Die schöne alte Stadt Kirchheim war soeben von einem kurzen sommerlichen
Regen abgewaschen worden. Die roten Dächer, die Wetterfahnen und
Gartenzäune, die Gebüsche und die Kastanienbäume auf den Wällen glänzten
freudig neu und stattlich, und der steinerne Konrad Widerhold mit seiner
steinernen Ehehälfte freute sich still beglänzt seines noch rüstigen
Alters. Durch die gereinigten Lüfte schien die Sonne schon wieder mit
kräftiger Wärme herab, in den letzten hangenden Regentropfen des Gezweiges
blitzende Funkenspiele entzündend, und die freundliche breite Wallstraße
floß vom Glanze über. Kinder sprangen einen fröhlichen Reihen, ein Hündlein
kläffte jauchzend ihnen nach, die Häuserzeile entlang flatterte in
unruhigen Bögen ein gelber Schmetterling.
Unter den Kastanien des Walls, auf der dritten Ruhebank rechts von der
Post, saß neben seinem Freunde Ludwig Ugel der durchreisende Schöngeist
Hermann Lauscher und erging sich in heitern und anmutigen Gesprächen über
die Wohltat des niedergefallenen Regens und die wieder hervortretende Bläue
des Himmels. Er knüpfte daran phantasierende Betrachtungen über Dinge, die
ihm am Herzen lagen, und lustwandelte nach seiner Gewohnheit unermüdet auf
dem Anger seiner Redekunst. Während der langen schönen Reden des Dichters
lugte der stille und vergnügte Herr Ludwig Ugel öftere Male scharf über die
Boihinger Landstraße hinaus, in Erwartung eines Freundes, der von dorther
eintreffen sollte.
»Ists nicht, wie ich sage?« rief der Dichter lebhaft aus und erhob sich ein
wenig von der Sitzbank; denn die schlechte Lehne war ihm unbequem, auch war
er auf einem Stücklein dürren Zweiges gesessen. »Ists nicht so?« rief er
aus und entfernte mit der Linken das Holzstück und dessen Eindruck auf
seiner Hose. »Das Wesen der Schönheit muß im Lichte liegen! Glaubst du
nicht auch, daß es da liegt?«
Ludwig Ugel rieb sich die Augen; er hatte nicht gehört, wovon die Rede war,
und nur die letzte Frage Lauschers verstanden.
»Freilich, freilich,« entgegnete er hastig. »Nur kann man es von hier aus
nicht sehen. Es liegt genau dort, hinter der Schlotterbeckschen Scheuer.«
»Wie? Was?« rief Hermann heftig. »Was, sagst du, liege hinter der Scheuer?«
»Nun, Oetlingen! Karl hat keinen andern Weg, er muß notwendig von dorther
kommen.«
Verdrießlich schweigend starrte nun auch der durchreisende Dichter auf die
helle weite Landstraße hinüber, und wir können beide Jünglinge auf ihrer
Bank sitzen und warten lassen; denn der Schatten muß dort noch bei einer
Stunde anhalten. Wir wenden uns indessen hinter die Schlotterbecksche
Scheuer, finden dort aber weder das Dorf Oetlingen noch das Wesen der
Schönheit liegen, sondern eben den erwarteten dritten Freund, den
Kandidaten der Jurisprudenz Karl Hamelt. Dieser kam von Wendlingen her, wo
er die Ferien zubrachte. Seine nicht übel gewachsene Figur gewann durch ein
verfrühtes Fettwerden einen komisch behäbigen Anflug, und in seinem
gescheiten, eigensinnigen Gesicht lag die kräftige Nase mit den wunderlich
feisten Lippen und den übervollen Wangen im Streit. Das breite Kinn warf
über dem engen Stehkragen reichliche Falten, und zwischen Stirn und Hut
ragte verschwitzt und ungescheitelt das kurze freche Haupthaar hervor. Er
lag rücklings hingestreckt im kurzen Grase und schien ruhig zu schlafen.
Er schlief wirklich, vom heißen mittäglichen Weg ermüdet; ruhig aber war
sein Schlummer nicht. Ein seltsam phantastischer Traum hatte ihn
heimgesucht. Ihm schien nämlich, er liege in einem unbekannten Gartenlande
unter sonderbaren Bäumen und Gewächsen und lese in einem alten Buche mit
Pergamentblättern. Das Buch war in wunderlich kühnen, wirr ineinander
geschlungenen Lettern einer völlig fremden Sprache geschrieben, die Hamelt
nicht kannte noch verstand. Dennoch aber las er und verstand er den Inhalt
der Blätter, indem immer wieder, so oft er ermüden wollte, auf zauberische
Weise aus dem krausen Durcheinander der Schnörkel und Schriftzeichen sich
Bilder hervorlösten, farbig aufglänzten und wieder versanken. Diese Bilder,
einander folgend wie in einer magischen Laterne, schilderten die
nachfolgende, sehr alte, wahre Geschichte.
* * * * *
Mit demselben Tage, an welchem der Talisman des ehernen Ringes durch
betrügerische Magie der Quelle Lask entrissen und in die Hände des
Zwergfürsten gefallen war, begann der helle Stern des Hauses Ask sich zu
trüben. Die Quelle Lask versiegte bis auf einen schier unsichtbaren
Silberfaden, unter dem Opalschlosse senkte sich die Erde, die
unterirdischen Gewölbe wankten und brachen teilweise zusammen, im
Liliengarten begann ein verheerendes Sterben und nur die doppelkrönige
Königslilie hielt sich noch eine Zeitlang stolz und aufrecht; denn um sie
hatte die Schlange Edelzung ihren engsten Reif geschlungen. In der
verödeten Askenstadt verstummte Fröhlichkeit und Musik, im Opalschlosse
selbst klang und sang kein Ton mehr, seit die letzte Saite der Harfe
Silberlied gebrochen war. Der König saß Tag und Nacht wie eine Bildsäule
allein im großen Festsaal und konnte nicht aufhören, sich über den
Untergang seines Glückes zu verwundern; denn er war der glücklichste aller
Könige seit Frohmund dem Großen gewesen. Er war traurig anzusehen, der
König Ohneleid, wie er im roten Mantel in seinem großen Saale saß und sich
wunderte und wunderte; denn weinen konnte er nicht, da er ohne die Gabe des
Schmerzes geboren war. Er wunderte sich auch, wenn er am Morgen und am
Abend statt der täglichen Früh- und Spätmusik nur die große Stille und von
der Tür her das leise Weinen der Prinzessin Lilia vernahm. Nur selten noch
erschütterte ein kurzes, karges Gelächter seine breite Brust, aus
Gewohnheit; denn sonst hatte er an jedem lieben Tage zweimal
vierundzwanzigmal gelacht.
Hofstaat und Dienerschaft war in alle Winde zerstoben; außer dem König im
Saale und der trauernden Prinzessin war einzig der getreue Geist Haderbart
noch da, der sonst das Amt des Dichters, Philosophen und Hofnarren versehen
hatte.
In die Macht des ehernen Talismans aber teilte sich der feige Zwergfürst
mit der Hexe Zischelgift, und man kann sich vorstellen, wie es unter ihrem
Regimente zuging.
Das Ende der Askenherrlichkeit brach herein. Eines Tages, an dem der König
kein einziges Mal gelacht hatte, rief er abends die Prinzessin Lilia und
den Geist Haderbart zu sich in den leeren Festsaal. Ein Wetter stand am
Himmel und leuchtete durch die schwarzen großen Fensterbogen mit jachem
Blitzen fahl herein.
»Ich habe heute kein einziges Mal gelacht,« sagte der König Ohneleid.
Der Hofnarr trat vor ihn hin und schnitt einige sehr kühne Grimassen, die
jedoch in dem alten bekümmerten Gesichte so verzerrt und verzweifelt
aussahen, daß die Prinzessin die Augen wegwenden mußte und der König das
schwere Haupt schüttelte, ohne zu lachen.
»Man soll auf der Harfe Silberlied spielen,« rief König Ohneleid. »Man
soll!« sagte er, und es klang den beiden traurig durchs Herz; denn der
König wußte nicht, daß Harfner und Spielleute ihn verlassen hatten und daß
die zwei Getreuen seine letzten Hausgenossen waren.
»Die Harfe Silberlied hat keine Saiten mehr,« sagte der Geist Haderbart.
»Man soll aber dennoch spielen,« sagte der König.
Da nahm Haderbart die Prinzessin Lilia bei der Hand und ging mit ihr aus
dem Saale. Er führte sie aber in den verwelkten Liliengarten zur
versiegenden Quelle Lask und schöpfte die allerletzte Handvoll Wasser aus
dem Marmorbecken in ihre Rechte, und sie kamen damit zum Könige zurück. Nun
zog die Prinzessin Lilia aus diesem Wasser Lask sieben blanke Saiten über
die Harfe Silberlied, und für die achte reichte das Wasser nicht mehr hin,
so daß sie von ihren Tränen zu Hilfe nehmen mußte. Und nun strich sie mit
der leeren Hand zitternd über die Saiten, daß der alte süße Freudenton noch
einmal selig schwoll; aber jede Saite brach, nachdem sie angeklungen, und
als die letzte klang und brach, da klang ein schwerer Donnerschlag und
brach die ganze Wölbung des Opalschlosses stürzend und krachend zusammen.
Dieses letzte Harfenlied aber hatte gelautet:
Silberlied muß schweigen;
Aber einst muß steigen
Aus der Harfe Silberlied
Dieser selbe Reigen.
(Ende der wahren Geschichte vom Wasser Lask).
* * * * *
Der Kandidat Karl Hamelt erwachte von seinem Traume nicht eher, als bis die
beiden Freunde, die ungeduldig ein Stück weit die Landstraße
entgegengegangen waren, ihn im Grase liegen fanden. Diese fuhren ihn über
seine Saumseligkeit mit unsanften Worten an, auf die jedoch Hamelt mit
Schweigen antwortete und sich nur zu einem flüchtig genickten »Guten
Morgen!« verstand.
Ugel war besonders ungehalten. »Ja, Guten Morgen!« zürnte er. »Es ist lang
nimmer Morgen! Antezipiert hast du wieder, in der Oetlinger Kneipe bist du
gewesen, der Wein glänzt dir noch aus den Augen!«
Karl grinste und rückte den braunen Filz weiter in die Stirne. »Nun, laß
gut sein!« sagte Lauscher. Die drei Freunde wandten sich gegen die Stadt,
am Bahnhof vorüber und über die Bachbrücke, und wandelten langsam auf dem
Wall dem Gasthaus zur Königskrone entgegen. Dieses war nämlich nicht nur
der bevorzugte Bierwinkel der Kirchheimer Freunde, sondern auch die
derzeitige Herberge des durchreisenden Dichters.
Als die Ankommenden sich schon der Kronentreppe näherten, öffnete sich die
schwere Haustüre plötzlich weit, und ihnen entgegen stürzte mit
Blitzesschnelle ein weißhaariger, graubärtiger Mann, mit zornrotem Gesicht
in heftigster Erregung aus dem Hause. Die Freunde erkannten befremdet den
alten Sonderling und Philosophen Drehdichum und vertraten ihm am Fuß der
Treppe den Weg.
»Halt, werter Herr Drehdichum!« rief ihm der Dichter Lauscher entgegen.
»Wie kann ein Philosoph so das Gleichgewicht verlieren? Kehren Sie um,
Verehrter, und klagen Sie uns Ihren Schmerz im Kühlen drinnen!«
Mit einem schiefen, spitzen Lauerblick des Mißtrauens hob der Philosoph
seinen struppigen Kopf und erkannte die drei jungen Männer.
»Ah, da seid ihr,« rief er, »das ganze petit cénacle! Eilet ins Innere,
Freunde, trinket Bier und erlebet Wunder daselbst; aber verlanget nicht die
Teilnahme des gebrochenen Greises, in dessen Herz und Gehirn die Dämonen
wühlen!«
»Aber, teurer Herr Drehdichum, was fehlt Ihnen denn heute schon wieder?«
fragte teilnehmend Ludwig Ugel, taumelte aber sogleich entsetzt wider die
Treppenbrüstung; denn der Philosoph hatte ihm einen Fauststoß in die Seite
versetzt und rannte schäumend und fluchend in die Straße.
»Infame Zischelgift,« brüllte er im Wegeilen, »unglückseliger Talisman, in
rotblauer Blume verzaubert! Mißhandelt die Einzige, in Staub getreten
. . . Opfer satanischer Bosheit . . . Erneute qualvolle Erinnerung . . .«
Verwundert schüttelten die drei ihre Köpfe, ließen jedoch den Wütenden
laufen und schickten sich endlich an, die Vortreppe zu ersteigen, als die
Türe sich von neuem öffnete und mit einem ins Haus zurückgewinkten
freundlichen Abschiedsgruß der Pfarrvikar Wilhelm Wingolf hervortrat. Er
wurde von den Untenstehenden mit Heiterkeit begrüßt und sogleich von allen
um die Ursache des seligen Glanzes befragt, der sein breites Würdehaupt
vergoldete. Geheimnisvoll streckte er den fetten Zeigefinger auf, nahm den
Dichter vertraulich beiseite und sagte ihm schalkisch lächelnd ins Ohr:
»Denk' dir, heute habe ich den ersten Vers in meinem Leben gemacht! Und
zwar soeben!«
Der Dichter riß die Augen soweit auf, daß sie oben und unten über die
schmalen Ränder seiner goldenen Brille ragten. »Sag ihn!« rief er laut. Der
Pfarrvikar wendete sich gegen die drei Freunde, hob wieder den Zeigefinger
und sagte mit selig verkniffenen Augen seinen Vers auf:
Vollkommenheit,
Man sieht dich selten, aber heut!
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er hutschwenkend die
Kameraden.
»Donnerwetter!« sagte Ludwig Ugel. Der Dichter schwieg nachdenklich. Karl
Hamelt aber, der seit seinem Erwachen im Grase noch kein Wort von sich
gelassen hatte, sagte mit Nachdruck: »Der Vers ist gut!«
Auf irgend etwas Ungewöhnliches gefaßt, betraten nun endlich ohne weitere
Hindernisse die durstig gewordenen Freunde den kühlen Wirtsraum der Krone,
und zwar die bessere Stube, wo die junge Wirtin selber zu bedienen pflegte
und wo sie um diese Tageszeit stets die einzigen Gäste waren und mit der
Frau ihre scherzhaften Höflichkeiten trieben.
Das erste Merkwürdige nun, was alle drei bald nach dem Eintreten und
Niedersitzen bemerkten, war dieses: daß ihnen die kleine runde Wirtin heute
zum ersten Mal gar nicht mehr hübsch erschien. Das rührte aber, wie jeder
im stillen bald wahrnahm, davon her, daß im Halbdunkel über die blanke
Galerie der geräumigen Kredenz ein fremder schöner Mädchenkopf hervorragte.