Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der
Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen
Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase
liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des
Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und
Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise
antreten, und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde.
»Ich will ins Ausland,« sagte Hermann Lauscher, »ich muß mich absondern und
wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal
zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens
und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir
alles nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon
fast mehr Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.«
»Wie meinst du das?« fiel Oskar ein. »Ich denke, bildungslose Künstler,
speziell Dichter, hätten wir genug.«
»Vielleicht!« antwortete Lauscher. »Aber Bildung und Wissenschaft ist
zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte
Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den
Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man
mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert
mit sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil
seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der
früheren Jugend zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den
versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit
der ganzen unüberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist
schon wieder ein Stück Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.«
»An was denkst du dabei?« fragte hier lächelnd Karl Hamelt.
»Du weißt es schon!« rief Hermann. »Ja, ich gestehe, mein kürzlich
gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen
lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues
zu dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich
möchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen
oder wie sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue
hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos
und ängstlich nachjagen.«
»Sie haben recht,« klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem
Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen
stehen blieb.
»Drehdichum!« riefen alle fröhlich aus. »Guten Tag, Herr Philosoph! Guten
Morgen, Herr Überall!«
Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein
wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.
»Es ist«, begann er lächelnd, »noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne
wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme
ich an Ihrer Unterhaltung teil.«
»Gerne,« sagte Karl Hamelt. »Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie
ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller
Wissenschaft gedient sei.«
»Nicht übel!« entgegnete langsam der Alte. »Ich habe immer zu den Dichtern
eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft
nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere
Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte und
Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte
Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die
Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber
nur Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem
Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir
die höchsten, ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines
Träumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten
Höhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.«
»Sehr schön,« rief hier Oskar Ripplein, »sehr hübsch gesagt, Herr
Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist
vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man
träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in
den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen
Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er
träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .«
»Satis!« rief da der Kandidat Hamelt. »Vor hundert und mehr Jahren sind
auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben
langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und
Phantasten immer noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese
allzuverständigen Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir
hat es dieser Tage merkwürdig geträumt.«
»Erzählen Sie doch!« bat der Alte.
»Ein ander Mal!«
»Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,« meinte Drehdichum.
Karl Hamelt lachte laut auf.
»Nun, wir versuchens!« beharrte Drehdichum. »Jeder stellt eine Frage, auf
welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars
doch ein lustiger Zeitvertreib!«
Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu
fragen. Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die
Reihe an ihn kam, fragte er nach einigem Besinnen: »Kam in dem Traume
Wasser vor?«
»Ja.«
Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen.
»Quellwasser?«
»Ja.«
»Wasser aus einer Wunderquelle?«
»Ja.«
»Wurde das Wasser ausgeschöpft?«
»Ja.«
»Von einem Mädchen?«
»Ja.«
»Nein!« rief Drehdichum. »Besinnen Sie sich!«
»Ja doch!«
»Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?«
»Ja.«
Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. »Unmöglich!« sagte er wieder. »Hat
wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?«
»Ach nein!« rief Karl verwirrt. »Es war der Geist Haderbart, der zuerst
schöpfte.«
»Ah, nun haben wirs!« frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze
Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen.
Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu.
»Prinzessin Lilia!« rief Lauscher aus. »Und Silberlied? Woher sind mir doch
die Namen so bekannt?«
»Ei,« sagte der Alte, »die Namen stehen beide in der askischen Handschrift,
die Sie mir gestern zeigten.«
»In meinem Liede!« seufzte der Dichter.
»In dem Bilde der schönen Lulu,« flüsterten Karl und Erich.
Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte
mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch
eingehüllt war.
»Sie rauchen ja wie ein Schornstein,« sagte Oskar Ripplein und wich der
Wolke aus. »Und was für ein Kraut!«
»Echte Mexikaner!« rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf
zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von
hinnen führte, war er mit ihr verschwunden.
Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den
Wald hinein. »Dummes Zeug!« brummte der Referendar Oskar und hatte das
unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und
Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren
Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.
Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der
Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche
still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu
kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.
»Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese
Seite!«
Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der
wie ein unförmlicher Drache am Boden lag.
»Gut, daß Sie kommen!« sagte er. »Nehmen Sie doch bitte hier neben mir
Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher,
interessieren mich.«
»Zuerst,« fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, »zuerst sagen Sie mir doch um
des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.«
»Und mein Papier lesen!« fügte Lauscher hinzu.
»Ei nun,« sagte der Alte, »was ist da zu wundern? Man kann alles erraten,
wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin
Lilia so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.«
»Eben das ist es ja!« rief wieder der Kandidat. »Woher wissen Sie denn
diese Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch
niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede
unseres Lauscher so auffallend anklingt?«
Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: »Wenn man sich
mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt
man ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin
Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt
und verändert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme
Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst,
deren Vollendungsprozeß übrigens in den letzten Stadien der Läuterung
stehen muß --, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher
Gestalt und wartet unbewußt auf den Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst
sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum,
und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen,
brach sie in Tränen aus.«
Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu.
Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen
Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die
Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln.
»Sie, Herr Lauscher,« fuhr jener fort, »sind Ästhetiker und müssen wissen,
wie lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen
Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft
keine absolute Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen
Wesens bedeutet und daß beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien,
sondern Töchter des Prinzips Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar
einander fremden, ja feindseligen Gipfel tief im Schoß der Erde eins und
gemeinsam sind. Aber was hilft uns die Erkenntnis, wenn wir auf einem der
Gipfel stehen und den klaffenden Spalt stündlich vor Augen haben? Das
Überbrücken dieses Abgrundes aber und die Erlösung der Prinzessin Lilia
bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume, deren Anblick der Seele
die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte nimmt; sie ist das
Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten Sehnsucht aller
großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe Silberlied
erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten rauschen,
und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben lang
im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen des
hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe
Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im
verschütteten Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln
mein König im zertrümmerten Saal!«