V.

Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen

sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer

hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren.

Bald erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden

aufs schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen

Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber

Höhe des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und

fröhlich im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den

hohen Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet,

aus dem Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf

der Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte.

»Ich weiß nicht,« sagte Ludwig Ugel, »was diese Abende im August so schön

macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt

teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.«

»Ja,« sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen

Augen. »Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die

ganze reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde

über, und man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter

auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad

der Zeit sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und

traurig mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege

liegen.«

Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige

Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und

allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge

lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln

Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume

aus der Brust der einschlummernden Erde.

Aller Friede senkt sich nieder

Aus des Himmels klaren Weiten,

Alles Freuen, alles Leiden

Stirbt den süßen Tod der Lieder.

Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel,

der sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen:

O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell,

Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell!

Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau,

Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh.

Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not:

Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot.

Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein:

Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn!

Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt,

Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt:

Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist,

So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt!

* * * * *

Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern:

Der müde Sommer senkt das Haupt

Und schaut sein falbes Bild im See;

Ich wandle müde und bestaubt

Im Schatten der Allee.

Ich wandle müde und bestaubt,

Und hinter mir bleibt zögernd stehn

Die Jugend, neigt das schöne Haupt

Und will nicht fürder mit mir gehn.

* * * * *

Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte.

Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen,

da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen:

Mein Vater hat viel Schlösser

Und Städte weit und breit,

Mein Vater ist der König,

Der König Ohneleid.

Und käm ein schöner Ritter

Und wollte mich befrein,

Dem würde wohl mein Vater

Sein halbes Reich verleihn.

Man erhob sich nun und stieg langsam den verglühenden Berg hinab. Jenseits

auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein später Streifen

Sonne.

»Woher haben Sie dieses Lied?« fragte Karl Hamelt die schöne Lulu.

»Ich weiß nicht mehr,« sagte sie, »ich glaube, es ist ein Volkslied.« Sie

ging jetzt schneller und wurde plötzlich von Angst ergriffen, sie möchte zu

spät heimkommen und von der Wirtin gescholten werden.

»Das leiden wir nicht,« rief Erich Tänzer heftig aus. »Überhaupt habe ich

im Sinn, der Frau Müller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde

sie schon . . .«

»Nein, nein!« unterbrach ihn die schöne Lulu. »Es würde dann für mich nur

schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und muß tragen, was mir auferlegt

wird.«

»Ach Fräulein Lulu,« sagte der Referendar, »ich wollte, Sie wären eine

Prinzessin und ich könnte Sie befreien.«

»Nein,« rief der Schöngeist Lauscher, »Sie sind wirklich eine Prinzessin,

und nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlösen. Aber was hindert mich?

Ich tue es heute noch. Ich nehme die verdammte Müllerin beim Kragen . . .«

»Still, still!« rief Lulu flehentlich. »Lassen Sie mich doch mein Schicksal

allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schönen Abend leid.«

Man sprach nun wenig mehr und näherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu

von den anderen trennte, um allein in die Krone zurückzukehren. Die Fünfe

sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Straße hinein verschwand.

»Mein Vater ist der König,

Der König Ohneleid . . .«

summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem

Dorfe Wendlingen.

Hermann Lauscher · 第 8 / 17 题