Doch nun zurück zu unserem zweiten Freunde. Näher und näher führte uns

der schnelle Lauf unseres Bootes und gar bald erkannten wir aus seiner

am Flaggenstocke wehenden Flagge und den am Schiffskörper aufgemalten

Nationalfarben, daß wir einen spanischen Dampfer vor uns hatten.

Willig stoppte er auf unseren Anruf und sandte ein Boot, in dem ein

Schiffsoffizier die Schiffspapiere längsseit brachte. Ziemlich naß

wurden die Bootsinsassen zwar noch durch den herrschenden Seegang beim

Anlegen an der Bordwand des U-Bootes, doch hatte sich die See bereits

seit heute morgen so weit wieder verlaufen, daß ohne jede Gefahr

eine Fahrt über See mit seetüchtigen Booten auszuführen möglich war.

Hatte der Kapitän der „Vosges” kurz vorher seinen Booten oder seinen

Seeleuten nicht zutrauen wollen, bei diesem Wetter in den Booten das

Schiff zu verlassen? Möglich ist beides, nach dem zu urteilen, was wir

bald nachher an mangelhaftem Bootsmaterial englischer Dampfer und der

oft höchst minderwertigen seemännischen Ausbildung der Bootsbesatzungen

zu sehen bekommen sollten. Vielleicht also hatte der Kapitän der

„Vosges” aus diesem Grund sich hiervor gescheut und den gefahrvollen

Kampf aufgenommen.

Sichtlich erfreut, die Untersuchung seiner Papiere gut überstanden zu

haben, ließ der spanische Schiffsoffizier sich dann auf ein längeres

Gespräch ein. Ich machte ihn und seine Bootsbesatzung nochmals

eindringlichst auf das Gefahrvolle der Seefahrt in dem Kriegsgebiete

aufmerksam, zumal die Engländer ja jetzt vielfach fremde Flaggen

führten und die kleine spanische Flagge, die an seinem Flaggenstocke

wehte, besonders leicht von einem U-Boote mit der englischen Flagge

verwechselt werden könnte. Gleich beteuerte er mir hierauf, daß auch

er sich der drohenden Gefahren wohl bewußt wäre, wobei er in die Worte

ausbrach: „Wo die Engländer jetzt unsere Flagge führen, ist unsere

Position sowieso verloren!”

Auf meine Warnung, ja gut aufzupassen, und sich beim Sichten von

U-Booten nicht etwa der Untersuchung durch die Flucht zu entziehen,

entließ ich ihn mit dem ausdrücklichen Hinweise auf die benachbart

von uns ausliegenden anderen deutschen U-Boote. Er dankte bewegt und

gab zu erkennen, überhaupt keine Lust mehr zu haben, zu Kriegszeiten

in diesem gefährlichen Gebiete weiter zur See zu fahren. Sichtlich

erleichtert bestieg er dann wieder sein Boot, um bald darauf die Reise

nach seinem Heimatshafen, dem lieblichen Santander an Spaniens schöner

Nordküste, fortzusetzen.

Eine Schilderung dieses kleinen Vorfalles mit dem spanischen Dampfer

„Agustina” fand ich später unter der Überschrift „~Toujours l’U ....~”

mit unserer Bootsnummer in der französischen Zeitung „Le Matin” vom

1. April 1915. Dieselbe Zeitung tat uns sogar nach einer längeren

Artikelserie über unser unerwünschtes Auftreten in den französischen

und englischen Gewässern die Ehre an, in einer ihrer nächsten Nummern

ein großes Bild unseres Bootes zu bringen; dieses mag vielleicht

einmal von einem kurz nachher versenkten Dampfer aus oder aus den

Schiffsbooten aufgenommen worden sein.

Zu allen einzelnen hervorragenden Teilen des Bootes führten

Pfeilstriche hin, an denen die nötigen Erklärungen standen. Auf uns,

die wir auf der Kommandobrücke standen, zeigte ein großer Pfeil hin mit

der ehrenden Bezeichnung: „~voilà l’équipage de bandits!~” (Das ist die

Banditen-Besatzung.)

Wir haben diese Schmeichelei nicht übelgenommen, wir waren es schon

gewohnt, in englischen Zeitungen nur noch „Piraten” genannt zu werden,

da kam es uns also auf die „Banditen” auch nicht mehr an. Im Gegenteil,

gerne habe ich mir das kleine Bild des „Matin” einrahmen lassen. Es

soll mich noch oft an die ehrliche Wut des Zeitungsschreibers erinnern

und gereicht uns genau so zur Ehre wie der englische Wutausbruch von

der „deutschen U-Boots-Pest”!

Noch mehrere neutrale Dampfer untersuchten wir in den nächsten

Tagen. Zwischendurch wurden einige englische Dampfer versenkt, wobei

sich meist nichts wesentlich Neuartiges ereignete. Meist versuchten

sie wie die bisher versenkten Dampfer zu entkommen und gaben das

Rennen erst später oder früher auf, teils fügten sie sich auch in

das Unvermeidliche von vorneherein auf das erste Signal, und dann

konnten Passagiere und Besatzung in aller Ruhe und Sicherheit das

Schiff verlassen, dem nachher einige wohlgezielte Granaten oder ein

Torpedo den Gnadenstoß versetzten. Fast immer gelang es uns dann, in

der belebten Zufahrtstraße zur Irischen See, dem St.-Georges-Kanal,

Fischdampfer oder andere neutrale Dampfer oder Segelschiffe

zur Aufnahme der in den Schiffsbooten befindlichen Besatzungen

herbeizuholen, so daß diese bald darauf wohlgeborgen auf diesen

Schiffen wieder das sichere Land erreichen konnten.

Nur einen Fall möchte ich noch anführen, der wiederum zeigt, bis zu

welchem Grade die verlockenden Belohnungen der englischen Regierung

für unsere Vernichtung selbst die Kapitäne der kleinen Fischdampfer

verblendet hatten.

Über zwei Stunden lang waren wir an einem der folgenden Nachmittage im

St.-Georges-Kanale einem fliehenden englischen Dampfer nachgedampft.

Trotzdem wir, als alle Warnungsschüsse ihn nicht zum Beidrehen

veranlaßt hatten, die ersten Treffer in den Dampfer schon auf sehr

große Entfernungen erzielen konnten, versuchte der Kapitän noch immer

zu entkommen. Endlich, als wir näher und näher gekommen waren und ein

Schuß zufällig Passagiere in einem Boot traf, stoppte der Kapitän und

ließ seine Boote zu Wasser. Gleich hatte er genug mit der Rettung der

aus dem vorhin angeschossenen Boote herausgefallenen Leute zu tun.

Schnell machte dann ein Torpedo, nachdem alle Leute von Bord gestiegen

waren, dem Leben des Dampfers ein Ende.

Da es dunkel wurde, fuhren wir in die Nähe eines am Horizonte

sichtbaren Fischdampfers, um diesen noch möglichst bei Helligkeit

an die Stelle zu dirigieren, wo die Leute des versenkten Dampfers

in ihren Booten herumschwammen. Aus Mitleid wollten wir die

Schiffbrüchigen tunlichst schnell auf dem gesichteten Fischdampfer an

Land schaffen lassen. Dieser aber hatte ein schlechtes Gewissen und

warf sofort sein ausgebrachtes kostbares Netz los, um auch die Flucht

zu versuchen. Doch bald waren wir in seiner Nähe und gaben ihm durch

Zuruf zu verstehen, was wir von ihm wollten, und daß ihm selber gar

nichts geschehen sollte.

Der an Deck befindliche Steuermann hatte mich auch verstanden und

war persönlich sehr erfreut darüber, so gut bei unserer Begegnung

davongekommen zu sein.

Kurz darauf aber machte der Fischdampfer eine schnelle Wendung, der wir

selbst weiter keine Bedeutung beizulegen brauchten, weshalb wir ihn

wieder verließen, nachdem wir ihm die Gegend, in der die Boote mit den

Leuten schwammen, genau angegeben hatten.

Hinterher hat der Kapitän dieses zur Hilfe von uns herbeigeholten

Fischdampfers nach den Zeitungen ausgesagt, daß er unter Deck gewesen

sei, als wir in seine Nähe gekommen wären. Er sei dann nach oben geeilt

und habe gesehen, wie sein Steuermann mit uns verhandelte. Sogleich

habe er ihm daher von unten zugerufen: „Steuermann! Ramm’ ihn doch!”

Hierauf war also wohl die kleine, aber gänzlich harmlose Wendung des

Fischdampfers auf uns zurückzuführen, der wir mit geringem Ruderlegen

hatten ausweichen können.

Und dieser bösartige kleine Fischdampfer führte den friedlichen Namen

„Ottilie”. Leider, liebe Ottilie, haben wir deine böse Absicht nicht

erkennen können, sonst hätten wir selbst auf dich keine zarte Rücksicht

nehmen dürfen und du würdest nicht mehr lange am Leben geblieben sein.

Vielleicht hat dein Kapitän auch nachträglich nur mit seiner mutigen

Absicht geprahlt. Seinen Zeitungsbericht schloß er mit den Worten:

„Doch das Unterseeboot manövrierte wie ein Schwan und entkam.”

Kaum waren wir nun hinterher in die Heimat zurückgekommen, als ich

mit der ersten Post bereits ein Dutzend mehr oder weniger deutliche

Anspielungen über mein Manövrieren wie ein „Schwan” von lieben

Kameraden erhielt.

Einige waren so freundlich, mir diesen Zeitungsabschnitt bloß mit

dem Bemerken zuzusenden, ob das „a” in „Schwan” vielleicht nicht ein

Druckfehler wäre, während andere in ihrer Offenheit so weit gegangen

waren, das „a” gleich in den wohlklingenden Doppellaut zu verwandeln,

der dann den Namen eines sehr bekannten und jetzt so besonders

beliebten Tieres ergibt.

Der Gerechte muß eben vieles über sich ergehen lassen, und so konnten

wir auch diesen kleinen Spott der lieben Freunde ertragen und belachen.

Noch manch anderer schöner Dampfer fiel uns im Laufe der nächsten Tage

in die Hände, doch fast immer wiederholte sich dasselbe Bild, bis er

nicht mehr oben schwamm und laut gurgelnd in die Tiefe sauste.

So traten wir dann, nachdem wir uns so ziemlich vollkommen verschossen

hatten, nach einigen Tagen den Rückmarsch an, vielleicht konnten wir

unterwegs noch auf der Rückfahrt einen oder den anderen schönen Dampfer

„mitnehmen”.

So sollte es auch kommen. Noch zwei besonders stattliche Schiffe liefen

uns in den Weg.

Dicht vor der Einfahrt zum Kanale trafen wir einen schwer beladenen,

von Amerika kommenden Dampfer, der auf die französische Küste zuhielt

mit all den schönen Sachen, die jetzt so besonders gerne aus Amerika

versandt werden.

Bald begann die gewohnte Jagd und in eilendem Laufe ging es im

Kielwasser hinter dem entfliehenden Feinde her.

Von vornherein schien der Kapitän sich bewußt zu sein, daß er mit

seiner höchsten Fahrt uns nicht lange würde davonlaufen können, denn

gleich begann er die Seitenboote auszuschwingen, um sie nachher, sobald

es nottat, möglichst rasch zu Wasser lassen zu können. Unser schnelles

Näherkommen gab auch uns die Gewißheit, daß die Jagd dieses Mal nicht

übermäßig lange dauern würde, und wir konnten uns aus Rücksicht auf

den allmählich zur Neige gehenden Proviant und Munitionsvorrat die

Warnungsschüsse für spätere Gelegenheiten sparen. Plötzlich wurden an

beiden Seiten dichte schwarze runde Gegenstände über Bord geworfen,

deren kugelige Oberflächen im Wasser weithin sichtbar blieben. „Der

Kerl wirft Minen!” meinte der neben mir stehende Steuermann, doch

sahen mir selbst diese gefährlichen Gegenstände denn doch nicht ganz

so aus. Wir fuhren in aller Ruhe weiter darauf zu, um sie aus nächster

Nähe zu untersuchen. Und siehe da! Es waren nur die schon vorher

geschnürten Zeugbündel der Besatzung, die die Leute in die Schiffsboote

hatten werfen wollen. Wir erlebten es in diesem Falle zum ersten

Male, daß eine ganze Besatzung eines englischen Schiffes schon von

vornherein ihr Bündel geschnürt hatte, um sofort beim Anhalten durch

eins unserer U-Boote mit ihren gepackten Habseligkeiten das Schiff

verlassen zu können. Später wurde uns dieses ein gewohntes Bild; denn

es hatte sich sicher in den Seemannskreisen der englischen Hafenstädte

herumgesprochen, daß dieser und jener ihrer Kollegen beim Anhalten

seines Schiffes durch ein deutsches U-Boot nicht mehr viel Zeit zum

Packen der Koffer gefunden hatte.

Bald hielt denn auch der Dampfer an, und in aller Ruhe stieg die

Besatzung, dieses Mal in so vorzüglicher seemännischer Ordnung, wie

wir es noch nie zuvor gesehen hatten und auch später kaum noch jemals

wieder zu sehen bekamen, in die Boote.

Einer unserer letzten Torpedos brachte dann dem englischen Dampfer

„Flaminian” die tödliche Wunde bei.

Noch am nächsten Morgen sollte uns abermals ein guter Braten winken,

bevor wir der Westküste Englands und dem Atlantischen Ozean für dieses

Mal Lebewohl sagten.

Ein breiter, schwer beladener englischer viermastiger Dampfer,

gleichfalls von Amerika kommend und mit fünftausend Tonnen Hafer nach

dem französischen Küstenplatz Le Havre bestimmt, wurde achteraus

gesichtet. Die Jagd begann. Er wollte enteilen, doch gleich der erste

auf ihn gerichtete Schuß ging mit weithin sichtbarer Sprengwolke durch

die Mitte seiner Kommandobrücke und sein Kartenhaus hindurch. Gleich

stoppte er und gab Signale für das Rückwärtsschlagen seiner Maschinen;

wir konnten uns also alle weiteren Schüsse ersparen, zumal er auch

damit begann, seine Boote zu Wasser zu lassen.

Näher kommend erkannten wir dann, daß der Kapitän und alle Leute

auf der Kommandobrücke mit erhobenen Armen zum Zeichen der Übergabe

dastanden. Dieses machte von weitem zunächst einen eigenartigen

Eindruck, doch war die Zweckmäßigkeit dieses Zeichens des Sichergebens

auch für den Seekrieg in diesem Falle nicht zu leugnen. Übrigens haben

wir dieses Hochheben der Arme später noch bei verschiedenen Kapitänen

angehaltener Dampfer gesehen.

Bald hatte er auf unsere Aufforderung hin seine Boote mit der Besatzung

zu Wasser gelassen, die auf unser Geheiß zu uns gerudert kamen.

Nun zeigte die Besatzung echt englische Züge, die wir später in

ähnlicher Weise noch des öfteren bei den Besatzungen versenkter Dampfer

wahrnehmen sollten. Ich will daher kurz davon einmal hier erzählen.

Kaum hatten die Leute ihr Leben in den Booten in Sicherheit gebracht,

da fing der ganze Vorfall des Versenkens ihres Schiffes an, ihnen Spaß

zu machen, sie hielten es für eine Art Sport.

Die Nebenumstände waren dieses Mal allerdings auch besonders günstig

für eine gemütliche Auffassung des an sich so ernsten Vorfalles.

Bei spiegelglatter See lachte die Frühjahrssonne über dem ruhig

daliegenden Weltmeere und brachte ihre wärmende Wirkung schon in sehr

angenehmem Maße zur Geltung.

Kaum war der Kapitän des Dampfers nun bei uns angelangt, so bat er

mich, ich möchte doch einmal mit ihm nach dem Vorderteil des Dampfers

hinfahren, um die Löcher, die der tadellose Schuß in die Wände seines

Kartenhauses geschlagen hatte, zu besichtigen. Die Granate wäre ihm

dicht an den Ohren und ebenfalls dicht neben dem am Ruder (Steuerrad

des Schiffes) stehenden Matrosen vorbeigeflogen, ohne jedoch jemand

zu verletzen. Da habe er sich bei so tadellosen Schießleistungen

unsererseits doch gleich sagen müssen, daß es klüger wäre, nicht

weiter die Flucht zu versuchen, weil der nächste Schuß ja schon zu

leicht nicht nur wieder das Kartenhaus, sondern vielleicht ihn selbst

oder seine Leute hätte treffen können. Er hielt sein Boot dann an

unserer Bordwand fest, und wir fuhren zu unserem beiderseitigen

Vergnügen mit nach vorne, um unseren guten Schuß zu bewundern. Einer

der Schiffsoffiziere, dem einer meiner Leute zurief, daß sie froh sein

könnten, nicht gleich durch einen Torpedoschuß versenkt und ertrunken

zu sein, sagte darauf in dankbarer Anerkennung: „~much better so!~”

und wollte uns einen Schluck aus der natürlich in seinem Boote nicht

fehlenden „Whisky-Buddel” nehmen lassen; daß wir hierfür jedoch

dankten, brauche ich wohl nicht erst zu erwähnen. Ringsum war bei

klarstem Wetter nichts weiter in Sicht, so konnten wir uns diesen

Spaß schon einmal gönnen, unseren Schuß in Ruhe zu bewundern. Vorne

angekommen zeigte uns der Kapitän die Schußlöcher, wobei er, mit seinen

Leuten in die Hände klatschend, immer wieder mit den Worten: „~a very

good shot!~” auf die von unserer Granate aufgerissenen Wände seines

Kartenhauses in der Mitte der Kommandobrücke hinwies. Ja, der Kapitän

gratulierte uns gewissermaßen noch zu der Kaperung seines Schiffes,

indem er sagte, „sein Dampfer sei so wertvoll, daß wir wohl noch nie

zuvor einen gleich guten Fang gemacht hätten”. Diesen Gedanken mußten

wir ihm allerdings nehmen, denn zum Glück war vorher schon manche noch

weit bessere Prise uns zum Opfer gefallen.

Das absolut glatte Wasser veranlaßte uns dann, Torpedos und Granaten zu

sparen und es mit kleinen Sprengbomben zu versuchen.

Hierzu brauchten wir eins der englischen Beiboote, um ein

Sprengkommando in diesem Boote zu dem Dampfer hinüberrudern zu lassen.

Einen Teil der Engländer mußten wir während dieser Zeit aus dem

Boote aussteigen lassen und zu uns an Bord nehmen, um den nötigen

Platz für unser Sprengkommando in dem englischen Boote zu schaffen,

nur die zum Rudern nötigen Engländer ließen wir unter Führung eines

Schiffsoffiziers in dem Boote zurückbleiben. Als letzterer gemerkt

hatte, was wir beabsichtigten, erwachte auch in ihm der echte englische

Sportsgeist. Sofort bat er, die Sprenggranate selber an dem Dampfer

anbringen zu können, er wüßte die beste Stelle, wo das Schiff am

verwundbarsten wäre und deshalb in kürzester Zeit versinken würde.

Natürlich gestatteten wir ihm dieses Vergnügen nicht, denn auch uns

war die Bauart derartiger Dampfer nicht unbekannt. Wir wußten alleine

Bescheid, wo wir unsere Sprengbomben anzulegen hatten. In nicht

allzulanger Zeit rissen sie in die Bordwand des schönen Dampfers „Crown

of Castile” ein klaffendes Loch, durch das die Wassermassen gurgelnd

in das Schiffsinnere hineinströmten. In hellen langen Streifen, sich

weit über das Meer hinziehend, floß sodann der schöne gelbe Hafer aus

dem gleichen Loche heraus, und weithin sichtbar zog er sich in goldig

glitzernden Fäden über die Oberfläche des Meeres dahin. Noch lange,

nachdem der Dampfer vollends von der Wasseroberfläche verschwunden

war, legte der schöne auf den Wassern schwimmende Hafer Zeugnis ab von

der wertvollen mit ihm in die Tiefe gesunkenen Ladung. Und ihr armen

französischen Armeepferde, eure Rationen sind euch in der nächsten

Zeit sicherlich etwas beschnitten worden!

An der an Bord unseres Bootes stehenden zirka vierzigköpfigen Besatzung

konnten wir, wie auch sonst stets schon an den in die Nähe kommenden

Bootsbesatzungen, Studien machen über das Menschenmaterial der jetzt

auf englischen Schiffen zur See fahrenden Seeleute.

Über die Hälfte aller Leute bestand aus Chinesen, ein Teil waren Neger,

dann folgten mehrere sichtbar nicht seemännisch ausgebildete Leute,

die anscheinend nur zu Handlangerdiensten verwandt werden konnten,

und schließlich war noch ein nur sehr geringer Teil wirklich guter

Seeleute vorhanden, die zu den seemännischen Dienstleistungen benötigt

wurden; ausgenommen natürlich die Schiffsoffiziere. Wenn auch schon

im Frieden fast alle größeren Handelsdampfer Chinesen als Heizer und

Angehörige anderer, billig abzulohnender Völker an Bord hatten, so war

doch auffällig, daß scheinbar der gute alte englische Seemann, wenn er

es irgend konnte, die gefährliche Seefahrt zur Kriegszeit fast ganz

aufgegeben hatte.

Wir hatten den absoluten Mangel an seemännischem Personal allerdings

häufig auch schon früher aus der oft gänzlich unseemännischen

Handhabung der Boote beim Zuwasserlassen wie auch bei dem späteren

Rudern ersehen können.

Diese Beobachtung wurde mir persönlich auch später von Leuten

bestätigt, die selbst zu Kriegszeiten noch auf englischen Schiffen

gefahren waren. Auch sickerte ja manches durch Zeitungsnachrichten

zu uns durch über Weigerungen von englischen Seeleuten, mit ihren

Schiffen die gefahrvolle Fahrt durch das Kriegsgebiet anzutreten.

Oft berichteten die Zeitungen über harte Bestrafungen, die englische

Seeleute aus diesem Grunde nach dem strengen englischen Seemannsrechte

erhalten hatten.

Selbst ungeahnt hohe Löhne konnten die englischen Seeleute nicht dazu

verleiten, ihr Leben unnützen Gefahren auszusetzen, obwohl die Heuer

(Lohn) der Seeleute enorm in die Höhe gestiegen war. Aus einer einem

Dampfer abgenommenen Besatzungsliste ist mir z. B. noch in Erinnerung,

daß Ende März 1915 die Chinesen-Heizer bereits ungefähr das Fünffache

der üblichen Friedensheuer erhielten.

Englische Zeitungen brachten gelegentlich der Schilderung der

Versenkung der „Crown of Castile” folgende, übrigens ganz niedlich

erfundene Geschichte.

Ich sollte den Kapitän oder einem der englischen Schiffsoffiziere

im Augenblick des Versenkens des Schiffes, auf das sinkende Schiff

hinweisend, höhnisch lachend die Worte zugerufen haben: „~Britannia

rules the waves~.” Er habe in dem Augenblicke dann keine bessere

Antwort finden können, als daß er mir die bekannten Worte des

englischen Premierministers zurückgegeben habe: „~Wait and see!~”

(Abwarten!)

In einem weiteren Artikel mit der Überschrift „~The pirate gives

out cigars!~” wurde dann noch des weiteren breitgetreten, daß wir

der Besatzung nach der Versenkung Zigarren geschenkt hätten. Dieses

letztere stimmte, da der mit dem Sprengkommando zu dem Dampfer

gefahrene Offizier den Leuten, die ihn im Boote gerudert hatten, einige

Zigarren für ihre Arbeit schenkte. Nötig war dieses ja natürlich

nicht; immerhin hatte es in diesem besonderen Fall wohl eine gewisse

Berechtigung. Übertrieben waren jedoch natürlich die Nachrichten,

daß wir U-Boots-Kommandanten prinzipiell die Mannschaften versenkter

feindlicher Schiffe mit Zigarren bedächten. Aber selbst wenn letzteres

der Fall gewesen wäre, so wäre es auch aus den Situationen heraus zu

verstehen. Manch anderer, der mit solchen Zigarrengeschenken durch uns

nicht einverstanden sein sollte, würde wohl in derselben Lage auch

nicht anders gehandelt haben.

Nachdem wir die Boote der „Crown of Castile” verlassen hatten, wollten

wir endgültig den Rückweg nach Osten antreten. Bald sichteten wir auf

unserem Kurse ein größeres Segelschiff, das wir schon von weitem als

neutrales Schiff erkennen konnten. Wir hielten auf das Schiff zu, um

es zur Aufnahme der Schiffbrüchigen des soeben versenkten Dampfers zu

veranlassen. Ein sicherlich schlechtes Gewissen ließ aber auch diesen

Segler bei meinem Sichten dazu verleiten, die Flucht zu versuchen.

Selbstredend war es zwecklos; denn in kürzester Zeit waren wir bei

ihm und bewogen ihn zum Beidrehen, um ihm in Ruhe unseren Wunsch

mitzuteilen. Sichtlich war der übrigens gut Deutsch sprechende Kapitän

darüber erfreut, daß wir ihn selbst erst gar nicht untersuchen wollten,

und versprach daher sofort, die Boote aufzunehmen.

Ängstlich hörte jedoch die an Deck geeilte Frau des Schiffsführers

unserer Unterhaltung, die ihr wohl unverständlich blieb, zu. Hierbei

flatterten ihre Haare, da sie sich keine Kopfbedeckung in der Eile

mehr aufgesetzt hatte, lustig im Winde hin und her, und bald entfernte

sich unter schallendem Gelächter unserer Leute ein guter Teil ihres

Haupthaares mitsamt einem schönen Zopfe und einem -- falschen

Wilhelm und schwamm weiter auf den Fluten dahin. Kaum hatte sich die

erste Freude hierüber gelegt, als der auf dem Turme am Steuerruder

stehende Matrose mit gänzlich heiserer und anscheinend von Salz halb

zugeklebter Stimme in die Worte ausbrach: „Die Ollsche hat Angst!”, was

natürlich einen weiteren Heiterkeitsausbruch zur Folge hatte.

Ja, die Ollsche schien wirklich Angst zu haben, doch bald konnten

wir sie von dieser Angst befreien, sobald wir den Segler hinter uns

zurückließen, der gleich darauf an sein Rettungswerk ging, während wir

in Ruhe unseren Rückmarsch fortsetzten.

Von unserer an Ereignissen noch recht reichen Rückfahrt kann ich jedoch

vorläufig nichts weiter erzählen.

Nur eins möchte ich zur Beruhigung noch mitteilen, nämlich, daß wir

wieder einmal nach französischen Zeitungsnachrichten durch ein tapferes

Geschwader von sechs Fischdampfern im Kanale vernichtet worden waren,

worauf wir dann jedoch trotzdem am nächsten Tage wohlbehalten im Hafen

von Ostende eintreffen konnten.

Freudig wurden wir hier wiederum von vielen Kameraden der Armee und

des Marinekorps empfangen. Frohen Herzens konnten wir dann für einige

Ruhetage wieder unser Boot an eroberter deutscher Küste festmachen.

Wer es von unseren Kameraden zu Lande konnte, kam zu uns an Bord, um

uns zu beglückwünschen und sich von uns unsere Erlebnisse alles bis ins

kleinste erzählen zu lassen.

Mit noch größerem Interesse ließen wir uns aber berichten von den

inzwischen wieder errungenen weiteren herrlichen Siegen unserer braven

Truppen.

Als U-Boots-Kommandant gegen England · 第 8 / 11 段