Tempelhüter

(Heron nachsprechend).

Und nennst du mich nicht klug?

Weil ich ein Diener nur, ihr hohen Stamms?

Meinst du, die Klugheit erbe eben fort

Vom Vater auf den Sohn, wie Geld und Gut?

Ei, klug genug, und schlau genug, und wachsam!

(Er stößt den Spieß in den Boden.)

Priester.

Soll ich erfahren denn?

Tempelhüter (noch immer Heron nachsprechend).

Ei ja, ja doch!

Priester.

Du leistest, merk ich, selber dir Gesellschaft.

Ich gönne sie, und überlaß dich ihr.

Tempelhüter.

Herr! Eben sprang ein Mann vom Ufer in die Flut.

Priester.

Das also war's?

Tempelhüter. Und Hero stand nicht fern.

Priester.

Er sprang wohl auch, stand ich in seiner Nähe.

Tempelhüter.

Und dort in jenem Turme brannte Licht

Die ganze Nacht.

Priester. Das sollte freilich nicht.

Doch Hero weiß wohl kaum, daß wir vermeiden,

Durch Licht und Flamme, Bösgesinnten, Feinden,

Den Weg zu zeigen selber durch die Klippen,

Mit denen sich die Küste gürtend schützt.

Drum warne sie!

Tempelhüter. Ei, daß sie meiner spottet!

Sie wußt' es wohl, und dennoch brannte Licht,

Das macht: sie wachte, Herr.

Priester. So?

Tempelhüter. Bis zum Morgen.

Und oben war's so laut und doch so heimlich,

Ein Flüstern und ein Rauschen hier und dort;

Die ganze Gegend schien erwacht, bewegt.

Im dichtsten Laub ein sonderbares Regen,

Wie Windeswehn, und wehte doch kein Wind.

Die Luft gab Schall, der Boden tönte wider

Und was getönt und widerklang war: nichts.

Das Meer stieg rauschend höher an die Ufer,

Die Sterne blinkten, wie mit Augen winkend,

Ein halbenthüllt Geheimnis schien die Nacht.

Und dieser Turm war all des dumpfen Treibens

Und leisen Regens Mittelpunkt und Ziel.

Wohl zwanzigmal eilt' ich an seinen Fuß,

Nun, meinend, nun das Rätsel zu enthüllen,

Und sah hinan; nichts schaut' ich, als das Licht,

Das fort und fort aus Heros Fenster schien.

Ein einzig Mal lief wie ein Mannesschatten

Vom Meeresufer nach dem Turme zu;

Ich folg und, angelangt, war wieder nichts,

Nur Rauschen rings und Regen, wie zuvor.

Priester.

Scheint's doch, des ganzen Wunders voller Inhalt,

Mit Ursach' und mit Wirkung, lag in dir.

Tempelhüter.

Ei, Herr, und warum brannte denn das Licht,

Die ganze Nacht, bis kurz, wie ich berichtet?

Als mich der Spuk zum Rasen halb gebracht,

Trat ich ins Innre des Gebäudes, jenseits,

Wo an den Turm der Diener Wohnung schließt.

Da fällt Janthe mir zuerst ins Auge,

Gekleidet und geschmückt, als wär's am Tag.

Priester.

Des Rätsels Lösung bietet sich von selbst.

Frag du das Mädchen. Ruf sie her! Du kennst sie,

Und weißt, wie oft sie Störung schon gebracht.

Tempelhüter.

So dacht' ich auch, und schalt sie tüchtig aus.

Allein das Licht an jenem, jenem Fenster.

Und dann: als kurz ich vor im Haine ging,

Springt, hup! ein Mann ins brausend schäum'ge Meer.

Und in demselben Augenblick tritt Hero,

Drei Schritte kaum entfernt, aus dem Gebüsch.

Priester.

Wenn du vermuten willst, such andern Stützpunkt,

Nur was dir ähnlich treffe dein Verdacht.

Tempelhüter.

Nur was mir ähnlich? Ei, ich seh es kommen!

Dem Diener sei nicht Urteil, noch Verstand.

Priester.

Ruf mir Janthen!

Tempelhüter. Aber, Herr, das Licht!

Priester.

Janthen, sag ich dir!

Tempelhüter. Und jener Mann,

Der sprang ins Meer, und gen Abydos schwamm?

Priester.

Wie sagst du? Gen Abydos?

Tempelhüter. Wohl!

Priester. Abydos?

Ruf mir Janthen!

Tempelhüter. Wohl!

Des Meeres und der Liebe Wellen: Trauerspiel in fünf Aufzügen · 第 15 / 18 题