Immerhin war es nicht ganz unbedenklich, den ersten Dampfer für Stunden

alleine mit dem schwachen Prisenkommando zurückzulassen, denn wieder

würde die Jagd lange dauern können, und dann war es auch fraglich,

ob es noch möglich wäre, auch nur den ersten Dampfer vor Einbruch

der Dunkelheit in den schützenden Hafen hineinbringen zu können. Wie

leicht konnte er in der Dunkelheit, bevor wir ihn wieder eingeholt

hatten, nach einem benachbarten holländischen Hafen entschlüpfen.

Auch konnte er sich etwa unter den Schutz holländischer Kriegsschiffe

oder Bewachungsfahrzeuge stellen, und dann wäre wiederum eine neue

schwierige Lage entstanden. „Besser den Sperling in der Hand als die

Taube auf dem Dache!” dachte auch ich daher zunächst, bis ich auf

Grund eigenen Beschauens des neuerdings gesichteten Dampfers, wie auch

ermuntert durch die Beteuerungen meiner um mich stehenden Offiziere:

„Es ist doch aber so ein schöner Dampfer!” mich kurz entschloß, den

Versuch zu wagen. Schnell erhielt der erste Dampfer Befehl, mit

mäßiger Fahrt auf dem alten Kurse weiterzufahren. Wir wollten wieder

nachkommen, nachdem wir den anderen Dampfer untersucht hätten.

So verließen wir in eilender Fahrt unseren ersten Prisendampfer und

fuhren der Nummer Zwei entgegen, um ihr den Weg nach der englischen

Küste zu verlegen.

Schon bald -- nach nur halbstündiger Jagd -- konnten wir unseren

Signalbefehl zum Beidrehen dem Dampfer übermitteln, der gleichfalls

die holländische Flagge gesetzt hatte und auch an der Bordwand die

holländischen Farben zeigte.

Er sah das Nutzlose eines Fluchtversuchs sofort ein und sandte auf

unseren weiteren Signalbefehl unverzüglich ein Boot, in dem der Kapitän

selbst mit seinen Schiffspapieren kam. Nicht sonderlich erfreut über

unsere Begegnung schien auch er zu sein. Er war persönlich zu uns

herübergekommen, weil er wohl hoffte, noch selbst am besten sich einer

Aufbringung entziehen zu können.

Hierin mußte er allerdings gleich eine traurige Enttäuschung erleben,

da ich ihn sofort nach Einsicht in seine Ladepapiere -- Eierladung

nach London bestimmt -- auffordern mußte, mir auch nach einem Hafen

Flanderns zu folgen.

Das schon bereitgehaltene Prisenkommando, wiederum ein Seeoffizier und

diesmal ein Heizer, da ich keinen Matrosen weiter entbehren konnte,

bestieg sein Boot. In sein Schicksal ergeben, nahm auch der Kapitän

wieder darin Platz, um seinem Dampfer zuzusteuern. Einige auch von

ihm vorgebrachte Befürchtungen über Minengefahr wußte ich schnell

zu zerstreuen. Wohlweislich behielt ich die Papiere des Dampfers an

Bord zurück, da ich so einige Gewähr dafür hatte, daß er treu bei mir

bleiben würde. Es war der holländische Dampfer „Zaanstroom”.

Gleich begann die Fahrt zurück zu unserem vor eineinhalb Stunden

verlassenen ersten Dampfer, den wir auch bald darauf wieder auf dem

alten Kurs einholten.

Ob wohl an Bord des ersten Dampfers Freude darüber geherrscht hat,

einen Landsmann als Mitleidtragenden begrüßen zu können? Ich weiß es

nicht. Wohl aber weiß ich, daß nunmehr beide, immer noch wegen der

eingebildeten Minengefahr, nicht vorn fahren wollten. Jeder sagte: „Laß

den anderen nur vorne fahren, dann kommt der zuerst auf die Minen!” Und

diesen Wunsch versuchte jeder dadurch zur Ausführung zu bringen, daß

er durch Schlagen eines Kreises sich fortgesetzt hinter den anderen zu

setzen vermochte.

Wer beurteilen kann, was es an und für sich heißt, zwei Handelsdampfer

dicht hintereinander fahren zu lassen, bei wesentlich verschiedenen

Geschwindigkeiten, wird die Schwierigkeiten verstehen, die es mir

bereitete, in dieses Geschwader Ordnung hineinzubringen, zumal gerade

der am schnellsten fahrende Dampfer die meiste Lust verspürte, hinten

zu bleiben.

Uns blieb zunächst nichts anderes übrig, als durch energische

Signalbefehle unseren Willen durchzusetzen zu versuchen. Wie ein

Schäferhund seine Herde umkreist, mußten wir unter fortwährendem

Herumfahren um beide Dampfer den einen zum Weiterfahren mit höchster

Fahrt anspornen und den schnelleren zum Mäßigen der Geschwindigkeit

anhalten. Verschiedentlich drohte uns nämlich einer der beiden Dampfer,

bei dem immer noch wenig sichtigen Wetter aus Sicht zu kommen, und dann

war bei noch eintretenden weiteren Verzögerungen auch zu befürchten,

daß das Erreichen des Hafens noch bei Helligkeit gänzlich in Frage

gestellt wurde.

Schließlich aber hatten unsere Befehle gewirkt und ihre Befolgung

haben wir wohl nicht zum geringsten Teile unseren drohenden Kanonen zu

verdanken. Es ist ja auch nicht allzuschwer, Befehle durchzusetzen,

wenn nicht etwa nur der Rohrstock des Lehrers, sondern eine richtige

geladene Kanone diesen Befehl nachdrücklich zu unterstützen bereit ist.

So kam endlich Ruhe und Ordnung in unser Geschwader und in stolzem

Zuge ging es in rascher Fahrt dahin.

Vollends konnten wir beruhigt sein, als unser zweiter Prisenoffizier

uns durch Signal versicherte, daß auch sein Prisenkommando gut

aufgehoben sei und daß sie gerade bei schmackhaften Spiegeleiern säßen.

So brauchten wir nur noch einige Stunden warten, bis wir uns sicher und

geborgen in dem Bereiche der schützenden Strandbatterien würden fühlen

können.

Durch Funkentelegraphie wurde außer dem vorher für den ersten

Prisendampfer uns entgegenzusendenden Lotsen ein zweiter Lotse für den

neuen Dampfer von dem Lotsendepot bestellt, und das Verstehen unseres

Signales gab uns die Versicherung, daß wir gut empfangen werden würden

und alles zu unserer Aufnahme und der Übernahme der eingebrachten

Prisenschiffe vorbereitet sei.

Je mehr wir uns nun der Küste näherten, desto dichter lagerte noch der

Nebel auf dem Wasser, eine Erscheinung, die wir sehr häufig auf See

erleben.

Vorsichtig also mußten wir uns der Küste nähern. Wir selbst fuhren

mit dem U-Boote voran, um die beiden Dampfer zu führen und ihnen jede

weitere Furcht vor einer Minengefahr zu benehmen.

Oft mußten wir hierbei die Wassertiefe mit dem Lot nachmessen.

Naturgemäß kann man nur bei ganz geringer Fahrt des Schiffes genaue

Messungen der Tiefen erhalten, da bei hoher Fahrt das ganze Lot durch

den Fahrstrom mit nach hinten gerissen wird, wodurch zuviel Leine

ablaufen würde, bis das Gewicht des Lotes auf den Grund aufstößt. Es

war daher erforderlich, verschiedentlich zu stoppen, um fortgesetzt

über das Wechseln der Wassertiefe auf dem laufenden zu bleiben. Leicht

ist es möglich, sich gerade auf den weit nach See zu hinaus laufenden,

der flandrischen Küste vorgelagerten Sandbänken mit seinem Schiffe

auf den Grund zu setzen. Besonders peinlich wäre dies nun natürlich

in unserem Falle geworden. Dieses Stoppen meines Bootes brachte nun

jedesmal das Geschwader wieder neuerdings in Unordnung, da die Dampfer

nicht so schnell wie das U-Boot ihren Maschinengang ändern konnten.

Handelsschiffe sind dies auch meist gar nicht gewöhnt, da sie stets mit

ihrer gleichen Geschwindigkeit durchfahren, während den Kriegsschiffen

das stete Wechseln der Gangarten der Maschinen durch das Fahren in

Geschwadern und das Manövrieren zur Gewohnheit geworden ist.

Zum Glück ging aber alles klar, und nach schöner mehrstündiger Fahrt

konnten wir mit Freude die ersten deutschen Wachtschiffe vor dem Hafen

von Zeebrügge begrüßen. Die Molen und Leuchtturm winkten uns durch

den nur noch leichten Schleier des Nachmittagsnebels von ferne schon

entgegen.

Schnell wurden die beiden Dampfer dem uns entgegengesandten neuen

Wachkommando der Hafenbehörden übergeben, deren Obhut und weiterer

Bewachung sie nunmehr anvertraut sein sollten. Unser Werk für heute war

erledigt und froh konnten wir nach getaner Arbeit selbst in den Hafen

eilen.

Da lag sie vor uns, die gewaltige, mehrere Kilometer lange steinerne

Mole des künstlichen Hafens von Zeebrügge, dereinst aufgebaut unter der

Regierung Leopolds II. mit englischem Gelde. Viele, viele Millionen

hatte sie verschlungen. Anderen Zwecken hatte sie nach den Plänen ihrer

Erbauer dienen sollen als ihren jetzigen.

Trutzig sahen wir die Schlünde deutscher Geschütze und Maschinengewehre

herüberlugen über den obersten Rand der Mole nach See zu! Weit geöffnet

schienen ihre Mäuler dem von hoher See aus erwarteten Gegner entgegen

zu gähnen. Sie schienen kaum abwarten zu können, daß er auch ihnen

Gelegenheit gäbe, ihr Wort mitzusprechen, wie ihren großen und kleinen

Brüdern, weiter landeinwärts, in den vorderen Reihen der Westfront,

deren dumpfe Stimme von weit her mit grimmig grollendem Donnern zu

vernehmen war.

Auf der Mole weiter noch ein ganz anderes Bild!

Nicht wimmelte es hier von englischen Truppen, die Eduard VII. und

seine Helfershelfer so gerne hier aus den dicken Bäuchen der englischen

Transportschiffe zum Durchmarsche durch das neutrale Belgien ausgeladen

hätten, um unserem deutschen Vaterlande einen unerbetenen Besuch

abzustatten.

Nein! Kopf an Kopf standen hier unsere braven Feldgrauen der Armee

und Marine dicht beieinander. Alle Waffengattungen und Uniformen der

deutschen Besatzungstruppen waren vertreten. Alle, deren Zeit es

erlaubte, waren herbeigeeilt, um von der äußersten Molenspitze unserem

Einlaufen, das sich schnell herumgesprochen hatte, beizuwohnen. Ein

jeder wollte uns und das ungewohnte Schauspiel des Einbringens zweier

Prisenschiffe gerne selber mitansehen. Sie ahnten zwar noch nicht, daß

sie selbst bald von den leckeren, in den weiten Laderäumen der Dampfer

verstauten Sachen würden kosten dürfen, und sie ahnten alle noch

nicht, daß ihnen gerade von den Ladungen dieser Dampfer eine besondere

Osterfreude bereitet werden sollte. Sie wollten nur uns eben aus der

deutschen Heimat gekommene Kameraden begrüßen und willkommen heißen auf

dem von ihnen eroberten feindlichen Grund und Boden.

Laut und weithin über das Meer rollend scholl uns beim Runden des

Molenkopfes ein donnernd dreifaches Hurra aus tausend Kehlen

entgegen. Ebenso aufrichtig und freudig ergriffen und nur bescheidener

in der Stärke des Tones tönte aus unseren nur dreißig Kehlen der Dank

zurück in unserem dreimaligen Hurra auf die Garnison von Zeebrügge.

So waren wir in einem neu eroberten deutschen Hafen eingelaufen und

sollten hier für einige Tage der Ruhe genießen und uns erholen von

mehrtägiger Seefahrt, die aber durch die mannigfachen Ereignisse nur

ganz kurz schien.

[Illustration: Deutsches Unterseeboot modernen Typs in einem Hafen an

der Nordseeküste.]

Schnell wurden an Land von behenden Matrosenarmen die ausgeworfenen

Leinen aufgefangen, an denen unser Boot bald darauf gut und ruhig,

wieder mit dem Lande vertäut, in sicherem Hafen lag.

Kaum war das Boot festgemacht, da kamen die ersten guten Bekannten

und Freunde des Marinekorps, die wir seit Kriegsbeginn nicht mehr

gesehen hatten, zu uns an Bord. Gar viel gab es da nach den herzlichen

Willkommengrüßen und Glückwünschen zu erzählen. Gar manche frohe, aber

leider auch manche traurige Erinnerung an liebe gefallene Kameraden

galt es auszutauschen.

In Flandern

Unter der obigen Überschrift will ich lediglich unsere persönlichen

Eindrücke während unseres kurzen ersten Verweilens in Feindesland

schildern.

Das in dem Erleben für uns Bedeutsame war die Tatsache, daß wir zum

ersten Male einen mit deutschem Blute erkauften feindlichen Boden

betraten. Fremd ist uns seefahrenden Angehörigen der Marine der

Landkrieg, soweit das eigentliche Leben in Feindesland in Frage kommt.

Die braven Truppen des in Flandern stehenden Marinekorps hatten

allerdings schon manches Wort auch zu Lande mitsprechen dürfen und

schienen sich längst in die neuen Verhältnisse und Lebensbedingungen

eingelebt zu haben. Überall sahen wir sie ihren Dienst verrichten,

sei es als Infanterist in den Schützengräben oder als Artillerist an

den weittragenden Küstengeschützen, also bei Beschäftigungen, die sie

mehr oder weniger schon im Frieden geübt hatten. Doch auch die Marine

zu Pferde fehlte nicht, und ruhig und selbstverständlich ritten blaue

-- jetzt freilich graue -- Jungens auf dem Rücken ihrer schweren

belgischen Beutepferde neben den altgedienten Reitersoldaten der Armee.

Daneben betätigten sie sich auch als fleißige Schaffner auf der

elektrischen Kleinbahn, die zwischen Zeebrügge und Ostende, vorbei

an dem Badeorte Blankenberghe, auf der schönen breiten Fahrstraße

unmittelbar hinter den Dünen entlang führt. Kurzum eine jede Tätigkeit

war von unseren Feldgrauen übernommen worden. Nur selten ließen sich

größere Teile der angesessenen Bevölkerung sehen.

Wenn wir Seeleute nun auch in Friedenszeiten gar manches Mal auf

fremdem Boden und in den fernsten Erdteilen wandelten, wenn wir auch

viele fremde Länder und Leute kennen lernten und unser eigenes Bild

über Vor- und Nachteile der Lebensweise fremder Nationen, ihrer

Landeseinrichtungen und Gebräuche hatten, so traten doch immer

wieder in neuen Ländern neue Eindrücke an uns heran, um manches

vorher Gesehene zu verwischen. Stets wieder gab es mehr oder weniger

Interessantes von anderer Art zu sehen und aufzunehmen. Unwillkürlich

wurden Vergleiche angestellt mit den ähnlichen Verhältnissen oder

Einrichtungen bei uns daheim oder in früher besuchten Ländern.

Gelegentlich fand flüchtige Betrachtung draußen manche Einrichtung

vielleicht netter, praktischer oder angenehmer als eine mit ihr

verglichene in der Heimat. Doch meist entbehrten wir Deutschen im

Auslande gar manches, das sich nicht beschreiben läßt, das gründliche

deutsche Wesen im großen und im kleinen, und dies führte uns dann doch

immer wieder vor Augen, daß es bei uns längst nicht am schlechtesten

bestellt sei. Stets wieder meldete sich in unserem Innern die Sehnsucht

nach der Heimat und der Stolz auf sie.

Wie würde es uns jetzt zur Kriegszeit in dem von uns besetzten Belgien

ergehen, einer Art zweiter Heimat in fremdem Lande, wo unsere deutschen

Truppen nach allen Nachrichten unserer Feinde wie die Barbaren und

Hunnen gehaust haben sollten? Wie würde die schöne flandrische Küste,

die uns von früheren Aufenthalten so wohlbekannt und lieb geworden war,

jetzt wohl aussehen?

Kurz vor den üblichen Meldungen an Land konnte ich noch dem Festmachen

unserer beiden Prisendampfer zuschauen, die hinter dem uns zugewiesenen

Liegeplatze auf der großen Seemole von dem Wachkommando vertäut wurden.

Eine gleich vor dem Dampfer aufziehende Postenkette sperrte sie dann

natürlich von jeglichem unbefugten Verkehr ab.

Kurze Zeit nach dem Festmachen der Schiffe ließ sich der Kapitän

des einen der beiden Dampfer, von zwei Posten begleitet, bei mir

melden. Ich empfing ihn bei mir an Bord und freute mich, seine

persönliche Bekanntschaft zu machen. Nachdem wir einige dienstliche

Fragen erledigt hatten, sprachen wir bei einem Gläschen Portwein,

das wir nach der aufregenden Seefahrt wohl verdient hatten, über die

Erlebnisse des Tages. Verständlicherweise gab er natürlich seiner

Betrübnis Ausdruck, was ich ihm nachfühlen konnte. Außer allen

persönlichen Unannehmlichkeiten hatte er wohl auch eine pekuniäre

Einbuße zu erwarten. „Ich bin nun so ein großer Dampfer und Sie

kleines Biest müssen mich kapern!” waren seine Worte, über die er

nicht hinwegzukommen schien. Doch gab er sich endlich zufrieden mit

dem Grundsatze „Krieg ist Krieg”. Schnell kamen wir dann in eine

andere angeregte Unterhaltung, aus der ich gar manches mich sehr

Interessierende über frühere Fahrten und seine Fahrten bei Kriegszeiten

erfuhr. Ich konnte es ihm nicht verdenken, daß er für sein Schiff eine

düstere Zukunft schaute, denn er war sich wohl bewußt, was mit Schiff

und Ladung nach dem Prisenrechte geschehen würde.

Im übrigen fügte er sich in sehr anzuerkennender Weise in das

unvermeidliche und versuchte, so gut es ging, Trost zu finden. Ich

glaube dabei nicht mit Unrecht aus seinen Worten eine gewisse Freude

entnommen zu haben, darüber, daß er einen mitleidenden Landsmann in dem

Kapitän des anderen Dampfers gefunden hatte. -- „Geteiltes Leid ist

halbes Leid” galt auch wohl für ihn, und so trennten wir uns dann mit

kräftigem Händedruck in aller Freundschaft. Jeder war überzeugt, daß

der andere auch nur seine Pflicht und Schuldigkeit getan habe.

Kurze Zeit hinterher begab ich mich an Bord unserer beiden

Prisenschiffe, um mich persönlich zu überzeugen, was wir eigentlich

alles mitgebracht hätten.

Ich darf wohl als selbstverständlich voraussetzen, daß ich als

höflicher Mann zunächst auf den Dampfer stieg, auf dem die holde

Weiblichkeit in so großer Zahl vertreten war. Ich hoffte durch das

Erscheinen im Kreise meiner Offiziere ihnen eine vielleicht noch

vorhandene Angst vor den deutschen Barbaren am schnellsten nehmen zu

können. Der Kapitän führte uns persönlich durch seine Schiffsräume,

wobei wir auch die Passagiere des Dampfers zu sehen bekamen.

Hierbei erfuhren wir, daß eine große Zahl der Passagiere zu einer

Varieté-Truppe gehörte, die am nächsten Abend in London ihr erstes

Gastspiel geben wollte. Armes London! so kamst du durch unsere Schuld

um einige sehr vergnügte Abende; denn allem Anscheine nach waren die

hier auf dem Dampfer im Rauchsalon beisammensitzenden Künstler und

Künstlerinnen sonst auf der Bühne weniger wortkarg und verlegen.

Besonders die vier niedlichen Sängerinnen hätten wohl sicherlich

mit ihren entzückenden Stimmen so manches Engländers Herz auch zu

Kriegszeiten gerührt!

Unter den übrigen Passagieren befanden sich einige wehrfähige Belgier

und Franzosen und auch eine belgische Familie, die nach ihren Aussagen

bereits sechs Wochen auf eine Fahrgelegenheit zur Überfahrt nach

England gewartet hatte. Nach all diesem Warten mußte selbst jetzt noch

ihrem Vorhaben durch unser Dazwischenkommen ein jähes Ende bereitet

werden.

Auch ein Amerikaner, ein Berichterstatter der Hearstschen

Zeitungsgesellschaft, befand sich unter den Fahrgästen. Wie wir später

erfuhren, hatte er die ganze Aufbringung und das Einschleppen der

Dampfer mit einem kinematographischen Apparate aufgenommen, den er

später verstanden hatte, sicher an Land mitzunehmen: Schon einige Tage

danach erschien in der englischen illustrierten Zeitung „The Graphic”

vom 27. März 1915 eine Serie von diesen Bildern, die später auch

Aufnahme in den verschiedensten amerikanischen Blättern finden sollten.

Ich hatte mich längere Zeit mit ihm unterhalten, wobei er mir

fortgesetzt beteuerte, daß unsere Fahrt durch das vermeintliche

Minenfeld ihm einen ganz besonderen Eindruck gemacht hätte. Aus

dem Gespräche merkte ich, daß er geglaubt hatte, daß wir jedesmal,

wenn wir zum Zwecke des Auslotens der Wassertiefe unsere Fahrt

vermindert hatten, einer gefährlichen Mine aus dem Wege gegangen wären.

Tatsächlich erschienen auch später Artikel von ihm mit der Überschrift:

„Unsere Fahrt durch das Minenfeld!” „Eine kühne Tat!”

So warteten nun die beiden Dampfer mit ihren Besatzungen und

Passagieren die höhere Entscheidung über ihr weiteres Schicksal ab.

Ich selbst konnte für einige Zeit an Land gehen.

Stolz ragen aus dem sonst von den Engländern bei ihrem Abzuge in Grund

und Boden geschossenen Orte Zeebrügge das prächtige, gänzlich neue

Palast-Hotel und der noch nicht bezogene Neubau der Post und belgischen

Staatsbank auf. Englisches Geld hatte dieses Prachthotel gerade vor

Kriegsausbruch gebaut, und dieses englische Geld hatte es auch wieder

vor der Zerstörung durch die Engländer bei der Räumung Zeebrügges

bewahrt. Eigentliche Bewohner des Landes gab es kaum zu sehen, so daß

es gescheiter war, Uniformen und Abzeichen der deutschen Truppen zu

studieren, als sich viel um Land und Leute zu kümmern.

Für den Abend war ich zur Meldung bei dem Kommandierenden Admiral des

Marinekorps, Exzellenz von Schröder, befohlen. Ein Auto holte mich von

unserem Boote ab und fuhr mich durch das schöne flandrische Land nach

Brügge, dem damaligen Sitze des Generalkommandos.

Zwar gab es stellenweise unterwegs zerschossene Gebäude zu sehen, doch

verschwanden sie in der im großen und ganzen von den äußeren Spuren des

Krieges verschont gebliebenen lieblichen Gegend, so daß es Mühe machte,

derartige Zeichen des Krieges überhaupt zu entdecken. überall sahen wir

dagegen bestellte Felder oder belgische Bauern und deutsche Soldaten

bei der Feldarbeit, um die Frühlingssaat noch rechtzeitig der Mutter

Erde anzuvertrauen.

Fürwahr ein gar wenig kriegerisches Bild, das wohl so mancher im

deutschen Vaterlande sich gewaltig anders vorgestellt hatte und das

auch wir nicht so friedlich erwartet hatten.

Nach schneller einhalbstündiger Fahrt kamen wir durch die schönen

Straßen der alten Stadt Brügge mit ihren herrlichen Baudenkmälern aus

früherer Zeit vor das Generalkommando, das sich in dem prächtigen

Gouvernementsgebäude befand.

Nach Erledigung der dienstlichen Meldung wurde mir die Ehre zuteil,

zur Abendtafel des Admirals befohlen zu werden, wobei ich meinen

Platz neben einem seltenen anderen Gaste des Admirals, dem Dr. Ludwig

Ganghofer, erhielt, der gerade auf seiner Bereisung der Westfront zu

mehrtägigem Verweilen bei den Stellungen auf dem äußersten rechten

Flügel der Westfront -- der „stählernen Mauer” -- eingetroffen war.

Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß gerade die Unterhaltung mit

dem so beliebten und gern gelesenen Schriftsteller, der dazu noch so

viel Neues von seinem Besuche unserer Stellungen in der Front erzählen

konnte und gerne erzählte, unvergeßlich war.

Doch wo er überall gewesen war, ein U-Boot war ihm noch neu, und so war

es mir eine besondere Freude, ihn zum nächsten Vormittage zum Besuche

unseres Bootes an Bord einzuladen, was er gerne annahm.

Zur verabredeten Zeit erschien er, in Begleitung eines Herrn des Stabes

des Kommandierenden Admirals, bei uns an Bord in Zeebrügge. Verwundert

schaute er auf das kleine graue Ding, zu dem eine gar beschwerliche

Hühnerleiter nur hinunterführte. Doch schnell und behende schlüpfte er

in den Bauch des unheimlichen grauen Ungetüms, wie einer der Herren es

nannte. Trotz seines weiten Pelzes fand er sich gar bald im Inneren

des Bootes zurecht und kletterte durch die engsten Löcher nach unserer

Anweisung hindurch, als wäre er hier schon längere Zeit zu Hause. Allen

meinen Erklärungen folgte er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und

vielem Verständnis, und selten habe ich einem Neulinge zum ersten

Male so gerne ein U-Boot erklärt und kaum jemals einen so aufrichtigen

Dank und solche Anerkennung für das Leben und unsere Leistungen an

Bord gefunden als in dem Händedrucke, durch den er mir am Schlusse der

Erklärungen dankte.

Dann sollte uns vorne in unserem Offiziers-Wohnraume noch geraume Zeit

eine fröhlich knallende Flasche beisammenhalten, und laut klangen

unsere gegenseitigen Wünsche für weitere glückliche Fahrten zu Lande

und zu Wasser durch das nach oben geöffnete runde Einsteige-Luk in

die freie Gottesluft hinauf, während die Märzsonne lachend zu uns

herunterschaute. Ganghofer saß, auf einem Sofa eingeklemmt, neben

dem Hinterteile eines vor ihm liegenden, weit in unseren Wohnraum

hineinragenden Torpedos. Als Tisch dienten ihm nur die hinteren

horizontalen Teile des Torpedos, und scherzend wurde er von uns darauf

aufmerksam gemacht, daß es uns sicher Glück bringen würde, daß gerade

sein Sektglas auf den Flossen eines unserer Torpedos gestanden hätte.

Wir sollten recht behalten, denn schon wenige Tage später versetzte

dieser Torpedo, nach glattem Laufe, einem großen Schiffe unserer Feinde

den Todesstoß.

Selbstredend ließ es Ganghofer sich nicht nehmen, auch unsere

Beutedampfer einer genauen Besichtigung zu unterziehen. Sein, als das

eines weitgereisten Mannes, sicher recht sachverständiges Urteil war

für uns sehr ehrenvoll. Nachdem er unsere „Prisendamen” kennen gelernt

hatte, mußte er offen anerkennen, daß wir bei der Aufbringung dieses

Dampfers einen ausgezeichneten Geschmack bewiesen hätten.

Nach herzlichsten Abschiedsgrüßen und Wünschen für ein frohes

Wiedersehen entführte ihn wiederum das flinke Auto des Generalkommandos

an eine andere Stelle unserer Front, wo ihm bald wieder Neues zu

schauen vergönnt sein sollte.

Inzwischen hatte das Ausladen unserer Prisenschiffe begonnen.

Als U-Boots-Kommandant gegen England · 第 6 / 11 段