Sogar als zwei weitere wohlgezielte Warnungsschüsse aus ehernem

Kanonenmunde rechts und links in allernächster Nähe des Feindes

einschlugen und dem Kapitän des Dampfers eigentlich sagen mußten,

daß weiteres Entfliehen zwecklos sei, weil die nächsten Schüsse ohne

Frage in den Rumpf seines Dampfers schlagen mußten, schien es ihm noch

nicht geboten, unserem Signalbefehle nachzukommen und sein Schiff zu

übergeben.

So blieb nichts anderes übrig, als den nächsten Schuß in den Rumpf

des Dampfers hineinzufeuern und das letzte und schärfste Mittel zur

Durchführung unseres Befehles anzuwenden.

Pfeifend und sausend löste sich die Granate aus dem Geschützrohre, um

laut krachend, in eine Rauchwolke gehüllt, kurze Sekunden später ins

Achterdeck (hinteres Deck) des Dampfers einzuschlagen. --

Das hatte gewirkt!

Unverzüglich stoppte der verfolgte Dampfer und gab uns durch das

allgemeine internationale Signal -- drei kurze Töne mit seiner

Dampfpfeife -- zu verstehen, daß er durch Rückwärtsschlagen seiner

Maschine die Fahrt aus dem Schiffe herauszubringen beabsichtige. Also

gab er das wilde Rennen auf.

Mächtige weiße Wolken des jetzt überflüssig gewordenen hochgetriebenen

Wasserdampfes entstiegen dem Schornsteine, und schweren Herzens

beantwortete der Kapitän unser weiteres Flaggensignal: „Verlassen Sie

sofort das Schiff!” mit dem Aufziehen eines rot und weiß gestreiften

Flaggenwimpels, -- dem international verabredeten Zeichen, daß das

Signal verstanden sei.

Gar viel bedeutet dieses kleine Flaggenzeichen für den so betroffenen

Dampferführer und seine Besatzung.

Es heißt nicht mehr und nicht weniger als: „Ich bin damit

einverstanden, daß mein altes liebes Schiff binnen kurzem auf dem

Grunde des Meeres ruht.” Fraglos ein schwerer Entschluß für den Kapitän

eines stolzen Schiffes!

Meist hat die Mannschaft sich längst in ihr Los gefügt. Und während wir

mit unserem Boote noch aufdampfen, um mündlich mit dem Kapitän weiter

zu verhandeln, läßt die Mannschaft bereits eilends die Schiffsboote ins

Wasser und wirft ihre Habseligkeiten hinterdrein.

Daß wir hingegen unseres Erfolges froh waren, bedarf keiner weiteren

Schilderung. Oft habe ich selbst dem Schützen die Hand geschüttelt, der

den letzten tödlichen Schuß dem Gegner beigebracht hatte.

Denn wie wäre hier Rührung am Platze? Versinkt doch mit jedem zur

Tiefe sausenden feindlichen Schiffe eine Hoffnung unserer verhaßtesten

Feinde. Ist doch jedes Versenken eines feindlichen Schiffes eine

Quittung für ihren frevelhaften Wunsch, unser ganzes Volk, unsere

Frauen und Kinder auszuhungern, da es ihnen nicht gelingen wollte, uns

mit blanker Waffe in ehrlichem Kampfe niederzuringen.

Und da sollten wir nicht jauchzen in berechtigter Freude?

Nachdem die Besatzung des erwähnten englischen Dampfers „Leeuwarden”

aus Harwich das seit unserem ersten Treffer schon brennende Schiff

verlassen hatte, saß auch der nächste Schuß wieder als guter Treffer in

der Wasserlinie.

In mächtigen Strahlen schoß das Wasser in den hinteren Laderaum, und

gar bald zeigte ein starkes Neigen des Dampfers, daß seine Stunden

gezählt waren.

Wir konnten uns daher um die in den Booten befindliche Mannschaft,

zirka fünfundzwanzig Mann, kümmern. Vor allem waren dem Kapitän die

Schiffspapiere abzufordern, die mitzunehmen ich ihm befohlen hatte.

In gedrückter Stimmung ruderten die Insassen beider Boote auf unsere

Aufforderung uns näher. Wir sahen, daß die Leute wohl mit neugierigem

Staunen auf uns, aber immer wieder auch zurück nach ihrem Dampfer

schauten. Was er an ihnen lieben Erinnerungen und Dingen trug, sollte

ja in wenigen Sekunden mit in die kühlen Fluten sinken. --

Schweigend und betreten entstieg der englische Kapitän dem an

der Bordwand angekommenen Boote und reichte mir grüßend seine

Schiffspapiere, die ich, gleichfalls grüßend, in Empfang nahm.

Als nun seine beiden Schiffsboote an der Bordwand unseres Bootes lagen,

ließ ich es mir nicht nehmen, ihn nochmals vor den Ohren seiner Leute

auf das Gefährliche seines Fluchtversuches hinzuweisen und besonders zu

betonen, wie leichtsinnig er mit dem Leben seiner Besatzung gespielt

hätte.

Auch alle seine Leute wußten sehr wohl, mit welcher Not und Mühe sie

dem Tode entgangen waren, und dankten uns durch ehrerbietiges Grüßen

mit ihren Mützen. Der Kapitän entschuldigte sich verlegen, er habe

immer noch gehofft, entkommen zu können.

Ich bedeutete den Geretteten dann, daß wir sie zu dem benachbarten

Maas-Feuerschiffe schleppen wollten. Freudig machten sie die

Schleppleinen ihrer Boote klar, in der frohen Erwartung, bald wieder

gut und trocken aufgehoben zu sein.

In diesem Augenblicke übersah der prächtig aussehende alte Kapitän

wohl erst ganz, welche Gefahr er für seine Leute unnützerweise

heraufbeschworen hatte, und was er uns zu verdanken habe. Dankbar

ergriff er, mit Tränen in den Augen, meine Hand und stammelte

Dankesworte dafür, daß wir ihn und alle Leute mit dem Leben hätten

davonkommen lassen. Gerne erfaßte ich die mir dargereichte Rechte des

alten Kapitäns. --

Kaum hatten wir die englischen Boote ins Schlepptau genommen, als mit

hoher Fahrt ein holländischer Lotsendampfer auf uns zugedampft kam, den

der Kanonendonner angelockt zu haben schien. Schnell hatten wir uns mit

ihm darüber verständigt, daß er die gerettete Besatzung des Engländers

übernehmen sollte. Dann fuhren wir zu dem sinkenden Schiffe zurück, um

sein völliges Verschwinden von der Oberfläche des Meeres abzuwarten.

Doch auch die Engländer schienen nicht übel Lust zu verspüren, dem

schönen Schauspiele des Sinkens ihres Dampfers beizuwohnen.

Kaum waren sie von dem holländischen Lotsendampfer übernommen, als,

allem Anscheine nach auf ihr Bitten, auch dieser wieder in schneller

Fahrt zu dem sinkenden Schiffe heranfuhr.

So warteten wir nun beide in aller Ruhe ab, bis der große Moment kommen

sollte.

Nicht lange ließ er warten. Gar bald bohrte sich das Hinterteil des

Dampfers immer tiefer und tiefer in die Fluten hinein, höher und immer

höher dagegen ragte der scharfe Bug des Schiffes in die Luft, bis auch

er von den stark gurgelnden und pfeifend in die hinteren Räume des

Schiffes einströmenden Wassermassen mit hinuntergezogen wurde und die

Fluten brausend und brodelnd über ihm wieder zusammenschlugen.

Wiederum schwamm ein schönes Schiff der englischen Handelsmarine

weniger auf den Fluten des Weltmeeres.

Dann hatten wir alle genug gesehen, und ein jeder fuhr seine Wege

weiter. Der holländische Lotsendampfer fuhr zum nächsten Hafen zurück,

um die Schiffbrüchigen zu landen, während wir unseren Kurs weiter

westwärts richteten zu neuer Tat. Munter wurde uns von dem Deck

des Dampfers zum Abschied zugewinkt -- ich glaube, es waren unsere

englischen Freunde, die uns frohen Herzens über ihre persönliche

Rettung so freundlich Lebewohl sagen wollten. Ob sie uns wohl auch im

Herzen „ein Wiedersehen” gewünscht haben, vermag ich nicht anzugeben.

Ausgeschlossen ist es jedoch nicht, daß wir einen oder den anderen

der geretteten Engländer späterhin bei der Versenkung eines anderen

englischen Dampfers wieder getroffen haben.

Eine genaue Beschreibung der Art der Versenkung des englischen Dampfers

„Leeuwarden” fanden wir einige Tage später in holländischen Blättern.

Besonders wurde hierbei die lobende Anerkennung des englischen Kapitäns

über die gute Behandlung durch uns hervorgehoben. Er wußte sehr wohl,

daß er es eigentlich schlechter verdient hatte.

Und diese gleich gute Behandlung hätte ein jeder englische

Dampferkapitän haben können, doch die englische Regierung hatte es

anders gewollt.

Kapern zweier Prisendampfer

Der nächste Tag sollte uns Gelegenheit zur Betätigung auf einem für den

U-Boots-Handelskrieg neuartigen Gebiete bringen.

Es war ein grauschwerer nebeliger Morgen. Bei fast völliger Windstille

lagerte auf der glatten Flut in langen dicken Schwaden der Morgennebel,

der noch immer und immer nicht der aufsteigenden Morgensonne wich.

Nicht groß war die Sichtweite. Dann heißt es für ein U-Boot, immer

besonders gut Ausguck halten und auf der Hut zu sein; denn wenn die

Nebelwolken uns auch den nach uns ausspähenden feindlichen Schiffen bis

zu einem gewissen Grade entziehen, so geben sie uns auch andererseits

erst auf nahe Entfernungen die Möglichkeit, sich uns nähernde Fahrzeuge

zu erkennen. Wehe dem U-Boote, das dann nicht so scharf als irgend

möglich aufgepaßt hat, um bei dem geringsten Anzeichen der Annäherung

eines feindlichen Schiffes in die Tiefe hinabgleiten zu können. Nur

dann hat es Aussicht, sich gefahrdrohenden Zusammenstößen zu entziehen.

Nur dann kann es überhaupt seine Angriffsaufgabe erfüllen.

Bekanntlich herrscht bei nebeligem Wetter auf See fast stets Windstille

oder es wehen höchstens nur gelinde Winde, die den Nebel mitgebracht

haben, oder die sich anschicken, den uns umhüllenden Nebelschleier

wieder zu entführen, um eine andere Gegend damit zu beglücken.

Diese bei Nebel also meistens vorhandene Windstille kommt uns

Seefahrern nun auch wiederum zustatten, da wir alle auf dem Wasser

herrschenden Geräusche so verhältnismäßig weit zu vernehmen imstande

sind.

Es sind daher auch international bestimmte Tonsignale verabredet, die

alle Schiffe -- Dampfer und Segelschiffe -- bei nebeligem, unsichtigem

Wetter in bestimmten, kurz aufeinander folgenden Zeitabschnitten

abzugeben verpflichtet sind.

Die Dampfschiffe geben diese Signale mit ihrer Dampfpfeife,

während Segelfahrzeuge besondere Nebelhörner gebrauchen, die durch

Drehbewegungen Luft aus einer Art Pfeife mit weitem Schalltrichter

herausstoßen.

Nur nach diesen Tönen kann der Seemann also bei Nebel auf die Richtung

des sich nähernden Schiffes schließen und muß seinen Kurs nach der

Lautstärke des Tones und der Richtung, aus der er kommt, so wählen, daß

ein Zusammenstoß seines Schiffes mit dem benachbarten Schiffe vermieden

wird.

Daß dieses nicht ganz einfach ist, ist wohl ohne weiteres einzusehen,

und die leider immer noch recht häufigen Zusammenstöße von Schiffen

auf See bei Nebel legen ja auch zur Genüge Zeugnis davon ab, daß trotz

aller Vorsicht und trotz gespanntester Aufmerksamkeit nicht immer solch

ein Zusammenstoß sich ganz sicher vermeiden läßt.

Wer einmal auf einem Passagierdampfer eine Reise gemacht hat, die

längere Zeit durch Nebelgegenden führte, wird wohl noch lange an

das fortgesetzte grausig unheimliche Heulen der Dampfpfeifen seines

Dampfers zurückdenken, denn es hat ihm sicherlich so manche Stunde

seines Schlafes geraubt. Auch jeder, der bei Nebel an einem größeren

Hafen, wie z. B. dem Hamburger Hafen, geweilt hat, wird das Bild

nicht vergessen, wie der gewaltige Verkehr der größten Schiffe, bis

hinab zu den kleinen winzigen, zwischen den gewaltigen Ozeanriesen

sich hindurchwindenden Motorbooten und den langen Schleppzügen, sich

so glatt und selbstverständlich abspielt, obwohl alle doch nur nach

dem Höllenlärm der von allen Seiten ertönenden Pfeifensignale sich zu

richten vermögen. Da sieht ein jeder ein, daß ein Seemann außer guten

Augen auch vortreffliche Ohren gebraucht.

Im Kriege kommt nun noch hinzu, daß man nicht darauf rechnen kann, daß

sich nähernde Kriegsschiffe diese Pfeifensignale überhaupt abgeben,

da sie uns überraschen und sich selbst nicht verraten wollen. So

heißt es dann, nur doppelt angespannt über die Wasserfläche dahin

zu horchen, um etwa Schraubengeräusche oder das Aufspritzen der

Bugwellen schnell das Wasser durchfurchender Schiffe vernehmen zu

können. In den unteren Schiffsräumen hat man dann wohl auch Posten

-- Horchposten -- aufgestellt, die mit den Ohren an der Bordwand des

Schiffes auf derartige Geräusche aufpassen sollen, da das Wasser ja die

Eigenschaft besitzt, alle in ihm auftretenden Schallwellen besonders

gut weiterzuleiten.

So harrten wir an dem fraglichen Märzmorgen lange vergeblich auf das

Insichtkommen oder auf die Annäherung feindlicher Schiffe. Immer wieder

und wieder hatte man sich getäuscht in dem vermeintlichen Sichten eines

Fahrzeugs oder in dem aufgefangenen Tone eines Unterwasserschalles.

Die in solchen Augenblicken angestrengtester Nerventätigkeit

begreiflicherweise besonders schnell und stark arbeitende Phantasie

verführt uns nun nur allzu leicht dazu, jeden gesichteten Gegenstand

gleich als das anzusehen, was wir vielleicht suchen, nach dem wir

gerade schon lange ausgespäht haben. Es kommt außerdem hinzu, daß im

Nebel plötzlich auftretende Gegenstände noch ganz besonders vergrößert

erscheinen. So ist es z. B. leicht möglich, daß ein vorbeitreibendes

Brett im ersten Augenblick als Boot gemeldet wird, oder daß ein kleines

vorbeifahrendes Dampfbeiboot uns als größerer Dampfer erscheint.

Eine sehr nette Geschichte wurde kürzlich viel in der Flotte erzählt:

Ein Kriegsschiff suchte in dickem Nebel die Boje, die ihm die Einfahrt

in den Hafen anzeigen sollte. Schon lange hatte es nach ihr gesucht,

fand und fand sie aber nicht. Das gesamte Personal auf der Brücke

vom Kommandanten bis zum letzten Signalgasten und Ausgucksposten

vermochten sie immer noch nicht zu entdecken. Die vielfach gemeldeten

vermeintlichen Bojen erwiesen sich beim Näherkommen immer wieder als

vorbeitreibende Ballen von Wischbaumwolle, Holzstücke oder leere

Konservendosen. Schließlich hatte der Kommandant die Boje entdeckt und

ließ das Schiff in ihre Nähe steuern. „Na sehen Sie,” -- sagte der alte

Herr hierbei zu dem noch immer mit dem Doppelglase vor den Augen zu der

Boje hinstarrenden Wachhabenden Offizier -- „Sie sehen auch nie etwas

zuerst! Ihr ganzes Personal auch nicht! Immer muß ich alles zuerst

sehen.”

Ruhig meldete darauf der Wachoffizier: „Ich glaube aber, Herr Kapitän,

das ist die Boje gar nicht -- das ist -- das ist ja eine Möwe.” „Ach

Unsinn,” entgegnete der strenge alte Herr darauf, -- „ich habe die Boje

ja ganz deutlich gesehen.”

Näher und näher kam das Schiff nun heran an des Kommandanten Boje,

und das aufgewühlte Bugwasser rauschte vernehmlich über die glatte

Flut hinweg, da plötzlich schien es der Boje in des Schiffes Nähe

unbehaglich zu werden und -- sie flog davon.

In richtiger Erfassung der komischen Situation meldete nun der

Wachhabende Offizier nur kurz seinem Kommandanten mit der Hand an der

Mütze: „Herr Kapitän, die Boje ist soeben fortgeflogen!”

So konnte das Suchen nach der Boje wieder von vorne beginnen, und

vielleicht hat noch manche weitere Möwe das Schicksal ihrer soeben

davongeflogenen Kollegin teilen müssen.

In ähnlicher Erwartung suchten wir an dem fraglichen Morgen, nur mit

dem wenig angenehmen Unterschiede, daß nicht nur Bretter und Möwen,

sondern auch viele losgerissene englische Minen an uns vorbeitrieben,

nach dem Insichtkommen feindlicher Schiffe. Diesen Minen hieß es aber

stets lieber etwas zu früh aus dem Wege zu gehen, denn ich glaube, sie

wären nicht ganz so ohne weiteres bei unserer Annäherung davongeflogen.

Endlich zerteilte sich der Nebel etwas, und im Abstande von einigen

Seemeilen wurde ein Dampfschiff sichtbar, auf das sofort zugesteuert

werden konnte.

Schnell lief es vor uns her, doch gar bald erkannten wir, daß wir ihm

näher kamen, und nicht lange sollte es dann noch dauern, bis wir in

ihm ein Schiff der uns wohl bekannten holländischen Batavier-Linie

erkennen konnten.

Doch sein Kurs führte zur englischen Küste, zur Ansteuerung des vor der

Themse liegenden Feuerschiffes, wie unschwer festzustellen war, sobald

wir ihm in seinem Kielwasser folgten. Es war also klar, daß der Dampfer

angehalten und untersucht werden mußte. Es ließ sich mit ziemlicher

Sicherheit annehmen, daß er mit verbotener Ladung zu einem englischen

Hafen strebte.

Die Jagd begann. Auf unser Aufforderungssignal zum Beidrehen schien

er keinen Wert zu legen, sondern versuchte, mit höchster Fahrt zu

entkommen. Es handelte sich um einen Dampfer, der fraglos außer Gütern

auch eine Anzahl von Passagieren beförderte, aber ein schlechtes

Gewissen mußte er haben, sonst hätte er sich wohl gleich so wie seine

Landsleute tags zuvor, unter denen zufälligerweise ein Schwesterschiff

derselben Linie sich befunden hatte, ruhig untersuchen lassen.

Bald sahen wir ein, daß wir ihn in kurzer Zeit überholt haben würden,

die Warnungsschüsse mit der Kanone konnten wir uns daher ersparen

für spätere nützlichere Zwecke; denn mit Munition müssen wir gut

haushalten. Wenn es ohne Munitionsverbrauch geht, um so besser.

Nach ungefähr dreiviertelstündiger Jagd betrug unser Abstand ungefähr

nur noch tausend Meter. Da sah der Kapitän des holländischen Dampfers

die Nutzlosigkeit weiteren Entrinnens vernünftigerweise ein und stellte

sich zur Untersuchung. Gleichzeitig ließ er ein Boot mit seinem Ersten

Offizier zu Wasser, der auf mein Geheiß mit den Schiffspapieren zu uns

an Bord kam.

Gestoppt und ruhig daliegend schaukelte unser Boot unterdessen in

allernächster Nähe des Holländers, auf dessen Verdeck es inzwischen

rasch lebendig geworden war.

Besatzung und Passagiere schauten mit verwunderten, fragenden Blicken

zu uns herüber, die wir unsererseits es auch nicht daran fehlen ließen,

sie zu mustern, um nach Möglichkeit die Landesangehörigkeit der an Bord

befindlichen Menschen festzustellen.

Währenddessen legte das Boot des Dampfers bei uns an. Der Erste

Offizier brachte mir die Papiere, aus denen sofort ersichtlich war,

daß es sich um den holländischen Dampfer „Batavier IV”, nach London

bestimmt, handelte. Die Ladung umfaßte in der Hauptsache Lebensmittel,

also Bannware.

Die Entscheidung, was mit dem Dampfer zu geschehen hätte, mußte daher

schnell getroffen werden. Der Dampfer unterlag der Aufbringung. Es

mußte versucht werden, ihn nach einem der von uns besetzten belgischen

Häfen einzubringen.

Es war zwar derartiges von einem U-Boote bisher noch nicht gemacht

worden, doch weshalb sollten wir es nicht versuchen. Gewiß galt

es eine weite Strecke über See zurückzulegen, in einer Gegend, wo

jederzeit englische Kriegsfahrzeuge auftreten konnten und in der sie

auch fortgesetzt ihre Streifzüge ausführten, doch vielleicht ging

es gut und dann war es ein schöner Fang. „Wer nicht wagt, der nicht

gewinnt!” sagten wir uns, und dann kam uns ja auch das noch immer

unsichtige Wetter zustatten. Wir konnten hoffen, von feindlichen

Streitkräften nicht allzu weit gesehen zu werden, und in einigen

Stunden würden wir uns dann unter dem Schutze unserer Batterien an der

flandrischen Küste befinden.

Kurz entschlossen wurde dem Offizier des Schiffes daher bedeutet, daß

sogleich ein Prisenkommando zu ihm an Bord gesandt werden würde, das

den Dampfer nach dem Hafen Zeebrügge als deutsche Prise einbringen

sollte.

Recht erstaunte Augen machte er, doch sparte er sich eine Entgegnung,

denn die geladenen, auf den Dampfer gerichteten Geschütze und das sich

klarmachende Prisenkommando, das die geladenen Revolver nochmals vor

seinen Augen untersuchte, ließen es ihm nicht ratsam erscheinen, irgend

eine Widerrede zu versuchen.

Bald stieß daher das Boot wieder von uns ab, um von nicht wenig

erstaunten Blicken gleich darauf an Bord des Dampfers empfangen zu

werden. Manch einer mochte ahnen, was er von der nächsten Zukunft zu

erwarten haben würde.

Unser ganzes Prisenkommando bestand nur aus einem Seeoffizier und einem

Matrosen. Mehr von meinen Leuten konnte ich schlecht entbehren, und

falls die Engländer uns unterwegs mit überlegenen Streitkräften den

Dampfer wieder „abhaken” würden, so waren wenigstens nicht allzu viele

Leute von uns mit aufgegriffen worden.

Eine Zeitlang dauerte es nun, bis unser Prisenoffizier sich mit dem

Dampferkapitän über alles weitere geeinigt hatte. Außer allen anderen

Einwänden schien diesem vor allem der Befehl zum Einlaufen nach dem

Hafen von Zeebrügge für sein Schiff bedenklich, da er das Vorhandensein

von deutschen Minen vor der Einfahrt dieses Hafens vermutete. Hierüber

konnte ihn jedoch der Prisenoffizier, der genaue Anweisungen von

mir erhalten hatte, gar bald beruhigen. Außerdem wollte ich mit dem

U-Boote die Führung übernehmen, so daß für sein Schiff keinerlei Gefahr

bestände.

So fügte er sich in das Unvermeidliche, und der Zug setzte sich in

Bewegung zur flandrischen Küste, voran wir mit unserem U-Boote, in dem

stolzen Gefühl, mal wieder etwas Neues gemacht zu haben. Hinterher kam,

weniger erfreut, der Holländer mit seinen sicherlich auch in wenig

gehobener Stimmung befindlichen Passagieren und seiner wertvollen

Ladung.

Unvergeßlich wird uns allen dieses Zusammentreffen sein. Ebenso

unvergeßlich werden uns auch die Bilder eingeprägt bleiben, die sich,

als wir neben dem Dampfer lagen, auf dessen Deck abspielten.

Staunend und verängstigt schauten uns die Passagiere an, freudig

blickten wir auf unsere Beute.

Der größte Teil der Passagiere, besonders die recht zahlreich

vertretene Damenwelt, war nur recht notdürftig bekleidet an Deck

gestürzt, als das böse deutsche U-Boot im Schiffe gemeldet worden war.

Sie bangten vielleicht zum Teil schon für ihr Leben. Daß es nun bei

diesem Nebeneinanderliegen und bei der Musterung der holden, höchstens

in Morgentoiletten auf dem Verdeck des Dampfers frierenden Damenwelt

nicht an drastischen Bemerkungen unserer Matrosen fehlte, brauche ich

wohl nicht erst zu erwähnen.

Manches Winkersignal wurde zwischen uns und dem Prisenkommando

gewechselt, da der sehr vorsichtige holländische Kapitän noch immer

neue Bedenken geltend zu machen versuchte, die ich erst durch meine

Antworten zerstreuen mußte. Schließlich ging’s flotter vorwärts und

ruhig folgte uns der Prisendampfer mit schneller Fahrt im Kielwasser.

Dieses friedliche Bild wurde nur öfters durch Winkersignale unseres

Prisenoffiziers gestört. Er ließ diese Signale durch den mitgenommenen

Matrosen des öfteren an uns machen, entweder zu meiner Beruhigung

über sein Schicksal oder vielleicht auch zur Unterhaltung der

Passagiere, die alle Vorgänge gespannt verfolgten und sich, wie wir

neidisch mit den Doppelgläsern erkennen konnten, allmählich mit ihm

ganz gut anzufreunden schienen. Sein erstes Signal, das gespannt bei

uns abgenommen wurde und in dem wir schon alles mögliche ihm etwa

zugestoßene Böse vermuteten, lautete zum Glück ganz kurz und friedlich:

„Hier sind eine Menge Damen an Bord!” Ja, das hatten wir längst gesehen

und beneideten ihn nicht wenig, weil er mit den nach dem Urteil eines

meiner anderen Offiziere wirklich ganz netten Vertreterinnen des

schönen Geschlechts eine Seereise in Kriegszeiten ausführen durfte.

Die letzten Zweifel über das Wohlergehen unseres Prisenkommandos wurden

uns bald darauf aber durch den verlockenden Winkspruch genommen: „Jetzt

gibt es dickes Frühstück!”

So konnten wir also beruhigt den weiteren Verlauf der Fahrt abwarten,

zumal uns das Signal: „Der Kapitän spricht übrigens tadellos Deutsch!”

auch darüber beruhigte, daß wohl keinerlei Schwierigkeiten sprachlicher

Natur zu befürchten waren.

Nach einer guten Stunde Weges, als sich auch ein jeder auf dem

Prisendampfer befindliche Passagier wohl allmählich in sein Schicksal

gefügt hatte, tauchten plötzlich achteraus von uns, von Osten kommend,

wiederum Rauchwolken auf. Bald konnten wir aus dem Auswandern dieser

Rauchwolken erkennen, daß wir einen mit Kurs auf die englische Küste

zulaufenden Dampfer in Sicht hätten.

Zu verlockend war natürlich der Gedanke, vielleicht gar noch einen

zweiten Dampfer als Prise einbringen zu können.

Als U-Boots-Kommandant gegen England · 第 5 / 11 段