VI.

Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus,

bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er

allein in der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da

stieß Erich plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des

schönen Mädchens, sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede:

»Fräulein Lulu, ich muß Ihnen eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der

künftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind

schöner als man sein darf und machen damit sich und andere unglücklich.

Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schöner Appetit? Und

mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat sämtlicher Paragraphen des

bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so

mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das

Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur

noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote heißt: O du

Schönste, o du Allerschönste!«

Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen

modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle Hand.

Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet

schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen.

Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück

Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und

flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu

hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt

Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte

plötzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand:

Herrin, wirst du lachen müssen?

Sieh, ein heißes Dichterhaupt,

Das du stolz und kühl geglaubt,

Liegt beschämt nun dir zu Füßen,

Und ein Herz, dem alle höchste Lust

Wie das tiefste Leiden ward bewußt,

Zittert scheu in deiner kleinen Hand!

Rote Rosen, die ich Wandrer fand,

Rote Lieder, die ich Sänger sang,

Sehnen sich und welken bang,

Liegen arm zu deinen Füßen -- -- --

Wirst du lachen müssen?

»Lauscher,« rief Erich entrüstet, »das Aas! Sie werden doch nicht glauben,

es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was

schreibt er alle drei Wochen einer andren!« Lulu gab dem Erregten keine

Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von

dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang

dazu:

Ich stehe hier und harre

Und spiele die Guitarre . . .

O zögere nicht länger

Und liebe deinen Sänger!

Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte

der Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich

warf Geld auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube

und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in

den Rücken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun

mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging.

Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg

in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers

Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd

erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht

sogleich einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie

lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie

ein mißratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen

darüber, wie alle diese Menschen so töricht und enge bloß an sich selber

dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und

liebten. Diese jungen Männer schienen ihr wie irregeleitete arme

Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln, während sie große Reden im

Munde führten. Es erschien ihr traurig und lächerlich, wie sie immerfort

von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwände von Worten um

sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an

ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen Mädchenseele stand diese

Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die Kunst des Lebens im

Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe.

Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war

schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen

Stirn empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß

darüber die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen

einiger Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken

folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen:

Vollkommenheit,

Man sieht dich selten, aber heut . . .

bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den

Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner

Liebe wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß

wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse

gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen

der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen

Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig

seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des

Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle

plötzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er

selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger

vom Netz dieses Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor,

als wäre er und wären die andern lauter Traumgestalten eines

phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem

schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander

und er selbst und Lulu wären ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem

Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte

Teile einer unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich

alles in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte

sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem

Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen

Liebeserklärung; er fühlte wohl, daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im

Grunde lächerlich fände. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten

zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief über die dunkeln Kronen

der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß morgen sein letzter Tag in

Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend drang das Gefühl der

Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten Tage schwül umfangenen

Sinn.

Hermann Lauscher · 第 9 / 17 题