Der Fremde grüßte die Abgehenden mit einem blanken, häßlichen Lächeln. Der
Säbelwetzer war eingeschlafen. Elenderle und Molly schienen die Anwesenheit
anderer zu vergessen.
Aber und Lauscher irrten eine halbe Stunde lang im Regen durch die
finsteren leeren Gassen. Der Löwen war geschlossen, in den Schwarzwälder
mochten sie nicht gehen, es schlug drei Uhr.
»Komm, ich geh nach Haus!« rief Aber endlich ungeduldig aus.
»Ich nicht.« Lauscher blieb stehen und blickte um sich. »Alles tot! Was
diese Leute schlafen!«
»Komm, wir tun's auch.«
»Nein. Schlafen!« Der Dichter wendete sich um und blickte Abern in das
breite, etwas angetrunkene Gesicht. »Du, Aber! Möchtest du jetzt nicht auch
>Pfui Teufel< zu allem sagen?«
»Hilft nichts. Lieber gehen wir in den Schwarzwälder.«
»Was dasselbe ist. Meinetwegen.«
Sie betraten das Lokal und ließen sich Gilka geben. Aber wurde allmählich
von der traurigen Laune seines Begleiters angesteckt. Trüb und unzufrieden
blickten sie mit toten Augen über die Zigarren weg in den Raum. Drei späte
Bummler würfelten an einem Kaffeetischchen, am Büffet schlief die
Kellnerin, eine einsame Winterfliege kroch am Gasrohr und schien jeden
Augenblick in die Flamme fallen zu müssen, an den Fensterladen hörte man
den Regen tropfen.
»Nicht sentimental werden!« sagte Aber nach einer Stunde. Er stürzte sein
Gläschen Gilka hinunter; beide verließen den öden Saal und stiegen die
steile Judengasse hinab. Im Vorbeigehen hörten sie den Knecht im Walfisch
die Türen schließen. Am Ende der Schmiedthorgasse, bei der alten
Ammerbrücke, hielten sie einen Augenblick an.
»Gehen wir links!« gähnte Aber.
»Es ist näher über die Brücke,« meinte Lauscher heiser; sie gingen hinüber.
Jenseits der Brücke lag auf den Stufen zur Ammer köpflings gestürzt ein
Mensch.
»Holla,« rief Aber lachend, »der hat einen guten Schlaf.«
»Jedenfalls einer vom heiligen Verein,« sagte Lauscher und trat näher. »Er
wird sich morgen über seinen Heiligenschein wundern.«
»Herrgott,« unterbrach ihn Aber plötzlich, »das ist ja der Elenderle. Kein
Mensch in Europa besitzt einen ähnlichen Bratenrock.«
Sie stiegen einige Stufen hinab, Elenderle lag mit dem Gesicht auf den
Stufen. Sie hoben ihn auf, geronnenes Blut war auf seinem ganzen Gesicht
verschmiert.
»Der ist bös gefallen!« seufzte Aber. Da klirrte etwas am Boden. Aus der
starren Hand Elenderles war ein Revolver gefallen, und nun sahen die
Freunde auch an der rechten Schläfe eine kleine, schwarze Wunde. Lauscher
steckte ein Streichholz an.
»Bleib du hier,« sagte Aber mit verwandelter Stimme, »ich gehe zur
Polizei.«
»Lassen Sie mich das besorgen,« rief da eine scharfe Stimme. Der Fremde kam
vom Ammerweg her die Treppe herauf. Er rückte giftig lächelnd am Hut und
blitzte die Freunde grinsend aus den frechen Augen eiskalt und höhnisch an.
Beide erschraken bis ans Herz und rannten durch die Nacht davon.
Als sie am andern Tag erwachten, glaubten beide den ganzen Spuk geträumt zu
haben. Die Hauswirtin pochte an Lauschers Tür und kam mit dem Kaffee
herein.
»Denken Sie, Herr Lauscher, der Jammer! Heute Nacht hat sich ein Student
das Leben genommen.«
Lulu.
Ein Jugenderlebnis, dem Gedächtnis
E. T. A. Hoffmanns gewidmet.
(Geschrieben 1900.)