»Man sagt nicht, ich schläfe, man sagt, ich schlafe,« rief Ugel.
Da aber bewegte sich der Mädchenkopf hinter der Schenkgalerie, und die
ganze fremde schöne Person trat hervor und an den Tisch der Freunde.
»Was wünschen die Herren?«
Wem nicht schon, da er vor dem schönen Gemälde einer Frau in seliger
Begeisterung stand, plötzlich aus der Landschaft des Bildes heraus die
Schöne lebendig entgegentrat, der weiß nicht, wie den Brüdern des Cénacle
in diesem Augenblick zumute war. Alle drei erhoben sich von ihren Stühlen
und machten drei Verbeugungen, jeder eine. »Schöne, teure Dame!« sagte der
Dichter. »Gnädiges Fräulein!« sagte Ludwig Ugel, und Karl Hamelt sagte gar
nichts.
»Nun, trinken Sie Kulmbacher?« fragte die Schöne.
»Ja bitte,« sagte Ludwig, und Karl nickte, Lauscher aber bat um einen
Becher Rotwein.
Als die Getränke nun von der leisen, schlanken Mädchenhand elegant serviert
wurden, wiederholten sich die verlegenen und ehrerbietigen Komplimente. Da
kam aus ihrer Ecke die kleine Frau Müller gelaufen.
»Machen Sie doch nicht solche Umstände, meine Herren,« sagte sie, »mit dem
dummen Ding; sie ist meine Stiefschwester und zum Bedienen hergekommen,
weil wir eine Hilfe nötig hatten . . . Geh' ins Büffet, Lulu; es schickt
sich nicht, so bei den Herren stehen zu bleiben.«
Lulu ging langsam weg. Der Philosoph kaute wütend an seiner Kuba, Erich
Tänzer wälzte einen fabelhaften Jongleurblick nach der Richtung, in der das
Mädchen verschwunden war. Die drei Freunde schwiegen ärgerlich und
verlegen. Die Wirtin trug, um sich gefällig zu zeigen und Unterhaltung zu
machen, vom Fensterbrett einen Blumentopf herbei und zeigte ihn prahlend am
Tische vor.
»Sehen Sie, was für ein Staat! Diese Blume ist vielleicht die
allerseltenste, die man nur kennt, und man sagt, sie blühe bloß alle fünf
oder zehn Jahre.«
Alle betrachteten aufmerksam die Blume, die zart rotblau auf einem kahlen
langen Stengel schwankte und einen seltsam trüben, warmen Duft ausströmte.
Der Philosoph Drehdichum geriet in eine große Erregung und warf einen
schneidend grimmigen Blick auf die Wirtin und ihre Blume, was aber niemand
beachtete.
Da plötzlich sprang Erich am andern Tische auf, kam herüber, riß die Blume
mit einem gewaltsamen Ruck mitten ab und war mit ihr in zwei Sätzen ins
Büffet verschwunden. Drehdichum brach in ein leises Hohngelächter aus. Die
Wirtin kreischte entsetzlich auf, rannte Tänzern nach, blieb mit dem Rock
am Stuhle hängen, fiel zu Boden, der nacheilende Ugel über sie weg und über
ihn der Dichter, der im Aufspringen Weinkelch und Blumentopf mit sich riß.
Der Philosoph stürzte sich auf die hilflos liegende Wirtin, hielt ihr die
Fäuste vors Gesicht, fletschte die Zähne und achtete es nicht, daß Ugel und
Lauscher ihn wie toll an den reißenden Rockschößen zurückzuzerren strebten.
In diesem Augenblick eilte der Wirt herein; der Philosoph, wie verwandelt,
half der Frau auf die Beine, aus der Tür der angrenzenden Stube glotzten
Bauern und Fuhrmänner in den Skandal. Im Büffet hörte man die schöne Lulu
weinen, und Erich trat mit der ganz zerknitterten Blume in der Hand heraus.
Alles stürzte sich scheltend, fragend, drohend, lachend auf ihn los; er
aber hieb mit der zerbrochenen Blume wie ein Verzweifelter um sich und
gewann ohne Hut das Freie.