlich und innerlich, gealtert über
die Jahre hinaus.
Er blieb jedoch nicht lange im eigenen Heim, sondern kehrte in jenes
Kloster zurück, in welchem er Buße getan, nahm jedoch den nicht zu
kleinen Topf mit Goldfüchsen gefüllt, die lange, lange Jahre vergraben
waren, mit zu dem Zwecke, daß für dessen Inhalt Gebete abgehalten werden
für drei lebende und tote Seelen.
Wer diese drei lebenden und toten Seelen sein sollten, war selbst dem
alten Dukač nicht ganz klar, aber Kerasivna meinte, er — Dukač —
habe durch seinen fürchterlichen Charakter, seinen Hochmut und Eigensinn
nicht allein den Agap getötet, sondern noch zwei andere Seelen zu Grunde
gerichtet, und zwar Seelen, die nur Gott und ihr — Kerasivna — bekannt
seien, die sie aber, so lange sie lebe, Niemandem verraten werde.
So blieb auch dieses ein Rätsel, das selbst die Goldfüchse des Topfes
nicht zu lösen vermochten.
Das Kind, mit dessen Erscheinen auf die Welt so großartige Umwälzungen
und Vorfälle verknüpft waren, wuchs indessen gesund heran.
Von der Mutter, einer einfachen, frommen, herzensguten, zartfühlenden
Frau erzogen, freute es sich dieser Güte und Liebe, welche sie ihm
täglich, ja stündlich entgegenbrachte.
Ich erinnere daran, daß als die Dukačin das Kind wieder in ihren
Händen haben und an ihre Brust drücken konnte, sie ein Gelübde tat, den
Knaben dem Dienste Gottes zu widmen, ihn also zum Geistlichen erziehen
zu lassen.
Derartige Gelübde und Opferungen waren und sind auch heutigen Tages
nichts seltenes unter den Kleinrussen und werden strengstens
eingehalten, besonders wenn die Kinder selbst keinen Widerstand leisten,
was in den seltensten Fällen vorzukommen pflegt, denn schon von ihrer
Jugend an erhalten sie nach der Richtung hin entsprechende Erziehung.
Hat das Kind ein gewisses Alter erreicht und wurde es in dem Geiste und
dem Charakter des gemachten Gelübdes erzogen, so bildet das Gelöbnis für
das Kind kein Opfer, sondern es hat sich selbst in die Überzeugung
eingelebt, daß dieses Gelöbnis der Eltern ausgeführt werden müsse, wozu
auch das anerzogene Gefühl des Gehorsams gegen seine Eltern viel
beiträgt, und das nur dort zu finden ist, wo wahrer Glaube und Liebe zu
Gott noch vorhanden ist und herrscht.
Sava Dukač wurde von seiner Mutter in dem wahren Glauben und Liebe zu
Gott erzogen, und schon als Kind stand in ihm fest, und war er sich
darüber klar und bewußt, daß das Gelöbnis seiner Mutter erfüllt werden
müsse.
Zart und schwach an Körper, besaß Sava große Geistesgaben und namentlich
was Gottesfurcht und Religiosität anbelangt, da unterschied er sich
vorteilhaft von allen seinen Altersgenossen.
Er nahm nie Vogelnester aus, erdrosselte nie junge Katzen oder warf
junge Hunde ins Wasser, damit sie ersaufen, er warf nie nach Kröten
Steine oder suchte sie mit Stöcken totzuschlagen, im Gegenteil, er war
und blieb stets der Beschützer und Behüter lebender Wesen, ob sie der
Tier- oder Vogelwelt angehörten.
Jedes Wort seiner Mutter war ein Befehl für ihn — schon deshalb, weil
diese stets auch seinem zartfühlenden, liebevollen Herzen entsprachen.
Gott zu lieben war für ihn nicht nur Vergnügen, sondern ein Bedürfnis;
er liebte Gott in allem, was ihn umgab; er liebte Ihn aus sich selbst,
denn alles, was er um sich sah, machte ihm deutlich und begreiflich, daß
Gott bei Jedermann einkehrt, der Ihn liebt und sich in dessen Herzen
seine Hütte baut.
Die Erziehung des Kindes war eine religiöse: seine Mutter war eine
fromme, gottesfürchtige und Gott liebende Frau; sein Vater lebte sogar
im Kloster; warum und weswegen, darüber war er sich nicht im Klaren.
Aus hie und da fallenden Andeutungen bildete er sich eine Art
Schlußfolgerung, daß bei seiner Geburt etwas außergewöhnliches
vorgefallen sein mußte, wodurch das ganze Leben im Hause eine Änderung
erfuhr — — doch dieses alles war für ihn etwas unerklärliches,
sagenhaftes, mystisches.
So wuchs denn Sava unter dem Schutze Gottes und seiner frommen Mutter
und war davon überzeugt, daß ihn niemand abwendig machen könne von der
Erfüllung des von seiner Mutter gemachten Gelöbnisses.
Acht Jahre alt geworden, wurde er dem Bruder der Pidnebesnaja zur
weiteren Erziehung anvertraut.
Ochrim Pidnebesnij lebte in Paripsami in einem Hinterstübchen im Hause
seiner Schwester, welche eine Schenke hielt; doch er hatte nichts
gemeinschaftliches mit diesem Unternehmen.
Er selbst führte ein eigenartiges Leben.
Siebzehntes Kapitel.
Ochrim Pidnebesnij gehörte zu jenem neuen, sehr interessanten Typus
jener Kleinrussen, welcher in dem ersten Viertel des neunzehnten
Jahrhundertes in hinter dem Dneper gelegenen Ortschaften aufzutreten
begann, doch gegenwärtig einen starken Einfluß auf die religiöse
Richtung der dort lebenden Bevölkerung besitzt.
Es ist merkwürdig, daß alle jene, welche sich mit dem Studium der
Eigentümlichkeiten und der Sitten der Völker beschäftigen und sonst die
unbedeutendsten Kleinlichkeiten für wichtig halten, es vollends
unterließen sich mit den Kleinrussen zu beschäftigen und es überhaupt
vollständig übersahen, daß unter denselben eine nicht zu unterschätzende
religiöse Strömung sich rege.
Die dort lebenden Russen fanden ein Bedürfnis in sich ihre Religiosität
in anderer Art ausdrücken und offenbaren zu müssen.
Es ist hier weder der Ort noch bin ich unterrichtet genug, um es zu
erklären, warum die Kleinrussen veranlaßt worden sind, ihre religiösen
Ansichten durch andere zu ersetzen, ich kann nur soviel sagen, daß die
Führer dieser Strömung sogenannte _Einsiedler_ waren, Leute, welche in
ihren Hütten eine kleine Stube oder gar nur eine Ecke in der großen
allgemeinen Stube für sich reservierten, diese peinlich rein hielten und
in dieser ebenso äußerlich wie innerlich und geistig rein lebten.
Sie zogen sich von ihren Angehörigen oder Nachbaren nicht zurück, ebenso
entfremdeten sie sich oder wichen sie anderen nicht aus, nein — sie
arbeiteten nach wie vor mit den anderen zusammen, verkehrten mit ihnen,
dienten als Muster von Arbeitsamkeit, Häuslichkeit, guter Sitte für alle
anderen, sie sprachen sehr gerne über Religion, aber immer und überall
hatte ihr Tun und Lassen etwas Puritanisches in sich.
Sie schätzten die Intelligenz und Bildung sehr hoch; jeder von ihnen
konnte lesen und schreiben, und diese Kenntnis wurde hauptsächlich dazu
benützt, sich mit den Evangelien und dem neuen Testamente bekannt zu
machen.
Sie lasen die heiligen Bücher mit religiösem Eifer und zogen daraus den
Schluß, daß der wahre Glaube in aller seiner Reinheit und Vollkommenheit
nur im neuen Testamente zum Ausdruck komme, und daß alles andere,
Überlieferungen und ähnliches sei, dem die Geistlichkeit ebensoviel
Kraft beimißt wie dem neuen Testamente, und daß diese Überlieferungen
nichts anderes als Unglauben bedeuten.
Man erzählt sich, diese Ansichten wären ihnen durch deutsche Kolonisten
beigebracht worden; doch wer immer daran Schuld tragen mag, eines bleibt
sicher und gewiß, daß daraus die Sekte »der Stundisten« hervorging und
herauswuchs.
Kasak Ochrim, ein unverheirateter Bruder der Pidnebesnaja, gehörte
ebenfalls zu den Stundisten; ohne Lehrer und ohne Anleitung lernte er
lesen und schreiben und hielt es für seine Pflicht andere lesen und
schreiben zu lehren.
Er unterrichtete jedermann, der ihn darum ansprach, stets umsonst, denn
er war davon fest überzeugt, daß er belohnt sein wird von Jenem, der
befahl zu lernen und zu lehren.
Dieses Unterrichten ging im Winter regelmäßiger vor sich wie im Sommer,
ganz schwach während der Erntezeit, im Herbst fanden sich schon mehr
Schüler ein, deren Zahl sich in den Wintermonaten mehr und mehr
steigerte, um gegen das Frühjahr und den Sommer schwächer und schwächer
zu werden.
Den Kindern gab Ochrim Unterricht am Tage, die anderen, Erwachsenen,
unterrichtete er Abends in seiner Stube, wobei die Weiber ihre
Spinnräder schnurren ließen.
Doch bei Oheim Ochrim wurden keine weltlichen Lieder gesungen und leeres
Geschwätze und Klatsch geführt; die Mädchen spannen ihren Lein, Hanf
oder Wolle, Ochrim selbst — nachdem er auf den Tisch einen Teller mit
Honig und eine Schüssel mit Nüssen gestellt, um seine Gäste zu bewirten
— bat ihm zu gestatten, ihnen etwas von unserem Erlöser, Jesus
Christus, erzählen zu dürfen.
Gewöhnlich war man mit seinem Antrage einverstanden und Ochrim erquickte
durch seine Erzählungen die Seelen der Anwesenden geistig und durch
Honig und Nüsse leiblich, so daß alle mit diesen Zusammenkünften völlig
zufrieden waren und in keine andere Hütte zum Spinnabend gehen wollten
als zu Ochrim.
Diese halb weltlichen, halb geistlichen Zusammenkünfte fanden später
auch ohne Honig und Nüsse statt.
An den Spinnabenden bei Ochrim fanden auch andere Annäherungen statt,
die gewöhnlich mit einer Heirat endeten, was nicht wenig zu Gunsten von
Ochrims Abenden sprach.
Alle jungen Paare, welche sich bei Ochrim fanden, führten nach ihrer
Heirat stets ein ruhiges, glückliches Leben.
Wahrscheinlich lag die Ursache darin, daß sich die jungen Leute in einer
friedlichen und friedfertigen Atmosphäre und unter dem Einflusse einer
religiösen Strömung und nicht im Sturme von Leidenschaften, wo das heiße
Blut und nicht das Herz und der Verstand leitend auftreten, kennen
lernten und sich näher traten.
So wuchs Pidnebesnijs Ruf als gottesfürchtiger und frommer Mann von Tag
zu Tag, von Stunde zu Stunde.
Zu Ochrim kam niemand, um gerichtet zu werden, weil er niemanden
richtete, aber alle kamen um zu lernen, und Ochrim lehrte die Liebe zu
Christus, dem Erlöser!
Siebzehntes Kapitel.
Solcher Leute, wie Ochrim, gab es zu jener Zeit in Kleinrussland
mehrere, alle lebten ohne viel von sich reden zu machen, sie blieben
unbekannt der sogenannten Intelligenz, aber waren sehr geachtet und
verehrt von den Bauern und Kasaken.
Es mußte aber ein viertel Jahrhundert verstreichen, ehe man zu der
Überzeugung gelangte, daß unter den Augen der Lebenden, unbeachtet, eine
große nach Tausenden zählende Sekte erstanden ist, die wir unter dem
Namen _Stundisten_ kennen.
Ich selbst habe einen der Gründer dieser Sekte persönlich gekannt; es
war ein herzensguter, gegen jeden freundlicher, zuvorkommender
Junggeselle — Kasak.
Wie die Mehrzahl seiner Glaubensgenossen lernte er mit Überwindung
vieler Schwierigkeiten das Lesen und Schreiben, und lehrte sodann die
Knaben und Mädchen der Gemeinde und Umgebung.
Wie Ochrim, so auch mein Bekannter lehrte bereits erwachsene Mädchen
Lesen und Schreiben, erzählte ihnen an den Spinnabenden die
Lebensgeschichte Jesu, seine Lehren und seine Leiden, wobei die Weiber
spannen oder nähten.
Seine Redeweise war die denkbar einfachste, gänzlich ohne jede Dogmatik
und theologische Findigkeiten; seine Reden hatten hauptsächlich den
Zweck, die Menschen im Sinne der Lehren des Christentums zu erziehen.
Mein Bekannter — Prediger Kasak — lebte jedoch auf dem linken Ufer des
Dneper, in einem Orte, wo es, außer ihm, keine weiteren Stundisten gab.
Übrigens bestand zur Zeit meiner Erzählung weder hüben noch drüben des
Dnester eine regelrechte Organisation des Stundismus.
Achtzehntes Kapitel.
Wie ich schon früher erwähnte, wurde der kleine Sava Dukač dem Ochrim
Pidnebesnij übergeben, damit ihn dieser lesen und schreiben lehre;
dieser erkannte die rasche Auffassungsgabe und die tiefe Religiosität
des Knaben und übertrug auf ihn seine volle warme Seele.
Sava zahlte seinem Lehrer mit gleicher Münze und so entwickelte sich
zwischen ihnen ein Verhältnis und ein Bund, so zart und doch so stark,
daß, als der alte Dukač den Knaben nach dem Kloster, in dem er selbst
lebte, bringen ließ, um ihn, dem gemachten Gelöbnisse der Mutter gemäß,
dem Dienste der Kirche zu weihen, dieser dort schwermütig wurde, Heimweh
nach der Mutter und Ochrim bekam und zu kränkeln anfing.
Dieses Heimweh, dieses Unwohlsein steigerte sich so, daß Sava, der
überhaupt zart gebaut war, diesem erlag, bettlägerig wurde und gewiß
gestorben wäre, wenn nicht Ochrim sich beeilt hätte, ihn zu besuchen.
Er begriff und erriet die Krankheit des Knaben und nach Paripsami
zurückgekehrt, wußte er es der Dukačin klar zu machen, daß das Gott
gemachte Gelöbnis nicht darin bestehe, Kindermord zu treiben; er riet
ihr, den Knaben aus dem Kloster zu nehmen, ihn dort nicht quälen zu
lassen und aus ihm kein »lebendiges« Opfer zu machen.
Ochrim wies ihr einen, den Kleinrussen nicht gänzlich unbekannten Weg
behufs Ausführung und Ableistung des Gelöbnisses; er riet ihr den Knaben
in einer geistlichen Lehranstalt, einem Seminar, studieren zu lassen,
damit derselbe ein Dorfgeistlicher, ein Pope werde, welcher den Armen
und Elenden seiner Gemeinde viel gutes erweisen könne.
Die Dukačin ließ sich von den Ausführungen des Ochrim überzeugen und
der kleine Sava wurde aus dem Kloster abgeholt und dem Seminar
übergeben.
Dieses Vorgehen der Dukačin haben alle gebilligt, nur die Kerasivna
nicht, in welcher sich überhaupt ein Geist des Widerspruches breit
machte, sobald es sich um irgend eine Angelegenheit ihres Patenkindes
handelte.
Man war sich darüber nicht völlig klar, ob sie denselben liebe oder
hasse.
Ihr eigentümliches Verhalten gegenüber ihrem Täufling äußerte sich vom
Tage seiner Geburt, namentlich dann, wenn das Kind in die Kirche
gebracht wurde, um das heilige Abendmahl zu empfangen.
Bei einer solchen Gelegenheit schrie die Kerasivna in der Kirche mit
lauter Stimme:
»Was tut ihr denn! … nicht nötig … trägt ihn nicht … es ist ein
solches Kind, daß man zum heiligen Abendmahl nicht zulassen kann …«
Die Leute beachteten jedoch ihr Geschrei nicht … deshalb wurde sie
grün und gelb vor Wut und Galle, lachte hell auf und bat:
»Laßt mich rasch heraus, daß meine Augen nicht sehen, wie Christi Blut
einem unwürdigen Geschöpfe gegeben wird.«
Gefragt, weswegen sie sich so aufrege, gab sie zur Antwort:
»Mir ist gar so schwer ums Herz!«
Daraus zogen die Leute den Schluß, daß von dem Augenblicke an, als sie
ihr Leben zum besseren änderte und zu hexen aufhörte, der Teufel dennoch
ein kleines Kämmerchen in ihrem Herzen bewohne, in welchem er sich in
Gesellschaft mit noch kleineren Teufelchen recht behaglich einnistete,
die die Kerasivna stets beunruhigen und namentlich sie gegen den kleinen
Sava aufregen, damit sie ihren Täufling nicht liebe.
Und tatsächlich haben die Teufel die Kerasivna so aufgeregt, daß sie,
als der Sava ins Kloster gebracht werden sollte, drei Werst dem
Schlitten nachlief, ohne Unterlaß schreiend:
»Fahrt ihn nicht ins Kloster … dort gehört er nicht hin … er ist
nicht dazu bestimmt … ihr fahrt euere Seele in die Hölle … ihr
nehmet eine große Sünde auf Euch …«
Selbstverständlich nahm Niemand Rücksicht auf ihr Schreien, Schelten,
Schimpfen, ja man achtete gar nicht darauf und vergaß bald diesen
eigentümlichen, unerklärlichen Vorfall; als aber der kleine Sava aus dem
Kloster zurückgeholt worden ist, und in jene Schule, welche ihn zum
Geistlichen, Popen oder Mönch hätte ausbilden sollen, gebracht wurde, da
fing erst das Elend mit der Kerasivna an; sie wurde dadurch so
aufgeregt, daß sie sogar einen leichten Schlaganfall erlitt und lange
Zeit nicht sprechen konnte, die Sprache gewann sie erst dann, als Sava
bereits längere Zeit im geistlichen Seminar sich befand, wieder.
Bei der Aufnahme des Sava ereignete sich auch etwas eigentümliches …
es fehlte nämlich der Matrikelauszug, der Taufschein, welcher nicht
beigebracht werden konnte, denn trotz allem Suchen und Nachforschen
konnte die Eintragung, wann das Kind in Peregudi getauft worden sei, im
Kirchenbuche nicht gefunden werden.
Doch dieses Fehlen von Taufscheinen, welches bei Aufnahme in die Stadt-
und Dorfschulen ein großes Hindernis bietet, besitzt für die
Kirchenschulen und Seminarien keine oder nur geringe Bedeutung, denn den
Leitern dieser Schulen ist sehr wohl bekannt, daß die Popen nicht selten
sogar ihre eigenen Kinder in die Matrikelbücher einzuschreiben
vergessen.
Denn nach der Taufe pflegt man während des Schmauses recht brav zu
trinken, so daß schließlich die Hände zittern und nicht im Stande sind
ein Glas, geschweige denn eine Feder zu halten, man verschiebt deshalb
die Eintragung auf den anderen Tag, an dem sich jedoch das wiederholt,
was sich gestern ereignete, denn es muß der Rest aller trinkbaren
Flüssigkeiten vertilgt werden, daraus resultiert am dritten Tage ein so
schwerer Kopf, daß es dem Besitzer desselben absolut unmöglich ist, sich
an etwas zu erinnern, was an den vorhergehenden zwei Tagen vor sich
gegangen ist — und so vergehen einige Tage, ehe der Kopf sich aufhellt;
während dieser Zeit ist auch die Eintragung — vergessen.
Da solche Fälle nicht zu den Seltenheiten gehören, betrachtete man auch
diesen Fall als solchen und ließ selben gerade sein.
Der Vikarius schimpfte zwar und nannte den Popen von Peregudi einen
Säufer, nahm aber den kleinen Sava, auf Grundlage der ihm vom dortigen
Geistlichen mitgegebenen Ausweise über Kirchenbesuch und namentlich
besonders schönen Bemerkungen über dessen Religiosität und Aufführung
auf.
So nahm die ganze Angelegenheit ein Ende zu allseitiger Zufriedenheit.
Sava lernte gut, beendete die Schule und das Seminar und wurde dazu
bestimmt auf die Akademie geschickt zu werden, als er für alle
unerwartet die Bitte aussprach, ihn als einfachen Dorfgeistlichen wirken
zu lassen.
Während der Zeit, als Sava die Schule besuchte starb der alte Dukač
im Kloster; seine Mutter jedoch lebte nach wie vor in Paripsami und es
traf sich ganz eigenartig, daß gerade zur Zeit, als Sava seine
Ausbildung beendete, der alte Pope in seinem Geburtsorte starb.
Sava bewarb sich um diese Stelle und erhielt sie auch.
Über diese unerwartete Nachricht war das ganze Dorf höchlichst erfreut,
nur die Kerasivna allein, die stark gealtert erschien, hätte über diese
Neuigkeit fast den Verstand verloren.
Sowie man ihr mitteilte, ihr Täufling, der Sava, werde Seelsorger von
Paripsami, seinem Geburtsorte, da zerriß sie ihr Kleid, schlug sich
heftig auf die Brust, fiel auf einen Haufen von Streu und Reisig und
rief:
»Oh! Erde! Erde! tue dich auf und verschlinge uns beide!«
Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, stand sie auf, bekreuzte sich
mehrmals und begab sich nach Hause.
Eine Stunde später sah man die Kerasivna, in schwarzem Kleide mit einem
großen Stock in der Hand mit langen Schritten auf der Straße in der
Richtung nach der Gouvernementsstadt eilen, wo der Sava in seiner
Stellung als Dorfgeistlicher eingeweiht werden mußte.
Leute, welche der Kerasivna auf der Straße begegneten, waren nicht wenig
darüber erstaunt, die Kerasivna so raschen Schrittes der Stadt zueilen
zu sehen; sie ruhte nirgends aus, setzte sich am Wege nicht nieder,
brummte ohne Unterlaß etwas leise vor sich hin und sah im allgemeinen so
aus, als wenn sie zum Tode geführt werden würde: sie betrachtete nur den
Himmel und bewegte ihre Lippen, was die Begegnenden dahin auslegten, daß
sie bete.
Auch diesmal blieb ihr Flehen und Bitten unerhört; alle ihre Gebete
halfen nichts!
Obzwar sie genau zu jenem Akte in die Kirche kam, als der Diakonus,
welcher den Neophyten einkleidete, das in der Kirche angesammelte Volk
frug, ob Jemand gegen die Einweihung irgend eine Einsprache zu erheben
habe, und sie zu schreien anfing — »ich will nicht! ich will nicht!« —
so hatte ihr Protest nicht nur keine Beachtung gefunden und Sava wurde
zum Geistlichen eingeweiht, sondern sie selbst wurde aus der Kirche vom
Volke selbst hinausgedrängt und der außerhalb der Kirche stehenden
Polizei übergeben.
Das Ende ihrer schnellen Reise bestand in zehn Tagen Arrest, während
welchen sie nicht nur die sämtliche schmutzige Wäsche des
Polizeikommissärs rein waschen, sondern noch außerdem zwei Faß Kraut
einstampfen mußte.
Die Kerasivna glaubte aber immer noch nicht daran, daß Sava tatsächlich
zum Geistlichen, Popen, eingeweiht worden wäre, als sie aber die volle
Wahrheit erfuhr, da fiel sie auf die Knie und rutschte auf diesen den
ganzen Weg aus der Gouvernementsstadt bis zu ihrer Hütte, eine Strecke
von achtzig Werst, um den Sava, ihren Täufling, bereits in voller
Tätigkeit als Popen in seinem Geburtsorte zu finden.
Neunzehntes Kapitel.
Wie ich bereits erwähnte, waren die Einwohner von Paripsami ganz
glücklich darüber einen Popen zu besitzen, der im Orte geboren worden
war, den Sohn eines Kasaken, weshalb Sava bei seinem Einzug mit großem
Enthusiasmus empfangen worden ist.
Dazu hatte nicht wenig beigetragen, daß Savas Mutter noch lebte, und der
Pope selbst seine Mutter liebte, hochachtete, ehrte und schätzte und daß
er sofort nach seiner Ankunft nach seiner Patin, der Kerasivna, frug und
sie zu sehen und zu begrüßen wünschte.
Dadurch, daß sie eine Hexe sei, ließ sich Sava nicht stören.
Alle waren sofort davon überzeugt, es werde keinen besseren und
ausgezeichneteren Seelsorger geben als den Sava.
Und tatsächlich ist dies auch der Fall geworden, wie es in der Folge
sich erwies.
Alle ohne Ausnahme hatten ihn liebgewonnen, sogar die Kerasivna hatte
nichts an ihm aussetzen oder gegen ihn einwenden können; aber dennoch
zog sie von Zeit zu Zeit ihre Augenbrauen zusammen, seufzte und meinte:
»Das wäre ja alles recht schön, wenn nur der Fisch in der Suppe wäre.«
Nach ihrer Ansicht gab es keine Fischsuppe ohne Fisch.
Es hatte den Anschein, daß nach Ansicht der Kerasivna der Pope doch
nichts wert ist, und sich dieses in kurzer Zeit offenbaren werde, obzwar
Sava sonst ein sehr guter und braver Mensch sei.
Und so war es auch; man fing an zu bemerken, daß er, Sava, nicht so
vorgehe wie die übrigen Popen; er war nicht reich, und dennoch hatte das
Geld für ihn keinen Wert; dann, als seine Frau starb, da heulte er nicht
und nahm auch keine junge Wirtschafterin auf; — als dann einmal einige
Frauen zu ihm kamen um sich mit ihm zu beraten, ob sie nicht nach Kiev
wallfahren gehen sollten, da riet er ihnen davon ab und meinte, daß es
Gott gefälliger sei, wenn sie sich der Armen und Elenden annehmen und
vor allem anderen in ihren eigenen Hütten ein stilles, ruhiges,
arbeitsames, Gott ergebenes Leben führen; was gegebene Gelöbnisse
anbelangt, so zeigte nach dieser Richtung hin Sava eine besonders große
Kühnheit, in dem er Frauen von denselben absolvierte und die Sünde auf
sich selbst nahm.
Jemanden von einem Gott gegebenen Gelöbnisse oder Opfer zu absolvieren
und loszusprechen … das erschien vielen fast eine Gotteslästerung zu
sein, die man von einem getauften Menschen kaum, von einem Priester
schon gar nicht erwarten konnte.
Doch dabei blieb es nicht; das Wundern und Kopfschütteln nahm kein Ende,
ja man regte sich geradezu auf, als während der großen Fasten Sava
Niemanden verbat Fleisch zu essen und darauf hinwies, alles das zu
essen, was ihm Gott bescheret hat, auch Niemanden öffentliche
Kirchenbuße auferlegte; fand er Ursache, eine Strafe aufzuerlegen, dann
war diese Strafe so eigener Art, daß alle darüber ihr Staunen nicht
unterdrücken konnten.
So belehrte er, um ein Beispiel anzuführen, den Müller Gawrila, welcher,
wie bekannt, mit einem falschen Maße denjenigen Anteil des Getreides
abmaß, der ihm als Mahllohn gebührte, dahin, ja befahl ihm sogar, sofort
von diesem Maße soviel abzuschneiden, als es nötig ist, und seinen
Kunden fürderhin nicht mehr am Getreide abzumessen, als es das Gesetz
erlaubt.
Unter keinen anderen Umständen erteilte er ihm den Ablaß der Sünden und
bewies ihm aus der heiligen Schrift klar und deutlich, daß unrecht Gut
nicht wohl tut, und daß Gott ihn nicht nur auf der Erde schon, sondern
auch im Himmel strafen werde dafür, daß er sich fremdes Gut
widerrechtlich angeeignet habe.
Der Müller folgte dem Befehle; in der Folge hatte Niemand mehr Grund und
Ursache sich über ihn zu beklagen, im Gegenteil, sein Kundenkreis
erweiterte sich sichtlich und seine Vermögensverhältnisse besserten
sich.
Er erklärte sehr oft öffentlich, daß er für alles dieses nur dem Vater
Sava zu danken habe, der ihn auf den guten Weg wies.
Ein junges, heftig aufbrausendes, fast jähzorniges Weib, das einen
Witwer heiratete, war eine wahre Stiefmutter der Kinder der verstorbenen
Frau.
Vater Sava hatte sich auch hier eingemischt.
Nachdem das Weib zum erstenmale bei Sava gebeichtet, änderte sie zum
allgemeinen Erstaunen ihren Charakter; sie ist nicht mehr Stiefmutter,
sondern eine rechte, wahre Mutter den Kindern geworden.
Wenn schon Jemand ein Opfer bringen wollte, dann nahm es zwar Sava an,
er kaufte aber für dieses Geld keine Kerzen oder Weihrauch, sondern
verwendete dasselbe zu Gunsten und für die Bedürfnisse der vater- und
mutterlosen Waisen, Michalek und Potapka, welche im Halbgeschoß des
Kirchturmes ihre Wohnung angewiesen erhielten.
Sagte 'mal Vater Sava einem Weibe oder Mädchen:
»Ich vergebe Dir im Namen Gottes Deine Sünden, gehe hin und sündige
nicht mehr, sondern bete und arbeite und diene dem Herrn.«
»Ratet mir, Väterchen, wie soll ich dem Herrn dienen … soll ich etwa
nach Kiev wallfahren gehen?«
»Nein, das ist nicht nötig. — Bleibe zu Hause und arbeite, tue aber
nicht mehr das, was Du getan. — Jetzt aber gehe, nehme den Kindern
Gottes, dem Michalek und Potapka, Maß, nähe jedem ein paar Höschen, sie
brauchen nicht sehr lang zu sein, und ein Hemd. Die Kinder sind schon
groß und schämen sich in Fetzen und halbnackt unter die Leute zu gehen.«
Die Sünderinnen nahmen sehr gerne derartige Strafen an und Michalko
lebte mit Potapka unter der Vormundschaft und Aufsicht des Popen Sava so
glücklich, wie im Schoße Abrahams; sie gingen nicht nur nicht in Fetzen
und halbnackt herum, sondern hatten in allem Überfluß, so daß sie ihren
Waisenstand gar nicht fühlten.
Derartige Kirchenstrafen waren nach dem Herzen der Leute, ja sie fühlten
sich dadurch erhoben, getröstet, beruhigt.
Aber sein Vorgehen brachte ihm dennoch Unannehmlichkeiten ein.
Der Ruf Savas als Seelsorger verbreitete sich weit und breit, so daß
eine große Zahl von Leuten aus den nachbarlichen Kirchensprengeln seine
Kirche aufzusuchen begannen, namentlich viele Einwohner von Peregudi,
dem Orte, wo Sava getauft sein sollte, gingen nach Paripsami zur Kirche.
In Peregudi starb der Pope und ein neuer zog dort ein.
Dadurch, daß viele Einwohner von Peregudi nach Paripsami zur Kirche
gingen, zog sich Sava die Feindschaft des Popen in Peregudi zu, die sich
noch aus einem andern Grunde steigerte.
Der nach Peregudi eingepfarrte Kasak Oseledec starb.
Auf seinem Krankenbette entschloß er sich ein Schock Rubeln auf eine
neue große Kirchenglocke für die Peregudier Kirche zu widmen, änderte
aber seinen Entschluß, nachdem er sich mit Vater Sava darüber beraten
hatte; er ließ die Nachbaren zu sich rufen und teilte ihnen mit, er
vermache dieses Schock Rubeln zu einem guten Zwecke, nach dem Willen des
Popen Sava; auf eine neue Glocke jedoch schenke er nichts.
Kasak Oseledec starb und Vater Sava erhielt das vermachte Geld
ausgezahlt.
Für dieses Geld ließ Sava ein Haus aufbauen mit großen, breiten
Doppelfenstern und fing in diesem zu unterrichten an.
Die Kasaken meinten, eine Schule sei ein gutes Ding, aber der
Peregudiner Pope redete ihnen ein, daß aus dem allen nichts gutes
herauskommen könne und werde.
Er versprach ihnen sogar eine Klage gegen Sava aufzuschreiben und
brachte sein Versprechen tatsächlich in Ausführung. In Folge dessen
wurde Vater Sava zur Verantwortung vor den Bischof geladen, welcher ihn,
nachdem er Sava gesprochen, belobte und aufmunterte, in seinem
gottgefälligen Werke fortzufahren, Schule zu halten und die Kinder zu
lehren, und ihn schließlich in Frieden entließ.
Und Sava lehrte jeden und alle, die kamen, in der Schule, in seinem
Hause, im Wald und Flur, auf Stegen und Wegen und in seiner kleinen
Dorfkirche.
Jahre vergingen; der Pope in Peregudi, eifersüchtig und unserem
gutmütigen Sava feindlich gesinnt, baute in dieser Zeit eine neue große
Kirche in seinem Amtsorte auf, größer und schöner als die in Peripsami,
bekam außerdem für dieselbe ein großes Heiligenbild geschenkt, von
dessen Wundertätigkeit er nicht genug zu erzählen und zu verkündigen
hatte.
Aber dieses alles ließ unseren Vater Sava völlig kalt, machte ihn gar
nicht neidisch, denn er wirkte und lebte still und ruhig in seiner
Gemeinde, ohne sich durch äußere Eindrücke stören zu lassen.
Nach wie vor hielt er den Gottesdienst in der kleinen hölzernen
Dorfkirche seines Geburtsortes, predigte das Gotteswort in derselben in
einfacher, seinen Zuhörern verständlichen Sprache und lehrte sie nach
den Gottesgeboten leben und arbeiten.
Während aber die Zahl seiner Zuhörer von Jahr zu Jahr wuchs, so daß sich
die Kirche als zu klein erwies und er nicht selten genötigt war auf dem
freien Platze vor der Kirche seine Rede zu halten, gab es in der Kirche
zu Peregudi reichlich Platz für die wenigen Beter in derselben, ja, es
war keine Seltenheit, daß sich in derselben Niemand anderer befand als
der Pope mit seinem Küster, welche in derselben promenieren und zusehen
konnten, wie die Mäuse keck und frei auf dem Ambon sich herumtummeln und
versteckens spielen.
Der Pereguder Pope unterließ es wohlweislich bei seiner vorgesetzten
Behörde über Vater Sava Klage zu führen; aber er unterließ es nicht über
denselben bei jeder nur einigermaßen günstig sich darbietenden
Gelegenheit zu schimpfen, wodurch jedoch dem Vater Sava kein Schaden
zugefügt werden konnte, und dieser gab keine Gelegenheit gegen ihn beim
Bischof Beschwerde führen zu können, der selbst dem Sava wohlwollte und
ihn, wie ich bereits erwähnte, wegen der Erbschaft jenes Schockes
Rubeln, welche der Kasak ursprünglich zur Anschaffung einer Glocke
bestimmte, Sava jedoch für diese eine Schule baute, nicht nur
freisprach, sondern sogar belobte.
Jahrelang wartete der Peregudiner Pope, bis sich ihm Gelegenheit bieten
wird, gegen den Vater Sava auftreten zu können, den er selbst für einen
Zauberer erklärte, weil er mit einer Hexe, die sogar seine Patin ist, im
freundschaftlichen Verhältnisse stehe, einem Frauenzimmer, das eine
ausgesprochene Landläuferin sei und zu keinem Popen beichten gehe.
Dieses letztere war auch tatsächlich der Fall; seit der Zeit, als sie
mit dem erst zur Welt gekommenen Sava nach Peregudi fuhr, seit der Zeit
hat sie in der Tat bei keinem Popen gebeichtet, was um so auffallender
war, als sie sonst alle von der Kirche vorgeschriebenen Fasten und
sonstige Gebote strengstens einhielt und befolgte.
Aber plötzlich wurde es wiederum allgemein laut, die Kerasivna sei doch
eine richtige wahre Hexe und werde in ihrem teuflischen Tun durch Vater
Sava unterstützt.
Denn unvorgesehen fingen die Kühe im Dorfe an weniger Milch zu geben als
sonst.
Wer war Schuld daran?
Gewiß Niemand anderer als eine Hexe, und da im Dorfe Niemand anderer
hexen konnte als die Kerasivna, so blieb es klar und unzweifelhaft, daß
an diesem ganzen Unglücke Niemand anderer Schuld trage, als die
Kerasivna allein.
Beweisend für diese Annahme war die seinerzeitige Verhexung ihres Mannes
und auch der anderen Dorfbewohner, welche sie alle überlebte. Bereits
mit einem Fuße im Grabe stehend, könne sie sich dennoch nicht
entschließen, zur Beichte zu gehen; auch sterben könne sie nicht.
In einer Beratung, an welcher fast die sämtlichen Einwohner des Dorfes
sich beteiligten, wurde der Beschluß gefaßt, derjenige, welcher der
Kerasivna an irgend einem einsamen entlegenen Orte begegne, sei
verpflichtet, diese kräftig durchzuprügeln, wie es von einem
rechtgläubigen Christen erwartet werden kann, wobei er ohne Unterlaß zu
rufen habe:
»Krepiere auf der Stelle, verende, oder ich werde Dich noch weiter
prügeln.«
Und einem von diesen sonst so gottesfürchtigen Kasaken, die zu dieser
Niederträchtigkeit ihre Zustimmung gaben und dazu bereitwillig ihre
Dienste anboten, glückte es, die Kerasivna außerhalb des Dorfes an einer
abseitsgelegenen einsamen Stelle zu treffen, wo er sie so lange mit dem
Stocke schlug, bis diese anfing zu bitten:
»Ruft den Popen … ich will beichten … ich sterbe.«
Die Kerasivna wußte es, warum sie geschlagen wird.
Mit schwerer Mühe und unter großen Schmerzen schleppte sie sich in ihre
Hütte; und schon war auch Vater Sava da, welcher, als ihm mitgeteilt
worden, was der Kerasivna geschehen, sofort zu ihr eilte, sich um sie
bemühte und alles tat, um ihre Schmerzen zu lindern.
Nach einiger Überlegung sagte die Kerasivna zu ihm:
»Nein, Sava. Dir kann ich nicht beichten … Deine Beichte gilt nicht
… rufe zu mir einen anderen Popen …«
Vater Sava schickte in seiner Gutmütigkeit sofort seinen Wagen nach
Peregudi, zu seinem Feinde und Verleumder und ließ ihn bitten, zur
Kerasivna zu kommen, ist aber während der ganzen Zeit höchst unruhig
darüber gewesen, ob der Pereguder Pope seinem Rufe folgen werde oder
nicht.
Diese Besorgnis erwies sich als unnötig.
Der Pope von Peregudi kam angefahren, ging zu der Sterbenden und blieb
lange, lange mit ihr allein in der Stube; dann aus derselben tretend,
verbarg er unter seinem Kirchengewande das für die Kranke bestimmte
geweihte Brot und fing hell laut an zu lachen, so zu lachen, daß alle
vor der Hütte stehenden Leute ihn verwundert ansahen und nicht begreifen
konnten, was ihm denn so lächerlich vorkomme.
»Worüber lacht Ihr denn, Väterchen, so unbändig, daß uns Angst und Bange
wird?« frugen die Leute, worauf er ihnen antwortete:
»Ja, Angst und Bange muß euch auch werden, das habt ihr reichlich
verdient, denn so etwas, was bei Euch vorgeht, eine solche
Heidenwirtschaft hat die Welt seit dem Tage der Taufe des heiligen
Vladimir nicht gesehen und nicht erlebt.«
»Gott mit Euch, Väterchen, ängstigt uns doch nicht so sehr … geht
doch, seid so gut, zu unserem guten Vater Sava und besprecht Euch mit
ihm … er wird gewiß etwas finden, wie man der christlichen Seele
helfen kann …«
Doch der Peregudiner Pope lachte noch heller auf und wurde vor
Lachkrampf fast grün und blau, riß die Augen weit auf und rief mit
mächtiger Stimme in das Volk hinein:
»Dummköpfe, die ihr alle seid und nichts weiter … ihr alle … seid
dunkle, dumme, unerleuchtete Köpfe trotz euerer Schule … blind seid
ihr, denn ihr sehet und merket nichts …«
»Deswegen baten wir ja Dich, Väterchen, zu unserem Sava zu gehen … er
erwartet Dich ja ohnehin in seinem Hause … geh' doch zu ihm … sage
ihm alles … er weiß und sieht alles …«
»Sieht!« rief der Pope aus Peregudi. »Nichts, gar nichts sieht er: er
weiß nicht einmal, was er ist und nicht sein soll.«
»Wir wissen es aber, daß er unser Pope, unser Vater Sava ist.«
»Nein, er ist es nicht.«
»Ja, er ist unser Pope.«
»Nein, sage ich, er ist es nicht, und ich will es euch beweisen, daß er
kein Pope ist.«
»Was ist er denn dann, wenn kein Pope?«
»Er ist weder Christ noch Pope.«
»Wie so, weder Christ noch Pope … was redet Ihr denn für einen Unsinn
… oder seid Ihr …?«
»Ich spreche keinen Unsinn … ich sage euch nochmals, er ist kein
Christ …«
»Ja, was ist er denn dann?«
»Was er ist?«
»Nun ja?«
»Der Teufel allein weiß, was er ist!«
Auf dieses hin sind die Leute zurückgefahren und bekreuzten sich, der
Pope aus Peregudi setzte sich in Savas Schlitten und sprach:
»Von hier aus fahre ich geradenweges zum Vikarius; ich bringe ihm eine
solche Neuigkeit, worüber nicht nur ihm, sondern auch der gesamten
christlichen Welt die Haare zu Berge steigen und sie die Hände über den
Köpfen zusammenschlagen und sich auch noch dazu schämen werden; die
Schmach aber fällt auf euch allein, denn euer Pope ist kein Pope und
kein Christ, euere Kinder sind keine Christen, alle, die Sava getraut,
sind nicht getraut, die Toten, die er eingesegnet, sind krepiert wie die
Hunde, ohne Vergebung der Sünden, ohne kirchlichen Segen, sie alle
braten in der Hölle, werden dort gemartert und gequält in Ewigkeit, denn
Niemand, auch das innigste Gebet kann sie mehr retten. — Das, was ich
euch eben sagte, ist Wahrheit, lautere Wahrheit … und damit fahre ich
nun zum Vikarius — aber ihr alle, die ihr hier seid und nicht glauben
wollet, gehet hin zu der Kerasivna, fraget sie, solange sie noch lebt,
und leben wird sie nicht lange mehr, und saget ihr, ich hätte befohlen,
daß sie euch sage, was er ist, dieser Mensch, den ihr eueren Popen,
eueren Vater Sava nennet … Ja, ja, jahrelang konnte er Leute ins
Verderben führen, jetzt aber sitzt die Elster auf dem Dache seines
Hauses und ruft ihm zu: »Sava, Sava, zieh' den Priesterrock aus …« Ja,
ja, wir werden uns bald wiedersehen … Nun aber, Junge, fahre rasch zum
Vikarius, Du aber, Elster auf dem Dache, fahre recht kräftig fort zu
schreien: »Sava, ziehe rasch den Priesterrock aus …« So, jetzt fahre
ich, komme aber bald mit dem Vikarius zurück …«
Mit diesen Worten ist der Peregudiner Pope weggefahren.
Das Volk, welches sich vor der Hütte der Kerasivna angesammelt hatte,
wollte im ganzen Haufen in diese eindringen um sie auszufragen, was sie
dem Peregudiner Popen über ihr eigenes Patenkind mitgeteilt habe,
schließlich einigte man sich dahin, zwei Kasaken zu wählen, welche in
Begleitung des Vater Sava diese ausfragen sollten.
Zwanzigstes Kapitel.
Vater Sava und die zwei Kasaken traten in die Krankenstube der
Kerasivna, fanden sie im Bette liegen, über welchem Heiligenbilder an
der Wand hingen, bitterlich weinend:
»Verzeihe mir, mein Herzenskind, mein liebes, unseliges, unglückliches
Kind,« wendete sie sich an Sava, »in meinem Herzen verschloß ich länger
als dreißig Jahre meine eigene Schuld, welche auch auf Dir lastet …
ich lebte in dieser ganzen Zeit in beständiger Furcht, daß diese schwere
Schuld im Traume offenbart werden könnte, diese Furcht ist Schuld daran,
daß ich nicht zur Beichte ging, damit ich sie einer zweiten Person nicht
mitteilen müßte, jetzt aber, nachdem es Gottes Wille ist mich von der
Welt abzurufen und ich vor ihm zu erscheinen habe, jetzt muß ich alles
bekennen.«
Möglicherweise riefen derartige Reden eine gewisse Unruhe bei Vater Sava
hervor, weil er durch das so jäh herausgestoßene Geheimnis einer ihm
unbewußten Schuld unangenehm berührt wurde, aber sich überwindend, frug
er äußerlich ruhig:
»Und worin besteht die große Schuld?«
»In der großen Sünde, die ich verübte an Dir.«
»An mir?« frug Sava erstaunt.
»Ja, an Dir! — Dein ganzes Leben habe ich Dir verdorben deshalb, weil,
obzwar Dir die ganze heilige Schrift bekannt ist und Du zum Geistlichen
geweiht wurdest, Du dennoch unwürdig bist das Priesterkleid zu tragen,
denn Du bist — — nicht getauft!«
Es ist schwierig sich vorzustellen, welchen Eindruck der Schluß der Rede
auf die Anwesenden und besonders den friedfertigsten und gütigsten aller
Priester, den Popen Sava machte.
Anfänglich war er bereit, derartige Reden als die eines fieberkranken
Menschen, eines Sterbenden, anzusehen, ja er lächelte sanft, indem er
sagte:
»Rede doch nicht so, Patin: wie wäre es denn möglich, ich, ungetauft, da
Du doch meine Patin bist?«
Kerasivna bewies aber, daß sie noch bei vollem Verstande sei, indem sie
zur Antwort gab:
»Ich, Deine Patin? — — Lasse das! — Dich hat Niemand getauft … Auf
wen alle Schuld fällt, weiß ich nicht … und konnte mir auch darüber
mein Lebenlang nicht klar werden … Ob alles das, was geschah, die
Folge war unserer Sünden oder bloßer Zufall, oder ob der heilige
Nikolaus allein der Schuldtragende ist … ich weiß nicht … Doch,
schau, jetzt kommt der Vikarius mit dem Popen aus Peregudi … Setze
Dich neben mir hierher … und ich werde euch, wie es geschah, daß Sava
ungetauft geblieben, erzählen.«
Der Vikarius wollte zwar nicht anfangs zulassen, daß Sava und die
Kasaken bei dieser Beichte zugegen seien, mußte aber nachgeben, nachdem
Kerasivna darauf bestand und erklärte nur in Gegenwart dieser Anwesenden
alles zu sagen, im anderen Falle aber nichts.
Und nun hört zu, was Kerasivna erzählte.
Einundzwanzigstes Kapitel.
»Sava,« fing sie an, »Du bist überhaupt weder Sava noch Pope, sondern —
ungetauft, was nur mir allein und Niemandem anderen bekannt ist. — An
dem allen ist allein Dein verstorbener Vater, der Dukač, schuld, der
einen heftigen, reizbaren Charakter besaß, den Niemand liebte, aber alle
mieden und fürchteten, und bei dem Niemand, als ihm ein Sohn geboren
wurde, Gevatter sein wollte. — Der alte Dukač ließ die junge Frau
des Popen und einen Beamten einladen, seinen Sohn aus der Taufe heben zu
wollen, beide sagten ab. — Darüber ist der alte Dukač so wild
geworden und so böse auf alle, sogar den Popen selbst, daß er Niemanden
mehr im Dorfe bitten wollte, seinen Sohn aus der Taufe heben zu wollen.
— Auch ohne euch alle werde ich fertig — meinte er — auch ohne eueren
Kram. — Er rief seinen Verwandten Agap, welcher bei ihm seit seiner
Kindheit, nachdem seine Eltern gestorben, lebte und durch dessen
Behandlung derselbe verblödete, befahl ihm ein paar starke Pferde vor
den Schlitten zu spannen. Mich wählte er zur Patin für sein Kind und
sagte: fahr' mit Agap in das Nachbardorf und lass' das Kind dort taufen
… Er schenkte mir sogar einen Pelz — Gott mit ihm — seit jener Zeit
habe ich ihn nicht mehr angezogen; so hängt er nun mehr als dreißig
Jahre lang an demselben Nagel, auf welchen ich ihn damals aufhängte. —
Mir befahl der alte Dukač darauf zu achten, daß bei der Taufe nichts
ungehöriges vorfalle, namentlich aber, sagte er, bemühe Dich mit dem
dortigen Popen gut auszukommen und darauf zu sehen, daß er nicht,
vielleicht aus Bosheit, dem Kind einen schweren oder gar einen Moskauer
Namen gebe. — Es war um Barbara herum, im Dezember; das Wetter war
höchst unbeständig, ja geradezu gefährlich, denn nach Barbara kommt
Nikolai, das ist der Moskauer Hauptheilige, welcher uns Kasaken
feindlich gesinnt ist, und nur den Moskovitern alles zuschanzt. Wenn
etwas bei uns Kasaken geschieht, mag es sein, was es wolle und selbst
dann, wenn wir im vollsten Rechte wären, wird er zu unserem lieben Herr
Gott gehen, ihm dieses und jenes vorreden, ihm alles das so vorstellen
und ihm einreden, daß alles zum Vorteile der Moskoviter ausfällt, denn
seine Moskauer hebt er stets heraus, selbst wenn sie etwas getan hätten,
was nicht recht ist, er wird sie jedesmal rechtfertigen und jedesmale
alle Schuld auf die Kasaken schieben. — Doch neben dem heiligen
Nikolaus da wohnt gleich in der Nachbarschaft der heilige Sava. Er ist
einer von unseren Kasaken und uns deshalb sehr gewogen. Welche Stellung
er im Himmel einnehmen mag, ist nicht bekannt, aber immerhin dürfte sie
eine hohe und ziemlich einflußreiche sein, denn er nimmt sich stets
seiner Kasaken an und ist stets ihr Verteidiger und Gönner.«
Ich antwortete dem Dukač:
»Das kann schon möglich sein; aber mir scheint, der heilige Sava besitzt
wenig Einfluß im Himmel.«
Der alte Dukač aber meinte:
»Wenn auch der heilige Sava wenig Einfluß im Himmel besitzt, so ist er
dafür schlau und was er nicht durch sein Ansehen und seine Macht
durchsetzen kann, das erzielt er auf Umwegen, aber jedesmal zieht er
seine Kasaken aus der Patsche. Wir werden ihn von hier aus unterstützen
dadurch, daß wir in die Kirche Kerzen stellen, diese anzünden und Gebete
lesen lassen; Gott wird aufmerksam darauf und wird sehen, daß es noch
Leute gibt, welche den heiligen Sava ehren, er wird sich auf ihn
erinnern und ihm wieder freundlich zugetan sein.«
Ich versprach dem Dukač alles, was er haben wollte!
Ich wickelte das Kind warm, barg dasselbe unter meinem Pelz, legte ihm
jedoch noch beim Einwickeln ein Kreuzchen um den Hals, das es eigentlich
erst bei der Taufe erhalten sollte.
Agap aber stellte ein Fäßchen Pflaumenbranntwein zu seinen Füßen, und so
fuhren wir in Gottes Namen ab.
Wir waren noch keine Werst weit vom Dorfe gekommen, als mit einemmale
ein solcher heftiger Sturm mit starkem Schneetreiben sich erhob, daß man
kaum die Köpfe der Pferde noch weniger einen Weg sehen konnte. Ich sagte
zu Agap:
Es ist unmöglich weiter zu fahren in diesem Wetter, kehre lieber um!
Doch Agap fürchtete seinen Onkel mehr wie das Feuer und wollte unter
keinen Umständen umkehren.
Gott wird uns helfen in das nächste Dorf zu kommen — sagte er — mir
ist es übrigens ganz gleichgültig, ob ich hier erfriere oder ob mich der
Onkel totprügelt.
Und er hieb in die Pferde und trieb sie immer und immer an, denn was
sich Agap 'mal in den Kopf setzte, dabei blieb er trotz allem Zureden.
Es wurde immer dunkler und dunkler, so daß überhaupt gar nichts mehr zu
sehen war.
Und so fuhren wir und fuhren, wohin? das wußte weder Agap noch ich. Die
Pferde, sich selbst überlassen, gingen bald nach rechts, bald nach
links, hierher, dorthin — aber wir kamen immer nicht dorthin, wohin wir
wollten.
Uns beiden ist kalt geworden, trotz der Pelze, die wir anhalten, ja wir
fühlten uns halb erstarrt; und um nicht ganz zu erfrieren, tranken wir
aus dem Fäßchen jenen Branntwein, der eigentlich für den Popen in
Peregudi bestimmt war.
Ich sah nach dem Kinde und dachte, Gott behüte, daß es ersticke; doch
dasselbe lag so warm unter dem Pelze, atmete so gleichmäßig und ruhig,
so daß jeder Atemzug sichtbar wurde.
Ich wickelte das Kind noch fester und wärmer ein, ließ ihm jedoch soviel
Öffnung, daß es frische Luft atmen konnte und war völlig glücklich
darüber, daß das Kind so gesund und so ruhig schläft. Wir fuhren weiter,
fuhren, fuhren, schließlich aber merkten wir doch, daß wir nur im Kreise
gefahren sind; kein Licht, kein Baum, keine Hütte ist in der Finsternis
sichtbar; die Pferde gehen wohin sie wollen.
An eine Rückkehr nach Hause, um dort das Wetter abzuwarten, war gar
nicht mehr zu denken, denn es war nicht möglich sich darüber klar zu
werden, wo wir eigentlich uns befinden, ob wir gegen Peregudi oder
Paripsami fahren.
Ich riet dem Agap abzusteigen und die Pferde am Zaume führen, er aber
gab mir zur Antwort, ob ich nicht toll geworden sei, ihm wäre sehr kalt
und er steige unter keiner Bedingung aus.
Ich versprach ihm einen Rubel zu geben, wenn er aussteige, sowie wir
nach Hause kommen, er aber gab zur Antwort:
»Was soll ich mit dem Rubel, wir krepieren sowie so alle hier auf dem
Wege, mitten im Feld. — Wenn ihr mir aber noch etwas gutes erweisen
wollet, so läßt mich noch einen ordentlichen Schluck aus dem Fäßchen
machen.«
Ich sagte ihm: trink, so viel Du willst — und er trank.
Er trank sich voll, stieg dann aus und trachtete an die Köpfe der Pferde
zu kommen, aber kaum hatte er zwei Schritte gemacht, als er eiligst
zurücklief und vor Furcht zitterte.
Was ist denn geschehen? — frug ich — was ist vorgefallen?
»Schau, schau, hin« — gab er zitternd vor Angst zur Antwort — »siehst
Du nicht, und ist Dir nicht klar, daß Du, wenn auch eine gescheite Frau,
doch nichts gegen Nikolaus machen kannst?«
Was redest Du denn für einen Unsinn, Du Dummkopf, wer will denn etwas
gegen den heiligen Nikolaus beginnen?
»Warum steht er dann dort?«
Wo steht er?
»Dort! — siehst Du ihn nicht, ganz nahe an den Pferdeköpfen.«
Daß Dich, Du dummer Kerl! Du bist betrunken!
»Eh! ich und betrunken?« — antwortete er — »Dein Mann war auch nicht
betrunken und hat Geister gesehen und ich sehe sie auch.«
Schau — sage ich — Du hast Dich meines Mannes erinnert; was er
gesehen, das weiß ich besser als Du, aber sage 'mal, was siehst Du?
»Ich sehe dort etwas sehr Großes stehen, eine große goldene moskauer
Mütze hat es auf dem Kopf, es sprühen sogar Funken aus derselben.«
Die Funken sprühen aus Deinen besoffenen Augen.
Ich war der Meinung, daß das, was er zu sehen meint, gar nicht möglich
sei, andererseits ist aber doch der Gedanke bei mir aufgekommen, daß
dies wahr sein und der heilige Nikolaus böse sein könnte darüber, daß
wir das Kind nicht auf seinen Namen, sondern Sava taufen lassen wollen;
ich sagte dem Agap:
Was und wer es auch sein mag, beachte es nicht, jetzt wollen wir tun,
als wenn wir nachgeben und seinen Willen tun möchten, und morgen tuen
wir dann, was wir wollen. — Lass' die Pferde, sie sollen gehen, wohin
sie wollen — die werden uns gewiß nach Hause bringen; meinetwegen
kannst Du alles austrinken, was noch in dem Fäßchen ist.
Agap war darüber ganz erstaunt.
Ja, trinke nur, Agap — sagte ich — trinke nur, aber zu Hause sage bei
Leibe nichts, was vorgefallen ist, ich werde schon eine Geschichte
zusammenstellen, die ich ihnen erzählen, und die sie für wahr halten
werden. — Ich werde sagen, das Kind ist getauft auf den echten
kasakischen Namen Sava, wie es der alte Dukač gewollt hat, auch das
Kreuzchen werde ich ihm zeigen, das ich ihm um den Hals gehängt habe,
dann werde ich sagen, der Pereguder Pope hätte befohlen das Kind am
nächsten Sonntag nochmals in die Kirche zu bringen, damit er es nochmals
segnen könne, deshalb müssen wir nochmals nach Peregudi fahren, wo dann
das Kind getauft wird, wie es sich für einen wahren Christen gebührt. —
Ich schaute wieder nach dem Kinde und fand, daß es lebt und ruhig
schläft, und so warm ist, daß sogar eine auf seine Stirne gefallene
Schneeflocke sofort zerschmolz; mit diesem Wasser bekreuzte ich seine
Stirne und sprach dabei: im Namen Gott des Vaters und des Sohnes und des
heiligen Geistes taufe ich Dich auf den Namen des heiligen Sava.
Wir ließen den Pferden freien Lauf; sie sollen gehen wohin sie wollen.
Die Pferde gingen und gingen — bald blieben sie stehen, bald zogen sie
an; das Wetter gestaltete sich immer ärger und ärger; der Sturm heulte;
die Kälte wuchs.
Agap wurde schließlich voll trunken; anfangs brummte er etwas
unverständliches, schließlich verstummte er, wälzte sich in den
Schlitten und fing an zu schnarchen.
Mir aber wurde immer kälter und kälter, ich fühlte, wie meine Glieder
starr zu werden anfangen, schließlich wurde ich bewußtlos und erwachte
erst in der Hütte des Dukač, wo man mich mit Schnee rieb.
Als ich zum Bewußtsein gekommen, erinnerte ich mich daran, was ich mir
vorgenommen hatte zu sagen und deshalb sagte ich, daß das Kind auf den
Namen Sava getauft sei. —
Alle glaubten es; ich redete darüber nicht weiter, weil ich immer den
Gedanken und Willen in mir trug, die Schuld gut zu machen und das Kind
am nächsten Sonntag taufen zu lassen.
Aber ich wußte nicht, daß Agap angeschossen und in Folge der Verwundung
gestorben sei, auch nicht, daß man den alten Dukač ins Gefängnis
abgeführt, denn ich war krank und als ich später alles dieses erfuhr, da
konnte ich mich nicht mehr dazu entschließen, dieses alles der alten
Dukačin zu beichten, weil ich deren Gram, Schmerz und Unglück, das ja
so groß genug war, nicht vermehren wollte.
Ich nahm mir vor, später alles aufzudecken; je weiter aber die Zeit
verlief, um so schwerer gestaltete es sich für mich, Aufklärung zu
bringen und so verschob ich die Sache von Tag zu Tag.
Die Zeit lief, Jahre sind vergangen; das Kind wuchs zum Knaben heran,
alle riefen ihn Sava, Sava, ja sie schickten ihn studieren.
Und immer nahm ich mir vor, das Geheimnis aufzudecken, immer marterte
mich der Gedanke, ich sei Schuld daran, daß der Knabe ungetauft ist.
Und als ich erfuhr, Sava solle sogar Pope werden, da lief ich in die
Stadt, um dieses zu verhüten und um laut zu rufen, er sei ungetauft,
doch mich hat man nicht beachtet, nicht gehört, ihn aber zum Priester
geweiht.
Weiter über die Sache zu reden hatte dann keinen Zweck mehr. Seit der
Zeit hatte ich keine Ruhe mehr; es war fürchterlich für mich zu wissen,
daß durch meine Schuld die ganze hiesige christliche Gemeinde zum Spott
und Gelächter der Welt sein werde, weil sie einen _ungetauften Popen_
zum Seelsorger habe.
Dann aber, als ich älter wurde, als ich sah, daß alle den Sava lieben
und achten, da steigerte sich noch meine Qual und mein Schmerz, ja ich
fürchtete mich vor dem Tode.
Erst jetzt, auf meinem Sterbebette, bekenne ich dieses alles, es bitter
bereuend.
Möge mir die Christenheit verzeihen, was ich an ihr Böses getan, mögen
mir jene verzeihen, deren Seelen durch den ungetauften Popen in
Verderbnis gerieten; mich aber könnet ihr, wenn ihr wollet, lebendig
begraben, ich werde auch diese Strafe freudig annehmen.«
Der Vikarius und der Pfarrer von Peregudi haben alles dieses zu Papier
gebracht und unterschrieben, dann dem Vater Sava vorgelesen, sind dann
zur Kirche gegangen und haben das Kirchentor versiegelt; hierauf fuhren
sie zum Bischof nach der Gouvernementsstadt und nahmen Sava mit.
Darüber fing nun das Volk an unruhig zu werden und zu besprechen, was es
wohl mit ihrem Väterchen sei, weshalb der Vikarius die Kirche versiegelt
und ihren Sava nach der Stadt mitgenommen habe?
Kann denn so etwas je vorgekommen sein, was die Kerasivna erzählte?
Wäre es denn möglich, daß die Herren in der Stadt etwas derartiges
hätten zulassen können?
Schließlich sind sie darüber einig geworden, daß dies alles der heilige
Nikolaus angezettelt habe, um den heiligen Sava bloß zu stellen, und das
erste, was geschehen müsse, sei, den heiligen Sava beim Gott kräftigst
zu unterstützen und deshalb sei es notwendig, sofort zum Bischof zu
gehen.
Die Kasaken rissen eigenmächtig die Siegel von der Kirche ab, öffneten
sie, zündeten vor dem Altare und den heiligen Bildern so viele Kerzen
an, als sie in der Kirche fanden, wählten sechs Kasaken aus, welche
sofort zum Bischof gehen müssen, um ihm zu sagen, er solle es sich gar
nicht einfallen lassen, den Sava aus ihrer Gemeinde zu entfernen oder
ihm etwas anzutun, denn sie wollen nur den Sava haben und keinen
anderen, wenn er, der Bischof, das, was sie wollen, nicht tut, so treten
sie zu einer anderen Religion über, wenn nicht zur katholischen, so doch
zur türkischen; denn ohne unseren Sava wollen wir nicht leben — sagten
alle.