IV.

Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der

Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen

Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase

liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des

Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und

Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise

antreten, und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde.

»Ich will ins Ausland,« sagte Hermann Lauscher, »ich muß mich absondern und

wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal

zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens

und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir

alles nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon

fast mehr Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.«

»Wie meinst du das?« fiel Oskar ein. »Ich denke, bildungslose Künstler,

speziell Dichter, hätten wir genug.«

»Vielleicht!« antwortete Lauscher. »Aber Bildung und Wissenschaft ist

zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte

Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den

Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man

mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert

mit sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil

seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der

früheren Jugend zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den

versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit

der ganzen unüberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist

schon wieder ein Stück Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.«

»An was denkst du dabei?« fragte hier lächelnd Karl Hamelt.

»Du weißt es schon!« rief Hermann. »Ja, ich gestehe, mein kürzlich

gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen

lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues

zu dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich

möchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen

oder wie sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue

hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos

und ängstlich nachjagen.«

»Sie haben recht,« klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem

Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen

stehen blieb.

»Drehdichum!« riefen alle fröhlich aus. »Guten Tag, Herr Philosoph! Guten

Morgen, Herr Überall!«

Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein

wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.

»Es ist«, begann er lächelnd, »noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne

wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme

ich an Ihrer Unterhaltung teil.«

»Gerne,« sagte Karl Hamelt. »Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie

ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller

Wissenschaft gedient sei.«

»Nicht übel!« entgegnete langsam der Alte. »Ich habe immer zu den Dichtern

eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft

nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere

Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte und

Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte

Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die

Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber

nur Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem

Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir

die höchsten, ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines

Träumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten

Höhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.«

»Sehr schön,« rief hier Oskar Ripplein, »sehr hübsch gesagt, Herr

Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist

vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man

träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in

den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen

Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er

träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .«

»Satis!« rief da der Kandidat Hamelt. »Vor hundert und mehr Jahren sind

auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben

langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und

Phantasten immer noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese

allzuverständigen Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir

hat es dieser Tage merkwürdig geträumt.«

»Erzählen Sie doch!« bat der Alte.

»Ein ander Mal!«

»Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,« meinte Drehdichum.

Karl Hamelt lachte laut auf.

»Nun, wir versuchens!« beharrte Drehdichum. »Jeder stellt eine Frage, auf

welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars

doch ein lustiger Zeitvertreib!«

Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu

fragen. Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die

Reihe an ihn kam, fragte er nach einigem Besinnen: »Kam in dem Traume

Wasser vor?«

»Ja.«

Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen.

»Quellwasser?«

»Ja.«

»Wasser aus einer Wunderquelle?«

»Ja.«

»Wurde das Wasser ausgeschöpft?«

»Ja.«

»Von einem Mädchen?«

»Ja.«

»Nein!« rief Drehdichum. »Besinnen Sie sich!«

»Ja doch!«

»Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?«

»Ja.«

Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. »Unmöglich!« sagte er wieder. »Hat

wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?«

»Ach nein!« rief Karl verwirrt. »Es war der Geist Haderbart, der zuerst

schöpfte.«

»Ah, nun haben wirs!« frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze

Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen.

Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu.

»Prinzessin Lilia!« rief Lauscher aus. »Und Silberlied? Woher sind mir doch

die Namen so bekannt?«

»Ei,« sagte der Alte, »die Namen stehen beide in der askischen Handschrift,

die Sie mir gestern zeigten.«

»In meinem Liede!« seufzte der Dichter.

»In dem Bilde der schönen Lulu,« flüsterten Karl und Erich.

Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte

mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch

eingehüllt war.

»Sie rauchen ja wie ein Schornstein,« sagte Oskar Ripplein und wich der

Wolke aus. »Und was für ein Kraut!«

»Echte Mexikaner!« rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf

zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von

hinnen führte, war er mit ihr verschwunden.

Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den

Wald hinein. »Dummes Zeug!« brummte der Referendar Oskar und hatte das

unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und

Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren

Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.

Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der

Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche

still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu

kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.

»Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese

Seite!«

Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der

wie ein unförmlicher Drache am Boden lag.

»Gut, daß Sie kommen!« sagte er. »Nehmen Sie doch bitte hier neben mir

Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher,

interessieren mich.«

»Zuerst,« fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, »zuerst sagen Sie mir doch um

des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.«

»Und mein Papier lesen!« fügte Lauscher hinzu.

»Ei nun,« sagte der Alte, »was ist da zu wundern? Man kann alles erraten,

wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin

Lilia so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.«

»Eben das ist es ja!« rief wieder der Kandidat. »Woher wissen Sie denn

diese Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch

niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede

unseres Lauscher so auffallend anklingt?«

Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: »Wenn man sich

mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt

man ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin

Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt

und verändert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme

Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst,

deren Vollendungsprozeß übrigens in den letzten Stadien der Läuterung

stehen muß --, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher

Gestalt und wartet unbewußt auf den Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst

sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum,

und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen,

brach sie in Tränen aus.«

Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu.

Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen

Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die

Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln.

»Sie, Herr Lauscher,« fuhr jener fort, »sind Ästhetiker und müssen wissen,

wie lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen

Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft

keine absolute Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen

Wesens bedeutet und daß beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien,

sondern Töchter des Prinzips Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar

einander fremden, ja feindseligen Gipfel tief im Schoß der Erde eins und

gemeinsam sind. Aber was hilft uns die Erkenntnis, wenn wir auf einem der

Gipfel stehen und den klaffenden Spalt stündlich vor Augen haben? Das

Überbrücken dieses Abgrundes aber und die Erlösung der Prinzessin Lilia

bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume, deren Anblick der Seele

die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte nimmt; sie ist das

Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten Sehnsucht aller

großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe Silberlied

erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten rauschen,

und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben lang

im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen des

hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe

Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im

verschütteten Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln

mein König im zertrümmerten Saal!«

Hermann Lauscher · 第 7 / 17 题