Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus,
bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er
allein in der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da
stieß Erich plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des
schönen Mädchens, sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede:
»Fräulein Lulu, ich muß Ihnen eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der
künftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind
schöner als man sein darf und machen damit sich und andere unglücklich.
Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schöner Appetit? Und
mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat sämtlicher Paragraphen des
bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so
mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das
Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur
noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote heißt: O du
Schönste, o du Allerschönste!«
Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen
modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle Hand.
Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet
schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen.
Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück
Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und
flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu
hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt
Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte
plötzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand:
Herrin, wirst du lachen müssen?
Sieh, ein heißes Dichterhaupt,
Das du stolz und kühl geglaubt,
Liegt beschämt nun dir zu Füßen,
Und ein Herz, dem alle höchste Lust
Wie das tiefste Leiden ward bewußt,
Zittert scheu in deiner kleinen Hand!
Rote Rosen, die ich Wandrer fand,
Rote Lieder, die ich Sänger sang,
Sehnen sich und welken bang,
Liegen arm zu deinen Füßen -- -- --
Wirst du lachen müssen?
»Lauscher,« rief Erich entrüstet, »das Aas! Sie werden doch nicht glauben,
es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was
schreibt er alle drei Wochen einer andren!« Lulu gab dem Erregten keine
Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von
dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang
dazu:
Ich stehe hier und harre
Und spiele die Guitarre . . .
O zögere nicht länger
Und liebe deinen Sänger!
Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte
der Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich
warf Geld auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube
und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in
den Rücken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun
mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging.
Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg
in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers
Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd
erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht
sogleich einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie
lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie
ein mißratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen
darüber, wie alle diese Menschen so töricht und enge bloß an sich selber
dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und
liebten. Diese jungen Männer schienen ihr wie irregeleitete arme
Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln, während sie große Reden im
Munde führten. Es erschien ihr traurig und lächerlich, wie sie immerfort
von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwände von Worten um
sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an
ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen Mädchenseele stand diese
Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die Kunst des Lebens im
Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe.
Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war
schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen
Stirn empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß
darüber die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen
einiger Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken
folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen:
Vollkommenheit,
Man sieht dich selten, aber heut . . .
bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den
Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner
Liebe wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß
wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse
gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen
der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen
Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig
seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des
Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle
plötzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er
selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger
vom Netz dieses Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor,
als wäre er und wären die andern lauter Traumgestalten eines
phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem
schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander
und er selbst und Lulu wären ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem
Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte
Teile einer unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich
alles in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte
sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem
Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen
Liebeserklärung; er fühlte wohl, daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im
Grunde lächerlich fände. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten
zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief über die dunkeln Kronen
der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß morgen sein letzter Tag in
Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend drang das Gefühl der
Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten Tage schwül umfangenen
Sinn.