Dein Vater.«

Hermann Lauscher

von

Hermann Hesse

Zweites Tausend.

Verlag der Rheinlande

Düsseldorf

1908.

Druck von August Bagel, Düsseldorf.

Inhalt:

Vorrede zu dieser Ausgabe 1

Vorwort der ersten Ausgabe 7

Meine Kindheit 11

Die Novembernacht 43

Lulu 61

Schlaflose Nächte 115

Tagebuch 1900 145

Letzte Gedichte 179

Vorrede zu dieser Ausgabe.

Auf den Wunsch einiger Freunde, namentlich aber auf die Aufforderung

Wilhelm Schäfers hin, soll der verstorbene Hermann Lauscher wieder

ausgegraben und noch einmal unter die Leute geschickt werden. Da bin ich

denn eine Erklärung und Rechenschaft schuldig, zumindest eine

bibliographische.

»Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher« war der Titel

einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in

der ich pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen

Jünglingsträume abrechnete. Ich dachte damals, mit dem von mir erfundenen

und totgesagten Lauscher meine eigenen Träume, soweit sie mir abgetan

schienen, einzusargen und zu begraben. Das Büchlein erschien, in kleinster

Auflage, beinahe mit Ausschluß der Öffentlichkeit, und ist kaum über meinen

Freundeskreis hinaus bekannt geworden. Wenige andere griffen, da sie meine

späteren Bücher kannten, nachträglich zu dem Schriftchen und sahen darin

eine Art von literarischem Kuriosum.

Der Gedanke eines Neudrucks ist mir nie gekommen, bis in der letzten Zeit

Freunde ihn lebhaft aussprachen und schließlich Wilhelm Schäfers Vorschlag

kam. Da ich keinen Grund sehe, ein Stück meines Jugendlebens wegzuleugnen,

und da ich stilistisch den Lauscher noch heute zu verantworten bereit bin,

gab ich nach.

Nun war die Frage, in welcher Form die Jugendsünde wieder aufleben sollte.

Ich dachte an eine Überarbeitung, sah aber sofort, daß die Gedanken und

Stimmungen eines Zwanzigjährigen nicht nach zehn Jahren von ihm selber neu

redigiert werden können, da ihr einziger, relativer Wert im Ausdruck, im

Rhythmus, in der Geberde liegt. Und Einzelnes zu streichen oder zu

beschönigen, schien mir wieder unerlaubt.

Der Text blieb also, auch wo er mir heute fremd, ja zuwider ist, wörtlich

derselbe. Dagegen schien mir eine Rundung des fragmentarischen und allzu

umfanglosen Büchleins wünschenswert. Etwas Neues hinzuzufügen hätte keinen

Sinn gehabt und dem Ganzen geschadet. Doch besaß ich noch zwei kleine

Dichtungen (»Lulu« und »Schlaflose Nächte«) aus jener Zeit. Die erste ist

bisher nur in einer schweizerischen Zeitschrift, die zweite überhaupt nicht

veröffentlicht worden. Beide stehen zum »Lauscher« in engster Beziehung und

sind in der selben Zeit wie er entstanden. Diese beiden Stücke fügte ich

ein.

Und nun liegt das Ganze da und schaut mich nicht eben glücklich an:

Dokumente einer schönen und innigen, doch nicht leichten Jugendzeit. Was

ich damals wollte, habe ich nicht erreicht; was ich seither erreichte, kam

beinahe ungewollt und wiegt mir nicht schwer. Dagegen finde ich jetzt

betroffen und erstaunt in diesen frühen Dichterversuchen Töne klingen und

Wege angedeutet, die mich heute wieder frisch und ernsthaft anmuten und von

denen ich nicht weiß, wie sie mir jahrelang fremd werden und beinahe

verloren gehen konnten. Da ist Vieles, was meine seitherigen Wege mir

selbst zweifelhaft macht und mich zu bitteren Erkenntnissen nötigt.

Aber bittere Erkenntnisse sind besser als keine, und wer einmal den

gefährlichen Pfad der Selbstbeobachtung und der Bekenntnisse betreten hat,

der muß billig die Folgen tragen, auch wenn es unerwartete und peinliche

sind.

Daß nun Manche kommen werden, die mir Sünden von damals vorhalten, als

wären es heutige, und daß Andere finden werden, ich hätte besser getan,

Neues zu arbeiten statt Jugendversuche wieder auszugraben, das ficht mich

nicht an. Diese wissen und fühlen nicht, wie peinlich mir diese

Neuherausgabe wurde, und begreifen auch nicht, daß ich sie eben darum doch

ausführte und damit mein Gewissen erleichtert habe. Im übrigen soll der

Lauscher, der jetzige wie der alte, eben nichts als ein Bekenntnisbuch für

mich und meine Freunde sein.

_Hermann Hesse._

Dezember 1907.

Vorwort der ersten Ausgabe.

(Ende 1900).

Der Name Hermann Lauscher tritt mit der vorliegenden Publikation zum ersten

Mal in die Öffentlichkeit. Lauschers Dichtungen, unter fremdem Namen im

Druck erschienen, sind einem bestimmten engeren Leserkreise wohlbekannt.

Leider hat der verstorbene Dichter mir verboten, sein Geheimnis

preiszugeben und seine früher gedruckten Schriften ihm zu vindizieren. Es

war ein Abend in der Weinstube des »Storchen«; Lauscher war von seiner

gewöhnlichen traurig bitteren Stimmung befallen, vielleicht warf auch sein

bald darauf erfolgter Tod den Schatten einer ängstigenden Ahnung voraus. Er

bat mich förmlich zu schwören, seine Anonymität aufs treueste wahren zu

helfen. Vor mir, als dem einzigen Literaten seiner Freundschaft, schien er

in diesem Punkte besonders ängstlich zu sein. Ich schwor lachend ewiges

Stillschweigen, das Gespräch wendete sich zu literarischen Fragen, wobei

Lauscher alle Quellen seiner fast feindseligen Ironie springen ließ. Dann

versank er in Schweigen, trank hastig mehrere Becher Wein und nahm

plötzlich kurzen Abschied. Ich sah ihn seither nicht wieder -- zehn Tage

darauf starb er plötzlich auf einer Reise.

Lauschers literarischer Nachlaß enthielt fast nichts als die hier

mitgeteilten Stücke. Nächst dem rein persönlichen Wert, den diese für seine

Freunde haben, dürften sie als Dokumente der eigentümlichen Seele eines

modernen Ästheten und Sonderlings das Interesse aufmerksamer Leser

verdienen, namentlich durch die herbe, selbstquälerische Wahrheitsliebe des

»Tagebuchs«. Sie entbehren fast ganz die fleißig geschliffene, preziöse

Form, welche Lauschers Dichtungen eigen ist, und dürften so, ganz im Sinn

ihres Verfassers, auch gewandten literarischen Spürern keinerlei Schlüsse

auf dessen anderwärts existierende Autorschaft zulassen.

Durch weitere Notizen über den Dahingegangenen oder durch eine vielleicht

zuweilen erwünscht scheinende abrundende Redaktion den persönlich

lebendigen Duft der nachstehenden Blätter zu beeinträchtigen, schien mir

unerlaubt.

Mögest du mir verzeihen, mein armer, toter Freund, wenn diese

Veröffentlichung deiner letzten, einsamen Gedanken und Leiden nicht deinem

stumm gebliebenen, letzten Wunsche entspricht!

Meine Kindheit.

(Geschrieben 1896.)

Zu allen Zeiten meines späteren Lebens ist meine Kindheit oft in vielfachen

Bildern zu mir getreten, lockig, fremd und unerlöst wie ein blasses

Märchenkind. Am meisten suchte mich diese Erinnerung in schlaflosen Nächten

heim, mit einem Blumenduft oder einer Liedweise beginnend, bis zu Trauer,

Ungemach und Todesbitterkeit, oder zu einer zärtlichen Sehnsucht nach

Streichelhänden und einer milden Neigung zu Gebet und Tränen.

Wenn jetzt noch die Kindheit zuweilen an mein Herz rührt, so ist es als ein

goldgerahmtes, tieftöniges Bild, an welchem vornehmlich eine Fülle laubiger

Kastanien und Erlen, ein unbeschreiblich köstliches Vormittagssonnenlicht

und ein Hintergrund herrlicher Berge mir deutlich wird. Alle Stunden meines

Lebens, in welchen ein kurzes, weltvergessenes Ruhen mir vergönnt war, alle

einsamen Wanderungen, die ich über schöne Gebirge gemacht habe, alle

Augenblicke, in welchen ein unvermutetes kleines Glück oder eine

begierdelose Liebe mir das Gestern und Morgen entrückte, weiß ich nicht

köstlicher zu benennen, als wenn ich sie mit diesem grünen Bilde meines

frühesten Lebens vergleiche. So ist es mir auch mit allem, was ich als

Erholung und höchsten Genuß mein Leben lang liebte und wünschte, alles

Schreiten durch fremde Dörfer, alles Sternezählen, alles Liegen im grünen

Schatten, alles Reden mit Bäumen, Wolken und Kindern.

* * * * *

Der früheste Tag meines Lebens, an den ich mich mit einiger Deutlichkeit

erinnern kann, mag etwa in den letzten Teil meines dritten Jahres fallen.

Meine Eltern hatten mich auf einen Berg mitgenommen, der durch eine

weitläufige Ruine von beträchtlicher Höhe täglich viele Städter anlockte.

Ein junger Onkel hob mich über die Brüstung einer hohen Mauer und ließ mich

in die ansehnliche Tiefe hinuntersehen. Davon ergriff mich die Angst des

Schwindels, ich war aufgeregt und zitterte am ganzen Leibe, bis ich zu

Hause wieder in meinem Bette lag. Von da an trat in schweren Angstträumen,

denen ich damals oft zur Beute fiel, häufig diese Tiefe herzbeklemmend vor

meine Seele, daß ich im Traum stöhnte und weinend erwachte. Was für ein

reiches und geheimnisvolles Leben muß vor jenem Tage liegen, von dem mir

keine einzige Stunde bewußt ist! So sehr ich mich plagte, vermochte mein

Gedächtnis niemals weiter als bis zu jenem Tage vorzudringen. Wenn ich mich

aber streng auf meine früheste Zeit und ihre Stimmungen besinne, habe ich

den Eindruck, es müsse nächst dem Sinn für Wohlwollen kein Gefühl so früh

und stark in mir wach gewesen sein, wie das der Schamhaftigkeit. Ich fand

bei Kindern von fünf und mehr Jahren manchmal Äußerungen der Schamfreiheit,

von denen ich weiß, daß ich ihrer in meinem dritten oder vierten Jahre

unfähig gewesen wäre.

Eine genauere Erinnerung an Erlebnisse und an fortdauernde Zustände kann

ich nicht weiter als bis in mein fünftes Jahr zurück verfolgen. Hier finde

ich zuerst ein Bild meiner Umgebung, meiner Eltern und unseres Hauses,

sowie der Stadt und der Landschaft, in welcher ich aufwuchs. In dieser Zeit

hat sich die freie, sonnige Straße mit nur einer Häuserreihe vor der Stadt

mir eingeprägt, in der wir wohnten, ferner die auffallenderen Gebäude der

Stadt, das Rathaus, das Münster und die Rheinbrücken, und am meisten ein

weites Wiesenland, hinter unserem Hause beginnend und für meine

Kinderschritte ohne Grenzen. Alle tiefen Gemütserlebnisse, alle Menschen,

selbst die Porträts meiner Eltern, scheinen mir nicht so früh deutlich

geworden, wie diese Wiese mit unzähligen Einzelheiten. Meine Erinnerung an

sie scheint mir älter zu sein als diejenige an Menschengesichter und

erlittene eigene Schicksale. Mit meiner Schamhaftigkeit, welche schon früh

von einem Widerwillen gegen eigenmächtige Berührung meines Leibes durch

fremde Hände des Arztes oder der Dienstboten begleitet war, hängt

vielleicht meine frühzeitige Lust am Alleinsein im Freien zusammen. Die

vielen stundenlangen Spaziergänge jener Zeit hatten immer die

unbetretensten grünen Wildnisse jener großen Wiese zum Ziel. Diese Zeiten

der Einsamkeit im Grase sind es auch, die beim Erinnern mich besonders

stark mit dem wehen Glücksgefühl erfüllen, das unsere Gänge auf

Kindheitswegen meist begleitet. Auch jetzt steigt mir der Grasduft jener

Ebene in feinen Wolken zu Haupt, mit der sonderbaren Überzeugung, daß keine

andere Zeit und keine andere Wiese solche wunderbaren Zittergräser und

Schmetterlinge hervorbringen kann, so satte Wasserpflanzen, so goldene

Butterblumen und so reichfarbene köstliche Lichtnelken, Schlüsselblumen,

Glockenblumen und Skabiosen. Ich fand nie wieder so herrlich schlanken

Wegerich, so gelbbrennenden Mauerpfeffer, so verlockend schillernde

Eidechsen und Schmetterlinge, und mein Verstand beharrt nur müde und mit

geringem Eifer auf der Erkenntnis, daß nicht die Blumen und Eidechsen sich

seither so zum Üblen verwandelt haben, sondern nur mein Gemüt und mein

Auge.

Beim Darandenken ist mir zu Mut, als wäre alles Kostbare, was ich später

mit Augen sah und mit Händen besaß, und selber meine Kunst, gering gegen

die Herrlichkeiten jener Wiese. Da waren helle Morgen, an denen ich ins

Gras gestreckt, den Kopf auf den Händen, über das von Sonne flimmernde,

gekräuselte Meer der Gräser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn,

blaue von Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen. Darüber

flatterten und reizten mich die blitzgelben Zitronenfalter, die zarten

Bläulinge, die in einem kostbaren, gleichsam antiquarisch seltenen Schimmer

aufleuchtenden Schiller- und Distelfalter, die schweren Flügel der

Trauermäntel, das Edelwild der Segler und Schwalbenschwänze, der

schwarzrote Admiral, der seltene, mit Ehrfurcht genannte Apollo. Dieser,

den ich aus Beschreibungen meiner Kameraden schon kannte, flog mich eines

Tages an, setzte sich in meiner Nähe an die Erde und regte langsam die

wunderbaren, alabasternen Flügel, daß ich ihre feine Zeichnung und Rundung

sehen konnte, und die blanken Diamantlinien, und auf den Flügelpaaren beide

hellblutrote Augen. Weniges aus dieser fernen Zeit hat sich so stark und

frisch in meinem Gedächtnis erhalten, wie die atemlose, herzklopfende

Wonne, welche mich bei diesem Anblick durchdrang. Aber nach der

unberechenbaren und grausamen Art der Kinder beschlich ich bald das edle

Tier und warf meinen Hut nach ihm. Er schaute um sich, stieg mit elegantem

Schwunge auf und war allsogleich in der flirrend goldigen Sonnenluft

verschwunden. Irgend eine Art von wissenschaftlichem Interesse war in

meinen Jagden und Sammlungen niemals. Die Raupen und die Namen der

Schmetterlinge, dortlands Sommervöglein, »Summervögli« genannt, waren mir

nicht wichtig, und für viele erfand ich eigene Namen. Eine Art von

rötlichen Fliegen nannte ich »Zitterlinge«, eine Gattung brauner

»Schnabler«, und für den gesamten Pöbel der Weißlinge, Waldteufel und

anderer wenig schöner und rarer Schmetterlinge hatte ich den verächtlichen

Sammelnamen Tolpatsch. Für die gesammelte tote Beute hatte ich wenig

Sorgfalt und habe es nie zu einer sauberen Sammlung gebracht.

Von musikalischen Eindrücken vermag ich in diesen Wiesensommern nichts zu

finden, es sei denn meine außerordentliche Empfindlichkeit und Furcht vor

den Pfiffen der fern vorüberfahrenden Eisenbahn.

Dennoch muß schon damals die Musik mir nahe getreten sein, denn auch die

frühesten, undeutlichsten Dämmerbilder des Münsters, welche in mir sich

unscharf spiegelten, scheinen mir unzertrennlich vom Schall der Orgel.

Dieses Münster und die Stadt überhaupt lernte ich später und langsamer

kennen als die grüne Natur. Denn während ich mich in dieser halbe Tage lang

nach Lust allein umtreiben konnte, war mir von den Eltern nicht erlaubt,

allein in die Stadt zu gehen, wovon mich auch die Furcht vor dem

ungewohnten Gedräng der Menschen und Wagen abschreckte.

Obwohl die grünen Monate meiner Wiesenzeit mir wie ein schöner, gleichmäßig

heller, ununterbrochener Traum im Bewußtsein liegen, steigen doch einzelne

Tage von besonderem Glanz mit weichen Umrissen daraus auf. Ich gäbe Schätze

dafür, von solchen Tagen mich mehrerer erinnern zu können. So oft ich in

Gedanken den Weg meines Lebens zurückgehe, so oft überfällt mich eine milde

Trauer um die tausend vergessenen Tage. Es lebt niemand mehr, mir von mir

selber zu erzählen, und der größere Teil meiner Kinderjahre liegt

unerschlossen in unbegreiflicher, goldener Glückseligkeit wie ein Wunder

vor meiner Sehnsucht. Es gehört zu den Unvollkommenheiten und Entbehrungen

des menschlichen Lebens, daß unsere Kindheit uns fremd werden muß und in

Vergessenheit fällt wie ein Schatz, der spielenden Händen entgleitet und

über den Rand eines tiefen Brunnens fällt. Bis in die Knabenzeit kann ich

den Faden meines Lebens zurückfinden, weiter zurück aber ragen zerstreut in

Duft und Dämmerung nur wenige klare Tage, ihn daran zu knüpfen. Von dem

Gedächtnis dieser Tage aus blicke ich oft wie von einem Turm rückwärts in

meine ersten Jahre und kann nichts als ein bewegtes Meer von Rätseln und

Anfängen sehen, ohne Formen, aber mit einem heiligen Ferneduft, einem

Schleier, der über Wunder und Kostbarkeiten gelegt ist.

Unter jenen vereinzelten Silberblicken ist mir ein Spaziergang besonders

teuer, da er das früheste Bild meines Vaters enthält. Der saß mit mir auf

der von der Sonne durchwärmten Mauerbrüstung des Bergkirchleins Sankt

Margarethen, zum erstenmal mir von der Höhe aus die dortige Rheinebene

zeigend. Der erste Eindruck dieser anmutig hellgrünen Landschaft vermischt

sich in meiner Erinnerung mit dem klaren Bilde, das ich später durch den

häufig wiederholten Anblick gewann. Aber dies älteste Bild von meinem Vater

unterscheidet sich von allen späteren. Sein schwarzer Bart berührte meine

blonde Stirn und sein großes, helles Auge ruhte freundlich auf mir. Ich

glaube wieder sein Gesicht so von der Seite her zu sehen, wenn ich an jene

Rast auf der Mauer denke, mit dem schwarzen Bart und Haar, mit der starken,

edlen Nase und dem festen, roten Mund, mit den dunklen Locken im Nacken,

dabei das große Auge nach mir gesenkt, der ganze Kopf fest und würdig auf

dem blauen Hintergrunde des Sommerhimmels ruhend.

Demselben Sommer mag ein anderes Bild angehören, das ohne Zusammenhang,

aber erstaunlich klar und treu mir eingeprägt ist. Ich sehe die ganze hohe,

magere Gestalt meines Vaters aufrecht mit zurückgelegtem Haupt einer

untergehenden Sonne entgegengehen, den Filzhut in der Linken tragend. An

ihn ist meine Mutter sanft im langsamen Gehen gelehnt, kleiner und

kräftiger, mit einem weißen Tuch auf den Schultern. Zwischen den kaum noch

getrennten, dunklen Häuptern glüht die blutrote Sonne. Die Umrisse der

Gestalten sind fest und goldleuchtend gezogen; zu beiden Seiten steht ein

reiches, reifes Kornfeld. An welchem Tag ich so hinter meinen Eltern

herwandelte, weiß ich nicht, der Anblick aber ist mir frisch und

unverlöschlich geblieben. Ich weiß kein lebendiges oder gemaltes Bild, das

mir in Linien und Farben prächtiger erscheint und das mir teurer ist, als

diese edlen Gestalten auf dem Fußpfad zwischen den Ähren, der roten Glut

entgegen wandelnd, schweigsam, vom jenseitigen Glanz übergossen. In

ungezählten Träumen und wachen Nächten hing mein Auge an diesem liebsten

Kleinod meiner Erinnerung, dem Vermächtnis einer meiner goldensten Stunden.

So ist mir nie wieder eine Sonne untergegangen hinter Ährenmeeren, so rot,

prächtig, friedsam, so voll Glut und Genüge. Und käme sie mir wieder, es

wäre doch nur ein Abend wie viele sind, und ich würde die vermissen, in

deren Schatten ich damals ging, müßte mich abwenden und trauern.

Die Erinnerung an Vater und Mutter beginnt von hier an klar zu werden.

Neben meiner Wieseneinsamkeit ging unabhängig ein freundliches, häusliches

Leben her. Von diesem ist mein Bewußtsein, der vielerlei Menschen und

Anregungen wegen, nicht so einheitlich und deutlich, wie von dem Leben im

Grase. Wie früh die Neigung meines Vaters zum Genuß der bildenden und der

Dichtkunst, und die meiner Mutter zur Musik auf mich einwirkten, ist mir

unmöglich zu erkennen, denn einzelne Eindrücke dieser Art sind mir erst aus

etwas späterer Zeit erinnerlich und müssen notwendig schon viel früher

dagewesen sein.

Ich wage nicht, von meinen Kinderspielen viel zu reden. Es gibt nichts

Wunderbareres und Unbegreiflicheres und nichts, was uns fremder wird und

gründlicher verloren geht, als die Seele des spielenden Kindes. Bei dem

leidlichen Wohlstand und der überaus freigebigen Güte meiner Eltern fehlte

es mir an reichlichem Spielzeuge nicht. Ich besaß Soldaten, Bilderbücher,

Legsteine, Schaukelpferd, Pfeife, Peitsche und Wagen, später auch

Kaufladen, Wage, Spielgeld und Vorräte, und zum Theaterspielen standen die

Kasten der Mutter zur Verfügung. Dennoch hängte sich meine Phantasie gerne

an weniger kommode Gegenstände und schuf Pferde aus Schemeln, Häuser aus

Tischen, Vögel aus Tuchlappen und ungeheuerliche Höhlen aus Wand,

Ofenschirm und Bettdecke.

Daneben war in den Erzählungen meiner Mutter ein Überfluß von Welten und

Brücken für meine Träumerei. Ich habe Leser und Erzähler und Plauderer von

Weltruhm gehört und fand sie steif und geschmacklos, sobald ich sie mit den

Erzählungen meiner Mutter verglich. O ihr wunderbar lichten, goldgründigen

Jesusgeschichten, du Betlehem, du Knabe im Tempel, du Gang nach Emmaus! Die

ganze überschwänglich reiche Welt des Kindeslebens hat kein süßeres und

heiligeres Bild als das der erzählenden Mutter, an deren Knie sich ein

Blondkopf mit tiefen Staunaugen schmiegt. Woher haben die Mütter diese

gewaltige und heitere Kunst, diese Bildnerseele, diesen unermüdlichen

Zauberborn der Lippen? Ich sehe dich noch, meine Mutter, mit dem schönen

Haupt zu mir geneigt, schlank, schmiegsam und geduldig, mit den

unvergleichlichen Braunaugen!

Nächst dem unerreichbaren Klang und Sinn der Bibelgeschichten sog ich tief

aus dem Quell der Märchen. Rotkäppchen, der treue Johannes und

Schneewittchen bei den sieben Zwergen über den sieben Bergen nahmen mich in

ihren geschwätzigen Kreis. Mein begieriger Sinn erschuf bald aus freier

Kraft Gebirge mit mondglänzenden Elfentanzwiesen, Paläste mit seidenen

Königinnen, fabelhaft tiefe und greuliche Berghöhlen, von Geistern,

Eremiten, Köhlern und Räubern abwechselnd unheimlich bevölkert. Ein

schmaler Raum im Schlafzimmer, zwischen zwei Bettstellen, war vorzüglich

der ständige Wohnort schlitzäugiger Kobolde, rußiger Bergmänner, geköpfter

Umgänger, traumwandelnder Totschläger und grünschielender Raubtiere, so daß

ich eine Zeitlang nur in Begleitung Erwachsener und noch lange später nur

mit äußerster Aufbietung alles Knabenstolzes daran vorübergehen konnte.

Einmal befahl mir mein Vater, von dort seine Pantoffeln zu holen. Ich ging

in das Schlafzimmer, wagte mich aber nicht an den Ort des Entsetzens und

kehrte kleinlaut zurück, vorgebend, ich hätte die Schuhe nicht gefunden.

Mein Vater, der etwas Phantastisches ahnte und ein strenger Feind auch der

Notlüge war, schickte mich nochmals hin. Ich betrat wieder das

Schlafzimmer, aber meine Angst war nur größer geworden, so daß ich

unverrichteter Dinge wiederkehrte, mit derselben Entschuldigung. Der Vater,

der mich durch den Türspalt beobachtet hatte, sagte sehr ernst: »Du lügst.

Sie müssen dort stehen.« Gleichzeitig ging er selber sie zu holen. Meine

Beklemmung aber war so gesteigert, daß ich selbst den allmächtigen Vater

vor meinen Unholden nicht sicher glaubte und mich heulend an ihn hängte,

wobei ich ihn unter heißen Tränen beschwor, sich dem Winkel nicht zu

nähern. Er ging aber doch, zwang mich mit, bückte sich und kehrte

wohlbehalten aus der greulichen Höhle zurück, was ich lange Zeit, unter

Dankgebeten, allein seinem unerhörten Mut und einem ganz besonderen Schutz

des lieben Gottes zuschrieb.

Ein anderes Mal wuchs mein Angstgefühl vollends ins Krankhafte. Die

Begebenheit hat sich mir scharf und genau mit allen peinlichen Zügen

eingegraben und hängt wie ein Medusenhaupt schauerlich schön, aber

vorwiegend schauerlich, über jener ganzen Zeit der Kinderromantik.

Bei Dunkelwerden kehrten wir, schon ein wenig gruselig gestimmt, einst aus

der Stadt zurück, zwei etwa vierzehnjährige Töchter eines Nachbars, ihr

Brüderlein und ich. Die hohen Häuser und Türme legten zackige Schatten auf

die Straße, Laternen wurden schon angezündet. Dazu kam im Vorübergehen ein

Blick in eine Schmiede, wo rußige, halbnackte Männer an der aus dem Dunkeln

aufsprühenden Esse mit großen Zangen wie Folterknechte standen, und das mir

vorher unbekannte trunkene Gejohle einiger Wirtshausbrüder, das mir

raubtierartig und verbrecherisch vorkam. Nun, schon fast im Finstern,

erzählte eines der Mädchen, selber gruselnd, mir die Geschichte von der

Glocke Barbara. Diese hing in der Kirche Barbara und war aus Zauberei und

Verbrechen hervorgegangen. Sie rief immerfort den Namen einer ruchlos

erschlagenen Barbara mit blutiger Stimme aus und wurde deshalb von den

Mördern gestohlen und vergraben. Da, als es Zeit zum Nachtläuten wird,

beginnt die Glocke aus der Erde laut und jämmerlich zu tönen:

Barbara bin ich genannt,

In der Barbara bin ich gehangt,

Barbara ist mein Vaterland.

Diese halbgeflüsterte Geschichte regte mich schrecklich auf. Mein Grausen

wurde dadurch gesteigert, daß ich es in mir zu verbergen bemüht war, denn

der kleine Mitgänger hatte nichts verstanden und steuerte sorglos in den

Abend hinein, und vor den ältern Begleiterinnen, obwohl sie selber Angst

hatten und nur flüsternd noch redeten, schämte ich mich. So stieg mein

Schaudergefühl mit jedem Wort der Erzählung, bis mir die Zähne klapperten.

Als aber nach eben beendeter Geschichte auf Sankt Peter die Abendglocke

zitternd anschlug, ließ ich in rasender Angst die Hand des kleinen Jungen

fahren und rannte, von der ganzen Hölle gehetzt, in die Nacht hinein,

stolperte, stürzte, und wurde keuchend und zitternd heimgebracht. Die ganze

Nacht zitterte ich in schmerzhaften Angstschauern und eine Zeitlang ging

mir, so oft ich das Wort Barbara hörte, etwas Eiskaltes durch das innerste

Mark. Von da an glaubte ich noch lebhafter an Kobolde, Vampyre und böse

Geister, denn sie waren mir mit allen unerhörten Schrecken selber im Nacken

gesessen.

Etwa um diese Zeit machte mein eben erwachender Verstand seine ersten

Ansprüche und quälte mich so sehr, daß ich häufig tobende Anfälle von

machtloser Wut und Ungeduld gezeigt habe. Hier ist auch ein Stück Kindheit,

das, wie mir scheint, den meisten Menschen allzu gründlich verloren geht,

der Drang nach Wahrheit, das Verlangen nach Übersicht der Dinge und ihrer

Ursachen, die Sehnsucht nach Harmonie und sicherem geistigem Besitz. Ich

litt unter zahllosen Fragen ohne Antwort, und fand allmählich heraus, daß

den befragten Erwachsenen meine Fragen oft unwichtig und meine Nöte

unverständlich waren. Eine Antwort, die ich als Ausflucht oder gar als

Spott erkannte, schüchterte gar oft meine Seele wieder in ihr allmählich

wankendes Gebäu von Mythen zurück.

Wie viel ernster, reiner und ehrfürchtiger würde das Leben vieler Menschen

werden, wenn sie etwas von diesem Suchen und Nach-Namen-Fragen auch über

die Jugend hinaus in sich bewahrten! Was ist der Regenbogen? Warum winselt

der Wind? Woher kommt das Verwelken der Wiesen, woher das Wiederblühen,

woher Regen und Schnee? Warum sind wir reich und der Nachbar Spengler arm?

Wohin geht am Abend die Sonne?

Auf diese Fragen ging mein Vater, wenn die Weisheit oder Geduld der Mutter

zu Ende war, oft mit unvergleichlicher Liebe und Feinheit ein. Als die

ständige Begründung »das hat der liebe Gott eben so gemacht« nicht mehr

zureichte, erklärte er mir in großen Künstlerzügen die sichtbare Welt, die

Oberfläche der Erde mit Kraut und Getier, die Wiederkehr der Gestirne.

Zugleich ließ er neben meinem Märchenwald die Edelgestalten der alten

Geschichte aufsteigen, und griechische Städte, und das alte Rom. Kinder

sind weitherzig und vermögen durch den Zauber der Phantasie Dinge in ihrer

Seele nebeneinander zu beherbergen, deren Widerstreit in älteren Köpfen zum

heftigsten Krieg und Entweder-Oder wird. Dennoch, da ich selber gerne

erfand, und mit der kindlichen Schöpferkraft spielte, entstanden vielerlei

Zweifel. Davon war der lebhafteste gegen die Wahrhaftigkeit eines orbis

pictus gerichtet, eines Lieblingsbilderbuches, das mich von der ersten

Schaulust bis weit in das reifende Knabenalter begleitete und so in meiner

Geschichte die umgekehrte Rolle des Robinson und Gulliver in der wirklichen

spielte. Ich zweifelte eine Zeitlang sehr stark daran, daß diese Bilder

Originale in der wirklichen Welt besäßen und nicht lediglich ergötzliche

Phantasien eines Malers seien. Beim Betrachten der Abbildungen von Rittern

oder Bauten oder andern historischen Gegenständen erinnerte ich mich mit

behaglicher Schlauheit, daß ich auch Achillesse und große Kirchen und

ähnliches gezeichnet oder gebaut und meinen Kameraden als die wahren Dinge

oder als treue Abbilder ausgegeben hatte. Als mein Vater dahinterkam,

schlug er auf einer der letzten Seiten des Buches das mir bisher entgangene

Bild einer Kirche unsrer Stadt auf, welche ich sofort mit großer

Betroffenheit wiedererkannte. Von da an waren mir auf eine gute Weile

wenigstens alle Worte meines Vaters wieder unzweifelhaft und beweiskräftig.

Ein Nachbarsjunge teilte mir eines Tages geheimnisvoll und wichtig mit, der

»wilde Mann«, eine Hauptfigur in unsern Geschichten und ausgetauschten

Phantasieerlebnissen, wohne nicht weit vom Tor am Petersgraben in einem

Kornspeicher, sein Vater hätte es ihm gesagt. Der Trumpf war vergebens

ausgespielt, denn mein Vater hatte mir bereits eine bessere, wenn schon

nicht so deutliche Erklärung gegeben. Ich blieb daher nicht nur skeptisch

und ungerührt, sondern antwortete dem Freunde hohnlächelnd und mit großer

Genugtuung, er möge nur wieder zu seinem Vater gehen und ihm sagen, er wäre

ein Kamel. Diese Antwort trug mir erst von dem Beleidigten und dann von

meinem Vater Prügel ein.

Solchen Züchtigungen von der Hand des geliebten Vaters pflegte ich zwar

meistens Trotz und Schweigen entgegenzusetzen, aber mein kleines Herz

empfand sie unsäglich bitter, weh und beugend. Sie sind die frühesten

Leiden, auf die ich mich besinnen kann und in der Vorstellung, die ich von

meinen Kinderjahren habe, die einzigen Trübungen, die noch vor der

Schulzeit eintraten. Auch war es mit dem Schlagen und Trotzbieten

keineswegs getan, sondern der bittere Kern der Strafe war die Nötigung,

mich zu demütigen und um Verzeihung zu bitten, ehe ich das Auge der Eltern

wieder freundlich und ihr Ohr mir offen fand. Freilich wurde dadurch und

durch die jedesmalige freundlich ernste Versöhnung der Züchtigung der

Stachel abgebrochen, aber bis ich müd und verständig genug zum »Verzeih«

sagen war, kostete es immer wieder einen bitteren, tränenreichen Kampf. Der

erste Abend, an dem ich ohne Kuß und ohne Begleitung der Mutter stumm und

scheu zu Bette ging, ist mir noch wohl erinnerlich. Vielleicht hat, so oft

auch später mir das Wasser an die Kehle ging, doch das Gefühl namenlosen

Schmerzes und Zwiespaltes niemals mehr so unsäglich auf mir gelastet, wie

an jenem traurigen Abend. Es war auch der erste Abend, an welchem ich nicht

zu beten vermochte. Der Wortlaut meines Betverses stockte mir auf der

Zunge, zeigte mir zum erstenmal seinen schweren Ernst und würgte mich wie

einen Erstickenden. So diente diese dunkelste Stunde dazu, mir auf einmal

das Beten ohne Gedanken unmöglich zu machen.

Indessen wuchs mein Verstand und begann, auf die ersten Belehrungen und

Erfahrungen bauend, sich allmählich einer stiller werdenden eigenen

Tätigkeit zu erfreuen. Meine Spiele nahmen, ohne Vorbilder zu haben, die

verwickelteren, intelligenteren Formen der eigentlichen Knabenspiele an.

Das A-B-C gab mir einen angenehm herben Vorschmack der Schule. Ich besaß

schon Erinnerungen und gewöhnte mich, nachdem ein bestimmter Tag für meinen

Schulbeginn mir angesagt war, an morgen und übermorgen zu denken.

* * * * *

Dieses wenige ist der ganze Schatz von Erinnerungen an die ersten Jahre,

den ich noch besitze. Oder nicht der ganze, denn ich vermochte das Beste

nicht auszusprechen, die Empfindungen durchträumter Frühlinge und

beglückender Liebhabereien, das milde Nachgefühl kindlicher Freuden und

Wehen, herzlicher genossen und tiefer erlitten als viele größere Freuden

und Wehen der späteren Zeiten. Ich vermochte nicht die feinen Erinnerungen

niederzuschreiben, deren ich einen holden Strauß besitze, an Waldbesuche,

an Nachbarfreundschaften, an belauschte Katzenjunge und gestreichelte

Lämmer.

Komisch wehmütig berührt mich die letzte Zeit vor dem Besuch der Schule,

das Erwachen des Knabenstolzes, das Unsichere des Übergangs vom Träumen zum

Denken, und das langsame Verblassen der farbigen Phantasie und des ganzen

unbeschreiblichen Goldgrundes, auf welchen alle diese frühesten Bilder

gemalt sind. Mein Gedächtnis schließt mein letztes freies Kinderjahr mit

einem merkwürdigen Abend ab. Es war kurz vor meinem Eintritt in die Schule,

und der Geburtstag einer kleinen Schwester, der 27. November. Dieser

Schwester war für den Augenblick alle Sorgfalt und Liebe des Hauses

zugewendet, und ich saß beklommen und allein an einem dunkelnden Fenster.

Draußen war Spätherbst und eine frühe, sternhelle Nacht. Neben dem Gedanken

an den erwarteten ersten Eintritt ins wirkliche Leben war eine

Abschiedsstimmung in mir lebendig, und ein halbbewußtes Rückverlangen nach

der Ungebundenheit und Traumtiefe der bisherigen Tage. Da wars, daß ich

eine Bewegung unter den Sternen zu sehen glaubte. Ich blickte nun starr und

unverwandt an den Himmel, und siehe, ein Stern begann seltsam zu flirren

und schoß plötzlich in die Finsternis, ohne Spur verglimmend. Und da wieder

einer, und dort zwei zugleich, und am Ende eine ganze bewegte Menge. Der

Vater kam herein, und die Dienstboten, und so standen wir eine gute Weile

still im Dunkeln, das seltene Schauspiel unzähliger Sternschnuppen

betrachtend und von der merkwürdigen Stunde berührt, jeder, wie ich glaube,

mit dem Gedanken, daß dieser Blick aus dem dunklen Zimmer auf die

gleitenden Sterne ihm unvergeßlich bleiben würde.

* * * * *

Mit dem Besuch der Schule begann nun mein menschlich gesellschaftliches

Leben. Hier wird das Dasein zuerst zum Bild der Welt im kleinen, hier

treten die Gesetze und Maßstäbe des »wirklichen« Lebens in Kraft, hier

beginnt Streben und Verzweifeln, Konflikt und Bewußtsein der Person,

Ungenügen und Zwiespalt, Kampf und Rücksichtnahme, und der ganze endlose

Kreislauf der Tage. Zuerst die Teilung der Zeit in Alltag und Feiertag! Man

muß nach Stunden leben und arbeiten, jeder Tag erhält sein Gewicht und

seine feste Geltung und löst sich aus der Zeit als ein besonderes Stück

heraus. Die Unergründlichkeit der Monate und Jahreszeiten, das Leben aus

dem Vollen hat ein Ende; Feste, Sonntage, Geburtstage treten nicht mehr als

Überraschungen vor uns hin, sondern ihre Zeit und Wiederkehr ist gleich den

Stundenzahlen auf der Uhr fest angeschrieben und wir wissen, wie lange der

Zeiger braucht, bis er sie erreicht.

Der Wunsch meines Vaters, mich selber zu unterrichten, hielt dem

allgemeinen Brauch und dem Rat aller Freunde und Verwandten nicht stand.

Ich wurde einer öffentlichen Schule übergeben, hatte mehrere Lehrer, die

jährlich wechselten, und litt unter allen Übelständen dieser Anstalten.

Schule und Haus waren zwei streng getrennte Dinge, mein Gehorsam hatte zwei

Oberhäupter, von denen das eine mit meiner Liebe, das andere mit meiner

Furcht rechnen mußte. Das erste Übel lag darin, daß ich, von einem strengen

Lehrer an häufige Schläge und Arrest gewöhnt, die väterlichen Strafen bald

nicht mehr in der früheren Weise achtete, so daß häusliche Züchtigungen

ihren Wert verloren und meinem Vater dieser einfachste Austrag moralischer

Unebenheiten allmählich unmöglich gemacht wurde. Daraus folgte für ihn

unendlich viel Sorge und Mühe und für mich viel Elend, da nun alle

Besserungen und Verzeihungen erschwert waren und lange Zeit erforderten. In

solchen kritischen Zeiten war ich manchesmal verzweifelt, krank vor Sorge

und Wut, und plagte mich mit Elend, Scham, Ärger und Stolz. In der Schule

übel behandelt, zu Hause von irgend einer begangenen Übeltat schweigend

bedrückt, warf ich mich oft in der großen Wiese zu Boden und rang

schluchzend gegen eine unbekannte, grausame Übermacht. Diese Stunden am

Mittagstisch, wenn kein Gespräch möglich war, wenn ich mit Angst an die

nächste böse Schulstunde dachte, während eine zurückgedrängte väterliche

Strafrede den Eltern, den jüngeren Geschwistern und sogar den Dienstboten

in allen Mienen zu lesen war, diese schweigsamen, trotzigen Spaziergänge

mit meinem Vater, auf denen ich die Bitte um Verzeihung oder sonst eine

Aussprache, welche er erwartete, aus Trotz und Scham in mir niederhielt,

liegen mir noch mit aller Schwere hart und widerlich im Gedächtnis.

Da meine Unruhe und eingedämmte Leidenschaftlichkeit und Lebensfülle Raum

forderte, warf ich mich auf die mir bisher fremden Knabenspiele mit aller

Wildheit meiner jungen Sinne. Ich sprang bald allen Kameraden voran, als

Turner, als Feldherr, als Räuberhauptmann oder Indianerhäuptling, am

hitzigsten, wenn zu Hause schlechtes Wetter war. Meine Eltern und am

meisten die bekümmerte Mutter sahen mich mit Trauer in den Ruf eines

Wildfangs und Anstifters geraten, während ich unter ihren Augen meistens

stumm und bedrückt umherschlich.

In meinem dritten Schuljahre hatte ich eines Tages einem armen Handwerker

in unserer Straße mit meiner Schleuder ein Fenster eingeworfen. Der Mann

lief zu meinem Vater, erzählte ihm meine, wie er glaubte, absichtlich

begangene Tat und fügte noch hinzu, daß ich auch außerdem ein Tunichtgut

und Straßentyrann wäre. Als am Abend mein Vater mir dies alles wieder

berichtete und auf ein Geständnis drang, war ich über den Ankläger so

empört, daß ich auch den unbestreitbar geschehenen Fensterschuß hartnäckig

leugnete. Ich wurde ungewöhnlich hart gezüchtigt und glaubte nun vollends

meinen Trotz nicht brechen lassen zu dürfen. So verhielt ich mich einige

Tage scheu und feindselig, während mein Vater schwieg und ein Schatten auf

dem ganzen Hause lag. In diesen Tagen war ich unglücklicher als jemals

vorher. Nun mußte mein Vater für eine Woche verreisen. Als ich an jenem Tag

aus der Schule kam, war er schon abgereist und hatte ein Brieflein für mich

dagelassen. Nach Tisch begab ich mich in die oberste Bodenkammer und

öffnete den Brief. Ein schönes Bild fiel heraus, und ein Zettel von der

Hand des Vaters:

»Ich habe dich für ein Vergehen gestraft, das du nicht gestanden hast. Hast

du die Sache dennoch begangen und mich also angelogen, wie soll ich dann

noch mit dir reden? Ists anders, dann habe ich dich mit Unrecht geschlagen.

In einer Woche, wenn ich wiederkomme, sollte doch einer von uns dem andern

verzeihen können.

Dein Vater.«

Den ganzen Tag lief ich beklommen und erregt mit dem Zettel in Haus und

Garten herum. Dieses Wort von Mann zu Mann erfüllte mich mit Stolz und Reue

und traf mich im Herzen, wie kein anderes Wort es hätte können. Am nächsten

Morgen kam ich mit dem Blatt ans Bett meiner Mutter, weinte und fand keine

Worte. Darauf ging ich im Hause umher wie nach einer langen Abwesenheit,

alles war so alt und neu, war mir wiedergeschenkt und von einem Bann

erlöst. Abends saß ich seit langer Zeit zum erstenmal meiner Mutter zu

Füßen und hörte sie erzählen wie in den Kleinkinderjahren. Es kam so süß

und mütterlich von ihrem Munde, aber was sie erzählte, war kein Märchen.

Sie sagte mir von Zeiten, da ich ihr fremd geworden sei, und wie da ihre

Angst und Liebe mich begleitete; sie beschämte und beglückte mich mit jedem

Wort, und dann redeten wir beide mit Namen der Liebe und Ehrfurcht von

meinem Vater und freuten uns mit Sehnsucht auf seine Heimkehr.

Der Tag seiner Zurückkunft war zugleich der letzte Tag vor meinen

Sommerferien und vollendete so mein Glück. Nach einer kurzen Unterredung

kam der Vater mit mir aus seinem Studierzimmer hervor und führte mich der

Mutter zu, indem er sagte:

»Hier hast du unseren Buben wieder, Mama. Er gehört seit heute wieder mir.«

»Mir schon seit einer Woche!« rief sie lächelnd dagegen, und wir saßen

fröhlich zu Tische.

Die mit diesem Tag beginnende Ferienzeit liegt in meinen Schuljahren wie

ein umzäunter, grüner Garten. Tage voll Sonne, Abende mit Spiel und

Geplauder, Nächte festen Schlafs mit gutem Gewissen! Jeden Abend wanderte

mein Vater Hand in Hand mit mir in einen Steinbruch, der eine halbe Stunde

weit vor der Stadt lag. Dort bauten wir Häuser und Höhlen, schleuderten

Steine nach dem Ziel und hämmerten nach Versteinerungen. Auf dem Rückweg

tranken wir Milch und aßen Brot in einem Meierhof und verzichteten darauf

stolz auf das mütterliche Abendessen, die Mutter mit allerlei Geheimnissen

neckend und uns jedes Meisterwurfes und jedes gefundenen Rötels oder

Glitzersteines rühmend. Mein Vater erwies sich als Pfadfinder, Jäger,

Scheibenschütz und Erfinder. Halbe Tage wanderten und ruhten wir in Wiesen

und an Waldabhängen, ganz mit uns allein, einen Brotlaib in der Tasche,

Wege entdeckend und Pflanzen sammelnd, und ich spürte etwas davon, daß mein

Vater seine eigene Jugend wieder aufsuchte und sich seiner erfrischten

Brust und seiner geröteten Wangen erfreute, denn er war von zarter

Gesundheit und wurde viel von Kopfschmerzen und anderen Leiden heimgesucht.

Nun wanderten wir wie zwei Knaben miteinander, schnitten Lanzen, ließen

Drachen steigen, gruben im Garten und zimmerten im Hofraum allerlei Gerät

und Kasten zusammen.

In dieser Zeit etwa begann mein Ohr zu erwachen und meine Phantasie sich

mit Melodien zu beschäftigen. Ich liebte es, in Freistunden zum Münster zu

gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu

hören, der stundenlang dort sich seiner Kunst erfreute. Ich summte und sang

auf dem Schulweg, im Garten, sogar im Bette, und prägte mir viele Choräle

und Liedermelodien frühe ein.

Und mit neun Jahren, an meinem Geburtstage, schenkten mir die Eltern eine

Geige. Von diesem Tage an ist das hellbraune Geiglein auf allen Fahrten mit

mir gegangen, viele Jahre lang, und von diesem Tage an hatte ich ein

Abseits, eine innere Heimat, eine Zuflucht, wo seither unzählige

Erregungen, Freuden und Kümmernisse sich versammelten.

Der Lehrer war mit mir zufrieden. Mein Gehör und Gedächtnis war scharf und

peinlich treu, und allmählich zeigte sich im Lauf der Lehrjahre das, was

den Geiger macht, der feste, fähige Arm, das freie Gelenk, die

ausdauernden, kräftigen Finger.

Fürs erste erwies sich leider die Musik als ein unerwartetes Übel, denn sie

nahm mich fast völlig gefangen und verleidete mir den Schülerfleiß. Dagegen

lenkte sie meinen Ehrgeiz und meine Knabenwildheit von den gröberen Spielen

und Freveln ab, sie milderte meine Hitze und Leidenschaft, sie machte mich

schweigsam und verträglich. Ich wurde keineswegs zum Geiger erzogen, mein

Lehrer war sogar ein Dilettant, daher war der Unterricht mir ein Vergnügen

und zielte weniger auf strenge Übung und Präzision, als auf ein baldiges

Etwaskönnen. Der erste Choral, zum Geburtstag der Mutter gespielt, war ein

festliches Ereignis. Und alsdann die erste Gavotte, die erste Haydnsonate!

Ich war selber voll Freude und Eitelkeit, aber allmählich spürte meine

Natur doch einen Mangel, so daß ich vor einem gewissen flotten Strich,

einer Dilettantenverve gefährlicher Art, bewahrt blieb. Die Schule ging

neben dem her und behielt für mich alle die Jahre bis zum vierzehnten

hindurch die Schwüle einer Zwangsanstalt. Wie viel von meinen Leiden und

meiner Verbitterung, neben meinen eigenen Fehlern, der ganzen Erziehungsart

zur Last fällt, kann ich nicht urteilen; aber in den acht Jahren, welche

ich in den niederen Schulen zubrachte, fand ich nur einen einzigen Lehrer,

den ich liebte und dem ich dankbar sein kann. Wer die Kindesseele ein wenig

kennt und selber einen Rest ihrer Zartheit sich bewahrt hat, der kennt das

Leiden, dessen ein Schulknabe fähig ist, und zittert noch in Scham und

Zorn, wenn er sich der Rohheiten mancher Schulmeister erinnert, der

Quälereien, der berührten Wunden, der grausamen Strafen, der unzähligen

Schamlosigkeiten. Wahrlich, ich meine nicht die fleißige Rute, deren jeder

Knabe bedarf; ich meine aber die Frevel, die an dem Glauben und dem

Rechtssinn des Kindes geschehen, die rohen Antworten auf schüchterne

Kinderfragen, die Gleichgültigkeit gegen den Trieb der Kindheit nach einer

Einigung ihrer stückweise erworbenen Kenntnis der Dinge, den Spott als

Antwort auf kindergläubige Naivetäten. Ich weiß, daß ich nicht allein in

solcher Weise gelitten habe, und daß mein Unwille darüber und meine Trauer

um zerstörte und verkümmerte Teile meiner jungen Seele nicht die

Verbitterung eines nervösen Einzelnen ist; denn ich habe von vielen diese

Klagen gehört. Ich weiß wohl mit der eigentümlichen Art des Knabenalters zu

rechnen, als einer heiklen, problematischen Zeit der Scheidungen,

Beschneidungen und Häutungen, voll von schwer verständlichen Erregungen und

Exzessen; aber ich kann mich der Trauer und der Anklage nicht enthalten.

Die ganze Zeit meines späteren Lebens bin ich mit einer besonderen Vorliebe

den kleinen Knaben zugetan gewesen und fand gar oft meine ehemaligen Ängste

in errötenden Knabengesichtern wieder.

Es widerstrebt mir, einige dieser Bitternisse aufzuzeichnen, meine

Erinnerung irrt in dieser Zeit der verwelkenden Kindheit und erwachsenden

Jünglingszeit befangen und bedrückt umher.

Hell und verklärt von Verehrung und Liebe zeigen sich mir die

Unterweisungen, die ich in Garten, Feld und Studierzimmer von meinem Vater

genoß. Diese schlossen mir die verschwisterten Reiche der Geschichte und

der Dichtung auf. Mit gekrönten Königen und geschlagenen Duldern, mit

Heerzügen und prachtvollen Städten breitete sich die Geschichte der

Griechen aus, und die der Römer mit ruhmbekränzten Siegern, unterjochten

Erdteilen und fabelhaften Triumphzügen, neben welcher Pracht und Höhe lange

Zeit die Jagden und blutigen Wanderungen der ältesten deutschen Zeit mir

wenig Freude machten.

Der freundschaftlich in Frage, Antwort und Erzählung erteilte väterliche

Unterricht legte einen guten Grund in mir. Was in der Schulstube und im

Mund der Lehrer mir langweilig und peinlich erschien, gewann hier

anziehende Formen und schien mir alles ernstlichen Fleißes würdig.

In meiner Klasse pflegte ich, obwohl ich nie ein Lehrerliebling war, meist

mich auf den oberen Plätzen zu halten und besonders im lateinischen

Unterricht mir gute Zeugnisse zu erwerben. Die lateinische Sprache lernte

ich leicht und mit Eifer, sie blieb durch meine Schülerzeit und durch mein

Leben mir befreundet und geläufig.

So fand man mich zur Vorbereitung auf den Eintritt in eine schwäbische

gelehrte Schule würdig. Das Examen wurde leidlich bestanden. Meine erste

Schulzeit war zu Ende und ein sommerlicher Ferienmonat lag vor dem

ehrgeizig erstrebten Eingang der gelehrten Klosterpforte.

In diesen Ferien las mir mein Vater zum erstenmal Lieder Goethes vor. Ȇber

allen Wipfeln« war sein Liebling.

An einem silbernen Abend, im frühen Monde, stand er mit mir auf einem

bewaldeten Berge. Wir atmeten vom Steigen aus und schwiegen nach einem

ernsten, herzlichen Gespräch vor der Schönheit der mondhellen, stillen

Landschaft.

Mein Vater setzte sich auf einen Stein, blickte rundum, zog mich zu sich

nieder, schlang den Arm um mich und sprach leise und feierlich jenes

unergründliche, wunderbare Lied:

Über allen Gipfeln

Ist Ruh.

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch,

Die Vöglein schweigen im Walde,

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

Hundertmal habe ich seitdem diese Worte gehört und gelesen und gesprochen,

in hundert Lagen und Stimmungen -- die Vöglein schweigen im Walde -- und

jedesmal befiel mich eine milde, herzlösende Schwermut, und jedesmal senkte

ich dabei das Haupt und hatte ein seltsam wehes Glücksgefühl, als kämen die

Worte aus dem Munde meines an mich gelehnten Vaters, als fühlte ich seinen

Arm um mich gelegt, und sähe seine große, klare Stirn, und hörte seine

leise Stimme.

Die Novembernacht.

Eine Tübinger Erinnerung.

(Geschrieben 1899.)

Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und

Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote

Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Pflaster wider. Trüb und

schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie

ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von

Wolkenschleiern um die spitzen Dächer. In den großen, ernsten Alleen

standen die alten Kastanien, Linden und Platanen kahl und hager im Sturm

wie eine trübselig standhafte Armee von Greisen. Blätterwirbel trieben über

die feuchten Wege, faul und grau lagen die großen Herbstwiesen, an den

Rändern da und dort von einer windscheuen Laterne zackig und roh

beleuchtet. Der langgezogene, müde Pfiff des letzten Reutlinger Zuges drang

vom nahen Bahnhof durch die schwere Luft und paßte mit seinem heiseren,

hinsterbenden Geräusch vortrefflich in die Tonart des ganzen Abends.

In den Pausen des Sturmes ward das kühle Rauschen des Neckars laut. Die

Ufer lagen tief in graue, traurige Ruhe gehüllt und von den vielen hellen

liederlauten Sommerabendfesten war keine leise Spur mehr geblieben, so

wenig dem breiten, traurigen Stiftsgebäude noch eine Spur von den

zahlreichen, glänzenden Geistern anhing, die darin vor Zeiten

schwärmerische, dämmernde Jugendsemester verlebten. Es seien denn einzelne

nachklingende, elegische Laute aus der umflorten Harfe des armen Hölderlin.

Statt dessen brannte dort die strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen

Studierampeln über die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glänzte

mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien,

Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen

aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kants, Fichtes, vielleicht

auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer, griechischer, lateinischer und

deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein

junges, philosophisches Genie über seinen ersten Spekulationen, während

zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine

seines Trutzgebäudes legte.

Zwei junge Männer, die jetzt von der unteren Neckarbrücke her durch die

Platanenallee gegangen kamen, blickten lachend hinüber und zeigten wenig

Respekt vor der ernsten zukunftschwangeren Geistesburg. Sie wandelten, in

grauen Lodenmänteln, des Regens ungeachtet, langsam durch die stürmende

Herbstnacht. »Hast du noch was drin?« fragte der Kandidat Otto Aber seinen

Begleiter, worauf dieser, der Dichter Hermann Lauscher, eine bauchige

Benediktinerflasche aus der Manteltasche zwängte und dem Kandidaten

reichte.

»Der letzte Schluck!« rief dieser und schwenkte die Flasche gegen das

jenseits des Flusses ragende Stift. »Prosit Stift!«

Er leerte die Bouteille mit einem kurzen Schluck.

»Was machen wir mit dem Scherben?« fragte Lauscher. »Wir könnten auf die

Wache gehen und ihn der lieben Tübinger Stadtpolizei verehren.«

»Was Stadtpolizei!« lachte Aber. »Da!« und er schleuderte die Flasche über

den Neckar, daß sie an einem Pfeiler des Stiftsbaues zersplitterte. »Jetzt

wohin?«

»Ja wohin?« sagte Lauscher nachdenklich. »In der Steinlach krepiert man am

Wein, in der Silberburg ist die Schorschel nimmer da, im Kaiser säuft der

Roigel, in der Sonne ists zu voll, im Löwen --«

»Halloh, in den Löwen!« rief Aber. »Mir fällt ein, daß der Säbelwetzer und

der Elenderle heut abend dort sind und die Mensur vom Donnerstag

verschwellen. Komm! Übrigens ists ein Sauwetter.«

Der Kandidat zog seinen langen Mantel enger an sich und schlug ein

rascheres Tempo an.

»Was rennst du!« rief Lauscher. »Für uns ist das Wetter lang gut genug. Mir

paßt's so besser, als Lump im Sonnenschein zu spielen. Wenn der

Benediktiner nicht ausgepfiffen hätte, wär ich für eine Naturkneipe.

Außerdem ist der Säbelwetzer langweilig und der Elenderle wird schon bald

wieder am Heulen sein. -- Trinken sie Uhlbacher? Dann geh ich nicht mit,

der Uhlbacher vom Löwen haßt mich. Aber was versteht ihr von Wein!«

»Weinprotz!« lachte Aber. »Nein, sie haben eine uralte Moselwette dort

stehen, oder Winkler oder was ähnliches. Jedenfalls was besseres. -- Dabei

fällt mir ein: warum gründen wir eigentlich nichts? Wir vier oder fünf

hocken doch ewig zusammen, man könnte den Appenzeller und so ein paar

Bierhühner mitlotsen, es gäbe so was wie eine Ausstellung der

Zurückgewiesenen.«

»Gründen?« brauste Lauscher auf, der damals das spätere cénacle noch nicht

ahnte. »Lieber werd ich Eremit.«

»Warum nicht gar! Es gäbe ein Kollegium von Ausgetretenen aus allen

fashionablen Verbindungen, oder von Rettungslosen aus allen Fakultäten. Der

Elenderle würde die Sündenlast der Gesellschaft in Tränen umsetzen, der

Säbelwetzer bekäme ein Dauerpaukwams und würde auf alle Waffen für uns

losgehen, ich wäre die Bierkommission, du Schrift- und Weinwärtel . . .«

»Und so weiter. Schon gut.«

»Der Appenzeller würde sich unübertrefflich dazu qualifizieren,

Mitteilungen und Forderungen der Gesellschaft den Chargierten der

Verbindungen zu überbringen. Der Nebukadnezar wäre ein censor morum

ohnegleichen. Der Kaißer hat einen Onkel, der Weinberge besitzen soll; der

Schnauzer ist reich und dumm --«

»Und dann würden wir eine Kneipe mieten und zweimal in der Woche

>Altheidelberg< und >es geht ein Lumpidus< miteinander singen. Und Füchse

keilen. Und Präsidepauken schwingen. Ich danke.«

»Warum? Wir könnten im Schwarzwälder kneipen und im Komment alle

anständigen Lokäler verbieten. Z. B.: Wer im Ochsen oder im Innern der Aula

betroffen wird, zahlt eine Mark Buße. Wer fachsimpelt, zahlt zwei Maß

. . .«

»Nein, bitte, du fängst wieder an nach Komment zu riechen.«

Die Freunde waren auf der alten Brücke angelangt. Aus der Kneipe der

Burschenschaft klang lauter Chorgesang. Der Neckar strömte wild um den

breiten Brückenpfeiler, auf dem raschen Wasser glänzten unruhig die

Laternenlichter, schwarz und großartig streckte sich die Platanenallee in

die Nacht. Vom Turm der Stiftskirche tönte das Stundenhorn, zackig und

wechselvoll beleuchtet, stand die malerische Häuserreihe des hohen

Neckarufers bis zum alten Stift hinab. Beide Freunde schwiegen, so lange

sie über die Brücke gingen. Vielleicht stieg beim Anblick der schönen,

nächtlichen Stadt, beim Rauschen des Neckars und Singen der Studenten in

beiden das Erinnern an die kaum vergangenen Tage auf, da ihnen noch die

eigentümliche, romantische Schönheit und Stimmung dieser Stelle ahnungsvoll

und freudig ans Herz gerührt hatte, da sie noch mit der Hoffnung und dem

ganzen süßen, krausen Stimmungsduft der ersten Semester hier gegangen

waren.

Sie bogen um die Brückenmühle, stiegen die steile Gasse zum Holzmarkt

hinauf, gingen an der Stiftskirche vorüber, über die schmale Kirchgasse und

den öden Markt an der Sonne vorbei und gelangten durch Nässe und Schmutz an

die Hintertür des Löwen, durch welche man über drei steile Stufen hinab

direkt in das »Nebenzimmer« tritt. Ehe sie eintraten, blickten sie durch

eins der niederen Fenster in die schmale Stube hinab und sahen Elenderle

und Säbelwetzer am letzten Tisch beim Wein sitzen.

»Sie trinken Winkler!« frohlockte Aber. »Hab ich's nicht gesagt? Du meldest

dich mit deiner Blume, wegen ungebührender Respektlosigkeit.«

»Prolet! Meinetwegen,« murrte Lauscher, und trat zuerst in die schmale Tür.

Aber folgte nach, drehte unwillig ein an der Wand hängendes Gerolsteiner

Mineralwasserplakat um und ließ sich von der herzueilenden Wirtstochter

Mathilde den Mantel abnehmen.

Jetzt bemerkten die Weintrinker die Ankommenden.

»Höchste Zeit,« rief der Säbelwetzer. »Wollet ihr trinken? Wollet ihr ein

Bad nehmen? Wollet ihr euch ersäufen? An Winkler fehlt es nicht. Mein Leben

mach ich keine solche Wette mehr. Fünfzehn Flaschen, ists nicht zum

Langweiligwerden?«

»Keine Angst!« rief Lauscher. »Mathilde, zwei Gläser!« Er prüfte eine der

im Kübel stehenden Flaschen und schenkte ein. »Meine Blume, Aber!«

»Saufs!«

»Na?« fragte der Säbelwetzer.

»Er ist gut,« gab Lauscher kurz zur Antwort, ließ den linken Arm über die

Stuhllehne hängen, füllte seinen Römer nach und trank ihn mit einem langen

sicheren Schluck hinunter.

»Wo spuckts wieder?« fragte der Säbelwetzer. »Du hast deinen

allerbeinernsten Schädel aufgesetzt.«

»Du weißt,« fiel Aber ein, »Schnaps verträgt er nicht. Der Benediktiner --«

Lauscher stieß durch die Zähne einen langen Pfiff.

»Halts Maul, Aberchen! Überhaupt fragt man nicht so dumm, Säbelwetzer.« Er

trank ein neues Glas an. »Ihr seid eigentlich doch eine Schweinebande,

liebe Freunde,« fuhr er dann langsam und ernsthaft fort, »und mich wunderts

selber, daß ich allemal wieder bei euch bin.«

Elenderle lachte und trank dem Dichter zu.

»Aber was tun? Ihr seid wenigstens bloß langweilig und im übrigen gute

Brüder.«

»Hm -- hm --«

»Ja, brummt nur! Oder hat vielleicht einer von euch etwas anderes an Geist

zu verbrauchen, als die übrigen Brocken aus seiner Fuchsenzeit? Oder hat

einer von euch eine Ahnung von Humor, von Philosophie, von Kunst? Oder --«

»Na hör mal,« lachte der Kandidat Aber, »eh du so proletest, sei doch so

gut und serviere uns einmal deine Kunst, deine Philosophie, deinen Humor!

Er muß anderswo als in deinen sentimentalen Versen stecken --«

»Das tut er auch. Was Verse! Daß ich hier sitze und euren Wein mit euch

trinke und eure desperaten Schädel betrachte, während ich Gold, Silber,

Paläste, Märchen und Kleinode in mir liegen habe, das ist der Humor. Was

verbummelt ihr? Was ersäuft ihr? Ein Examen, ein bißchen Vermögen, ein

Ämtchen, in dem ihr euch geschunden und gelangweilt hättet. Warum? Weil es

euch dämmert, daß es sich um solches Zeug nicht zu leben lohnt. Und ich?

Schluck um Schluck ersäufe ich ein Stück blauen Poetenhimmel, eine Provinz

meiner Phantasie, eine Farbe von meiner Palette, eine Saite von meiner

Harfe, ein Stück Kunst, ein Stück Ruhm, ein Stück Ewigkeit. Warum? Weil es

sich auch um alles das nicht zu leben lohnt. Weil es sich überhaupt nicht

lohnt zu leben; denn Leben ohne Zweck ist öd und leben mit Zweck ist eine

Plage.«

Elenderle lachte fortwährend. Aber nahm einen langen Schluck und sagte

gutmütig: »Trink, Lauscher, und mach uns nix Blaues vor!«

»Aber sag,« redete er darauf Elenderle an, »was machst du denn jetzt

eigentlich? Weiß dein Alter schon?«

»Was denn?« fragte Lauscher.

»Weißt du nicht? Er ist zum drittenmal nicht ins Examen gestiegen und

außerdem relegiert. Na, Elenderle, was denkst du?«

»Denken? Ich hab mich anwerben lassen.«

»Sakerlot! Anwerben?«

»Ja ja ja ja!«

»Zu was denn? Ist eine Deliriantenarmee gegründet worden?«

»Ganz so was! Ich meinte, ich hätte in meinen vielen Semestern genug

Jammertränen vergossen, um mir dafür ein Freibillet in die Gefilde der

Seligen zu kaufen.«

»Auch gut,« lachte der Säbelwetzer. »Das ist nicht mehr als billig. In die

Hölle wärst du so wie so nicht gekommen, das weiß ich, denn ich habe einmal

drei Semester württembergische evangelische Theologie studiert.«

»Aber wer hat dich denn angeworben?« fragte Lauscher.

»Ei wer? Ja, den möchtest du kennen! Ein Herr, sag ich dir, ein feiner Herr

--«

»Rindvieh!« rief Lauscher. »Was du einen feinen Herrn nennst! War er feiner

als ich?«

»Viel, viel feiner! Ein Gentleman, sag ich euch. Übrigens dummes Geschwätz!

-- er kommt heut abend her, er hats versprochen.«

»Wa--as? Kein Schwindel? Auf dein Wort?«

»Natürlich, auf alle meine Wörter. Prost, Lauscher!«

»Prost, Elenderle!«

Lauscher zog ein Paket seiner Giftschlangen hervor, schwarze, lange, dünne

Zigarren, und bot den andern an. Er zündete sich eine an, blies Wolken,

streifte die Asche ab, nahm hin und wieder einen schnellen Schluck und

verfiel in eine träumerisch schwere Trägheit. Auch die andern widmeten sich

nun still dem Wein und der Zigarre. Eine bläuliche Wolke hing über dem

Tische, man hörte die wenigen übrigen Gäste reden und lachen. Die Freunde

tranken Glas um Glas und saßen einander versonnen und fast völlig stumm

gegenüber, wie sie schon viele Stunden und viele ganze Abende und Nächte

versonnen und stumm beisammen um irgend einen Trinktisch gesessen waren.

»Ich bin doch neugierig auf deinen Werber,« sagte Aber nach einer langen,

langen Pause.

Keine Antwort. Mathilde öffnete zwei neue Flaschen. Der Säbelwetzer

schenkte ein.

»Übrigens,« begann Aber wieder, »übrigens, meine Lieben, was könnte

eigentlich aus uns noch werden? Wer wird uns anwerben? Sei's noch um zwei

Semester, so ist bei mir die Gnadenfrist vorbei.«

»Und bei mir der Mammon,« sagte der Säbelwetzer. »Umsatteln kann ich

nimmer.«

»Ich auch nicht,« gähnte Aber. »Mein Alter ist jetzt schon scheu --

Amerika?«

Lauscher lachte.

»Afrika, Asien, Australien?« äffte er nach. »Das nenne ich Sorgen! Weißt du

denn, ob du in zwei Semestern noch lebst? Zwei Semester! Bedenke, was in

zwei Semestern alles anders werden kann!«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel könntest du gerade jetzt, wo du so unvorsichtig deine Zigarre

anzündest, dem Mund zu nahe kommen und in Spiritusflammen aufgehen. Ein

schöner Tod! Oder du gründest, was ich kommen sehe, deinen Klub, ihr baut

ein Klubhaus und du wirst Kellermeister --«

»Dunder!« rief Aber erregt. »Dunder noch mal! Das ist eine feine Idee!«

»Oder du gehst,« fuhr Lauscher fort, »du gehst --«

Er brach mitten im Satze ab und stierte blaß auf das gegenüber

offenstehende Fenster.

»Na? Was ist los?« rief der Säbelwetzer.

Lauscher deutete mit dem Finger auf das Fenster.

»Da!« rief er stotternd. »Wir spielen doch nicht Freischütz.«

Alle wendeten die Blicke dem ausgestreckten Finger nach. Im Fenster stand

ein Mensch von schmaler, hoher Figur, regungslos, hager, frech, blaß, mit

Spitzbärtchen am langen Kinn, hoher Stirn, stand und blickte aus hellen,

stechenden, stahlgrauen Augen in die Stube.

Der Säbelwetzer war der einzige, der nicht erschrack.

»Sieht aus, als wüßt er nicht, ob er Kasper oder Samiel mimen soll,« lachte

er. »Soll ich den frechen Bruder anrempeln?«

Der Fremde verschwand vom Fenster. Einen Augenblick später ging die Tür und

er trat ein, schritt durch die Stube und nahm am Tisch der Kameraden Platz.

Der Säbelwetzer wollte aufstehen und den Eindringling mit einer Grobheit

fortweisen, da streckte über den Tisch herüber Elenderle dem Gaste die Hand

entgegen und lachte.

»Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne Sie eben erst. Darf ich Ihnen meine

Freunde vorstellen?«

Mit schon etwas betrunkenen Gesten führte er die Vorstellung aus. Den Namen

des Fremden vergaß er zu nennen.

Man saß wieder lange trinkend, stumm und träg am Tische, bis Lauscher sich

erhob.

»Ich gehe. Macht einer noch ein Billard mit?«

Die Freunde schwiegen.

»Ich, wenn Sie wollen,« sagte aufstehend der Unbekannte. »Wir könnten ja

alle zusammen in den Walfisch gehen. Ich kam eben dort vorbei, das Billard

ist frei.«

Alle tranken nun aus und folgten dem Vorschlag. Draußen rann Regen, es war

frostig naß und die Kornhausgasse ein Meer von Schmutz. Der Walfisch war

bald erreicht. Elenderle ging voran die Treppe hinauf. Bei der Gasflamme im

Gang hielt Aber den Fremden an.

»Einen Augenblick, wenn Sie erlauben!«

Er blickte nach der Treppe. Die andern waren schon oben.

»Nun?« fragte der Lange.

»Elenderle hat von Ihnen gesprochen,« sagte Aber verlegen. »Sie werben für

eine Gesellschaft?«

»Allerdings.«

»Ich könnte -- es wäre möglich, daß -- kurz, ich möchte Sie kennen lernen.«

»Freut mich. Ich bin nur heute hier, aber Ihr Freund kann Ihnen ja morgen

Auskunft geben. Ich komme ziemlich jedes Semester einmal nach Tübingen.«

Sie stiegen den andern nach in das räucherige, verrufene Café hinauf.

Elenderle hatte oben schon Sekt bestellt und sich faul in ein Sofa

geworfen. Lauscher kreidete schon seinen Billardstock. Der Fremde ergriff

einen andern. Er spielte brillant.

Die Partie war schnell zu Ende.

»Sie spielen hübsch,« sagte der Lange zum Dichter. »Wenn Sie sich Ihre

Scheu vor dem Fiedelstoß abgewöhnen, werden Sie vielleicht bald genial

spielen. Hier fängt das Billardspiel erst an. Sehen Sie --«

Er ergriff noch einmal das Queue und tat einen seiner glänzenden,

fabelhaften Stöße. Der Ball rollte, nachdem er den weißen Ball berührt, in

einem eigentümlichen, unglaublichen Bogen zum roten.

Lauscher staunte. Dann setzten sie sich zu den andern. Aber und Lauscher

tranken Kaffee, die andern Sekt und Sherry. Die kleine, unbändige Molly

trank mit und freundete sich mit Elenderle auf dem Sofa an.

»Was halten Sie von ihm?« fragte der Fremde Lauschern, indem er leise nach

jenem hindeutete. »Ein Schwein,« flüsterte Lauscher, »ein komplettes

Schwein. Aber seelengutmütig.«

»Und der?« Der Lange bewegte das Kinn gegen den Säbelwetzer.

»Nicht ganz so dumm,« urteilte Lauscher, »und auch nicht so geschmacklos.

Aber ein Säbelheld. Er verschmerzt es nie, daß ihn die Burschenschaft an

die Luft gesetzt hat.«

»Hm. Und der dritte?«

»Aber? Der beste von den dreien, nur ohne Rückgrat. Er hat im stillen

heillos vor seiner Krisis Angst.«

»Sie sprechen nett von Ihren Freunden.«

»Warum nicht? Verschiedene Grade von Fäulnis, die verschieden

phosphoreszieren.«

»Sie gefallen mir.«

»So?«

Hermann Lauscher · 第 1 / 17 题