wohl viele Leute im deutschen Vaterlande oder überhaupt auf der Welt
gegeben hat, die auf den Gedanken gekommen wären, daß mit dem Eintritte
der Türkei in den Weltkrieg ein neues Wirkungsfeld für unsere deutschen
U-Boote erstehen sollte. Wer dachte sich wohl damals, daß bei dem
nunmehr bald zu erwartenden Ansturme der verbündeten Gegner auf die
Dardanellen gerade wieder deutsche U-Boote ein entscheidendes Wort in
dem entlegensten Winkel des Mittelländischen Meeres würden mitsprechen
dürfen? -- --
Doch zurück zu unserer eigentlichen Betrachtung über den Beginn des
Handelskrieges in den Gewässern unserer Feinde.
Endlich sollte auch uns die Freude winken, in der Reihenfolge unserer
U-Boote zur Betätigung im Handelskriege entsandt zu werden.
Eine gar weite Reise sollte überstanden werden, gar vieles war daher zu
überlegen.
Die Ausrüstung eines U-Bootes für eine derartige Reise, weit hinein in
das feindliche Gebiet, mit der sicheren Aussicht einer mehrwöchigen
Dauer, erfordert so manche Vorbereitung.
Zuerst kommen die Sorgen und Vorbereitungen an Boot und Maschine. Auf
das allergründlichste will jeder einzelne Teil des Bootes nachgesehen
und geprüft werden, jede einzelne Hilfsmaschine beansprucht ihre
peinlichste Wartung. Nur dann ist sie bereit, wie ein wohlgepflegtes
Pferd, wenn’s von ihr verlangt wird, voll und ganz ihre Schuldigkeit zu
tun und alles herzugeben, was sie nur irgend zu leisten imstande ist.
So erscheint es wohl leicht begreiflich, daß schon Tage vorher jeder
einzelne im Boote nochmals auf das eingehendste die ihm zugewiesenen
Stationen des Bootes untersuchen muß und seine Einrichtungen
durchprobiert. Jeder Mann weiß, was für ihn selbst wie für das Wohl
und Wehe des ganzen Bootes bei den kleinsten Versagern auf dem Spiele
stehen kann. Eine gründliche Erprobung der gesamten Bootseinrichtungen
erfolgt dann durch einige Tauchmanöver und Exerzitien unter Wasser
durch den Kommandanten noch in den heimischen Gewässern, unbehelligt
von feindlichen Streitkräften und Minen.
Hat alles geklappt, so kann der Kommandant mit ruhigem Herzen das Boot
seinem Vorgesetzten klar melden, fahrtbereit zur Leistung aller an Boot
und Besatzung nur irgend zu stellenden Aufgaben.
Von oben herab kommt dann der Befehl zur Entsendung an die feindliche
Küste und zum möglichst baldigen Verlassen des Hafens. Eilends wird der
Proviantvorrat „bis zur Halskrause” aufgefüllt, denn ungefähr dreißig
Mann wollen im Laufe mehrerer Wochen satt gemacht werden und sollen gut
und reichlich essen. Sonst würde man keine großen Leistungen von ihnen
erwarten dürfen.
Oft habe ich im Inneren gelacht, wenn ich bei der Ausrüstung unseres
Bootes für eine längere Unternehmung die Mengen des eingekauften
Proviantes auf dem Decke des Bootes stehen sah, wohin es die
verschiedenen Lieferanten schaffen müssen, denn das geheiligte Innere
des Bootes dürfen sie natürlich nicht betreten. „Das soll also alles
mit, -- das soll alles in dem lieben kleinen Boote untergebracht
werden,” und: „Das sollen wir unterwegs alles aufessen.” Aber es geht
alles, und wie manchmal konnte man bei der Rückkehr nach langer Fahrt
vermelden, „daß der Proviant gerade ausverkauft sei,” und „daß er doch
schon drohte, höllisch knapp zu werden.”
Schon in kürzester Frist ist bald darauf der Proviant hinuntergebracht
in die Vorratsräume des Bootes. Jede Ecke, jeder verfügbare Winkel
des Bootes ist ausgenutzt zur Unterbringung der Lebensmittel und der
Ausrüstungsgegenstände der Besatzung. Manche Hausfrau würde die Hände
über dem Kopfe zusammenschlagen, wenn sie unsere Speisekammern und
unsere Wäscheschränke zu sehen bekäme.
Unser Koch, ein besonders hierfür ausgebildeter Matrose, muß alle
Sinne zusammennehmen, um nur überhaupt alle die leckeren Sachen und
Zutaten zu finden, die er allein für eine Mittagsmahlzeit gebraucht.
Die Kartoffeln muß er von ganz hinten im Boote herbeiholen. Da liegen
sie in Säcken verstaut, tief unten im Boote unter den Torpedos.
Das Fleisch hängt vorne an kühlem Orte bei der Munitionskammer für
die Artilleriemunition. Freundschaftlich vertragen sich hier die
aufgehängten Dauerwürste mit den rötlichen scharfen Granaten. Die
Butter liegt unter der Koje -- dem Bette des Steuermanns, wieder in
einer anderen Abteilung des Bootes, während das Salz und das sonstige
Gewürz vielleicht gar unter der Koje des Kommandanten seinen Platz
gefunden hat. Wehe dem Koch, wenn er nun zu spät an das Herbeischaffen
und Zusammensuchen all dieser einzelnen Dinge gedacht haben sollte
und etwa den Kommandanten, der sich gerade müde auf seine Koje gelegt
hat, bitten muß, nur für einen Moment wieder aufzustehen. Freundliche
Worte seines höchsten Vorgesetzten hat er dann wohl kaum zu erwarten,
und er wird sich daher leicht überlegen, ob er nicht besser tut, das
Salz heute mittag einfach fortzulassen. -- Doch dann schimpft die
gesamte Besatzung und der Kommandant mit beim Mittagessen auch auf ihn.
-- „Wer die Wahl hat, hat also auch auf einem U-Boote die Qual!” Ja,
du liebe deutsche Köchin in deiner geräumigen sauberen Küche und der
bequem daneben liegenden Speisekammer, auch du, glaube ich, würdest
Hochachtung bekommen vor dem braven Unterseebootskoch und würdest
zugeben müssen, daß er mit gutem Erfolge unter weniger angenehmen
Verhältnissen in dein geheiligtes Handwerk hineingepfuscht hat.
Sobald der nötige Proviant und die Betriebsstoffe für die Maschine voll
aufgefüllt sind, wird der Mannschaft noch eine kurze Ruhe und das vor
allem so heiß ersehnte warme Bad gewährt -- beides soll so bald nicht
wiederkommen. Nur wer es gesehen hat, mit welcher Freude die Besatzung
eines von langer Fahrt heimgekehrten U-Bootes das warme Bad begrüßt,
um den wochenlangen Schmutz, in den die Abdämpfe der Ölmaschinen ihren
Körper auf der Fahrt eingewickelt haben, oder die Salzkruste, mit der
das spritzende Meereswasser Gesicht, Hals und Hände überzogen haben,
wieder abzutauen, kann verstehen, was das warme Bad vor und nach der
Reise unseren U-Boots-Leuten bedeutet.
Denn gar sparsam heißt es auf der langen Fahrt mit dem dem mitgeführten
Frischwasser-Vorrat zu entnehmenden Waschwasser umzugehen. Das
Seewasser eignet sich bekanntlich seines Salzgehaltes wegen weder zum
Trinken und Kochen, noch auch zum Waschen, da sich keine Seife in dem
salzigen Seewasser auflöst.
Bei Hellwerden am nächsten Tage soll das Boot dann den Heimatshafen
verlassen. Am Abende vorher hat der Kommandant seine letzten
Instruktionen durch seine Vorgesetzten erhalten. -- Dann soll er
alleine handeln. Wochenlang wird ihn kein weiterer Befehl seiner
Vorgesetzten erreichen. Wochenlang hat er niemanden um sich von
gleichem Dienstalter und gleicher Diensterfahrung. Er kann niemand um
Rat fragen, mit niemand dieses und jenes besprechen. Also trägt er viel
Verantwortung auf seinen Schultern bis zur glücklichen Heimkehr.
In ernster Stimmung vergeht der letzte Abend im Kreise der
zurückbleibenden Kameraden. Ernst und voll bewußt der zu erwartenden
Anstrengungen ist aber nicht nur der Kommandant allein, nein, jeder
einzelne Matrose weiß, was die nächsten Wochen von ihm verlangen
werden.
Mit Tagesanbruch geht es hinaus. Kein lauter Abschied, kein fröhliches
Spiel einer Militärkapelle, keine winkenden Mädchen oder uns froh
zujubelnden Kinder geleiten unser Boot aus der Einfahrt des Hafens
hinaus. Still und ruhig schleicht es hinaus, und niemand außer den
allernächsten Beteiligten ahnt überhaupt, wohin das Boot den Kurs jetzt
richten wird und wann es wieder zurückkommen soll und wird. Schade ist
es, daß uns in der Marine, auch beim Auslaufen zu Friedensmanövern,
kaum jemals ein solcher Abschied geboten wird, wie in der Garnison dem
zum Manöver ausrückenden Truppenteile der Armee. -- Auch wir zögen
gerne bei den Klängen des schönen Liedes: „Muß i denn, muß i denn zum
Städtlein hinaus..” durch die jubelnde, uns alles Gute wünschende Menge
zum Bahnhofe. Auch wir winkten gerne Weib und Kind oder der Braut oder
der, die es werden soll oder möchte, noch einmal zum Abschiede zu. Auch
wir würden gerne unseren Bekannten und Verwandten mitteilen, wohin
es geht, damit sie uns bei den Kämpfen und Siegen verfolgen könnten.
Es kann nicht sein. Es darf niemand außer uns selbst wissen, wohin
die Reise geht und ob wir überhaupt die heimischen Gewässer verlassen
sollen; denn schon das bloße Ahnen unseres Ausmarsches und Reisezieles
könnte uns gar leicht verraten und unseren Erfolg in Frage stellen.
So scheiden wir in aller Stille. So lassen wir die Heimat hinter uns,
ohne daß jemand unserer Angehörigen etwas hiervon weiß, und nur das
längere Ausbleiben von Nachrichten wird ihnen die Gewißheit geben, daß
wieder etwas im Gange ist, daß wir bei der Arbeit sind.
Frühmorgens am Tage des Auslaufens, noch in tiefster Dunkelheit,
werden die allerletzten Ausrüstungsgegenstände an Bord geschafft und
die Maschinen nochmals von dem Maschinenpersonal durchprobiert, bis
der Leitende Ingenieur zur festgesetzten Stunde dem Kommandanten die
Meldung machen kann, daß alles in Ordnung ist.
Ein lauter Pfiff ruft sodann die Mannschaften auf ihre Manöverstationen
zum Ablegen des Bootes. Schnell sind die Leinen gelöst, die das
Schifflein noch an die heimische Küste gebunden hielten, und auf die
rasselnden Klingelsignale der Maschinentelegraphen setzt sich das
Boot in Bewegung und enteilt dem Hafen. Ein letzter stiller Gruß wird
mit den an Deck der Nachbarboote stehenden Kameraden und Vorgesetzten
ausgetauscht, man wünscht sich durch Signal glückliche Fahrt, und manch
einem der Zurückbleibenden entringt sich der stille Wunsch: Ach, wären
wir doch auch erst wieder so weit! --
Weiter und weiter entschwindet das Land unseren Blicken, nur die ab
und zu an uns vorbeitanzenden Seezeichen scheinen uns noch die letzten
Heimatsgrüße zuwinken zu wollen. Wir selbst wünschen ihnen wohl auch
in Gedanken, daß sie weiter ausharren mögen an ihrem einsamen nassen
Platze, an den heimischen Meeresgrund gekettet, um allen Kameraden
weiter sicher den Weg zu zeigen in den lieben deutschen Hafen hinein,
und daß sie auch uns nach glücklicher Fahrt wieder hineingeleiten mögen.
Das bisher ruhig dahingleitende Boot wird erst sanft und dann immer
stärker von heimischen Wellen geschaukelt, je mehr es sich der offenen
See nähert und die eigentliche Seefahrt beginnt. Doch das Gefühl, daß
alles im Boote bis ins kleinste in bester Ordnung ist, läßt uns lachen
über die Ohnmacht der immer stärker und lauter gegen unsere Bordwand
schlagenden Wellen. Sie meinen’s nicht böse mit uns, die wilden Seen.
Sie tragen uns ja auch auf ihren Köpfen auf unserer ganzen Fahrt. Sie
wollen uns ja hinführen zu dem verhaßten Feinde und sie nehmen ja so
gerne den Seemann zur ewigen Ruhe in sich auf. --
In aller Stille verließ so auch das mir unterstellte Boot „U ...” an
einem schönen Märzmorgen den Heimathafen und strebte der feindlichen
Küste zu, um sich zum ersten Male im Handelskriege zu betätigen.
Leise plätscherten die Wogen an die Bordwand und überspülten das
niedrige Oberdeck des Bootes. Bald sollten sie uns in die Nähe der
englischen Küste geleiten.
Unsere Aufgabe bestand nun außer in dem Vorgehen gegen die
angetroffenen feindlichen Kriegsschiffe in der Untersuchung aller uns
begegnenden Kauffahrteischiffe und in der Vernichtung aller feindlichen
Handelsschiffe. Diese Untersuchung erstreckt sich in erster Linie
darauf, die Nationalität des anzuhaltenden Schiffes festzustellen.
Schon am nächsten Morgen sollte sich uns hierzu verschiedentlich
Gelegenheit bieten.
Bekanntlich führen die englischen Handelsschiffe im Kriege, sogar auf
Anweisung oder Anraten ihrer Regierung, sehr häufig die Flaggen und
Abzeichen einer neutralen Nation. Sie hoffen hierdurch, dem Anhalten
und der Untersuchung durch unsere Kriegsschiffe entgehen zu können.
In aller Erinnerung wird es noch leben, daß seinerzeit durch ein
Funkentelegramm der englische Riesendampfer „Lusitania”, den späterhin
sein Schicksal ja doch ereilen sollte, bei einer seiner ersten Fahrten
nach der Kriegsgebiets-Erklärung, wegen der in der Irischen See
gesichteten und unliebsam bemerkbar gewordenen deutschen U-Boote durch
die englische Regierung die Anweisung bekam, bei der Annäherung an die
heimische Küste die eigene englische Flagge niederzuholen und dafür das
Sternenbanner der Vereinigten Staaten von Amerika zu hissen.
Kriegslist manches Handelsschiffs-Kapitäns ist schon in früheren
Kriegen häufig das Setzen einer falschen Flagge gewesen, um den in
der Nähe befindlichen feindlichen Kriegsschiffen zu entgehen. Neu war
aber hier, daß sogar die Regierung Englands öffentliche Anweisung an
ihre Führer der Handelsschiffe ergehen ließ zum Setzen einer falschen
Nationalitätsflagge und noch dazu der Flagge eines neutralen Staates.
Es war uns U-Boots-Kommandanten daher von vornherein klar, daß wohl
alle englischen Dampfer die gleiche Anweisung erhalten haben würden,
auf gut deutsch, daß wohl niemandem mehr auf dem Wasser zu trauen
wäre. Ein jeder Dampfer mußte daher gründlich untersucht werden, um
aus seinen Papieren die Nationalität einwandfrei festzustellen, oder,
falls diese auch gefälscht sein sollten, aus dem Eindrucke, den der
Führer des Dampfers und die Besatzung machten, vielleicht auch aus der
Bauart des Schiffes und dem fälschlich übermalten Namen von Schiff und
Heimatshafen, die jedes Schiff am Heck (Hinterteil) des Schiffes zu
führen verpflichtet ist, die Nationalität zu ermitteln.
Es war klar, daß durch diese oft lange dauernden Untersuchungen die
wirklich neutralen Schiffe viel zu leiden haben würden. Abgesehen von
dem eigentlichen Aufenthalte durch die Untersuchung selber -- und Zeit
bedeutet in der Handelsschiffahrt schon an und für sich in besonders
hohem Maße Geld -- traten doch weiter hierdurch gleich mitverbundene
Nachteile für die angehaltenen Handelsschiffe ein. Vielleicht konnte
ein Dampfer durch diesen unfreiwilligen Aufenthalt den Hafen nicht mehr
vor Dunkelheit erreichen, da das Einlaufen in manche Häfen, zumal im
Krieg, bei Dunkelheit wenigstens schwierig, wenn nicht ganz unmöglich
ist. Dieser Dampfer wäre dann dazu verurteilt worden, unnütz eine ganze
Nacht noch vor dem Hafen auf See zu bleiben, und am nächsten Morgen
winkte ihm dann womöglich noch eine abermalige Untersuchung durch
ein anderes Kriegsfahrzeug. Vor allem aber konnten sehr häufig die
Fahrgäste nicht mehr rechtzeitig die Anschlüsse an die Eisenbahnzüge
erhalten. Dergleichen unliebsame Störungen gab’s gar viele noch.
Es ist daher erklärlich, daß die neutralen Staaten alles versuchten, um
ihre Schiffe einwandfrei unseren Kriegsfahrzeugen als neutrale Schiffe
kenntlich zu machen.
Vorstellungen bei der englischen Regierung über das rechtswidrige
Führen ihrer Flaggen wurden von den neutralen Staaten entweder erst gar
nicht unternommen, da sie sich doch keinen Erfolg hiervon versprachen,
oder die englische Regierung ließ sich auf etwa gemachte Vorstellungen
nicht ein und handelte weiter so, wie es ihr eben beliebte.
Aus diesem Grunde sannen die Schiffahrtskreise der neutralen Staaten
auf Mittel und Wege, um ihren Schiffen Abzeichen zu geben, die nicht
so leicht nachzumachen wären, wie etwa eine schnell zu Unrecht gehißte
Flagge.
Fast alle Schiffe neutraler Staaten, die das Kriegsgebiet durchfuhren,
hatten deshalb an beiden Schiffsseiten große Flächen der Bordwände vorn
und hinten mit ihren Nationalfarben bemalt und außerdem in großen,
weithin sichtbaren Buchstaben den Schiffsnamen und ihr Heimatsland
aufgemalt. Nachts wurden diese Namen und die meist im Topp der Masten
gehißten Flaggen vielfach elektrisch beleuchtet, um auch bei Dunkelheit
ein schnelleres Erkennen zu gewährleisten.
Doch auch all dieses sollte nicht genügen, da englische Schiffe sich
nicht scheuten, selbst diese Abzeichen nachzumachen. Es blieb uns also
nichts weiter übrig, als einfach jedes Schiff zu untersuchen, wenn es
nicht etwa schon vorher auf Grund der bekannten Bauart einwandfrei als
neutrales Schiff erkannt wurde.
Die Untersuchung eines Schiffes durch ein Kriegsschiff geht nun im
allgemeinen folgendermaßen vor sich.
Das Kriegsschiff, das ein Handelsschiff auf hoher See untersuchen
will, geht in dessen Nähe und fordert es durch Flaggensignal zum
Beidrehen (Halten auf der Stelle) auf. Kommt das Handelsschiff dieser
Signalaufforderung nicht gleich nach, so versucht das Kriegsschiff,
seinem Willen durch Abgabe von Warnungsschüssen, blinden Schüssen oder
Schüssen, die in der Nähe des angehaltenen Schiffes in das Wasser
einschlagen, Gehorsam zu verschaffen. Kommt das Handelsschiff auch
dann noch nicht der Aufforderung nach, oder versucht es gar, mit hoher
Fahrt zu entkommen, so ist das Kriegsschiff berechtigt, durch scharfe
Schüsse auf das Handelsschiff selbst seinen Willen durchzusetzen.
Liegt der Dampfer nun gestoppt da, oder ist das Segelschiff beigedreht
-- dieses bedeutet bei einem Segelschiffe so viel, daß es durch die
Stellung seiner Segel zur Richtung des Windes keine Fahrt durch das
Wasser mehr machen kann -- so entsendet das Kriegsschiff ein Boot mit
einem bewaffneten Prisenkommando unter Führung eines Offiziers, um die
Papiere des angehaltenen Schiffes zu untersuchen.
Jedes Handelsschiff ist verpflichtet, folgende Ausweispapiere stets
an Bord zu haben: erstens ein sogenanntes Schiffs-Zertifikat, aus dem
die Nationalität, der Heimatshafen und der Besitzer des Schiffes außer
den sonstigen Angaben über Bauart und Größe ersichtlich sind, zweitens
genauen Ausweis über die Art der Ladung und die Namen der Besatzung --
bei Passagierdampfern kommt noch die Liste der Passagiere hinzu --, und
drittens eine Bescheinigung der Hafenbehörde des Hafens, aus dem das
Schiff kommt, mit dem Ziel der Reise. Werden alle diese Papiere für
richtig und einwandfrei befunden, so wird das Schiff wieder entlassen.
Ein feindliches Schiff unterliegt dagegen sofort der Aufbringung
und eventuellen Versenkung. Von einem neutralen Schiffe unterliegt
dagegen, wie schon früher kurz erwähnt wurde, nur der Teil der Ladung
der Beschlagnahme, der Bannware enthält -- direkt oder indirekt zur
Kriegführung gehörige Artikel. Falls dieser Teil der Ladung nun über
die Hälfte der gesamten Ladung ausmacht, so verfällt auch das neutrale
Schiff selbst.
Für U-Boote war diese Untersuchung insofern besonders schwierig, als
wir meist nicht in der Lage waren, ein Boot mit einem Prisenkommando an
Bord des angehaltenen Handelsschiffes zu senden. Alle Reedereien der
neutralen Staaten hatten daher ihren Kapitänen die Anweisung gegeben,
selbst in Schiffsbooten ihre Papiere durch einen ihrer Schiffsoffiziere
an Bord des sie anhaltenden U-Bootes zur Untersuchung zu schicken.
Es war ja andererseits auch ihr eigenster Vorteil, die Untersuchung
möglichst abzukürzen. Trotzdem kann es hier nochmals nur mit Genugtuung
festgestellt werden, daß die Kapitäne der neutralen Schiffe nach diesen
Anweisungen ihrer Reedereigesellschaften stets handelten und uns unsere
schwierige Aufgabe dadurch wesentlich erleichterten.
[Illustration: U-Boot in voller Fahrt; nur der Kommandoturm sichtbar.]
Schon die ersten von uns angehaltenen Dampfer verfuhren so. Leider
waren es tatsächlich Neutrale, so daß wir sie wieder laufen lassen
mußten. -- Nachdem der Offizier, der an Bord gekommen war, als
Friedenspfeife eine der vielen an Bord vorhandenen Liebesgaben-Zigarren
sich angesteckt hatte, verabschiedeten wir uns mit Händedruck und den
gegenseitigen Wünschen für glückliche Fahrt.
Traurig umhüllten dann unsere Geschützbedienungen wieder ihre schon
zum Schießen klar gemachten Kanonen mit den schützenden Bezügen in der
grimmigen Erkenntnis: „Das war ja mal wieder bloß so ein Neutraler!”
Der erste versenkte Dampfer
Bei lachendem Sonnenscheine waren wir gerade an einem Nachmittage
in der allernächsten Nähe des Maas-Feuerschiffes, das zum sicheren
Auffinden der Ansteuerung der bedeutenderen holländischen Hafenplätze
auf hoher See ausliegt, mit der Untersuchung eines holländischen
Dampfers beschäftigt, als sich in schneller Fahrt ein schon von weitem
nach der Bauart als englisches Handelsschiff erkenntlicher Dampfer
unserem Schiffsorte näherte. Der untersuchte Dampfer wies sich auf
Grund seiner Ausweispapiere einwandfrei als neutrales Schiff, nach
neutralem Hafen bestimmt, und konnte entlassen werden.
In dem Augenblicke, als der entlassene Dampfer wieder alten Kurs und
Fahrt aufnahm, wurde der sich uns nähernde englische Dampfer auf uns
anscheinend erst aufmerksam. Eilends drehte er sofort um und versuchte,
mit höchster Maschinenleistung der drohenden Gefahr zu entgehen und
die englische Küste oder die sicherlich in nicht allzu großem Abstande
hinter ihm stehende Linie der englischen Bewachungsfahrzeuge zu
erreichen.
Wohl wußte der Kapitän, was er für sein Schiff zu erwarten hätte, wenn
er dem bösen deutschen U-Boote in die Finger laufen würde.
Mächtige, aus seinem Schornsteine emporsteigende Rauchwolken gaben
Zeugnis von dem emsigen Arbeiten der Heizer in den Kesselräumen. Durch
möglichst große Dampferzeugung wollte er die Geschwindigkeit des
Schiffes bis zum äußersten steigern, um uns zu entrinnen.
Noch bevor wir Zeit oder Gelegenheit gefunden hatten, das
Anhalte-Signal im Maste emporzuheißen, war er längst auf der Flucht.
Indessen hatten auch wir uns sofort nach Abstoßen des Bootes des
untersuchten neutralen Dampfers auf seine Verfolgung gemacht. Auch
unsere Maschinen wurden zur äußersten Leistung angespornt, um den
Fliehenden einzuholen.
Er lief nicht schlecht, der fliehende Engländer, und eine gar
lange Wegestrecke von mehreren Seemeilen (eine Seemeile =
achtzehnhundertzweiundfünfzig Meter) gab es zu überwinden bevor wir in
seine Nähe gelangen und ihm unseren Willen aufzwingen konnten.
Unser munter im Winde wehendes internationales Flaggensignal:
„Stoppen Sie sofort, oder ich schieße!” schien ihn nicht zu berühren.
Er schaute nur vorwärts und sah aus nach den ersten rettenden
Bewachungsfahrzeugen, die ihn aufnehmen und schützen sollten.
Mächtig wühlte sich der Bug (Vorderteil) unseres Bootes in die
gegenanlaufende See, hob sich dann wieder und übergoß Schiff und Leute
mit silbern blitzendem Spritzwasser. Die Maschine gab her, was sie
konnte, und das Rauschen des Schraubenwassers zeigte an, daß auch unten
an den Ventilen der Motoren ein jeder seine Schuldigkeit tat.
Gespannt überflog ein jeder die Entfernung von dem flüchtenden
Engländer zu uns. Wurde dieser Abstand kleiner? Kamen wir ihm auf? Oder
lief er uns etwa mit höherer Fahrt weg, bevor unsere Geschütze ihr
ernstes Wort mitsprechen konnten?
Nein! Gar bald hatten unsere unermüdlich mit höchster Leistung
laufenden Motoren unserem Boote eine überlegene Geschwindigkeit
verliehen, und einwandfrei konnten wir das Geringerwerden unseres
Abstandes von dem fliehenden Feinde freudig feststellen. Nicht lange
sollte es dauern, bis der erste Warnungsschuß aus dem Munde einer
unserer Kanonen über das Wasser rollte und laut klatschend vor dem Bug
des Engländers eine hohe Wassersäule als Drohung auftürmte.
Doch noch immer hoffte der Engländer, uns entrinnen zu können, und
immer mächtiger entstieg seinem Schornsteine der dicke Rauch, immer
emsiger mußten die schwitzenden Heizer unten im Heizraume Kohlen in die
feurige Glut des Kesselfeuers hineinwerfen. -- Auch sie wußten, was
auf dem Spiele stand.