Am nächsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tänzer und
Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine
neuesten Gedichte anzuhören. Eine große Flasche Wein stand auf dem Tisch,
aus der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder
vorgetragen und zog nun das letzte kleine Blättlein aus der Brusttasche. Er
las: »An die Prinzessin Lilia . . .«
»Wie?« rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert
wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem
Nachdenken in die geblümten Polster zurück. Der Dichter las:
Ich weiß einen alten Reigen,
Ein helles Silberlied,
Das lautet fremd und eigen,
Wie wenn aus leisen Geigen
Ein Heimwehzauber lockend zieht . . .
Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung
des Liedes ab. »Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen
. . .« wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die
Stirn, stierte leer in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und
heftig auf den Dichter. Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete
aufschauend diesem Blicke.
»Was ist?« rief er verwundert. »Willst du den Blick der Klapperschlange an
mir armem Vogel versuchen?«
Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. »Woher hast du dieses Lied?«
fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. »Woher ich alle
habe,« sagte er.
»Und die Prinzessin Lilia?« fragte Hamelt wieder. »Und der alte Reigen?
Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du
gedichtet hast? Alle deine andern Gedichte . . .« Lauscher unterbrach ihn
schnell.
»Schon gut; aber in der Tat,« fuhr er fort, »in der Tat, liebe Freunde, ist
dieses Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte
nur, nach meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf
das Blatt zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier.
Es ist eine ganz andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!«
Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt
es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank
alsdann mit dem lauten Ausruf: »Lulu!« in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt
stürzten hinzu und schauten auf das Papier. »Alle Wetter!« rief Ugel aus;
Hamelt aber hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das
merkwürdige Blatt mit allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste
Freude und unheimliche Befremdung wechselten auf seinem Gesicht.
»Nun sag mir, Lauscher,« rief er endlich aus, »ist dies unsere Lulu oder
ist es die Prinzessin Lilia?«
»Unsinn!« rief ärgerlich der Dichter. »Gib mir's her!«
Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte, machte
plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die
unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise
zu dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten
entwickelten sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die
niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten.
Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee
neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und
verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und
als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und
grüßte mit dem schäbigen steifen Hute.
»Drehdichum!« rief der Dichter erstaunt. »Zum Hagel, sind Sie durch den
Plafond herabgefallen?«
»Wieso?« entgegnete lächelnd der Alte.
»Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie
sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!« Er nahm das Lied
oder vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. »Sie erlauben doch,
daß ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?«
»Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?«
Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem Behagen.
»Ei freilich,« erwiderte er schmunzelnd, »ein schönes Stück eines wenn
schon verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.«
»Askisch?« rief Karl Hamelt.
»Nun ja, Herr Kandidat,« sagte freundlich der Philosoph. »Aber gestehen Sie
doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es
möchte weitere Nachforschungen lohnen.«
»Sie fabeln, Herr Drehdichum,« lachte beklommen der Dichter. »Dieses Blatt
ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.«
Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick.
»Ich muß gestehen,« antwortete er, »ich muß wirklich gestehen, mein lieber
junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.«
Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten.
»Herr Drehdichum,« rief er heftig, »ich muß Sie bitten, mich nicht mit
einem Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint,
diese heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als
meine Wohnung zu suchen.«
»Nun, nun,« lächelte gutmütig Drehdichum, »vielleicht denken Sie der Sache
noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!« Damit
rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und
verließ lautlos das Zimmer.
Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen
und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher
selber am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch.
Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen
Augen der Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr
unbefangen in ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres
geschliffenes Glas, füllte ein wenig Wasser hinein und begann den Rand, den
er befeuchtet hatte, mit der Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam
ein Summen hervor, und dann ein klarer Ton, der ohne Unterbruch bald
schwellend, bald schwindend die Stube erfüllte. Die schöne Lulu hörte das
feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen und lauschte und ward von dem
ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes der Alte manchmal vom Glase
weg ihr freundschaftlich und eindringend in die Augen blickte. Das ganze
Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand ruhig damitten und
dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes Kind.
»Lebt noch der alte König Ohneleid?« vernahm sie eine Stimme fragen und
wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton
des Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie
wußte nicht warum.
»Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?«
Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die
Stimme fragte:
»Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?«
Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da
mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum.
Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.
»Warum weinen Sie, Lulu?« fragte Drehdichum.
»Ach, hab ich geweint?« antwortete sie schüchtern. »Mir wollte ein Lied aus
meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.«
Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt.
»Was, noch immer an den paar Gläsern?« rief sie keifend. Lulu weinte
wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der
Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich
darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster
fuhr.