Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen
sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer
hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren.
Bald erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden
aufs schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen
Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber
Höhe des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und
fröhlich im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den
hohen Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet,
aus dem Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf
der Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte.
»Ich weiß nicht,« sagte Ludwig Ugel, »was diese Abende im August so schön
macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt
teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.«
»Ja,« sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen
Augen. »Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die
ganze reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde
über, und man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter
auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad
der Zeit sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und
traurig mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege
liegen.«
Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige
Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und
allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge
lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln
Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume
aus der Brust der einschlummernden Erde.
Aller Friede senkt sich nieder
Aus des Himmels klaren Weiten,
Alles Freuen, alles Leiden
Stirbt den süßen Tod der Lieder.
Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel,
der sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen:
O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell,
Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell!
Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau,
Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh.
Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not:
Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot.
Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein:
Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn!
Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt,
Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt:
Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist,
So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt!
* * * * *
Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern:
Der müde Sommer senkt das Haupt
Und schaut sein falbes Bild im See;
Ich wandle müde und bestaubt
Im Schatten der Allee.
Ich wandle müde und bestaubt,
Und hinter mir bleibt zögernd stehn
Die Jugend, neigt das schöne Haupt
Und will nicht fürder mit mir gehn.
* * * * *
Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte.
Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen,
da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen:
Mein Vater hat viel Schlösser
Und Städte weit und breit,
Mein Vater ist der König,
Der König Ohneleid.
Und käm ein schöner Ritter
Und wollte mich befrein,
Dem würde wohl mein Vater
Sein halbes Reich verleihn.
Man erhob sich nun und stieg langsam den verglühenden Berg hinab. Jenseits
auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein später Streifen
Sonne.
»Woher haben Sie dieses Lied?« fragte Karl Hamelt die schöne Lulu.
»Ich weiß nicht mehr,« sagte sie, »ich glaube, es ist ein Volkslied.« Sie
ging jetzt schneller und wurde plötzlich von Angst ergriffen, sie möchte zu
spät heimkommen und von der Wirtin gescholten werden.
»Das leiden wir nicht,« rief Erich Tänzer heftig aus. »Überhaupt habe ich
im Sinn, der Frau Müller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde
sie schon . . .«
»Nein, nein!« unterbrach ihn die schöne Lulu. »Es würde dann für mich nur
schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und muß tragen, was mir auferlegt
wird.«
»Ach Fräulein Lulu,« sagte der Referendar, »ich wollte, Sie wären eine
Prinzessin und ich könnte Sie befreien.«
»Nein,« rief der Schöngeist Lauscher, »Sie sind wirklich eine Prinzessin,
und nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlösen. Aber was hindert mich?
Ich tue es heute noch. Ich nehme die verdammte Müllerin beim Kragen . . .«
»Still, still!« rief Lulu flehentlich. »Lassen Sie mich doch mein Schicksal
allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schönen Abend leid.«
Man sprach nun wenig mehr und näherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu
von den anderen trennte, um allein in die Krone zurückzukehren. Die Fünfe
sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Straße hinein verschwand.
»Mein Vater ist der König,
Der König Ohneleid . . .«
summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem
Dorfe Wendlingen.