wurde uns noch eine ganz besondere Ehre dadurch zuteil, daß Seine
Königliche Hoheit der Kronprinz Rupprecht von Bayern, unter Führung des
Kommandierenden Admirals des Marinekorps, zu einer Besichtigung unseres
U-Bootes an Bord erschien, wobei er sich von mir einen eingehenden
Bericht über unsere soeben zurückgelegte schöne Fahrt erstatten ließ.
[Illustration: Kommandoturm eines modernen deutschen U-Bootes.]
Weitere Kriegserlebnisse
Verschiedene spätere Fahrten sollten uns dann im Laufe des Jahres
wiederum in das Kriegsgebiet führen und weiter gute Beute bringen.
Mitunter gab es, bei dem sonst sich ziemlich gleichmäßig wiederholenden
Bilde des Versenkens von Handelsschiffen, doch kleine, nette
Zwischenfälle.
Jetzt, in den ruhigen, windstillen, warmen Sommermonaten mit den
langen klaren Nächten konnten wir eine größere Beute an feindlichen
Handelsschiffen erwarten, als uns die noch rauhen Frühjahrsmonate mit
ihren bekannten stürmischen Winden beschert hatten. Wir lasen bald von
einer von Woche zu Woche gemehrten Anzahl vernichteter feindlicher
Schiffe. Auch die Stückzahl der im Zeitraum von einer Woche im Sommer
versenkten feindlichen Dampfer und Handelsschiffe betrug öfter das
Vier- bis Fünffache, oder noch mehr, gegen die gleiche Zeit in den
Frühjahrsmonaten.
Herrlich war es, auf der glatten Flut des weiten Atlantischen Ozeans
zur Sommerszeit mit dem U-Boote arbeiten zu können.
Es kam hinzu, daß die Verpflegung an Bord des U-Bootes sich wesentlich
besserte durch die reichliche Zufuhr von frischen Fischen, die uns
deutsche oder neutrale Fischerfahrzeuge gern verkauften oder noch öfter
-- ob wir es annehmen wollten oder nicht -- schenkten.
Die Sommermonate sind geradeso wie für uns auch für die Hochseefischer
gewissermaßen die Saison-Monate, wenigstens für gewisse Fischarten.
Auf den bekannten Fischergründen wimmelt es zu dieser Zeit von
Fischerfahrzeugen aller Art, die hier tage-, ja wochenlang vor ihren,
bis zu tausend Meter langen oder gar noch größeren Netzen dem Fischfang
obliegen.
Segelboote aller Größen und Arten wechseln hier in bunter Reihe mit
den modernen Fischdampfern der neuerdings in fast allen Ländern
vertretenen großen Fischereigesellschaften ab. So hört auch in der
Hochseefischerei das Idyll der Segelfahrzeuge mehr und mehr auf, und
auch die Selbständigkeit der kleinen Fischer, die mit ihren eigenen
Segelbooten ihrem gefährlichen, aber schönen Handwerke nachgehen, droht
mehr und mehr zu verschwinden.
Es vollzieht sich also auch in diesem Berufszweige der Übergang vom
kleinen, selbständigen Handwerker zur Fabriktätigkeit.
Gerne wollten wir nun den angetroffenen Fischern etwas durch Abkauf von
ihren Fängen zu verdienen geben. Noch lieber wollten wir allerdings,
offen gestanden, in unseren kärglichen, nur wenig abwechslungsreichen
Speisezettel, wenn es irgend ging, täglich einen Gang eben erst
gefangener frischer Seefische einschieben.
Sobald es sich daher irgend machen ließ, wurde ein angetroffenes
Fischerboot angehalten, und nachdem es untersucht und als unverdächtig
festgestellt worden war, konnten wir zu allgemeiner Freude uns von den
herrlichen, an Deck des Fischerbootes liegenden, noch zappelnden, kaum
aus dem Wasser gezogenen Fischen die schönsten heraussuchen.
Diese frischen Seefische so unmittelbar nach dem Fangen zu essen ist
ein Genuß, den keine der feinsten Küchen des Binnenlandes jemals
zu bieten vermag. Unser aller Freude, wieder einem so leckeren
Fischgericht entgegensehen zu können, war also wohl verständlich.
Doch nicht ganz allgemein war die Freude an Bord unseres Bootes bei
jeder Übernahme einer neuen Fischladung! Einer wurde hierdurch jedesmal
weniger angenehm berührt -- unser Koch!
Man konnte es ihm nicht verdenken, denn wahrlich war es für ihn
leichter, schnell ein schon zubereitetes Konservengericht in den
elektrisch geheizten Kochöfen aufzuwärmen, als soeben erst gefangene,
noch nicht ausgenommene Fische in den kleinen Kochgeschirren
zuzubereiten.
Als echter Magdeburger Junge gab er hierbei denn auch des öfteren in
den drastischsten Bemerkungen seiner Stimmung Ausdruck. Eines Tages
mußte er bereits zum zweiten Male eine Ladung frischer Fische in
allen verfügbaren Eimern und sonst verwendbaren Gefäßen übernehmen.
Sorgenvoll gedachte er dann der Unterbringung dieser Fischmengen im
Boote und ihrer Zubereitung. Dann aber entrang sich ihm die Drohung:
„Wenn nu aber noch so een Kerl kommt und bringt wieder von die Fische
an, denn schieße ick aber.”
Doch mit Unterstützung aller seiner Kameraden ging auch das Ausnehmen
und Abschuppen der Fische schneller als gedacht von statten. Gern
unterstützte ihn ein jeder und faßte willig mit zu. Es war ja mal
wieder eine kleine Abwechslung in dem täglichen Einerlei des Lebens auf
dem U-Boote, und derartige kleine Abwechslungen werden von jedermann an
Bord mit Freuden begrüßt, selbst wenn der Koch zunächst etwas anders
darüber denkt.
Eines Tages sollte aber auch er nach dem Anhalten eines neutralen
Fischerbootes seine Freude haben. Schon war er an Deck bestellt und
wartete ruhig und gefaßt mit seinen sämtlichen Fischeimern der Dinge,
die da kommen sollten. Als aber der alte, an Bord gekommene Fischer
beteuerte, noch gar keine Fische gefangen zu haben, und es sehr
bedauerte, uns vorläufig noch keine ablassen zu können, da packte
unser Koch voll innigster Freude mit schnellem Griff seine Eimer
zusammen und verschwand mit dem Ausspruche: „Jott sei Dank, et jiebt
doch auch noch vernünftige Menschen auf die Welt!” wieder unter Deck.
Bald stand er dann mit freudiger Miene vor seinen Konserventöpfen und
warf mit besonderer Freude und Genugtuung den Hammelkohl in das schon
brodelnde Kochwasser hinein.
Unser alter Fischer aber, dessen Augen auch nicht mehr die besten
schienen, da er unsere wehende Kriegsflagge nicht mehr richtig erkennen
konnte und für die englische hielt, bat uns um die Erlaubnis, dicht
unter der schottischen Küste fischen zu dürfen, da nach seinen früheren
Erfahrungen der Fischfang sich dort besser lohne. Nur habe er es
wegen des Krieges jetzt noch nicht gewagt. Gern stellte ich ihm eine
Bescheinigung darüber aus, daß ich nichts dagegen hätte, worauf er
dankend, schleunigst den Kurs auf Schottlands Küste aufnehmend, sich
entfernte.
Gern hätten wir noch die erstaunten Augen des englischen
Wachboots-Kapitäns gesehen, der ihn in den englischen Hoheitsgewässern
mit unserem Fischerei-Erlaubnisschein gefaßt haben wird.
Rührend war es meist, bei den angehaltenen Fischern zu erleben, daß sie
keine Bezahlung annehmen wollten, ja nicht selten boten sie uns dazu
noch eine Flasche Schnaps als Geschenk an. In jedem Fischerboote ist ja
ein ganz hübscher Vorrat davon zu finden.
Dankend lehnten wir das natürlich ab, denn wir hatten auf der Fahrt
keine Verwendung dafür, und sie brauchten Schnaps zur Erwärmung in
ihren Booten in den kalten Nächten und zum Zeitvertreib zwischendurch
wohl auch an warmen Tagen. Sicherlich mit gutem Recht. Gar oft müssen
sie wochenlang bei hoher See bei Sturm und Wetter aushalten, bis die
Menge des erzielten Fanges die Rückfahrt verlohnt.
Es sollte mit der Ablehnung des so freundlich angebotenen Schnapses
hier natürlich nicht gesagt werden, daß die vielen an uns gelangenden
Liebesgabensendungen dieser und ähnlicher Art nicht etwa freudig von
uns begrüßt und auch verbraucht werden. Nur alles zu seiner Zeit!
Ein besonders eigenartiges Dankesgeschenk erhielt kürzlich ein anderes
U-Boot von dem Kapitän eines untersuchten neutralen Dampfers bei
dessen Entlassung. Er schickte in einem seiner Boote ein lebendes
fettes Schwein an Bord. Der U-Boots-Kommandant wollte es erst gar
nicht annehmen, da er nicht recht wußte, was man mit dem Tiere
anfangen sollte. Doch schnell hatte sich der Fall auch unten im Boote
herumgesprochen, und binnen kurzem erschien daher auch schon der
Kopf des Koches in der Rundung der geöffneten Turmluke, schon von
weitem ausrufend: „Herr Kapitänleutnant, das Schwein muß hier bleiben.
Mein Kusin ist ja doch Schlachter von Beruf! Daher verstehe ich
mich auch auf so’ne Sachen.” Bald darauf wurden denn auch schon die
Schlachtmesser gewetzt und ein munteres Schweineschlachten begann an
Bord. Meines Wissens das erste bisher auf einem U-Boote abgehaltene
Schlachtfest größeren Stiles. --
An einem ziemlich windigen August-Abend hatten wir einen belgischen
Dampfer, der von Cardiff mit einer Kohlenladung kam, angehalten und
wollten, nachdem die Besatzung in beiden Schiffsbooten das Schiff
verlassen hatte, den Dampfer durch Geschützfeuer versenken.
Schon klafften mehrere Schußlöcher in seiner Bordwand, als ganz
verwundert noch ein Mensch an Deck des Dampfers erschien. Schnell
übersah er die für ihn gewiß nicht sehr angenehme Situation. In weiter
Ferne schon trieben vor dem Winde die Boote mit dem übrigen Teile der
Besatzung. Er aber saß mutterseelenallein auf dem großen Dampfer, der
sich schon leicht zur Seite neigte, und neben seinem Dampfer lag das
böse deutsche U-Boot mit den auf ihn gerichteten geladenen Kanonen.
Fürwahr keine sehr angenehme Lage für den trauernd Hinterbliebenen.
Durch Zuruf aus allernächster Nähe versuchten wir, ihn nun dazu zu
bringen, mit einem Rettungsringe über Bord zu springen. Wir wollten
ihn dann aufnehmen. Das erschien ihm aber doch zu gefährlich.
Ängstlich schaute er in das nasse Wasser und die hochgehende See,
um kurz entschlossen den Versuch, hineinzuspringen, doch wieder
aufzugeben. Alles weitere Zureden war vergeblich. Die Nacht drohte bald
hereinzubrechen und schnell mußte daher gehandelt werden.
Eine energische Drohung, daß wir sofort wieder das Feuer eröffnen
würden, wenn er nicht unverzüglich über Bord spränge, bewog ihn
schließlich dazu. Mit zwei Rettungsringen versehen ließ er sich
an einem Drahtständer an der Windseite des Dampfers in das Wasser
hinuntergleiten. Nun sollte in einigen aufregenden Momenten etwas
Komisches passieren. Noch langsam arbeitete die beim Stampfen des
Schiffes häufig aus dem Wasser herausschlagende Schiffsschraube des
Dampfers auf Vorwärtsgang.
Da plötzlich saugte die Schraube den mit den Wogen kämpfenden Schwimmer
an und zog ihn tief in das Wasser hinunter. Es schien uns allen klar,
daß wir ihn aufgeben mußten. Doch siehe da, in gar nicht langer Zeit
erschien sein Kopf wieder an der anderen Seite des Dampfers, dicht
neben dem ihn emporwerfenden Schraubenflügel. Die langsam mit nur
geringen Umdrehungen laufende Schraube hatte ihn angesaugt und sanft
nach der anderen Schiffsseite hinübergeworfen. Das sollte seine Rettung
sein, denn nun trieb er auf uns zu.
Doch noch lange währte das nicht ganz leichte Manöver des Auffischens
des Schwimmers. Oft war er dicht an unserer Bordwand und konnte fast
die zugeworfene Leine ergreifen, aber immer wieder riß ihn die starke
See von unserer rettenden Schiffswand hinweg, bis dann endlich eine
milde Welle ihn zu uns an Bord spülte. Zum Glück war er gänzlich
unverletzt davongekommen und nach Anlegen trockener Kleidung und
Einnahme mehrerer erwärmender Seemannsgetränke, die wir natürlich für
ähnliche Fälle mitführen, schlief er bald den Schlaf des Gerechten.
Vorher gab er dem Meere wieder alles, was er auf seiner nassen
Überfahrt zu uns ohne eigenen Wunsch geschluckt hatte, zurück.
Einige gute Treffer in der Wasserlinie ließen dann auch den belgischen
Dampfer „Koophandel” bald von der Bildfläche verschwinden.
Unser geretteter Freund, der jüngste Zuwachs unserer Besatzung, hatte
sich nach einigen Stunden ruhigen Schlafes dann wieder so weit erholt,
daß er uns seine Lebensgeschichte und den Grund seines Zurückbleibens
an Bord des Dampfers erzählen konnte.
Er war ein gebürtiger Holländer aus Batavia, namens Adolphe H., und
versah an Bord die Stelle eines dritten Maschinisten.
Der Kapitän hatte ihm, als wir den Dampfer anhielten, befohlen, unten
an der Maschine zu bleiben, um sie weiter „Langsame Fahrt voraus”
laufen zu lassen, da er das Schiff so zum Niederlassen der Boote besser
zum Winde halten konnte. -- Ein ohne Fahrt treibender Dampfer legt
sich bekanntlich quer zum Winde hin und dieses erschwert natürlich das
gute Zuwasserkommen niedergelassener Schiffsboote, da diese von der
querlaufenden See gegen die Bordwand geworfen werden und in Gefahr
sind, so schließlich zerschlagen zu werden. -- Der Kapitän wollte
seinen dritten Maschinisten dann benachrichtigen, sobald es auch für
ihn Zeit sei, in eins der zu Wasser gelassenen Boote zu steigen.
Dieses hatte er nun aus irgendeinem Grunde unterlassen oder vergessen,
und erst eine neben dem Maschinenraume in die Bordwand des Dampfers
einschlagende Granate hatte den Holländer an Deck stürzen lassen, wo
sich dann die geschilderten Vorgänge abspielten.
Aufrichtig für seine Rettung dankend und nicht weniger aufrichtig auf
seinen englischen Kapitän schimpfend, lebte sich unser „Adolph”, wie
ihn unsere Mannschaft nur nannte, sehr bald bei uns an Bord ein.
Wesentlich kam hierbei zu statten, daß er leidlich gut die deutsche
Sprache beherrschte. Stolz trug er eine Marinemütze mit dem Mützenbande
„... Unterseeboots-Halbflottille”. Immer wieder zeigte er auf die
Inschrift und beteuerte mir dabei: „Das ist ’ne feine Sache, Kapitän.”
Da nun jeder Mensch bei großer Langerweile gern Beschäftigung hat und
wir ihn nicht anders anstellen konnten, hatte er sich gar bald des
Kartoffelschälens erbarmt. Und zur größten Freude unserer Leute nahm er
ihnen dieses Geschäft, von dem sich jeder Matrose, wenn er es irgend
machen kann, zu drücken versucht, während der ganzen Rückreise ab.
So gut hatte er sich bei uns eingelebt und an das U-Boots-Leben während
seiner vierzehntägigen Anwesenheit gewöhnt, daß er am liebsten bei uns
geblieben wäre. Selbst als ich ihn später, im Hafen, dem holländischen
Konsul übergab, versuchte er noch, durch Bitten zu erreichen, daß ich
ihn wenigstens für die Dauer des Krieges an Bord behalten möchte.
Er schien es also auch schon für angenehmer zu halten, während des
Krieges auf einem U-Boote als weiter auf Dampfern zur See zu fahren. --
Einen ähnlichen Fall wie den eben beschriebenen sollten wir kurz darauf
noch einmal erleben.
An einem Augustmorgen kam uns an der Südküste Irlands der englische
Dampfer „~Midland Queen~”, ein schönes neues Schiff, entgegen. Seine
eigenartige Bauart verriet ihn schon von weitem als Öldampfer, allem
Anscheine nach für die Versorgung der englischen Flotte bestimmt.
Vernünftigerweise kam er unserer Signalaufforderung, beziehungsweise
dem ersten Warnungsschusse, sofort durch Beidrehen nach.
Wir konnten der Besatzung daher reichlich Zeit zum Verlassen des
Schiffes geben.
Dieses vollzog sich auch in vollster Ordnung, ohne jede Überstürzung.
Wir selbst hatten keinerlei Veranlassung, auf allzu schnelles
Vonbordgehen der Besatzung zu dringen, da bei spiegelglatter See und
klarstem Horizonte weit und breit nichts von anderen Schiffen zu sehen
war. Besonders lieb war uns dieses, weil wir sahen, daß auch eine Frau
mit einem Säuglinge das eine Rettungsboot zu besteigen versuchte, was
ihr nicht ganz leicht zu werden schien. Scheinbar handelte es sich um
die Frau des Kapitäns.
Da sich nun alles an Bord des Dampfers soweit in absoluter Ruhe
abgespielt hatte, waren wir späterhin durch den kleinen, jetzt zu
schildernden Vorgang besonders überrascht.
Über eine Stunde lang hatten wir nämlich nach dem Absetzen der Boote
von dem Dampfer bereits in dessen Nähe gelegen und ihm verschiedene
Schußlöcher mit unseren Geschützen beigebracht. Doch nur langsam lief
der Dampfer voll, da die außerordentlich gut verschalkten (durch
Deckel, Bretter und Bezüge nach oben abgedichteten) Ladeluken keine
Luft aus den so nur langsam voll Wasser laufenden Laderäumen entweichen
ließen. So mußten wir uns auf eine lange Zeitdauer bis zum völligen
Versinken des Schiffes gefaßt machen.
Schließlich entschlossen wir uns, noch eine Granate zu opfern, um
uns nicht allzu lange unnütz aufhalten zu lassen. Krachend schlug
sie in dem Vorderteile des Dampfers ein, in dem sich bei fast allen
Handelsschiffen das Logis (Wohnraum der Mannschaft) befindet, und
in hellen Strahlen ergoß sich das Wasser gleich darauf in die
Mannschaftsräume.
Unmittelbar hierauf stürzte ein ziemlich wenig bekleideter Neger, den
die warme Augustsonne aber scheinbar nicht vor Kälte erstarren ließ,
aus dem Logis an Deck.
Staunend und verdutzt sah er sich um. Er sah schon in ziemlicher
Entfernung von dem Dampfer die beiden Schiffsboote mit seinen
bisherigen Kollegen eifrig der Küste zustreben. Er sah schon über das
niedrige Ladedeck die Fluten herüberspülen und begriff, als er dann
unser U-Boot auch noch von der anderen Seite des Dampfers mit den
drohenden Kanonen liegen sah, blitzschnell das Peinliche seiner Lage.
Denn alleine auf See auf einem großen Dampfer zu sitzen, der noch dazu
nicht mehr lange über Wasser zu schwimmen verspricht, ist fürwahr kein
allzu angenehmes Gefühl.
Immerhin kam ihm aber doch sogleich der Gedanke, sein Leben wenigstens
so teuer als möglich zu verkaufen und es uns noch einmal ordentlich zu
geben. Mit geballter Faust drohte er uns zu und sicherlich stieß er
hierbei wohl auch noch einen schönen afrikanischen Fluch aus, den wir
leider nicht verstehen konnten, weil wir nicht sämtliche Dialekte aller
farbigen Engländer beherrschten.
Unbeschreiblich komisch wirkte diese Drohung des armen Negers in diesem
brenzligen Augenblick.
Wir nahmen sie ihm daher auch nicht übel, sondern bedeuteten ihm, über
Bord zu springen, um unser Boot schwimmend zu erreichen. Dieses schien
ihm denn auch gar kein so ganz dummer Gedanke zu sein. Schnell holte
er sich von der Kommandobrücke eine Schwimmweste. Schon bis zum Bauche
mußte er im Wasser über das Ladedeck dorthin waten, dann aber ließ er
sich an einem über Bord hängenden Taue in das Wasser hinab, um zu uns
zu schwimmen.
Kaum aber kämpfte er so mit den Wogen, als sie ihm doch etwas zu naß
vorkamen, weshalb er auf halbem Wege wieder kehrtmachte, um trotz
aller Zurufe unsererseits nochmals zu dem sinkenden Dampfer zurück zu
schwimmen. Vielleicht wollte er die in der Eile an Bord vergessene
Badehose noch abholen, vielleicht aber hatte er auch vor uns im letzten
Augenblick wieder Angst bekommen.
Da der Dampfer inzwischen zusehends tiefer sank, war es klar, daß
der Neger bei dem jeden Augenblick zu erwartenden Versinken mit
heruntergerissen würde. Wir konnten uns auch nicht zu seiner Rettung
näher an das sinkende Schiff heranwagen, und die beiden Boote des
Dampfers, die wir, als wir den Neger bemerkt hatten, zurückgerufen
hatten, waren noch zu weit entfernt.
Fast kerzengerade stellte sich „~Midland Queen~” bald darauf auf die
Nase, um pfeifend und zischend für immer von der Meeresfläche zu
verschwinden. Mit ihr wurde der bisher noch über Wasser sichtbare runde
schwarze Kopf des Negers in die Fluten hinabgerissen.
Seine und unsere Bemühungen zur Erhaltung des Lebens dieses farbigen
Engländers schienen also umsonst gewesen zu sein.
Wer aber beschreibt unser Erstaunen, als plötzlich der ganze Körper des
Negers, der an allen Gliedern zappelte, meterhoch aus dem Wasser nach
einiger Zeit wieder herausschoß.
Erst unten im Wasser waren anscheinend die letzten Ladeluken des
Dampfers von dem immer höher steigenden Drucke des Wassers gesprungen.
Die hierdurch freiwerdende Luft aus dem Laderaume schoß mit großer
Fahrt nach oben, alles, was nicht niet- und nagelfest an Deck
des Dampfers war, mit sich reißend, Bretter, Fässer und ähnliche
schwimmbare Gegenstände, wie auch unseren Neger.
Die unfreiwillige Tauchfahrt schien ihm dabei, den Verhältnissen
entsprechend, gut bekommen zu sein, da er sofort wieder seine
Schwimmbewegungen aufnahm.
Wir übergaben ihn dann einem der herbeigeholten englischen
Rettungsboote.
Mächtig um sich spuckend und laut schimpfend über seine Kollegen, die
ihn so niederträchtig an Bord zurückgelassen hatten, ließ er sich dann
von seinen weißen Landsleuten in das Boot hineinziehen, in dem die
Auseinandersetzungen noch eine Zeitlang gedauert haben mögen. --
Auf der Rückreise von einer schönen Sommerfahrt strebten wir eines
Tages bei Morgengrauen in der Nordsee der deutschen Küste zu, deren
ersten Hafen wir gegen Mittag erreichen konnten.
Nachdem wir tags zuvor, auch während der Nacht durch viele
Fischerfahrzeuge hindurchgefahren waren und eine Menge von ihnen bei
der Untersuchung einwandfrei als neutrale oder deutsche festgestellt
hatten, ging ich bei Hellwerden unter Deck, um mich für kurze Zeit
etwas auszuruhen, da hierzu in den letzten Tagen kaum Gelegenheit war.
Dem wachhabenden Offizier erteilte ich den Befehl, von nun an von
einer weiteren Untersuchung der Fischerfahrzeuge abzusehen und sich
nicht mehr unnütz um sie zu bekümmern, da jetzt bei der immer weiteren
Annäherung an die deutsche Küste doch nur noch unverdächtige Fahrzeuge
zu erwarten wären.
Kaum aber hatte ich mich unten zur Ruhe niedergelegt, als der
Wachoffizier mir bereits die Meldung zukommen ließ, daß ein
verdächtiges Segelboot mit großer Flagge im Topp des Mastes in einiger
Entfernung gesichtet sei. An Deck wären viele Menschen zu sehen.
Wohl oder übel mußte ich nach oben gehen.
Tatsächlich machte der Segler einen verdächtigen Eindruck; denn Kopf
an Kopf standen auf ihm viele Leute nebeneinander, oder saßen sogar in
einer Takelage.
Mit geladenen Kanonen fuhren wir daher zur näheren Untersuchung an das
Segelboot heran. Wenn wir auch nicht befürchteten, daß auf diesem
Boote etwa die hunderttausend Engländer säßen, die nach früheren
Verlautbarungen im Kriege nach einer Landung durch Schleswig-Holstein
in das Innere unseres deutschen Vaterlandes spazieren sollten, so ist
doch im Seekriege stets Vorsicht geboten. Wir wären daher so in der
Lage gewesen, bei dem ersten unfreundlichen Benehmen dem Segler sofort
einen warmen Willkommensgruß an deutscher Küste mit unseren Geschützen
entgegenzusenden.
Als wir näher kamen, konnten wir mit unseren scharfen Doppelgläsern
deutlich erkennen, daß oben von der Spitze des Mastes jemand mit großen
Tüchern oder Flaggen uns zuwinkte. Aha! dachten wir darum sogleich,
das ist sicherlich eine für uns beabsichtigte Falle. Wir paßten daher
doppelt nach allen Seiten auf, um uns nicht auf den Leim locken zu
lassen.
Die im Maste des Seglers gehißte außergewöhnlich große schwedische
Nationalflagge schien auch nach bekannten Vorgängen nicht ohne weiteres
die Unverdächtigkeit des Fahrzeuges zu beweisen. Es hieß daher, bis
zum letzten Augenblicke gut auf der Hut zu sein, damit uns nicht etwa
der Torpedo eines in der Nähe versteckt lauernden feindlichen U-Bootes
träfe.
Als wir nun auf Signalverkehr-Weite herangekommen waren, konnten wir
deutlicher erkennen, daß der im Maste hängende Mann versuchte, uns
ein Winkersignal in den bekannten Winkspruch-Buchstaben, die durch
verschiedene Armstellungen gebildet werden, zu übermitteln.
Nicht lange darauf kam auch die Meldung eines Unteroffizieres zu
mir: „Herr Kapitänleutnant, das Signal von dem Fischerboot bedeutet:
Kommandant an Kommandant, ich freue mich sehr, Sie hier begrüßen zu
können!” Also schien das Fahrzeug doppelt verdächtig. Vielleicht
wollte man uns ganz arglos machen durch dieses leicht nachzuahmende
Winkersignal und uns so in die allernächste Nähe des Fahrzeuges locken.
Zunächst ließ ich das Signal noch einmal wiederholen, die Antwort
lautete jedoch ebenso wie das erstemal.
Da wir nun auch schon so nahe gekommen waren, daß wir erkennen konnten,
daß unmöglich außer den gepreßt nebeneinander stehenden Leuten noch
etwa verborgene Geschütze an Deck des Seglers stehen konnten, fragten
wir durch Signal an: „Mit wem haben wir denn eigentlich die Ehre?”
Als Antwort kam sofort zurück: „Hier ist die gerettete Besatzung des
versenkten deutschen Hilfskreuzers ‚Meteor’!” Nun aber freuten die
da drüben sich nicht mehr allein! Auch bei uns war die Freude groß,
schiffbrüchige Kameraden angetroffen zu haben.