Jede andere als Christa hätte schon im voraus gewußt, was nach der
Hochzeit folgen werde, doch dieses flinke und auch sonst ganz gescheite
Frauenzimmer verdummte gerade zu: sie äußerte gar keine Furcht vor
diesem rohesten und eifersüchtigsten der Männer, sie heiratete ihn, aber
sie wandelte in kurzer Zeit ihren Mann so, daß er aufhörte roh und
eifersüchtig zu sein und die Christa nach ihrem Willen und Wollen leben
ließ.
Daß eine solche Charakterumwandlung nur mittels Hexerei vor sich gehen
konnte, daß dabei sogar der leibhaftige Teufel selbst mithelfen mußte,
davon war jedermann überzeugt, namentlich sah die Pidnebesnaja, eine
Nachbarin der Kerasivna, den Teufel in menschlicher Gestalt selbst, wahr
und wahrhaftig.
Und dies war nicht lange nach der Hochzeit des Kerasenko mit der
tapferen Christy.
Seit dieser Zeit sind zehn Jahre verflossen, aber Kerasenko sind noch
alle Einzelheiten des Vorfalles bis ins Kleinste bekannt und
unvergessen, so genau, als wenn diese Teufelei sich erst gestern
zugetragen hätte.
Es war im Winter, vor Weihnachten, an einem Feiertage, an welchem selbst
der eifersüchtigste aller Kasaken zu Hause nicht sitzen geblieben wäre.
Kerasenko pflegte sonst nicht auszugehen, erlaubte auch nicht, daß seine
junge Frau weibliche oder männliche Besuche empfange oder sonstige
Bekanntschaften schließe, aus welchem Anlasse bereits ein heftiger
Streit unter den Jungvermählten entstand, im Verlaufe dessen Christy
ihrem Manne zurief:
»Nachdem Du Dein gegebenes Wort im Frieden und Guten nicht halten
willst, werde ich es Dir schon im Bösen heimzahlen.«
»Und was wohl könntest Du mir übles antun?« meinte lachend Kerasenko.
»Dich tot machen und in Stücke hauen.«
»Und wenn ich Dich stets bewachen werde?«
»Dann werde ich Dich krank machen.«
»Ei! ei! Du willst mich krank machen? — Du kannst wohl hexen?«
»Das wirst Du schon erfahren, ob ich hexen kann oder nicht: — ich sage
Dir einfach — ja, ich bin eine Hexe.«
»Schön!«
»Ich werde es Dir schon beweisen; den ganzen Tag kannst Du um mich sein,
mich bewachen, nicht einen Augenblick allein lassen, ich werde Dich doch
klein bekommen.«
Ja, sie bestimmte sogar die Zeit, zu welcher dieses alles geschehen
solle.
»Keine drei Tage werden vorübergehen und alles, was ich Dir gesagt, wird
sich ereignen.«
Der Kasak sitzt einen Tag zu Hause ohne sich zu rühren, auch den
zweiten, der dritte Tag geht zu Ende; es wird Abends, und der Kasak ist
der festen Ansicht und Meinung, daß die Frist nun abgelaufen ist; — es
ist — denkt er — doch gar zu langweilig zu Hause zu sitzen … die
Schenke der Pidnebesnaja steht gerade vor meiner Nase und meine Augen
können von dort aus ganz genau sehen, ob jemand in meine Hütte geht …
Ich setze mich dort zum Fenster und kann in aller Ruhe zwei, auch drei
Viertel Wodky trinken … und hören, was die anderen erzählen und was es
neues in der Stadt gibt … ja sogar tanzen kann ich … lustig sein …
Und er ging … ging, setzte sich am Fenster so zurecht, daß er ganz
genau sehen konnte, was vor, ja sogar in seinem Hause geschieht; er sah
das Feuer am Kamin hell brennen, sah, wie seine Frau hin und her gehe
und sich in der Wirtschaft beschäftige.
Wunderbar! — Kerasenko sitzt im Wirtshaus, trinkt und schaut unverwandt
auf seine Hütte; Witwe Pidnebesnaja bemerkt seine Aufregung, ja sie
fängt an ihn zu hänseln:
»Eh! Du … so und so … dummer Kasak … was Du sehen willst, werdest
Du in Deinem ganzen Leben nicht sehen!«
»Schon gut … ich aber will weiter schauen!«
»Hier gibts nichts zu schauen … denn je mehr man nach uns, Frauen,
schaut, je mehr man uns hüten will, um so ärger wird es, und um so
früher hilft uns der Teufel.«
»Red' Du nur für Dich selbst …« gab der Kasak zur Antwort, »meine Frau
will ich selbst so behüten, daß ihr auch kein Teufel wird helfen
können.«
Da fingen nun die anderen Kasaken an mit den Köpfen zu schütteln.
»Kerasenko, Kerasenko! das ist nicht schön von Dir, daß Du so sprichst,
nicht schön! … entweder bist Du nicht getauft oder selbst ein Teufel,
weil Du nicht mehr an den Teufel glaubst.«
Und die Anwesenden regten sich über Kerasenko und seine Reden so sehr
auf, daß eine Stimme aus der Menge sich vernehmen ließ.
»Was sollen wir mit ihm tun? … am besten wäre es ihm eine solche Lehre
zu geben, daß er wieder rechtgläubig wird.«
Und es war nahe daran, daß sie ihm die Rechtgläubigkeit handgreiflich
beigebracht hätten, woran sich sehr gerne ein ganz fremder Mann
beteiligt hätte, in welchem Kerasenko jenen Adeligen aus Rogačev zu
erkennen meinte, welcher seiner Frau das Teufelsglas schenkte, und wegen
dessen, noch vor der Hochzeit, ein zweiter Vertrag geschlossen worden
war, dahin lautend, daß von dem Fremden nie irgend eine Erwähnung
gemacht werde.
Diesen Vertrag beschwor Kerasenko mit einem schrecklichen Eide dahin
lautend, daß, wenn Kerasenko sich auch nur des Adeligen aus Rogačev
erinnern sollte, er sofort dem Teufel verfallen wird, der ihn dann nicht
mehr aus seinen Klauen frei läßt.
Kerasenko fiel dieser Schwur beim Anblick des Fremden ein.
Kerasenko ist aber bereits betrunken und er kann seinen Unmut darüber
nicht unterdrücken, warum und weshalb gerade jetzt der Adelige aus
Rogačev hier erscheine und was er überhaupt im Dorfe zu tun habe.
Kerasenko beeilte sich nach Hause zu gehen; aber dort angekommen, fand
er sein Weib nicht in der Stube, was ihm höchst unerklärlich und
unfaßbar erschien.
»Ich soll ihn vergessen, mich seiner nicht erinnern,« dachte er, »das
kommt mir gerade so vor, als wenn wir einen Vertrag geschlossen hätten
zu vergessen, daß wir uns geheiratet haben … warum und weswegen ist
der Mann gerade jetzt hier … was hat er hier im Dorfe zu tun … warum
und weswegen ist meine Frau nicht zu Hause?«
Und während dem Kerasenko solche und ähnliche Gedanken durch den Kopf
flogen, schien es ihm, als wenn sich hinter der Tür zwei küssen würden.
Es wurde geradezu vom Schüttelfrost gepackt; er fing an aufmerksamer und
schärfer zu horchen … richtig … er hört es ganz deutlich … ein Kuß
… noch einer … leises Wispern … wieder ein Kuß … und das alles
gerade hinter der Tür, vor der er steht.
»Eh! tausend Teufel,« sagt sich Kerasenko selbst, »entweder habe ich bei
der Pidnebesinaja zu viel Branntwein getrunken und träume nun alles
mögliche … oder hat es mein Weib richtig herausbekommen, daß der
Rogačever Adelige hier ist, und daß es ihm gelang mich zu verhexen
… Die Leute haben mich darauf aufmerksam gemacht, daß meine Frau eine
Hexe sei … doch ich glaubte dies nicht … jetzt aber … jetzt küssen
sie sich wieder … oh! … oh! … und wieder … wieder … Wartet
doch nur, ich will euch schon …«
Der Kasak glitt leise von der Bank, kroch zur Tür und sein Ohr dicht an
die Türspalte legend, strengte er sich an zu hören, was hinter der Tür
vorgeht: … sie küssen sich … daran läßt sich nicht zweifeln … sie
küssen sich … wie sie mit den Lippen schnalzen … ja sie reden …
so, jetzt spricht mein Weib … und er hörte, wie sie laut sagte:
»Was? mein Mann, dieser Heide: den werde ich einfach aus dem Hause jagen
und Dich zu mir nehmen.«
»Oho!« dachte Kerasenko, »was bildet sich das Frauenzimmer ein, mich
wegjagen und einen zweiten, fremden, ins Haus nehmen, an meine Stelle
setzen … Nu! das wollen wir 'mal abwarten, so leicht wird es doch
nicht gehen können …«
Er richtete sich plötzlich auf, stemmte sich mit aller Gewalt gegen die
Tür, um solche aufzubrechen, obwohl es sich erwies, daß dieselbe gar
nicht versperrt war; an der Türschwelle stand Kerasivna, sein Weib, so
schön … so ruhig wie stets vordem, nur mit ein klein wenig mehr
geröteten Wangen — aber mit einemmale fing sie an zu schimpfen, wie es
nur eine Kleinrussin zu Wege bringen kann.
Sie nannte ihren Mann einen Heiden, Säufer, Schwein, Hund und fügte noch
andere derartige schöne Titulaturen bei; schließlich erinnerte sie ihn
auf die von ihm geschworenen Eide und Verträge, nach denen er es sich
gar nicht einfallen lassen darf, eifersüchtig zu sein, und um ihr den
Beweis zu liefern, daß er seine Eide einzuhalten Willens sei, soll er
ihr erlauben heute Abends die Spinnstube besuchen zu können, sollte er
dies nicht tun, so wird sie etwas ausführen, woran er sein Leben lang
denken wird.
Doch Kerasenko war ein gewiegter Junge.
Seine Frau in die Spinnstube zu schicken, jetzt, wo der Adelige aus
Rogačev im Dorfe sich befindet — er hatte ihn doch mit eigenen Augen
bei der Pidnebesinaja gesehen und vor wenigen Augenblicken mit eigenen
Ohren gehört, wie seine Frau jemanden küßte und ihm versprach ihn in die
Hütte zu nehmen … — das schien ihm gar zu dumm.
»Nein, nein!« sagte er, »da suche Dir nur einen anderen Dummkopf aus,
nur nicht mich; es wird jedenfalls besser sein, ich sperre Dich ein und
Du legst Dich schlafen … das wird Dir zuträglicher sein und ich werde
unterdessen über Deine Hexerei ruhig nachdenken können.«
Als Kerasivna diese Antwort vernahm, da wurde sie vor Zorn blaß, denn
zum erstenmale nach ihrer Verheiratung sprach ihr Mann mit ihr in einem
eigenartigen Tone und sofort wurde es ihr klar, daß in ihrem ehelichen
Leben ein Wendepunkt eingetreten ist, welcher zu ihren Gunsten
entscheiden müsse, wenn sie nicht alles, was sie bis jetzt mit viel
Scharfsinn, Geschicklichkeit, Stetigkeit, Festigkeit und Erfindungsgabe
gewonnen, für immer verlieren solle.
Sie richtete sich in ihrer vollen Größe auf, gab dem Kasaken einen
Schlag ins Gesicht und wollte auf die Gasse herausspringen, aber der
Kasak erriet ihre Absicht, machte einen Sprung, schlug ihr die Tür vor
der Nase zu, legte die Kette und das Vorhängeschloß an und sperrte
dieses zu, den Schlüssel ließ er in seine unendlich tiefe Tasche
verschwinden.
Er meinte nun ruhig:
»So, jetzt ist Dein Weg angewiesen, vom Ofen zur Tür und zurück …«
Durch diesen unerwarteten und unerwünschten Vorfall überrascht, wurde
die Kerasivna so wütend, daß selbst Kerasenko darüber erschrak.
Christa stand ziemlich lange an einer und derselben Stelle, mitten in
der Stube, sie zitterte wie im Fieber, wandte sich hin und her wie eine
Schlange, ihre Hände schlossen sich krampfhaft, sie drohte mit ihnen dem
Kasaken, in ihrem Gesichte zuckte es heftig, weiße und rote Flecken
wurden abwechselnd sichtbar, ihre Augen erweiterten sich, glühten auf,
wurden blutrot!
Da fing der Kasak sich doch zu fürchten an und rief:
»Daß Dich, Du verfluchte Hexe! …«
Unerwartet blies sie die Kerze aus, stampfte heftig mit dem Fuß und
zischte:
»So! … jetzt sollst Du aber die Hexe kennen lernen!«
Mit einem Sprung, wie eine Katze, war sie oben auf dem Ofen, öffnete die
Kamintür und schrie in den Schornstein hinein mit einer ganz
eigenartigen Stimme:
»Uhu! — huhuhu! — Komm! erdrossele das Schwein!«
Siebentes Kapitel.
Durch diesen Vorfall, sowie durch die Kühnheit, Unerschrockenheit, Mut,
ja Hartnäckigkeit und Eigensinn seiner Frau wurde der Kasak so
überrascht, daß er sein Weib, von der er jetzt überzeugt war, daß sie
eine Hexe sei, ergriff, in die Höhe hob, ins Bett trug, sie dort
niederlegte, selbst sich neben ihr niederlassend.
Zum allergrößten Erstaunen des Mannes leistete Christy keinen Widerstand
— im Gegenteil, sie blieb vollständig ruhig wie ein kleines Kind, ja,
was noch merkwürdiger war, sie schimpfte gar nicht.
Dieser Zustand seines Weibes war dem Kasaken sogar sehr genehm und
erwünscht; mit der einen Hand, den Schlüssel in der Hosentasche
festhaltend, hielt er mit der zweiten den Hemdärmel seiner Frau fest und
— schlief ein.
Lange dauerte jedoch dieser glückselige Zustand nicht, denn kaum daß er
in den Schlaf verfiel und überhaupt ganz und gar vergaß, was vorgefallen
ist, ja sogar, daß er lebe, da spürte er plötzlich einen schmerzhaften
Rippenstoß.
»Was soll das?« fing der Kasak an zu denken, aber schon folgte ein
zweiter, noch stärkerer Stoß, worauf er brummend meinte:
»Warum tust Du mich stoßen?«
»Warum? Hörst Du denn nicht, was auf dem Hofe vorgeht?«
»Und was geht dort vor?«
»So höre doch!«
Kerasenko hob den Kopf ein wenig in die Höhe und hörte ein
fürchterliches Grunzen.
»Ehe! es scheint, als wenn ein Fremder auf dem Hofe wäre.«
»Das kann schon möglich sein! Lass' mich schnell heraus, damit ich
nachsehen kann, was dort geschieht, und ob das Tor geschlossen ist.«
»Dich soll ich gehen lassen? Hm … hm …«
»Nu, so gib doch rasch den Schlüssel her, sonst stehlen sie uns noch das
Schwein und wir bleiben auf die Feiertage ohne Fleisch und Fett … Alle
guten Leute werden Wurst und Speck essen und wir werden bloß zusehen …
Oh! oh! oh! … so höre doch, es kommt mir gerade so vor, als wenn sie
das Schwein schon aus dem Stalle ziehen würden … wie mir das arme Tier
leid tut … das arme Schwein … wie es grunzt … Nu, so laß mich doch
rasch heraus, damit ich den Dieben das Schwein abjagen kann …«
»Nu, ja! Dich werde ich wohl nicht schicken … Wer hat es je gesehen,
daß sich ein Weib mit solchen Dingen befaßt hätte … ein Schwein den
Dieben abjagen?« antwortete der Kasak, »es wird wohl besser sein, ich
stehe auf und schaue selbst nach, was vorgeht.«
Und obzwar er nicht gerade viel Lust verspürte, die warme Stube mit dem
kalten Hofe zu vertauschen, so ermunterte er sich doch, um so mehr, als
es ihm schwer fiel, ein Schwein zu verlieren.
Er stand also auf, zog den langen Rock an und verließ die Stube.
Jetzt aber geschah etwas, was er nicht vorbedacht hatte und was
unzweifelhaft bewies, daß sein Weib, die Christy, eine wirkliche, wahre
und wahrhaftige Hexe sei; von dieser Zeit an fürchteten sie alle, das
Dorf und die Umgebung; es hütete sich jeder sie im eigenen Hause zu
empfangen, um so weniger sie zur Taufpatin zu nehmen, wie dies Dukač
sich vornahm zu tun.
Achtes Kapitel.
Leise und vorsichtig schlich sich Kerasenko zum Stall, in welchem das
beunruhigte Schwein fürchterlich grunzte und schrie, rasch riß er die
Tür auf, aber plötzlich fiel, in der undurchdringlichen Finsternis der
Nacht, etwas, ein einer Wagenplache ähnliches, aber dabei weiches Stück
Leinwand über seinen Kopf, wobei er gleichzeitig einen so derben Stoß in
den Rücken erhielt, daß er zu Boden fiel und sich nur äußerst schwierig
von dem ihn bedeckenden Zeug befreien konnte.
Nachdem er sich von seinem Schrecken und der Überraschung etwas beruhigt
und sich davon überzeugt hatte, daß das Schwein auf seiner gewohnten
Stelle liege, schloß er den Stall fester als gewöhnlich und kehrte zur
Hütte zurück.
Nun ereignete sich etwas ganz ungewöhnliches und unerwartetes: die
Stubentür war fest zugesperrt.
Kerasenko drehte an der Klinke hin und her … wirklich zugesperrt.
Was ist das für eine Teufelei?
Er klopft … er trommelt mit der Faust auf die Tür … alles umsonst
… er schreit …
»Weib! … Christy! … mach' doch auf … mach' schnell auf …«
Doch die Kerasivna gibt keinen Laut von sich.
»Daß Dich, Du Hexe … was ist Dir denn eingefallen, die Tür zuzusperren
und einzuschlafen! … Christy … so höre doch … ei! … Weib! …
mach' auf …«
Aber Christy tat nichts dergleichen; es schien, als wenn das ganze Haus
eingefroren wäre; sogar das Schwein ist still geworden und schlief.
»Das ist eine schöne Geschichte,« meinte Kerasenko, »merkwürdig, wie sie
so fest einschlafen konnte! — Es bleibt mir nichts anderes übrig, als
unter dem Hoftor unterzukriechen und von der Straße aus auf das Fenster
zu klopfen, das wird sie wohl hören.«
Gesagt, getan! — Kerasenko kroch unter das Hoftor, gelangte an die
Straße, ging zum Fenster, mit der Absicht an dasselbe zu klopfen; aber
was mußte er hören? Sein Weib spricht:
»Schlaf, Mann, schlaf! — hör' doch nicht darauf, was da draußen vor
sich geht, lasse sie doch klopfen — es scheint mir aber, als wenn
jemand am Boden herum gehen würde.«
Kerasenko fing an zu klopfen, mit den Fäusten auf dem Fensterrahmen
herum zu trommeln und zu schreien:
»Mach' auf, sage ich, mach' sofort auf, oder ich schlage das Fenster ein
…«
Aber jetzt wurde auch Christy wild und schrie:
»Wer untersteht sich denn zu so später Stunde ehrliche Leute zu
beunruhigen.«
»Ich, Dein Mann.«
»Wer, mein Mann?«
»Ja, ich, Dein Mann, der Kerasenko.«
»Geh' nur, geh', mein Mann ist zu Hause und liegt bereits lange im
Bette.«
»Was?« dachte Kerasenko, »wie ist es möglich, daß ich im Bette schlafe
und auch auf der Gasse bin, träume ich dies alles oder ist es
Wirklichkeit?«
Er fing von neuem an zu klopfen und zu schreien:
»Christy … ach! … Christy … so mach' doch auf … um Gottes
willen, mach' auf …«
Er klopft und schreit längere Zeit bereits, ohne etwas erreicht zu
haben, er mag klopfen und schreien so viel er will, drinnen, in der
Stube, bleibt alles ruhig, endlich läßt sich Christy wiederum vernehmen:
»Willst Du endlich mit dem Klopfen aufhören — ich habe schon einmal
gesagt, mein Mann ist zu Hause und schläft …«
»Das träumt Dir wohl, Christy.«
»Eh! … danke für einen solchen Traum … na, so 'was! — Ich bin doch
nicht auf den Kopf gefallen, und auch nicht so dumm, um nicht das zu
wissen, was ich sehe … Nein! … das muß ich schon besser wissen als
Du, den ich weder sehe noch kenne, während ich meinen Mann im Bette
liegen sehe … ich bekreuzige ihn … so Herr Jesus … so, und nun
küsse ich ihn … so, hast es gehört … jetzt nochmals … dabei ist
bei uns recht warm und gemütlich … Du aber, Lüderjahn, schau, daß Du
weiter kommst nach Hause, zu Deinem Weibe … uns aber lasse in Ruhe und
störe uns nicht … Geh' mit Gott … Gute Nacht … so und nun
belästige uns nicht mehr …«
»Tfu! … Du … tausend Teufel … was ist denn das? … na, das ist
eine schöne Geschichte …« dachte Kerasenko …, »bin ich vielleicht an
eine andere Hütte in der Finsternis geraten? … aber ich irre mich doch
nicht … das ist ja doch meine Hütte.«
Er ging auf die andere Seite der Straße, und fing vom Brunnen ab die
Hütten zu zählen an.
»Erste … zweite … dritte … fünfte … siebente … neunte … und
die zehnte ist doch die meine.«
Er geht wieder zum Fenster, klopft wieder an und schreit … und es
wiederholt sich dieselbe Geschichte wie vordem; die Frauenstimme
wiederholt dasselbe wie vorher, jetzt aber bereits im ärgerlichen Tone
und meint:
»Schau, daß Du weiterkommst! ich sagte schon einmal, mein Mann liegt im
Bett.«
Die Stimme ist unzweifelhaft jene der Christy.
»Und wenn Dein Mann im Bette liegt, warum spricht er nicht?«
»Warum soll er auch noch reden, nachdem ich genug geredet habe?«
»Aber ich will mit eigenen Ohren hören, ob das seine Stimme ist und ob
überhaupt jemand bei Dir ist.«
»Gewiß ist er hier … denn wir küssen uns … hörst Du? …«
»Tfu! … Der Teufel soll sie holen … es ist wahr … sie küssen sich
… mir wollen sie einreden, ich sei nicht ich! … wollen mich bloß
wegschicken … Aber, wartet nur, so dumm bin ich nicht … jetzt werde
ich gehen, Nachbaren holen, damit sie Zeugnis abgeben, ob das meine
Hütte ist oder nicht, und ob ich der Kerasenko, der Mann der Christy sei
oder jemand anderer …«
»Ich sage Dir nochmals« — ließ sich die Stimme aus dem Inneren der
Hütte vernehmen — »geh' nach Hause und beunruhige uns nicht … Lass'
uns in Ruh' … wir haben uns genug geküßt, liegen im warmen Bett und
fühlen uns behaglich und wohl … andere Leute gehen uns überhaupt gar
nichts an …«
Und eine männliche Stimme ergänzt die Rede der Christy.
»Wir haben uns genug geküßt und liegen friedlich im Bette … Du draußen
kannst zum Teufel gehen …«
Nun war Kerasenko davon überzeugt, daß jemand anderer bei der Christy
sei, und er entschloß sich die Nachbaren zu wecken und herbei zu holen.
Neuntes Kapitel.
Ob es kurz oder lange dauerte, ehe er die Nachbaren geweckt und vor
seine Hütte geführt hatte, darüber spricht die Überlieferung nichts,
wohl aber, daß es endlich Kerasenko gelang, etwa zwanzig Kasaken,
gefolgt von ihren neugierigen Frauen, vor seine Hütte zu bringen.
Auf alles Klopfen, Reden, Schreien hatte die Kerasivna nur eine einzige
Antwort, dahin lautend, daß sie wohl alle träumen, denn ihr Mann sei zu
Hause, liege im Bette, und damit sie ihnen dieses beweise, küsse sie
nochmals ihren Mann so laut, daß es alle hören könnten.
Alle Kasaken und ihre Weiber waren davon überzeugt, daß alles das, was
im Inneren der Hütte vor sich gehe, wirklich wahr sei, denn die Küsse
waren natürlich, und es ließ sich ja auch eine männliche Stimme
vernehmen, wenn auch nicht sehr deutlich, doch so, daß dieselbe von der
Kerasivna für die ihres Mannes ausgegeben wurde.
Und die Stimme kam immer näher und näher zum Fenster, und am Fenster
stehen bleibend rief sie so, daß alle erschrocken zurückfuhren.
»Was wollt Ihr, Dummköpfe? … Geister sehen? … Ich bin zu Hause,
liege ruhig im Bett, aber der, der Euch hierher geführt, das ist ein
böser Geist! — Gebt ihm doch lieber jeder von Euch einen Puff, damit er
zusammenstürze …«
Die Kasaken bekreuzten sich und der dem Kerasenko am nächsten stehende,
gab ihm einen recht tüchtigen Schlag ins Genick, sprang aber sofort weit
ab vom Kerasenko.
Diesem Beispiele folgten nun auch die anderen, so daß in sehr kurzer
Zeit Kerasenko so schmerzlich geschlagen wurde, daß er auf der Schwelle
seiner eigenen Hütte zusammenstürzte und liegen blieb im Schnee und
Frost, während darinnen, in seinem Bett, ein zweiter sich es recht
behaglich machte.
Und um seinen Schmerz und Kummer zu mildern, setzte sich Kerasenko in
der Nähe seiner Hütte auf einen Schneehaufen und — weinte bitterlich,
was eigentlich einem Kasaken nicht ansteht; sein geistiger und
körperlicher Zustand, verschlimmerte sich, als er hören mußte, wie da
drinnen geküßt wird.
Zum Glück für jeden Menschen nehmen alle geistigen und physischen
Schmerzen und Qualen ein Ende und so auch die des Kerasenko … er
schlief ein und es träumte ihm: sein Weib sei gekommen, habe ihn
aufgehoben und in sein, ihm wohlbekanntes, behaglich durchgewärmtes Bett
gelegt … und in der Tat, als er erwachte, fand er sich dort, wo ihm
träumte, in seinem Bette, in seiner Hütte, nicht weit vom Ofen … er
sah, wie Christy sich am Kamin beschäftige, hin und her gehe, und einen
großen Käseklotz bereite.
Mit einem Wort — es ging alles vor sich, genau so, wie es täglich sich
wiederholt, nichts auffallendes, außergewöhnliches; vom Schwein und dem
Gespenst auch keine Silbe Erwähnung.
Der Kasak frug nicht und machte auch von dem, was in der
verhängnisvollen Nacht vorgefallen war, keine Erwähnung.
Von der Zeit an lebte der Kasak mit seinem Weibe friedlich, ließ sie
schalten und walten wie sie wollte, wobei sein häusliches Glück
und Wohlstand keinen Schaden litten, im Gegenteil, ihre
Vermögensverhältnisse besserten sich augenscheinlich von Tag zu Tag.
Dagegen verlor seit jener Nacht die Kerasivna vollständig in der
öffentlichen Meinung; es stand für alle fest, klar und deutlich, daß sie
eine — Hexe sei.
Die gescheite Kerasivna widersprach diesem nicht, denn sie gewann
dadurch Übergewicht über die anderen; alle fürchteten sie und ehrten sie
doch, alle kamen zu ihr um sich mit ihr zu beraten, und brachten ihr
dafür zum Danke die eine ein Schock Eier, die andere Speck, die dritte,
vierte … sonst etwas taugliches oder nützliches für die Wirtschaft.
Zehntes Kapitel.
Selbstverständlich war die Kerasivna dem Dukač sehr wohl bekannt, er
war aber ein zu gescheiter Mann, um daran zu glauben, daß Christy eine
Hexe sei, im Gegenteil er fand, daß sie eine gescheite, erfahrene Frau
sei, mit der man sich beraten kann.
Und da Dukač ein ebenfalls unbeliebter Mann war, so schlossen sich
diese beiden in Freundschaft aneinander.
Man erzählte sich zwar im Dorfe, man hätte den Dukač mit der Christy
unter der alten Weide stehen gesehen, die in den Zaun eingeflochten war,
welcher die Gärten des Dukač von jenem der Kerasivna trennte.
Andere behaupteten sogar, es bestehe ein sehr intimes Verhältnis
zwischen beiden — doch das alles war bloßes Gerede und Klatscherei, wie
solches, hauptsächlich in den Dörfern, so oft vorzukommen pflegt.
Die Sache verhielt sich einfach so, daß Dukač und Kerasivna, deren
Reputation eine und dieselbe war, sich näher an einander schlossen als
an die anderen Nachbaren, daß so oft sie sich begegneten, sie stets
Gelegenheit fanden, ihre Ansichten über dieses und jenes auszutauschen.
Jetzt erinnerte sich Dukač der Kerasivna, namentlich als die
Einladung an die Intelligenz im Dorfe zu seinem Mißvergnügen ausfiel und
ließ dieselbe holen, um sich mit ihr zu beraten.
Dukač erzählte ihr genau den Fall und die ihm dadurch angetane
Beleidigung.
Kerasivna hörte dies ruhig an, dachte ein wenig nach, warf plötzlich den
Kopf in die Höhe und sagte gerade zu:
»Wie denn, Herr Dukač, wenn Sie mich zur Patin nehmen möchten?«
»Dich? … zur Gevatterin haben?« … wiederholte Dukač.
»Ja, mich … oder glauben Sie auch daran, wie die anderen, ich sei eine
Hexe?«
»Hm … ja wohl, so sagen es alle, Du wärest eine Hexe, aber ich sehe
keine Hörner auf Deinem Kopf, noch einen Pferdefuß.«
»Und das werden Sie auch niemals sehen.«
»Hm … Gevatterin … ja, was werden die Leute dazu sagen?«
»Was für Leute? … sie wollen ja auf euer Haus gar nicht spucken, wie
so erst in dasselbe gehen.«
»Das ist wahr … aber, was wird meine Frau dazu sagen? … Siehst Du,
die ist ebenso wie die übrigen fest davon überzeugt, Du wärest eine
Hexe.«
»Und Sie fürchten sich wohl vor Ihrer Frau?«
»Ich? … fürchten … so dumm bin ich nicht wie Dein Mann … ich
fürchte mich vor Weibern nie … überhaupt vor Niemanden … aber sag'
aufrichtig … bist Du wirklich keine Hexe?«
»Eh! Herr Dukač … schaue ich denn gar so darnach aus? … übrigens,
laden Sie zum Paten, wen Sie wollen.«
»Hm! … so warte ein wenig, ärgere Dich nicht gleich … gut, also sei
Du die Patin … aber glaubst Du, daß Dich der Pope in Peregudi als
Patin zuläßt?«
»Und weshalb sollte er nicht?«
»Weiß Gott … er ist so sehr gelehrt … fängt stets mit der Bibel an
… er kann sagen: gehört nicht in meinen Pfarrbezirk.«
»Seien Sie ohne Sorgen … das wird er nicht sagen … obzwar er ein
sehr studierter Herr ist, muß er doch das tun, was seine Frau will …
Er beruft sich stets auf die Bibel, muß aber schließlich doch alles tun,
was alle Männer tuen … der Frau folgen … Ich kenne ihn sehr wohl,
und war schon einigemal in seiner Gesellschaft … Einmal nahm er sich
vor keinen Branntwein zu trinken und berief sich auf die Bibel, wo es
stehen soll: trinkt euch mit Wein nicht voll, denn das ist Sünde … ich
aber antwortete ihm: wenn es auch Sünde sei Branntwein zu trinken, so
trinken sie doch ein Gläschen, und er … trank.«
»Hat er wirklich getrunken?«
»Gewiß … getrunken.«
»Nun gut … schau jedoch, daß er sich nicht früher betrinkt und unser
kleines Kind nicht beschädigt und ihn nicht etwa auf die Namen Ivan oder
Nikolaus tauft.«
»Das soll er wohl bleiben lassen, ein christliches Kind Nikolai zu
taufen … Weiß ich denn nicht, daß dies ein Moskauer Name ist.«
»So ist's … Nikolai ist ein Moskauer.«
Es stellte sich jedoch ein Hindernis ein, nämlich: Kerasivna besaß
keinen so großen und warmen Pelz, um das Kind nach Peregudi fahren zu
können und der Tag war frostig, bitterkalt … es herrschte geradezu
eine »barbarische Kälte«; dafür besaß die Dukačin einen prächtigen
Pelz mit blauem Tuche benäht.
Dukač holte denselben aus dem Hause und gab ihn der Kerasivna, ohne
ein Wort zu sprechen.
»Jetzt,« meinte er, »zieh rasch den Pelz an, oder besser, behalte ihn
für immer, doch mach', daß das Kind bald nach Peregudi kommt, damit die
Leute nicht sagen, des Dukač Kind sei schon drei Tage ungetauft.«
Kerasivna sträubte sich zwar im Anfang gegen das Geschenk, doch gab sie
bald nach.
Sie wendete die mit Hasenfellen ausgefütterten Ärmel recht weit heraus,
zog den großen Kragen hoch über den Kopf hinaus, und das ganze Dorf sah
ihr neidisch nach, als sie in dem mit einem paar starker Pferde
bespannten Schlitten neben Agap sitzend, durch das Dorf auf der Straße
nach Peregudi, zum Popen Jeremij, fuhr.
Alle waren davon überzeugt, daß Agap und Kerasivna bei der Abfahrt
nüchtern waren.
Es ist richtig, zwischen den Knieen des Agap, welcher die Pferde lenkte,
lag ein nicht geradezu kleines rundes Fäßchen mit Pflaumenbranntwein;
doch dasselbe war gewiß für den Popen bestimmt.
Das Kind lag unter dem großen und breiten Pelz, gut eingewickelt, warm,
obwohl alle, ohne Ausnahme, davon überzeugt waren, es wird sich bei der
Taufe des Kindes etwas Schreckliches ereignen.
Alle waren der Überzeugung, Gott lasse es nicht zu, daß der Sohn eines
so großen Sünders und schlechten Menschen, wie es Dukač ist, getauft
werde, schon deshalb nicht, weil als Patin eine — Hexe fungiere.
Was wäre das für ein Glaube, wo so etwas vorkommen könnte; Gott ist
gerecht, er kann etwas derartiges nicht dulden, nicht zulassen.
Dieser Ansicht und dieses Glaubens war die Mutter des Kindes; sie weinte
bittere Tränen über den Eigensinn ihres eigenen Mannes, welcher seinem
einzigen, lange erwünschten und ersehnten Kinde und Erben eine
anerkannte Hexe als Patin auswählte.
Unter solchen Verhältnissen fand die Abfahrt der Kerasivna, des Agap und
des kleinen Sohnes des Dukač statt.
Dieses alles, was ich eben erzählte, ereignete sich zwei Tage vor
Nikolai, im Wintermonat Dezember, um zehn Uhr Vormittag; das Wetter war
rauh, frostig, der Wind wehte von der Moskauer Seite und verstärkte sich
gerade zu jener Zeit, als Agap, Kerasivna und das Kind wegfuhren, und es
hatte den Anschein, als wenn aus demselben ein richtiger Sturm
herauswachsen würde.
Tatsächlich fing der Himmel an sich mit bleigrauen schweren Wolken zu
überziehen; der Wind wirbelte den gefrorenen Schnee auf und gleichzeitig
fing es an stark zu schneien.
Alle Leute, welche dem Kinde des Dukač alles böse wünschten,
bekreuzten sich beim Anblick des sich bildenden Wetters andächtig und
waren ganz zufrieden, denn es zeigte sich deutlich und sichtbar, daß
Gott an ihrer Seite stehe.
Elftes Kapitel.
Wie ruhig und gelassen sonst Dukač zu sein pflegte, heute empfand er
eine gewisse Unruhe, Vorahnung oder ähnliches, denn er war doch nicht
vollends befreit von dem herrschenden Aberglauben, und er fing an sich
zu fürchten.
Bei dem Sturm, der sich immer mehr und mehr steigerte, konnte es
vorkommen, daß etwas Ungeahntes, Unangenehmes, Unerwartetes sich
ereignen könne; es konnten ja doch der Pate mit der Patin und dem Kinde
in dem eingetretenen Schneesturme, der sich plötzlich erhob, sich
verirren, was böse Folgen nach sich ziehen konnte; und der Schneesturm
fing an zu wüten gerade zu jener Zeit, als der Schlitten in die
Talschlucht einbog, die gegen Peregudi führte.
Dazu war es ihm noch unangenehmer die Vorwürfe seiner Frau hören zu
müssen; aus dem Munde eines Weibes, die stets alle Launen ihres Mannes
still, ohne Murren hinnahm, ihm geradezu sklavisch diente, und deren
Lippen stets geschlossen waren, es war ihm unangenehm hören zu müssen,
als ihm seine Frau sagte:
»Auf unsere alten Tage und zu unserer Freude hat uns Gott ein Kind
geschenkt und Du hast Dir vorgenommen, es zu töten.«
»Was sagst Du,« antwortete Dukač, »ich hätte das Kind getötet?«
»Ja wohl, deshalb, weil Du es der Hexe anvertraut hast. — Wo hat man je
gehört, daß ein Kasak sein Kind einer Hexe anvertraut, damit es diese
taufen lasse?«
»Sicher und gewiß wird sie es taufen lassen.«
»Noch niemals ist etwas derartiges vorgefallen und wird auch nicht
vorfallen, Gott wird es nicht zulassen, daß eine so ausgesprochene Hexe
ein Kind aus der Taufe hebe.«
»Ja, wer sagte es Dir, daß die Kerasivna überhaupt eine Hexe sei?«
»Alle sagen es.«
»Blech, was die Leute reden; es hat doch Niemand von ihnen Hörner am
Kopfe der Kerasivna noch den Pferdefuß bei ihr gesehen.«
»Hörner auf ihrem Kopfe hat wohl Niemand gesehen, aber gesehen haben sie
es alle, wie sie ihren Mann verhexte.«
»Warum sollte sie nicht einen solchen Dummkopf verhexen?«
»Der Pidnebesinaja hat sie alle ihre Kunden, welche bei ihr früher Brot
kauften, verhext, so daß sie kein Brot mehr bei ihr kaufen.«
»Das ist leicht erklärlich; die Pidnebesinaja schläft den Schlaf der
Gerechten, versäumt die Zeit, arbeitet den Teig dann nicht ordentlich
durch, wie es sich gebührt, deshalb ist ihr Brot schlechter, als das der
Kerasivna.«
»Mit Euch, Männern, wird man nie fertig … Du kannst fragen, wen Du
willst, alle werden Dir sagen, daß die Kerasivna eine Hexe sei.«
»Warum brauche ich andere zu fragen, ich selbst bin ebenso gut ein
Mensch und Mann wie die anderen.«
»So Du bist auch ein Mensch, vielleicht ein guter Mensch?«
»So … ich bin also kein guter Mensch?«
»Natürlich nicht.«
»Und wer redete Dir das ein?«
»Und wer sagte euch je, ihr wäret ein guter Mensch?«
»Und wer sagte mir, ich wäre ein schlechter Mensch?«
»Habt ihr, so lange ihr lebet, Jemanden je etwas gutes erwiesen?«
»Und wem hätte ich gutes erweisen sollen?«
»Wem immer …«
»Das ist schon wahr,« meinte Dukač in Gedanken, »gutes habe ich
Niemanden je getan, aber weshalb?« … und um mit seinem Weibe das
unangenehme Gespräch nicht fortsetzen zu müssen, sagte er:
»Das würde mir noch fehlen mich mit Dir, Du dummes Weib, in weitere
Gespräche und in einen Streit einzulassen.«
Sprach's, drehte sich um, ging zur Wand, nahm die seiner Zeit dem Agap
abgenommene Mütze vom Hacken, setzte sie auf und verließ das Haus.
Zwölftes Kapitel.
Jedenfalls mußte den Dukač etwas sehr bedrücken, ihn sehr unruhig
machen, wenn er es in einem solchen Sturm, einem so wilden Schneetreiben
zwei Stunden lang außer dem Hause aushalten konnte.
Der schon früher heftige Sturm wuchs zu einem Orkan an, der Schnee fiel
in großen Flocken so dicht, daß man kaum atmen noch weniger sehen
konnte.
Wenn das Wetter schon so böse war zwischen Gebäuden, wie mußte es erst
in der Steppe wüten, wo dasselbe kein Hindernis fand!
War in der Steppe ein erwachsener, kaltblütiger, erfahrener Mann in
einem solchen Wetter völlig dem Verderben und Untergange geweiht, was
sollte dann aus dem Kinde, der Patin und Agap werden?
Dukač begriff das alles klar und deutlich; seine Gedanken flogen im
Kopfe herum und verwirrten sich, denn ihm waren aus eigener Erfahrung
alle Schrecknisse eines Schneewehens in der Steppe bekannt; er mühte
sich deshalb nicht aus Vergnügen den Schnee, welchen der Sturm an die
Zäune der Gärten in hohen Halden anwehte, durchzutreten, im Gegenteil,
ihn jagte die Ungeduld, die Ungewißheit, Sorge und Angst dem Schlitten
mit dessen Insassen entgegenzugehen, oder wenigstens zu sehen, daß sie
zurückkehren.
Schließlich blieb Dukač am Damme stehen, der sich hinter dem Dorfe
erhob; ihn bemerkte hier Niemand, konnte ihn deshalb auch Niemand
belästigen; er sah nichts vor sich als nur fabelhafte Gestalten, die ihm
seine aufgeregte Fantasie vorgaukelte.
Auch dieses Stehen, dieses Harren ist ihm schließlich langweilig
geworden, er schrie vor Zorn, Angst, Wut, Ungeduld hell auf, befreite
seine Füße aus dem Schnee, in den er versunken, und kehrte nach Hause
zurück.
Dämmerung ist während dieser Zeit eingetreten, und man konnte fast gar
nichts in ganz kleiner Entfernung vor sich sehen und erkennen; er konnte
deshalb gar nicht rasch ausschreiten, mußte oft stehen bleiben, verlor
nicht selten den Weg, verirrte sich, und mußte erst den richtigen Weg
suchen; schließlich stieß er auf etwas hartes, das sich bei näherer
Untersuchung als ein Kreuz erwies — ein sehr hohes Kreuz aus Holz, wie
man solche in Süd-Rußland, namentlich an Kreuzwegen, sehr oft findet.
»Eh!« dachte er, »ich glaube, ich bin viel zu weit vom Dorfe weggekommen
und muß wohl umkehren« — er richtete deshalb seine Schritte nach einer
anderen Richtung, aber nach drei bis vier Schritten, die er gemacht,
stieß er wieder auf etwas hartes, wieder auf ein Kreuz.
Der Kasak blieb einen Augenblick stehen, atmete tief auf, und nachdem er
sich wiederum etwas erholt, schlug er eine entgegengesetzte Richtung
ein, aber auch hier stieß er auf Kreuze, und nur auf Kreuze.
»Geht hier etwas vor oder bewege ich mich um das Kreuz herum?« — und er
fing an mit den Händen herumzutasten, welche immer und immer wieder
nichts als Kreuze und wieder Kreuze betasteten.
»Aha! jetzt ist mir klar, wo ich mich befinde … das ist der Kirchhof,
wohin ich mich verirrte … richtig … dort sehe ich das Licht aus des
Popen Hause … Der Teufelskerl, wollte nicht zugeben, daß sein Weib die
Patin meines Kindes werde … auch gut … nicht nötig … doch das Haus
des Totengräbers müßte ja auch nicht weit sein.«
Und der Dukač unternahm es das Haus zu suchen, wobei er unverhofft in
ein Loch fiel, in dem sich etwas hartes befand, auf das er mit dem Kopfe
anstieß so heftig, daß er ziemlich lange ohne Besinnung liegen blieb.
Als er wieder zu sich kam, da sah er über sich einen wolkenlosen, mit
hellflimmernden Sternen besäten Himmel und es herrschte völlige
Windstille.
Dukač wußte nicht im ersten Augenblicke, wohin er gefallen; er mühte
sich fast eine Stunde lang mit Händen und Füßen arbeitend ab, um aus der
Grube herauszukommen, welche sich später als ein Grab erwies.
Endlich gelang es dem Dukač das Dorf und seine Hütte zu erreichen;
was ihn aber am meisten wunderte, war, daß weder bei seinen Nachbaren
noch in seinem Hause Licht brannte, daß alles finster war; es mußte
deshalb schon spät sein, wenn schon alle schlafen gegangen sind.
Wenn aber Agap und die Kerasivna mit dem Kinde noch nicht zurückgekehrt
wären?
Es gab ihm einen ordentlichen Stich unterm Herzen, als dieser Gedanke
sein Gehirn durchzuckte, ein eigenes Gefühl, Angst, überfiel ihn, so daß
er mit unsicherer Hand, nur zagend, die Stubentüre öffnete.
In der Stube selbst war es ziemlich dunkel, nur aus der einen Ecke
derselben ließ sich ein leises Weinen und Schluchzen vernehmen.
Die Dukačin weinte.
Der Kasak begriff es, warum sein Weib weint; doch er konnte es nur
schwer übers Herz bringen zu fragen:
»Ist es denn möglich, daß sie noch nicht …«
»Ja, die Hexe ißt jetzt mein Kind auf …« unterbrach die Dukačin
ihren Mann.
»Für so dumm hätte ich Dich doch nie gehalten« — schnitt mit diesen
Worten Dukač die weitere Rede seiner Frau ab.
»Ihr hab't mich so dumm gemacht … und wenn ich auch dumm wäre, ich
hätte mein Kind doch nie einer Hexe anvertraut.«
»So versinke Du selbst mit Deiner Hexe … ich hätte das Genick brechen
können, als ich in das Grab fiel.«
»Ah! … in ein Grab seid ihr gefallen … daran ist sie auch schuld …
Ihr könnet gehen und lieber gleich jemanden totschlagen …«
»Wen soll ich totschlagen … was plapperst Du? …«
»Wenigstens einen Hammel … denn nicht umsonst seid ihr in ein Grab
gefallen … ihr werdet bald sterben und selbst im Grabe liegen … Ja,
Gott gebe es … was sollen wir noch weiter unter Menschen leben, die
über uns nichts anderes reden können, als daß wir unser einziges Kind
einer Hexe geschenkt haben.«
In diesem Tone redete die Dukačin weiter; er selbst dachte an nichts
anderes als daran, wo sich Agap zur Zeit befinden möge? wohin derselbe
geraten?
Gelang es ihm früher nach Peregudi zu kommen, ehe das Schneewehen und
der Sturm losging, dann warteten sie wohl das Ende desselben dort ab, in
diesem Falle konnten sie von dort erst abfahren, sobald sich der Sturm
gelegt und der Himmel aufgeheitert hatte; aber deswegen konnten sie doch
zu dieser Zeit zu Hause sein; vorausgesetzt, Agap hätte nicht zuviel des
Guten dort genossen.
Dieser Gedanke schien dem Dukač annehmbar zu sein, er beeilte sich
denselben seinem Weibe mitzuteilen, welche jedoch noch stärker zu
seufzen und zu weinen anfing.
»Was ist da anzunehmen: wir werden unser Kind nie mehr sehen; gefressen
hat sie es, diese Hexe, die Kerasivna; sie selber hat das Unwetter
heraufgehext, um mit ihm besser über Berg und Tal fliegen und dort sein
Blut aussaugen zu können.«
Durch solche Reden brachte sie ihren Mann so auf, daß er sie vorerst
auszankte, später sogar beschimpfte, dann mit der einen Hand die Mütze
vom Nagel reißend, mit der zweiten das Gewehr nehmend, eilte er aus dem
Hause mit dem Vorsatze einen Hasen zu schießen, ihn dann in das Grab zu
werfen, aus welchem er vor wenigen Stunden mit schwerer Mühe
herauskroch.
Die Dukačin saß zu Hause auf der Ofenbank und weinte bitterlich!
Vierzehntes Kapitel.
Der verbitterte, gekränkte und durch den ungewöhnlichen Vorfall im
höchsten Grade aufgereizte Mann wußte tatsächlich nicht, was er tun,
wohin er sich wenden solle; er schritt maschinenmäßig durchs Dorf, auf
die Scheunen zu, wohin die Hasen zu kommen pflegten, um sich das Futter
zu suchen; er erreichte die Heuschober, setzte sich auf einen derselben
und verfiel in Gedanken.
Böse Ahnungen quälten ihn, Kummer und Schmerz erfüllten sein Herz und
unangenehme Erinnerungen wurden in seinen Gedanken wach.
Unangenehm waren die Worte seines Weibes; aber er mußte zugestehen, daß
sie zum größten Teile im Rechte sei und wahr gesprochen habe.
Es ist wahr, so lange er sich zu erinnern weiß, hat er nie Jemandem
etwas gutes erwiesen, wohl aber vielen Leides zugefügt; und dieser
seiner vielen Sünden wegen leidet nun sein einziges, lang ersehntes und
erwartetes Kind; er selbst fällt in ein Grab, was nach dem Aberglauben
des Volkes ein großes Unglück bedeutet.
Morgen werden alle davon wissen und das ganze Dorf, in welchem er auch
nicht einen einzigen Freund besitzt, wird davon reden.
Es kann möglich sein, das Kind wird gefunden und gesund heimgebracht;
aber die Nacht ist lang, und damit er sich nicht langweile und ängstige,
will er einem Hasen auflauern, ihn schießen, dann in das Grab werfen,
wodurch die bösen Vorhersagungen abgewendet werden.
Dukač seufzte tief auf; er schaute, ob sich nicht von einer Seite ein
Hase blicken lasse.
Das war auch der Fall; der Hase wartete geradezu auf ihn, wie Abraham
auf den Bock; beim letzten Schober, dort an dem mit Schnee verwehten
Zaun saß der Langohr.
Er äugte augenscheinlich in die Gegend hinaus und stand in einer für den
Schuß äußerst günstigen Position.
Dukač war ein erfahrener alter Jäger; in seiner Jägerlaufbahn stießen
ihm verschiedene Jagdabenteuer und verschiedenes außergewöhnliche zu,
aber eine solche außerordentlich günstige Schußstellung ist ihm doch
noch nie vorgekommen, und um die Gelegenheit nicht fahren zu lassen,
zögerte er nicht lange, legte das Gewehr an die Backe, zielte, feuerte
…
Der Schuß fiel, aber gleich darauf wurde ein eigentümlicher Klagelaut
hörbar.
Dukač nahm darauf keine Rücksicht, auch blieb ihm nicht die Zeit
darüber nachzudenken, da er sich beeilen mußte den brennenden
Papierpfropfen mit Füßen niederzutreten.
Während er dieses tat, bemerkte er zu seinem größten Erstaunen, daß der
Hase, dem er schon einige Schritte näher gekommen, seine Stellung gar
nicht ändere.
Dem Dukač wurde unheimlich und ängstlich zu Mute; er mußte annehmen,
der Teufel treibe sein Spiel mit ihm; oder wäre es vielleicht der Teufel
selbst in Hasengestalt?
Dukač machte einen Schneeballen und warf ihn auf den Hasen.
Der Ballen traf das Ziel, zerstob, aber der Hase rührt sich nicht … in
der Luft hört man nur leises Ächzen.
»Was ist das für eine Teufelei? was geht hier vor?« dachte Dukač,
bekreuzte sich und näherte sich vorsichtig jenem Gegenstande, den er für
einen Hasen gehalten hatte; aber wie wurde er enttäuscht, als er an
Stelle des Hasens nur eine alte Pelzmütze auf dem Schnee liegend fand.
Dukač beugte sich nieder, um die Mütze aufzuheben, blickte jedoch in
das vom Sternenlicht schwach beleuchtete blasse Gesicht seines
Verwandten Agap, das mit einer dunklen klebrigen, eigentümlich
riechenden Flüssigkeit bedeckt war.