und Ladung erfolgt durch ein regelrechtes Gerichtsverfahren unserer
Prisengerichte. Dieses Verfahren erfordert natürlich eine gewisse
Zeitdauer. Da nun aber unsere Dampfer alle mehr oder minder
verderbliche Lebensmittel an Bord hatten, mußten diese schon vor
Abschluß des langweiligen gerichtlichen Verfahrens so schnell als
möglich entladen und verwertet werden. Auf höhere Anordnung begann die
Entladung der Dampfer, zunächst auf Rechnung unseres Prisengerichtes.
Hätte das Prisengericht später die Rechtmäßigkeit der Aufbringung
verneinen müssen, so wäre der Wert der Waren den Besitzern durch das
Deutsche Reich zurückerstattet worden. Dieses trat, wie von vornherein
zu übersehen war, zum Glück nicht ein.
Gleichzeitig wurden die Personalien der Besatzung und der Passagiere
festgestellt und die in wehrfähigem Alter stehenden männlichen
Angehörigen der feindlichen Nationen einer ärztlichen Untersuchung auf
ihre Felddienstfähigkeit unterzogen. Die Dienstfähigen sollten dann
interniert werden, während alle übrigen baldmöglichst unter sicherem
Geleite an die holländische Grenze befördert werden sollten.
Einer der untersuchenden Ärzte erzählte mir später, daß er einen noch
nicht ganz fünfzig Jahre alten, sehr rüstigen Franzosen untersucht
und für diensttauglich befunden hätte. Er sollte daher zurückbehalten
werden. Entrüstet hätte der Franzose hierauf aber hoch und heilig
beschworen, daß er bei seinem Alter ja gar nicht mehr dienstpflichtig
sei. Als der Arzt ihm dann zu verstehen gab, daß er sich doch immer
noch vielleicht als Kriegsfreiwilliger seinem Lande während des Krieges
zur Verfügung stellen könnte, was bei uns in Deutschland noch oft viel
ältere Leute täten, lachte der Franzose nur überlegen und versicherte,
daß er dies niemals tun würde. In Frankreich sei überhaupt wohl kaum
ein Mann so dumm, sich freiwillig zu stellen.
Munter rasselten nun die Dampfwinden der beiden Schiffe, und immer
neue Kisten, Säcke und Ballen wurden aus den geöffneten Laderäumen der
Dampfer ans Tageslicht befördert und zur Weiterentsendung auf die auf
der Mole vor ihnen bereitstehenden Eisenbahnzüge verladen.
Unsere Matrosen und Soldaten, die zu Hunderten zu diesem ungewohnten
Geschäfte kommandiert waren, haben wohl selten einen Dienst so gerne
und freudig verrichtet wie diesen des Entladens der Prisendampfer.
Traurig sinnend schauten dagegen die Kapitäne und Schiffsoffiziere
vom Deck ihrer Dampfer zu, wie unsere Matrosen ein ausgeschlachtetes
Schwein nach dem anderen oder dazwischen einen toten Hammel auf ihren
breiten Schultern im Galopp davontrugen. Die einzelnen Kompagnien
der zum Entladen kommandierten Mannschaften erhielten für ihre
Verpflegung durch die Verteilungsstelle nun gleich ein Schwein oder
einen Hammel zugewiesen, was mir zunächst nicht bekannt war. Als ich
daher zwei Matrosen mit einem toten Schwein und einem dito Hammel im
Rechtsgalopp auf der Mole nach Land zu laufen sah, glaubte ich, daß
hier vielleicht etwas nicht mit rechten Dingen zuginge und am Ende
eine etwas willkürliche Art der Requisition stattgefunden habe.
Stramm meldete mir aber der erste Matrose: „Das ist das Schwein von
Kompagnie sieben und das (auf seinen Nachbar zeigend) ist der Hammel
von Kompagnie neun.” So hatte also alles seine Ordnung und ich konnte
noch, bis die Abschiedsstunde schlug, voll innerer Freude dem lustigen
Entladebetriebe der Dampfer zuschauen.
Gewaltige Mengen ausgeschlachteter Schweine und Hammel -- ihre
Menge habe ich nicht zählen können -- mächtige Kiepen mit lebenden
Aalen und geschlachteten Enten wurden auf die gleich zu den
einzelnen Truppenteilen adressierten Eisenbahnwagen geladen, während
dazwischen große Fässer schönen Amsterdamer Bieres „nach Münchener
Art” hinaufgerollt wurden. Vor allem aber machte es unseren Leuten
Spaß, die kolossalen Eierkisten für ihren Truppenteil zu empfangen.
Waren doch gerade Eier ein nicht allzu häufig auf ihrem Speisezettel
stehendes Nahrungsmittel, außerdem winkte in einigen Tagen ja das liebe
Osterfest, wo man diese Eier wohl gut und gerne verwerten konnte.
So sollte es auch kommen. Jeder Mann der im Norden stehenden Armee
bekam, wie wir später von Kameraden hörten, zum Osterfeste bis zu acht
Eiern aus diesen Ladungen. Sollte einer oder der andere Angehörige
dieser Armee jedoch hierbei schlechter weggekommen oder gar gänzlich
leer ausgegangen sein, so bitte ich uns nicht dafür verantwortlich zu
machen. Das ist _sein_ Pech gewesen, und Ostern kommt bald wieder.
In einer holländischen Zeitung, die ich gerade zur Hand habe, hat
später anscheinend der Kapitän eines der beiden Dampfer einen Artikel
über das Aufbringen und Entladen der Dampfer in uns sehr wohlwollenden
Worten veröffentlicht. Hierbei hat er auch die Stückzahl der Eierladung
verraten; die betreffende Stelle lautet in wörtlicher Übersetzung: „An
Bord des Dampfers ‚Zaanstroom’ befanden sich viertausendvierhundert
Kisten mit Eiern zu je durchschnittlich eintausendachthundert Stück und
zweihundert Faß Bier. Von diesen wanderten zwei _direkt_ an Bord von
dem Torpedo” -- womit er unser U-Boot meinte. Wer hätte es uns auch
wohl verdacht, daß unsere Leute einen guten Schluck auf unser Jagdglück
tun wollten.
Am nächsten Nachmittage war die Feststellung der Personalien von
Passagieren und Besatzung beendet. Eine große Anzahl von ihnen mußte
als Kriegsgefangene in ein Konzentrationslager wandern, und manch
rührende Abschiedsszene gab es da mit den auf freiem Fuß belassenen
Frauen und ihren festgenommenen Angehörigen.
Der Rest wurde unter militärischer Bedeckung mit einem Extrazuge, der
vor den Dampfern vorgefahren war, an die holländische Grenze gebracht.
Man sah den zu diesem Dienste kommandierten Matrosen deutlich
an, daß sie sich nicht gerade ungerne zu dieser Eisenbahnfahrt
hatten kommandieren lassen. Denn vergnügt saßen sie, bis zu
den Zähnen bewaffnet, zu zweien mit je zweien unserer schönen
Varieté-Künstlerinnen im Abteil zusammen. Ich glaube, sie hätten es
ganz gerne gesehen, wenn die Fahrt noch ein bißchen weiter als nur bis
zur holländischen Grenze gegangen wäre. --
Noch einmal gingen wir an dem Zuge kurz vor seiner Abfahrt entlang,
um unseren neuesten Bekannten, die sich allerdings nach unserer
Bekanntschaft so gar nicht gesehnt hatten, Lebewohl zu sagen.
Hierbei dankte mir ein alter Amerikaner, dem ich persönlich eine
kleine Gefälligkeit hatte erweisen können, im Namen aller Passagiere
wiederholt gerührt für die gute Behandlung, die sie alle bei der
Aufbringung ihres Dampfers und auch hier im Hafen gefunden hätten.
Ich mußte diese Dankesworte ablehnen, denn sie waren nur so behandelt
worden, wie es ihnen zukam. Höchstens hätten sie sich bei ihrem
holländischen Dampferkapitän bedanken können, weil er nicht unnütz ihr
Leben durch weitere Flucht gefährdet hatte.
Unter munterem Abschiedswinken setzte sich dann der Zug in Bewegung. Ob
wohl einem oder dem anderen der zurückbeförderten Passagiere die Lust
zu einer abermaligen Seereise nach England bei Kriegszeiten vergangen
ist?
Nach Abfertigung des Eisenbahnzuges schlug auch für uns die
Abschiedsstunde. Schnell wurden wiederum die Leinen gelöst, die uns
für zwei so schöne erinnerungsreiche Tage an die flandrische Küste
gefesselt hatten.
Noch im Vorüberfahren winkte ich den auf ihren Dampfern zur Abwickelung
aller weiteren Geschäfte zurückgebliebenen holländischen Kapitänen zu.
Als ich den letzten hierbei mit dem Sprachrohr anrief: „Na, Herr
Kapitän, auf Wiedersehen!” schallte es zurück: „Sehr gerne! aber
hoffentlich nicht wieder so!”
Dann ging es weiter -- westwärts.
An Englands Küsten
Schnell trug unser Boot uns weiter und weiter nach Westen. Rasch
entschwanden unseren Blicken die winkenden Kameraden auf der
äußersten Molenspitze, dann die Mole selbst, und auch der uns lange
noch sichtbare Leuchtturm wurde bald darauf in der einsetzenden
Abenddämmerung unseren Blicken entzogen. Ein letzter Abschiedsblick
galt ihm als dem allerletzten sichtbaren Wahrzeichen des von uns
eroberten Landes. Bald sollten wir nur noch feindliche Küsten um uns
haben.
Vorbei ging es zunächst an dem französischen Hafenplatz Boulogne.
Mächtig und imponierend stand die dreiundfünfzig Meter hohe
Marmorsäule, auf der die fünf Meter hohe Bronzestatue Napoleons I.
thront, den Blick nach Englands Küste gewandt. Dieses Standbild
wurde errichtet zur Erinnerung an das in den Jahren 1803/05 geplante
Unternehmen Napoleons I., mit einem starken Heere auf vielen
bereitgehaltenen Schiffen nach England hinüberzusetzen. Auch wurden
von Napoleon I. gleichzeitig zur Sicherung der Hafenanlagen stärkere
Befestigungen angelegt. Schon standen achtzigtausend Mann versammelt,
als Napoleon, nach Ausbruch der Feindseligkeiten mit Österreich,
im Jahre 1805 seine Truppen auf anderen Kriegsschauplätzen nötiger
gebrauchte. So unterblieb das großzügig geplante Unternehmen einer
Landung in England, und nur die Napoleon-Säule gibt noch Kunde von
einem nicht zur Verwirklichung gekommenen kühnen Plane. Leichter ist
jetzt den damals feindlichen Brüdern, den Engländern, die Landung auf
französischem Boden geworden. Jetzt können die Söhne Albions, die in
den Heerlagern an der französischen Nordküste liegen, sich in Ruhe und
Muße die Statue des großen Kaisers betrachten, der über das Willkommene
ihres Besuches auf französischem Boden vielleicht anders denken würde
als die heutigen Staatsmänner der französischen Regierung.
Schon gleich am ersten Tage sollte es für uns im französischen Kanal
Arbeit geben. Einige Dampfer konnten versenkt werden, nachdem auch
ihre Besatzungen wieder in den Booten das Schiff verlassen hatten.
Im allgemeinen wiederholte sich in großen Zügen bei jedem versenkten
Dampfer das gleiche Bild.
Dann aber war es uns zum ersten Male vergönnt, mit einem U-Boote über
und unter den Fluten des Nord-Atlantiks dahinfahren zu können. Auch
dieser schien sich über unser erstmaliges Erscheinen zu freuen und
hatte daher alle Register aufgezogen, um sich von der stolzesten und
prächtigsten Seite zu zeigen.
Einer der bekannten Märzstürme brauste über seine aufgeregten Fluten.
Nur wer es kennt, das gewaltige Weltmeer, mit seinen riesigen
blauschwarzen Wogen und ihren blendend weißen Schaumköpfen, kann seine
stolze Majestät ganz ermessen.
Immer wieder und wieder sich überstürzend drängten die von
Westen kommenden Wogen hinein in die geöffnete Mündung des
französisch-englischen Kanals, sich hindurchwälzend durch die von
Englands und Frankreichs Küsten eingezwängten Gewässer, um dumpf
brausend und brandend an den scharfen Felsenspitzen Nord-Frankreichs
oder den im Sonnenglanze weiß schimmernden Kreidefelsen eines
englischen Küstenstriches zu zerschellen und ermüdet dort ihr Rennen
aufzugeben, um es gleich wieder von neuem zu versuchen.
Schön ist dieser prächtige Anblick jedesmal wieder von dem hohen
Verdecke eines stolzen, die auseinanderspritzende Flut in eilendem
Laufe durchfurchenden Schnelldampfers. Ruhig und friedlich wiegt
sich auf diesen Wogen emporgetragen und herabgezogen das stattlich
schöne Segelschiff. Doch noch herrlicher wirkt dieses gewaltige
Naturschauspiel von dem niedrigen, schon bei stiller See kaum über das
Wasser hervorragenden Oberdeck eines U-Bootes! Und am allerschönsten
ist es, mit tauchklarem U-Boote hineinzutauchen in die sich
auftürmenden, lang dahinrollenden Wogen des Ozeans, bis sie sich wieder
gurgelnd über unseren Köpfen schließen und zusammenschlagen, um uns
milde allen neugierigen Blicken zu verbergen.
In ewigem Wechsel wird die kleine Nußschale unseres Bootes
herabgerissen in das tiefe Wellental der Ozeanwogen, um im nächsten
Augenblicke gleich wieder emporgeschleudert zu werden auf der nächsten
Woge stolzen Kamm. Frech nässen uns die fortgesetzt über das ganze
Boot hinwegfegenden Spritzer wie mit einem dichten silberglitzernden
Schleier und gar bald haben sie uns und unser Boot von unten bis
oben mit einer scharfen Salzkruste überzogen, die die Augen bis zu
Tränen rührt und im etwa geöffneten Munde einen scharf salzigen
Geschmack erzeugen. Doch „uns Schiffer im kleinen Kahne ergreift’s
nicht mit wildem Weh”. Ferne sind gottlob alle drohenden Felsenriffe,
wohl „schaun wir hinauf in die Höh’”, auf den Gipfel der stolzen
Meereswogen, doch gleich darauf können wir wieder, von unsichtbaren
Armen emporgetragen, von der Spitze des eben noch hoch über uns
hängenden Gipfels der Wogen hinabblicken in das tief unter uns liegende
liebliche Wellental!
„Solch ein Wetter macht Spaß!” „Das ist doch mal wenigstens ein
anständiger Seegang!” Diese und ähnliche Aussprüche waren die einzigen
Bemerkungen, die ich jemals bei wirklich schwerem Wetter von unseren
Leuten hörte. Ja selbst wer unter den Folgen der Seekrankheit litt und
dem Meere seinen Tribut zahlte, lachte wieder auf bei dem herrlichen
Anblick der Majestät des Weltmeeres.
Glücklicherweise sind ferner unsere U-Boote in jeder Beziehung so
außerordentlich gute Seeschiffe, daß nur selten und nur in den unteren
Schiffsräumen einige Leute an der Seekrankheit zu leiden haben.
Manche werden dieses teuflische Leiden allerdings niemals los. Sie
sind zu bedauern, aber es ist ein schönes Zeichen, daß gerade sie
nimmer die Lust zur Seefahrt verlieren. Wenn man selbst niemals unter
dieser Krankheit gelitten hat, fragt man sich wohl unwillkürlich, ob
man selber auch so mutig und standhaft die böse, böse Seekrankheit
über sich immer von neuem ergehen lassen würde. Aber es muß ja wohl
ein stets schnell vergessenes Leid sein, denn gerade die ewigen
Seekrankheits-Kandidaten lachen gleich hinterher am meisten über ihren
bisherigen Zustand.
So lagen wir bei schwerem Südweststurme vor der westlichen Einfahrt
zum Englischen Kanal auf der Lauer. Kein Schiff ließ sich sehen. Sie
alle hatten es nach Möglichkeit vorgezogen, bei dem stürmischen Wetter
den schützenden Hafen nicht zu verlassen, oder sie hatten irgendwo in
einer ruhigen Bucht unter Land Schutz gegen Wind und Wetter gesucht
und gefunden. Uns war dieses natürlich verwehrt. Es kam noch hinzu,
daß im Kanal gegen Friedenszeit die Schiffahrt auch schon merklich
abgenommen hatte. Die deutschen Schiffe blieben aus, neutrale Dampfer
zogen es vor, das Kriegsgebiet zu meiden, und wählten lieber einen zwar
weiteren, aber ungefährlichen Weg um die Shetlands-Inseln herum, die
nördlichste, der schottischen Küste vorgelagerte Inselgruppe. Ja selbst
die englischen Schiffe fuhren auch längst nicht mehr so zahlreich wie
im Frieden durch das gefährliche Kriegsgebiet.
Da wir außerdem bei dem unsichtigen Sturmwetter und der
durch fortgesetzte Spritzer mit Wasserdämpfen erfüllten Luft
begreiflicherweise auch keinen ganz so weiten Ausblick hatten wie bei
ruhigem klaren glatten Wetter, ist es erklärlich, daß wir lange auf der
Lauer liegen mußten, ehe uns das erste Schiff zu Schuß kam.
Es war am nächsten Morgen nördlich der Scilly-Inseln, der Inselgruppe
an der ~SW~-Ecke Englands.
Noch ging die See zwar hoch, doch der grobe steife ~WS~-Wind hatte an
Stärke verloren und war einem mittleren, gleichmäßigen, aus ~SW~ noch
wehenden Winde gewichen. Bei heller klarer Märzsonne wehte der schon
wärmende Frühlingswind von hinten leise über unser in den Bristol-Kanal
hineinlaufendes Boot hinweg.
Da endlich erschien hinter uns mit gleichem Kurse vor der See laufend
ein großer Dampfer, der anscheinend den Hafen von Cardiff zu erreichen
versuchte. Sein Kurs schien ihn aus einem südamerikanischen Hafen
heraufgeführt zu haben.
Schnell wandten wir unser Boot herum und fuhren gegen die anlaufende
See ihm entgegen, um ihn durch Flaggensignal zum Beidrehen aufzufordern.
Kaum aber hatte er uns erblickt, als er auch schon sofort kehrtmachte
und zu entrinnen versuchte. Noch immer zeigte er keine Nationalflagge
und beachtete auch das ihn zum Zeigen der Nationalflagge auffordernde
Flaggensignal nicht. Es war somit klar: Wir hatten einen Engländer vor
uns!
Auch nach Abgabe unserer jetzt in seine Nähe gefeuerten Warnungsschüsse
brachte er sein Schiff nicht zum Stehen, sondern versuchte, in leichtem
Bogen mit höchster Fahrt auf seinen alten Kurs zurückzudrehen, um so
seinen Bestimmungshafen zu erreichen. Gleichzeitig feuerte er in
kurzen Zwischenräumen Raketensignale ab, die anscheinend die Hilfe in
der Nähe vermuteter englischer Bewachungsschiffe herbeiholen oder uns
wenigstens verblüffen sollten.
Es blieb uns nichts übrig, als ihn durch einen Schuß in sein Schiff zum
Anhalten zu bewegen.
Laut krachend schlug die erste Granate in der Nähe seiner
Kommandobrücke ein, aber noch immer gab er die Jagd nicht auf. Seine
einzige Antwort bestand im Gegenteil wieder darin, daß er weitere
Hilfsrufssignale mit Raketen abgab, und daß er hinten am Flaggenstocke
die englische Flagge emporsteigen ließ, zum Zeichen, daß er den Kampf
aufnehmen wollte. Nun gut! Er sollte ihn haben!
Das gleiche Schauspiel haben wir übrigens auf dieser, wie auch auf
späteren Fahrten, verschiedentlich beim Feuergefechte mit englischen
Dampfern erlebt, daß sie nämlich ihre Flagge erst in dem Augenblicke
setzten, wo sie den ersten Treffer im Schiffe hatten. Alle Achtung vor
dem persönlichen Schneid dieser englischen Schiffsführer! Aber wie
verblendet und kurzsichtig gegen ihre Besatzung und ihre Passagiere,
deren Leben sie unnützerweise aufs Spiel setzen. Dieses sollte gerade
in dem vorliegenden Falle in besonders starkem Maße zur Schau treten,
wie wir später aus englischen Zeitungen erfuhren.
Fortwährend im Kreise drehend, versuchte der Engländer zum Rammstoß
auf uns anzusetzen. Wohlweislich aber drehten wir ihm immer in
solchem Abstande und in solcher Richtung nach, daß ein Rammen durch
ihn ausgeschlossen blieb. Dagegen bot er uns bei seinem Abdrehen ein
willkommenes großes Ziel in dem Augenblicke, wo er uns bei der Drehung
seine ganze Breitseite zuwandte. Jedesmal sollte ein krachender und
prasselnder Treffer ihm dann Kunde von der Schießfertigkeit unserer
Geschützbedienungen geben.
Nicht leicht hatten es die Leute an den Kanonen. Hoch wälzten sich
noch immer die Wogen über unser niedriges Bootsdeck hinweg. Häufig
standen die Geschützbedienungen bis zum Halse in der kalten salzigen
Flut. Auch wurden sie des öfteren von besonders schweren Wellen vom
Deck heruntergespült und zappelten eine Weile außenbords. Doch immer
konnten wir sie wieder glücklich auf das Oberdeck heraufziehen, falls
die nächste Meereswelle sie noch nicht von allein wieder zu uns
zurückspülte, was auch häufig der Fall war. Sie alle waren, jeder
einzeln, mit starken Leinen an die Kanonen angebunden, so daß wir zum
Glück keinen Verlust an Menschenleben hatten.
Nun stieg die Hoffnung unseres Gegners, zu entrinnen, naturgemäß,
sobald er sah, daß unsere Geschützmannschaften von schweren Brechern
an Deck gerissen oder gar über Bord gespült wurden. Aber auch unsere
Kampfeslust stieg doppelt mit jedem Treffer.
So ging die wilde Jagd weiter. Ein wohlgezielter Treffer zerschoß
des Engländers Flaggenstock am Heck, so daß die rote Flagge mit dem
„Union Jack” müde heruntersank, doch wurde sie kurz darauf wieder am
Vortopp des Schiffes gehißt. Auch hier sollte sie aber nicht lange im
Winde flattern, denn schon einer der nächsten Treffer holte sie wieder
mitsamt der oberen Stange des Vormastes von oben. Noch ein drittes
Mal stieg sie empor an einer stehengebliebenen Flaggenleine an der
Raa des Vortopps. Allerdings war sie jetzt schon in der an Bord wohl
herrschenden Unruhe verkehrt herum, mit dem „Union Jack” nach unten,
aufgehißt worden und so wehend sollte sie auch später mit dem mutigen
Schiff in die Tiefe gleiten.
Schon über vier Stunden hatte die Jagd gedauert, aber noch immer
war es uns nicht gelungen, dem Dampfer wirklich eine tödliche Wunde
beizubringen. Wohl brannte er schon verschiedene Male an mehreren
Stellen, auch klafften große Löcher an beiden Seiten seiner Bordwände,
doch immer gelang es der Mannschaft wieder, des Brandes Herr zu
werden, oder es saßen die Schußlöcher in seiner Bordwand so hoch,
daß kein oder nur wenig Wasser in die unteren Schiffsräume durch sie
hineinströmen konnte, so daß seine Pumpen das eingedrungene Wasser aus
dem Schiffe herauszupumpen imstande waren. Oft auch kam es vor, daß
gerade im Augenblicke des beabsichtigten Schusses sich eine hohe Welle
dicht vor der Mündung der Kanone in der Schußrichtung aufbäumte, so
daß die Granate laut zischend durch den Wasserberg hindurchsauste. Wir
alle wurden dann von unten bis oben in das über das ganze Boot sich
ergießende Spritzwasser gehüllt, das uns für kurze Zeit die Möglichkeit
eines Ausblickes vollkommen benahm. Doch bald war das nicht bestellte
Brausebad wieder vorüber und uns schadete es ja gar nichts, wenn wir
noch ein bißchen nasser wurden. Wir waren doch schon seit mehreren
Tagen naß genug.
Es war aber auch für uns die höchste Zeit, denn schon näherten sich dem
Kampfplatze mit hoher Fahrt einige durch die Schüsse und Raketensignale
herbeigelockte englische Torpedoboots-Zerstörer oder sonstige
Wachfahrzeuge. Mächtige Rauchwolken, aus ihren Schornsteinen gen Himmel
steigend, zeigten an, daß sie keine geringe Fahrt liefen und wohl in
nicht allzulanger Zeit auf dem Kampfplatze erscheinen würden.
Zeit war es daher für uns, das Feld zu räumen, zumal der sich immer
stärker und stärker zur Seite neigende Dampfer sichtlich genug hatte
und jeder weitere Schuß daher nur eine Munitionsvergeudung bedeutet
hätte. Vor allem aber auch, weil ein neuer großer Dampfer in südlicher
Richtung erschienen war, der ein zweites verlockendes Opfer zu werden
versprach. So hielten wir daher mit höchster Fahrt auf diesen gleich zu.
Einen letzten Blick warfen wir zurück auf unseren verschwindenden
tapferen englischen Gegner und auf die sich ihm immer mehr nähernden
Rauchwolken, die ihm die Rettung bringen sollten. Es war das erste und
sollte auch bisher das letzte angegriffene und beschossene feindliche
Schiff bleiben, dessen Sinken uns nicht mehr vergönnt war, selbst mit
anzusehen.
Auch hatte uns das tapfere Aushalten des Kapitäns und seiner Besatzung
trotz aller gegenteiligen Vernunftsgründe einen gewissen Eindruck
gemacht. Im stillen sagte ich mir beim Verlassen des lahm geschossenen
Gegners, daß hier wohl die englische Regierung alle Veranlassung
hätte, dem Kapitän und der Besatzung, falls es ihnen wider Erwarten
noch glücken sollte, das Schiff zu erhalten oder ihr Leben zu retten,
Auszeichnungen und Belohnungen zuteil werden zu lassen. Und so sollte
es auch kommen.
Wir lasen nämlich gleich nach unserer Rückkehr in den deutschen Hafen,
daß unser Dampfer, bald nachdem wir ihn verlassen hatten, gesunken
war, während die noch lebenden Teile der Besatzung und der Passagiere
von den zur Hilfe herbeigeeilten Fahrzeugen aufgenommen waren. Der
Kapitän, dessen tapferes Verhalten in allen englischen Zeitungen in den
überschwänglichsten Ausdrücken gelobt wurde, wurde zum Reserveoffizier
der englischen Flotte ernannt, während die Mannschaften Belohnungen in
barem Gelde erhielten.
Doch was hatte dieses Verhalten des Kapitäns gekostet?
Sämtliche Offiziere des Dampfers bis auf den Kapitän selbst waren in
unserem Feuer gefallen, einige Leute der Besatzung und, wenn ich mich
recht erinnere, auch einige Passagiere gleichfalls. Die Passagiere
waren von dem Augenblicke der Beschießung an von dem Kapitän zur
Unterstützung der Heizer in die Kesselräume geschickt worden und hatten
im Schweiße ihres Angesichtes die schwere ungewohnte Arbeit des Heizens
der Schiffskessel mitverrichten müssen, um die Geschwindigkeit des
entfliehenden Schiffes bis zum äußersten zu steigern.
Ja, er hätte es billiger haben können, der Kapitän des Dampfers
„Vosges”, dessen Namen wir erst, da er am Schiffskörper übermalt war,
aus den Zeitungen erfuhren.
Auch diese unnützen unschuldigen Menschenopfer hätten ohne seinen
Starrsinn und ohne die Verhaltungsmaßregeln der englischen Regierung
gespart werden können.